Nach
dem Heimgang der Mutter begann der Vater seine
Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Die Rückschau
auf die Jahre des Glücks und der erfolgreichen
Arbeit mag ihn über manche trübe Stunde hinweg
getragen haben. Der Verkehr mit einigen Freunden, Besuche
der alten Schwester oder anderer Verwandten konnte an der
inneren Vereinsamung des alternden Mannes nichts mehr
ändern.
Schon
in den ersten beiden Bänden verwob er in die
Darstellung der eigenen Erlebnisse Gedanken über
Schul- und Kirchenfragen und Betrachtungen über die
sozialen und politischen Probleme, die die Zeit bewegten.
Nachdem er mit seinen Erinnerungen bis an die Gegenwart
herangekommen war, füllte er noch weitere vier
Bändchen mit Aufzeichnungen über die Ereignisse
im Familienkreis, mit Berichten über Reisen, die er
unternahm, mit Randglossen zur Zeitgeschichte und
Auszügen aus Zeitungsberichten. Er verfolgte die
Vorgänge der Innen- und Aussenpolitik unter der
neuen Kaiserlichen Regierung mit leidenschaftlicher
Anteilnahme, aber auch mit wachsender Erbitterung. Vor
allem bot ihm die Überhebung und Anmassung der
Junkerkaste, die damals keine Grenzen kannte, Anlass zu
schärfster Kritik. Er sah die Not der Massen und
verstand die Sozialdemokratie, ohne mit ihr im geringsten
zu sympathisieren, als unvermeidliche Folge des
Kastengeistes und der verfehlten Regierungsmethoden. Dass
er die immer schärfer einsetzende Reaktion auf
kirchlichem und schulpolitischem Gebiet unterteilte,
brauche ich nicht besonders zu betonen.
Auf
die Reiseberichte will ich etwas ausführlicher
eingehen. Wie viele Wünsche hatten die Eltern doch
zurückstellen müssen, weil alle Einkünfte
für die Ausbildung der Kinder verbraucht wurden. Wie
viel Gewinn hätte mein Vater, der die Landschaft mit
Maleraugen sah, und der vaterländischen Geschichte
so viel stolze Liebe entgegentrug, von jeder Reise in die
deutschen Lande heimbringen können. Jetzt konnte er
nichts besseres tun, als in der Befriedigung solcher
alten Wünsche Erholung und Zerstreuung zu suchen.
Als er sich im Sommer 1893 zum ersten Mal wieder zu einer
grösseren Fahrt entschloss, war er 67 Jahre alt.
Sein alter Freund Wissler war bereit, die Reise
mitzumachen. Sie fuhren gemeinsam ins Oberland, wo jeder
zunächst seinem Heimatort einen Besuch abstattete.
Von Todtnau, Wisslers Geburtsort, wanderten sie dann
gemeinsam über die Berge nach Bernau. Der Vater
suchte die alten Freunde und Schüler auf, doch wie
viele hatte der Tod schon hinweg gerafft! Es war ein
wehmütiger Abschied, als die Freunde ihren Weg nach
St. Blasien fortsetzten, um von da nach Waldshut zu
fahren. Da der Omnibus besetzt war, mussten sie den Weg
z.T. mit einem Bauernwagen, z.T. in beschwerlichem
Fussmarsch zurücklegen und erreichten gerade noch
den Zug, der sie das Wutachtal aufwärts nach dem
Donaugebiet bringen sollte. Das malerische Donautal mit
seinen grünen Wiesen und weissen Felswänden
löste helle Begeisterung aus. Nach Besichtigung von
Beuron und Sigmaringen fuhr man Hechingen zu, um dem
stolzen Hohenzollern-Schloss einen Besuch abzustatten.
Auch Tübingen wurde noch berührt und dann in
rascher Fahrt das altvertraute Villingen erreicht.
Ende
April 1894 fuhr der Vater mit Otto nach Lausanne, um ihn
seinem neuen Lehrherren vorstellen und sich selbst
genauer über die Verhältnisse zu unterrichten.
