Neunundzwanzigstes Kapitel.

Versetzung des Vaters.
Während ich in Strassburg mein erstes Semester mit Philosophieren und Memoirenschreiben ausfüllte, sah sich mein Vater in Bühl vor schwere und einschneidende Entschlüsse gestellt. Er ging jetzt ins sechzigste Lebensjahr und fühlte, dass er der jeden Winter wiederkehrenden Arbeitslast von 48 Schulstunden auf weitere Jahre nicht mehr gewachsen war. Die Winterschule konnte er wegen der mit ihr verbundenen erheblichen Einnahmen nicht aufgeben, die Gewerbeschule wollte ihm niemand abnehmen. Die Stadtväter hatten keine Lust, einen besonderen Gewerbelehrer anzustellen, das hätte die Finanzen zu schwer belastet, und man sagte sich, wenn es lange gegangen war, würde es auch noch zehn Jahre weiter gehen. Aber mein Vater hatte genug und war entschlossen, der unhaltbaren Lage ein Ende zu machen. Das war allerdings nur möglich, wenn eine Stelle frei wurde, die bei annähernd gleichem Einkommen geringe Ansprüche an seine Arbeitskraft stellte. Posten dieser Art waren ebenso selten wie begehrt. Ein glücklicher Zufall fügte es, dass zu Ostern 1885 in Badenscheuern, einem ländlichen Vorort von Baden-Baden, für den der Gehaltstarif der Stadt massgebend war, die Hauptlehrerstelle besetzt werden sollte. Von seinem Freunde Weinig auf die günstige Gelegenheit hingewiesen, sandte der Vater seine Eingabe noch zum letzten Termin an den Stadtrat. Von 98 Bewerbern kamen zwölf in die engere Wahl, mein Vater stand an vierter Stelle und erhielt den Posten. Weinig kam, als die Entscheidung gefallen war, sofort herüber, um das Ergebnis mitzuteilen. Meine Eltern hatten bei der grossen Zahl der Bewerber nicht mehr mit der Möglichkeit einer günstigen Wendung gerechnet, zumal ein von den Klerikalen auf den Schild gehobener Kandidat bei den schwarzen Stadträten schon Antrittsbesuche gemacht hatte. Nun stand die Versetzung plötzlich mit all ihren Folgen da, aus dem Spiel mit dem Gedanken war über Nacht bitterer Ernst geworden.

Man hatte die Vorteile und Nachteile einer Versetzung natürlich nach allen Seiten erwogen, nun aber stand dem Verlust unersetzlicher Werte zunächst doch ein unsicherer Gewinn gegenüber. Gewiss, eine Schule mit wesentlich verminderter Stundenzahl, ein Einkommen, das bei geringerer Belastung dem in Bühl gleichkam, wog die Unbequemlichkeit eines Wechsels wohl auf. Die Stadt Baden und ihre herrliche Umgebung bot jede Art von Erholung und Zerstreuung. Die Mutter, die schon längere Zeit mit einem Augenleiden zu tun hatte, und oft an Rheumatismus litt, konnte die Bäder benutzen. Otto konnte ohne besondere Kosten das Gymnasium besuchen, vielleicht würde sich auch für mich dort später eine Stelle finden. So hatte man wohl Zukunftspläne entwickelt, aber jetzt traten die unmittelbaren Folgen des Wegzugs in den Vordergrund.

