Es
ist ein schöner und wohltuender Brauch, dass man in
allen Fällen, wo es sich um materielle Leistungen an
Staat und Kirche handelt, von einer Prüfung der
Gesin-nung absieht. Wohin käme auch der Staat, wenn
er dem Bürger freistellte, bei mangelnder Zustimmung
zu seinen Massnahmen die Steuern schuldig zu bleiben,
oder wenn ein Jüngling bei pazifistischer
Einstellung den Anspruch auf Befreiung von der
Wehrpflicht geltend machen könnte. Und wohin
kämen die Kirchen, wenn sie jenen, der Kirchensteuer
zu zahlen hat, erst einem Verhör unterziehen
wollten, ob er auch noch alle frommen Vorschriften
befolge, und jeden Artikel des Bekennt-nisses anerkenne?
Wenn irgendwo, so wird hier eine wahrhaft christliche
Duldung geübt. Man gilt als Katholik, so lange man
nicht feierlich Einspruch erhebt und sei-nen Austritt aus
der Gemeinschaft anmeldet. Die Kirche kann zusehen, wie
einer ein Leben lang sich von allen kirchlichen
Handlungen fern hält, aber sie gibt wie jede gute
Mutter die Hoffnung nicht auf, dass der verlorene Sohn
sich am Ende doch noch heimfinden wird.
Warum
ich schon als Primaner nicht mehr Katholik, ja streng
genommen auch nicht mehr Christ im Sinn eines kirchlichen
Bekenntnisses sein konnte, habe ich früher schon
erzählt. Wenn ich als Student an der äusseren
Zugehörigkeit zum Katholi-zismus nichts
änderte, so tat ich damit nur, was unzählige
andere auch taten. Nie-mand verlangte Rechenschaft
über meine wirkliche Gesinnung, und kirchliche
Betä-tigung wurde dem Studenten von keiner Seite
mehr zugemutet. Ein Übertritt zum Protestantismus
oder zu irgendeiner freien religiösen Gemeinschaft
aber war die Verstimmungen nicht wert, die sich im
Familienkreis daran geknüpft hätten. So
weitherzig mein Vater und selbst meine Mutter über
das Dogmenwesen der eigenen Kirche dachten, eine formelle
Lösung von der überkommenen Religion
hätten sie doch als pietätlos
empfunden.
Dass
ich von Amts und Rechts wegen noch immer Katholik war,
wurde mir erst wie-der in Erinnerung gebracht, als ich in
Heidelberg im Auftrags des Staats an der Realschule zu
wirken begann. Kirchlichem Druck hätte ich mich zu
entziehen ge-wusst, aber die Zwangslage kam vom Staat
her. Der Direktor verlangte und erwar-tete von seinen
Untergebenen, dass sie sich am Festgottesdienst zu
Kaisers Ge-burtstag beteiligten. Im Grunde war das ja nur
eine amtliche vorgeschriebene Ge-ste, das wusste jeder,
und doch war es nicht dasselbe, ob man an einem Hochamt
teilnahm oder in einer protestantischen Kirche eine
Festpredigt anhörte. Ich emp-fand es als ein
unwürdiges Spiel mit Dingen, die anderen heilig
waren, wenn ich in den rotgepolsterten Beamtenbänken
der Jesuitenkirche das Messopfer wieder mit-machen und
Kreuze schlagen sollte. Wie fremd und leer war mir doch
dieses ganze Zeremoniell im Lauf weniger Jahre geworden!
Ich hätte ebensogut an einem bud-dhistischen
Gottesdienst in Siam teilnehmen können. Der
Unterschied war nur der, dass ich von jenen Zeremonien
nichts verstanden hätte, während ich genau
wusste, welchen Segen die Gläubigen vom Messopfer
erwarteten. War es nicht gut katholi-sche Lehre, dass
beim Beginn der Messe die Engel vom Himmel herabsteigen
und den ganzen Raum um den Altar erfüllen, um in die
priesterlichen Gebete einzu-stimmen? Und vollbrachte der
Priester bei der Messe nicht jedesmal ein Wunder,
grösser und herrlicher als alle Wunder der
Schöpfung, man kann es in jedem Buch über die
Messe lesen, dass eine Hostie mehr Schätze,
Reichtümer und Herrlichkei-ten in sich schliesst,
als sich im ganzen Weltall finden, da sie nichts anderes
ist als der verklärte, unsterbliche,
blutdurchströmte Leib Christi, der Gottmensch, der
in unendlicher, unbegreiflicher Majestät im Himmel
lebt und bei der Kommunion in den Gläubigen selbst
übergeht. Die Pforten des Himmels öffnen sich,
der König der Herrlichkeit steigt in Begleitung von
Engelchören hernieder auf den Altar und die Erde
wird zum Paradies. Der Priester trägt seinen
Schöpfer, Erlöser und Richter in Händen:
was liegt da näher, als dass er vor demselben in
heiliger Furcht und seli-ger Freude anbetend auf die Knie
sinkt?
