Sechsundvierzigstes Kapitel.

Pädagogisches Archiv.
 

Im Mai 1901 hatten die Medizinhistoriker Pagel und Sudhoff in Verbindung mit dem Chemiker Kahlbaum einen Aufruf veröffentlicht, durch den auf der Hamburger Naturforscher-Versammlung die Gründung einer Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften in die Wege geleitet werden sollte. Der Gedanke fand so grossen Beifall, dass der Gesellschaft sofort 46 Ärzte und Naturforscher als Mitglieder beitraten und ein Jahr später schon 140 Mitglieder vorhanden waren. Gleichzeitig wurde eine Zeitschrift ins Leben gerufen, die Aufsätze und Berichte über Wissenschaftsgeschichte bringen sollte. Drei Jahre später erfolgte aus den Mitteln der Puschmar-Stiftung die Gründung des Leipziger Instituts für Geschichte der Medizin, zu dessen Leitung der Sanitätsrat Sudhoff aus Hochdahl bei Düsseldorf berufen wurde.

Es war kein Wunder, dass durch diese Vorgänge auch bei mir wieder alte Hoffnungen und Pläne aus der Vergessenheit ans Licht traten. Ich entschloss mich aber erst 1906, der Gesellschaft beizutreten. Schon im Frühjahr 1907 erhielt ich die Aufforderung, mich an einer Festschrift für den Medizinhistoriker Hermann Baas mit einem Beitrag zu beteiligen. Ich wählte ein Thema, worüber H. Fühner in seiner "Lithotherapie" schon gehandelt hatte, das mir aber nach zwei Seiten der Ergänzung fähig schien. Ich wollte zeigen, welche Rolle der Diamant in der arabischen Medizin spielte, und wie der Aberglaube, der sich an seine Anwendung knüpfte, im 16. Jahrhundert von Garcia da Orta und später von De Boodt in seiner "Gemmarum et Lapidum Historia" 1609 bekämpft worden war. Für den arabischen Abschnitt musste ich mir von der Nationalbibliothek in Paris die Photographie einer Seite des Steinbuchs des Aristoteles beschaffen und konnte mit grosser Befriedigung feststellen, dass ich nach zwölf Jahren mein Arabisch noch nicht ganz vergessen hatte. Sollte ich nicht jetzt endlich an die Herausgabe dieses rätselhaften Werks gehen, auf das ich schon bei der Übersetzung des Qazwini gestossen bin? Und war der Übergang zu wissenschaftlicher Arbeit nicht das beste Mittel, die immer unerträglicher werdenden Verhältnisse an der Schule wenigstens innerlich zu überwinden?

Ich hatte mich mehr und mehr auf diesen Gedanken eingestellt, da erlag ich noch einmal fremden Einflüssen und Überredungskünsten.

Der Verlag Quelle und Meyer hatte zum ersten Januar 1908 das Pädagogische Archiv übernommen, um es zu einer modernen, im Dienst der Schulreform stehenden Zeitschrift auszubauen. Das Archiv hatte eine lange, ehrenvolle Geschichte hinter sich, als es in seinen 50. Jahrgang eintrat, war aber unter dem letzten Herausgeber zu einem Tummelplatz pädagogischer Phantasten und Eigenbrötler geworden. Der Aufruf, den der neue Herausgeber, Oberlehrer Dr. Frick in Halle, an die Schulen versandte, entsprach so sehr meiner eigenen Einstellung zu den Schulfragen, dass ich ihn mit Begeisterung begrüsste und meine Mitarbeit zusagte. Ich meldete schon im August einen Aufsatz über die auf dem Philologentag in Basel stattfindenden schulpolitischen Vorträge an, der sich dann auf jene Kritik Brandle beschränkte, über die ich schon früher berichtet habe.

