Einundvierzigstes Kapitel.

Verlobung und junges Glück.
Als ich mich von den Fesseln der Kirche löste, war ich gerade dreissig Jahre alt. Die Bahn meines Lebens schien für alle Zukunft festgelegt. Wenn man mich nicht etwa in den Oberschulrat berief, musste ich in der Tretmühle des Dienstes langsam verbraucht werden.

Nur eine Frage hatte ich noch an das Schicksal zu stellen: welches Wesen es mir zur Gefährtin in diesem Erdendasein bestimmen würde.

Ich hatte mich keineswegs verschworen, als Hagestolz zu leben und zu sterben. Aber was hatte ich in zehn Jahren getan, um dieser Gefahr zu entrinnen? War ich nicht, wenn andere das Leben genossen und von einer Blume zur anderen flatterten, hinter den Büchern gesessen? Hatte ich nicht die Stunden versäumt, die mir das grosse Glück hatten bringen können? Es geschah mir schon recht, wenn ich nun dem Leben und der Welt fremd geworden, zu allem zu spät kam.

So mochte ich in mancher einsamen Stunde denken, wenn ich sah, wie die Freunde, einer nach dem anderen sich ihr Haus bauten und glücklich wurden. Ich hatte erfahren, wie mich die Leidenschaft verzehren konnte, bis ich alles um mich vergass. Aber es war mir nicht gegeben, so leichthin Verbindungen zu knüpfen und zu lösen, wie es andere als Studenten taten. Ich hätte den gleichen leichten Sinn und den gleichen Lebensdrang, aber ganz besonders mehr gesellschaftliche Talente und das nötige Kleingeld besitzen müssen, um einen neuen Roman zu erleben. Wie fremd und verschlossen war einem Studenten doch die Welt, wenn er in einem Hinterhaus zur Miete wohnte und die Pfennige zählen musste, um bis zum Monatsende durchzuhalten.

Nun war ich fünf Jahre Praktikant gewesen und hatte mich auch in dieser Zeit von allen Märkten ferngehalten, die zur Anknüpfung von Beziehungen geeignet waren. Es gab im Kollegium keinen Vater, der als Besitzer lieblicher Töchter zu häufigeren Besuchen hätte Anlass geben können. Was mir sonst wohl einmal bei Einladungen vorgeführt wurde, wenn zufällig eine Nichte vom Lande nach Heidelberg kam, um sich die Stadt anzusehen, konnte meine überspannten Forderungen nicht befriedigen. Irgendwelche Vorzüge musste die Frau schon besitzen, mit der ich mein Leben und Streben teilen sollte. Wenn ich mir meine Mutter als Vorbild dachte, so galt mir geistige Kameradschaft und Verbundenheit mehr als alles, was vergänglicher Besitz war.

Was würde mir geschenkt werden, wenn meine suchende Seele ein Wesen fand, das ich auf jede Höhe des Lebens führen konnte, das die Herrlichkeit der Natur mit mir zu geniessen, die Seligkeit der Musik mit mir zu teilen, jedes geistige Ringen der Zeit mit zu erleben vermochte! Und wie grenzenlos musste das Glück erst werden, wenn wir in gesunden Kindern ein neues Feuer des Lebens entzündeten! Aber konnte nicht auch, wenn eine flüchtige Begegnung die Sinne betörte und das Herz in Flammen setzte, eine Verbindung entstehen, die sich nach kurzer Zeit als verfehlt, bis auf den Grund verfehlt erwies?

Wo gab es für mich in meiner Weltfremdheit unbefangene Prüfung und Beobachtung? Was nutzte mir aller Reichtum des Herzens, wenn er keinen Widerhall fand? Wozu hatte ich mir die innere Freiheit errungen, wenn sie nicht gewünscht oder nicht ertragen wurde? Je länger ich solchen Gedanken nachhing, desto weiter musste ich mich vom Ziel entfernen. Mit solchen Wenn und Aber war kein Weib zu gewinnen. Es galt zu handeln und die Verantwortung zu übernehmen.

Die Fragen und Mahnungen, die Ermunterungen und Ratschläge mehrten sich, als ich mit Titel und Gehalt eine Stufe höher gestiegen war. Nun hatte ich wirklich keinen Grund mehr schüchtern zu sein. Ich war häufiger als früher im Theater und in Konzerten anzutreffen, ich spazierte in meiner freien Zeit im Schlosspark und im Stadtgarten, um mich nach den Töchtern des Landes umzusehen. Auch ein Gartenfest in Ziegelhausen machte ich mit, zu dem ich mit viel jungem Volk im Sommer 97 eingeladen wurde, als sich mein Freund Wolf verlobte.