Was
mir näher lag, war das Entsetzen vor einer
Religionsübung, die aus dem my-stischen Tiefsinn der
Abendmahlsfeier einen Wunderglauben der krassesten Art
entwickelt hatte, war die Frage, ob hier nicht, verquickt
mit Phantasien über göttli-che Geheimnisse, ein
Zauberkult und Fetischdienst schlimmster Art vorlag? Dass
die Messe eine Erfindung war, von der weder das
apostolische und irgendein ande-res Glaubensbekenntnis,
geschweige denn die Evangelien ein Wort enthielten?
Re-ligionsgeschichtlich und psychologisch war jeder
Schritt von der Mythologie der Evangelien zur
festgefügten, auf Dogmen gebauten Priesterkirche zu
verstehen, auch wenn man nicht an eine telephonische
Verbindung zwischen dem lieben Gott und den Nachfolgern
Petri glaubte. Man konnte vor dem Katholizismus als einer
bald zweitausend Jahre alten religiösen Macht von
unerhörten geschichtlichen Wir-kungen Respekt haben.
Man konnte die suggestive Kraft, die Poesie, die
Würde des Gottesdienstes anerkennen, auch wenn man
innerlich nicht das geringste mehr damit zu schaffen
hatte. Es war schön, sich Erinnerungen an die
Kinderzeit hinzuge-ben, wo das alles noch lebendig und
sinnvoll war. Aber so wenig ich dem Alten Te-stament mit
seinen primitiven Vorstellungen, mit einem Gott, der als
Dampfwolke durch die Wüste zog, oder mit Moses auf
dem Sinai Privatgespräche führte, für mein
Leben und Handeln einen Einfluss einräumen konnte,
so wenig hatte mir eine Kirche zu sagen, die über
dem rührend schlichten Glauben an den Heiland und
der jedem Kind fassbaren Lehre Jesu einen
magisch-hierarischen Bau errichtet hatte, in dem man den
Sinn der christlichen Liebesbotschaft kaum
wiedererkannte.
Ich
brauchte nicht erst in die Jesuitenkirche zu gehen, um
von solchen Gedanken verfolgt zu werden. Jedes
Glockengeläut, jeder Orgelklang, jeder Sonntag
erinnerte mich an den Zwiespalt meines Daseins. War es
nicht besser und ehrlicher, endlich den Austritt aus
dieser Kirche zu vollziehen? Aber der Staat verlangte von
seinen Dienern die Zugehörigkeit zu einer
anerkannten Religionsgemeinschaft - war es dann nicht
ebenso unehrlich, wenn ich ein Bekenntnis zur
evangelischen Kirche ab-legte? Die Reformatoren hatten
nicht nur mit den Missbräuchen in der alten Kirche
aufgeräumt, sie hatten auch den Gottesdienst und
Sakramentsgebrauch so gründ-lich gesäubert und
hinausgefegt, dass in den Kirchen nur noch kahle
Wände und leere Bänke zu sehen waren. Und damit
sich ja niemand einfallen liesse, eine Kir-che auch
einmal aufzusuchen, wenn der Pastor nicht gerade das Wort
Gottes ver-kündigte, hatten die Inhaber des Worts
die Türen geschlossen und die Schlüssel in die
Tasche gesteckt.
Das
war der Protestantismus von aussen gesehen - gewiss kein
verlockendes Bild. Aber wie sah es erst im Innern aus!
Man feierte Luther als den grossen Befreier, als den
Erwecker des deutschen Geistes: aber hatte er und seine
Theologie die Chri-stenheit nicht in neue dogmatische
Fesseln geschlagen? War im Protestantismus nicht ein
Buchstabenglaube grossgezogen worden, der einem an
eigenes Denken und urteilen gewohten Menschen noch
unerträglicher sein musste, als die katholi-sche
Bindung? Wo blieb die vielgerühmte
Gewissensfreiheit, wenn die im Kirchenre-giment
massgebende Orthodoxie in jedem Ländchen die
Unfehlbarkeit für sich in Anspruch nahm und jedes
Abweichen vom Buchstaben, das sich ein Pastor zuschul-den
kommen liess, mit fanatischer Unduldsamkeit verfolgte?
