Achtunddreissigstes Kapitel.

Morgenländische Studien.
Wenn es nun endlich mit meinen orientalischen Plänen Ernst werden sollte, so musste ich mich entscheiden, ob ich mich der indischen oder der vorderasiatischen Welt zuwenden wollte. Mich in zwei so grundverschiedene Sprachen wie Sanskrit und Arabisch gleichzeitig einzuarbeiten, ging wirklich über meine Kraft. So entschied ich mich für meine alte Liebe und belegte bei Rudolf Brünnow, einem erst vor kurzem als Ersatz für H. Thorbecke nach Heidelberg berufenen jungen Professor zwei Stunden Arabisch für Anfänger.

Brünnow bewohnte eine Villa am Anfang der Rohrbacherstrasse. Als ich meinen Antrittsbesuch machte, sah ich mich einem eleganten, jungen Mann gegenüber, der mir, in Tabakswolken gehüllt, in ausländisch klingendem Deutsch auseinandersetzte, welches Lehrbuch ich mir anzuschaffen hätte, und was er weiter von seinen Schülern verlange. Er hatte mich für einen klassischen Philologen gehalten und war sehr erstaunt, als ich ihm sagte, dass ich als Mathematiker an einer Schule angestellt sei. Es beruhigte ihn aber sichtlich, als er die Versicherung erhielt, dass ich mich ernsthaft mit Arabisch befassen wolle. Der Kurs setzte sich aus vier Leuten zusammen. Zwei Theologen fielen bald ab, der andere, der mit mir aushielt, war ein klassischer Philologe im ersten Semester, Anton Baumstark, heute eine Leuchte in der deutschen Orientalistik.

Der Professor raste in unheimlichen Tempo durch die Seiten von Socins Grammatik. Es war gut, dass ich die arabische Schrift schon kannte und vom Hebräischen her wenigstens eine Ahnung vom semitischen Sprachbau besass. Aber welche Berge von Schwierigkeiten mussten überwunden werden, um auch nur die Formenlehre zu bewältigen! Welch unermesslicher Wortschatz enthüllte sich dem mühsam Vordringenden! Der Weg führte von Socin zu W. Wright und de Sacy, bis ich in den letzten Semestern bei den kleinen und grossen Nationalgrammatikern, bei Zamachschari und dem Kommentar von Ibn Ja'isch anlangte. Nur fehlte der Meister, der mit überlegener Sicherheit das verschlungene System der Syntax so beherrschte, dass er den Schüler zu gleicher Sicherheit erzog.

Ich durfte an den formalen Seiten der Sprache nicht hängenbleiben. Ich musste an den Koran, an die islamische Theologie, an die historische und wissenschaftliche Literatur herankommen, ich musste einen Einblick in die Dichtkunst der Araber gewinnen. Die Grammatik von Socin enthielt auch eine Übersicht über arabische Werke. Der erste Satz hiess: "Eine Geschichte der arabischen Literatur oder auch bloss einzelne Teile derselben besitzen wir nicht." Dann folgten Titel von Katalogen, bibliographischen Handbüchern, Grammatiken und Wörterbücher, von Korankommentaren, geschichtlichen und geographischen Werken, Gedichtsammlungen, ein Irrgarten von arabischen, lateinischen, deutschen, englischen, französischen Werken für den es keinen Führer gab. In welch chaotischem Zustand befand sich noch die arabische Philologie, wenn man sie mit der klassischen verglich.

Stösse von Heften füllten sich mit Präparationen und Übersetzungen arabischer Texte. Aber viele waren ohne Kommentar überhaupt nicht zu erfassen, andere erforderten wiederholte Lektüre und ernsteste Vertiefung, wenn man die Form erfassen und den Inhalt verstehen wollte. Da es mir viel Zeit sparte, wenn ich neben den Originaltexten Übersetzungen benützen konnte, pflegte ich für kursorisches Lesen Texte zu nehmen, zu denen mir lateinische zur Verfügung standen.

