Im
Mai 1901 hatten die Medizinhistoriker Pagel und Sudhoff
in Verbindung mit dem Chemiker Kahlbaum einen Aufruf
veröffentlicht, durch den auf der Hamburger
Naturforscher-Versammlung die Gründung einer
Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin
und der Naturwissenschaften in die Wege geleitet werden
sollte. Der Gedanke fand so grossen Beifall, dass der
Gesellschaft sofort 46 Ärzte und Naturforscher als
Mitglieder beitraten und ein Jahr später schon 140
Mitglieder vorhanden waren. Gleichzeitig wurde eine
Zeitschrift ins Leben gerufen, die Aufsätze und
Berichte über Wissenschaftsgeschichte bringen
sollte. Drei Jahre später erfolgte aus den Mitteln
der Puschmar-Stiftung die Gründung des Leipziger
Instituts für Geschichte der Medizin, zu dessen
Leitung der Sanitätsrat Sudhoff aus Hochdahl bei
Düsseldorf berufen wurde.
Es
war kein Wunder, dass durch diese Vorgänge auch bei
mir wieder alte Hoffnungen und Pläne aus der
Vergessenheit ans Licht traten. Ich entschloss mich aber
erst 1906, der Gesellschaft beizutreten. Schon im
Frühjahr 1907 erhielt ich die Aufforderung, mich an
einer Festschrift für den Medizinhistoriker Hermann
Baas mit einem Beitrag zu beteiligen. Ich wählte ein
Thema, worüber H. Fühner in seiner
"Lithotherapie" schon gehandelt hatte, das mir aber nach
zwei Seiten der Ergänzung fähig schien. Ich
wollte zeigen, welche Rolle der Diamant in der arabischen
Medizin spielte, und wie der Aberglaube, der sich an
seine Anwendung knüpfte, im 16. Jahrhundert von
Garcia da Orta und später von De Boodt in seiner
"Gemmarum et Lapidum Historia" 1609 bekämpft worden
war. Für den arabischen Abschnitt musste ich mir von
der Nationalbibliothek in Paris die Photographie einer
Seite des Steinbuchs des Aristoteles beschaffen und
konnte mit grosser Befriedigung feststellen, dass ich
nach zwölf Jahren mein Arabisch noch nicht ganz
vergessen hatte. Sollte ich nicht jetzt endlich an die
Herausgabe dieses rätselhaften Werks gehen, auf das
ich schon bei der Übersetzung des Qazwini gestossen
bin? Und war der Übergang zu wissenschaftlicher
Arbeit nicht das beste Mittel, die immer
unerträglicher werdenden Verhältnisse an der
Schule wenigstens innerlich zu
überwinden?
Ich
hatte mich mehr und mehr auf diesen Gedanken eingestellt,
da erlag ich noch einmal fremden Einflüssen und
Überredungskünsten.
Der
Verlag Quelle und Meyer hatte zum ersten Januar 1908 das
Pädagogische Archiv übernommen, um es zu einer
modernen, im Dienst der Schulreform stehenden Zeitschrift
auszubauen. Das Archiv hatte eine lange, ehrenvolle
Geschichte hinter sich, als es in seinen 50. Jahrgang
eintrat, war aber unter dem letzten Herausgeber zu einem
Tummelplatz pädagogischer Phantasten und
Eigenbrötler geworden. Der Aufruf, den der neue
Herausgeber, Oberlehrer Dr. Frick in Halle, an die
Schulen versandte, entsprach so sehr meiner eigenen
Einstellung zu den Schulfragen, dass ich ihn mit
Begeisterung begrüsste und meine Mitarbeit zusagte.
Ich meldete schon im August einen Aufsatz über die
auf dem Philologentag in Basel stattfindenden
schulpolitischen Vorträge an, der sich dann auf jene
Kritik Brandle beschränkte, über die ich schon
früher berichtet habe.
