Das
bestandene Examen und die erste Verwendung im Schuldienst
hatte eine grosse Entspannung der Lage bewirkt. Die
Sorge, meine Gesundheit könnte den Anstrengungen,
die ich mir zumutete, nicht gewachsen sein, war nun
gegenstandlos geworden. Für den Vater bestand die
fühlbarste Wirkung in der Entlastung von materiellen
Aufwendungen. Zehn lange Jahre hatte er die Kosen
für meine Ausbildung aufbringen müssen. Es war
ihm oft schwer genug gefallen, neben allen anderen
Anforderungen die wachsenden Ansprüche des Studenten
zu befriedigen. Jetzt war die Zeit nicht nur fern, wo ich
von der Ausgabenseite des Hausbuchs verschwinden
würde. Ja, man durfte erwarten, dass ich einmal mit
meinem eigenen Einkommen nachhelfen würde, wenn die
Eltern die Vollendung von Ottos Berufsausbildung nicht
mehr erlebte. Sie hätten es gerne gesehen, wenn auch
der jüngste Spross die höhere Schule
durchlaufen hätte, um studieren oder Beamter zu
werden.
Mein
Bruder Albert hatte seine Lehrjahre nun ebenfalls hinter
sich. Er blieb noch einige Monate bei seinem Freiburger
Meister und begann dann als Instrumentenmacher seine
Wanderzeit, die ihn durch alle Gaue Deutschlands, nach
Kassel, Plauen, Halle, Strassburg, Berlin, einmal auch
nach Groningen führte, oft genug in
Verhältnisse, in denen er mit Wehmut der
Fleischtöpfe Ägyptens gedachte.
In
Strassburg hatten sich die Verhältnisse seit der
Mitte der Achtziger Jahre so günstig entwickelt,
dass Onkel Heinrich mit der Rückzahlung der von
meinen Eltern zur Verfügung gestellten Summe
beginnen konnte. Die Söhne waren mit dem
Einjährigenschein von der Schule abgegangen. Der
Ältere solle später die Fabrik übernehmen
und erhielt in der französischen Schweiz seine
kaufmännische Ausbildung. Der Jüngere besuchte
die Braunschweiger-Drogisten-Akademie und machte sich
später in Strassburg selbständig.
Bei
den Mahlberger Verwandten war die Lage immer trostloser
geworden. Wenn mein Vater das Haus und ein paar
Äcker aus dem Zusammenbruch der Achtziger Jahre noch
einmal hatte retten können, so waren inzwischen
durch Krankheiten und mangelnden Verdienst neue Schulden
entstanden, für die keine Deckung da war. Eine
schwere Krankheit der jüngsten Tochter Emilie
verschlang grosse Summen, nach ihrem Tod musste der
Haushalt aufgelöst werden, im März 1889 gelang
es, das Haus zu verkaufen. Auf dem Sohn Karl ruhte die
letzte Hoffnung der Familie. Er hatte sich bisher mit
Privatstunden und Stipendien durch das Gymnasium
geschlagen und hätte gern Philologie studiert, aber
dazu bestand keine Möglichkeit. Wenn er Priester
wurde, konnte er dem Vater und den Geschwistern einmal
keine Heimat schaffen. Er brauchte seinen
Überzeugungen keinen Zwang anzutun und fand so viel
Unterstützung, dass er das Ziel erreichte. Als er in
Villingen seine erste Anstellung erhielt, nahm er den
alten Vater und eine Schwester Julie zu sich.
Später, als er in Elsach Pfarrer war, nahm er auch
die Schwester Anna zu sich, und selbst der uralten Magd
seiner Eltern gab er das Gnadenbrot. Er hat die Pflichten
gegen die Seinen redlich erfüllt und ist als letzter
der Familie 1924 gestorben.
