Dreiundzwanzigstes Kapitel

Bei Wallmeister Eckstein.
Auch Frau Premm sah sich aus irgendwelchen Gründen veranlasst, ihren Betrieb aufzugeben. Sie empfahl mich an eine Frau Eckstein, die bereit sei, einen einzelnen Studenten ins Haus zu nehmen. Was konnte mir lieber sein als die Aussicht, endlich einmal mein eigener Herr zu sein! Noch ehe die Ferien begannen, war die Zustimmung der Eltern eingeholt, und der Handel abgeschlossen. Frau Premm hätte mir keine grössere Wohltat erweisen können, und ich verzieh ihr gern alles, was mir den Aufenthalt unter ihrem Dach verleidet hatte.

Ich kam in eine Familie, die mich wie das eigene Kind behandelte. Herr Eckstein war einer der drei Wallmeister, die sich in die Baugeschäfte der Festung zu teilen hatten und dem Major Huene unterstellt waren. Ein stattlicher Mann mit blondem, lichtem Haar und klugem Gesicht, gewann er in den ersten Tagen schon durch seine freundliche und doch bestimmte Art mein Herz. Die Frau, klein sehr rundlich und doch sehr lebhaft und beweglich, war eine Seele von Studentenmutter und hatte offenbar die Absicht, mich nach allen Regeln der Kunst herauszufüttern. Dazu kam die Tochter Anna, fünfzehn Jahre alt, mit allen Reizen ihres Alters geschmückt, und ein kleiner struwweliger Hund, der auf mich keinen tieferen Eindruck machte und ein fröhlicher Kanarienvogel.

Die Wallmeister waren bautechnisch ausgebildete Militärs, etwa im Rang von Feldwebeln, die Schleppsäbel trugen und eine Uniform mit schwarzsamtenen Aufschlägen besassen. Sie hatten alle Pläne für Änderungen und Instandsetzungen der Festungsanlagen zu bearbeiten und ihre Ausführung zu überwachen. Die Materialkammern, die technischen Büros und die Wohnungen der Wallmeister befanden sich im Haupt-Festungsbauhof, einem langgestreckten alten Gebäude hinter der Kommisbäckerei, zwischen dem Friedhof und den Gärten des Gymnasiums. Der Hof selbst war von zwei Seiten durch Tore zugänglich, die unter militärischer Bewachung standen. Im Sommer wurde um 10 Uhr im Winter um 9 Uhr geschlossen. Wenn ich später nach Hause kam und den Torschlüssel vergessen hatte, musste ich mit der Wache verhandeln, dass ich eingelassen wurde; von der anderen Seite her konnte man auch über das Gittertor klettern.

Mein Zimmer war klein, aber gross genug für meine bescheidenen Ansprüche. Wenn ich ans Fenster trat, konnte ich die Gärten des Gymnasiums, dieses selbst und den nördlichen Teil des Schlosses überschauen. Wenn ich in die Stadt wollte, standen zwei Wege frei: der schönere führte über den Exerzierplatz durch das Schloss und den Schlosshof, der andere die enge Strasse hinab, an Garten- und Gefängnismauern vorbei zur Bernhardus Kirche. Das Gymnasium war in wenigen Minuten zu erreichen.

Ich kannte nun die Stadt in allen ihren Teilen und in hundert Einzelheiten, doch nur in ihrer gegenwärtigen Erscheinung, mit ihrem durch Soldaten und Studenten bestimmten Leben und Treiben. Ohne jede Ahnung von ihrer Geschichte, ohne Verständnis für den das Stadtbild beherrschenden gewaltigen Schlossbau. Kunst- und baugeschichtliche Fragen lagen nicht im Gedankenkreis eines Sekundaners; aber selbst wenn ich gefragt hätte, wären mir aus meiner Rastatter Umgebung nicht viel Auskünfte über die ältere Geschichte der Stadt zugeflossen. Nur die grosse Sünderin Sibylla, die Erbauerin der Favorite, spukte als mythische Gestalt in meinem Kopf, da wir jeden Sonntag, wenn wir die Kirche besuchten, über die Steinplatte schritten, deren Inschrift die Gläubigen zum Gebet für ihre arme Seele auffordert.

