Endlich
kam der Tag, da ich wohlversehen mit allem, was ein
angehender Studiosus nötig hat, begleitet von guten
Wünschen und unbegrenztem Vertrauen, dem lieben
alten Strassburg entgegenfuhr. Für die ersten Tage
fand ich beim Onkel Unterkunft. An ein dauerndes Wohnen
in Neudorf war nicht zu denken, schon wegen der weiten
Entfernungen, aber auch aus anderen Gründen. Ich
hatte das Gefühl, auch dort, wo wir als Buben mit
den Vettern und Bäslein getollt hatten, fremder
geworden zu sein. Das lag gewiss nicht an mir allein,
sondern auch an dem kühlen Luftzug, der von der
ausgesprochen französisch eingestellten Weiblichkeit
her wehte. Gegen Zugluft solcher Art war ich immer
empfindlich gewesen; ich hatte keinerlei Bedürfnis,
mich als unbequemen Ausländer betrachten zu
lassen.
So
hiess es also, sobald wie möglich in der Stadt ein
Zimmer suchen. Es musste billig sein und möglichst
nahe beim Universitätsviertel liegen. Der Onkel
begleitete mich auf dem Gang, und wir fanden das
Gewünschte in der Quergasse. Als ich am Nachmittag
wiederkam, um ein Handköfferchen abzustellen, sah
mich die Wirtin mit sonderbaren Augen an und meinte, ich
solle lieber anderswo mieten, ihr Haus sei für mich
wohl nicht das Richtige. Wir waren in das Dirnenviertel
geraten - mein guter Onkel, der seit 25 Jahren vor der
Stadt wohnte, wusste nichts davon, ich musste es mir
unter Hohngelächter von älteren Studenten sagen
lassen.
In
einem Wirtschaftsbetrieb am Nikolausplatz, der
Ulanenkaserne gegenüber, fand ich dann eine
Unterkunft, wo ich zugleich den Mittagstisch haben
konnte. Ein Neuphilologe aus "Laibs'ch", der unglaublich
sächselte, war mein Zimmernachbar und Tischgenosse.
Die Buden lagen über einer glasgedeckten Halle, in
der verschiedene Militärkapellen ihre Proben
abhielten, ein Umstand, der für Mathematik und
Philosophie ungemein anregend zu werden
versprach.
Kaum
war durch die Inskribition meine Adresse bekannt, so
fanden sich feierliche Besuche ein. Erst kamen zwei
untersetzte Männer in weissen Mützen und
stellten sich als Germanen vor. Man werde es sich zur
Ehre anrechnen, mich auf der Antrittskneipe als Gast zu
begrüssen. Ich sagte natürlich zu, denn warum
sollte ich eine solche Ehre ausschlagen? Am andern Tag
kamen zwei schlanke Jünglinge mit roten
Stürmern. Sie nannten sich Alemannen und wollten mir
die gleiche Freude machen. Ich sagte auch hier zu.
Schliesslich kamen noch zwei Vertreter einer katholischen
Verbindung mit grünen Stürmern, deren Einladung
abzulehnen ich umsoweniger übers Herz brachte, als
Grün von Rastatt her meine Leibfarbe war.
So
waren nun schon mehrere Abende der ersten Wochen mit
Kneipenbesuch besetzt. Ich fühlte mich getragen von
liebenswürdigster Gastfreundschaft und hätte
mich auch jedes Mal betrinken können, wenn mich
nicht ein unbestimmtes Gefühl gewarnt hätte,
auf der Hut zu sein. Beim zweiten Besuch der
Alemannenkneipe wurde mir deutlich, dass ich als Fuchs in
die Verbindung einspringen sollte. Das lag aber nicht in
den Plänen meines Vaters, und so musste ich sehen,
wie ich mit guter Manier den Rückzug
antrat.