Von
dem Augenleiden seiner Mutter, das ihr seit 1884 das
Nähen und Lesen erschwerte, habe ich schon
früher gesprochen. Es bestand in Trübung der
Hornhaut, und wenn die Behandlung durch Dr. Hoffmann auch
eine gewisse Besseung brachte, so liessen sich die
Störungen doch nicht ganz beseitigen. Ihre
rheumatischen Leiden mussten immer wieder durch
Thermalbäder bekämpft werden. Im Sommer 1887
war aber ihr Gesundheitszustand so befriedigend, dass die
Eltern eine schon lange geplante Reise in den Schwarzwald
ausführen konnten. Es waren seit dem Wegzug von
Bernau 27 Jahre vergangen, ohne dass meine Mutter den
Schwarzwald wiedergesehen hatte. In Triberg wurde der
erste Halt gemacht und im "Engel" eingekehrt. Das war ein
vertrautes Wirtsschild und rief Erinnerungen an alte
Zeiten wach. Am Nachmittag wurden die Wasserfälle
besucht und die Fahrt bis Villingen fortgesetzt. Hier
fanden die Eltern bei dem alten Freunde Stassen
herzlichste Aufnahme. Zwei Tage später traten sie
die Reise nach Konstanz an. Am Hafen traf man Bühler
Freunde, so dass die Stunden rasch verflogen.
Regnerisches Wetter beeinträchtigte die Fernsicht,
auch musste eine geplante Dampferfahrt unterbleiben. Umso
schöner war der folgende Tag, der zu einer Fahrt auf
dem Untersee und Rhein bis Schaffhausen benützt
wurde. Dann folgte die Bahnfahrt bis Basel. Zum ersten
Mal duchschritten die Eltern zusammen die alte schweizer
Stadt und genossen den Blick von der
Münsterterrasse. Zwölf Jahre später stand
ich mit meiner jungen Frau an der gleichen Stelle. In
Freiburg wurde die Gewerbeausstellung besichtigt, am
meisten aber freuten sich die Eltern darauf, die seit
1885 in Betrieb befindliche Höllentalbahn
kennenzulernen. Sie fuhren bis Hinterzarten, um den alten
Freund Hofstetter zu besuchen, der seit 1853 als Lehrer
in dem Dorfe sass und durch den Betrieb eines Bauernhofs
zu einem Wohlstand gekommen war. Aber "wir hätten
nicht mit ihm tauschen mögen", heisst es in des
Vaters Erinnerungen.
Auf
meine Briefe aus Berlin erhielt ich von Mutters Hand
regelmässig Antwort. So schrieb sie mir am 21.
November: "Es ist mir eine angenehme Unterhaltung, ein
wenig mit Dir zu plaudern, denn meine Nachmittage sind
ziemlich langweilig. Ich bin bis vier Uhr allein und kann
nichts tun als schlafen, stricken und in Gedanken bei all
meinen Lieben in der Nähe und Ferne herumzuwandern.
Auch Kaffee trinken kann ich noch; damit er mir besser
schmeckt, kommt Papa gewöhnlich um 3 Uhr von der
Schule herüber und trinkt mit. Meine Augen sind noch
wenig besser. Mit meiner Mutter Brille habe ich heute
Deinen Brief gelesen. Ich kann sie aber nur ganz kurze
Zeit benützen. Der Arzt sagt, dass mir eine
stärkere Brille nichts nützen würde, da
das Auge noch nicht ganz gesund sei. Wärme sei das
beste für mich. Papa liest mir die
Kronprinzenartikel vor. Es ist nur schade, dass der
Inhalt ein so trauriger ist. Das Herz tut einem weh, wenn
man sich in die Lage des Kronprinzen denkt." Dann folgen
die Familiennachrichten, die Bühler und Badener
Neuigkeiten, am Schluss der nervus rerum: "Wir
können Dir im Augenblick nicht mehr wie 100.- Mark
schicken, wir hatten Wein zu zahlen und mussten auch
Albert in Halle 30.- Mark schicken, damit er sich einen
Wintermantel kaugfen kann." Am 16. Dezember wurden mir
weitere 100.- Mark angekündigt. Ich wusste noch
nichts von der Zechiner Einladung, so schrieb mir die
Mutter: "Halte frohe Weihnacht in Deinem einsamen
Stübchen, wie auch wir an diesem Abend in Gedanken
bei Dir weilen werden."
