Sechsunddreissigstes Kapitel.

Abschied von der Mutter.
Das bestandene Examen und die erste Verwendung im Schuldienst hatte eine grosse Entspannung der Lage bewirkt. Die Sorge, meine Gesundheit könnte den Anstrengungen, die ich mir zumutete, nicht gewachsen sein, war nun gegenstandlos geworden. Für den Vater bestand die fühlbarste Wirkung in der Entlastung von materiellen Aufwendungen. Zehn lange Jahre hatte er die Kosen für meine Ausbildung aufbringen müssen. Es war ihm oft schwer genug gefallen, neben allen anderen Anforderungen die wachsenden Ansprüche des Studenten zu befriedigen. Jetzt war die Zeit nicht nur fern, wo ich von der Ausgabenseite des Hausbuchs verschwinden würde. Ja, man durfte erwarten, dass ich einmal mit meinem eigenen Einkommen nachhelfen würde, wenn die Eltern die Vollendung von Ottos Berufsausbildung nicht mehr erlebte. Sie hätten es gerne gesehen, wenn auch der jüngste Spross die höhere Schule durchlaufen hätte, um studieren oder Beamter zu werden.

Mein Bruder Albert hatte seine Lehrjahre nun ebenfalls hinter sich. Er blieb noch einige Monate bei seinem Freiburger Meister und begann dann als Instrumentenmacher seine Wanderzeit, die ihn durch alle Gaue Deutschlands, nach Kassel, Plauen, Halle, Strassburg, Berlin, einmal auch nach Groningen führte, oft genug in Verhältnisse, in denen er mit Wehmut der Fleischtöpfe Ägyptens gedachte.

In Strassburg hatten sich die Verhältnisse seit der Mitte der Achtziger Jahre so günstig entwickelt, dass Onkel Heinrich mit der Rückzahlung der von meinen Eltern zur Verfügung gestellten Summe beginnen konnte. Die Söhne waren mit dem Einjährigenschein von der Schule abgegangen. Der Ältere solle später die Fabrik übernehmen und erhielt in der französischen Schweiz seine kaufmännische Ausbildung. Der Jüngere besuchte die Braunschweiger-Drogisten-Akademie und machte sich später in Strassburg selbständig.

Bei den Mahlberger Verwandten war die Lage immer trostloser geworden. Wenn mein Vater das Haus und ein paar Äcker aus dem Zusammenbruch der Achtziger Jahre noch einmal hatte retten können, so waren inzwischen durch Krankheiten und mangelnden Verdienst neue Schulden entstanden, für die keine Deckung da war. Eine schwere Krankheit der jüngsten Tochter Emilie verschlang grosse Summen, nach ihrem Tod musste der Haushalt aufgelöst werden, im März 1889 gelang es, das Haus zu verkaufen. Auf dem Sohn Karl ruhte die letzte Hoffnung der Familie. Er hatte sich bisher mit Privatstunden und Stipendien durch das Gymnasium geschlagen und hätte gern Philologie studiert, aber dazu bestand keine Möglichkeit. Wenn er Priester wurde, konnte er dem Vater und den Geschwistern einmal keine Heimat schaffen. Er brauchte seinen Überzeugungen keinen Zwang anzutun und fand so viel Unterstützung, dass er das Ziel erreichte. Als er in Villingen seine erste Anstellung erhielt, nahm er den alten Vater und eine Schwester Julie zu sich. Später, als er in Elsach Pfarrer war, nahm er auch die Schwester Anna zu sich, und selbst der uralten Magd seiner Eltern gab er das Gnadenbrot. Er hat die Pflichten gegen die Seinen redlich erfüllt und ist als letzter der Familie 1924 gestorben.