Bei
der Einweihung des herrlichen neuen
Kollegiengebäudes war ich zum ersten Mal Zeuge und
Teilnehmer einer grossen akademischen Feier. Schon als
Primaner, bei früheren Strassburger Besuchen, hatte
ich das Emporwachsen der Universitäts-Institute auf
dem Gelände der Stadterweiterung angesehen. Wenn ich
gerade die ersten Semester in Strassburg studieren
wollte, war nicht am wenigsten auch der Gedanke an die
schönen neuen Institute mitbeteiligt. Wie stolz war
ich jetzt, in den weiten Gängen und im Lichthof des
Kollegienhauses herumzuspazieren, mich im Lesesaal in die
unzähligen Zeitschriften und Zeitungen zu vertiefen,
wie ungeduldig sah ich dem Beginn der Vorlesungen
entgegen!
Einstweilen
ohne Bücher, stenographierte ich mit, was Windelband
und Laas vortrugen, um es nachher auszuarbeiten. Eine
Methode, die zwar Zeit kostete, aber auch zum Nachdenken
zwang und einen sicheren Grund legte. In der Mathematik
aber versagte die Methode schon in der ersten Stunde.
Schering, der Differenzial- und Integralrechnung vortrug,
begann ohne jede Einführung mit x und y
draufloszurechnen, dass mir Hören und Sehen verging.
Ein junger Theologe, der aus Liebhaberei für
Mathematik das Kolleg besuchte und in den gleichen
Nöten war, erschein einige Mal zu gemeinsamer Arbeit
bei mir, aber wir kamen auch zu zweit nicht weiter.
Andere Füchse, die schon auf dem Realgymnasium die
Differenzialrechnung getrieben hatten, sassen gelangweilt
da und verzichteten auf das Nachschreiben, weil ihnen
alles schon bekannt war. Es war zum Verzweifeln - lag es
an meiner Dummheit, dass ich von alledem nichts begriff,
oder an der mangelnden Vorbildung? Ich erlebte eine
Niederlage wie noch nie; ich sah, dass das Semester
für die Mathematik verloren war, weil es kein Mittel
gab, in einigen Wochen die Kluft zwischen Gymnasial- und
Universitätsmähthematik zu
überbrücken.
Auch
mit dem von Schering empfohlenen Buch von
Schlömilch, das ich in die Weihnachtsferien mitnahm,
kam ich nicht viel weiter. Ich kaufte mir später
noch die Werke von Autenheimer und von Spitz, kam aber
erst in den Herbstferien 1885 dazu, meine mangelhaften
Kenntnisse wirklich auszugleichen und mich für
Christoffels Vorlesungen bereit zu machen. Auch bei Reye
versagte ich in einem Vorseminar, weil zwischen der
verlangten Selbständigkeit und dem kümmerlichen
Wissen, das ich von der Schule mitbrachte, ein Abgrund
klaffte.
So
blieben noch die Naturwissenschaften. Physik konnte ich
nicht hören, weil sie mit dem Kolleg von Laas
zusammenfiel, auch schien es mir richtiger, im Sommer mit
Experimentalphysik I gleich das Praktikum zu verbinden.
Chemie hörte und sah ich bei Fittig, ohne die
Vorlesung nachzuschreiben, denn sein Rezeptbuch musste
ich ja doch anschaffen. Auf ein chemisches Praktikum
musste ich von vornherein verzichten, das gab es nur
für Berufschemiker, die den ganzen Tag im
Laboratorium arbeiteten. Niemand kümmerte sich
darum, wo ein künftiger Lehrer der
Naturwissenschaften die notwendigen Handgriffe erlernen
konnte. Mit Mineralogie, Botanik und Zoologie hatte ich,
von einem einstündigen Kolleg über Bakterien
bei de Bary abgesehen, noch keinerlei Berührung. So
war es doch ein recht magerer Speisezettel, mit dem ich
vorliebnahm, jedenfalls nicht der eines gradlinig dem
Staatsexamen zustrebenden Fachstudenten.