Hatten diese dogma-tischen Eiferer ein Recht, sich
über die mittelalterliche Kirche aufzuregen, wenn
sie selber Petrefakte aus dem 16. und 17. Jahrhundert
waren?
Das
kirchliche Leben des Protestantismus stand im Anfang der
neunziger Jahre wieder einmal im Zeichen des erbitterten
Kampfes zwischen der Partei der Buchsta-bengläubigen
Bekenner und dem kritischen , also "ungläubigen"
Richtungen aller Grade. Die rechtgläubigen Pastoren
hatten keinen leichten Stand, wenn sie den Glauben an die
Verbalinspiration und die Irrtumslosigkeit der Bibel, wie
er in ihren Gemeinden überliefert war, gegen die
unwiderlegbaren Feststellungen der Bibelkri-tik retten
wollten. Sie mussten, wenn sie dem bornierten
Buchstabenglauben ihrer Getreuen Genugtuung tun wollten,
vor all den Tausenden von Tatsachen, die die kritische
Betrachtung neuen Testaments festgestellt hatte,
gewaltsam die Augen verschliessen, oder sie setzten sich,
wenn sie der Kritik auch nur das kleinste
Zuge-ständnis machten, der Gefahr aus, selbst als
Abtrünnige und Heiden verschrieen und ihres Amtes
entsetzt zu werden. Dass in solcher Zwangslage die
Ehrlichkeit und innere Wahrhaftigkeit zu Grunde gerichtet
wurde, die man von einem Kündiger des "Wortes
Gottes" verlangen musste, war nicht die einzige Folge der
Überspannung und haltbarer Grundsätze. Es
konnte nicht ausbleiben, dass sie schliesslich zur
voll-ständigen Trennung vom Leben der Nation und zur
geistigen Verödung führen musste.
Wenn
schon die Leugnung der buchstäblichen Eingebung der
Bibelworte ein heisses Eisen war, an dem sich ein Pastor
die Finger verbrennen konnte, so war die Gefahr
verzehnfacht, wenn er gar am Apostolikum zu rütteln
wagte. Da hatte im Schwa-benland ein junger Geistlicher,
der Pfarrer Chr. Schrempf, die Kühnheit gehabt, ein
Kind zu taufen, ohne die Paten auf das "apostolische
Glaubensbekenntnis" zu ver-pflichten, weil er selbst das
Bekenntnis weder mit den Evangelien noch mit seiner
persönlichen Ehrlichkeit in Einklang bringen konnte.
Was half ihm die glänzendste Rechtfertigung, was
half ihm der Hinweis auf seine Gewissensnot? Die
Kirchenbe-hörde ging auf den Kern der Frage, auf den
für Tausende bestehenden Notstand, gar nicht ein,
und verhängte die Amtsentsetzung wegen Verfehlung
gegen die übernommene "Dienstpflicht". War es ein
Wunder, dass der Fall Schrempf im gan-zen
protestantischen Deutschland zwischen denen, die sich von
ihhem Bekenntnis kein Jota rauben lassen wollten, und die
anderen, die sich nicht an eine unmöglich gewordene
Formel binden konnten, erbitterte Auseinandersetzungen
und Erklärun-gen auslöste? Natürlich
wusste jeder der streitenden, um was es im letzten Grund
ging. Der Sturm auf das Apostolikum, wie man die Bewegung
im Gläubigenlager nannte, bedeutete zugleich einen
Angriff auf die Machtstellung der Orthodoxie. Die
Forderung einer freieren Handhabung der Bekenntnisformeln
war das gute Recht der theologischen Fakultäten,
denen von Staat und Kirche die Ausbildung der
künftigen Pfarrer anvertraut war. Ich sah den Streit
ausklingen, ohne mich daran innerlich beteiligt zu
fühlen. Die Auseinandersetzungen waren mir
aufschlussreich als Beweise für die unaufhaltsame
Zersetzung der alten Dogmatik, aber sie ent-hielten
keinen Antrieb, mich irgendwie von dieser Entwicklung
bestimmen zu lassen. Ich taugte weder für die
Orthodoxie noch für die liberalere Form des
Protestantis-mus.
