Die
Realschule, der ich zugewiesen war, lag in der
Kettengasse hinter der Jesuitenkirche. Das
Schulgebäude, ein Teil des alten Jesuitenkollegs,
war äusserlich unansehnlich, besass aber ein
schönes Treppenhaus und breite Gänge an der
Strassenseite, während die Schulsäle ihre
Fenster nach einem weiten Hof und Spielplatz hatten. Der
Vorgänger ihres jetztigen Direktors war Gregor
Weber, der Verfasser der bekannten Weltgeschichte. Er
hatte die Anstalt von 1848 bis 1872geleitet; seit dieser
Zeit führte Robert Salzer das Regiment. Unter ihm
war die Schule in eine siebenklassige Realschule
umgewandelt worden.
Als
ich mich zum Dienstantritt meldete, sah ich mich einem
behäbigen Fünfziger mit mächtigem, von
einem breiten Bart umrandeten Kopf gegenüber, der
mich kritisch musterte und mir eröffnete, dass er an
seiner Anstalt keine Seitensprünge dulde. Sah ich so
aus, als ob ich Neigung zu Seitensprüngen und
offener Rebellion hätte? Das konnte ja gut werden!
Durfte ich bei einem solchen Empfang wagen, meine
Wünsche wegen der Samstagsstunden vorzubringen? Als
ich mein Anliegen in kurzen Worten begründete, sah
ich, wie seine Augen einen freundlicheren Ausdruck
annahmen. Dachte er vielleicht an seine eigene Mutter?
Empfand er, dass er hier nicht nur Vorgesetzter sein
durfte? Er sagte mir zu, dass meinen Wünschen
Rechnung getragen werden solle. Es war ein Zug von
Güte, den ich ihm nie vergessen habe.
Was
unter der strengen Ordnung zu verstehen war, bekam ich in
doppelter Weise zu spüren. Die Pfälzer Buben
waren musterhaft gezogen, das ging noch über die
Durlacher Disziplin hinaus. Aber auch meine eigene
Tätigkeit war in enge Schranken gebannt. Ich musste
mich - vorläufig wenigstens - einer in allen
Einzelheiten vorgeschriebenen Lehrmethode einfügen.
Ich hatte in drei Unterklassen je vier Stunden Rechnen,
in einer Untertertia Algebra, von Quarta bis Obertertia
Naturgeschichte, in einer Obertertia auch noch Geographie
zu unterrichten. In Sexta musste ich mich im Rechnen auf
die mir bisher unbekannte österreichische Methode
einstellen. Es hiess jetzt: 5 und 3 ist 8, mit dem Ton
auf 3, nicht mehr 5 auf 8 bleibt 3; aber wenn die Buben
später in ein Geschäft eintraten, mussten sie
wieder nach dem alten Stiefel rechnen lernen. In Quinta
hatte ich nach einem genau ausgearbeiteten Regelheft, das
mit Faktorenzerlegungen anfing, Bruchlehre zu geben. In
Quarta war ich an Vorschriften über den Zweisatz
gebunden, den man sonst Regel de tri nennt, in
Untertertia musste die Algebra nach einer von einem
älteren Kollegen erfundenen, psychologisch
völlig verständnislosen Methode eingetrichtert
werden. Dazu hatte ich also neun Semester Matehmatik
studiert und ein Staatsexamen gemacht!
Die
naturgeschichtlichen Sammlungen waren ziemlich
reichhaltig, aber verstaubt und verwahrlost. Ich brauchte
Wochen, bis ich die Bälge abgestäubt und die
ausgetrockneten Spirituspräparate neu
aufgefüllt hatte. Die Insektensammlung befand sich
in gutem Zustand, es fehlten aber fasst vollständig
Präparate von niederen Tieren, die im Unterricht
ebenfalls berücksichtigt werden mussten. Meine
Bemühungen um die Sammlung wurden leider sofort
derart anerkannt, dass ich zum Verwalter bestellt wurde.
Ich konnte nun sehen, wie ich die Ordnung aufrecht hielt,
die für andere Leute weniger Reiz hatte.
