Als
ich mich von den Fesseln der Kirche löste, war ich
gerade dreissig Jahre alt. Die Bahn meines Lebens schien
für alle Zukunft festgelegt. Wenn man mich nicht
etwa in den Oberschulrat berief, musste ich in der
Tretmühle des Dienstes langsam verbraucht
werden.
Nur
eine Frage hatte ich noch an das Schicksal zu stellen:
welches Wesen es mir zur Gefährtin in diesem
Erdendasein bestimmen würde.
Ich
hatte mich keineswegs verschworen, als Hagestolz zu leben
und zu sterben. Aber was hatte ich in zehn Jahren getan,
um dieser Gefahr zu entrinnen? War ich nicht, wenn andere
das Leben genossen und von einer Blume zur anderen
flatterten, hinter den Büchern gesessen? Hatte ich
nicht die Stunden versäumt, die mir das grosse
Glück hatten bringen können? Es geschah mir
schon recht, wenn ich nun dem Leben und der Welt fremd
geworden, zu allem zu spät kam.
So
mochte ich in mancher einsamen Stunde denken, wenn ich
sah, wie die Freunde, einer nach dem anderen sich ihr
Haus bauten und glücklich wurden. Ich hatte
erfahren, wie mich die Leidenschaft verzehren konnte, bis
ich alles um mich vergass. Aber es war mir nicht gegeben,
so leichthin Verbindungen zu knüpfen und zu
lösen, wie es andere als Studenten taten. Ich
hätte den gleichen leichten Sinn und den gleichen
Lebensdrang, aber ganz besonders mehr gesellschaftliche
Talente und das nötige Kleingeld besitzen
müssen, um einen neuen Roman zu erleben. Wie fremd
und verschlossen war einem Studenten doch die Welt, wenn
er in einem Hinterhaus zur Miete wohnte und die Pfennige
zählen musste, um bis zum Monatsende
durchzuhalten.
Nun
war ich fünf Jahre Praktikant gewesen und hatte mich
auch in dieser Zeit von allen Märkten ferngehalten,
die zur Anknüpfung von Beziehungen geeignet waren.
Es gab im Kollegium keinen Vater, der als Besitzer
lieblicher Töchter zu häufigeren Besuchen
hätte Anlass geben können. Was mir sonst wohl
einmal bei Einladungen vorgeführt wurde, wenn
zufällig eine Nichte vom Lande nach Heidelberg kam,
um sich die Stadt anzusehen, konnte meine
überspannten Forderungen nicht befriedigen.
Irgendwelche Vorzüge musste die Frau schon besitzen,
mit der ich mein Leben und Streben teilen sollte. Wenn
ich mir meine Mutter als Vorbild dachte, so galt mir
geistige Kameradschaft und Verbundenheit mehr als alles,
was vergänglicher Besitz war.
Was
würde mir geschenkt werden, wenn meine suchende
Seele ein Wesen fand, das ich auf jede Höhe des
Lebens führen konnte, das die Herrlichkeit der Natur
mit mir zu geniessen, die Seligkeit der Musik mit mir zu
teilen, jedes geistige Ringen der Zeit mit zu erleben
vermochte! Und wie grenzenlos musste das Glück erst
werden, wenn wir in gesunden Kindern ein neues Feuer des
Lebens entzündeten! Aber konnte nicht auch, wenn
eine flüchtige Begegnung die Sinne betörte und
das Herz in Flammen setzte, eine Verbindung entstehen,
die sich nach kurzer Zeit als verfehlt, bis auf den Grund
verfehlt erwies?
Wo
gab es für mich in meiner Weltfremdheit unbefangene
Prüfung und Beobachtung? Was nutzte mir aller
Reichtum des Herzens, wenn er keinen Widerhall fand? Wozu
hatte ich mir die innere Freiheit errungen, wenn sie
nicht gewünscht oder nicht ertragen wurde? Je
länger ich solchen Gedanken nachhing, desto weiter
musste ich mich vom Ziel entfernen. Mit solchen Wenn und
Aber war kein Weib zu gewinnen. Es galt zu handeln und
die Verantwortung zu übernehmen.