Als
Dr. Frick, noch ehe er das erste Heft des neuen Archivs
hatte fertigstellen können, ganz unerwartet starb,
wurden die Direktoren Knabe und Dannemann vom Verlag
für die Herausgabe der Zeitschrift gewonnen. Da sie
sich ohne Einschränkung auf den Boden von Fricks
Programms stellten, durfte man erwarten, dass das Archiv
so bald keinen neuen Erschütterungen mehr ausgesetzt
sein würde. Ich war daher nicht wenig erstaunt, als
Quelle Ende Mai vertraulich anfragte, ob ich mich
entschliessen könne, vom Jahr 1909 ab, an Stelle von
Knabe in die Redaktion des Archivs einzutreten. Wenn ich
mit dem zugesandten Vertrag einverstanden sei, könne
alles Weitere in Wiesbaden besprochen werden. Ich schrieb
zurück, dass ich im Begriff stünde, meine
arabischen Studien wieder aufzunehmen, also
unmöglich auch noch eine Zeitschrift herausgeben
könne.
Nun
kam Quelle persönlich nach Heidelberg, um mir die
Zusage abzuringen. Er musste unverrichteter Dinge
wegfahren, aber ganz ohne Eindruck waren seine
Ausführungen doch nicht geblieben. Als ich mit mir
allein war, liess ich mir alles Für und Wider noch
einmal durch den Kopf gehen. Wenn ich nüchtern
überlegte, musste ich mir sagen, dass die
Wiederaufnahme der arabischen Studien doch nur ein Akt
der Verzweiflung war. So lange ich an der Schule blieb,
konnte ich nicht mit grossen wissenschaftlichen Erfolgen
rechnen. Die Leitung einer pädagogischen Zeitschrift
konnte mir aber, nachdem ich auf zwei Kampffeldern schon
meinen Mann gestellt hatte, schneller als jede andere
Tätigkeit die ersehnte Freiheit bringen. Als nach
der Kündigung Knabes eine dritte dringende Anfrage
vom Verlag kam, erklärte ich mich zur Übernahme
der Nachfolge grundsätzlich bereit. Ich verlangte
aber die alleinige Führung der Zeitschrift, da ich
für die Naturwissenschaften keinen Sekundanten
nötig hätte.
Das
jetzt noch vor mir liegende halbe Jahr musste ich dazu
benützen, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Für die
Fragen, die im Bereich der realistischen Bildung lagen,
brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Wie sollte ich
aber klassische Philologen zu Beiträgen für
eine Zeitschrift finden, die in diesen Kreisen keinen
Boden gefunden hatte? Und woher sollten die Aufsätze
über die zahlreichen anderen Probleme der Erziehung
und des Unterrichts kommen? Ich versuchte es mit Briefen
an mir befreundete Kollegen, ich richtete Anfragen an
Fachleute, deren Interessenkreis mir aus anderen
Zeitschriften bekannt war, ich bat bekannte Grössen
der Wissenschaft um Beiträge - aber auf Dutzende von
Briefen hatte ich meist nur ausweichende, auf die Zukunft
vertröstende, ablehnende oder gar keine Antworten
bekommen.
Es
blieb mir noch ein letzter Weg übrig: Ich musste
versuchen auf den Tagungen der Berufsverbände und
auf pädagogischen und wissenschaftlichen Kongressen
persönlich Mitarbeiter zu werben. Wie ich in
Köln, München und Basel in unmittelbaren
Verkehr mit Schulmännern gekommen war, so wollte ich
von jetzt an auch die Versammlung der Gesellschaft
Deutscher Naturforscher und Ärzte besuchen und an
den Verhandlungen der Sektion für Unterrichtsfragen
teilnehmen. Für das Jahr 1908 war Köln als
Tagungsort bestimmt worden; die Verhandlungen waren
dadurch von besonderer Bedeutung, dass der Mathematiker
Felix Klein über die Vorschläge berichten
wollte, die von der Unterrichtskommission der
Gesellschaft für die Umgestaltung des Studiums der
künftigen Lehrer der Naturwissenschaften und
Mathematik ausgearbeitet worden waren. Ich musste es als
eine meiner wichtigsten Aufgaben betrachten, die Leser
des Archivs mit der hier einsetzenden Entwicklung dauernd
auf dem Laufenden zu halten.
Inzwischen
hatten noch andere Ereignisse meinen Entschluss
bestärkt, nach Köln zu fahren. Die alte Schule
in Rastatt hatte im Sommer ihr 100 jähriges Bestehen
gefeiert. Zu diesem Fest hatten sich alle
zusammengefunden, die noch ihrer Freunde und Kameraden
gedachten und sie einmal wiederzusehen hofften. Auch mich
zog es unwiderstehlich nach dem Schauplatz meiner Taten
und Missetaten. Wie hatten sich die Zeiten
verändert! Von den alten Lehrern waren die meisten
in den neunziger Jahren gestorben, nur Zürn und
Ostern, jener als Direktor des Offenburger Gymnasiums,
dieser als Oberschulrat in Karlsruhe, waren noch im Amt.
