Vierzigstes Kapitel.

Los von Rom.
Es ist ein schöner und wohltuender Brauch, dass man in allen Fällen, wo es sich um materielle Leistungen an Staat und Kirche handelt, von einer Prüfung der Gesin-nung absieht. Wohin käme auch der Staat, wenn er dem Bürger freistellte, bei mangelnder Zustimmung zu seinen Massnahmen die Steuern schuldig zu bleiben, oder wenn ein Jüngling bei pazifistischer Einstellung den Anspruch auf Befreiung von der Wehrpflicht geltend machen könnte. Und wohin kämen die Kirchen, wenn sie jenen, der Kirchensteuer zu zahlen hat, erst einem Verhör unterziehen wollten, ob er auch noch alle frommen Vorschriften befolge, und jeden Artikel des Bekennt-nisses anerkenne? Wenn irgendwo, so wird hier eine wahrhaft christliche Duldung geübt. Man gilt als Katholik, so lange man nicht feierlich Einspruch erhebt und sei-nen Austritt aus der Gemeinschaft anmeldet. Die Kirche kann zusehen, wie einer ein Leben lang sich von allen kirchlichen Handlungen fern hält, aber sie gibt wie jede gute Mutter die Hoffnung nicht auf, dass der verlorene Sohn sich am Ende doch noch heimfinden wird.

Warum ich schon als Primaner nicht mehr Katholik, ja streng genommen auch nicht mehr Christ im Sinn eines kirchlichen Bekenntnisses sein konnte, habe ich früher schon erzählt. Wenn ich als Student an der äusseren Zugehörigkeit zum Katholi-zismus nichts änderte, so tat ich damit nur, was unzählige andere auch taten. Nie-mand verlangte Rechenschaft über meine wirkliche Gesinnung, und kirchliche Betä-tigung wurde dem Studenten von keiner Seite mehr zugemutet. Ein Übertritt zum Protestantismus oder zu irgendeiner freien religiösen Gemeinschaft aber war die Verstimmungen nicht wert, die sich im Familienkreis daran geknüpft hätten. So weitherzig mein Vater und selbst meine Mutter über das Dogmenwesen der eigenen Kirche dachten, eine formelle Lösung von der überkommenen Religion hätten sie doch als pietätlos empfunden.

Dass ich von Amts und Rechts wegen noch immer Katholik war, wurde mir erst wie-der in Erinnerung gebracht, als ich in Heidelberg im Auftrags des Staats an der Realschule zu wirken begann. Kirchlichem Druck hätte ich mich zu entziehen ge-wusst, aber die Zwangslage kam vom Staat her. Der Direktor verlangte und erwar-tete von seinen Untergebenen, dass sie sich am Festgottesdienst zu Kaisers Ge-burtstag beteiligten. Im Grunde war das ja nur eine amtliche vorgeschriebene Ge-ste, das wusste jeder, und doch war es nicht dasselbe, ob man an einem Hochamt teilnahm oder in einer protestantischen Kirche eine Festpredigt anhörte. Ich emp-fand es als ein unwürdiges Spiel mit Dingen, die anderen heilig waren, wenn ich in den rotgepolsterten Beamtenbänken der Jesuitenkirche das Messopfer wieder mit-machen und Kreuze schlagen sollte. Wie fremd und leer war mir doch dieses ganze Zeremoniell im Lauf weniger Jahre geworden! Ich hätte ebensogut an einem bud-dhistischen Gottesdienst in Siam teilnehmen können. Der Unterschied war nur der, dass ich von jenen Zeremonien nichts verstanden hätte, während ich genau wusste, welchen Segen die Gläubigen vom Messopfer erwarteten. War es nicht gut katholi-sche Lehre, dass beim Beginn der Messe die Engel vom Himmel herabsteigen und den ganzen Raum um den Altar erfüllen, um in die priesterlichen Gebete einzu-stimmen? Und vollbrachte der Priester bei der Messe nicht jedesmal ein Wunder, grösser und herrlicher als alle Wunder der Schöpfung, man kann es in jedem Buch über die Messe lesen, dass eine Hostie mehr Schätze, Reichtümer und Herrlichkei-ten in sich schliesst, als sich im ganzen Weltall finden, da sie nichts anderes ist als der verklärte, unsterbliche, blutdurchströmte Leib Christi, der Gottmensch, der in unendlicher, unbegreiflicher Majestät im Himmel lebt und bei der Kommunion in den Gläubigen selbst übergeht. Die Pforten des Himmels öffnen sich, der König der Herrlichkeit steigt in Begleitung von Engelchören hernieder auf den Altar und die Erde wird zum Paradies. Der Priester trägt seinen Schöpfer, Erlöser und Richter in Händen: was liegt da näher, als dass er vor demselben in heiliger Furcht und seli-ger Freude anbetend auf die Knie sinkt?