Die
Fragen und Mahnungen, die Ermunterungen und
Ratschläge mehrten sich, als ich mit Titel und
Gehalt eine Stufe höher gestiegen war. Nun hatte ich
wirklich keinen Grund mehr schüchtern zu sein. Ich
war häufiger als früher im Theater und in
Konzerten anzutreffen, ich spazierte in meiner freien
Zeit im Schlosspark und im Stadtgarten, um mich nach den
Töchtern des Landes umzusehen. Auch ein Gartenfest
in Ziegelhausen machte ich mit, zu dem ich mit viel
jungem Volk im Sommer 97 eingeladen wurde, als sich mein
Freund Wolf verlobte.
Im
Winter wurde ich wieder einmal bei Merx eingeladen.
Zufällig kam ich neben die Tochter Elisabeth zu
sitzen, mit der ich mich immer gut unterhalten hatte. Ich
verriet meine Absicht, Mitglied der Museumsgesellschaft
zu werden; es gebe ja doch keinen anderen Weg, junge
Mädchen kennenzulernen. Das ist doch eigentlich ganz
überflüssig, bekam ich zur Antwort. Was sollte
das bedeuten? Die Antwort wollte mir nicht mehr aus dem
Sinn. Aber ich schien mich doch geirrt zu haben, wenn ich
dem Wort eine tiefere Bedeutung beilegte.
Im
Herbst entdeckte ich eine madonnenhafte Schönheit,
an der sich mein Herz zu hellen Flammen entzündete.
Die Angebetete pflegte mit ihrer alten Mutter um die
gleich Stunde auf der Hauptstrasse zu promenieren, zu der
auch ich dies zu tun gewohnt war. Es kam zu poetischen
Bekenntnissen, und die Blicke ihrer dunklen Augen sagten
mir, dass ich hoffen durfte. Aber ich kam keinen Schritt
weiter, und endlich begriff ich, dass man nur frivoles
Spiel mit mir getrieben hatte. Nun hatte ich genug, ich
machte einen feierlichen Besuch und forderte meine Briefe
zurück. Die Tochter bekam ich nicht zu sehen, der
Mutter schien der Handel recht peinlich zu sein. Ich
hatte viele Wochen zu kämpfen, bis ich die traurige
Erfahrung verwunden war. Meine Achtung vor dem besseren
Teil der Menschheit hatte durch das Erlebnis nicht
gewonnen. Es schien, als ob ich hoffnungslos verdammt
wäre, als einsamer Büsser durch das Leben zu
wandern.
Im
März 1899 sah ich in der Peterskirche, bei einer
Aufführung der Johannes-Passion, auch Fräulein
Merx wieder einmal. Im April, an einem etwas regnerischen
Sonntag, besuchte ich die Wölfe auf dem
Königstuhl, um ein gegebenes Versprechen
einzulösen. Ich musste doch das kleine Wölflein
einmal sehen, das im Sommer 98 auf der Sternwarte
angekommen war und jetzt schon ein recht
vernünftiges Tierchen zu sein schien. Ich war nicht
wenig überrascht, auch die Tante Elisabeth bei ihrer
Schwester zu treffen. Es verstand sich von selbst, dass
wir den Heimweg zusammen antraten, und dass wir vor
Einbruch der Dunkelheit aus dem Walde sein mussten. Die
Sonne schien quer durch das junge Grün, die Finken
und Meisen zwitscherten in den Büschen und
Bäumen. Wir hatten keine Eile, nach Hause zu kommen,
denn wir hatten uns viel zu erzählen, seit wir uns
das letzte Mal gesprochen hatten. Wir waren verlobt, noch
ehe wir dem Walde traten. Da wir in der Stadt nicht
zusammen gesehen werden wollten, trennten wir uns an der
Geisbergstaffel. Ich stürmte über die Anlagen
nach Haus und tobte meine Gefühle auf dem Klavier
aus. "Was ist heut mit Ihnen los?", meinte Fräulein
Sieben verwundert.
