Während
ich in Strassburg mein erstes Semester mit Philosophieren
und Memoirenschreiben ausfüllte, sah sich mein Vater
in Bühl vor schwere und einschneidende
Entschlüsse gestellt. Er ging jetzt ins sechzigste
Lebensjahr und fühlte, dass er der jeden Winter
wiederkehrenden Arbeitslast von 48 Schulstunden auf
weitere Jahre nicht mehr gewachsen war. Die Winterschule
konnte er wegen der mit ihr verbundenen erheblichen
Einnahmen nicht aufgeben, die Gewerbeschule wollte ihm
niemand abnehmen. Die Stadtväter hatten keine Lust,
einen besonderen Gewerbelehrer anzustellen, das
hätte die Finanzen zu schwer belastet, und man sagte
sich, wenn es lange gegangen war, würde es auch noch
zehn Jahre weiter gehen. Aber mein Vater hatte genug und
war entschlossen, der unhaltbaren Lage ein Ende zu
machen. Das war allerdings nur möglich, wenn eine
Stelle frei wurde, die bei annähernd gleichem
Einkommen geringe Ansprüche an seine Arbeitskraft
stellte. Posten dieser Art waren ebenso selten wie
begehrt. Ein glücklicher Zufall fügte es, dass
zu Ostern 1885 in Badenscheuern, einem ländlichen
Vorort von Baden-Baden, für den der Gehaltstarif der
Stadt massgebend war, die Hauptlehrerstelle besetzt
werden sollte. Von seinem Freunde Weinig auf die
günstige Gelegenheit hingewiesen, sandte der Vater
seine Eingabe noch zum letzten Termin an den Stadtrat.
Von 98 Bewerbern kamen zwölf in die engere Wahl,
mein Vater stand an vierter Stelle und erhielt den
Posten. Weinig kam, als die Entscheidung gefallen war,
sofort herüber, um das Ergebnis mitzuteilen. Meine
Eltern hatten bei der grossen Zahl der Bewerber nicht
mehr mit der Möglichkeit einer günstigen
Wendung gerechnet, zumal ein von den Klerikalen auf den
Schild gehobener Kandidat bei den schwarzen
Stadträten schon Antrittsbesuche gemacht hatte. Nun
stand die Versetzung plötzlich mit all ihren Folgen
da, aus dem Spiel mit dem Gedanken war über Nacht
bitterer Ernst geworden.
Man
hatte die Vorteile und Nachteile einer Versetzung
natürlich nach allen Seiten erwogen, nun aber stand
dem Verlust unersetzlicher Werte zunächst doch ein
unsicherer Gewinn gegenüber. Gewiss, eine Schule mit
wesentlich verminderter Stundenzahl, ein Einkommen, das
bei geringerer Belastung dem in Bühl gleichkam, wog
die Unbequemlichkeit eines Wechsels wohl auf. Die Stadt
Baden und ihre herrliche Umgebung bot jede Art von
Erholung und Zerstreuung. Die Mutter, die schon
längere Zeit mit einem Augenleiden zu tun hatte, und
oft an Rheumatismus litt, konnte die Bäder benutzen.
Otto konnte ohne besondere Kosten das Gymnasium besuchen,
vielleicht würde sich auch für mich dort
später eine Stelle finden. So hatte man wohl
Zukunftspläne entwickelt, aber jetzt traten die
unmittelbaren Folgen des Wegzugs in den
Vordergrund.