Der Aufenthalt wurde zu Ausflügen um Lausanne,
insbesondere auch zu einem Besuch von Genf, und ein
Abstecher nach Thun wurde durch Nebel und Regenwetter
schwer beeinträchtigt.
Im
August unternahm der Vater mit Wissler wieder eine
Ferienreise. Diesmal wurden Stuttgart und Heilbronn, das
Taubertal bis Wertheim und schliesslich Würzburg
besucht. Den Rückweg nahmen die Freunde über
Mosbach, Eberbach und Heidelberg. Auch Mannheim und
Speyer wurden noch besucht.
Für
den Sommer 1895 war eine Reise mit Wissler nach Mailand
und Genua geplant. Wissler hatte einen Sohn in Mailand,
und die alten Herren rechneten damit, dass dieser die
Führung in den beiden Städten übernehmen
würde. Leider kam die Reise nicht zustande, und der
Vater fuhr nun zum zweiten Mal nach Lausanne, um seinen
Jüngsten zu besuchen. Den Rückweg nahm er jetzt
über das Rhônetal und den Furkapass. Ich will
die Schilderung dieses Teils der Reise hier
einfügen, weil sie besser als meine eigenen Worte
zeigt, wie mein Vater das reisen noch mit 69 Jahren zu
nützen verstand. Nachdem er die Dampferfahrt bis
Villeneuve und die Bahnfahrt bis Brig beschrieben hat,
fährt er fort:
"Von
Brig an fuhr ich mit der Post. Das Tal ist bis hierher
sehr fruchtbar, erst weiter oben, in der Gegend von
Münster, fängt es an, öde zu werden. An
manchen Stellen ist es wild und eng, und die
Rhône tobt und schäumt mit ihrem
grünen Wasser über die Felsblöcke. Wenn
man sie einmal nicht sieht, weil sie von Bäumen
oder Felsen verdeckt ist, hört man sie doch
brausen und rauschen. Die Strasse kürzt oft
Flusschleifen ab, und führt dann über
Hügel oder zwischen Felsen und an Bergwänden
entlang.
In
Fiesch wechselten wir zum ersten Mal die Pferde und
hielten etwa 20 Minuten. Dann ging es in ziemlich
gleichmässiger Steigung weiter. Die Pferde liefen
in wackerem Schritt und wurden nur auf ebenen oder
abfallenden Strecken zu rascherem Gang angetrieben. Es
waren durchweg kräftige, in gutem Futter stehende
Tiere, und es gefiel mit wohl, dass sie vom Postillion
nicht geplagt oder geschlagen wurden. In Brig hatten
so viele Reisende gewartet, dass dem Postwagen, der
zehn Personen fasste, noch zwei Beichaisen zugegeben
werden mussten, in denen je sechs Personen Platz
fanden. Der zweite Pferdewechsel fand in Münster
statt, der dritte beim Hotel Rhône-Gletsch. Von
da ist es eine harte Tour bis hinauf zum Furka-Pass.
Die Strasse zieht sich im Zickzack mit ziemlich
starker Steigung in mindestens zwölf Kehren an
den kahlen Bergwänden hinauf, so dass man immer
wieder rechts oder links tiefe Abstürze neben
sich hat. Die Strasse ist so schmal, dass sich zwei
Wagen kaum ausweichen können. Es ist Vorschrift,
dass der Wagen auf der Innenseite still hält,
während der auf der Aussenseite im Schritt am
Strassenrand entlang fährt.
Von
Rhône-Gletsch bis zum Furkapass sind es in der
Luftlinie kaum 1500 Meter, wir brauchten aber auf der
Strasse volle zwei Stunden Zeit. Beim Furkapass-Hotel
wurde der letzte Wechsel der Pferde vorgenommen; dann
geht es, sobald die Wasserscheide zwischen Rhône
und Reuss überschritten ist, ziemlich rasch
weiter bis zur Endstation Göschenen. Ich stieg
mit verschiedenen anderen Touristen schon in Andermatt
aus, um am folgenden Morgen den Weg nach
Göschenen zu Fuss zurückzulegen.
Bevor
ich den weiteren Weg beschreibe, will ich einiges
nachholen, was ich im Rhônetal beobachtet habe.
