Achtundzwanzigstes Kapitel

Die Strassburger Semester.
Endlich kam der Tag, da ich wohlversehen mit allem, was ein angehender Studiosus nötig hat, begleitet von guten Wünschen und unbegrenztem Vertrauen, dem lieben alten Strassburg entgegenfuhr. Für die ersten Tage fand ich beim Onkel Unterkunft. An ein dauerndes Wohnen in Neudorf war nicht zu denken, schon wegen der weiten Entfernungen, aber auch aus anderen Gründen. Ich hatte das Gefühl, auch dort, wo wir als Buben mit den Vettern und Bäslein getollt hatten, fremder geworden zu sein. Das lag gewiss nicht an mir allein, sondern auch an dem kühlen Luftzug, der von der ausgesprochen französisch eingestellten Weiblichkeit her wehte. Gegen Zugluft solcher Art war ich immer empfindlich gewesen; ich hatte keinerlei Bedürfnis, mich als unbequemen Ausländer betrachten zu lassen.

So hiess es also, sobald wie möglich in der Stadt ein Zimmer suchen. Es musste billig sein und möglichst nahe beim Universitätsviertel liegen. Der Onkel begleitete mich auf dem Gang, und wir fanden das Gewünschte in der Quergasse. Als ich am Nachmittag wiederkam, um ein Handköfferchen abzustellen, sah mich die Wirtin mit sonderbaren Augen an und meinte, ich solle lieber anderswo mieten, ihr Haus sei für mich wohl nicht das Richtige. Wir waren in das Dirnenviertel geraten - mein guter Onkel, der seit 25 Jahren vor der Stadt wohnte, wusste nichts davon, ich musste es mir unter Hohngelächter von älteren Studenten sagen lassen.

In einem Wirtschaftsbetrieb am Nikolausplatz, der Ulanenkaserne gegenüber, fand ich dann eine Unterkunft, wo ich zugleich den Mittagstisch haben konnte. Ein Neuphilologe aus "Laibs'ch", der unglaublich sächselte, war mein Zimmernachbar und Tischgenosse. Die Buden lagen über einer glasgedeckten Halle, in der verschiedene Militärkapellen ihre Proben abhielten, ein Umstand, der für Mathematik und Philosophie ungemein anregend zu werden versprach.

Kaum war durch die Inskribition meine Adresse bekannt, so fanden sich feierliche Besuche ein. Erst kamen zwei untersetzte Männer in weissen Mützen und stellten sich als Germanen vor. Man werde es sich zur Ehre anrechnen, mich auf der Antrittskneipe als Gast zu begrüssen. Ich sagte natürlich zu, denn warum sollte ich eine solche Ehre ausschlagen? Am andern Tag kamen zwei schlanke Jünglinge mit roten Stürmern. Sie nannten sich Alemannen und wollten mir die gleiche Freude machen. Ich sagte auch hier zu. Schliesslich kamen noch zwei Vertreter einer katholischen Verbindung mit grünen Stürmern, deren Einladung abzulehnen ich umsoweniger übers Herz brachte, als Grün von Rastatt her meine Leibfarbe war.

So waren nun schon mehrere Abende der ersten Wochen mit Kneipenbesuch besetzt. Ich fühlte mich getragen von liebenswürdigster Gastfreundschaft und hätte mich auch jedes Mal betrinken können, wenn mich nicht ein unbestimmtes Gefühl gewarnt hätte, auf der Hut zu sein. Beim zweiten Besuch der Alemannenkneipe wurde mir deutlich, dass ich als Fuchs in die Verbindung einspringen sollte. Das lag aber nicht in den Plänen meines Vaters, und so musste ich sehen, wie ich mit guter Manier den Rückzug antrat.