Ein
Lehrzimmer für den naturwissenschaftlichen
Unterricht war nicht vorhanden. Man musste in den Klassen
unterrichten und konnte zusehen, wie man Tiere und
Pflanzen auf dem Katheder oder auf den Bänken
unterbrachte. Als ich einmal in einer Konferenz darum
bat, das Mikroskop, das in einem Schrank des
Physikzimmers sein Dasein verträumte, beim
Unterricht zu benützen, wurde mir kategorisch
erklärt, dass dieses Instrument nicht in die
Naturgeschichte gehöre. Ich erwähne den
Ausspruch, weil man daran sieht, welche Vorstellungen man
an massgebender Stelle von diesem Unterricht hatte.
Physik
und Chemie befanden sich in festen Händen, an eine
Beteiligung meinerseits war in absehbarer Zeit nicht zu
denken. Hätte ich etwa jetzt chemische oder
physikalische Pratica an der Universität belegen
sollen? Die Unterrichtspraxis lernt sich nur im
Unterricht selbst, und was man für die
Versuchstechnik braucht, konnte man damals in den
Laboratorien sich nicht aneignen. Wer kümmerte sich
damals um die Bedürfnisse, die der Beruf an den
künftigen Lehrer stellte? Wer Arzt werden wollte,
oder wer technischer Chemiker wurde, fand in allem die
nötige Anleitung. Als Lehrer musste man überall
von vorn anfangen, wenn man Naturwissenschaften zu
unterrichten begann.
Mit
den neuen Kollegen stellte sich bald der übliche
Verkehr ein. In den unteren Klassen beherrschten die
sogenannten Reallehrer das Feld, in den oberen waren die
Neuphilologen massgebend. Der Direktor und die beiden
ältesten Professoren, Gern und Holzer, waren noch
Philologen alten Stils, die sich ihr neusprachliches
Können durch längeren Auslandsaufenthalt
erworben hatten. So war Salzer als junger Hauslehrer mit
den Söhnen eines Wiener Grosskaufmanns jahrelang in
England, Frankreich und Italien gewesen und hatte sich
auf weiteren Reisen ein erstaunliches Wissen um die
sozialen und politischen Zustände der
europäischen Länder erworben. Gern war von Haus
aus katholischer Priester, hatte sich aber von der Kirche
losgesagt, als das Unfehlbarkeitsdogma verkündigt
wurde. Wie er als Neuphilologe in den Schuldienst kam,
weiss ich nicht. Holzer hatte sich als Hauslehrer und an
Schulen in Russland sein Brot verdient, ehe er in den
Badischen Schuldienst eintrat. Unermüdlich an seiner
Fortbildung arbeitend, allem Grossen und Schönen
aufgeschlossen, gegen Kollegen und Schüler gleich
gütig und hilfsbereit, ist er mir bis in sein hohes
Alter ein treuer Freund geblieben.
Von
den beiden Mathematikern war mir der ältere, Dr.
Ullrich, vom Mathematischen Verein her seit Jahren
bekannt. Nach Herkunft und Erziehung mehr Engländer
als Deutscher, war er ein fanatischer Apostel des
Fussball- und Rudersports, die mir wie den meisten
Zeitgenossen in den neunziger Jahren als unwürdige
Ausländerei erschienen. Ein scharfsinniger Kopf,
aber grenzenlos einseitig und verschroben, hatte er es
verstanden, an der Schule überall seine Methoden
durchzusetzen. Ich sah bald, dass wir nicht nur in allem,
was die Behandlung der Schüler betraf, sondern auch
in weltanschaulichen Fragen die grössten
Gegensätze waren. Wer als Mathematiker und Chemiker
zugleich ein Anhänger des borniertesten politischen
Katholizismus sein konnte, mit dem war keine Diskussion
möglich.
Leichter
wurde es mir, dem Physiker Ehret in ein freundliches
Verhältnis zu kommen. Er stand mir als Alemanne
schon gefühlsmässig näher, als der
fremdwirkende Halbengländer. Ehret hatte sich dem
gleichen Methodenzwang gegenübergesehen, als er an
die Schule versetzt wurde. Nun ergab sich, dass wir in
Unterrichtsfragen gut zusammenstimmten und schliesslich
gelang es, auch den Direktor von seinem Glauben an
Ullrichs alleinseligmachende Methoden abzubringen.