Von dem Augenleiden seiner Mutter, das ihr seit 1884 das Nähen und Lesen erschwerte, habe ich schon früher gesprochen. Es bestand in Trübung der Hornhaut, und wenn die Behandlung durch Dr. Hoffmann auch eine gewisse Besseung brachte, so liessen sich die Störungen doch nicht ganz beseitigen. Ihre rheumatischen Leiden mussten immer wieder durch Thermalbäder bekämpft werden. Im Sommer 1887 war aber ihr Gesundheitszustand so befriedigend, dass die Eltern eine schon lange geplante Reise in den Schwarzwald ausführen konnten. Es waren seit dem Wegzug von Bernau 27 Jahre vergangen, ohne dass meine Mutter den Schwarzwald wiedergesehen hatte. In Triberg wurde der erste Halt gemacht und im "Engel" eingekehrt. Das war ein vertrautes Wirtsschild und rief Erinnerungen an alte Zeiten wach. Am Nachmittag wurden die Wasserfälle besucht und die Fahrt bis Villingen fortgesetzt. Hier fanden die Eltern bei dem alten Freunde Stassen herzlichste Aufnahme. Zwei Tage später traten sie die Reise nach Konstanz an. Am Hafen traf man Bühler Freunde, so dass die Stunden rasch verflogen. Regnerisches Wetter beeinträchtigte die Fernsicht, auch musste eine geplante Dampferfahrt unterbleiben. Umso schöner war der folgende Tag, der zu einer Fahrt auf dem Untersee und Rhein bis Schaffhausen benützt wurde. Dann folgte die Bahnfahrt bis Basel. Zum ersten Mal duchschritten die Eltern zusammen die alte schweizer Stadt und genossen den Blick von der Münsterterrasse. Zwölf Jahre später stand ich mit meiner jungen Frau an der gleichen Stelle. In Freiburg wurde die Gewerbeausstellung besichtigt, am meisten aber freuten sich die Eltern darauf, die seit 1885 in Betrieb befindliche Höllentalbahn kennenzulernen. Sie fuhren bis Hinterzarten, um den alten Freund Hofstetter zu besuchen, der seit 1853 als Lehrer in dem Dorfe sass und durch den Betrieb eines Bauernhofs zu einem Wohlstand gekommen war. Aber "wir hätten nicht mit ihm tauschen mögen", heisst es in des Vaters Erinnerungen.

Auf meine Briefe aus Berlin erhielt ich von Mutters Hand regelmässig Antwort. So schrieb sie mir am 21. November: "Es ist mir eine angenehme Unterhaltung, ein wenig mit Dir zu plaudern, denn meine Nachmittage sind ziemlich langweilig. Ich bin bis vier Uhr allein und kann nichts tun als schlafen, stricken und in Gedanken bei all meinen Lieben in der Nähe und Ferne herumzuwandern. Auch Kaffee trinken kann ich noch; damit er mir besser schmeckt, kommt Papa gewöhnlich um 3 Uhr von der Schule herüber und trinkt mit. Meine Augen sind noch wenig besser. Mit meiner Mutter Brille habe ich heute Deinen Brief gelesen. Ich kann sie aber nur ganz kurze Zeit benützen. Der Arzt sagt, dass mir eine stärkere Brille nichts nützen würde, da das Auge noch nicht ganz gesund sei. Wärme sei das beste für mich. Papa liest mir die Kronprinzenartikel vor. Es ist nur schade, dass der Inhalt ein so trauriger ist. Das Herz tut einem weh, wenn man sich in die Lage des Kronprinzen denkt." Dann folgen die Familiennachrichten, die Bühler und Badener Neuigkeiten, am Schluss der nervus rerum: "Wir können Dir im Augenblick nicht mehr wie 100.- Mark schicken, wir hatten Wein zu zahlen und mussten auch Albert in Halle 30.- Mark schicken, damit er sich einen Wintermantel kaugfen kann." Am 16. Dezember wurden mir weitere 100.- Mark angekündigt. Ich wusste noch nichts von der Zechiner Einladung, so schrieb mir die Mutter: "Halte frohe Weihnacht in Deinem einsamen Stübchen, wie auch wir an diesem Abend in Gedanken bei Dir weilen werden."