Es war doch nicht so einfach, sich von einer Stadt und von Menschen loszulösen, mit denen man durch 25 Jahre öffentlichen Wirkens verbunden und verwachsen war, und es war noch schwerer, auf einen Besitz zu verzichten, mit dem sich die Erinnerung an so viele glückliche Stunden verknüpfte. Die Trennung von Bekannte und Freunden war noch am ehesten zu tragen. Die Verbindungen konnten erhalten bleiben, zumal man sich gewiss wieder nach Bühl zurückziehen würde, um dort in Ruhe seine alten Tage zu verleben. Aber was sollte mit Haus und Garten geschehen? Eine Vermietung war schwierig, ein Verkauf bedeutete die schmerzlichste Trennung. Und doch sprachen alle Gründe für diese Entscheidung. Keiner von uns drei Söhnen würde voraussichtliche seine Zukunft in Bühl finden, keiner konnte also später einmal den Besitz übernehmen. Auch den Eltern wäre später die Bewirtschaftung des Gartens nicht mehr ohne fremde Hilfe möglich gewesen. So wurde das Anwesen zum Verkauf ausgeboten und schliesslich von der Witwe des Oberförsters Schuler, der kurz zuvor durch einen Eisenbahnunfall das Leben verloren hatte, um RM. 15.000,&endash; erworben. Die Osterferien konnte ich noch in Bühl zubringen, am 23. April fand der Umzug statt.

Inzwischen war es auch den Bühlern zum Bewusstsein gekommen, dass der Weggang des Lehrers einen Verlust bedeutete, den man hätte vermeiden können. Man erinnerte sich jetzt seiner Verdienste um das Leben der Stadt, man gab dem Scheidenden Bankette und verlieh ihm die Ehrenmitgliedschaft beim Militärverein und beim Handels- und Gewerbeverein. So kam der letzte Tag heran, an dem wir von unserem Haus für immer scheiden mussten. Die Mutter war mit Otto zu einem letzten Besuch bei Freunden vorausgegangen, ich begleitete den Vater an die Bahn. Ich sehe ihn noch, wie er schweigend einen letzten Blick zurückwarf und ihm Tränen über den grauen Bart rollten.

In Badenscheuern war vor unserem Einzug in die Lehrerwohnung nur das Nötigste in Ordnung gebracht worden. Bald zeigten sich Missstände an allen Ecken und Enden. Räume waren genug vorhanden, aber sie passten in ihrer ganzen Ausstattung mehr auf dörfliche Verhältnisse als auf unsre Lebensgewohnheiten. Das Haus war das frühere Schulhaus und diente zugleich als Polizeiwache und Spritzenhaus. Die alten Schulzimmer waren jetzt Wohnräume, unter dem Dach lagen noch weitere zwei Zimmer. Vom Dachgeschoss zog es in unerträglicher Weise die ungeschützte Treppe hinunter, und es bedurfte energischer Schritte beim Stadtbauamt, um vor Eintritt des Winters Abhilfe zu schaffen. Und die verehrlichen Dorfbewohner rissen die Augen auf, als sie den neuen Schulmeister selbst Hand anlegen sahen. Auch die Bienenzucht konnte in einem neu bebauten Bienenstand wieder aufgenommen werden, und ein paar Obstbäume erfreuten durch guten Ertrag.

Bald stellten sich die ersten Besuche ein, alte Freunde und Freundinnen, auch Leute, die nur die Neugier nach Scheuern führte. Wenn ich in den Ferien war, kamen Dauergäste aus der Verwandtschaft; ein Student hat ja immer Zeit, seine Cousinen spazierenzuführen. Für grössere Unternehmungen waren die Eltern zu müde, und so entwickelte ich mich zum Fremdenführer für Baden-Baden und Umgebung. Ich kannte bald jeden Weg und Steg und hatte eine reiche Menge von Ausflügen bereit, die ich unseren Gästen je nach Leistungsfähigkeit und Jahreszeit vorschlagen konnte.