Was mir näher lag, war das Entsetzen vor einer Religionsübung, die aus dem my-stischen Tiefsinn der Abendmahlsfeier einen Wunderglauben der krassesten Art entwickelt hatte, war die Frage, ob hier nicht, verquickt mit Phantasien über göttli-che Geheimnisse, ein Zauberkult und Fetischdienst schlimmster Art vorlag? Dass die Messe eine Erfindung war, von der weder das apostolische und irgendein ande-res Glaubensbekenntnis, geschweige denn die Evangelien ein Wort enthielten? Re-ligionsgeschichtlich und psychologisch war jeder Schritt von der Mythologie der Evangelien zur festgefügten, auf Dogmen gebauten Priesterkirche zu verstehen, auch wenn man nicht an eine telephonische Verbindung zwischen dem lieben Gott und den Nachfolgern Petri glaubte. Man konnte vor dem Katholizismus als einer bald zweitausend Jahre alten religiösen Macht von unerhörten geschichtlichen Wir-kungen Respekt haben. Man konnte die suggestive Kraft, die Poesie, die Würde des Gottesdienstes anerkennen, auch wenn man innerlich nicht das geringste mehr damit zu schaffen hatte. Es war schön, sich Erinnerungen an die Kinderzeit hinzuge-ben, wo das alles noch lebendig und sinnvoll war. Aber so wenig ich dem Alten Te-stament mit seinen primitiven Vorstellungen, mit einem Gott, der als Dampfwolke durch die Wüste zog, oder mit Moses auf dem Sinai Privatgespräche führte, für mein Leben und Handeln einen Einfluss einräumen konnte, so wenig hatte mir eine Kirche zu sagen, die über dem rührend schlichten Glauben an den Heiland und der jedem Kind fassbaren Lehre Jesu einen magisch-hierarischen Bau errichtet hatte, in dem man den Sinn der christlichen Liebesbotschaft kaum wiedererkannte.

Ich brauchte nicht erst in die Jesuitenkirche zu gehen, um von solchen Gedanken verfolgt zu werden. Jedes Glockengeläut, jeder Orgelklang, jeder Sonntag erinnerte mich an den Zwiespalt meines Daseins. War es nicht besser und ehrlicher, endlich den Austritt aus dieser Kirche zu vollziehen? Aber der Staat verlangte von seinen Dienern die Zugehörigkeit zu einer anerkannten Religionsgemeinschaft - war es dann nicht ebenso unehrlich, wenn ich ein Bekenntnis zur evangelischen Kirche ab-legte? Die Reformatoren hatten nicht nur mit den Missbräuchen in der alten Kirche aufgeräumt, sie hatten auch den Gottesdienst und Sakramentsgebrauch so gründ-lich gesäubert und hinausgefegt, dass in den Kirchen nur noch kahle Wände und leere Bänke zu sehen waren. Und damit sich ja niemand einfallen liesse, eine Kir-che auch einmal aufzusuchen, wenn der Pastor nicht gerade das Wort Gottes ver-kündigte, hatten die Inhaber des Worts die Türen geschlossen und die Schlüssel in die Tasche gesteckt.

Das war der Protestantismus von aussen gesehen - gewiss kein verlockendes Bild. Aber wie sah es erst im Innern aus! Man feierte Luther als den grossen Befreier, als den Erwecker des deutschen Geistes: aber hatte er und seine Theologie die Chri-stenheit nicht in neue dogmatische Fesseln geschlagen? War im Protestantismus nicht ein Buchstabenglaube grossgezogen worden, der einem an eigenes Denken und urteilen gewohten Menschen noch unerträglicher sein musste, als die katholi-sche Bindung? Wo blieb die vielgerühmte Gewissensfreiheit, wenn die im Kirchenre-giment massgebende Orthodoxie in jedem Ländchen die Unfehlbarkeit für sich in Anspruch nahm und jedes Abweichen vom Buchstaben, das sich ein Pastor zuschul-den kommen liess, mit fanatischer Unduldsamkeit verfolgte? Hatten diese dogma-tischen Eiferer ein Recht, sich über die mittelalterliche Kirche aufzuregen, wenn sie selber Petrefakte aus dem 16. und 17. Jahrhundert waren?