Aber
ich hatte mir für diesen Winter noch eine andere
Arbeit vorgenommen, zu der ich die Universität
Strassburg eigentlich nicht nötig hatte. Ich wollte
mit meiner verunglückten Liebe fertig werden und
glaubte das am besten dadurch zu erreichen, dass ich
meine stenographierten Tagebuchblätter hübsch
sauber ins Reine schrieb. Das dazu nötige Buch in
Briefquart hatte ich schon von Rastatt in die Ferien
mitgebracht. Es lag wohlverwahrt im Koffer und wurde
hervorgeholt, nachdem ich, aus der Wirtschaft am
Nikolausplatz durch den Bankrott des Pächters
vertrieben, in der Nachbarschaft bei einer freundlichen
Frau ein kleines, ruhiges Zimmer gefunden hatte. Hier
schrieb ich, zum völligen Einsiedler geworden, den
ganzen Winter hindurch tief in die Nächte hinein.
Einmal wurde die Arbeit jäh unterbrochen, als ich im
Januar die Nachricht erhielt, dass Beatricens Vater
plötzlich gestorben sei. Ich war wie zerschmettert,
und konnte doch kein Wort des Trostes und der Teilnahme
nach Freiburg gelangen lassen. Je weiter ich mit der
Reinschrift kam, desto stürmischer wurde der Wunsch,
Beatrice noch einmal zu sehen. Die Gelegenheit schien
sich zu geben, als ich von Freunden erfuhr, dass die
Freiburger Schwaben zu ihrem Stiftungsfest einen Festzug
veranstalten wollten, der an der Wohnung von Beatrice
vorbeiführen musste. Es war nicht leicht, das Geld
für die Reise zusammenzusparen. Ich fuhr am
gegebenen Tag ab, und sah sie, wie erwartet, mit ihren
Schwestern in schwarzen Kleidern auf dem Balkon ihrer
Wohnung stehen. Ich wurde erkannt und erhaschte einen
freundlichen Blick. Die Füsse wollten mich nicht
weiter tragen - aber es musste sein: vorbei, vorbei! Eine
Viertelstunde später begegnete ich meinem Bruder
Albert, der mich verwundert fragte, was ich hier zu tun
hätte. Ein paar Tage darauf wurde ich auch von
meiner Mutter gefragt; die wahren Gründe blieben
beiden verborgen. Von da an erlahmte der Eifer, das
Erinnerungsbuch weiterzuführen. Es blieb ein
Bruchstück und wurde vernichtet, als ich nach Jahren
genügend Abstand von den Dingen gewonnen
hatte.
Schon
im Winter war mir klar geworden, dass das erste Semester,
von der Philosophie abgesehen, verloren war. So konnte es
nicht weiter gehen, ich musste auch aus meiner
selbstgewählten Einsamkeit endlich herauskommen. Den
ersten Anstoss dazu bot die Philosophie. Bei
Semesteranfang traf ich mit einem Rastatter Bekannten
zusammen, der im sechsten Semester stand und mir
verzweifelt klagte, dass er jetzt in das philosophische
Seminar müsse. Ich fragte, was es denn dort so
Schreckliches gäbe und erhielt die Auskunft, dass
Windelband die Kritik der Vernunft behandle. Da kann ich
ja gleich mitmachen, war meine Antwort. Es hatten sich
etwa zwanzig ältere Semester versammelt, als
Windelband erschien, um die Themen zu verteilen. Auf die
Frage, ob unter den Teilnehmern auch ein Mathematiker
sei, meldete ich mich. "Nun, da könnten Sie ja
gleich Kants Lehre von Raum und Zeit übernehmen."
Was blieb mir übrig, als zuzusagen? Ein Berliner,
der die Seminarbibliothek verwaltete, Kurt Schmidt mit
Namen, wurde zum Korreferenten bestimmt. Wir besprachen
uns nach Schluss der Stunde, er stellte mich gleich auch
seinem Freund Richard Müller vor, und es dauerte
nicht lang, bis die beiden mich ganz in ihren Bann
gezogen hatten.