Wäre es nur auf diese Dinge angekommen, so hätte man sich keinen schöneren Aufenthalt denken können. Mein Vater hatte Schule zu halten, und dabei machte er schon in den ersten Wochen die traurigsten Erfahrungen. Er war bisher an Zucht und Ordnung, an unbedingte Autorität gegenüber Schülern und Eltern gewöhnt, vor allem auch an Fleiss und gute Leistungen, hier aber fand er von alledem das Gegenteil. Er konnte denken, dass die Verwahrlosung der Schule seinem Vorgänger zur Last fiele, und dass die Missstände in absehbarer Zeit zu beseitigen wären. Dann musste er sich überzeugen jedoch, dass auch er gegen die Verhältnisse nicht aufkam. Mit Kindern, die armen Bauernfamilien oder politisch verhetztem Vorstadtproletariat entstammten und schon grundverdorben in die Schule kamen, waren beim besten Willen keine befriedigenden Ergebnisse zu erzielen. Wie hätte sich aber ein Mann mit solchen Zuständen abfinden sollen, der bisher nur an Erfolg und Anerkennung gewöhnt war, und das auf ihn gesetzte Vertrauen auch jetzt zu rechtfertigen bemüht war? Was half meinem Vater alle Entlastung, wenn der tägliche Ärger und der hoffnungslose Kampf gegen Liederlichkeit, Roheit und Dummheit die Kräfte verzehrte. Wenn er sich sagen musste, dass er besser getan hätte, noch ein paar Jahre an der alten Stelle auszuhalten? Wenn er auch wenig darüber sprach, wir sahen doch, wie Missmut und Verbitterung an ihm nagten und er sich mehr und mehr in eine Verstimmung hineinsteigerte, unter der wir alle zu leiden hatten.

War mir die Mutter in den Kinderjahren mit allem, was sie war und tat, ein selbstverständlicher Besitz gewesen, hatte sie mir in späteren Leibes- und Seelenöten durch ihre Briefe und durch manche andere freundliche Gabe Freude bereitet, jetzt hatte ich die nötige Reife erlangt, um ihre ganze feine Seele, ihren Herzenstakt, ihre unergründliche Liebe verstehen und verehren zu können. Nie erschien sie mir unersetzlicher als in jenen Tagen, da sich der Vater enttäuscht und verbittert immer mehr von den Menschen zurückzog und sie mit einem freundlichen Blick oder Wort die Wolken des Unmuts zu verscheuchen wusste. Wie konnte sie schweigen, wenn es klüger war zu schweigen, und wie fand sie gütige Worte für Mann und Kinder, wenn sie ihrer bedurften!

An einen Verkehr mit gleichgerichteten jungen Leuten war für mich in Scheuern noch weniger als sonst zu denken. Wenn nicht gerade Freunde von auswärts kamen, war ich auf mich allein und meine Bücher angewiesen. Ich durfte keine Ansprüche auf Konzert, Theater und anderen Zeitvertreib machen, wenn ich sah, wie schwer der Vater die Pfennige verdienen musste, ich konnte nicht auf der Lichtenthaler Allee spazieren gehen, wenn er sich in der Schule abrackerte. Es hat mir nichts geschadet, dass ich mich ausgerechnet in Baden-Baden zur Bedürfnislosigkeit und zur Unabhängigkeit von den Gütern dieser Welt erzog. Nie habe ich mich innerlich freier, niemals dem Schicksal mehr gewachsen gefühlt als in jenen Jahren, wo ich auf alles, was das Leben bot, verzichten lernte.

Ersatz für die im persönlichen Verkehr liegenden Anregungen mussten mir in der Abgeschiedenheit der Ferienzeit die Bücher bringen. Wenn ich glaubhaft machen konnte, dass dieses oder jenes Werk für die Fortsetzung meines Studiums unentbehrlich sei, hatte ich keine all zu grossen Widerstände bei der Anschaffung zu überwinden. Es war nicht schwer, den Vater davon zu überzeugen, dass Kolleg und Buch sich ergänzen mussten, wenn ich vorankommen wollte, Er sah die Beschaffung von Lehrbüchern als eine Kapitalanlage an, die sich verzinsen würde, während ihm jede Ausgabe für sogenanntes Vergnügen als Verschwendung erschien.


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© Julius Ruska 1937