Im Sommer 1888 sind die Briefe der Mutter mit den traurigen Nachrichten über die Mahlberger Verhältnisse und Emiliens Krankheit gefüllt. Auch die Sorge, ob der Vetter Karl wohl bei der Theologie bleiben werde, bewegt die Mutter. Es waren damals nicht nur für mich kritische Zeiten. Wie atmeten wir beide auf, als der Examenswinter mit seiner Qual hinter mir lag! Und wie freute sie sich, als ich ihr von meinen botaniscchen Wanderfahrten bunte Sträusse mitbrachte, Schlüsselblumen und Anemonen, Maiblumen und Waldmeister, alle Feld- und Wiesenblumen, die sie so liebte, und wie vieles andere noch, was sie zum ersten Mal sah!

Als ich in Durlach war, trafen wir uns einmal in der Residenz, um für Weihnachten Einkäufe zu machen. Das Fest feierten wir zu Hause in fröhlichster Stimmung, aber es sollte der Mutter letztes Weihnachten werden. Im Februar 1890 stellten sich Schmerzen und Störungen ein, über deren Gründe uns der Hausarzt noch ausweichenden Bescheid gab. Eine Operation, die vom Facharzt für notwendig erklärt wurde, brachte sichtliche Besserung, so dass wir volle Genesung erhofften. Aber Anfang April kehrten die Schmerzen wieder, und wir mussten die arme Kranke nach Strassburg bringen. Noch einmal begannen wir auf eine günstige Wendung zu hoffen, als die Mutter nach einigen Wochen zurückkehrte. Im Mai und Juni konnte sie, von mir geführt, im Garten spazierengehen und sich an den Blumen freuen, aber sie sah sie zum letzten Mal. In einer Juninacht traten so bedrohliche Erscheinungen auf, dass wir um ihr Leben fürchteten. Mein Vater hatte bis dahin von dem Ernst der Lage noch keine Kenntnis. Ich wusste nach einer Aussprache mit meinem Freund Schenck, dass es keine Hoffnung gab. Und doch, als ich aus den Verhandlungen zwischen unserem Hausarzt und einem Spezialarzt Karlsruher das Todesurteil für die arme Mutter heraushörte, das der Vater nicht verstand, da schwanden mir für einen Augenblick die Sinne.

Der Vater glaubte noch immer, es könne nicht sein, dass ihm sein Liebstes genommen würde. Ich wollte der Mutter die Hoffnung erhalten, dass sie wieder gesund würde, aber wie konnte man das, da man die Ärmste so furchtbar leiden sah! Ich hatte schon den Sommer über, so weit ich nicht durch die Schule behindert war, besonders aber in den grossen Ferien, meine Mutter kaum verlassen. Ich besorgte die Pflege, denn ich hatte eine weichere Hand als der Vater und ich war ihr Liebling, wie sie das Licht meiner Augen war. Wie habe ich diese heldenhafte Dulderin geliebt, nicht nur mit der Liebe des Kindes, des dankbaren Sohnes, nein, mit einer Liebe, die meint, das Schicksal zwingen zu können, die mit den ewigen Mächten um ein unersetzliches Leben ringt.

Und doch, es musste geschieden sein. Das Volontärjahr ging zu Ende, ich sah meiner Anstellung und Versetzung entgegen. Wir besprachen alle Möglichkeiten. Wenn ich nach Konstanz oder Wertheim kam, war es ausgeschlossen, sie öfters zu besuchen. Wir hofften, dass ich vielleicht eine Stelle in der Nähe von Baden erhalten könne, wenn wir dem massgebenden Mann in Karlsruhe von unserer Not und Trauer Mitteilung machten. Ich wusste bestimmt, dass Stellen frei wurden, und dass ich der nächste an der Reihe war. Ich fuhr also nach Karlsruhe und trug dem Herrn unser Anliegen vor. Ich wurde mit den Worten abgespeist: "Wer hat Ihnen denn überhaupt gesagt, dass Sie angestellt werden?" Nie habe ich die Brutalität eines Bonzen und die eigene Ohnmacht bitterer empfunden, als bei diesem Bittgang. Ich schwor es mir, nie wieder bei einem Oberschulrat einen Besuch zu machen.

Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres erhielt ich eine Zustellung, die mir die Wahl zwischen den Realschulen und Heidelberg freigab. Das gleiche Schreiben ging auch noch an einen anderen Kandidaten. Wie der hohe Rat entscheiden hätte, wenn wir beide die gleiche Stelle wünschten, weiss ich nicht. Aber der andere wählte Karlsruhe, ich wählte Heidelberg, und so ging alles glatt. In Karlsruhe hatte ich nichts zu suchen, Heidelberg barg alle Möglichkeiten. Mit diesem Entschluss entschied sich mein Schicksal.

Wenn ich an den Samstagen schon um 10 Uhr frei bekam, konnte ich um 11 Uhr in Badenscheuern sein und anderthalb Tage bleiben. Ich fand einen Direktor, der für meine Bitte Verständnis hatte, und konnte bis zum Tode der Mutter regelmässig in der Nacht auf den Sonntag Wache halten. Am 14. Dezember nahmen wir von einander für das Leben Abschied. Die Mutter war schon so schwach, dass jede Stunde mit ihrem Hinscheiden zu rechnen war. Am Montagmorgen erhielt ich die Todesnachricht. Nun hatte das edle Herz ausgelitten, nun stand ich allein auf der Welt. Keine Mutter mehr! Am Mittwoch fand in Bühl das Begräbnis statt. An der Ostseite der neuen Friedhof-Kapelle, wo der Vater schon vor Jahren ein Grab gekauft hatte, haben wir sie zur ewigen Ruhe gebettet.

Ein traurigeres Weihnachten war kaum zu denken. Es schien, als ob alle guten Geister das Haus verlassen hätten. Die Stimmung des Vaters liess kein trostreiches Wort aufkommen. Es gab keinen Christbaum, bei dessen Lichtern wir der Mutter mit all ihrer herzwarmen Güte hätten gedenken können. War diese betonte Freudlosigkeit ein Weihnachen im Sinne der Mutter? Hatten wir Söhne nicht noch ein Recht auf Liebe? Es blieb mir nur übrig, mich in Heidelberg auszuweinen.

Weihnachten 1891 war noch trostloser, noch ärmer an Wärme. Nichts erinnerte an den Duft und die Heimlichkeiten der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit. Es war, als ob uns recht eindringlich gezeigt werden sollte, dass wir keine Heimat mehr hätten. Glücklicherweise war ich zwischen Weihnachten und Neujahr nah Strassburg zum Onkel eingeladen. Dort war doch noch junges Volk beisammen, das auch dem Vetter von Heidelberg herzlich willkommen hiess.

Auf dem Rückweg wollte ich meinen Freund Schenck besuchen, der vor kurzem eine Assistentenstelle an der Heilanstalt Illenau angetreten hatte. Er sollte mich in Achern zu einem bestimmten Zug abholen. Da er nicht am Bahnsteig stand, nahm ich an, dass er dienstlich aufgehalten sei, und hielt es fürs beste, bis er erschien, am Bahnhof zu bleiben. Schliesslich fragte mich ein Beamter, auf wen ich eigentlich warte? Auf den Dr. Schenck in Illenau, war die Antwort. Schenck? Dr. Schenck? Besann sich der Mann. Der ist gestern in Rastatt begraben worden! - Das ist ja unmöglich, wir haben uns doch auf diesen Zug verabredet! - Ich konnte es nicht fassen, aber es war kein Zweifel möglich. Der Bahnbeamte wusste nur noch, dass der Arzt an einer Operation gestorben sei, die plötzlich nötig wurde. Den Tag darauf erhielt ich die Todesnachricht.