Und manchen von den alten Kameraden vermisste man! Ich
musste nun endlich auch Gewissheit über Beatricens
und ihrer Schwestern Schicksal zu erhalten suchen.
Rechtsanwalt Vogel, ein geborener Rastatter, dessen
Schwester mit Beatrice befreundet war, konnte mir
Auskunft geben. Ich erfuhr, dass sie die Gattin eines
Hochschulprofessors geworden sei und in glänzenden
Verhältnissen lebe. Ob sie sich wohl auch noch der
alten Freunde erinnerte? Konnte sie mich ganz vergessen
haben? Ich sandte ihr Grüsse vom Fest, das konnte ja
nicht verboten sein! Es kam aber wochenlang keine
Antwort, und ich dachte schon, eine Dummheit gemacht zu
haben. Endlich erhielt ich eine Karte aus New York. Meine
Grüsse hatten erst den Weg über das Weltmeer
zurücklegen müssen, um Beatrice zu erreichen.
Sie schrieb, dass sie mit ihrem Mann auf einer Reise
durch die Union begriffen sei, sie werde aber im
Spätjahr wieder zurück sein. Ob wir uns nicht
in Köln bei der Naturforscher-Versammlung treffen
könnten. Auch ihr Mann werde sich herzlich freuen,
mich kennen zu lernen.
Als
die Kölner Versammlung in Sicht kam, erinnerte ich
an die Einladung. Wir trafen uns im Savoy-Hotel. Die
Herzlichkeit des Empfangs liess nichts zu wünschen
übrig. Was sich auch in den langen Jahren ereignet
haben mochte, die Märchenaugen, in die ich schaute,
waren dieselben geblieben. Aber wie spiessbürgerlich
erschien ich mir gegen die Lebenshaltung und
Weltgewandtheit meiner Gastgeber. Ich musste von meinem
Lebensweg und meine Pläne, von Frau und Kindern
erzählen, und erfuhr dabei, dass Beatrice vier
Töchter hatte. Wir verabredeten, Familienbilder
auszutauschen und uns gegenseitig zu besuchen, wenn sich
dazu Gelegenheit gäbe. Unsere Kinder hatten eine
neue Tante erhalten. Nach den Aachener Printen, die sie
jahrelang zu Weihnachten sandte, hiess sie die
Printentante. Sie musste sich mit einer Schokoladentante,
die älteren Datums war und in Heidelberg wohnte, die
Liebe der Kinder teilen.
In
den gleichen Tagen war auch mein Schwiegervater nach
Köln gekommen. Er wollte mit zwei gelehrten
schottischen Damen zusammentreffen, um mit ihnen
über seine Arbeit über die syrischen Evangelien
sich auszusprechen. Wer von uns ahnte in dieser Stunde,
dass der Mann, der in scheinbar unversieglicher Kraft in
wenigen Wochen seinen siebzigsten Geburtstag feiern
sollte, noch ehe ein Jahr verging, vom Tode hingerafft
würde?
Nach
meiner Rückkehr aus Köln musste mit der
Überleitung der Redaktionsgeschäfte von Marburg
nach Heidelberg begonnen werden. Ich erhielt einen Berg
von Manuskripten, die zum grössten Teil noch aus der
alten Zeit stammten. Von 55 Aufsätzen musste ich 41
als völlig ungeeignet zurückweisen; auch der
Rest konnte nur im Notfall als Füllmaterial
Verwendung finden. Aus dem Briefwechsel mit dem
früheren Schriftleiter ergab sich, dass die
Gründe für die ewigen Missverständnisse
und Schwierigkeiten keineswegs nur auf seiner Seite
lagen. Ich musste energisch durchgreifen, um zwischen mir
und dem Verlag klare Verhältnisse zu schaffen. Ende
November fasste ich meine Erfahrungen in einem Brief
zusammen:
"Die
meisten Leute kennen die Zeitschrift überhaupt
nicht, und das ist noch der günstigste Fall - oder
sie ist ihnen durch die Beträge der Herren Graevell,
Pudor usw. nicht eben in bester Erinnerung. ... Es ist
mir bis jetzt schleierhaft, woher dir 'ersten Namen'
für das Archiv kommen sollen. Eine Zeitschrift, die
dermassen den Boden verloren hat, wie das Archiv, kann
nicht im Handumdrehen wieder auf die Höhe gebracht
werden. Sie wissen, wie ungern ich die undankbare Aufgabe
übernommen habe. Mehr als ich bisher getan habe,
werde ich auch künftig nicht tun können. ...