Die
lieben Eltern befanden sich in Baden-Baden zur Erholung
und mussten schleunigst benachrichtigt werden. Das
hinderte uns nicht, am Montag zu verabredeter Stunde beim
Juwelier Trübner zusammenzutreffen, um die Ringe zu
besorgen. Auch am Dienstag sahen wir uns, da musste ich
zufällig bei Herrn Geheimrat ein Buch abholen.
Inzwischen kam der gemessene Befehl, bis zur Audienz in
Baden am folgenden Sonntag jede Begegnung zu meiden.
Bücher konnten ich nun keine mehr holen, aber wie
viel war doch noch vor der Reise nach Baden mündlich
zu verhandeln! Es fanden sich Stunden und Wege, wo uns
niemand gefährlich werden konnte.
Elisabeth
war am Samstag nach Baden-Baden vorausgefahren. Ich wurde
auf Sonntag vormittag erwartet und mit grosser Güte
und Herzlichkeit empfangen. Nach dem Essen fuhren wir im
Wagen nach dem alten Schloss. In dem kleinen
Kaffeestübchen trafen wir den ersten Bekannten, den
Kunsthistoriker Oechelhäuser. Den Heimweg durften
wir als anerkanntes Brautpaar zu Fuss zurücklegen.
Wie oft war ich in den Jahren, wo meine Eltern in
Scheuern wohnten, den Fussweg, den wir einschlugen, auf
und ab gestiegen!
Am
Abend fuhr die ganze Familie nach Heidelberg zurück,
im Lauf der Woche wurde die Verlobung durch Karten
bekannt gegeben. Es regnete Glückwünsche und
Blumen, und die Besuche wollten kein Ende nehmen. Ich
lernte in diesen Tagen mehr Leute kennen, als in den
vielen Jahren, die ich bis dahin in Heidelberg
zugebrachte hatte. Ein grosser Teil der Gratulanten hatte
von meinem Dasein keine Ahnung, andere wollten
längst gewusst haben, dass diese Verlobung kommen
würde. Nachdem der Sturm vorüber war, begannen
wir mit den Gegenbesuchen, Es fehlte nicht an komischen
Erlebnissen; ich will nur eines hier verewigen. Die
Geheimrätin Heinze, eine prachtvolle alte Dame,
empfing uns halb entsetzt, halb erstaunt mit dem Ausruf:
"Aber Elisabeth, was haben mir die Leute gesagt! Das ist
doch nicht möglich! Dein Bräutigam kann doch
kein polnischer Jude sein!" Wir mussten alle miteinander
furchtbar lachen: So sah ich nun wirklich nicht aus. Die
treffliche Frau ist uns bis zu ihrem Tode eine
mütterliche Freundin geblieben.
Dass
ich jetzt jede freie Stunde im Haus meiner Braut
zubrachte, ergab sich von selbst. Wieviel hatten wir uns
anzuvertrauen, wieviel gab es für den neuen Haushalt
zu planen und zu besorgen! Ich lernte nach und nach den
ganzen weiten Kreis der Familie kennen, die alte
Grossmutter Eulalie, die anderen Merx'schen und
Hoche'schen Verwandten, den Stuttgarter Kreis um Onkel
Curtius, und hatte meinerseits von meinem Elternhaus und
Lebensweg zu berichten. Auch die Gretchenfrage blieb
nicht aus; ich konnte keine andere Antwort finden als
die, die Goethe seinen Faust geben lässt.
Die
Tage und Wochen flogen nur so dahin. An einem der ersten
Sonntage im Mai machten wir dem Vater in Bühl einen
Besuch, um Pfingsten fuhren wir für einige Tage nach
Stuttgart zu Onkel Julius Curtius.