Als Dr. Frick, noch ehe er das erste Heft des neuen Archivs hatte fertigstellen können, ganz unerwartet starb, wurden die Direktoren Knabe und Dannemann vom Verlag für die Herausgabe der Zeitschrift gewonnen. Da sie sich ohne Einschränkung auf den Boden von Fricks Programms stellten, durfte man erwarten, dass das Archiv so bald keinen neuen Erschütterungen mehr ausgesetzt sein würde. Ich war daher nicht wenig erstaunt, als Quelle Ende Mai vertraulich anfragte, ob ich mich entschliessen könne, vom Jahr 1909 ab, an Stelle von Knabe in die Redaktion des Archivs einzutreten. Wenn ich mit dem zugesandten Vertrag einverstanden sei, könne alles Weitere in Wiesbaden besprochen werden. Ich schrieb zurück, dass ich im Begriff stünde, meine arabischen Studien wieder aufzunehmen, also unmöglich auch noch eine Zeitschrift herausgeben könne.

Nun kam Quelle persönlich nach Heidelberg, um mir die Zusage abzuringen. Er musste unverrichteter Dinge wegfahren, aber ganz ohne Eindruck waren seine Ausführungen doch nicht geblieben. Als ich mit mir allein war, liess ich mir alles Für und Wider noch einmal durch den Kopf gehen. Wenn ich nüchtern überlegte, musste ich mir sagen, dass die Wiederaufnahme der arabischen Studien doch nur ein Akt der Verzweiflung war. So lange ich an der Schule blieb, konnte ich nicht mit grossen wissenschaftlichen Erfolgen rechnen. Die Leitung einer pädagogischen Zeitschrift konnte mir aber, nachdem ich auf zwei Kampffeldern schon meinen Mann gestellt hatte, schneller als jede andere Tätigkeit die ersehnte Freiheit bringen. Als nach der Kündigung Knabes eine dritte dringende Anfrage vom Verlag kam, erklärte ich mich zur Übernahme der Nachfolge grundsätzlich bereit. Ich verlangte aber die alleinige Führung der Zeitschrift, da ich für die Naturwissenschaften keinen Sekundanten nötig hätte.

Das jetzt noch vor mir liegende halbe Jahr musste ich dazu benützen, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Für die Fragen, die im Bereich der realistischen Bildung lagen, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Wie sollte ich aber klassische Philologen zu Beiträgen für eine Zeitschrift finden, die in diesen Kreisen keinen Boden gefunden hatte? Und woher sollten die Aufsätze über die zahlreichen anderen Probleme der Erziehung und des Unterrichts kommen? Ich versuchte es mit Briefen an mir befreundete Kollegen, ich richtete Anfragen an Fachleute, deren Interessenkreis mir aus anderen Zeitschriften bekannt war, ich bat bekannte Grössen der Wissenschaft um Beiträge - aber auf Dutzende von Briefen hatte ich meist nur ausweichende, auf die Zukunft vertröstende, ablehnende oder gar keine Antworten bekommen.

Es blieb mir noch ein letzter Weg übrig: Ich musste versuchen auf den Tagungen der Berufsverbände und auf pädagogischen und wissenschaftlichen Kongressen persönlich Mitarbeiter zu werben. Wie ich in Köln, München und Basel in unmittelbaren Verkehr mit Schulmännern gekommen war, so wollte ich von jetzt an auch die Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte besuchen und an den Verhandlungen der Sektion für Unterrichtsfragen teilnehmen. Für das Jahr 1908 war Köln als Tagungsort bestimmt worden; die Verhandlungen waren dadurch von besonderer Bedeutung, dass der Mathematiker Felix Klein über die Vorschläge berichten wollte, die von der Unterrichtskommission der Gesellschaft für die Umgestaltung des Studiums der künftigen Lehrer der Naturwissenschaften und Mathematik ausgearbeitet worden waren. Ich musste es als eine meiner wichtigsten Aufgaben betrachten, die Leser des Archivs mit der hier einsetzenden Entwicklung dauernd auf dem Laufenden zu halten.