Der frühere Redakteur hatte die Gepflogenheit,
überall seinen 'hochkonservativen' Standpunkt
hervorzukehren, einige Mitarbeiter liessen öfters
katholizierende Tendenzen erkennen. Dass ich weder der
einen noch der anderen Richtung zuneige, brauche ich
Ihnen nicht besonders zu sagen. Kein Mensch weiss also,
wohin das Archiv steuert. Das ist ein weiterer Grund,
warum Mitarbeiter und Abonnenten rar sind. Die ersten
Kräfte von anderen Zeitschriften, deren Haltung
allgemein bekannt ist, abwendig zu machen und dem Archiv
zuzuführen, ist ein Kunststück, das so leicht
nicht gelingen wird. ..."
Es
schien mir zweckmässig, über den erneuten
Wechsel in der Leitung der Zeitschrift möglichst
unauffällig hinwegzugleiten. Mein erstes Heft
erschien mit grosser Verspätung, aber es war mir
doch noch geglückt, zwei hervorragende
Beiträge, einen Leitaufsatz "Humanismus und
Realismus" von Eduard Spranger, und eine Gedenkrede auf
Paulsen von J. Speck zur Veröffentlichung zu
erhalten. Mit Spranger stand ich seit 1907 in
Gedankenaustausch. Ich war durch Ziertmann mit ihm
bekannt geworden, auch hatte er mir einmal in Heidelberg,
das er als seine zweite Heimat bezeichnete, einen Besuch
gemacht. Die Gedächtnisrede verdankte ich Geheimrat
Münch, der dem Archiv auch später noch
tüchtige junge Kräfte zuführte.
Das
nächste Heft brachte einen Aufsatz zu Darwins 100.
Geburtstag und eine Abhandlung über die Aufgaben des
naturgeschichtlichen Unterrichts in den Oberklassen der
höheren Lehranstalten, den mein Freund Fricke
beisteuerte. Ziertmann behandelte den Kandidatenaustausch
mit Amerika, Parow gab einen Beitrag zur Frage des
Lateinunterrichts an der Oberrealschule. Im Märzheft
brachte ich neben Ausführungen von Max Nath
über das pädagogische Seminar meinen Bericht
über die Kölner Verhandlung.
Von
Monat zu Monat wurde das Niveau der Beiträge besser.
Die Auswahl der behandelten Themen reicher und
mannigfaltiger. Nun endlich begann mir die Tätigkeit
Freude zu machen. Die Zuschriften der Leser, das
Anwachsen der Bezieher, zeigte mir und dem Verlag, dass
wir nicht vergebens gearbeitet hatten.
Man
hätte erwarten dürfen, dass den Höheren
Schulen nach der Erteilung gleicher Rechte Zeit
gegönnt würde, sich in die neuen
Verhältnisse einzuleben und an den neuen Aufgaben,
die ihnen gestellt waren, Erfahrungen zu sammeln. Nachdem
es aber einmal Mode geworden war, die Schulmeister und
die Schule für alles Elend der Zeit verantwortlich
zu machen, verging kaum ein Tag, ohne dass in
Zeitungsartikeln und Versammlungen gegen die
Lehrpläne von mehr oder minder Berufenen Sturm
gelaufen wurde. Wenn ein rabiater Philologe
erklärte, dass jede der Mathematik abgenommene
Stunde einen Gewinn für die Menschheit bedeute, so
konnte man sicher sein, dass bald darauf ein Mathematiker
alles Sprachstudiums als groben Unfug bezeichnete. Wenn
ein Jurist erklärte, dass man sich schon auf dem
Gymnasium mit Justinian beschäftigen müsse, so
kam gewiss ein anderer, der nationalökonomische
Belehrung für noch dringlicher hielt.
Man
brauchte es nicht tragisch zu nehmen, wenn auch einmal
Universitätsprofessoren sich bei missliebigen
Erfahrungen gegen die Schule wandten, der sie die Lehrer
lieferten. Das konnte die Zusammenarbeit, die
überall in die Wege geleitet war, nicht wirklich
stören. Ernster waren die Angriffe zu beurteilen,
mit denen W. Ostwald als Schriftsteller und als
Wanderredner seit einigen Jahren die Öffentlichkeit
glaubte aufpeitschen zu müssen.