Im Winter wurde ich wieder einmal bei Merx eingeladen. Zufällig kam ich neben die Tochter Elisabeth zu sitzen, mit der ich mich immer gut unterhalten hatte. Ich verriet meine Absicht, Mitglied der Museumsgesellschaft zu werden; es gebe ja doch keinen anderen Weg, junge Mädchen kennenzulernen. Das ist doch eigentlich ganz überflüssig, bekam ich zur Antwort. Was sollte das bedeuten? Die Antwort wollte mir nicht mehr aus dem Sinn. Aber ich schien mich doch geirrt zu haben, wenn ich dem Wort eine tiefere Bedeutung beilegte.

Im Herbst entdeckte ich eine madonnenhafte Schönheit, an der sich mein Herz zu hellen Flammen entzündete. Die Angebetete pflegte mit ihrer alten Mutter um die gleich Stunde auf der Hauptstrasse zu promenieren, zu der auch ich dies zu tun gewohnt war. Es kam zu poetischen Bekenntnissen, und die Blicke ihrer dunklen Augen sagten mir, dass ich hoffen durfte. Aber ich kam keinen Schritt weiter, und endlich begriff ich, dass man nur frivoles Spiel mit mir getrieben hatte. Nun hatte ich genug, ich machte einen feierlichen Besuch und forderte meine Briefe zurück. Die Tochter bekam ich nicht zu sehen, der Mutter schien der Handel recht peinlich zu sein. Ich hatte viele Wochen zu kämpfen, bis ich die traurige Erfahrung verwunden war. Meine Achtung vor dem besseren Teil der Menschheit hatte durch das Erlebnis nicht gewonnen. Es schien, als ob ich hoffnungslos verdammt wäre, als einsamer Büsser durch das Leben zu wandern.

Im März 1899 sah ich in der Peterskirche, bei einer Aufführung der Johannes-Passion, auch Fräulein Merx wieder einmal. Im April, an einem etwas regnerischen Sonntag, besuchte ich die Wölfe auf dem Königstuhl, um ein gegebenes Versprechen einzulösen. Ich musste doch das kleine Wölflein einmal sehen, das im Sommer 98 auf der Sternwarte angekommen war und jetzt schon ein recht vernünftiges Tierchen zu sein schien. Ich war nicht wenig überrascht, auch die Tante Elisabeth bei ihrer Schwester zu treffen. Es verstand sich von selbst, dass wir den Heimweg zusammen antraten, und dass wir vor Einbruch der Dunkelheit aus dem Walde sein mussten. Die Sonne schien quer durch das junge Grün, die Finken und Meisen zwitscherten in den Büschen und Bäumen. Wir hatten keine Eile, nach Hause zu kommen, denn wir hatten uns viel zu erzählen, seit wir uns das letzte Mal gesprochen hatten. Wir waren verlobt, noch ehe wir dem Walde traten. Da wir in der Stadt nicht zusammen gesehen werden wollten, trennten wir uns an der Geisbergstaffel. Ich stürmte über die Anlagen nach Haus und tobte meine Gefühle auf dem Klavier aus. "Was ist heut mit Ihnen los?", meinte Fräulein Sieben verwundert.

Die lieben Eltern befanden sich in Baden-Baden zur Erholung und mussten schleunigst benachrichtigt werden. Das hinderte uns nicht, am Montag zu verabredeter Stunde beim Juwelier Trübner zusammenzutreffen, um die Ringe zu besorgen. Auch am Dienstag sahen wir uns, da musste ich zufällig bei Herrn Geheimrat ein Buch abholen. Inzwischen kam der gemessene Befehl, bis zur Audienz in Baden am folgenden Sonntag jede Begegnung zu meiden. Bücher konnten ich nun keine mehr holen, aber wie viel war doch noch vor der Reise nach Baden mündlich zu verhandeln! Es fanden sich Stunden und Wege, wo uns niemand gefährlich werden konnte.