Inzwischen hatten noch andere Ereignisse meinen Entschluss bestärkt, nach Köln zu fahren. Die alte Schule in Rastatt hatte im Sommer ihr 100 jähriges Bestehen gefeiert. Zu diesem Fest hatten sich alle zusammengefunden, die noch ihrer Freunde und Kameraden gedachten und sie einmal wiederzusehen hofften. Auch mich zog es unwiderstehlich nach dem Schauplatz meiner Taten und Missetaten. Wie hatten sich die Zeiten verändert! Von den alten Lehrern waren die meisten in den neunziger Jahren gestorben, nur Zürn und Ostern, jener als Direktor des Offenburger Gymnasiums, dieser als Oberschulrat in Karlsruhe, waren noch im Amt. Und manchen von den alten Kameraden vermisste man! Ich musste nun endlich auch Gewissheit über Beatricens und ihrer Schwestern Schicksal zu erhalten suchen. Rechtsanwalt Vogel, ein geborener Rastatter, dessen Schwester mit Beatrice befreundet war, konnte mir Auskunft geben. Ich erfuhr, dass sie die Gattin eines Hochschulprofessors geworden sei und in glänzenden Verhältnissen lebe. Ob sie sich wohl auch noch der alten Freunde erinnerte? Konnte sie mich ganz vergessen haben? Ich sandte ihr Grüsse vom Fest, das konnte ja nicht verboten sein! Es kam aber wochenlang keine Antwort, und ich dachte schon, eine Dummheit gemacht zu haben. Endlich erhielt ich eine Karte aus New York. Meine Grüsse hatten erst den Weg über das Weltmeer zurücklegen müssen, um Beatrice zu erreichen. Sie schrieb, dass sie mit ihrem Mann auf einer Reise durch die Union begriffen sei, sie werde aber im Spätjahr wieder zurück sein. Ob wir uns nicht in Köln bei der Naturforscher-Versammlung treffen könnten. Auch ihr Mann werde sich herzlich freuen, mich kennen zu lernen.

Als die Kölner Versammlung in Sicht kam, erinnerte ich an die Einladung. Wir trafen uns im Savoy-Hotel. Die Herzlichkeit des Empfangs liess nichts zu wünschen übrig. Was sich auch in den langen Jahren ereignet haben mochte, die Märchenaugen, in die ich schaute, waren dieselben geblieben. Aber wie spiessbürgerlich erschien ich mir gegen die Lebenshaltung und Weltgewandtheit meiner Gastgeber. Ich musste von meinem Lebensweg und meine Pläne, von Frau und Kindern erzählen, und erfuhr dabei, dass Beatrice vier Töchter hatte. Wir verabredeten, Familienbilder auszutauschen und uns gegenseitig zu besuchen, wenn sich dazu Gelegenheit gäbe. Unsere Kinder hatten eine neue Tante erhalten. Nach den Aachener Printen, die sie jahrelang zu Weihnachten sandte, hiess sie die Printentante. Sie musste sich mit einer Schokoladentante, die älteren Datums war und in Heidelberg wohnte, die Liebe der Kinder teilen.

In den gleichen Tagen war auch mein Schwiegervater nach Köln gekommen. Er wollte mit zwei gelehrten schottischen Damen zusammentreffen, um mit ihnen über seine Arbeit über die syrischen Evangelien sich auszusprechen. Wer von uns ahnte in dieser Stunde, dass der Mann, der in scheinbar unversieglicher Kraft in wenigen Wochen seinen siebzigsten Geburtstag feiern sollte, noch ehe ein Jahr verging, vom Tode hingerafft würde?

Nach meiner Rückkehr aus Köln musste mit der Überleitung der Redaktionsgeschäfte von Marburg nach Heidelberg begonnen werden. Ich erhielt einen Berg von Manuskripten, die zum grössten Teil noch aus der alten Zeit stammten. Von 55 Aufsätzen musste ich 41 als völlig ungeeignet zurückweisen; auch der Rest konnte nur im Notfall als Füllmaterial Verwendung finden. Aus dem Briefwechsel mit dem früheren Schriftleiter ergab sich, dass die Gründe für die ewigen Missverständnisse und Schwierigkeiten keineswegs nur auf seiner Seite lagen. Ich musste energisch durchgreifen, um zwischen mir und dem Verlag klare Verhältnisse zu schaffen. Ende November fasste ich meine Erfahrungen in einem Brief zusammen:

"Die meisten Leute kennen die Zeitschrift überhaupt nicht, und das ist noch der günstigste Fall - oder sie ist ihnen durch die Beträge der Herren Graevell, Pudor usw. nicht eben in bester Erinnerung. ... Es ist mir bis jetzt schleierhaft, woher dir 'ersten Namen' für das Archiv kommen sollen. Eine Zeitschrift, die dermassen den Boden verloren hat, wie das Archiv, kann nicht im Handumdrehen wieder auf die Höhe gebracht werden. Sie wissen, wie ungern ich die undankbare Aufgabe übernommen habe. Mehr als ich bisher getan habe, werde ich auch künftig nicht tun können. ... Der frühere Redakteur hatte die Gepflogenheit, überall seinen 'hochkonservativen' Standpunkt hervorzukehren, einige Mitarbeiter liessen öfters katholizierende Tendenzen erkennen. Dass ich weder der einen noch der anderen Richtung zuneige, brauche ich Ihnen nicht besonders zu sagen. Kein Mensch weiss also, wohin das Archiv steuert. Das ist ein weiterer Grund, warum Mitarbeiter und Abonnenten rar sind. Die ersten Kräfte von anderen Zeitschriften, deren Haltung allgemein bekannt ist, abwendig zu machen und dem Archiv zuzuführen, ist ein Kunststück, das so leicht nicht gelingen wird. ..."

Es schien mir zweckmässig, über den erneuten Wechsel in der Leitung der Zeitschrift möglichst unauffällig hinwegzugleiten. Mein erstes Heft erschien mit grosser Verspätung, aber es war mir doch noch geglückt, zwei hervorragende Beiträge, einen Leitaufsatz "Humanismus und Realismus" von Eduard Spranger, und eine Gedenkrede auf Paulsen von J. Speck zur Veröffentlichung zu erhalten. Mit Spranger stand ich seit 1907 in Gedankenaustausch. Ich war durch Ziertmann mit ihm bekannt geworden, auch hatte er mir einmal in Heidelberg, das er als seine zweite Heimat bezeichnete, einen Besuch gemacht. Die Gedächtnisrede verdankte ich Geheimrat Münch, der dem Archiv auch später noch tüchtige junge Kräfte zuführte.

Das nächste Heft brachte einen Aufsatz zu Darwins 100. Geburtstag und eine Abhandlung über die Aufgaben des naturgeschichtlichen Unterrichts in den Oberklassen der höheren Lehranstalten, den mein Freund Fricke beisteuerte. Ziertmann behandelte den Kandidatenaustausch mit Amerika, Parow gab einen Beitrag zur Frage des Lateinunterrichts an der Oberrealschule. Im Märzheft brachte ich neben Ausführungen von Max Nath über das pädagogische Seminar meinen Bericht über die Kölner Verhandlung.

Von Monat zu Monat wurde das Niveau der Beiträge besser. Die Auswahl der behandelten Themen reicher und mannigfaltiger. Nun endlich begann mir die Tätigkeit Freude zu machen. Die Zuschriften der Leser, das Anwachsen der Bezieher, zeigte mir und dem Verlag, dass wir nicht vergebens gearbeitet hatten.

Man hätte erwarten dürfen, dass den Höheren Schulen nach der Erteilung gleicher Rechte Zeit gegönnt würde, sich in die neuen Verhältnisse einzuleben und an den neuen Aufgaben, die ihnen gestellt waren, Erfahrungen zu sammeln. Nachdem es aber einmal Mode geworden war, die Schulmeister und die Schule für alles Elend der Zeit verantwortlich zu machen, verging kaum ein Tag, ohne dass in Zeitungsartikeln und Versammlungen gegen die Lehrpläne von mehr oder minder Berufenen Sturm gelaufen wurde. Wenn ein rabiater Philologe erklärte, dass jede der Mathematik abgenommene Stunde einen Gewinn für die Menschheit bedeute, so konnte man sicher sein, dass bald darauf ein Mathematiker alles Sprachstudiums als groben Unfug bezeichnete. Wenn ein Jurist erklärte, dass man sich schon auf dem Gymnasium mit Justinian beschäftigen müsse, so kam gewiss ein anderer, der nationalökonomische Belehrung für noch dringlicher hielt.

Man brauchte es nicht tragisch zu nehmen, wenn auch einmal Universitätsprofessoren sich bei missliebigen Erfahrungen gegen die Schule wandten, der sie die Lehrer lieferten. Das konnte die Zusammenarbeit, die überall in die Wege geleitet war, nicht wirklich stören. Ernster waren die Angriffe zu beurteilen, mit denen W. Ostwald als Schriftsteller und als Wanderredner seit einigen Jahren die Öffentlichkeit glaubte aufpeitschen zu müssen.