Am
5. August sollte die Hochzeit sein. Tags zuvor fand die
bürgerliche Trauung statt, die der
Oberbürgermeister Wilckens höchst
persönlich vornahm. Er hatte sich, als er mir die
akademische Laufbahn verbaute, gewiss nicht träumen
lassen, dass er mir drei Jahre später in Amtstracht
mit goldener Kette gegenüberstehen
würde.
Zum
eigentlichen Hochzeitstag war auch mein Vater eingeladen.
Anna Gross, meine liebe Base, hatte sich mit der treuen
Marie um die Wette bemüht, ihn zu dem Fest mit allem
Erforderlichen auszustaffieren. Die kirchliche Trauung
wurde vom Pfarrer Schwarz, dem alten Freund der Familie,
in der Providenzkirche vollzogen. Musikdirektor
Schönhardt aus Reutlingen, ein Hochzeitsgast,
spielte die Orgel, Maria Bassermann , Elisabeths
nächste Freundin, sang.
Nun
brauchten wir noch die Glückwünsche der Eltern
und der Gäste entgegenzunehmen und das Festessen zu
überstehen. Es gelang uns, unbeachtet zu entkommen
und den Schnellzug zu erreichen, der uns nach dem
Süden entführte. Einige Tage Schwarzwald, vier
Wochen Schweiz-Luzern, Wassen, Furka, Zermatt und Gorner
Grat, Lausanne, Genf, Vevey - ich müsste einen
besonderen Band schreiben, um jene glücklichen Tage
festzuhalten. Am 8. September trafen wir in Baden-Baden
ein, am 9. wanderten wir über die Berge nach
Bühl, aufs Freudigste vom Vater begrüsst und
empfangen. Am Abend fuhren wir nach Heidelberg weiter, um
einstweilen in der elterlichen Wohnung
unterzuschlüpfen. Die Eltern waren in Italien, eine
Karte aus Perugia sagte uns, dass wir uns mit dem Umzug
nicht zu beeilen brauchten.
Wir
hatten in der Mühlstrasse, in einer Villa, die
meinem alten Freunde Luppold gehörte, eine
wundervolle Wohnung gefunden: Vor uns lag der Botanische
Garten, darüber hinweg übersahen wir den ganzen
Odenwald vom Königsstuhl bis zum Ölberg hin.
Nachdem wir eingerichtet waren, begann eine Wallfahrt von
Besuchern; jeder und jede wollte sehen, wie wir uns das
Nest bereitet hatten. Zu Weihnachten bekamen wir den
Schiedmayerschen Flügel, den uns Papa Merx als
Hochzeitsgeschenk zugedachte hatte; da fing das
Musizieren wieder an.
Es
wurde Frühling, es wurde Sommer, und wir begannen
einem frohen Ereignis entgegenzusehen. Am 27. Juli wurde
uns ein kleines Hänschen geboren, nach schweren,
sorgenvollen Stunden. Jetzt erst, nach überstandener
Gefahr, wussten wir ganz, was glücklich sein heisst.