Elisabeth war am Samstag nach Baden-Baden vorausgefahren. Ich wurde auf Sonntag vormittag erwartet und mit grosser Güte und Herzlichkeit empfangen. Nach dem Essen fuhren wir im Wagen nach dem alten Schloss. In dem kleinen Kaffeestübchen trafen wir den ersten Bekannten, den Kunsthistoriker Oechelhäuser. Den Heimweg durften wir als anerkanntes Brautpaar zu Fuss zurücklegen. Wie oft war ich in den Jahren, wo meine Eltern in Scheuern wohnten, den Fussweg, den wir einschlugen, auf und ab gestiegen!

Am Abend fuhr die ganze Familie nach Heidelberg zurück, im Lauf der Woche wurde die Verlobung durch Karten bekannt gegeben. Es regnete Glückwünsche und Blumen, und die Besuche wollten kein Ende nehmen. Ich lernte in diesen Tagen mehr Leute kennen, als in den vielen Jahren, die ich bis dahin in Heidelberg zugebrachte hatte. Ein grosser Teil der Gratulanten hatte von meinem Dasein keine Ahnung, andere wollten längst gewusst haben, dass diese Verlobung kommen würde. Nachdem der Sturm vorüber war, begannen wir mit den Gegenbesuchen, Es fehlte nicht an komischen Erlebnissen; ich will nur eines hier verewigen. Die Geheimrätin Heinze, eine prachtvolle alte Dame, empfing uns halb entsetzt, halb erstaunt mit dem Ausruf: "Aber Elisabeth, was haben mir die Leute gesagt! Das ist doch nicht möglich! Dein Bräutigam kann doch kein polnischer Jude sein!" Wir mussten alle miteinander furchtbar lachen: So sah ich nun wirklich nicht aus. Die treffliche Frau ist uns bis zu ihrem Tode eine mütterliche Freundin geblieben.

Dass ich jetzt jede freie Stunde im Haus meiner Braut zubrachte, ergab sich von selbst. Wieviel hatten wir uns anzuvertrauen, wieviel gab es für den neuen Haushalt zu planen und zu besorgen! Ich lernte nach und nach den ganzen weiten Kreis der Familie kennen, die alte Grossmutter Eulalie, die anderen Merx'schen und Hoche'schen Verwandten, den Stuttgarter Kreis um Onkel Curtius, und hatte meinerseits von meinem Elternhaus und Lebensweg zu berichten. Auch die Gretchenfrage blieb nicht aus; ich konnte keine andere Antwort finden als die, die Goethe seinen Faust geben lässt.

Die Tage und Wochen flogen nur so dahin. An einem der ersten Sonntage im Mai machten wir dem Vater in Bühl einen Besuch, um Pfingsten fuhren wir für einige Tage nach Stuttgart zu Onkel Julius Curtius.

Am 5. August sollte die Hochzeit sein. Tags zuvor fand die bürgerliche Trauung statt, die der Oberbürgermeister Wilckens höchst persönlich vornahm. Er hatte sich, als er mir die akademische Laufbahn verbaute, gewiss nicht träumen lassen, dass er mir drei Jahre später in Amtstracht mit goldener Kette gegenüberstehen würde.

Zum eigentlichen Hochzeitstag war auch mein Vater eingeladen. Anna Gross, meine liebe Base, hatte sich mit der treuen Marie um die Wette bemüht, ihn zu dem Fest mit allem Erforderlichen auszustaffieren. Die kirchliche Trauung wurde vom Pfarrer Schwarz, dem alten Freund der Familie, in der Providenzkirche vollzogen. Musikdirektor Schönhardt aus Reutlingen, ein Hochzeitsgast, spielte die Orgel, Maria Bassermann , Elisabeths nächste Freundin, sang.

Nun brauchten wir noch die Glückwünsche der Eltern und der Gäste entgegenzunehmen und das Festessen zu überstehen. Es gelang uns, unbeachtet zu entkommen und den Schnellzug zu erreichen, der uns nach dem Süden entführte. Einige Tage Schwarzwald, vier Wochen Schweiz-Luzern, Wassen, Furka, Zermatt und Gorner Grat, Lausanne, Genf, Vevey - ich müsste einen besonderen Band schreiben, um jene glücklichen Tage festzuhalten. Am 8. September trafen wir in Baden-Baden ein, am 9. wanderten wir über die Berge nach Bühl, aufs Freudigste vom Vater begrüsst und empfangen. Am Abend fuhren wir nach Heidelberg weiter, um einstweilen in der elterlichen Wohnung unterzuschlüpfen. Die Eltern waren in Italien, eine Karte aus Perugia sagte uns, dass wir uns mit dem Umzug nicht zu beeilen brauchten.

