Wenn
es nun endlich mit meinen orientalischen Plänen
Ernst werden sollte, so musste ich mich entscheiden, ob
ich mich der indischen oder der vorderasiatischen Welt
zuwenden wollte. Mich in zwei so grundverschiedene
Sprachen wie Sanskrit und Arabisch gleichzeitig
einzuarbeiten, ging wirklich über meine Kraft. So
entschied ich mich für meine alte Liebe und belegte
bei Rudolf Brünnow, einem erst vor kurzem als Ersatz
für H. Thorbecke nach Heidelberg berufenen jungen
Professor zwei Stunden Arabisch für
Anfänger.
Brünnow
bewohnte eine Villa am Anfang der Rohrbacherstrasse. Als
ich meinen Antrittsbesuch machte, sah ich mich einem
eleganten, jungen Mann gegenüber, der mir, in
Tabakswolken gehüllt, in ausländisch klingendem
Deutsch auseinandersetzte, welches Lehrbuch ich mir
anzuschaffen hätte, und was er weiter von seinen
Schülern verlange. Er hatte mich für einen
klassischen Philologen gehalten und war sehr erstaunt,
als ich ihm sagte, dass ich als Mathematiker an einer
Schule angestellt sei. Es beruhigte ihn aber sichtlich,
als er die Versicherung erhielt, dass ich mich ernsthaft
mit Arabisch befassen wolle. Der Kurs setzte sich aus
vier Leuten zusammen. Zwei Theologen fielen bald ab, der
andere, der mit mir aushielt, war ein klassischer
Philologe im ersten Semester, Anton Baumstark, heute eine
Leuchte in der deutschen Orientalistik.
Der
Professor raste in unheimlichen Tempo durch die Seiten
von Socins Grammatik. Es war gut, dass ich die arabische
Schrift schon kannte und vom Hebräischen her
wenigstens eine Ahnung vom semitischen Sprachbau besass.
Aber welche Berge von Schwierigkeiten mussten
überwunden werden, um auch nur die Formenlehre zu
bewältigen! Welch unermesslicher Wortschatz
enthüllte sich dem mühsam Vordringenden! Der
Weg führte von Socin zu W. Wright und de Sacy, bis
ich in den letzten Semestern bei den kleinen und grossen
Nationalgrammatikern, bei Zamachschari und dem Kommentar
von Ibn Ja'isch anlangte. Nur fehlte der Meister, der mit
überlegener Sicherheit das verschlungene System der
Syntax so beherrschte, dass er den Schüler zu
gleicher Sicherheit erzog.
Ich
durfte an den formalen Seiten der Sprache nicht
hängenbleiben. Ich musste an den Koran, an die
islamische Theologie, an die historische und
wissenschaftliche Literatur herankommen, ich musste einen
Einblick in die Dichtkunst der Araber gewinnen. Die
Grammatik von Socin enthielt auch eine Übersicht
über arabische Werke. Der erste Satz hiess: "Eine
Geschichte der arabischen Literatur oder auch bloss
einzelne Teile derselben besitzen wir nicht." Dann
folgten Titel von Katalogen, bibliographischen
Handbüchern, Grammatiken und Wörterbücher,
von Korankommentaren, geschichtlichen und geographischen
Werken, Gedichtsammlungen, ein Irrgarten von arabischen,
lateinischen, deutschen, englischen, französischen
Werken für den es keinen Führer gab. In welch
chaotischem Zustand befand sich noch die arabische
Philologie, wenn man sie mit der klassischen
verglich.
Stösse
von Heften füllten sich mit Präparationen und
Übersetzungen arabischer Texte. Aber viele waren
ohne Kommentar überhaupt nicht zu erfassen, andere
erforderten wiederholte Lektüre und ernsteste
Vertiefung, wenn man die Form erfassen und den Inhalt
verstehen wollte. Da es mir viel Zeit sparte, wenn ich
neben den Originaltexten Übersetzungen benützen
konnte, pflegte ich für kursorisches Lesen Texte zu
nehmen, zu denen mir lateinische zur Verfügung
standen.
Es
wäre zwecklos, hier die Namen aus allen Nationen
aufzuzählen, die seit einem Jahrhundert zum
Aufschwung der islamische Studien, zur Aufhellung der
Staaten- und Kulturgeschichte beigetragen haben. Den
Orientalisten sind sie bekannt, den Laien sagen sie
nichts. In vielen Fragen, die mich bewegten, war ich auf
die ältere französische Literatur angewiesen,
für die Kulturgeschichte war mir A. von Kremer,
für die politische G. Weil, A. Müller, J.