Schmidt
redete wie ein Wirbelwind, Müller sprühte von
Übermut und geistreichen Einfällen. Ich liess
mich gern bestimmen, in dem von Prof. Jacobsthal
geleiteten akademischen Gesangverein einzutreten. Singen
war von jeher meine Freude gewesen, und es war ein Genuss
unter Jacobsthals Führung klassische Chorwerke
kennenzulernen. Meine neuen Freunde aber zeigten sich
erst in ihrem wahren Element, als sie mich einluden, sie
auf ihrer Bude in der Ruprechtsau zu besuchen. Beide
waren leidenschaftliche Musiker, Schmidt beherrschte die
Violine, Müller Cello und Klavier. Er spielte Bach,
Mozart, Beethoven, Schumann - was ihm unter die Finger
kam, vieles davon aus dem Gedächtnis. Vor allem war
er ein begeisterter Verehrer und gründlicher Kenner
der Wagner'schen Kunst. Er kannte die Klavierauszüge
seiner Werke fast auswendig und pflegte auch die
Hauptstimmen mitzusingen, wenn es ihm passte. Stundenlang
sass er am Klavier, stundenlang hörte ich zu, bis es
ihm einfiel, plötzlich abzubrechen und irgendeinen
tollen Ulk zu verüben. Ich konnte dem Schicksal
nicht genug danken, das mich mit diesem genialen
Übermut zusammengeführt hatte, wenn ich auch
nicht begriff, warum er gerade mich mit seiner
Freundschaft auszeichnete. Es war ja keineswegs nur die
Musik, die ich anhörte und bewundern musste, sondern
die ganze geistige Höhe seiner Unterhaltung, die
mich mitriss und über mich selbst, über mein
noch allzu schülerhaftes Niveau emporhob.
Der
Seminarvortrag gab mir Anlass zu einem Besuch bei
Windelband. Ich hatte allerhand Einwände gegen die
Verkoppelung von Zahl und Zeit vorzubringen, und erfuhr
jetzt, dass Trendelenburg das auch schon gesagt habe. Das
war mir natürlich sehr schmeichelhaft, wenn ich auch
auf Prioritätsrechte verzichten musste. Von der
Gelegenheit, in freien Stunden auf der reich
ausgestatteten Seminarbibliothek zu studieren, hatte ich
gründlich Gebrauch gemacht, Dass ich alles
verstanden hätte, was ich in die Hand bekam,
möchte ich nicht behaupten; Hegels
Phänomenologie des Geistes ist mir jedenfalls ein
Buch mit sieben Siegeln geblieben. Mit Laas kam ich im
Seminar nicht in persönliche Berührung. Eine
tückische Krankheit entriss ihn am Schluss des
Sommersemesters der Wissenschaft. Als Seminarmitglied
habe ich an der ergreifenden Beisetzungsfeier teilnehmen
können. Der herbe Ernst, die männlich stolze
Persönlichkeit von Laas sind mir unvergesslich
geblieben, sein philosophischer Standpunkt hat tief und
nachhaltig auf mich eingewirkt. Zum Studium seines
Hauptwerks - Idealismus und Positivismus - bin ich erst
in Heidelberg gekommen.
Meine
beiden Freunde schleppten mich auch in allerhand
geschichtliche und philologische Vorlesungen, in die ich
aus eigenem Antrieb schwerlich gegangen wäre. So
sass ich gelegentlich bei Baumgarten und
Scheffer-Boichorst, und dem Germanisten Martin verdankte
ich eine der langweiligsten Stunden meines Lebens. Die
Anschläge der Orientalisten Leumann, Nöldecke
und Euting übten einen geheimnisvollen Reiz auf mich
aus; dass ich sie alle drei noch persönlich kennen
lernen sollte, konnte ich damals nicht ahnen.
Von
den naturwissenschaftlichen Vorlesungen des Sommers ist
nichts Besonderes zu berichten. Kundts glänzende
Experimatalvorlesung, besonders aber das Praktikum, in
dem wir nach Kohlrauschs damals noch dünnem Buch
Aufgaben bearbeiten mussten, haben mir grossen Gewinn
gebracht. Wenn auch noch viel fehlte, einen Physiker aus
mir zu machen, so bekam ich doch zum ersten Mal
Fühlung mit physikalischer Technik und Messmethoden.
Ein Lehrbuch besass ich noch nicht, die Anschaffung des
grossen Wüllner konnte ich erst in Heidelberg
durchsetzen.