Bei der Einweihung des herrlichen neuen Kollegiengebäudes war ich zum ersten Mal Zeuge und Teilnehmer einer grossen akademischen Feier. Schon als Primaner, bei früheren Strassburger Besuchen, hatte ich das Emporwachsen der Universitäts-Institute auf dem Gelände der Stadterweiterung angesehen. Wenn ich gerade die ersten Semester in Strassburg studieren wollte, war nicht am wenigsten auch der Gedanke an die schönen neuen Institute mitbeteiligt. Wie stolz war ich jetzt, in den weiten Gängen und im Lichthof des Kollegienhauses herumzuspazieren, mich im Lesesaal in die unzähligen Zeitschriften und Zeitungen zu vertiefen, wie ungeduldig sah ich dem Beginn der Vorlesungen entgegen!

Einstweilen ohne Bücher, stenographierte ich mit, was Windelband und Laas vortrugen, um es nachher auszuarbeiten. Eine Methode, die zwar Zeit kostete, aber auch zum Nachdenken zwang und einen sicheren Grund legte. In der Mathematik aber versagte die Methode schon in der ersten Stunde. Schering, der Differenzial- und Integralrechnung vortrug, begann ohne jede Einführung mit x und y draufloszurechnen, dass mir Hören und Sehen verging. Ein junger Theologe, der aus Liebhaberei für Mathematik das Kolleg besuchte und in den gleichen Nöten war, erschein einige Mal zu gemeinsamer Arbeit bei mir, aber wir kamen auch zu zweit nicht weiter. Andere Füchse, die schon auf dem Realgymnasium die Differenzialrechnung getrieben hatten, sassen gelangweilt da und verzichteten auf das Nachschreiben, weil ihnen alles schon bekannt war. Es war zum Verzweifeln - lag es an meiner Dummheit, dass ich von alledem nichts begriff, oder an der mangelnden Vorbildung? Ich erlebte eine Niederlage wie noch nie; ich sah, dass das Semester für die Mathematik verloren war, weil es kein Mittel gab, in einigen Wochen die Kluft zwischen Gymnasial- und Universitätsmähthematik zu überbrücken.

Auch mit dem von Schering empfohlenen Buch von Schlömilch, das ich in die Weihnachtsferien mitnahm, kam ich nicht viel weiter. Ich kaufte mir später noch die Werke von Autenheimer und von Spitz, kam aber erst in den Herbstferien 1885 dazu, meine mangelhaften Kenntnisse wirklich auszugleichen und mich für Christoffels Vorlesungen bereit zu machen. Auch bei Reye versagte ich in einem Vorseminar, weil zwischen der verlangten Selbständigkeit und dem kümmerlichen Wissen, das ich von der Schule mitbrachte, ein Abgrund klaffte.

So blieben noch die Naturwissenschaften. Physik konnte ich nicht hören, weil sie mit dem Kolleg von Laas zusammenfiel, auch schien es mir richtiger, im Sommer mit Experimentalphysik I gleich das Praktikum zu verbinden. Chemie hörte und sah ich bei Fittig, ohne die Vorlesung nachzuschreiben, denn sein Rezeptbuch musste ich ja doch anschaffen. Auf ein chemisches Praktikum musste ich von vornherein verzichten, das gab es nur für Berufschemiker, die den ganzen Tag im Laboratorium arbeiteten. Niemand kümmerte sich darum, wo ein künftiger Lehrer der Naturwissenschaften die notwendigen Handgriffe erlernen konnte. Mit Mineralogie, Botanik und Zoologie hatte ich, von einem einstündigen Kolleg über Bakterien bei de Bary abgesehen, noch keinerlei Berührung. So war es doch ein recht magerer Speisezettel, mit dem ich vorliebnahm, jedenfalls nicht der eines gradlinig dem Staatsexamen zustrebenden Fachstudenten.