Es
war doch nicht so einfach, sich von einer Stadt und von
Menschen loszulösen, mit denen man durch 25 Jahre
öffentlichen Wirkens verbunden und verwachsen war,
und es war noch schwerer, auf einen Besitz zu verzichten,
mit dem sich die Erinnerung an so viele glückliche
Stunden verknüpfte. Die Trennung von Bekannte und
Freunden war noch am ehesten zu tragen. Die Verbindungen
konnten erhalten bleiben, zumal man sich gewiss wieder
nach Bühl zurückziehen würde, um dort in
Ruhe seine alten Tage zu verleben. Aber was sollte mit
Haus und Garten geschehen? Eine Vermietung war schwierig,
ein Verkauf bedeutete die schmerzlichste Trennung. Und
doch sprachen alle Gründe für diese
Entscheidung. Keiner von uns drei Söhnen würde
voraussichtliche seine Zukunft in Bühl finden,
keiner konnte also später einmal den Besitz
übernehmen. Auch den Eltern wäre später
die Bewirtschaftung des Gartens nicht mehr ohne fremde
Hilfe möglich gewesen. So wurde das Anwesen zum
Verkauf ausgeboten und schliesslich von der Witwe des
Oberförsters Schuler, der kurz zuvor durch einen
Eisenbahnunfall das Leben verloren hatte, um RM.
15.000,&endash; erworben. Die Osterferien konnte ich noch
in Bühl zubringen, am 23. April fand der Umzug
statt.
Inzwischen
war es auch den Bühlern zum Bewusstsein gekommen,
dass der Weggang des Lehrers einen Verlust bedeutete, den
man hätte vermeiden können. Man erinnerte sich
jetzt seiner Verdienste um das Leben der Stadt, man gab
dem Scheidenden Bankette und verlieh ihm die
Ehrenmitgliedschaft beim Militärverein und beim
Handels- und Gewerbeverein. So kam der letzte Tag heran,
an dem wir von unserem Haus für immer scheiden
mussten. Die Mutter war mit Otto zu einem letzten Besuch
bei Freunden vorausgegangen, ich begleitete den Vater an
die Bahn. Ich sehe ihn noch, wie er schweigend einen
letzten Blick zurückwarf und ihm Tränen
über den grauen Bart rollten.
In
Badenscheuern war vor unserem Einzug in die Lehrerwohnung
nur das Nötigste in Ordnung gebracht worden. Bald
zeigten sich Missstände an allen Ecken und Enden.
Räume waren genug vorhanden, aber sie passten in
ihrer ganzen Ausstattung mehr auf dörfliche
Verhältnisse als auf unsre Lebensgewohnheiten. Das
Haus war das frühere Schulhaus und diente zugleich
als Polizeiwache und Spritzenhaus. Die alten Schulzimmer
waren jetzt Wohnräume, unter dem Dach lagen noch
weitere zwei Zimmer. Vom Dachgeschoss zog es in
unerträglicher Weise die ungeschützte Treppe
hinunter, und es bedurfte energischer Schritte beim
Stadtbauamt, um vor Eintritt des Winters Abhilfe zu
schaffen. Und die verehrlichen Dorfbewohner rissen die
Augen auf, als sie den neuen Schulmeister selbst Hand
anlegen sahen. Auch die Bienenzucht konnte in einem neu
bebauten Bienenstand wieder aufgenommen werden, und ein
paar Obstbäume erfreuten durch guten
Ertrag.
Bald
stellten sich die ersten Besuche ein, alte Freunde und
Freundinnen, auch Leute, die nur die Neugier nach
Scheuern führte. Wenn ich in den Ferien war, kamen
Dauergäste aus der Verwandtschaft; ein Student hat
ja immer Zeit, seine Cousinen spazierenzuführen.
Für grössere Unternehmungen waren die Eltern zu
müde, und so entwickelte ich mich zum
Fremdenführer für Baden-Baden und Umgebung. Ich
kannte bald jeden Weg und Steg und hatte eine reiche
Menge von Ausflügen bereit, die ich unseren
Gästen je nach Leistungsfähigkeit und
Jahreszeit vorschlagen konnte.