Fittigs
Vorlesung über organische Chemie fesselte mich weit
mehr als die über anorganische, offenbar die innere
Verkettung des ganzen Gebiets den
mathematisch-architektonischen Bedürfnissen
entgegenkam, die wir beim Aufbau der materiellen Welt so
stark empfinden. Die alte Neigung der Apothekerei fand
den Wohlgerüchen und sonstigen Düften, die den
Gläsern entströmten auf dem Experimentiertisch,
neue Nahrung; ob ich auch praktische Begabung für
das Gebiet entwickelt hätte, ist eine andere
Frage.
In
der Mathematik war im Sommer noch kein wesentlicher
Fortschritt zu verzeichnen. Das dritte Semester begann
unter günstigeren Aspekten. Ich hatte mich in den
Herbstferien durch täglich zwölfstündiges
Differenzieren und Integrieren in einen mathematischen
Furor hineingesteigert, der jetzt seine Früchte
tragen sollte. Ich belegte neben der Physik noch 23
Stunden mathematische Vorlesungen, alles, was es
überhaupt bei Schering, Roth, Reye und dem grossen
Christoffel zu hören gab. Wenn ich diese Gewaltkur
überstand, konnte ich mich wohl als Mathematiker
bezeichnen.
Auch
mein Verkehr erweiterte sich jetzt nach der
mathematischen Seite. Allerdings, den ersten Anstoss dazu
gab nicht das Kolleg, sondern die Tanzstunde. Nachdem
sich May schon im vergangenen Winter als Einjähriger
in die Kunst hatte einweihen lassen und Schenck mir seine
Pläne für das erste Heidelberger Semester
entwickelt hatte, konnte auch ich nicht im Hintertreffen
bleiben. Ich entlockte also meinen Eltern die
erforderlichen Gelder und meldete mich im Herbst bei
Bittler an. Die Dynastie Bittler beherrschte damals alle
süddeutschen Universitäten; wer hier
ausgebildet war, konnte sich als vollendeten Kavalier
betrachten. Ein älterer Student, K., der mir durch
sein krankhaft bleiches, bartumrahmtes Gesicht und seine
hastigen Bewegungen schon im Kolleg aufgefallen war,
tauchte nun auch bei Bittler auf. Da wir den gleichen
Heimweg hatten, entwickelte sich bald ein
wissenschaftlicher Gedankenaustausch. Mein neuer
Bekannter war ein grässlicher Pedant und
Einspänner, aber ich gewähnte mich schliesslich
an seine Seltsamkeiten. Nach der mathematischen Seite war
er der gebende, vor allem verdanke ich ihm den Hinweis
auf die philosophischen und mathematischen Schriften von
Eugen Dühring. Meine Gegenleistung bestand darin,
dass ich mich zum Vertrauten seiner Liebesschmerzen und
Berater in seinen Herzensangelegenheiten gebrauchen
liess. Es fehlte unter den Tänzerinnen nicht an
anmutigen Erscheinungen, so dass der arme K. nie recht
wusste, wem er seine Huldigungen zu Füssen legen
sollte. Da waren besonders die vier Töchter einer
Polizeiratswitwe, dunkle Schönheiten, die wir das
schwarze Tetraeder nannten, aber auch braune und blonde
Engel schwebten durch den Saal, die sein Herz
entflammten. Ich hatte es nicht ganz leicht, neutraler
Zuschauer zu bleiben. Wer weiss, ob ich die Rolle
hätte durchführen können, wenn mich nicht
immer noch der Kultus der Vergangenheit von der lockenden
Gegenwart abgezogen hätte.