Wir hatten in der Mühlstrasse, in einer Villa, die meinem alten Freunde Luppold gehörte, eine wundervolle Wohnung gefunden: Vor uns lag der Botanische Garten, darüber hinweg übersahen wir den ganzen Odenwald vom Königsstuhl bis zum Ölberg hin. Nachdem wir eingerichtet waren, begann eine Wallfahrt von Besuchern; jeder und jede wollte sehen, wie wir uns das Nest bereitet hatten. Zu Weihnachten bekamen wir den Schiedmayerschen Flügel, den uns Papa Merx als Hochzeitsgeschenk zugedachte hatte; da fing das Musizieren wieder an.

Es wurde Frühling, es wurde Sommer, und wir begannen einem frohen Ereignis entgegenzusehen. Am 27. Juli wurde uns ein kleines Hänschen geboren, nach schweren, sorgenvollen Stunden. Jetzt erst, nach überstandener Gefahr, wussten wir ganz, was glücklich sein heisst. Maria Bassermann wurde Patin, der Konsul Reinhardt, der damals gerade von Bagdad nach Heidelberg gekommen war, um wegen des Ankaufs seiner Papyri zu verhandeln, übernahm die Patenschaft. Und getauft wurde der kleine Heide mit Jordanwasser, das der Grossvater Merx von einer Palästinareise in einer verlöteten Blechbüchse mitgebracht hatte. Brünnow sandte ein arabisches Glückwunschgedicht, worin er in anmutiger Weise den Name Ruska mit einem der hundert Namen Allahs in Verbindung brachte. Jetzt erst, seitdem wir das Büble hatten, wussten wir ganz, was glücklich sein bedeutete. Wie verfolgten und beachteten wir jeden Blick, jeden Laut, jede Bewegung des kleinen Wesens, das erste Lächeln, das erste Erkennen der Mutter, jeden Fortschritt im Gebrauch der Händchen, all die seltsamen Laute und Monologe, die dem Sprechenlernen vorangehen. Ich begann, unsere Beobachtungen, die von Monat zu Monat, von Woche zu Woche mehr Inhalt bekamen, in ein eigenes Buch einzutragen. Das grösste Vergnügen hatte ich daran, die Entwicklung der Sprachlaute zu verfolgen. Offenbar führte behagliche Spielerei mit der Zunge ebenso zur Erzeugung neuer Laute, wie das Unbehagen, das der Beginn des Zahnens mit sich brachte. Aber aus den Lautverbindungen, die sich dabei einstellten, konnte noch ebensogut Hottentottisch, Chinesisch oder Sanskrit wie Deutsch entstehen. Es kam nur darauf an, welche Laute von der Umgebung dauernd gebraucht wurden. Bis zu der Entdeckung, dass man mit bestimmten Lauten etwas Bestimmtes meinen konnte, war noch ein weiter Weg. Was Hänschen wollte oder nicht wollte, wusste es durch wirksamere Methoden auszudrücken.

Inzwischen hatte sich, besonders seit das Kind da war, das Verhältnis zu den Hausbesitzern mehr und mehr getrübt. Es war erstaunlich, wie erfinderisch die Frau des Kollegen sein konnte, uns die freie Bewegung und die unerlässliche Verfügung über unsere Räume zu beschränken. Versuche, durch ruhige Aussprache ein normales Verhältnis wieder herbeizuführen, hatten keinen dauernden Erfolg. Ende März bekamen wir die Kündigung auf Juli zugestellt. Der eigentliche Grund war uns jetzt klar geworden. Man wusste, dass wir im Juli ein zweites Kind erwarteten. Zwei kleine Kinder durften in einem so vornehmen Hause nicht geduldet werden. Wir mussten unter allen Umständen vorher das Haus verlassen. Der Termin war mit besonderer Bosheit gewählt. Da wir im Juli nicht umziehen konnten, blieb uns nichts übrig, als in aller Eile eine neue Wohnung zu suchen. Wir fanden sie in Neuenheim, in einem Haus der Schröderstrasse. Aber wir waren, wie sich nach kurzer Zeit herausstellte, vom Regen in die Traufe gekommen und mussten nach einem Jahr zum zweiten Mal das Bündel schnüren.

