Julius Ruska


Briefe aus Berlin



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27.12.1887 - Seite 7

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Ruska Familienarchiv
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Julius an die Eltern



Abendandacht beizuwohnen. "Wir" sind hier der ganze
männliche Hausstand, während Frau Thimann unterdessen
die Bescherung zusammenstellte. Es war ziemlich kalt; wir
mußten einer hinter dem anderen her über die weiße
Schneedecke wandern, weil der größere Teil des Wegs
wegen dezimetertiefer Wagengeleise u. Löcher, die fest-
gefroren od. mit Schnee ausgefüllt waren, nicht begangen
werden konnte. Am schlechtesten sind die Wege im
Dorf selbst, abgesehen von der Staatschaussee; dagegen
machen die Häuser im Allg. einen sehr freundlichen
Eindruck. Sie sind fast alle einstöckig, aus Backstein
mit u. ohne Verputz, in diesem Fall aber wetterfeste
glatte Steine, nicht wie man sie bei uns oft sieht.
Das Dorf ist ziemlich weitschichtig gebaut, bei jedem
Haus ein Gärtchen u. etwas Feld. Die Bewohner sind
meist Tagelöhner, welche von den großen Gutsbesitzern
der Umgebung abhängig sind, sofern Sie deren Felder
bestellen etc., daneben einige Krämer und Wirtshäuser,
manche davon überraschend geschmackvoll gebaut, mit
Halbpfeilern u. Kapitälen, Gesimsen u. sonstigen Ver-
zierungen, aber auch einstöckig. Daß die Wege so
schlecht sind, liegt an der Schwierigkeit, geeignetes
Material zum festeren Bau desselben ohne zu große
Kosten herbeizuschaffen; sonst aber macht das Dorf
Zechin u. mehr noch Letschin einen besseren Eindruck
auf mich als manches der unseren.