Maria Bassermann wurde Patin, der Konsul Reinhardt, der
damals gerade von Bagdad nach Heidelberg gekommen war, um
wegen des Ankaufs seiner Papyri zu verhandeln,
übernahm die Patenschaft. Und getauft wurde der
kleine Heide mit Jordanwasser, das der Grossvater Merx
von einer Palästinareise in einer verlöteten
Blechbüchse mitgebracht hatte. Brünnow sandte
ein arabisches Glückwunschgedicht, worin er in
anmutiger Weise den Name Ruska mit einem der hundert
Namen Allahs in Verbindung brachte. Jetzt erst, seitdem
wir das Büble hatten, wussten wir ganz, was
glücklich sein bedeutete. Wie verfolgten und
beachteten wir jeden Blick, jeden Laut, jede Bewegung des
kleinen Wesens, das erste Lächeln, das erste
Erkennen der Mutter, jeden Fortschritt im Gebrauch der
Händchen, all die seltsamen Laute und Monologe, die
dem Sprechenlernen vorangehen. Ich begann, unsere
Beobachtungen, die von Monat zu Monat, von Woche zu Woche
mehr Inhalt bekamen, in ein eigenes Buch einzutragen. Das
grösste Vergnügen hatte ich daran, die
Entwicklung der Sprachlaute zu verfolgen. Offenbar
führte behagliche Spielerei mit der Zunge ebenso zur
Erzeugung neuer Laute, wie das Unbehagen, das der Beginn
des Zahnens mit sich brachte. Aber aus den
Lautverbindungen, die sich dabei einstellten, konnte noch
ebensogut Hottentottisch, Chinesisch oder Sanskrit wie
Deutsch entstehen. Es kam nur darauf an, welche Laute von
der Umgebung dauernd gebraucht wurden. Bis zu der
Entdeckung, dass man mit bestimmten Lauten etwas
Bestimmtes meinen konnte, war noch ein weiter Weg. Was
Hänschen wollte oder nicht wollte, wusste es durch
wirksamere Methoden auszudrücken.
Inzwischen
hatte sich, besonders seit das Kind da war, das
Verhältnis zu den Hausbesitzern mehr und mehr
getrübt. Es war erstaunlich, wie erfinderisch die
Frau des Kollegen sein konnte, uns die freie Bewegung
und die unerlässliche Verfügung über
unsere Räume zu beschränken. Versuche, durch
ruhige Aussprache ein normales Verhältnis wieder
herbeizuführen, hatten keinen dauernden Erfolg. Ende
März bekamen wir die Kündigung auf Juli
zugestellt. Der eigentliche Grund war uns jetzt klar
geworden. Man wusste, dass wir im Juli ein zweites Kind
erwarteten. Zwei kleine Kinder durften in einem so
vornehmen Hause nicht geduldet werden. Wir mussten unter
allen Umständen vorher das Haus verlassen. Der
Termin war mit besonderer Bosheit gewählt. Da wir im
Juli nicht umziehen konnten, blieb uns nichts übrig,
als in aller Eile eine neue Wohnung zu suchen. Wir fanden
sie in Neuenheim, in einem Haus der Schröderstrasse.
Aber wir waren, wie sich nach kurzer Zeit herausstellte,
vom Regen in die Traufe gekommen und mussten nach einem
Jahr zum zweiten Mal das Bündel
schnüren.
Am
19. Juni bekam Hänschen ein Schwesterchen als
Spielkamerad. Es wurde mit unsagbarem Erstaunen zur
Kenntnis genommen, aber vorerst war mit der kleinen Katze
nichts anzufangen. In der Küche, im Wohnzimmer, an
Papas Papierkorb gab es wichtigere Dinge zu tun. Im
September, als Hänschen das Stehen und Gehen gelernt
hatte, konnten wir auch bemerken, dass es immer mehr
Personen und Dinge mit Worten bezeichnete oder seine
Absichten und Wünsche durch bestimmte Laute und
Gebärden ausdrückte. Das Wunder der Sprache war
erfasst, der Umfang des Gebrauchs der Kinderworte war
unendlich. Wieviel Freude und Sehnsucht, wieviel Bitten
und Wünsche konnte Hänschen allein in die Worte
Mama, Papa, Awa (haben) hineinzaubern! Was konnte er nur
mit "grri", "gega" und "gigig" alles bezeichnen! Ich
weiss nicht, ob sich schon jemand mit dem
Bedeutungsumfang und den Wandlungen solcher Kinderworte
ernstlich beschäftigt hat. Man könnte für
die Entfaltung des geistigen Lebens mehr Erkenntnis
daraus gewinnen, als alles abstrakte
Kathedergeschwätz der Welt zu leisten vermag. Es war
wunderbar, wie schnell sich nun das Verständnis
für alles Vorgesprochene mehrte, wie vielseitig und
ausdrucksvoll jede Stimmung des Kindes, Ungeduld und
Sorge, Angst und Freude, Liebesverlangen, Schmeichelei
und jede Art von Schelmerei zum Ausdruck kam. Wenn ich
immer schon ein Kindernarr gewesen war, jetzt wurde ich
Hänschens täglicher Spielkamerad und
Reisebegleiter. Die Entdeckungen, die wir alle Tage
machten, wenn wir miteinander spazieren gingen oder
Bilderbücher betrachteten, wollten kein Ende nehmen.