Zwei angenehme Dinge will ich zuerst erledigen,
nämlich, dass wir das Vergnügen hatten von
morgens 6 1/2 bis abends 8 Uhr, beinahe 14 Stunden, im
Postwagen wie die Heringe zu sitzen, mit eingezogenen
Beinen neben schweisstriefenden Herren und Damen, und
dass das Vergnügen 20 Francs kostete. Das Geld
hatten wir eher los als die steifen Beine. Von Brig
aus sass ich mit einem jüngeren Geistlichen in
der zweiten Beichaise. Ich hoffte, einen
Gesellschafter zu haben, mit dem ich mich unterhalten,
und von dem ich Auskunft über die Gegend erhalten
könnte. Ich sollte mich aber schwer
täuschen. Nachdem wir einander einige Minuten
schweigend gegenüber gesessen waren, dachte ich,
wenn der nicht anfängt, musst du den Mund auftun.
Da kam ich aber schön an; er gab mir zur Antwort:
Je ne parle pas l'Allmande. Ich glaubte ihm nicht,
aber so bekamen wir wenigstens keinen Streit, und das
hatte auch sein Gutes. Gleich darauf nahm er sein
Brevier zur Hand und lispelte seine Gebete vor sich
hin. Die Schönheiten der grossartigen Natur
achtete er nicht. Es ging ihm wie dem Bauern und
seinem Vieh, die auch nichts sehen, und blind an
Gottes Schöpfung vorüber gehen. Ich hatte
nun Zeit, ungestört die Umgebung rechts und
links, die nahen Äcker und Wiesen und die fernen
schneebedeckten Berge zu betrachten und die wild
brausende Rhône zu bewundern. Manche einzelne
Hütte, manches kleine Dörflein mit
schwarzbraunen Blockhäusern und weiss
getünchtem Kirchlein zog vorüber. Bis in die
Gegend von Münster sieht man noch Obstbäume,
dann verschwinden sie, und auch der Wald wird
spärlicher. Noch eine gute Strecke unterhalb
Rhône-Gletsch hört der Wald fast ganz auf,
und man sieht nur noch Rasenflächen.
In
dem Hotel wurde eine Stunde halt gemacht. Ich
benützte die Zeit mit anderen Fahrgästen, um
an den Fuss des Rhône-Gletschers zu gehen. Die
Umgebung bildet eine Art Kessel, von hohen und steilen
Felsen umgeben. Der Weg zum Gletscher ist ganz eben,
das Tal ist mit Geröll und grossen Steinen
bedeckt. Die Rhône kommt wie ein mittlerer Bach
unmittelbar aus dem Gletscher heraus und ist bis zum
Hotel gerade gelegt und mit Dämmen eingefasst.
Man sieht eine Menge schöner Alpennelken, die
jedem Garten zur Zierde gereichen würden. Der
Fluss tritt aus dem Eisgewölbe hervor, das wohl
zwölf Meter hoch und breit ist. Wenn der
Gewölberand von der Sonne beschienen ist,
erscheinen Regenbogenfarben; besonders das Blau und
Grün tritt deutlich hervor. Welch
eigentümliches Gebilde ist doch solch ein
Gletscher. Dieses ungeheure Eismasse mit ihren tiefen
Rissen und Spalten! Auf der Oberfläche sieht man
neben den Schluchten auch steile, unzugängliche
Eisspitzen. Ich wundere mich nicht, dass diese
Gletscher nur mit Lebensgefahr zu begehen sind, und
begnüge mich damit, einen aus nächster
Nähe gesehen zu haben. Vom Hotel Bellevue aus,
etwa auf der Mitte des Wegs, betrat ich den Gletscher
auch auf dem Rücken. Hier ist eine Höhlung,
in die man bequem und ohne Gefahr hinein gehen kann.
Ein ängstliches Gefühl beschleicht einen
aber doch dabei. Welche Grossartigkeit der Natur,
welche Kräfte und Zeiten, die das alles
geschaffen haben! Mir war der erste Anblick dieses
Naturwunders ein herrlicher Genuss.