Wellhausen führend, in religionsgeschichtlichen
Fragen suchte ich mir nach den verschiedensten Quellen
ein Urteil zu bilden. Als sich meine arabischen Studien
dem Abschluss näherten, war ich mit der
äusseren und inneren Geschichte des Islam so weit
vertraut, als es mir für meine Zwecke erforderlich
schien. Ich hatte eine Weltreligion von ihrem ersten
Entstehen an nach ihren geschichtlichen Voraussetzungen
und seelischen in ihrer dogmatischen und theologischen
Weiterentwicklung und in ihren weltgeschichtlichen
Auswirkungen so weit verfolgt, dass meine Arbeit mir als
Vorbild für das kritische Studium jeder anderen
Religion dienen konnte.
Am
Schluss des Wintersemesters eröffnete uns
Brünnow, dass wir im Sommer mit Syrisch beginnen
sollten. Gut, warum sollte ich nicht auch Syrisch
treiben, wenn es dem Professor Vergnügen machte. Die
Grammatik war leichter zu bewältigen, und es kostete
weit weniger Anstrengung, sich in die etwas
schläferige Sprache einzulesen.
Man
hatte eine wesentlich christliche Literatur vor sich. Am
Anfang standen Übersetzungen der Heiligen Schrift,
Märtyrerakten, Heiligenlegenden, Predigten und
Klostergeschichten, Dinge, die mich nicht sonderlich
begeistern konnten. Aber die Syrer hatten doch mit der
griechischen Sprache und Literatur eine gewisse
Fühlung gehalten und hatten den Muslimen als
Übersetzer unschätzbare Dienste geleistet. Ich
begnügte mich mit dem, was die Chrestomathien boten,
las auch grosse Teile des Neuen Testaments und des
Julian-Romans. Für alles andere gab es
glücklicherweise schon eine Art Literaturgeschichte,
eine von W. Wright in der Brit. Enzyklopädie
veröffentlichte umfangreiche Abhandlung.
Auszüge daraus habe ich mir schon im Winter 1891/92
zusammengestellt, ohne zu ahnen, dass ich mich einmal
gründlicher mit syrischen Texten würde
beschäftigen müssen.
Zum
dritten Semester hatte Brünnow wieder eine
Überraschung bereit. Ich müsse jetzt unbedingt
mit Assyrisch den Anfang machen. Ich begriff, dass es
hier kein Ausweichen gab. Brünnows Hauptstärke
war das Assyrische, er hatte ein Recht darauf, dass ich
mich damit beschäftigte. Es ging doch hier um die
ältesten Urkunden des Menschengeschlechts, um eine
Geschichte, die Jahrtausende umspannte, um eine
Literatur, die der hebräischen in vielen
Stücken als Quelle und Vorbild gedient hatte. Wenn
nur die entsetzliche Keilschrift nicht wie eine
unübersteigbare Mauer den Eintritt verwehrt
hätte! Die Geschichte ihrer Entzifferung las sich ja
wie ein Roman, die Ausgrabungen der Engländer und
Franzosen boten eine unendliche Bereicherung des
geschichtlichen Horizonts, aber über die Lesung der
Texte lagen sich die modernen Zeichendeuter noch so in
den Haaren, dass es verständlich war, wenn
ältere Gelehrte wie Nöldecke, Merx u.a. sich
vom Kriegsschauplatz fernhielten.
Mit
dem Hebräischen waren es jetzt vier semitische
Hauptsprachen, von denen ich mir einige Kenntnisse
erworben hatte. Es fehlte noch der Kreis der
südsemitischen Sprachen, es fehlten die
altsemitischen Inschriften, und schliesslich Studien
über vergleichende semitische Sprachwissenschaft.
Auch dafür sorgte Brünnow liebevoll, auch
fügte er zur Erholung noch das Neupersische hinzu.
Ich muss gestehen, nun war ich an den Grenzen der Geduld
angelangt, Was gingen mich die Dialekte der Abessynier
an, und was die Inschriften der Königin von Saba? Es
war sinnlos, die Zeit an Spezialstudien zu verlieren, die
niemals Früchte tragen konnten. Nur an das Persische
trat ich mit frischer Begeisterung heran. Die Sprache
bot, wenn man nicht auf Altpersisch und Pehlevi
zurückging, keine unüberwindliche
Schwierigkeiten. Die mit Arabisch stark durchsetzte Prosa
liess sich bewältigen, und mit Firdusis herrlichem
Königsbuch sich zu beschäftigen, war allein
schon ein Grund, die Sprache zu lernen.