Im
zweiten Lebensjahr machte Hänschen im Beobachten der
Dinge und Menschen, im Verstehen und Sprechen noch
erstaunlichere Fortschritte. Das Büblein war
unermüdlich in der Erfindung von Spielen, in
neugierigen Fragen und Selbstgesprächen. Wenn es von
Spaziergängen mit seinem Papa heimkam, wenn wir am
Bahnhof oder am Neckar gewesen waren, wenn wir die
Kaufläden in der Stadt angesehen hatten, oder Blumen
von den Wiesen aus dem Wald nach Hause brachten, konnte
es ganze Romane erzählen. Bei schlechtem Wetter
musste ich ihm mit Bilderbüchern und immer neuen
Zeichnungen auf der Schreibtafel und Papier die Zeit
vertreiben, wenn nicht das Schwesterchen seine
Kameradschaft in Anspruch nahm.
Im
Mai 1902 zogen wir, als die Verhältnisse
unerträglich geworden waren, in den Neubau
Lutherstrasse 47 um. Hier blieben wir drei Jahre, bis uns
der Raummangel wieder zum Wandern zwang. Denn wir hatten
am 15. August 1902 noch ein Mädelchen bekommen, und
am 24. April 1904 gesellte sich ein zweiter Bub dazu. Nun
war es geraten, für ein eigenes Heim zu sorgen, aus
dem uns auch bei weiterem Familienzuwachs niemand mehr
vertreiben konnte. Es wurde uns in der
Mönchhofstrasse ein villenartiges kleines Haus mit
Vorgarten angeboten, das wir gegen einen Anzahlung von
RM. 15000,-- erwerben konnten. Die Lage war herrlich,
denn die Strasse war noch wenig bebaut, und
gegenüber hatten wir den Blick in den Winter'schen
Park. Wir bezogen die unteren beiden Stockwerke und
behielten die Bewohner des Dachstocks, den Reallehrer
Braun mit seiner Frau, zwei liebe und feine Menschen, als
Hausgenossen.
So
weit das neue Leben uns allein anging, hätten wir
glauben können, dass wir auf einer Insel der Seligen
lebten, auf der es keine Kämpfe und Konflikte,
keinen Hass, Neid und Hochmut gibt. Aber schon die
Brautzeit hatte uns gelehrt, dass sich in dem Einklang
der Seelen tausend alte und neue Ansprüche mischten,
und dass es nicht so einfach war, das Lebensschiffchen
zwischen Klippen und Strudeln in den Hafen zu steuern.
Jeder Tag zeigte, dass mit der Gründung einer neuen
Familie die Auseinandersetzung mit den Ansprüchen
des Elternhauses einsetzte und dass das Mass der Bindung
nicht von unseren Wünschen allein abhing. Es
gehörte unendlich viel Takt und Selbstbeherrschung
dazu, um einen Ausgleich zu finden, der berechtigten
Wünschen und Erwartungen entsprach.
Wie
grundverschieden lagen doch für jeden von uns die
neuen Bedingungen des Lebens! Seit fast zehn Jahren war
ich nach jeder Richtung unabhängig. So weit nicht
Direktoren oder Stadträte sich Eingriffe in meine
Freiheit herausnahmen, war ich immer Herr meiner
Entschlüsse und Handlungen gewesen und hatte mir
Verkehr und Beschäftigung selbst gewählt. Auch
dass ich gelegentlich als Gast im Hause Merx erschien,
hatte meine Freiheit nicht weiter beeinträchtigt.