Es
fiel mir auf, dass man im oberen Rhônetal nicht
nur keinen Ackerbau mehr antrifft, sondern auch wenig
oder gar keine Industrie. Selbst an Vieh und Holz
scheint kein Überfluss zu sein. Von was leben
denn diese Leute? Woher nehmen sie ihre
Bedürfnisse? Doch nicht bloss von den Touristen?
Die kleinen, aus Tannenholzbalken roh
zusammengefügten Blockhäuser mit ihren
kleinen Fenstern weisen auf die Armut der Gegend hin.
Das ganze Tal ist anscheinend katholisch. In der
Nähe von Münster begegneten wir wenigstens
einer Menge von Wallfahrern, Männern, Frauen und
Kindern mit vier Geistlichen, zwei hinter und zwei
vor der Herde. Sie waren wie die Elsässer
Geistlichen gekleidet. Einer davon war ein
älterer, sehr dicker Herr, dem die Sache
sichtlich viel Beschwerde machte.
Eine
halbe Stunde, ehe wir nach Andermatt kamen, passierten
wir das Dorf Hospental, wo sich die Furkastrasse mit
der vom St. Gotthard vereinigt. Andermatt ist ein
freundlicher Ort mit zahlreichen Hotels und Pensionen.
Der Fremdenverkehr muss hier im Sommer sehr lebhaft
sein. Ich war müde und begab mich frühzeitig
ins Bett, um am Morgen frisch zu sein, und mich bald
auf den Weg machen zu können. Es ist bis
Göschenen etwa eine Stunde, ein Weg, wie man ihn
sich grossartiger und interessanter kaum denken kann.
Diese gewaltig empostrebenden Felsenmassen, die
steilen, glatten Wände, die fürchterlichen
Schluchten muss man mit Musse betrachten und
anstaunen. Die Hauptschlucht, durch die die Strasse
führt, wird von der berühmten
Teufelsbrücke, einer mächtigen steinernen
Bogenbrücke, überwölbt. Tief unten
stürzt wild aufschäumend und sich in Gischt
auflösende die Reuss von Fels zu Fels.
Auf
der Teufelsbrücke bietet sich dem staunenden Auge
ein Naturschauspiel, wie es überwältigender
nicht sein könnte. Man glaubt sich von allen
Seiten eingeschlossen und sieht weder Eingang noch
Ausgang. Die Strasse windet sich, kaum sichtbar, an
den mächtigen Felswänden hin und ist an zwei
Stellen auch durch die Felsen selbst gebrochen. Damit
sie Licht erhält, sind seitlich eine
Öffnungen durchgeschlagen. Die Beklommenheit, die
mich erst erfasste, ging in Bewunderung der erhabenen
Natur und reine Freude an dem gewaltigen Schauspiel
über. Ich war allein, der Morgen heiter, die Luft
angenehm. Das war ein rechter Tag des Herrn, die
Stimmung so feierlich, wie ich sie selten erlebt habe.
In Kirchen kann ich solche Sammlung und weihevolle
Stimmung nicht finden. Ich verweilte über eine
halbe Stunde an dieser Stelle und prägte mir ihr
Bild in allen Einzelheiten ein.
Oberhalb
der Teufelsbrücke befindet sich eine Befestigung,
ganz in den Felsen gehauen, eine leichte
Holzbrücke führt hinüber. Hier
wäre es keiner Armee möglich, ohne die
grössten Verluste durchzukommen, wenn ein paar
gut bediente Kanonen ihr Feuer spielen liessen.
Einem Wachtposten muss es aufgefallen sein, dass ich
mich so lange hier aufhielt und, wie er wohl meinte,
zeichnete. Er ging eine Strecke herunter, kehrte aber
wieder um und zog sich in seine Höhle
zurück, weil er mich offenbar für
ungefährlich hielt.
Endlich
lenkte ich meine Schritte Göschenen zu. Kurz
oberhalb des Ortes öffnet sich die
Felsenschlucht, und man sieht von der Höhe der
Strasse das finstere Loch, aus dem der durchbohrte St.