Unter
den Reallehrern gab es allerhand sonderbare Heilige.
Über einen könnte ich ein Buch schreiben; er
wird fortleben, so lange es noch Schüler gibt, die
seinen Unterricht genossen haben. Mit einem anderen, K.
Luppold, hat mich eine Freundschaft verbunden, die selbst
dann nicht wankte, als fremde Gewalten störend
dazwischentraten. Er war mehrere Jahre in Amerika und
dann in der Schweiz gewesen. Die im Ausland erworbenen
Kenntnisse ermöglichten es ihm, die
Reallehrerprüfung abzulegen. Reich an
Lebenserfahrung, von goldenem Humor, ein ebenso
gewissenhafter wie anregender Lehrer, arbeitete er
unermüdlich an seiner Fortbildung. Als er sah, dass
mir die Botanik besonders am Herzen lag, schloss er sich
mir an, wenn ich Ausflüge in die weitere Umgebung
unternahm. Er blieb der Botanik auch noch treu, als ich
längst auf anderen Wegen wandelte. Manche seltene
Pflanze hätte ich ohne seinen Eifer im
Aufspüren von Standorten niemals zu Gesicht
bekommen.
Auch
dem jungen und energischen Turnlehrer Filsinger
möchte ich ein Wort freundlichen Gedenkens widmen.
Es war eine Freude, seine Buben turnen zu sehen. Und wie
sie erst singen konnten! Ich habe an Schulen kaum jemals
frischere Knabenchöre gehört.
Nun
aber muss ich von meinen Pfälzer Buben
erzählen. Es war das erste Mal, dass ich mit dem
leichtfüssigen, mundfertigen Volk der Pfälzer
Krischer zu tun hatte. So ungewohnt mir in den ersten
Wochen ihre Art war, so schnell hatte ich heraus, wie man
mit ihnen umgehen musste. Wie dankbar waren sie doch,
wenn man ihnen ein wenig Freiheit liess, wie leuchteten
die Augen, wenn man wie ein Kamerad unter ihnen stand!
Ich habe meinen Buben nichts geschenkt, aber ich habe
auch die Freude nicht aus der Schule hinausgejagt.
Wieviele müsste ich nennen, die mir noch in all
ihrer Zutraulichkeit und Fröhlichkeit vor Augen
stehen, ganze Klassen und Einzelne, und wie viele sind
es, mit denen ich dauernd in Verbindung blieb!
Salzer
hatte die Übung eingeführt, dass die
Doppelklasse zu Beginn jedes Schuljahres neu gemischt
wurden. Die Schüler wurden in langer Zeile im Gang
aufgestellt, dann wurde abgezählt, und die ungeraden
Nummern kamen in den einen, die geraden in den anderen
Stall. Durch den Wechsel von Lehrern und Schülern
sollte verhütet werden, dass die Klassenleistungen
allzu ungleich würden. Es konnte aber vorkommen,
dass einzelne Schüler und Lehrer ungeachtet aller
Mischkünste dauernd beisammenblieben. So habe ich
von einer Sexta, die ich besonders liebte, manche
Schüler bis Untersekunda durchgeführt und bin
mit einem Rest von fünf Mann schliesslich noch durch
die Reifeprüfung gegangen.
Ich
hatte nun wirklich nicht mehr das Gefühl, dass ich
für meinen Beruf untauglich sei. Ich fühlte
mich grenzenlos glücklich, nicht nur, weil ich jetzt
im Verkehr mit der Jugend Befriedigung fand, sondern weil
ich freie Bahn vor mir sah und die Zeit, die mir blieb,
benützen konnte, wie es mir beliebte.
In
den ersten Wochen hatte ich mein altes Zimmer am
Botanischen Garten wieder bezogen. Es wurde mir aber bald
unbequem, jeden Tag den weiten Weg in die Kettengasse
zurückzulegen, und so mietete ich bei Semesterbeginn
zwei Zimmer in der Zwingerstrasse. Ein Jahr später
zog ich noch näher an die Schule heran, in das
Posseltsche Haus, das ihr schief gegenüber liegt.