Im
Sommer 1888 sind die Briefe der Mutter mit den traurigen
Nachrichten über die Mahlberger Verhältnisse
und Emiliens Krankheit gefüllt. Auch die Sorge, ob
der Vetter Karl wohl bei der Theologie bleiben werde,
bewegt die Mutter. Es waren damals nicht nur für
mich kritische Zeiten. Wie atmeten wir beide auf, als der
Examenswinter mit seiner Qual hinter mir lag! Und wie
freute sie sich, als ich ihr von meinen botaniscchen
Wanderfahrten bunte Sträusse mitbrachte,
Schlüsselblumen und Anemonen, Maiblumen und
Waldmeister, alle Feld- und Wiesenblumen, die sie so
liebte, und wie vieles andere noch, was sie zum ersten
Mal sah!
Als
ich in Durlach war, trafen wir uns einmal in der
Residenz, um für Weihnachten Einkäufe zu
machen. Das Fest feierten wir zu Hause in
fröhlichster Stimmung, aber es sollte der Mutter
letztes Weihnachten werden. Im Februar 1890 stellten sich
Schmerzen und Störungen ein, über deren
Gründe uns der Hausarzt noch ausweichenden Bescheid
gab. Eine Operation, die vom Facharzt für notwendig
erklärt wurde, brachte sichtliche Besserung, so dass
wir volle Genesung erhofften. Aber Anfang April kehrten
die Schmerzen wieder, und wir mussten die arme Kranke
nach Strassburg bringen. Noch einmal begannen wir auf
eine günstige Wendung zu hoffen, als die Mutter nach
einigen Wochen zurückkehrte. Im Mai und Juni konnte
sie, von mir geführt, im Garten spazierengehen und
sich an den Blumen freuen, aber sie sah sie zum letzten
Mal. In einer Juninacht traten so bedrohliche
Erscheinungen auf, dass wir um ihr Leben fürchteten.
Mein Vater hatte bis dahin von dem Ernst der Lage noch
keine Kenntnis. Ich wusste nach einer Aussprache mit
meinem Freund Schenck, dass es keine Hoffnung gab. Und
doch, als ich aus den Verhandlungen zwischen unserem
Hausarzt und einem Spezialarzt Karlsruher das Todesurteil
für die arme Mutter heraushörte, das der Vater
nicht verstand, da schwanden mir für einen
Augenblick die Sinne.
Der
Vater glaubte noch immer, es könne nicht sein, dass
ihm sein Liebstes genommen würde. Ich wollte der
Mutter die Hoffnung erhalten, dass sie wieder gesund
würde, aber wie konnte man das, da man die
Ärmste so furchtbar leiden sah! Ich hatte schon den
Sommer über, so weit ich nicht durch die Schule
behindert war, besonders aber in den grossen Ferien,
meine Mutter kaum verlassen. Ich besorgte die Pflege,
denn ich hatte eine weichere Hand als der Vater und ich
war ihr Liebling, wie sie das Licht meiner Augen war. Wie
habe ich diese heldenhafte Dulderin geliebt, nicht nur
mit der Liebe des Kindes, des dankbaren Sohnes, nein, mit
einer Liebe, die meint, das Schicksal zwingen zu
können, die mit den ewigen Mächten um ein
unersetzliches Leben ringt.
Und
doch, es musste geschieden sein. Das Volontärjahr
ging zu Ende, ich sah meiner Anstellung und Versetzung
entgegen. Wir besprachen alle Möglichkeiten. Wenn
ich nach Konstanz oder Wertheim kam, war es
ausgeschlossen, sie öfters zu besuchen. Wir hofften,
dass ich vielleicht eine Stelle in der Nähe von
Baden erhalten könne, wenn wir dem massgebenden Mann
in Karlsruhe von unserer Not und Trauer Mitteilung
machten. Ich wusste bestimmt, dass Stellen frei wurden,
und dass ich der nächste an der Reihe war. Ich fuhr
also nach Karlsruhe und trug dem Herrn unser Anliegen
vor. Ich wurde mit den Worten abgespeist: "Wer hat Ihnen
denn überhaupt gesagt, dass Sie angestellt werden?"