Als Stadt ist Rastatt wie Karlsruhe und Mannheim die Gründung eines Fürsten gewesen. Ich will nicht die ganze badische Geschichte aufrollen, aber ich muss doch daran erinnern, dass 1535 die alte Markgrafschaft durch Erbvertrag in die Linien Baden-Baden und Baden-Durlach geteilt wurde, die sich im Gefolge der Religionswirren dann auch bekenntnismässig schieden. Während der katholische Markgraf Ludwig Wilhelm, der Türkenlouis, für den Kaiser gegen die Türken kämpfte, liess Ludwig XIV, der allerchristlichste König und Mordbrenner, die Pfalz und Baden verwüsten. Wie Heidelberg und Mannheim, so wurden Durlach, Baden, Rastatt und andere Städte niedergebrannt. Erst nach dem Frieden von Ryswik 1697 konnte der Markgraf endgültig in seine Heimat zurückkehren, und nun wurde sofort auch der Bau einer neuen Residenz in Angriff genommen. "Der um 1700 fixierte Typus eines fürstlichen Herrschersitzes der Barockzeit ist das mit seinen Flügeln weit ausladende Schlossgebäude am Rande der Stadt, das mit seinen Höfen sich gegen diese öffnet, mit der Stadt abgewandten Seite in engste Beziehung zum weiten Garten steht. Wenn auch nicht im grössten Massstab, so doch in fast vollkommener Klarheit der Absicht haben wir eine solche Residenzanlage in Rastatt vor Augen." (Badische Heimat, Jahresheft 1928: Karlsruhe. S.54).

Die reichen Einkünfte, die der jungen Markgräfin Augusta Sibylla aus ihrem böhmischen Besitz zuflossen, gaben die Mittel, Domenico Rossi entwarf die Pläne für den Schlossbau. Von 1698 wurden auf dem Gelände des niedergebrannten Dorfes die neuen Strassen der Residenz angelegt, auch die Art der Bebauung war genau vorgeschrieben. So entstand das heute noch erhaltene Gesamtbild der Innenstadt, mit der vom Schloss zur Murr hinabführenden Schlossstrasse und der später durch Pfarrkirche und Rathaus in Plätze zerlegten Hauptstrasse, die die Schlossstrasse kreuzt.

Im Jahre 1707 stirbt der Markgraf und Augusta Sibylla übernimmt für ihren vierjährigen Sohn Vormundschaft und Regierung. Sie war 1690 mit 15 Jahren dem Markgrafen angetraut worden; sechs ihrer Kinder waren in jungen Jahren an Blattern gestorben, von den verbleibenden drei der Erbprinz Ludwig Georg erst vier Jahre alt. Unter ihrer Regierung wurde die Bautätigkeit am Schloss mit einheimischen Kräften weitergeführt. Sie erbaute 1710-14 als Sommersitz das Schlösschen Favorite, stiftete 1715 zur Erinnerung an den Rastatter Frieden die Einsiedler-Kapelle und begann 1719 den Bau der Hofkirche, jenes herrlich Barockbaues, in dem sie nach ihrem Tode 1733 beigesetzt wurde. Neben die Bauten trat gleichzeitig die Ausgestaltung des Schlossgartens und des Parks, der sich weit über das Gelände im Osten und Norden des Schlosses ausdehnte und durch die Mannigfaltigkeit seiner Anlagen von weither Besucher an sich zog. Hätte ich gewusst, dass der alte Festungsbauhof, in dem ich wohnte, einst die Orangerie beherbergt hatte, so wäre mir mein neuer Wohnsitz noch viel romantischer erschienen.

Als Ludwig Georgs Sohn noch als Kind starb, musste des Markgrafen jüngerer Bruder Georg August, um den Besitz der Familie zu sichern, die geistliche Laufbahn aufgeben. Er folgte seinem Bruder 1761 in der Regierung, starb aber ebenfalls ohne männliche Nachkommen, und so fiel das altbadische Land 1771 an Baden-Durlach. Rastatt verlor seine bisherige Bedeutung, das glanzvolle Hofleben erlosch, die Behörden wurden aufgehoben oder nach Karlsruhe verlegt. Was von Karl Friedrich, dem späteren Grossherzog für die Stadt getan wurde, konnte ihren Rückgang nicht aufhalten. Als gar Moreau 1796 die Stadt beschiessen und plündern liess, brach Panik und Verzweiflung aus. Der Rastatter Kongress mit seinen glänzenden Festen und seinem liederlichen Leben brachte wohl Geld aber wenig Segen in die Stadt.