Am 19. Juni bekam Hänschen ein Schwesterchen als Spielkamerad. Es wurde mit unsagbarem Erstaunen zur Kenntnis genommen, aber vorerst war mit der kleinen Katze nichts anzufangen. In der Küche, im Wohnzimmer, an Papas Papierkorb gab es wichtigere Dinge zu tun. Im September, als Hänschen das Stehen und Gehen gelernt hatte, konnten wir auch bemerken, dass es immer mehr Personen und Dinge mit Worten bezeichnete oder seine Absichten und Wünsche durch bestimmte Laute und Gebärden ausdrückte. Das Wunder der Sprache war erfasst, der Umfang des Gebrauchs der Kinderworte war unendlich. Wieviel Freude und Sehnsucht, wieviel Bitten und Wünsche konnte Hänschen allein in die Worte Mama, Papa, Awa (haben) hineinzaubern! Was konnte er nur mit "grri", "gega" und "gigig" alles bezeichnen! Ich weiss nicht, ob sich schon jemand mit dem Bedeutungsumfang und den Wandlungen solcher Kinderworte ernstlich beschäftigt hat. Man könnte für die Entfaltung des geistigen Lebens mehr Erkenntnis daraus gewinnen, als alles abstrakte Kathedergeschwätz der Welt zu leisten vermag. Es war wunderbar, wie schnell sich nun das Verständnis für alles Vorgesprochene mehrte, wie vielseitig und ausdrucksvoll jede Stimmung des Kindes, Ungeduld und Sorge, Angst und Freude, Liebesverlangen, Schmeichelei und jede Art von Schelmerei zum Ausdruck kam. Wenn ich immer schon ein Kindernarr gewesen war, jetzt wurde ich Hänschens täglicher Spielkamerad und Reisebegleiter. Die Entdeckungen, die wir alle Tage machten, wenn wir miteinander spazieren gingen oder Bilderbücher betrachteten, wollten kein Ende nehmen.

Im zweiten Lebensjahr machte Hänschen im Beobachten der Dinge und Menschen, im Verstehen und Sprechen noch erstaunlichere Fortschritte. Das Büblein war unermüdlich in der Erfindung von Spielen, in neugierigen Fragen und Selbstgesprächen. Wenn es von Spaziergängen mit seinem Papa heimkam, wenn wir am Bahnhof oder am Neckar gewesen waren, wenn wir die Kaufläden in der Stadt angesehen hatten, oder Blumen von den Wiesen aus dem Wald nach Hause brachten, konnte es ganze Romane erzählen. Bei schlechtem Wetter musste ich ihm mit Bilderbüchern und immer neuen Zeichnungen auf der Schreibtafel und Papier die Zeit vertreiben, wenn nicht das Schwesterchen seine Kameradschaft in Anspruch nahm.

Im Mai 1902 zogen wir, als die Verhältnisse unerträglich geworden waren, in den Neubau Lutherstrasse 47 um. Hier blieben wir drei Jahre, bis uns der Raummangel wieder zum Wandern zwang. Denn wir hatten am 15. August 1902 noch ein Mädelchen bekommen, und am 24. April 1904 gesellte sich ein zweiter Bub dazu. Nun war es geraten, für ein eigenes Heim zu sorgen, aus dem uns auch bei weiterem Familienzuwachs niemand mehr vertreiben konnte. Es wurde uns in der Mönchhofstrasse ein villenartiges kleines Haus mit Vorgarten angeboten, das wir gegen einen Anzahlung von RM. 15000,-- erwerben konnten. Die Lage war herrlich, denn die Strasse war noch wenig bebaut, und gegenüber hatten wir den Blick in den Winter'schen Park. Wir bezogen die unteren beiden Stockwerke und behielten die Bewohner des Dachstocks, den Reallehrer Braun mit seiner Frau, zwei liebe und feine Menschen, als Hausgenossen.

So weit das neue Leben uns allein anging, hätten wir glauben können, dass wir auf einer Insel der Seligen lebten, auf der es keine Kämpfe und Konflikte, keinen Hass, Neid und Hochmut gibt. Aber schon die Brautzeit hatte uns gelehrt, dass sich in dem Einklang der Seelen tausend alte und neue Ansprüche mischten, und dass es nicht so einfach war, das Lebensschiffchen zwischen Klippen und Strudeln in den Hafen zu steuern. Jeder Tag zeigte, dass mit der Gründung einer neuen Familie die Auseinandersetzung mit den Ansprüchen des Elternhauses einsetzte und dass das Mass der Bindung nicht von unseren Wünschen allein abhing. Es gehörte unendlich viel Takt und Selbstbeherrschung dazu, um einen Ausgleich zu finden, der berechtigten Wünschen und Erwartungen entsprach.