Nie habe ich die Brutalität eines Bonzen und die
eigene Ohnmacht bitterer empfunden, als bei diesem
Bittgang. Ich schwor es mir, nie wieder bei einem
Oberschulrat einen Besuch zu machen.
Kurz
vor Beginn des neuen Schuljahres erhielt ich eine
Zustellung, die mir die Wahl zwischen den Realschulen und
Heidelberg freigab. Das gleiche Schreiben ging auch noch
an einen anderen Kandidaten. Wie der hohe Rat entscheiden
hätte, wenn wir beide die gleiche Stelle
wünschten, weiss ich nicht. Aber der andere
wählte Karlsruhe, ich wählte Heidelberg, und so
ging alles glatt. In Karlsruhe hatte ich nichts zu
suchen, Heidelberg barg alle Möglichkeiten. Mit
diesem Entschluss entschied sich mein
Schicksal.
Wenn
ich an den Samstagen schon um 10 Uhr frei bekam, konnte
ich um 11 Uhr in Badenscheuern sein und anderthalb Tage
bleiben. Ich fand einen Direktor, der für meine
Bitte Verständnis hatte, und konnte bis zum Tode der
Mutter regelmässig in der Nacht auf den Sonntag
Wache halten. Am 14. Dezember nahmen wir von einander
für das Leben Abschied. Die Mutter war schon so
schwach, dass jede Stunde mit ihrem Hinscheiden zu
rechnen war. Am Montagmorgen erhielt ich die
Todesnachricht. Nun hatte das edle Herz ausgelitten, nun
stand ich allein auf der Welt. Keine Mutter mehr! Am
Mittwoch fand in Bühl das Begräbnis statt. An
der Ostseite der neuen Friedhof-Kapelle, wo der Vater
schon vor Jahren ein Grab gekauft hatte, haben wir sie
zur ewigen Ruhe gebettet.
Ein
traurigeres Weihnachten war kaum zu denken. Es schien,
als ob alle guten Geister das Haus verlassen hätten.
Die Stimmung des Vaters liess kein trostreiches Wort
aufkommen. Es gab keinen Christbaum, bei dessen Lichtern
wir der Mutter mit all ihrer herzwarmen Güte
hätten gedenken können. War diese betonte
Freudlosigkeit ein Weihnachen im Sinne der Mutter? Hatten
wir Söhne nicht noch ein Recht auf Liebe? Es blieb
mir nur übrig, mich in Heidelberg
auszuweinen.
Weihnachten
1891 war noch trostloser, noch ärmer an Wärme.
Nichts erinnerte an den Duft und die Heimlichkeiten der
fröhlichen, seligen Weihnachtszeit. Es war, als ob
uns recht eindringlich gezeigt werden sollte, dass wir
keine Heimat mehr hätten. Glücklicherweise war
ich zwischen Weihnachten und Neujahr nah Strassburg zum
Onkel eingeladen. Dort war doch noch junges Volk
beisammen, das auch dem Vetter von Heidelberg herzlich
willkommen hiess.
Auf
dem Rückweg wollte ich meinen Freund Schenck
besuchen, der vor kurzem eine Assistentenstelle an der
Heilanstalt Illenau angetreten hatte. Er sollte mich in
Achern zu einem bestimmten Zug abholen. Da er nicht am
Bahnsteig stand, nahm ich an, dass er dienstlich
aufgehalten sei, und hielt es fürs beste, bis er
erschien, am Bahnhof zu bleiben. Schliesslich fragte mich
ein Beamter, auf wen ich eigentlich warte? Auf den Dr.
Schenck in Illenau, war die Antwort. Schenck? Dr.
Schenck? Besann sich der Mann. Der ist gestern in Rastatt
begraben worden! - Das ist ja unmöglich, wir haben
uns doch auf diesen Zug verabredet! - Ich konnte es nicht
fassen, aber es war kein Zweifel möglich. Der
Bahnbeamte wusste nur noch, dass der Arzt an einer
Operation gestorben sei, die plötzlich nötig
wurde. Den Tag darauf erhielt ich die
Todesnachricht.