Gotthard die Züge ausspeit. Der Ort ist recht
freundlich, die Gegend wieder etwas fruchtbarer, auch
scheint sich neben den gewöhnlichen
Geschäften etwas Industrie zu finden. Am Bahnhof
traf ich zwei junge Touristen, einen Studenten der
Medizin aus Strassburg, dem ich Reichsmark gegen
Schweizer Geld umwechselte, und einen Lehrer an der
Gewerbeschule zu Elberfeld, der wie ich
talabwärts fahren wollte. Wir blieben beisammen
und bestiegen in Fluelen den gleichen Dampfer. Er
hatte die Absicht in Vitznau auszusteigen und auf den
Rigi zu fahren; ich war auch dazu bereit, falls das
Wetter gut bliebe. Es wurde aber immer trüber,
und als wir in Vitznau anlangten, regnete es. Die
Berge steckten in Wolken, vom Rigi und Pilatus war
nichts zu sehen. Wir mussten unsere Absicht aufgeben
und taten gut daran, denn es schüttete danach
noch heftiger und das Geld wäre verloren gewesen,
wenn wir es dennoch gewagt hätten, die Fahrt zu
machen."
In
den August 1896 fiel ein längerer Aufenthalt in
Bernau. Der Vater hatte bei seinem Besuch 1894 den alten
Schülern und Freunden versprechen müssen
wiederzukommen und verbrachte nun zwei Wochen in dem ihm
so lieb gewordenen Schwarzwalddorf. Es war ein letztes
Abschied nehmen von der Stätte unvergesslicher
Erinnerung.
Im
November kam dann die Pensionierung, im April 97 der
Umzug nach Bühl. Der Vater hatte das Glück, die
gleichen Räume beziehen zu können, in denen die
Eltern, ehe sie das eigenen Heim erwarben, vier Jahre
gewohnt hatten. Das Haus war im Besitz der Familie
Stemmle geblieben, nur dass jetzt die Tochter Lina als
Frau Häussner darin schaltete. Heute wohnen Enkel
und Urenkel darin.
Die
Befreiung von der Last der Schule hatte dem
Siebzigjährigen neue Lebenskraft und ein lange nicht
empfundenes Behagen geschenkt. Sein grösster Wunsch
war jetzt, im Sommer nach Berlin zu fahren und meinen
Bruder Albert zu besuchen, der dort seit einigen Jahren
in Stellung war. Von da wollte er nach Hamburg, um sich
auch diese Grosstadt anzusehen. Er zog sich aber durch
ein kaltes Glas Bier im Sommer eine schwere Erkrankung
zu, die die Reise unmöglich machte. Als sich mein
Bruder im folgenden Jahr verheiratete und in Frankfurt am
Main ein eigenes Geschäft anfing, fiel der
Hauptanlass für die Berliner Reise weg. Ein
längerer Aufenthalt im Schwarzwald 1899 und ein
Besuch bei Karl Gross, der damals Pfarrer in einem Dorf
am Bodensee war, das waren die letzten Reisen des geistig
immer noch frischen, aber durch mancherlei Krankheit und
Sorge mehr und mehr erschöpften Mannes.
Von
meinen Heidelberger Erfolgen, der Promotion und
Anstellung, hatte der Vater mit Stolz und Freude Kenntnis
genommen. Noch viel grösser war seine Freude, als
wir ihm unsere Verlobung mitteilten und er im August 1899
an der Hochzeitsfeier teilnehmen konnte.
So
herzlich die Teilnahme an unserem Glück war, so
schwer lastete auf ihm und uns allen das traurige
Geschick Alberts. Kaum zwei Jahre verheiratet, verlor er
seine Frau. Das viel zu teuer erworbene Geschäft
verschlang nicht nur das elterliche Erbe, sondern
erforderte dauernd Zuschüsse von unserer Seite. Es
war eine gnädige Fügung, dass der Vater die
ganze Katastrophe nicht mehr erlebte. Schon längere
Zeit durch ein inneres Leiden entkräftet, ging er
nach kurzem Krankenlager am 6. August 1901, zwei Monate
vor seinem 75. Geburtstag zur ewigen Ruhe ein.