Dann aber, als Verlobter, war ich zugleich, wenn man so
sagen darf, der Gefangene meiner neuen
Umgebung.
Ich
erfuhr bald, dass meine Braut keinen dringenderen Wunsch
hegte, als sich dem ganzen akademischen Treiben und allen
Verpflichtungen, die es mit sich brachte, zu entziehen.
Pfarrfrau irgendwo auf dem Lande zu werden, wäre ihr
Ideal gewesen. Auch ihre Ausbildung als Krankenschwester
hätte sie gerne verwertet, wenn das nicht gegen den
Ehrenkodex der akademischen Kreise verstossen hätte.
Wenn ich mir fern von der Welt in einem kleinen
Städtchen einen neuen Wirkungskreis gesucht
hätte, wäre wenigstens ein Teil dieser
Wunschträume befriedigt worden. Aber davon konnte
nun doch keine Rede sein.
In
welcher Richtung sich die Erwartungen der Schwiegereltern
bewegten, war auch kein Geheimnis. Dass ich Professor an
einer Schule war, die nicht für voll galt, musste
einstweilen hingenommen werden. Ich konnte ja auch von
hier aus zu höheren Ehren aufsteigen, wenn ich
bereit war, jetzt noch die akademische Laufbahn
einzuschlagen. Den Nachweis der persönlichen
Fähigkeit hatte ich erbracht; das Hindernis, das mir
1896 bei meiner Anstellung in den Weg gelegt worden war,
hätte sich mit wenig Mühe beseitigen
lassen.
Aber
ich konnte mit Recht geltend machen, dass mir der
Unterricht in den Oberklassen nicht mehr genügend
Zeit und Kraft übrig lasse, auch noch
wissenschaftliche Aufgaben auf einem der Schule
gänzlich fernliegenden Gebiet mit Ernst zu
verfolgen. Und ich konnte sagen, dass ich mich an mein
früher gegebenes Wort gebunden fühle, der
Übergang zur Universität also nur durch
Austritt aus dem Schuldienst zu erkaufen sei. Das
hätte aber nichts anderes bedeutet, als mich samt
Frau und Kindern von den Schwiegereltern erhalten zu
lassen.
Es
blieb mir keine Wahl, ich musste den Schwiegervater
enttäuschen, wenn ich der jungen Frau keine
Enttäuschung bereiten wollte. Es war immer noch
besser, sich die Freiheit zu wahren, die mit dem
Verbleiben im Schulamt verbunden war, als um eines
Dozententitels willen die schlimmste Unfreiheit oder gar
einen ernsten Missklang in der Ehe in Kauf zu
nehmen.
Wer
sich der Einsamkeit ergibt, ist bald allein: besonders
dann, wenn das Alleinsein zum Prinzip erhoben, wenn der
Trennungsstrich schärfer gezogen wird, als
nötig ist. Der Verkehr wurde auf die nächsten
Freunde des Hauses beschränkt, andere Einladungen
wurden abgelehnt. Sehr oft war ich allein der Vertreter
der jungen Familie, und genoss mit gemischten
Gefühlen die Ehren, die mir als dem Schwiegersohn
eines grossen Mannes zukamen. Ich lernte nicht nur
sämtliche Theologen, sondern auch Vertreter aller
anderen Fakultäten kennen, junge Privatdozenten und
alte Geheimräte, und konnte ebenso ihre Vorzüge
bestaunen wie ihre Beschränktheiten und Vorurteile
stillvergnügt mitansehen. Es war die Zeit, wo sich
meine satyrische Begabung entfaltete und ich ihr freien
Lauf liess, wenn sich dazu Anlass fand. Mancher naiven
Anmassung, manchem akademischen Hochmut konnte ich
dadurch begegnen, dass ich ihm mit sanfter Ironie und
freundlichem Lächeln den Boden unter den Füssen
wegzog. Aber verdriesslich war es doch, sich ausserhalb
eines Kreises zu wissen, dem man mit vollem Recht
hätte angehören können.