Das war eine furchtbare Mahnung, ein tiefes Erschrecken vor den trügerischen Abgründen alles Menschenschicksals. Welche Hoffnungen wurden hier zerstört! Welche glänzende Laufbahn stand diesem zum Arzt und Helfer wie geborenen jungen Freund offen! Welche Tragik für die Eltern, die zwei Jahre vorher eine blühende Tochter als junge Frau und Mutter verloren hatten! Und da sollte man in göttlichen Ratschlüssen Trost und Aufrichtung suchen?

Während der Krankheit der Mutter hatte Julie Gross, unsere Mahlberger Base, die Küche besorgt. Sie war auf Wunsch des Vaters auch nachher bei uns geblieben und verwaltete ihr Amt als stiller Hausgeist mit grösster Treue und Gewissenhaftigkeit. Ihre menschenscheue Art, zu der ein früher Kummer den Grund gelegt hatte, passte zu der verbitterten Stimmung des Vaters, aber Julie besass nicht die Eigenschaften, meinem jüngsten Bruder die Mutter zu ersetzen. Während der Vater, mit seinem Gram und seinen Erinnerungen beschäftigt, sich immer mehr von den Freunden zurückzog und gegen alles gleichgültig wurde, blieb Otto ohne feste Führung und begann leichtsinnig zu werden. Mir aber war es nicht möglich, in wenigen Ferienwochen wieder gutzumachen, was in der Schulzeit versäumt worden war. Als uns Julie im Spätjahr 1892 verliess, um ihrem Bruder Karl auf seiner ersten Stelle den Haushalt zu führen, versank die letzte Überlieferung von der Mutter her.

 

 

Auch die neue Haushälterin konnte sich gegen die Verhältnisse nicht durchsetzen. Da es mit Otto auf dem Gymnasium nicht weiterging, kam er in eine kaufmännische Lehrstelle. Bald wurde auch hier ein Wechsel nötig, aber auf der zweiten Stelle geriet der Lehrling erst recht in üble Gesellschaft. Endlich sah der Vater ein, dass gehandelt werden musste. Einer seiner Bernauer Schüler, der in Lausanne ein Metallwarengeschäft besass, verbürgte sich, dem jungen Mann das Arbeiten und Gehorchen beizubringen. Am 1. Mai 1894 reiste der Vater mit Otto nach Lausanne.

Die Haushälterin hatte schon zu Ostern gekündigt. Der Vater war jetzt ganz allein und nahm eine alte, halb blinde und lahme Witwe mit zwei Kindern ins Haus. Sie sollte gegen freie Kost und Wohnung die Zimmer in Ordnung halten, das Essen liess sich der Vater aus dem Gasthof holen. Der Haushalt verkam mehr und mehr und es entwickelten sich Zustände, zu denen ich nicht länger schweigen konnte. An Pfingsten, als ich zu kurzem Besuch da war, entlud sich die aufgehäufte Erbitterung. Ich fuhr nach Heidelberg zurück, von Magenkrämpfen gepeinigt, entschlossen, vor einer gründlichen Änderung der Lage nicht mehr nach Scheuern zu kommen. Aber ich schrieb schon an Weihnachten einen Brief, in dem ich die Hand zum Frieden bot und meine Heftigkeit bedauerte. Der Vater antwortete in gleich versöhnlicher Gesinnung, und ich hatte nie wieder Anlass, mich über mangelndes Vertrauen zu beklagen.

Ostern 1895 wurde die alte Frau durch eine andere, wesentlich energischere Witwe ersetzt. Leider erwies sich auch dieser Versuch als Fehlgriff. Als die Dame dem Vater einen Heiratsantrag machte, flog sie hinaus. Mit Hilfe einer Frau Clevens in Wolfach, mit der von Bühl her eine alte Freundschaft bestand, fand der Vielgeprüfte endlich eine treue Seele, Marie Neef, die Ordnung schaffte und dem alten Manne wieder ein behagliches Heim bereitete. Sie hat meinen Vater um mehr als zwanzig Jahre überlebt und ist hochbetagt in Wolfach gestorben. Wir haben sie bis an ihr seliges Ende in Ehren gehalten.

