Julius Ruska


Briefe aus Berlin



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27.12.1887 - Seite 8

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Julius an die Eltern



Den Abend zuvor war auf die Initiative des "Herrn
Pastor", eines jungen u. wie es scheint, stramm Disci-
plin haltenden Mannes, der erst seit kurzher Zeit zum
Ersatz des früheren sehr alten Pastors hierher versetzt
ward, eine Christbescherung für arme Kinder. Man hatte
denselben gesagt, sie sollten sich auch etwas nützliches
wünschen, u. suchte besonders einem kleinen Jungen, der
ein Pferd wollte, diesen Wunsch auszureden aber der
sagte "Unn ick will doch 'n Pird!" u. so bekam er
dann eines.
 
Die Kirche war vorn am Altar mit 2 Christbäumen
(od. Tannen mit Lichtern) geschmückt; wir hatten auch
Lichter mit u. ich sang sehr eifrig aus dem mitge-
brachten Liederbuch wobei ich mich vergnüglich amüsierte.
Auch sonst fand ich mich vermöge meines religiösen
Kosmopolitismus u. einigen Achtgebens auf die Um-
stehenden so vorzüglich zurecht, daß die sicher keine
Ahnung davon hatten, daß ein Ketzer unter ihnen
weilte. - Eine Art Domchor sang auch vierstimmi-
ge Lieder, "Heilige Nacht" u. noch ein bei uns übliches
Weihnachtslied, ferner folgendes:
[??????]
wozu ich den Text nicht weiß, ich meine aber es ist aus
einer Oper u. wird auch bei uns gesungen. Und
der Gesang war so herzbrechend schön, daß ich meinem
schlimmsten Feind nicht wünschen möchte, dabeizusein,
vorausgesetzt, daß er feinere Ohren hat als die Zechiner.