Er hatte 1909 ein Buch über grosse Männer geschrieben, worin er mit den nach Bedarf zurechtgemachten Schulerlebnissen einiger Chemiker und Physiker gegen die Höhere Schule loswetterte, und er war des Beifalls weiter Kreise sicher, wenn er auf seinen Vortragsreisen die Lehrerschaft dem Gelächter preisgab. Im Januar 1911 hatte ich Gelegenheit, in Mannheim einer solchen Vorstellung beizuwohnen und mir die Leute anzusehen, die der berühmte Mann zu Beifallstürmen hinriss. Die Auslese der Nationen war es bestimmt nicht, die wenigstens hatten ein Gymnasium von innen gesehen. Ich schämte mich, dass ein Gelehrter von Ruf sich so zum Demagogen herabwürdigen mochte und nahm mir vor, dieser Schulhetze im Archiv rücksichtslos den Kampf anzusagen. Aber je mehr ich mich in die Aufgabe vertiefte, desto mehr wuchs mir der Stoff unter den Händen. So entstand eine Streitschrift, die ich Ostwalds Notruf "Wider das Schulelend" entgegensetzte1).

Kein Zweifel, dass Ostwald unleugbare Schäden und Mängel des Höheren Schulwesens mit grossem Geschick und in glänzender Sprache vor die Öffentlichkeit brachte. Mit manchen Anklagen und kritischen Ausstellungen musste man einverstanden sein. Aber was davon berechtigt war, hatten Berufenere längst auch schon getadelt. Es war eine Anmassung, so zu reden, als ob die ganze akademische Lehrerschaft aus Trotteln und verstaubten Pedanten bestünde, als ob seit Jahrzehnten kein Schimmer von Licht und kein frischer Luftzug in die Schulstuben gedrungen wäre. Wenn Ostwald den kranken Schulorganismus heilen wollte, so hätte er reichlich Gelegenheit gehabt, in der Unterrichtkommission, die aus Hochschulprofessoren und praktischen Schulmännern zusammengesetzt war, Reformvorschläge zur Erörterung zu stellen. Aber um Heilung des Kranken, um Beseitigung einzelner Schäden war es ihm nicht zu tun. Für ihn war die Höhere Schule das radikal Böse, sie musste mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Wie er zu dieser fanatischen Gegnerschaft gekommen war, konnte man zwischen den Zeilen lesen. Aber wenn man ihm danach gern mildernde Umstände zuzubilligen bereit war, so durfte die Schule doch wirklich nicht nur auf Ostwaldsche Forderungen zugeschnitten werden. Ein Mann, dem die Sprachen nur Verkehrsmittel, nicht Träger von Gedankenschöpfungen waren, konnte ebensowenig als Richter über den Sprachunterricht gelten wie ein Mensch, der in einer Sammlung von Gemälden nur Farbenkleckse sieht, als Kunstkritiker taugte.

Dass die Beschäftigung mit Sprachen den Tod jeder schöpferischen Begabung bedeute, hatte Ostwald schon vorher in seinem Buch "Grosse Männer", mit Hilfe der sogenannten biographischen Methode zu beweisen gesucht. Mit diesem Buch musste ich mich vor allem auseinandersetzen. Ich machte seltsame Entdeckungen, als ich der Methode, nach der Ostwald seine Quellen behandelte, mehr auf den Grund ging. Als erster Zeuge gegen die deutsche Höhere Schule musste Humphry Davy herhalten, der als Kind, wie er in seinen Erinnerungen erzählt, sich meist selbst überlassen war und in einer Privatschule, der er anvertraut wurde, fast nichts lernte, bis er mit 14 Jahren an eine andere Schule kam, wo seine besten Leistungen Übertragungen der Klassiker in englische Verse waren. Niemand ahnte, dass er sich später einmal als Chemiker einen Namen machen werde. Auch Faraday mußte sich gefallen lassen, gegen das Gymnasium ins Feld geführt zu werden. Faraday besuchte, wie bekannt, nur eine armselige Elementarschule, in der er Lesen, Schreiben und Rechnen lernte, und wurde dann einem Buchbinder in die Lehre gegeben.