Das kirchliche Leben des Protestantismus stand im Anfang der neunziger Jahre wieder einmal im Zeichen des erbitterten Kampfes zwischen der Partei der Buchsta-bengläubigen Bekenner und dem kritischen , also "ungläubigen" Richtungen aller Grade. Die rechtgläubigen Pastoren hatten keinen leichten Stand, wenn sie den Glauben an die Verbalinspiration und die Irrtumslosigkeit der Bibel, wie er in ihren Gemeinden überliefert war, gegen die unwiderlegbaren Feststellungen der Bibelkri-tik retten wollten. Sie mussten, wenn sie dem bornierten Buchstabenglauben ihrer Getreuen Genugtuung tun wollten, vor all den Tausenden von Tatsachen, die die kritische Betrachtung neuen Testaments festgestellt hatte, gewaltsam die Augen verschliessen, oder sie setzten sich, wenn sie der Kritik auch nur das kleinste Zuge-ständnis machten, der Gefahr aus, selbst als Abtrünnige und Heiden verschrieen und ihres Amtes entsetzt zu werden. Dass in solcher Zwangslage die Ehrlichkeit und innere Wahrhaftigkeit zu Grunde gerichtet wurde, die man von einem Kündiger des "Wortes Gottes" verlangen musste, war nicht die einzige Folge der Überspannung und haltbarer Grundsätze. Es konnte nicht ausbleiben, dass sie schliesslich zur voll-ständigen Trennung vom Leben der Nation und zur geistigen Verödung führen musste.

Wenn schon die Leugnung der buchstäblichen Eingebung der Bibelworte ein heisses Eisen war, an dem sich ein Pastor die Finger verbrennen konnte, so war die Gefahr verzehnfacht, wenn er gar am Apostolikum zu rütteln wagte. Da hatte im Schwa-benland ein junger Geistlicher, der Pfarrer Chr. Schrempf, die Kühnheit gehabt, ein Kind zu taufen, ohne die Paten auf das "apostolische Glaubensbekenntnis" zu ver-pflichten, weil er selbst das Bekenntnis weder mit den Evangelien noch mit seiner persönlichen Ehrlichkeit in Einklang bringen konnte. Was half ihm die glänzendste Rechtfertigung, was half ihm der Hinweis auf seine Gewissensnot? Die Kirchenbe-hörde ging auf den Kern der Frage, auf den für Tausende bestehenden Notstand, gar nicht ein, und verhängte die Amtsentsetzung wegen Verfehlung gegen die übernommene "Dienstpflicht". War es ein Wunder, dass der Fall Schrempf im gan-zen protestantischen Deutschland zwischen denen, die sich von ihhem Bekenntnis kein Jota rauben lassen wollten, und die anderen, die sich nicht an eine unmöglich gewordene Formel binden konnten, erbitterte Auseinandersetzungen und Erklärun-gen auslöste? Natürlich wusste jeder der streitenden, um was es im letzten Grund ging. Der Sturm auf das Apostolikum, wie man die Bewegung im Gläubigenlager nannte, bedeutete zugleich einen Angriff auf die Machtstellung der Orthodoxie. Die Forderung einer freieren Handhabung der Bekenntnisformeln war das gute Recht der theologischen Fakultäten, denen von Staat und Kirche die Ausbildung der künftigen Pfarrer anvertraut war. Ich sah den Streit ausklingen, ohne mich daran innerlich beteiligt zu fühlen. Die Auseinandersetzungen waren mir aufschlussreich als Beweise für die unaufhaltsame Zersetzung der alten Dogmatik, aber sie ent-hielten keinen Antrieb, mich irgendwie von dieser Entwicklung bestimmen zu lassen. Ich taugte weder für die Orthodoxie noch für die liberalere Form des Protestantis-mus.