Aber ich hatte mir für diesen Winter noch eine andere Arbeit vorgenommen, zu der ich die Universität Strassburg eigentlich nicht nötig hatte. Ich wollte mit meiner verunglückten Liebe fertig werden und glaubte das am besten dadurch zu erreichen, dass ich meine stenographierten Tagebuchblätter hübsch sauber ins Reine schrieb. Das dazu nötige Buch in Briefquart hatte ich schon von Rastatt in die Ferien mitgebracht. Es lag wohlverwahrt im Koffer und wurde hervorgeholt, nachdem ich, aus der Wirtschaft am Nikolausplatz durch den Bankrott des Pächters vertrieben, in der Nachbarschaft bei einer freundlichen Frau ein kleines, ruhiges Zimmer gefunden hatte. Hier schrieb ich, zum völligen Einsiedler geworden, den ganzen Winter hindurch tief in die Nächte hinein. Einmal wurde die Arbeit jäh unterbrochen, als ich im Januar die Nachricht erhielt, dass Beatricens Vater plötzlich gestorben sei. Ich war wie zerschmettert, und konnte doch kein Wort des Trostes und der Teilnahme nach Freiburg gelangen lassen. Je weiter ich mit der Reinschrift kam, desto stürmischer wurde der Wunsch, Beatrice noch einmal zu sehen. Die Gelegenheit schien sich zu geben, als ich von Freunden erfuhr, dass die Freiburger Schwaben zu ihrem Stiftungsfest einen Festzug veranstalten wollten, der an der Wohnung von Beatrice vorbeiführen musste. Es war nicht leicht, das Geld für die Reise zusammenzusparen. Ich fuhr am gegebenen Tag ab, und sah sie, wie erwartet, mit ihren Schwestern in schwarzen Kleidern auf dem Balkon ihrer Wohnung stehen. Ich wurde erkannt und erhaschte einen freundlichen Blick. Die Füsse wollten mich nicht weiter tragen - aber es musste sein: vorbei, vorbei! Eine Viertelstunde später begegnete ich meinem Bruder Albert, der mich verwundert fragte, was ich hier zu tun hätte. Ein paar Tage darauf wurde ich auch von meiner Mutter gefragt; die wahren Gründe blieben beiden verborgen. Von da an erlahmte der Eifer, das Erinnerungsbuch weiterzuführen. Es blieb ein Bruchstück und wurde vernichtet, als ich nach Jahren genügend Abstand von den Dingen gewonnen hatte.

Schon im Winter war mir klar geworden, dass das erste Semester, von der Philosophie abgesehen, verloren war. So konnte es nicht weiter gehen, ich musste auch aus meiner selbstgewählten Einsamkeit endlich herauskommen. Den ersten Anstoss dazu bot die Philosophie. Bei Semesteranfang traf ich mit einem Rastatter Bekannten zusammen, der im sechsten Semester stand und mir verzweifelt klagte, dass er jetzt in das philosophische Seminar müsse. Ich fragte, was es denn dort so Schreckliches gäbe und erhielt die Auskunft, dass Windelband die Kritik der Vernunft behandle. Da kann ich ja gleich mitmachen, war meine Antwort. Es hatten sich etwa zwanzig ältere Semester versammelt, als Windelband erschien, um die Themen zu verteilen. Auf die Frage, ob unter den Teilnehmern auch ein Mathematiker sei, meldete ich mich. "Nun, da könnten Sie ja gleich Kants Lehre von Raum und Zeit übernehmen." Was blieb mir übrig, als zuzusagen? Ein Berliner, der die Seminarbibliothek verwaltete, Kurt Schmidt mit Namen, wurde zum Korreferenten bestimmt. Wir besprachen uns nach Schluss der Stunde, er stellte mich gleich auch seinem Freund Richard Müller vor, und es dauerte nicht lang, bis die beiden mich ganz in ihren Bann gezogen hatten.