Wie grundverschieden lagen doch für jeden von uns die neuen Bedingungen des Lebens! Seit fast zehn Jahren war ich nach jeder Richtung unabhängig. So weit nicht Direktoren oder Stadträte sich Eingriffe in meine Freiheit herausnahmen, war ich immer Herr meiner Entschlüsse und Handlungen gewesen und hatte mir Verkehr und Beschäftigung selbst gewählt. Auch dass ich gelegentlich als Gast im Hause Merx erschien, hatte meine Freiheit nicht weiter beeinträchtigt. Dann aber, als Verlobter, war ich zugleich, wenn man so sagen darf, der Gefangene meiner neuen Umgebung.

Ich erfuhr bald, dass meine Braut keinen dringenderen Wunsch hegte, als sich dem ganzen akademischen Treiben und allen Verpflichtungen, die es mit sich brachte, zu entziehen. Pfarrfrau irgendwo auf dem Lande zu werden, wäre ihr Ideal gewesen. Auch ihre Ausbildung als Krankenschwester hätte sie gerne verwertet, wenn das nicht gegen den Ehrenkodex der akademischen Kreise verstossen hätte. Wenn ich mir fern von der Welt in einem kleinen Städtchen einen neuen Wirkungskreis gesucht hätte, wäre wenigstens ein Teil dieser Wunschträume befriedigt worden. Aber davon konnte nun doch keine Rede sein.

In welcher Richtung sich die Erwartungen der Schwiegereltern bewegten, war auch kein Geheimnis. Dass ich Professor an einer Schule war, die nicht für voll galt, musste einstweilen hingenommen werden. Ich konnte ja auch von hier aus zu höheren Ehren aufsteigen, wenn ich bereit war, jetzt noch die akademische Laufbahn einzuschlagen. Den Nachweis der persönlichen Fähigkeit hatte ich erbracht; das Hindernis, das mir 1896 bei meiner Anstellung in den Weg gelegt worden war, hätte sich mit wenig Mühe beseitigen lassen.

Aber ich konnte mit Recht geltend machen, dass mir der Unterricht in den Oberklassen nicht mehr genügend Zeit und Kraft übrig lasse, auch noch wissenschaftliche Aufgaben auf einem der Schule gänzlich fernliegenden Gebiet mit Ernst zu verfolgen. Und ich konnte sagen, dass ich mich an mein früher gegebenes Wort gebunden fühle, der Übergang zur Universität also nur durch Austritt aus dem Schuldienst zu erkaufen sei. Das hätte aber nichts anderes bedeutet, als mich samt Frau und Kindern von den Schwiegereltern erhalten zu lassen.

Es blieb mir keine Wahl, ich musste den Schwiegervater enttäuschen, wenn ich der jungen Frau keine Enttäuschung bereiten wollte. Es war immer noch besser, sich die Freiheit zu wahren, die mit dem Verbleiben im Schulamt verbunden war, als um eines Dozententitels willen die schlimmste Unfreiheit oder gar einen ernsten Missklang in der Ehe in Kauf zu nehmen.

Wer sich der Einsamkeit ergibt, ist bald allein: besonders dann, wenn das Alleinsein zum Prinzip erhoben, wenn der Trennungsstrich schärfer gezogen wird, als nötig ist. Der Verkehr wurde auf die nächsten Freunde des Hauses beschränkt, andere Einladungen wurden abgelehnt. Sehr oft war ich allein der Vertreter der jungen Familie, und genoss mit gemischten Gefühlen die Ehren, die mir als dem Schwiegersohn eines grossen Mannes zukamen. Ich lernte nicht nur sämtliche Theologen, sondern auch Vertreter aller anderen Fakultäten kennen, junge Privatdozenten und alte Geheimräte, und konnte ebenso ihre Vorzüge bestaunen wie ihre Beschränktheiten und Vorurteile stillvergnügt mitansehen. Es war die Zeit, wo sich meine satyrische Begabung entfaltete und ich ihr freien Lauf liess, wenn sich dazu Anlass fand. Mancher naiven Anmassung, manchem akademischen Hochmut konnte ich dadurch begegnen, dass ich ihm mit sanfter Ironie und freundlichem Lächeln den Boden unter den Füssen wegzog. Aber verdriesslich war es doch, sich ausserhalb eines Kreises zu wissen, dem man mit vollem Recht hätte angehören können.


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© Julius Ruska 1937