Das
war eine furchtbare Mahnung, ein tiefes Erschrecken vor
den trügerischen Abgründen alles
Menschenschicksals. Welche Hoffnungen wurden hier
zerstört! Welche glänzende Laufbahn stand
diesem zum Arzt und Helfer wie geborenen jungen Freund
offen! Welche Tragik für die Eltern, die zwei Jahre
vorher eine blühende Tochter als junge Frau und
Mutter verloren hatten! Und da sollte man in
göttlichen Ratschlüssen Trost und Aufrichtung
suchen?
Während
der Krankheit der Mutter hatte Julie Gross, unsere
Mahlberger Base, die Küche besorgt. Sie war auf
Wunsch des Vaters auch nachher bei uns geblieben und
verwaltete ihr Amt als stiller Hausgeist mit
grösster Treue und Gewissenhaftigkeit. Ihre
menschenscheue Art, zu der ein früher Kummer den
Grund gelegt hatte, passte zu der verbitterten Stimmung
des Vaters, aber Julie besass nicht die Eigenschaften,
meinem jüngsten Bruder die Mutter zu ersetzen.
Während der Vater, mit seinem Gram und seinen
Erinnerungen beschäftigt, sich immer mehr von den
Freunden zurückzog und gegen alles gleichgültig
wurde, blieb Otto ohne feste Führung und begann
leichtsinnig zu werden. Mir aber war es nicht
möglich, in wenigen Ferienwochen wieder gutzumachen,
was in der Schulzeit versäumt worden war. Als uns
Julie im Spätjahr 1892 verliess, um ihrem Bruder
Karl auf seiner ersten Stelle den Haushalt zu
führen, versank die letzte Überlieferung von
der Mutter her.
Auch
die neue Haushälterin konnte sich gegen die
Verhältnisse nicht durchsetzen. Da es mit Otto auf
dem Gymnasium nicht weiterging, kam er in eine
kaufmännische Lehrstelle. Bald wurde auch hier ein
Wechsel nötig, aber auf der zweiten Stelle geriet
der Lehrling erst recht in üble Gesellschaft.
Endlich sah der Vater ein, dass gehandelt werden musste.
Einer seiner Bernauer Schüler, der in Lausanne ein
Metallwarengeschäft besass, verbürgte sich, dem
jungen Mann das Arbeiten und Gehorchen beizubringen. Am
1. Mai 1894 reiste der Vater mit Otto nach Lausanne.
Die
Haushälterin hatte schon zu Ostern gekündigt.
Der Vater war jetzt ganz allein und nahm eine alte, halb
blinde und lahme Witwe mit zwei Kindern ins Haus. Sie
sollte gegen freie Kost und Wohnung die Zimmer in Ordnung
halten, das Essen liess sich der Vater aus dem Gasthof
holen. Der Haushalt verkam mehr und mehr und es
entwickelten sich Zustände, zu denen ich nicht
länger schweigen konnte. An Pfingsten, als ich zu
kurzem Besuch da war, entlud sich die aufgehäufte
Erbitterung. Ich fuhr nach Heidelberg zurück, von
Magenkrämpfen gepeinigt, entschlossen, vor einer
gründlichen Änderung der Lage nicht mehr nach
Scheuern zu kommen. Aber ich schrieb schon an Weihnachten
einen Brief, in dem ich die Hand zum Frieden bot und
meine Heftigkeit bedauerte. Der Vater antwortete in
gleich versöhnlicher Gesinnung, und ich hatte nie
wieder Anlass, mich über mangelndes Vertrauen zu
beklagen.
Ostern
1895 wurde die alte Frau durch eine andere, wesentlich
energischere Witwe ersetzt. Leider erwies sich auch
dieser Versuch als Fehlgriff. Als die Dame dem Vater
einen Heiratsantrag machte, flog sie hinaus. Mit Hilfe
einer Frau Clevens in Wolfach, mit der von Bühl her
eine alte Freundschaft bestand, fand der
Vielgeprüfte endlich eine treue Seele, Marie Neef,
die Ordnung schaffte und dem alten Manne wieder ein
behagliches Heim bereitete. Sie hat meinen Vater um mehr
als zwanzig Jahre überlebt und ist hochbetagt in
Wolfach gestorben. Wir haben sie bis an ihr seliges Ende
in Ehren gehalten.