Bequemer konnte ich es nicht haben, und besser auch
nicht. Allerdings, ich bekam erst einen Schrecken, als
ich mir das Zimmer ansehen wollte und eine hagere,
gebückte, weisshaarige Gestalt mit Putzeimer und
Besen bewaffnet, den Glasverschluss öffnete. Es war,
als ob die Hexe zu Hänsel und Gretel vor mir
stünde, und Sieben hiess sie auch noch! Auch ich
wagte den Versuch, und wir haben uns acht Jahre lang, bis
ich meinen eigenen Hausstand gründete, aufs Beste
vertragen. Ich hätte keine besorgtere Wirtin finden
können.
Nun
hatte ich nicht nur die Schule, sondern alles, was ich
sonst brauchte in nächster Nähe beisammen: die
alte Bibliothek in der Augustinergasse und die
Universität am Ludwigsplatz, das Schulhaus, in dem
der Fachverein seine Proben abhielt und das Museum, wo
die Konzerte stattfanden und die Heidelberger
Gesellschaft den Wintervergnügungen huldigte. Es war
auch nicht weit zu den Kneipen, in denen die
wissenschaftlichen Vereine ihre Sitzungen abhielten, und
zu den Biergärten, dem Faulen Pelz und dem
Bremeneck, wo der Bürger im Sommer seinen Durst
löschte. Ich ass bei Frau Leiser im Prinzen Max, und
als mich dort zwei Kollegen durch ihre Billardstangen in
der Ruhe störten, verlegte ich das Mittagsmahl in
den Prinzen Friedrich Karl, wo Frau Weidner samt
Töchtern ihres Amtes waltete und bedeutende
Männer, voran Herr Architekt Lender, ihren
Frühschoppen tranken. Die Zukost zum Tee, den mir
Fräulein Sieben bereitete, holte ich mir
persönlich, wie in Studentenzeiten. Wenn die Wurst
gut war, verschmerzte ich es, dass ich von den Wurstnixen
etwas von oben herab bedient wurde. An Sonntagen brauchte
meine Hausdame nicht für mich zu sorgen. Da ging sie
mit ihrer Freundin Sophie, die im Hause wohnte,
spazieren, ich aber wandelte ins Café Wachter, wo
die Saaltöchter wie Nonnen in Schwarz und Weiss
sittsam neben dem Buffet sassen und die Gäste nach
Bedarf mit Zeitungen oder Speis und Trank
versorgten.
Aber
der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wenn ich jemals
einen Hunger nach Freunden, nach Aussprache und
geselligem Verkehr hatte, dann ist es in diesen Jahren,
in der seelischen Vereinsamung nach dem Tod meiner Mutter
gewesen. Der Briefwechsel mit den alten Freunden konnte
keinen Ersatz dafür bieten. Richard Miller hatte
längst promoviert und steuerte nun in Berlin der
Kapellmeisterlaufbahn zu. Im Sommer 1892 holte er sich
seine Albertine, die lebenssprühende Tochter seiner
Strassburger Wirtin nach Hause; zu der Hochzeit in
Strassburg war ich natürlich als Gast geladen, dann
haben wir uns viele Jahre nicht mehr gesehen. Mit Schmidt
blieb ich in engerer Verbindung, weil ich damals noch
Hoffnung hatte, an der Strassburger Bibliothek
unterzukommen. Er ist in jungen Jahren gestorben. Der
Schwarm der Heidelberger Freunde war in alle Winde
zerstreut und jeder ging seinem Beruf nach. Nur zwei, von
Max Wolf abgesehen, fanden den Weg ins Freie. Voigt sass
jungverheiratet in Weinheim am Bender'schen Institut und
bereitete sich zum Doktor der Staatswissenschaften vor.
Es wurde bald von dem Mathematiker Schell als Assistent
an die Technische Hochschule nach Karlsruhe gerufen und
habilitierte sich schon 1894 in seinem alten Studienfach.