Die
Studien bei Brünnow hatten sich schon fünf
Semester hingezogen, ohne dass ich über das
Präparieren und Lesen von Texten hinausgekommen
wäre. Von einer Einführung und Schulung in den
textkritischen und literargeschichtlichen Methoden, wie
sie sich für den klassischen Philologen von selbst
versteht, war nicht entfernt die Rede. Ich wusste auch
nicht, wie ich mir dieses Handwerkszeug ganz aus eigenem
Vermögen hätte erarbeiten sollen. So war ich
ziemlich entmutigt, als Brünnows Weggang von
Heidelberg eine neu Wendung herbeiführte.
Brünnow
war schon im Winter 1892/93 genötigt gewesen, alle
Stunden auf zwei aufeinanderfolgende Tage zu legen, damit
er die übrigen Tage in Vevey bei seiner
schwerkranken Mutter verbringen konnte. Als sie starb und
er Erbe eines Millionenvermögens wurde, stellte er
seine Professur - unter Vorbehalt des Titels - den
weniger mit Glücksgütern gesegneten deutschen
Kollegen zur Verfügung und nahm in Vevey seinen
Wohnsitz. Später siedelte er nach seiner
amerikanischen Heimat über, wo er bis zu seinem Tode
an der Princeton Universität wirkte.
Bis
der Lehrstuhl wieder besetzt war, ging ein volles Jahr
vorüber. Um mich nicht ganz auf das Privatstudium
beschränken zu müssen, beschloss ich, in der
theologischen Fakultät bei dem Alttestamentler
Adalbert Merx Kolleg zu hören.
Ich
hatte längst grosse Teile der hebräischen Bibel
gelesen, ehe ich mich zu diesem Schritt entschloss. Auch
hatten ja fast alle semitischen Studien, die ich aus
eigenem Antrieb aufnahm und zu denen ich mich nach und
nach habe bestimmen lassen, dazu gedient, die religions-
und weltgeschichtlichen Hintergründe des Alten
Testaments und seine bis auf unsere Tage reichenden
Wirkungen verstehen zu lernen. In die kritische Analyse
der Bibel aber hatte ich mich durch Eduard Reuss, den
grossen Strassburger Forscher, einweihen lassen, dessen
Geschichte der Heiligen Schriften des Alten Testaments
1890 in zweiter Auflage erschienen war. Die grundlegende
Erkenntnis, dass die "Bücher Mosis" nicht von Mosis
herrühren, dass die Propheten älter sind als
das mosaische Gesetz und die Psalmen jünger als
beide, diese alle Überlieferung über den Haufen
werfende Erkenntnis war Reuss schon in jungen Jahren
aufgegangen. Ein halbes Jahrhundert textkritischer Arbeit
hatte sie vertieft und auf breitere Grundlagen gestellt.
Wer nicht aller Logik, allen geschichtlichen und
literarischen Beweisgründen unzugänglich war,
musste die kritischen Ergebnisse der Forschung
anerkennen. Mochte man auch noch über tausend
Einzelheiten streiten, so bewiesen tausend andere die
Unmöglichkeit der landläufigen
Vorstellungen.
Niemals
noch hatte ich ein Buch in Händen gehabt, das mit so
schonungsloser Kritik die geschichtlichen
Widersprüche und sachlichen Unmöglichkeiten der
biblischen Berichte aufdeckte, und nach diesem
Zerstörungswerk dem Leser eine so einleuchtende
Darstellung der wirklichen Zeitfolge und der
wahrscheinlichen literarischen Zusammenhänge bot.
Die im Haupttext in grossen Zügen gegebene
Entwicklung war in den Erläuterungen durch eine
erdrückende Fülle von Belegen gestützt und
geklärt, mögliche Einwände erörtert,
entgegengesetzte Anschauungen mitgeteilt. Eine unendliche
Menge von Literaturangaben ermöglichte es, jeder
Einzelfrage näher nachzugehen.