In
das Jahr 1895 fiel auch noch ein Ereignis, das den Namen
meines Vaters zum ersten Mal im Zusammenhang mit Hans
Thoma in die Öffentlichkeit brachte. Henry Thode,
der seit zwei Jahren als Nachfolger Oechelhäusers an
der Universität neuere Kunstgeschichte lehrte, hatte
als Vorkämpfer für Thoma's Kunst durchgesetzt,
dass in Heidelberg eine Ausstellung von Werken des
Künstlers stattfand. Thoma liess sich bereit finden,
eine grosse Zahl seiner Bilder zur Verfügung zu
stellen, und im Juli konnte die Ausstellung im
Kunstverein eröffnet werden. Sie zog Scharen von
Besuchern aus nah und fern nach Heidelberg und hatte
glänzenden Erfolg. Mit war diese erste grosse
Übersicht über Thoma's Lebenswerk eine
Offenbarung ungeahnter Herrlichkeit. Wie in Berlin vor
Böcklin und Lenbach, so musste ich mich jetzt vor
den Schöpfungen Thoma's in jeden Linienzug, in jede
Farbenharmonie vertiefen. Ich konnte mir nicht versagen,
meinem alten Freunde Burg auch von unseren Bildern und
von des Vaters alten Beziehungen zu Thoma zu
erzählen. Von ihm kam die Kunde an Prof. Pfaff, den
Vorstand des Kunstvereins, und dieser gab sie an Thode
weiter.
Thode
liess mich zu sich rufen und ich musste versprechen, die
Bilder nach Heidelberg kommen zu lassen, um sie in einer
kleine nachträglichen Ausstellung zu zeigen. Mein
Vater gab gern seine Zustimmung und sandte nicht nur die
Mappe, sondern auch das grosse gerahmte Rheinbild. Dies
sollte ich wieder zurückschicken, die Köpfe und
Landschaftsstudien könne ich behalten oder an einen
"Thoma-Narren" verkaufen. Ich zog es vor, sie zu behalten
und zum Schmuck der beiden Zimmer zu verwenden, die ich
von Fräulein Sieben im Austausch gegen das bisher
bewohnte gemietet hatte.
Einer
Einladung Thoma's, ihn in Frankfurt zu besuchen, wich ich
aus leidiger Befangenheit aus. Hätte ich ihn damals
schon so gekannt, wie ich ihn jetzt aus seinen
Aufzeichnungen und Briefen kenne, so hätte ich den
Besuch nicht zu scheuen brauchen. So wurde ich erst nach
meines Vaters Tod mit dem grossen Künstlier bekannt,
als er im Jahr 1903 bei der Gründung der
Heidelberger Akademie als Ehrengast in Heidelberg weilte.
Ich konnte es kaum fassen und glauben, als mir beim
ersten Wort ein treuherziges Alemannisch
entgegenklang!
Am
7.Oktober 1896 feierte der Vater in ziemlichem
Wohlbefinden seinen siebzigsten Geburtstag. Er hatte nun
über fünfzig Jahre Schule gehalten und glaubte,
dass es jetzt genug sei. Er wollte nicht warten, bis man
ihm von Karlsruhe her den Schlussstrich unter seine
Tätigkeit setzte, und gab am 1. November um seine
Pensionierung ein. Sie wurde ihm mit den im Badischen
üblichen Ehrungen gewährt, und nun gab es kein
Halten mehr. Im folgenden Frühjahr zog er nach
Bühl zurück, um den Rest seiner Tage dort zu
verbringen, wo er sich zu Hause fühlte und seine
letzte Ruhe finden wollte.
Er
konnte die gleiche Wohnung wieder beziehen, die wir vor
dem Bau des eigenen Hauses inne gehabt hatten. Das
Stemmle'sche Haus war in den Besitz der Tochter Lina
übergeganen, die jetzt als Frau Häusner den
unteren Stock bewohnte.