In das Jahr 1895 fiel auch noch ein Ereignis, das den Namen meines Vaters zum ersten Mal im Zusammenhang mit Hans Thoma in die Öffentlichkeit brachte. Henry Thode, der seit zwei Jahren als Nachfolger Oechelhäusers an der Universität neuere Kunstgeschichte lehrte, hatte als Vorkämpfer für Thoma's Kunst durchgesetzt, dass in Heidelberg eine Ausstellung von Werken des Künstlers stattfand. Thoma liess sich bereit finden, eine grosse Zahl seiner Bilder zur Verfügung zu stellen, und im Juli konnte die Ausstellung im Kunstverein eröffnet werden. Sie zog Scharen von Besuchern aus nah und fern nach Heidelberg und hatte glänzenden Erfolg. Mit war diese erste grosse Übersicht über Thoma's Lebenswerk eine Offenbarung ungeahnter Herrlichkeit. Wie in Berlin vor Böcklin und Lenbach, so musste ich mich jetzt vor den Schöpfungen Thoma's in jeden Linienzug, in jede Farbenharmonie vertiefen. Ich konnte mir nicht versagen, meinem alten Freunde Burg auch von unseren Bildern und von des Vaters alten Beziehungen zu Thoma zu erzählen. Von ihm kam die Kunde an Prof. Pfaff, den Vorstand des Kunstvereins, und dieser gab sie an Thode weiter.

Thode liess mich zu sich rufen und ich musste versprechen, die Bilder nach Heidelberg kommen zu lassen, um sie in einer kleine nachträglichen Ausstellung zu zeigen. Mein Vater gab gern seine Zustimmung und sandte nicht nur die Mappe, sondern auch das grosse gerahmte Rheinbild. Dies sollte ich wieder zurückschicken, die Köpfe und Landschaftsstudien könne ich behalten oder an einen "Thoma-Narren" verkaufen. Ich zog es vor, sie zu behalten und zum Schmuck der beiden Zimmer zu verwenden, die ich von Fräulein Sieben im Austausch gegen das bisher bewohnte gemietet hatte.

Einer Einladung Thoma's, ihn in Frankfurt zu besuchen, wich ich aus leidiger Befangenheit aus. Hätte ich ihn damals schon so gekannt, wie ich ihn jetzt aus seinen Aufzeichnungen und Briefen kenne, so hätte ich den Besuch nicht zu scheuen brauchen. So wurde ich erst nach meines Vaters Tod mit dem grossen Künstlier bekannt, als er im Jahr 1903 bei der Gründung der Heidelberger Akademie als Ehrengast in Heidelberg weilte. Ich konnte es kaum fassen und glauben, als mir beim ersten Wort ein treuherziges Alemannisch entgegenklang!

Am 7.Oktober 1896 feierte der Vater in ziemlichem Wohlbefinden seinen siebzigsten Geburtstag. Er hatte nun über fünfzig Jahre Schule gehalten und glaubte, dass es jetzt genug sei. Er wollte nicht warten, bis man ihm von Karlsruhe her den Schlussstrich unter seine Tätigkeit setzte, und gab am 1. November um seine Pensionierung ein. Sie wurde ihm mit den im Badischen üblichen Ehrungen gewährt, und nun gab es kein Halten mehr. Im folgenden Frühjahr zog er nach Bühl zurück, um den Rest seiner Tage dort zu verbringen, wo er sich zu Hause fühlte und seine letzte Ruhe finden wollte.

Er konnte die gleiche Wohnung wieder beziehen, die wir vor dem Bau des eigenen Hauses inne gehabt hatten. Das Stemmle'sche Haus war in den Besitz der Tochter Lina übergeganen, die jetzt als Frau Häusner den unteren Stock bewohnte.


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© Julius Ruska 1937