Ich
konnte diesen Winken soweit folgen, als mich bestimmte
Fragen dazu verlockten. Ich konnte aber auch - und das
war für mich im Augenblick von noch grösserem
Reiz - in der Vorlesung lebendige Berührung mit dem
Stand der Dinge suchen. Genesis, Psalmen oder Hiob zu
hören, verpflichtete mich nicht weiter; an den
Seminarübungen der jungen Theologen teilzunehmen,
verbot sich von selbst. Jedenfalls hatte ich nicht die
geringste Lust, mir die gleiche Behandlung gefallen zu
lassen, wie sie der gefürchtete Seminardirektor den
Studenten gegenüber anzuwenden pflegte. Aber ich
hatte nicht mit der Möglichkeit gerechnet, dass sich
Merxs aus ganz persönlicher Neigung mit meinen
Angelegenheiten befassen könnte. Auch für ihn
war ein Mathematiker, der orientalische Sprachen trieb,
ein seltener Vogel. Und so konnte ich nicht ausweichen,
wenn der Herr Hofrat nach dem Kolleg mich aufforderte,
ihm über die Anlagen nach Hause zu begleiten, oder
ihm bei Spaziergängen in den Wald Gesellschaft zu
leisten. Noch weniger durfte ich es der Dame des Hauses
abschlagen, dem Herrn Professor bei einer Tasse Kaffee
und einer Zigarre die Zeit zu vertreiben, wenn er einmal
nicht ganz wohl war. Es war nicht immer ganz leicht, den
Sturzbächen von Weisheit und Belehrung Stand zu
halten, die sich über mich ergossen, aber ich hatte
mit respektvoller Zurückhaltung und unaufdringlicher
Wahrung der eigenen Art doch wohl bald den richtigen
Verkehrton gefunden.
Gelegentlich
wurde ich auch mit Seminarmitgliedern oder jüngeren
Dozenten zu einer Abendgesellschaft eingeladen. Da zog
ich denn den schwarzen Rock an und versuchte mit den
Wölfen zu heulen, wenn man so etwas von Theologen
sagen darf.
Merx
hatte sich natürlich längst nach dem Anlass
meiner Studien und meinen weiteren Absichten erkundigt.
Was konnte ich ihm sagen? Es lag mir nicht, viel von den
inneren Kämpfen und Nöten meiner Studentenjahre
zu erzählen, und ich besass Selbstkritik genug, um
zu wissen, dass ich an einen Abschluss des Studiums durch
die Promotion noch nicht denken konnte. Hätte ich
bei Brünnow weiter gearbeitet, so wäre ich wohl
auf ein Thema aus der islamischen Sektengeschichte
gekommen. Merx meinte, ich solle die Theologie lieber den
Theologen überlassen und mich der arabischen
Mathematik und Naturwissenschaft zuwenden. Das sei ein
Arbeitsfeld, das mir doch gewiss näherliege. Im
Sommer 1894 schlug er mir vor, ein mathematisches Kapitel
aus einer Göttinger syrischen Handschrift
herauszugeben, mit der er sich selbst in anderem
Zusammenhang beschäftigt hatte. Ich sagte zu, und
damit war die Richtung meiner künftigen Arbeiten im
Grundsätzlichen entschieden. Der Codex wurde nach
Heidelberg bestellt, in den grossen Ferien wollte ich mit
der Abschrift beginnen.
Ich
war leichtsinnig genug, mir vorher noch eine
Erholungsreise zu gönnen. Bis dahin war mir für
Reisen nichts übrig geblieben. Durch eine zweite
Gehaltserhöhung auf Mark 1600,-- und das Honorar
für den Stenographieunterricht hatte sich aber ein
kleines Kapital angesammelt, das nicht für mich,
sondern auch noch für einen kleinen Freund, der mich
immer schon beim Botanisieren begleitet hatte, zu einer
vierzehntägigen Ferienfahrt ausreichte. Mit
Schmidles erfahrenem Rat kam ein elastischer Reiseplan
zustande, der ohne allzu grosse Anstrengungen erledigt
werden konnte. Am ersten Tag fuhren wir bis Freiburg und
durch das Höllental bis Titisee und Neustadt; dann
begannen die Marschtage. Dem Feldberg und seiner Flora
widmeten wir zwei Tage, doch fanden wir lange nicht
alles, was ich erhofft hatte. Die Zeit war zu kurz, das
Gebiet zu gross, die Wege zu beschwerlich; wir durften
uns nicht schon in den ersten Tagen verausgaben. Dann
begannen die Talwanderungen: von der Todtnauer Hütte
über Fahl und Brandenberg bis Todtnau, über
Präg nach Todtmoos, das Wehratal abwärts und
rechts hinüber zur Haseler Höhle, mit der Bahn
bis Albbruck, von da das Albtal aufwärts nach
Höchenschwand. Wir hofften, in der Morgenfrühe
das Alpenglühen sehen zu können und waren vom
Glück begünstigt. Meine nächste Fahrt -
nach der Promotion - musste in die Alpen
gehen!