Von deutschen Forschern werden Liebig, Robert Mayer und Helmholtz als Zeugen für die verdummende Wirkung der Höheren Schule vorgeführt. Man weiss, wie sehr Liebig in reiferen Jahren die Mängel seiner Bildung bedauerte. Was Ostwald über Robert Mayers Jugend vorbrachte, war einer Tendenzschrift entnommen, die von allen zuverlässigen Quellen Lügen gestraft wurde. Was Helmholtz betraf, so liess sich nicht leugnen, dass seine Begabung für Mathematik und Physik weder durch seine glänzenden Leistungen in den klassischen Sprachen noch die Beschäftigung mit Englisch und Italienisch, Hebräisch und Arabisch beeinträchtigt worden war. Es war unerhört, wie Ostwald die Tatsachen vergewaltigte, um die Schule von heute zu einer vernunftwidrigen Einrichtung, zum Feind alles Fortschritts machen können.

Zu den schrecklichsten Vorwürfen, die Ostwald den Sprachen macht, gehört der, dass sie von Logik so weit entfernt seien wie eine Schutthalde von geometrischer Regelmässigkeit. Ich war grausam genug, an seiner "Schule der Chemie" zu zeigen, dass auch das Material der Chemie nicht logisch ist, und dass es auch hier keine Regeln ohne Ausnahme gibt. Es macht Vergnügen, beim heutigen Stand der Atomtheorie, die Frage wieder zu lesen, auf die Ostwald damals keine Antwort geben konnte. Was ich sonst noch über die Aufgaben der Höheren Schule und insbesondere über den Sinn des Sprachstudiums zu sagen hatte, mag, wer Lust hat, in der Broschüre selber nachlesen.

Der Philologentag in Posen gab dem Verlag Gelegenheit, die eben erschienene Broschüre allen Teilnehmern zu überreichen. Sie wurde auch an zahlreiche Tageszeitungen und Zeitschriften versandt und daraufhin vielfach zum Gegenstand besonderer Aufsätze gemacht. Ich konnte mit dem Widerhall zufrieden sein, der Hauptzweck war erreicht. Es ist mir nicht bekannt geworden, dass Ostwald nach dieser Abfuhr seine Schulvorträge fortgesetzt hätte. In seinen Lebenslinien erwähnt er wohl die Berliner Rede von 1909, die er als Notruf drucken liess, aber nicht von neuen Unternehmungen gegen das Gymnasium. Die Erfindung einer künstlichen Weltsprache, die mit einem Schlage alles Elend des Sprachenlernens beseitigen würde, scheint in jenen Jahren seine ganze Kraft in Anspruch genommen zu haben.

Die Arbeit für das Archiv hatte allmählich einen solchen Umfang erreicht und war so zeitraubend geworden, dass die neuen Aufgaben, die an mich als Dozent herangetreten waren, darunter Not zu leiden begannen. Ich musste mich nach einem philologischen Mitarbeiter umsehen und fand meinen alten Freund Karl Dürr bereit, mir einen Teil der Last, vor allem die Zusammenstellung der Rundschau und den zeitraubenden Verkehr mit den Rezensenten abzunehmen. Als ich Ende 1913 schwer erkrankte, übernahm er die ganzen Redaktionsgeschäfte. Als nach dem Ausbruch des Weltkrieges das grosse Sterben der Zeitschriften begann, musste er dem Archiv die Grabrede schreiben.

Wie werden die sittlichen Kräfte, die dieser Krieg erweckt oder offenbart hat, der Schule zugute kommen? Wie wird künftig unseren Schulen ihre Aufgabe vom nationalen Kulturleben vorgezeichnet werden? Wie wird sich künftig in ihnen Nationalismus und Humanismus versöhnen? Wie wird der Krieg au die Wertung der einzelnen Unterrichtsfächer einwirken? - Das waren die Fragen, die der letzte Herausgeber an Mitarbeiter und Leser richtete.

 

1) Schulelend und kein Ende. Leipzig 1911, Quelle und Meyer

 

Ende der Aufzeichnungen.

 


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© Julius Ruska 1937