Mie folgte ihm bald nach und wurde Assistent bei dem
Physiker Lehmann. Mit Schmidtle pflegte ich die
botanischen Interessen weiter, doch kamen wir nicht so
oft zusammen, als es die Nähe von Mannheim erlaubt
hätte.
So
kam es darauf an, in welchen Kreisen ich neue Freunde
fand. Der Verkehr im Mathematischen Verein konnte mir
nicht mehr viel bieten. Innerhalb der studentischen
Kreise kamen nur die klassischen Philologen in Betracht,
zu denen ich immer freundliche Beziehungen gepflegte
hatte. Das Glück führte mir einen jungen Fuchs
in den Weg, Karl Dürr aus Baden, den ich schon vom
Gymnasium her kannte. Er wollte klassische Philologie
studieren, aber auch Philosophie treiben und Sanskrit
hören. Das war gerade, was ich brauchte. Ich war
selig über diese Entdeckung. Mit dem Sanskrit kamen
wir zwar nicht weit, aber wir lasen Faust und Zarathustra
und schwelgten in grossen Gedanken und Gefühlen. Im
Winter darauf, als er in Berlin studierte, mussten lange
Briefe den täglichen Verkehr ersetzen.
Um
die gleiche Zeit lernte ich bei einem Kollegenabend, den
die Heidelberger Schulen gemeinsam veranstalteten, den
Praktikanten Dr. Franz Burg kennen. Von seiner
kühlen kritischen Art und seinem gründlichen
philologischen Wissen hatte ich unendlichen Gewinn, ihn
mochte meine heissblütigere Art und mein
orientalisches Steckenpferd angezogen haben. Die Freude
an der Musik war uns beiden gemeinsam. Burg war auch der
Anlass, dass ich mit H. Tode bekannt wurde und unsere
Thoma-Studien nach Heidelberg wanderten. Ob es mir
gelänge zu ergründen, was zwei Menschen auf den
ersten Blick zu einander führt? Wir haben uns
über alle Zeiten und Schicksale hinweg die
Freundschaft gehalten, weil uns ein gemeinsamer Zug
verband: der rücksichtslose, unbedingte Wille zur
Wahrhaftigkeit.
Von
den flüchtigeren Beziehungen jener Zeit, die sich
aus dem Kommen und Gehen jüngerer Lehrkräfte an
den drei Schulen ergaben, könnte ich noch viel
sagen, von Gewicht wäre doch nur, was mich in meinen
Zielen gefördert hat. Ein Mensch, der als
abgestempelter Mathematiker mit Philologen verkehrte und
gar noch Arabisch trieb, musste allen normalen
Zeitgenossen verdächtig erscheinen &endash; so gab
es sich ganz vonb selbst, dass ich meinen Weg ziemlich
allein zu gehen hatte. Oft habe ich mich gefragt, bei
einer ausgesprochenen Freude an wissenschaftlicher
Aussprache, warum es immer nur Einzelne waren, mit denen
sich ein engerer Anschluss herausbildete, warum es mir in
grösseren Kreisen oder in Massenversammlungen nie
behaglich zu Mut war. Aber was konnte dabei herauskommen,
wenn die Männer bei Bier oder Wein an langen Tischen
sassen und einer den anderen überschreien musste, um
sich auch nur seinem Nachbar verständlich zu machen.
War es nicht etwas ganz anderes, mit einem oder zwei
Freunden auf einem Spaziergang im Walde, oder auch um
einen Tisch im Studierzimmer sich in alte Probleme zu
vertiefen oder über neue Fragen
auszusprechen?
Meine
gesellschaftlichen Talente waren sichtlich schwach
entwickelt, aber wann hätten sie sich über und
entfalten sollen? Ich empfand alle Ansprüche in
dieser Hinsicht als eine Last. Wenn ich schon einmal an
grossen Veranstaltungen teilnehmen musste, so war mir nur
wohl, wenn ich ganz in der Masse untertauchen und die
Eitelkeit der grossen Welt mit freundlichem Lächeln
an mir vorüberziehen lassen konnte. Ich habe
später die Scheu vor den Massen verloren, aber nur,
weil ich mir erst recht nichts aus den Paraden machte,
die nun einmal in dieser Welt unvermeidlich
sind.