Die Jahre kamen und gingen, ich war gerade in meine Arbeit über das syrische Quadrivium vertieft, als ich einen Anstoss bekam, die Frage des Übertritts von einer neuen Seite zu betrachten. Ein Kollege an der Schule, genau so katholisch wie ich, vollzog den Konfessionswechsel, weil er mit einer Protestantin die Ehe eingehen wollte und seiner künftigen Kinder wegen eine klare Lage zu schaffen wünschte. Man machte ihm keine grossen Schwierigkeiten beim Übertritt. Er wurde nicht pein-lich examiniert, ob er auch über alle Glaubensartikel der badischen Landeskirche Bescheid wusste; die Erklärung, dass er ihr beizutreten wünsche wurde als genü-gend anerkannt. Ich musste mir sagen, dass ich im gleichen Falle nicht anders handeln würde. Keine Macht der Welt würde mich dazu bringen, eine katholische Ehe einzugehen und mich auf diesem Wege aufs neue und für immer in ein Joch zu zwingen, dem ich seit zehn Jahren glücklich entronnen war. Niemals würde ich meine Kinder den gleichen Seelenkämpfen aussetzen, die mir so viel zu schaffen gemacht hatten. Selbst dann, wenn das Schicksal mir eine Braut bescheren sollte, die dem alten Glauben angehörte, würde ich die Bedingung protestantischer Trau-ung und Kindererziehung stellen. Hier musste später unvermeidlichen Schwierig-keiten von vornherein der Boden entzogen werden.

Die Jahre flogen weiter dahin, ich war inzwischen Professor geworden, aber zum Übertritt hatte ich mich immer noch nicht entschliessen können. Da setzte mich die Einführung von Kirchensteuern endlich in Bewegung. Katholische Steuern zu zahlen, hätte nichts anderen bedeutet, als mich vor aller Welt zum Katholizismus zu seinen Zielen zu bekennen. Davon konnte schlechterdings keine Rede sein, zumal in einer Stadt, wo das ultramontane Hetzblatt keinen Tag vergehen liess, ohne die "Schwe-sterkirche" zu verunglimpfen. Ich besprach die Lage mit dem Pfarrer Schneider, der an der Schule Religionsunterricht erteilte, und bekam von ihm die Versicherung, dass die Operation schmerzlos und ohne Aufsehen vonstatten gehen könne. Dann trug ich mein Anliegen dem Dekan Hönig vor, der mir auch persönlich bekannt war und erhielt von ihm die gleichen beruhigenden Auskünfte. Ein Bekenntnis zum Apo-stolikum würde mir jedenfalls nicht abgenötigt werden. So fand ich mich also, es war an einem sonnigen Sonntag im Januar 1897, im Amtszimmer des Dekans ein, unterschrieb eine von zwei Kirchengemeinderäten bestätigte Erklärung, und damit war der feierliche Akt vollzogen. Ich empfand ihn als endgültige Befreiung.

Meinem Vater hatte ich schon im Dezember meine Absicht mitgeteilt und kurz be-gründet. Ich war nicht wenig erstaunt, dass er darüber in Unruhe geriet und mich dringend bat, den Schritt zu unterlassen. Ich kannte doch seine dem Pfaffentum feindliche Einstellung zur Genüge, ich kannte seine Gleichgültigkeit gegen alles, was kirchlich gefordert wurde. Ich wusste auch, dass ihn M. von Egidys "Ernste Ge-danken", die auf dogmenfreies Christentum abzielten, in jenen Jahren stark ange-zogen hatten. Was konnte er also ernstlich gegen mein Vorhaben einzuwenden haben? Ich fand es verständlich, dass er mich an die Mutter, an die Verwandtschaft erinnerte - die Pietät gegen das Empfinden meiner Angehörigen hatte mich ja selbst früher von dem entscheidenden Schritt abgehalten. Aber wenn mein Vater selber nur noch äusserlich mit seiner Kirche zusammenhing, wenn er selbst mich darauf verwies, dass Millionen, die sich Katholiken nannten, sich innerlich mit den Seelsorgern nicht einverstanden wussten und sich nicht an die kirchliche Lehre hielten, welchen Vorwurf konnte er mir daraus machen, dass ich endlich die Folge-rungen zog?


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© Julius Ruska 1937