Schmidt redete wie ein Wirbelwind, Müller sprühte von Übermut und geistreichen Einfällen. Ich liess mich gern bestimmen, in dem von Prof. Jacobsthal geleiteten akademischen Gesangverein einzutreten. Singen war von jeher meine Freude gewesen, und es war ein Genuss unter Jacobsthals Führung klassische Chorwerke kennenzulernen. Meine neuen Freunde aber zeigten sich erst in ihrem wahren Element, als sie mich einluden, sie auf ihrer Bude in der Ruprechtsau zu besuchen. Beide waren leidenschaftliche Musiker, Schmidt beherrschte die Violine, Müller Cello und Klavier. Er spielte Bach, Mozart, Beethoven, Schumann - was ihm unter die Finger kam, vieles davon aus dem Gedächtnis. Vor allem war er ein begeisterter Verehrer und gründlicher Kenner der Wagner'schen Kunst. Er kannte die Klavierauszüge seiner Werke fast auswendig und pflegte auch die Hauptstimmen mitzusingen, wenn es ihm passte. Stundenlang sass er am Klavier, stundenlang hörte ich zu, bis es ihm einfiel, plötzlich abzubrechen und irgendeinen tollen Ulk zu verüben. Ich konnte dem Schicksal nicht genug danken, das mich mit diesem genialen Übermut zusammengeführt hatte, wenn ich auch nicht begriff, warum er gerade mich mit seiner Freundschaft auszeichnete. Es war ja keineswegs nur die Musik, die ich anhörte und bewundern musste, sondern die ganze geistige Höhe seiner Unterhaltung, die mich mitriss und über mich selbst, über mein noch allzu schülerhaftes Niveau emporhob.

Der Seminarvortrag gab mir Anlass zu einem Besuch bei Windelband. Ich hatte allerhand Einwände gegen die Verkoppelung von Zahl und Zeit vorzubringen, und erfuhr jetzt, dass Trendelenburg das auch schon gesagt habe. Das war mir natürlich sehr schmeichelhaft, wenn ich auch auf Prioritätsrechte verzichten musste. Von der Gelegenheit, in freien Stunden auf der reich ausgestatteten Seminarbibliothek zu studieren, hatte ich gründlich Gebrauch gemacht, Dass ich alles verstanden hätte, was ich in die Hand bekam, möchte ich nicht behaupten; Hegels Phänomenologie des Geistes ist mir jedenfalls ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Mit Laas kam ich im Seminar nicht in persönliche Berührung. Eine tückische Krankheit entriss ihn am Schluss des Sommersemesters der Wissenschaft. Als Seminarmitglied habe ich an der ergreifenden Beisetzungsfeier teilnehmen können. Der herbe Ernst, die männlich stolze Persönlichkeit von Laas sind mir unvergesslich geblieben, sein philosophischer Standpunkt hat tief und nachhaltig auf mich eingewirkt. Zum Studium seines Hauptwerks - Idealismus und Positivismus - bin ich erst in Heidelberg gekommen.

Meine beiden Freunde schleppten mich auch in allerhand geschichtliche und philologische Vorlesungen, in die ich aus eigenem Antrieb schwerlich gegangen wäre. So sass ich gelegentlich bei Baumgarten und Scheffer-Boichorst, und dem Germanisten Martin verdankte ich eine der langweiligsten Stunden meines Lebens. Die Anschläge der Orientalisten Leumann, Nöldecke und Euting übten einen geheimnisvollen Reiz auf mich aus; dass ich sie alle drei noch persönlich kennen lernen sollte, konnte ich damals nicht ahnen.

Von den naturwissenschaftlichen Vorlesungen des Sommers ist nichts Besonderes zu berichten. Kundts glänzende Experimatalvorlesung, besonders aber das Praktikum, in dem wir nach Kohlrauschs damals noch dünnem Buch Aufgaben bearbeiten mussten, haben mir grossen Gewinn gebracht. Wenn auch noch viel fehlte, einen Physiker aus mir zu machen, so bekam ich doch zum ersten Mal Fühlung mit physikalischer Technik und Messmethoden. Ein Lehrbuch besass ich noch nicht, die Anschaffung des grossen Wüllner konnte ich erst in Heidelberg durchsetzen.