Er
hatte 1909 ein Buch über grosse Männer
geschrieben, worin er mit den nach Bedarf
zurechtgemachten Schulerlebnissen einiger Chemiker und
Physiker gegen die Höhere Schule loswetterte, und er
war des Beifalls weiter Kreise sicher, wenn er auf seinen
Vortragsreisen die Lehrerschaft dem Gelächter
preisgab. Im Januar 1911 hatte ich Gelegenheit, in
Mannheim einer solchen Vorstellung beizuwohnen und mir
die Leute anzusehen, die der berühmte Mann zu
Beifallstürmen hinriss. Die Auslese der Nationen war
es bestimmt nicht, die wenigstens hatten ein Gymnasium
von innen gesehen. Ich schämte mich, dass ein
Gelehrter von Ruf sich so zum Demagogen
herabwürdigen mochte und nahm mir vor, dieser
Schulhetze im Archiv rücksichtslos den Kampf
anzusagen. Aber je mehr ich mich in die Aufgabe
vertiefte, desto mehr wuchs mir der Stoff unter den
Händen. So entstand eine Streitschrift, die ich
Ostwalds Notruf "Wider das Schulelend"
entgegensetzte1).
Kein
Zweifel, dass Ostwald unleugbare Schäden und
Mängel des Höheren Schulwesens mit grossem
Geschick und in glänzender Sprache vor die
Öffentlichkeit brachte. Mit manchen Anklagen und
kritischen Ausstellungen musste man einverstanden sein.
Aber was davon berechtigt war, hatten Berufenere
längst auch schon getadelt. Es war eine Anmassung,
so zu reden, als ob die ganze akademische Lehrerschaft
aus Trotteln und verstaubten Pedanten bestünde, als
ob seit Jahrzehnten kein Schimmer von Licht und kein
frischer Luftzug in die Schulstuben gedrungen wäre.
Wenn Ostwald den kranken Schulorganismus heilen wollte,
so hätte er reichlich Gelegenheit gehabt, in der
Unterrichtkommission, die aus Hochschulprofessoren und
praktischen Schulmännern zusammengesetzt war,
Reformvorschläge zur Erörterung zu stellen.
Aber um Heilung des Kranken, um Beseitigung einzelner
Schäden war es ihm nicht zu tun. Für ihn war
die Höhere Schule das radikal Böse, sie musste
mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Wie er zu dieser
fanatischen Gegnerschaft gekommen war, konnte man
zwischen den Zeilen lesen. Aber wenn man ihm danach gern
mildernde Umstände zuzubilligen bereit war, so
durfte die Schule doch wirklich nicht nur auf Ostwaldsche
Forderungen zugeschnitten werden. Ein Mann, dem die
Sprachen nur Verkehrsmittel, nicht Träger von
Gedankenschöpfungen waren, konnte ebensowenig als
Richter über den Sprachunterricht gelten wie ein
Mensch, der in einer Sammlung von Gemälden nur
Farbenkleckse sieht, als Kunstkritiker taugte.
Dass
die Beschäftigung mit Sprachen den Tod jeder
schöpferischen Begabung bedeute, hatte Ostwald schon
vorher in seinem Buch "Grosse Männer", mit Hilfe der
sogenannten biographischen Methode zu beweisen gesucht.
Mit diesem Buch musste ich mich vor allem
auseinandersetzen. Ich machte seltsame Entdeckungen, als
ich der Methode, nach der Ostwald seine Quellen
behandelte, mehr auf den Grund ging. Als erster Zeuge
gegen die deutsche Höhere Schule musste Humphry Davy
herhalten, der als Kind, wie er in seinen Erinnerungen
erzählt, sich meist selbst überlassen war und
in einer Privatschule, der er anvertraut wurde, fast
nichts lernte, bis er mit 14 Jahren an eine andere Schule
kam, wo seine besten Leistungen Übertragungen der
Klassiker in englische Verse waren. Niemand ahnte, dass
er sich später einmal als Chemiker einen Namen
machen werde. Auch Faraday mußte sich gefallen
lassen, gegen das Gymnasium ins Feld geführt zu
werden. Faraday besuchte, wie bekannt, nur eine armselige
Elementarschule, in der er Lesen, Schreiben und Rechnen
lernte, und wurde dann einem Buchbinder in die Lehre
gegeben.
