Julius Ruska


Briefe aus Berlin



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27.12.1887 - Seite 14

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Julius an die Eltern



Am Montag fuhr ich mit H. und Frau Thimann nach Letschin,
um von da die Heimreise anzusetzen. Diese waren
hier irgendwo eingeladen, u. da ich aus dem Gespräch
bei Tisch entnahm, daß diese wechselseitige Einladerei
um diese Zeit ganz besonders blüht, hielt ich es für
geraten, zu gehen, obgleich man mich einlud, die
ganzen Ferien über dazubleiben. So ernst gemeint war
das jedenfalls auch nicht. -
Nun bin ich also glücklich über 13 Seiten wieder
in Berlin angelangt. Es war ein hartes Stück Arbeit!
Ich habe nachzutragen, daß ich Tannhäuser sehen wollte,
aber Troubadour gegeben wurde, worauf ich gern ver-
zichtet hätte; daß ich einmal im "Concerthaus" war
(in welchem die "Bilse concerte" früher), die Musik jedoch
bedeutend hinter der Philharmonie zurücksteht; und
endlich in der Lenbachausstellung. Das sind herrliche
Bilder! Was auf allen schon beim ersten Blick über-
rascht, ist die Körperlichkeit dieser Köpfe und Figuren;
sie scheinen wirklich aus der Leinwand hervorzu-
treten. Und dann dieser Ausdruck! Bei Minghetti
der kühle, etwas hochmütige Diplomat; bei Gladstone
eine Art Wurschtigkeit u. behagliche Ruhe; bei
Moltke der scharfe Blick - daß er auf 2 Bildern
ohne Perücke dargestellt ist, werdet Ihr gelesen
haben; so schrecklich aber ist es nicht, daß man den
"personifizierten Geiz" zu erblicken glaubt, wie