Nach
weiteren Kreuz- und Querzügen kamen wir endlich in
die Neustädter Gegend zurück. Wir waren jetzt
müd genug, um es uns für die weiteren Tage
bequemer zu machen. Wir fuhren über Breisach ins
Elsass hinüber, machten von Kolmar noch einen
Abstecher ins Münstertal, besuchten dann meine
Strassburger Verwandtschaft und fuhren endlich über
Kehl nach Hause. Es war die schönste Reise seit
1884, und diesmal war sie aus Eigenem bestritten. Die
Erinnerung leuchtet heute noch nach.
Als
Prof. Betzold, Brünnows Nachfolger, im Winter 1894
seine Vorlesungen begann, war ich mit der
Übersetzung des syrischen Textes schon weit
vorangekommen. Ich brauchte aber noch ein Jahr bis ich
mit dem Kommentar und der literarischen Einleitung fertig
war. Gleichzeitig wurden die Studien bei Betzold in
breiter Front fortgesetzt, so dass er über mich
hinreichend Bescheid wusste, als ich im Dezember 1895 ins
Examen stieg. Diesmal gab es keine Beklemmungen. Ich war
meiner Sache so sicher, dass ich in der
übermütigsten Stimmung die heiligen Hallen
betrat, wo mir der Doktorhut aufgestülpt werden
sollte. Nur die Wahl des ersten Nebenfachs hatte mir eine
Zeit lang Kopfzerbrechen gemacht. Philosophie wäre
mir am bequemsten gewesen, aber an Cuno Fischer wollte
ich mich nicht ausliefern. Da kam ich auf den Gedanken,
den alten Cantor zu fragen, ob er mich nicht in
Geschichte der Mathematik prüfen wolle? Cantor
strahlte, aber da das Fach zur naturwissenschaftlichen
Fakultät gehörte, musste ich erst die
Zustimmung des Dekans einholen. Zufällig war das
Königsberger, und so ging alles glatt. Es war ein
herrliches Examen, nur kam es mich mit Druckkosten und
Gebühren auf beinahe Mark 1000,-- zu stehen. Zu
einem Sektgelage reichte es nicht mehr.
Die
akademische Laufbahn stand mir jetzt offen. Ich brauchte
nur zugreifen, um die Früchte von den Bäumen zu
pflücken. Die Erfüllung solcher Träume
hing nur noch davon ab, dass ich an der im Aufbau
begriffenen Oberrealschule als Professor angestellt
wurde, also dauernd in Heidelberg bleiben konnte. Und das
würde, so wie ich Salzers Gesinnung gegen mich
kannte, nicht mehr lang auf sich warten
lassen.
Es
die reinste, seligste Freude, die ich seit langem erlebt
hatte. Diesen Erfolg umlauerten keine dunklen Gespenster,
hier war nichts von dem seelischen Druck, der mich in der
Zeit vor dem Staatsexamen zu zermürben drohte.
Gewiss, auch diese Studien waren mir manchmal schwer
gefallen, zumal sie neben einer Berufsarbeit, die die
beste Zeit und Kraft verzehrte, durchgeführt werden
mussten. Aber ich litt nicht unter dem Gefühl, dass
meine Existenz an dem Erfolg hing, oder dass ich von den
Eltern unverdiente Unterstützung in Anspruch nahm.
Ich brauchte nicht auf einen bestimmten Termin fertig zu
werden und konnte mich ohne äusseren Zwang beliebig
lang in meine Arbeit vertiefen. Je weiter ich kam, desto
deutlicher sah ich, dass Merx mich mit seinem guten Rat
auf ein Arbeitsfeld hingewiesen hatte, für das ich
von der Vorsehung bestimmt zu sein schien, auf dem ich
alle bisherigen Studien, auf welchen Gebieten sie auch
lagen, einmal würde verwenden können.
So
elementar im ganzen der Inhalt des syrischen Quadriviums
war, ich hatte doch zum Studium der literarischen Umwelt
des Verfassers und zum Nachweis seiner Quellen grosse
Teile der syrischen und arabischen Quellenwerke
durchzusehen. Ich konnte aus Cantors Vorlesungen und
anderen Darstellungen der älteren Mathematik bald
genug erkennen, wie schlecht erforscht im Grunde die
ganze Bewegung war, durch die Muslime in stürmischem
Anlauf sich die griechische Wissenschaft aneigneten. So
musste der Plan mehr und mehr Gestalt annehmen, der
Erforschung der Ursprünge und der glänzenden
späteren Entfaltung der arabischen Wissenschaft bis
zu ihrer Aufnahme in das Abendland mein Leben zu widmen.