Es wäre zwecklos, hier die Namen aus allen Nationen aufzuzählen, die seit einem Jahrhundert zum Aufschwung der islamische Studien, zur Aufhellung der Staaten- und Kulturgeschichte beigetragen haben. Den Orientalisten sind sie bekannt, den Laien sagen sie nichts. In vielen Fragen, die mich bewegten, war ich auf die ältere französische Literatur angewiesen, für die Kulturgeschichte war mir A. von Kremer, für die politische G. Weil, A. Müller, J. Wellhausen führend, in religionsgeschichtlichen Fragen suchte ich mir nach den verschiedensten Quellen ein Urteil zu bilden. Als sich meine arabischen Studien dem Abschluss näherten, war ich mit der äusseren und inneren Geschichte des Islam so weit vertraut, als es mir für meine Zwecke erforderlich schien. Ich hatte eine Weltreligion von ihrem ersten Entstehen an nach ihren geschichtlichen Voraussetzungen und seelischen in ihrer dogmatischen und theologischen Weiterentwicklung und in ihren weltgeschichtlichen Auswirkungen so weit verfolgt, dass meine Arbeit mir als Vorbild für das kritische Studium jeder anderen Religion dienen konnte.

Am Schluss des Wintersemesters eröffnete uns Brünnow, dass wir im Sommer mit Syrisch beginnen sollten. Gut, warum sollte ich nicht auch Syrisch treiben, wenn es dem Professor Vergnügen machte. Die Grammatik war leichter zu bewältigen, und es kostete weit weniger Anstrengung, sich in die etwas schläferige Sprache einzulesen.

Man hatte eine wesentlich christliche Literatur vor sich. Am Anfang standen Übersetzungen der Heiligen Schrift, Märtyrerakten, Heiligenlegenden, Predigten und Klostergeschichten, Dinge, die mich nicht sonderlich begeistern konnten. Aber die Syrer hatten doch mit der griechischen Sprache und Literatur eine gewisse Fühlung gehalten und hatten den Muslimen als Übersetzer unschätzbare Dienste geleistet. Ich begnügte mich mit dem, was die Chrestomathien boten, las auch grosse Teile des Neuen Testaments und des Julian-Romans. Für alles andere gab es glücklicherweise schon eine Art Literaturgeschichte, eine von W. Wright in der Brit. Enzyklopädie veröffentlichte umfangreiche Abhandlung. Auszüge daraus habe ich mir schon im Winter 1891/92 zusammengestellt, ohne zu ahnen, dass ich mich einmal gründlicher mit syrischen Texten würde beschäftigen müssen.

Zum dritten Semester hatte Brünnow wieder eine Überraschung bereit. Ich müsse jetzt unbedingt mit Assyrisch den Anfang machen. Ich begriff, dass es hier kein Ausweichen gab. Brünnows Hauptstärke war das Assyrische, er hatte ein Recht darauf, dass ich mich damit beschäftigte. Es ging doch hier um die ältesten Urkunden des Menschengeschlechts, um eine Geschichte, die Jahrtausende umspannte, um eine Literatur, die der hebräischen in vielen Stücken als Quelle und Vorbild gedient hatte. Wenn nur die entsetzliche Keilschrift nicht wie eine unübersteigbare Mauer den Eintritt verwehrt hätte! Die Geschichte ihrer Entzifferung las sich ja wie ein Roman, die Ausgrabungen der Engländer und Franzosen boten eine unendliche Bereicherung des geschichtlichen Horizonts, aber über die Lesung der Texte lagen sich die modernen Zeichendeuter noch so in den Haaren, dass es verständlich war, wenn ältere Gelehrte wie Nöldecke, Merx u.a. sich vom Kriegsschauplatz fernhielten.

Mit dem Hebräischen waren es jetzt vier semitische Hauptsprachen, von denen ich mir einige Kenntnisse erworben hatte. Es fehlte noch der Kreis der südsemitischen Sprachen, es fehlten die altsemitischen Inschriften, und schliesslich Studien über vergleichende semitische Sprachwissenschaft. Auch dafür sorgte Brünnow liebevoll, auch fügte er zur Erholung noch das Neupersische hinzu. Ich muss gestehen, nun war ich an den Grenzen der Geduld angelangt, Was gingen mich die Dialekte der Abessynier an, und was die Inschriften der Königin von Saba? Es war sinnlos, die Zeit an Spezialstudien zu verlieren, die niemals Früchte tragen konnten. Nur an das Persische trat ich mit frischer Begeisterung heran. Die Sprache bot, wenn man nicht auf Altpersisch und Pehlevi zurückging, keine unüberwindliche Schwierigkeiten. Die mit Arabisch stark durchsetzte Prosa liess sich bewältigen, und mit Firdusis herrlichem Königsbuch sich zu beschäftigen, war allein schon ein Grund, die Sprache zu lernen.