Bei den Pariser Friedensverhandlungen im Jahre 1815 hatten sich die Grossmächte geeinigt, von der französischen Kriegsentschädigung 60 Millionen Franken zur Verstärkung der Verteidigungslinie der Grenzländer zu verwenden; davon sollten 20 Millionen Franken zum Bau einer Festung am Oberrhein bestimmt werden. Das Geld bekam Amschel Rothschild in Frankfurt zum Aufheben. Zinsen dafür zu zahlen hielt er nicht für notwendig, doch bequemte er sich unter dem Druck der öffentlichen Meinung endlich zu einem Zugeständnis. Er zahlte zunächst einhalb Prozent, und ging zuletzt bis auf zwei Prozent hinauf. Wenn er Geld auslieh, musste man es teurer bezahlen.

Eine grosse Militärkommission aus Vertretern der süddeutschen Staaten bestimmte 1819 Rastatt zur künftigen Bundesfestung. Es dauerte nur noch 22 Jahre, bis der deutsche Bundestag den Bundeskriegsausschuss beauftragte, den Bau zu beginnen. Er wurde dann Ende 1842 wirklich in Angriff genommen und mit etwa 20000 Mann für Steinbruch- und Bauarbeiten verhältnismässig rasch durchgeführt. Damit war das Schicksal der Stadt besiegelt. Ihre Entwicklung musste zum Stillstand kommen, da sie von Festungswällen umschlossen weder wachsen noch an dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes teilnehmen konnte. Sie war als Garnisonsstadt ein Gefängnis für alle, die darin wohnen mussten.

Um die Geschichte des Gymnasiums zu verfolgen, müssen wir wieder zur Markgräfin Sibylla zurückkehren. Sie hatte schon 1715 aus Böhmen sechs Piaristenväter nach Rastatt berufen, um ihnen die Unterweisung der Jugend von den Elementen bis zu den lateinischen Klassen der Rhetorik und erforderlichen Falls der Philosophie anzuvertrauen. Da der geplante Klosterbau in folge von Geldschwierigkeiten zurückgestellt werden musste, wurden Lehrer und Schule im Schloss untergebracht, bis Ludwig Georg in den Jahren 1738-45 der Hofkirche gegenüber das Piari Gebäude errichtete, das bis zum Jahre 1808 den Piaristen als Schule und Kloster, und nach Aufhebung des Ordens dem Staat bis heute als Lyzeum und Gymnasium gedient hat. Wer sich für weitere Einzelheiten interessiert, sei auf die untenverzeichneten Werke verwiesen.*) Hier möchte ich nur noch ein paar Rastatter Studenten zu Wort kommen lassen, die in ihren Erinnerungen der Städte gedenken, wo sie wie ich entscheidende Jahre ihrer Entwicklung durchlebt haben.

In die Zeit von Joseph Loreyes Direktion, als es noch keine Eisenbahnen gab und Rastatt noch keine Festung war, fallen Alban Stolzens acht Studienjahre (1819-1827). Sein Vater, der Apotheker, hatte ihm gedroht, wenn er nicht studieren wolle, müsse er ein Handwerk lernen. Das brachte den verängstigten Buben endlich auf die Beine, und er wanderte den Weg zwischen Bühl und Rastatt eben so regelmässig hin und zurück wie ihn andere später im Personenzug durchfuhren. Rastatt war damals von prachtvollen Eichenwäldern umgebe, und wenn der junge Alban aus dem Wald bei Niederbühl heraustrat, stand in ruhiger Majestät das Schloss vor seinen Augen. Er wohnte während seiner ganzen Studienzeit im Schloss selbst beim Schlossverwalter Krämer, der einer ganzen Rotte von Pensionären in den öden Räumen Unterkunft gab. Was Stolz über sein Leben in Rastatt erzählt, ist ziemlich dürftig, wir erfahren aber, dass er schon in jungen Jahren ein exaltiertes Tagebuch schrieb und dass "jede Ader seiner Seele" mit Eitelkeit vergiftet war. Ein schwärmerisch und selbstquälerisch veranlagter junger Mensch, der nach seiner damaligen Meinung ein Dichter oder ein Narr werden musste, ist er bis an sein Lebensende nicht ganz aus diesem Zwiespalt herausgekommen.

Anschaulicher weiss sein Biograph und Studiengenosse Hägele über das Rastatter Leben zu erzählen. Er schildert den lebhaften Fracht- und Reiseverkehr, der die Stadt durchzog und den Wirtshäusern Tag und Nacht ganze Heerlager von Rossen und Fuhrleuten zuführte. Auch die Soldaten und Studenten brachten Geld in die Stadt; das Lyzeum galt unter Loreye als das beste im Lande.

Eine von sauberen Wegen durchzogen, von Kastanienalleen umgebende Grasfläche war der letzte Rest der einst so berühmten Gartenanlage. Nachdem Rastatt Festung geworden war, wurde sie in einen Exerzierplatz verwandet, und wie der grösste Teil der Alleen, so mussten auch die riesigen Zedern an der Orangerie, die der Türkenlouis mit eigener Hand gepflanzt hatte, dem Kriegsmoloch zum Opfer fallen.