Von
deutschen Forschern werden Liebig, Robert Mayer und
Helmholtz als Zeugen für die verdummende Wirkung der
Höheren Schule vorgeführt. Man weiss, wie sehr
Liebig in reiferen Jahren die Mängel seiner Bildung
bedauerte. Was Ostwald über Robert Mayers Jugend
vorbrachte, war einer Tendenzschrift entnommen, die von
allen zuverlässigen Quellen Lügen gestraft
wurde. Was Helmholtz betraf, so liess sich nicht leugnen,
dass seine Begabung für Mathematik und Physik weder
durch seine glänzenden Leistungen in den klassischen
Sprachen noch die Beschäftigung mit Englisch und
Italienisch, Hebräisch und Arabisch
beeinträchtigt worden war. Es war unerhört, wie
Ostwald die Tatsachen vergewaltigte, um die Schule von
heute zu einer vernunftwidrigen Einrichtung, zum Feind
alles Fortschritts machen können.
Zu
den schrecklichsten Vorwürfen, die Ostwald den
Sprachen macht, gehört der, dass sie von Logik so
weit entfernt seien wie eine Schutthalde von
geometrischer Regelmässigkeit. Ich war grausam
genug, an seiner "Schule der Chemie" zu zeigen, dass auch
das Material der Chemie nicht logisch ist, und dass es
auch hier keine Regeln ohne Ausnahme gibt. Es macht
Vergnügen, beim heutigen Stand der Atomtheorie, die
Frage wieder zu lesen, auf die Ostwald damals keine
Antwort geben konnte. Was ich sonst noch über die
Aufgaben der Höheren Schule und insbesondere
über den Sinn des Sprachstudiums zu sagen hatte,
mag, wer Lust hat, in der Broschüre selber
nachlesen.
Der
Philologentag in Posen gab dem Verlag Gelegenheit, die
eben erschienene Broschüre allen Teilnehmern zu
überreichen. Sie wurde auch an zahlreiche
Tageszeitungen und Zeitschriften versandt und daraufhin
vielfach zum Gegenstand besonderer Aufsätze gemacht.
Ich konnte mit dem Widerhall zufrieden sein, der
Hauptzweck war erreicht. Es ist mir nicht bekannt
geworden, dass Ostwald nach dieser Abfuhr seine
Schulvorträge fortgesetzt hätte. In seinen
Lebenslinien erwähnt er wohl die Berliner Rede von
1909, die er als Notruf drucken liess, aber nicht von
neuen Unternehmungen gegen das Gymnasium. Die Erfindung
einer künstlichen Weltsprache, die mit einem Schlage
alles Elend des Sprachenlernens beseitigen würde,
scheint in jenen Jahren seine ganze Kraft in Anspruch
genommen zu haben.
Die
Arbeit für das Archiv hatte allmählich einen
solchen Umfang erreicht und war so zeitraubend geworden,
dass die neuen Aufgaben, die an mich als Dozent
herangetreten waren, darunter Not zu leiden begannen. Ich
musste mich nach einem philologischen Mitarbeiter umsehen
und fand meinen alten Freund Karl Dürr bereit, mir
einen Teil der Last, vor allem die Zusammenstellung der
Rundschau und den zeitraubenden Verkehr mit den
Rezensenten abzunehmen. Als ich Ende 1913 schwer
erkrankte, übernahm er die ganzen
Redaktionsgeschäfte. Als nach dem Ausbruch des
Weltkrieges das grosse Sterben der Zeitschriften begann,
musste er dem Archiv die Grabrede schreiben.
Wie
werden die sittlichen Kräfte, die dieser Krieg
erweckt oder offenbart hat, der Schule zugute kommen? Wie
wird künftig unseren Schulen ihre Aufgabe vom
nationalen Kulturleben vorgezeichnet werden? Wie wird
sich künftig in ihnen Nationalismus und Humanismus
versöhnen? Wie wird der Krieg au die Wertung der
einzelnen Unterrichtsfächer einwirken? - Das waren
die Fragen, die der letzte Herausgeber an Mitarbeiter und
Leser richtete.
1)
Schulelend und kein Ende. Leipzig 1911, Quelle und
Meyer
Ende
der Aufzeichnungen.