Die Studien bei Brünnow hatten sich schon fünf Semester hingezogen, ohne dass ich über das Präparieren und Lesen von Texten hinausgekommen wäre. Von einer Einführung und Schulung in den textkritischen und literargeschichtlichen Methoden, wie sie sich für den klassischen Philologen von selbst versteht, war nicht entfernt die Rede. Ich wusste auch nicht, wie ich mir dieses Handwerkszeug ganz aus eigenem Vermögen hätte erarbeiten sollen. So war ich ziemlich entmutigt, als Brünnows Weggang von Heidelberg eine neu Wendung herbeiführte.

Brünnow war schon im Winter 1892/93 genötigt gewesen, alle Stunden auf zwei aufeinanderfolgende Tage zu legen, damit er die übrigen Tage in Vevey bei seiner schwerkranken Mutter verbringen konnte. Als sie starb und er Erbe eines Millionenvermögens wurde, stellte er seine Professur - unter Vorbehalt des Titels - den weniger mit Glücksgütern gesegneten deutschen Kollegen zur Verfügung und nahm in Vevey seinen Wohnsitz. Später siedelte er nach seiner amerikanischen Heimat über, wo er bis zu seinem Tode an der Princeton Universität wirkte.

Bis der Lehrstuhl wieder besetzt war, ging ein volles Jahr vorüber. Um mich nicht ganz auf das Privatstudium beschränken zu müssen, beschloss ich, in der theologischen Fakultät bei dem Alttestamentler Adalbert Merx Kolleg zu hören.

Ich hatte längst grosse Teile der hebräischen Bibel gelesen, ehe ich mich zu diesem Schritt entschloss. Auch hatten ja fast alle semitischen Studien, die ich aus eigenem Antrieb aufnahm und zu denen ich mich nach und nach habe bestimmen lassen, dazu gedient, die religions- und weltgeschichtlichen Hintergründe des Alten Testaments und seine bis auf unsere Tage reichenden Wirkungen verstehen zu lernen. In die kritische Analyse der Bibel aber hatte ich mich durch Eduard Reuss, den grossen Strassburger Forscher, einweihen lassen, dessen Geschichte der Heiligen Schriften des Alten Testaments 1890 in zweiter Auflage erschienen war. Die grundlegende Erkenntnis, dass die "Bücher Mosis" nicht von Mosis herrühren, dass die Propheten älter sind als das mosaische Gesetz und die Psalmen jünger als beide, diese alle Überlieferung über den Haufen werfende Erkenntnis war Reuss schon in jungen Jahren aufgegangen. Ein halbes Jahrhundert textkritischer Arbeit hatte sie vertieft und auf breitere Grundlagen gestellt. Wer nicht aller Logik, allen geschichtlichen und literarischen Beweisgründen unzugänglich war, musste die kritischen Ergebnisse der Forschung anerkennen. Mochte man auch noch über tausend Einzelheiten streiten, so bewiesen tausend andere die Unmöglichkeit der landläufigen Vorstellungen.

Niemals noch hatte ich ein Buch in Händen gehabt, das mit so schonungsloser Kritik die geschichtlichen Widersprüche und sachlichen Unmöglichkeiten der biblischen Berichte aufdeckte, und nach diesem Zerstörungswerk dem Leser eine so einleuchtende Darstellung der wirklichen Zeitfolge und der wahrscheinlichen literarischen Zusammenhänge bot. Die im Haupttext in grossen Zügen gegebene Entwicklung war in den Erläuterungen durch eine erdrückende Fülle von Belegen gestützt und geklärt, mögliche Einwände erörtert, entgegengesetzte Anschauungen mitgeteilt. Eine unendliche Menge von Literaturangaben ermöglichte es, jeder Einzelfrage näher nachzugehen.