Wäre
es nur auf diese Dinge angekommen, so hätte man sich
keinen schöneren Aufenthalt denken können. Mein
Vater hatte Schule zu halten, und dabei machte er schon
in den ersten Wochen die traurigsten Erfahrungen. Er war
bisher an Zucht und Ordnung, an unbedingte Autorität
gegenüber Schülern und Eltern gewöhnt, vor
allem auch an Fleiss und gute Leistungen, hier aber fand
er von alledem das Gegenteil. Er konnte denken, dass die
Verwahrlosung der Schule seinem Vorgänger zur Last
fiele, und dass die Missstände in absehbarer Zeit zu
beseitigen wären. Dann musste er sich
überzeugen jedoch, dass auch er gegen die
Verhältnisse nicht aufkam. Mit Kindern, die armen
Bauernfamilien oder politisch verhetztem
Vorstadtproletariat entstammten und schon grundverdorben
in die Schule kamen, waren beim besten Willen keine
befriedigenden Ergebnisse zu erzielen. Wie hätte
sich aber ein Mann mit solchen Zuständen abfinden
sollen, der bisher nur an Erfolg und Anerkennung
gewöhnt war, und das auf ihn gesetzte Vertrauen auch
jetzt zu rechtfertigen bemüht war? Was half meinem
Vater alle Entlastung, wenn der tägliche Ärger
und der hoffnungslose Kampf gegen Liederlichkeit, Roheit
und Dummheit die Kräfte verzehrte. Wenn er sich
sagen musste, dass er besser getan hätte, noch ein
paar Jahre an der alten Stelle auszuhalten? Wenn er auch
wenig darüber sprach, wir sahen doch, wie Missmut
und Verbitterung an ihm nagten und er sich mehr und mehr
in eine Verstimmung hineinsteigerte, unter der wir alle
zu leiden hatten.
War
mir die Mutter in den Kinderjahren mit allem, was sie war
und tat, ein selbstverständlicher Besitz gewesen,
hatte sie mir in späteren Leibes- und
Seelenöten durch ihre Briefe und durch manche andere
freundliche Gabe Freude bereitet, jetzt hatte ich die
nötige Reife erlangt, um ihre ganze feine Seele,
ihren Herzenstakt, ihre unergründliche Liebe
verstehen und verehren zu können. Nie erschien sie
mir unersetzlicher als in jenen Tagen, da sich der Vater
enttäuscht und verbittert immer mehr von den
Menschen zurückzog und sie mit einem freundlichen
Blick oder Wort die Wolken des Unmuts zu verscheuchen
wusste. Wie konnte sie schweigen, wenn es klüger war
zu schweigen, und wie fand sie gütige Worte für
Mann und Kinder, wenn sie ihrer bedurften!
An
einen Verkehr mit gleichgerichteten jungen Leuten war
für mich in Scheuern noch weniger als sonst zu
denken. Wenn nicht gerade Freunde von auswärts
kamen, war ich auf mich allein und meine Bücher
angewiesen. Ich durfte keine Ansprüche auf Konzert,
Theater und anderen Zeitvertreib machen, wenn ich sah,
wie schwer der Vater die Pfennige verdienen musste, ich
konnte nicht auf der Lichtenthaler Allee spazieren gehen,
wenn er sich in der Schule abrackerte. Es hat mir nichts
geschadet, dass ich mich ausgerechnet in Baden-Baden zur
Bedürfnislosigkeit und zur Unabhängigkeit von
den Gütern dieser Welt erzog. Nie habe ich mich
innerlich freier, niemals dem Schicksal mehr gewachsen
gefühlt als in jenen Jahren, wo ich auf alles, was
das Leben bot, verzichten lernte.
Ersatz
für die im persönlichen Verkehr liegenden
Anregungen mussten mir in der Abgeschiedenheit der
Ferienzeit die Bücher bringen. Wenn ich glaubhaft
machen konnte, dass dieses oder jenes Werk für die
Fortsetzung meines Studiums unentbehrlich sei, hatte ich
keine all zu grossen Widerstände bei der Anschaffung
zu überwinden. Es war nicht schwer, den Vater davon
zu überzeugen, dass Kolleg und Buch sich
ergänzen mussten, wenn ich vorankommen wollte, Er
sah die Beschaffung von Lehrbüchern als eine
Kapitalanlage an, die sich verzinsen würde,
während ihm jede Ausgabe für sogenanntes
Vergnügen als Verschwendung erschien.