Die
Jahre kamen und gingen, ich war gerade in meine Arbeit
über das syrische Quadrivium vertieft, als ich einen
Anstoss bekam, die Frage des Übertritts von einer
neuen Seite zu betrachten. Ein Kollege an der Schule,
genau so katholisch wie ich, vollzog den
Konfessionswechsel, weil er mit einer Protestantin die
Ehe eingehen wollte und seiner künftigen Kinder
wegen eine klare Lage zu schaffen wünschte. Man
machte ihm keine grossen Schwierigkeiten beim
Übertritt. Er wurde nicht pein-lich examiniert, ob
er auch über alle Glaubensartikel der badischen
Landeskirche Bescheid wusste; die Erklärung, dass er
ihr beizutreten wünsche wurde als genü-gend
anerkannt. Ich musste mir sagen, dass ich im gleichen
Falle nicht anders handeln würde. Keine Macht der
Welt würde mich dazu bringen, eine katholische Ehe
einzugehen und mich auf diesem Wege aufs neue und
für immer in ein Joch zu zwingen, dem ich seit zehn
Jahren glücklich entronnen war. Niemals würde
ich meine Kinder den gleichen Seelenkämpfen
aussetzen, die mir so viel zu schaffen gemacht hatten.
Selbst dann, wenn das Schicksal mir eine Braut bescheren
sollte, die dem alten Glauben angehörte, würde
ich die Bedingung protestantischer Trau-ung und
Kindererziehung stellen. Hier musste später
unvermeidlichen Schwierig-keiten von vornherein der Boden
entzogen werden.
Die
Jahre flogen weiter dahin, ich war inzwischen Professor
geworden, aber zum Übertritt hatte ich mich immer
noch nicht entschliessen können. Da setzte mich die
Einführung von Kirchensteuern endlich in Bewegung.
Katholische Steuern zu zahlen, hätte nichts anderen
bedeutet, als mich vor aller Welt zum Katholizismus zu
seinen Zielen zu bekennen. Davon konnte schlechterdings
keine Rede sein, zumal in einer Stadt, wo das
ultramontane Hetzblatt keinen Tag vergehen liess, ohne
die "Schwe-sterkirche" zu verunglimpfen. Ich besprach die
Lage mit dem Pfarrer Schneider, der an der Schule
Religionsunterricht erteilte, und bekam von ihm die
Versicherung, dass die Operation schmerzlos und ohne
Aufsehen vonstatten gehen könne. Dann trug ich mein
Anliegen dem Dekan Hönig vor, der mir auch
persönlich bekannt war und erhielt von ihm die
gleichen beruhigenden Auskünfte. Ein Bekenntnis zum
Apo-stolikum würde mir jedenfalls nicht
abgenötigt werden. So fand ich mich also, es war an
einem sonnigen Sonntag im Januar 1897, im Amtszimmer des
Dekans ein, unterschrieb eine von zwei
Kirchengemeinderäten bestätigte Erklärung,
und damit war der feierliche Akt vollzogen. Ich empfand
ihn als endgültige Befreiung.
Meinem
Vater hatte ich schon im Dezember meine Absicht
mitgeteilt und kurz be-gründet. Ich war nicht wenig
erstaunt, dass er darüber in Unruhe geriet und mich
dringend bat, den Schritt zu unterlassen. Ich kannte doch
seine dem Pfaffentum feindliche Einstellung zur
Genüge, ich kannte seine Gleichgültigkeit gegen
alles, was kirchlich gefordert wurde. Ich wusste auch,
dass ihn M. von Egidys "Ernste Ge-danken", die auf
dogmenfreies Christentum abzielten, in jenen Jahren stark
ange-zogen hatten. Was konnte er also ernstlich gegen
mein Vorhaben einzuwenden haben? Ich fand es
verständlich, dass er mich an die Mutter, an die
Verwandtschaft erinnerte - die Pietät gegen das
Empfinden meiner Angehörigen hatte mich ja selbst
früher von dem entscheidenden Schritt abgehalten.
Aber wenn mein Vater selber nur noch äusserlich mit
seiner Kirche zusammenhing, wenn er selbst mich darauf
verwies, dass Millionen, die sich Katholiken nannten,
sich innerlich mit den Seelsorgern nicht einverstanden
wussten und sich nicht an die kirchliche Lehre hielten,
welchen Vorwurf konnte er mir daraus machen, dass ich
endlich die Folge-rungen zog?