Als
ich Strassburg verliess, war ich ein gute Strecke in der
Entwicklung meines inneren Menschen vorangekommen. Ich
war in der Gedankenwelt der neueren Philosophie soweit
heimisch geworden, dass ich sicheren Boden unter den
Füssen zu haben glaubte. Was meinem Wesen konform
war, hatte ich aufgenommen und verarbeitet, was mit
meinem Fühlen und Empfinden unvereinbar war, hatte
ich abgestossen. Eine für jedermann geltende
Philosophie konnte ich ebenso wenig anerkennen als
für die ganze Menschheit verbindliche
Religionsformen. Am allerwenigsten konnten mir
Philosophen genügen, die sich aus Unwissenheit oder
Überhebung mit den einfachsten Tatsachen der
Naturwissenschaft in Widerspruch setzten. Man konnte den
Umfand des Weltgeschehens und den Sinn des Daseins nicht
aus dem eigenen Innern herausspinnen, man durfte nicht
kühne Gedankenbauten ins Leere hinein stellen, man
musste bescheiden von unten, mit der Erforschung der
elementaren Tatsachen anfangen. Wie weit man damit kommen
würde, musste die Zukunft lehren. Von der
Unergründlichkeit der letzten Zusammenhänge war
ich so tief durchdrungen, dass ich philosophische
Systeme, die sich die Lösung der Welträtsel
anmassten, ebensowenig anerkannte als die
Dogmengebäude der Offenbarungsreligionen.
Man
mag darüber lächeln, dass das
Jünglingsalter gleich nach den höchsten Sternen
greift und vor jeder möglichen Erfahrung schon ein
abgeschlossenes Bild der Welt und unfehlbare Richtlinien
für das Leben gewinnen will. Aber wird ein kirchlich
approbiertes Bild der Welt ein Begriff von dem, was man
soll und nicht soll, nicht schon den unmündigen
Kindern eingeimpft? Und gehen die jungen Leute einen
besseren Weg, die sich durch keinerlei Grundsätze
beengt fühlen? Ich erlebte schon in Strassburg an
dem Schicksal eines solchen Lebenskünstlers ein
erschütterndes Beispiel missbrauchter Freiheit, und
es ist nicht das einzige geblieben.
Wäre
ich Theologe, Jurist oder Mediziner geworden, so
hätten mich die gleichen Fragen beschäftigt,
nur hätten sie dann von anderen Gedankenkreisen her
ihre Beantwortung gefunden. Mit theologischen Dingen
blieb ich immer in irgendeiner Weise, wenn auch meist
ablehnend, in Berührung; Fragen des Rechts und der
Staatsverwaltung lagen mir unendlich fern. Ich kam ja
nicht aus den Kreisen, in denen sich die Regierungskunst
vom Vater auf den Sohn vererbt, und konnte höchstens
den Ehrgeiz haben, mich später einmal so wenig wie
möglich regieren zu lassen. Auch zu den Fragen der
Volkswirtschaft und den sozialen Problemen hatte ich
keine inneren Beziehungen. Was gingen mich Handel und
Industrie, Marxismus und soziale Gesetzgebung an? Mein
Weg würde mich ja doch niemals in diese Welt
hineinführen.
Stärker
war das Miterleben der im inneren Sinn politischen
Vorgänge. Stolz auf das durch Bismarck geeinte
Vaterland, beobachtete ich in Strassburg, wie ungeachtet
aller Umschmeichelung gewisser Kreise vom Protestlertum
und durch französische gesinnten Klerus im Bund mit
den Sozialdemokraten alles getan wurde, um der Regierung
Schwierigkeiten zu bereiten und ihr Ansehen zu
untergraben. Eine hinterhältigere, bockbeinigere und
anmassendere Gesellschaft als die verwelschten Vertreter
der "double culture" war kaum zu denken. Einerlei, ob man
ein Schwob oder ein Prussien war, man wurde abgelehnt,
man galt als minderwertig. So vertraut mir die Stadt und
ihr Alemannisch war, so wenig hatte ich mit dem
eigentlichen Elsässertum Fühlung gewonnen. Ich
erlebte noch den Abgang des Generalfeldmarschalls von
Manteuffel und den Amtsantritt des Fürsten
Höhenlohe, aber damit ging der erste Abschnitt
meiner Studienzeit zu Ende. Als ich an jenem eisigen
Märztag den Münsterturm bestieg, war der Blick
auf die Schwarzwaldberge gerichtet, die in Schnee
gehüllt, von der Sonne beglänzt, aus der Heimat
herübergrüssten.