Fittigs Vorlesung über organische Chemie fesselte mich weit mehr als die über anorganische, offenbar die innere Verkettung des ganzen Gebiets den mathematisch-architektonischen Bedürfnissen entgegenkam, die wir beim Aufbau der materiellen Welt so stark empfinden. Die alte Neigung der Apothekerei fand den Wohlgerüchen und sonstigen Düften, die den Gläsern entströmten auf dem Experimentiertisch, neue Nahrung; ob ich auch praktische Begabung für das Gebiet entwickelt hätte, ist eine andere Frage.

In der Mathematik war im Sommer noch kein wesentlicher Fortschritt zu verzeichnen. Das dritte Semester begann unter günstigeren Aspekten. Ich hatte mich in den Herbstferien durch täglich zwölfstündiges Differenzieren und Integrieren in einen mathematischen Furor hineingesteigert, der jetzt seine Früchte tragen sollte. Ich belegte neben der Physik noch 23 Stunden mathematische Vorlesungen, alles, was es überhaupt bei Schering, Roth, Reye und dem grossen Christoffel zu hören gab. Wenn ich diese Gewaltkur überstand, konnte ich mich wohl als Mathematiker bezeichnen.

Auch mein Verkehr erweiterte sich jetzt nach der mathematischen Seite. Allerdings, den ersten Anstoss dazu gab nicht das Kolleg, sondern die Tanzstunde. Nachdem sich May schon im vergangenen Winter als Einjähriger in die Kunst hatte einweihen lassen und Schenck mir seine Pläne für das erste Heidelberger Semester entwickelt hatte, konnte auch ich nicht im Hintertreffen bleiben. Ich entlockte also meinen Eltern die erforderlichen Gelder und meldete mich im Herbst bei Bittler an. Die Dynastie Bittler beherrschte damals alle süddeutschen Universitäten; wer hier ausgebildet war, konnte sich als vollendeten Kavalier betrachten. Ein älterer Student, K., der mir durch sein krankhaft bleiches, bartumrahmtes Gesicht und seine hastigen Bewegungen schon im Kolleg aufgefallen war, tauchte nun auch bei Bittler auf. Da wir den gleichen Heimweg hatten, entwickelte sich bald ein wissenschaftlicher Gedankenaustausch. Mein neuer Bekannter war ein grässlicher Pedant und Einspänner, aber ich gewähnte mich schliesslich an seine Seltsamkeiten. Nach der mathematischen Seite war er der gebende, vor allem verdanke ich ihm den Hinweis auf die philosophischen und mathematischen Schriften von Eugen Dühring. Meine Gegenleistung bestand darin, dass ich mich zum Vertrauten seiner Liebesschmerzen und Berater in seinen Herzensangelegenheiten gebrauchen liess. Es fehlte unter den Tänzerinnen nicht an anmutigen Erscheinungen, so dass der arme K. nie recht wusste, wem er seine Huldigungen zu Füssen legen sollte. Da waren besonders die vier Töchter einer Polizeiratswitwe, dunkle Schönheiten, die wir das schwarze Tetraeder nannten, aber auch braune und blonde Engel schwebten durch den Saal, die sein Herz entflammten. Ich hatte es nicht ganz leicht, neutraler Zuschauer zu bleiben. Wer weiss, ob ich die Rolle hätte durchführen können, wenn mich nicht immer noch der Kultus der Vergangenheit von der lockenden Gegenwart abgezogen hätte.