Ich konnte diesen Winken soweit folgen, als mich bestimmte Fragen dazu verlockten. Ich konnte aber auch - und das war für mich im Augenblick von noch grösserem Reiz - in der Vorlesung lebendige Berührung mit dem Stand der Dinge suchen. Genesis, Psalmen oder Hiob zu hören, verpflichtete mich nicht weiter; an den Seminarübungen der jungen Theologen teilzunehmen, verbot sich von selbst. Jedenfalls hatte ich nicht die geringste Lust, mir die gleiche Behandlung gefallen zu lassen, wie sie der gefürchtete Seminardirektor den Studenten gegenüber anzuwenden pflegte. Aber ich hatte nicht mit der Möglichkeit gerechnet, dass sich Merxs aus ganz persönlicher Neigung mit meinen Angelegenheiten befassen könnte. Auch für ihn war ein Mathematiker, der orientalische Sprachen trieb, ein seltener Vogel. Und so konnte ich nicht ausweichen, wenn der Herr Hofrat nach dem Kolleg mich aufforderte, ihm über die Anlagen nach Hause zu begleiten, oder ihm bei Spaziergängen in den Wald Gesellschaft zu leisten. Noch weniger durfte ich es der Dame des Hauses abschlagen, dem Herrn Professor bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarre die Zeit zu vertreiben, wenn er einmal nicht ganz wohl war. Es war nicht immer ganz leicht, den Sturzbächen von Weisheit und Belehrung Stand zu halten, die sich über mich ergossen, aber ich hatte mit respektvoller Zurückhaltung und unaufdringlicher Wahrung der eigenen Art doch wohl bald den richtigen Verkehrton gefunden.

Gelegentlich wurde ich auch mit Seminarmitgliedern oder jüngeren Dozenten zu einer Abendgesellschaft eingeladen. Da zog ich denn den schwarzen Rock an und versuchte mit den Wölfen zu heulen, wenn man so etwas von Theologen sagen darf.

Merx hatte sich natürlich längst nach dem Anlass meiner Studien und meinen weiteren Absichten erkundigt. Was konnte ich ihm sagen? Es lag mir nicht, viel von den inneren Kämpfen und Nöten meiner Studentenjahre zu erzählen, und ich besass Selbstkritik genug, um zu wissen, dass ich an einen Abschluss des Studiums durch die Promotion noch nicht denken konnte. Hätte ich bei Brünnow weiter gearbeitet, so wäre ich wohl auf ein Thema aus der islamischen Sektengeschichte gekommen. Merx meinte, ich solle die Theologie lieber den Theologen überlassen und mich der arabischen Mathematik und Naturwissenschaft zuwenden. Das sei ein Arbeitsfeld, das mir doch gewiss näherliege. Im Sommer 1894 schlug er mir vor, ein mathematisches Kapitel aus einer Göttinger syrischen Handschrift herauszugeben, mit der er sich selbst in anderem Zusammenhang beschäftigt hatte. Ich sagte zu, und damit war die Richtung meiner künftigen Arbeiten im Grundsätzlichen entschieden. Der Codex wurde nach Heidelberg bestellt, in den grossen Ferien wollte ich mit der Abschrift beginnen.

Ich war leichtsinnig genug, mir vorher noch eine Erholungsreise zu gönnen. Bis dahin war mir für Reisen nichts übrig geblieben. Durch eine zweite Gehaltserhöhung auf Mark 1600,-- und das Honorar für den Stenographieunterricht hatte sich aber ein kleines Kapital angesammelt, das nicht für mich, sondern auch noch für einen kleinen Freund, der mich immer schon beim Botanisieren begleitet hatte, zu einer vierzehntägigen Ferienfahrt ausreichte. Mit Schmidles erfahrenem Rat kam ein elastischer Reiseplan zustande, der ohne allzu grosse Anstrengungen erledigt werden konnte. Am ersten Tag fuhren wir bis Freiburg und durch das Höllental bis Titisee und Neustadt; dann begannen die Marschtage. Dem Feldberg und seiner Flora widmeten wir zwei Tage, doch fanden wir lange nicht alles, was ich erhofft hatte. Die Zeit war zu kurz, das Gebiet zu gross, die Wege zu beschwerlich; wir durften uns nicht schon in den ersten Tagen verausgaben. Dann begannen die Talwanderungen: von der Todtnauer Hütte über Fahl und Brandenberg bis Todtnau, über Präg nach Todtmoos, das Wehratal abwärts und rechts hinüber zur Haseler Höhle, mit der Bahn bis Albbruck, von da das Albtal aufwärts nach Höchenschwand. Wir hofften, in der Morgenfrühe das Alpenglühen sehen zu können und waren vom Glück begünstigt. Meine nächste Fahrt - nach der Promotion - musste in die Alpen gehen!