Als ich Strassburg verliess, war ich ein gute Strecke in der Entwicklung meines inneren Menschen vorangekommen. Ich war in der Gedankenwelt der neueren Philosophie soweit heimisch geworden, dass ich sicheren Boden unter den Füssen zu haben glaubte. Was meinem Wesen konform war, hatte ich aufgenommen und verarbeitet, was mit meinem Fühlen und Empfinden unvereinbar war, hatte ich abgestossen. Eine für jedermann geltende Philosophie konnte ich ebenso wenig anerkennen als für die ganze Menschheit verbindliche Religionsformen. Am allerwenigsten konnten mir Philosophen genügen, die sich aus Unwissenheit oder Überhebung mit den einfachsten Tatsachen der Naturwissenschaft in Widerspruch setzten. Man konnte den Umfand des Weltgeschehens und den Sinn des Daseins nicht aus dem eigenen Innern herausspinnen, man durfte nicht kühne Gedankenbauten ins Leere hinein stellen, man musste bescheiden von unten, mit der Erforschung der elementaren Tatsachen anfangen. Wie weit man damit kommen würde, musste die Zukunft lehren. Von der Unergründlichkeit der letzten Zusammenhänge war ich so tief durchdrungen, dass ich philosophische Systeme, die sich die Lösung der Welträtsel anmassten, ebensowenig anerkannte als die Dogmengebäude der Offenbarungsreligionen.

Man mag darüber lächeln, dass das Jünglingsalter gleich nach den höchsten Sternen greift und vor jeder möglichen Erfahrung schon ein abgeschlossenes Bild der Welt und unfehlbare Richtlinien für das Leben gewinnen will. Aber wird ein kirchlich approbiertes Bild der Welt ein Begriff von dem, was man soll und nicht soll, nicht schon den unmündigen Kindern eingeimpft? Und gehen die jungen Leute einen besseren Weg, die sich durch keinerlei Grundsätze beengt fühlen? Ich erlebte schon in Strassburg an dem Schicksal eines solchen Lebenskünstlers ein erschütterndes Beispiel missbrauchter Freiheit, und es ist nicht das einzige geblieben.

Wäre ich Theologe, Jurist oder Mediziner geworden, so hätten mich die gleichen Fragen beschäftigt, nur hätten sie dann von anderen Gedankenkreisen her ihre Beantwortung gefunden. Mit theologischen Dingen blieb ich immer in irgendeiner Weise, wenn auch meist ablehnend, in Berührung; Fragen des Rechts und der Staatsverwaltung lagen mir unendlich fern. Ich kam ja nicht aus den Kreisen, in denen sich die Regierungskunst vom Vater auf den Sohn vererbt, und konnte höchstens den Ehrgeiz haben, mich später einmal so wenig wie möglich regieren zu lassen. Auch zu den Fragen der Volkswirtschaft und den sozialen Problemen hatte ich keine inneren Beziehungen. Was gingen mich Handel und Industrie, Marxismus und soziale Gesetzgebung an? Mein Weg würde mich ja doch niemals in diese Welt hineinführen.

Stärker war das Miterleben der im inneren Sinn politischen Vorgänge. Stolz auf das durch Bismarck geeinte Vaterland, beobachtete ich in Strassburg, wie ungeachtet aller Umschmeichelung gewisser Kreise vom Protestlertum und durch französische gesinnten Klerus im Bund mit den Sozialdemokraten alles getan wurde, um der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten und ihr Ansehen zu untergraben. Eine hinterhältigere, bockbeinigere und anmassendere Gesellschaft als die verwelschten Vertreter der "double culture" war kaum zu denken. Einerlei, ob man ein Schwob oder ein Prussien war, man wurde abgelehnt, man galt als minderwertig. So vertraut mir die Stadt und ihr Alemannisch war, so wenig hatte ich mit dem eigentlichen Elsässertum Fühlung gewonnen. Ich erlebte noch den Abgang des Generalfeldmarschalls von Manteuffel und den Amtsantritt des Fürsten Höhenlohe, aber damit ging der erste Abschnitt meiner Studienzeit zu Ende. Als ich an jenem eisigen Märztag den Münsterturm bestieg, war der Blick auf die Schwarzwaldberge gerichtet, die in Schnee gehüllt, von der Sonne beglänzt, aus der Heimat herübergrüssten.

 


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© Julius Ruska 1937