Nach weiteren Kreuz- und Querzügen kamen wir endlich in die Neustädter Gegend zurück. Wir waren jetzt müd genug, um es uns für die weiteren Tage bequemer zu machen. Wir fuhren über Breisach ins Elsass hinüber, machten von Kolmar noch einen Abstecher ins Münstertal, besuchten dann meine Strassburger Verwandtschaft und fuhren endlich über Kehl nach Hause. Es war die schönste Reise seit 1884, und diesmal war sie aus Eigenem bestritten. Die Erinnerung leuchtet heute noch nach.

Als Prof. Betzold, Brünnows Nachfolger, im Winter 1894 seine Vorlesungen begann, war ich mit der Übersetzung des syrischen Textes schon weit vorangekommen. Ich brauchte aber noch ein Jahr bis ich mit dem Kommentar und der literarischen Einleitung fertig war. Gleichzeitig wurden die Studien bei Betzold in breiter Front fortgesetzt, so dass er über mich hinreichend Bescheid wusste, als ich im Dezember 1895 ins Examen stieg. Diesmal gab es keine Beklemmungen. Ich war meiner Sache so sicher, dass ich in der übermütigsten Stimmung die heiligen Hallen betrat, wo mir der Doktorhut aufgestülpt werden sollte. Nur die Wahl des ersten Nebenfachs hatte mir eine Zeit lang Kopfzerbrechen gemacht. Philosophie wäre mir am bequemsten gewesen, aber an Cuno Fischer wollte ich mich nicht ausliefern. Da kam ich auf den Gedanken, den alten Cantor zu fragen, ob er mich nicht in Geschichte der Mathematik prüfen wolle? Cantor strahlte, aber da das Fach zur naturwissenschaftlichen Fakultät gehörte, musste ich erst die Zustimmung des Dekans einholen. Zufällig war das Königsberger, und so ging alles glatt. Es war ein herrliches Examen, nur kam es mich mit Druckkosten und Gebühren auf beinahe Mark 1000,-- zu stehen. Zu einem Sektgelage reichte es nicht mehr.

Die akademische Laufbahn stand mir jetzt offen. Ich brauchte nur zugreifen, um die Früchte von den Bäumen zu pflücken. Die Erfüllung solcher Träume hing nur noch davon ab, dass ich an der im Aufbau begriffenen Oberrealschule als Professor angestellt wurde, also dauernd in Heidelberg bleiben konnte. Und das würde, so wie ich Salzers Gesinnung gegen mich kannte, nicht mehr lang auf sich warten lassen.

Es die reinste, seligste Freude, die ich seit langem erlebt hatte. Diesen Erfolg umlauerten keine dunklen Gespenster, hier war nichts von dem seelischen Druck, der mich in der Zeit vor dem Staatsexamen zu zermürben drohte. Gewiss, auch diese Studien waren mir manchmal schwer gefallen, zumal sie neben einer Berufsarbeit, die die beste Zeit und Kraft verzehrte, durchgeführt werden mussten. Aber ich litt nicht unter dem Gefühl, dass meine Existenz an dem Erfolg hing, oder dass ich von den Eltern unverdiente Unterstützung in Anspruch nahm. Ich brauchte nicht auf einen bestimmten Termin fertig zu werden und konnte mich ohne äusseren Zwang beliebig lang in meine Arbeit vertiefen. Je weiter ich kam, desto deutlicher sah ich, dass Merx mich mit seinem guten Rat auf ein Arbeitsfeld hingewiesen hatte, für das ich von der Vorsehung bestimmt zu sein schien, auf dem ich alle bisherigen Studien, auf welchen Gebieten sie auch lagen, einmal würde verwenden können.

So elementar im ganzen der Inhalt des syrischen Quadriviums war, ich hatte doch zum Studium der literarischen Umwelt des Verfassers und zum Nachweis seiner Quellen grosse Teile der syrischen und arabischen Quellenwerke durchzusehen. Ich konnte aus Cantors Vorlesungen und anderen Darstellungen der älteren Mathematik bald genug erkennen, wie schlecht erforscht im Grunde die ganze Bewegung war, durch die Muslime in stürmischem Anlauf sich die griechische Wissenschaft aneigneten. So musste der Plan mehr und mehr Gestalt annehmen, der Erforschung der Ursprünge und der glänzenden späteren Entfaltung der arabischen Wissenschaft bis zu ihrer Aufnahme in das Abendland mein Leben zu widmen.


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© Julius Ruska 1937