Über Loreyes fünfzehnjährige segensreiches Wirken kann man sich aus der Fest-Schrift unterrichten. Ich entsinne mich, wie erstaunt ich war, als ich auf der lateinischen Gedenktafel in der Aula die Worte las:

Nat. Malbergae IX Cal. Jul. A. MDCCLXVII.

Loreye war ein Landmann meiner Mutter und gerade 100 Jahre vor mir geboren. Er starb im Jahre 1844, eine Stiftung für Söhne von Malberger Familien ist auch meinen Eltern noch zu gut gekommen.

Von der Militärmeuterei im Jahre 1849 hat ein geborener Rastatter, der spätere Dekan Förderer, der als Primaner überall dabei war, erschütternde und heitere Erlebnis veröffentlicht. Das Büchlein enthält auch die älteste Nachricht über die Rastatter Verbindungen, die mir bekannt geworden ist. Die Markomannen trugen damals weisse, die Alemannen rote Mützen. Die rote Farbe wäre ihren Trägern beinahe schlecht bekommen, denn sie wurde von den Preussen, die Rastatt besetzt hatten, als Zeichen revolutionärer Gesinnung betrachtet.

Auf Hansjakobs Schilderung des Rastatter Lebens werde ich an anderer Stelle zu sprechen kommen. Hier will ich nur den Betrachtungen Raum geben, die er an einen Besuch knüpft, den er der Stadt 20 Jahre später als Abgeordneter gemacht hat. Wie hatte sich ihm alles in Bitterkeit und Galle gewandet, und wie wenig war von der unbändigen Lebenslust geblieben, die ihn durch die Rastatter Studentenjahre begleitet hatte! Wie abhängig sind wir doch in unserm Urteil von Stimmungen des Augenblicks! Doch lassen wir ihn selber sprechen.

"Rastatt ist eine Trauerweide unter den vielen blühenden Städten und Städtchen des Badenerlandes, die verlassene Residenz des altbadischen Fürstenhauses. Seine breite, schöne Hauptstrasse mit der Pfarrkirche in der Mitte kann durch ihre namenlose Leere und Einsamkeit einen schon trüb gestimmten Menschen zur Verzweiflung bringen. Melancholisch zieht die Murg an der stillen Stadt hin und trennt von ihr die noch öderen Vorstädte, das Dörfle und die Schwabengasse. Die Forts, Bastionen und Festungsmauern erhöhen noch das Bild der Langweile, und die sandige, wenig erhöhte Ebene ringsum hilft noch weiter jeden Reiz von Rastatt zu verbannen. Das einzig heitere Gesicht unter den leblosen Dingen macht das prächtige Renaissance-Schloss der alten Markgrafen.

So kommt es, dass hier kaum jemand lebt, der nicht hier leben muss. Und doch hab' ich in dieser tristen Stadt, meine Kinderzeit abgerechnet, die sorgenlosesten und wildlustigsten Tage meines Lebens zugebracht. Die Rastatter von damals aber waren frohe, gemütliche Menschen, die noch fideler gewesen wären, wenn nicht die Reaction und die Erinnerung an die Folgen von 1849 auf ihrem Gemüth einigen Eindruck hinterlassen hätte.

So gerne ich aber in jener Zeit in dieser Stadt lebte, ebenso wenig möchte ich dortselbst heute irgendwie beruflich täthig sein. Ich ertrüge heute die Melancholie von Stadt und Land nicht mehr. Im Jahre 1829, an einem trüben November-Nachmittag, wanderte ich von Karlsruhe einen Ausflug dahin machend, wieder einmal allein durch die Strassen Rastatts in stiller Wemuth, die sich in dem todten Gassen des Dörfles und der Schwabengasse zur förmlichen Trauer gestaltete. Nirgends begegnete mir auch nur ein bekanntes Gesicht. Am anderen Morgen ging ich durch die entlaubte Allee des Schlossgartens dem Kirchhofe zu und hier traf ich meine alten Rastatter fast alle - in ihren Grüften. Da ruhten sie unter der Erde, Männer und Frauen, die ich vor 20 Jahren alle im besten Alter, heiter und lebensfroh gesehen und gekannt hatte. Erschrocken musste ich öfters ausrufen, wenn ich an einen anderen Grabhügel trat: "Ja ist der oder die auch schon todt!?" Ich bin leicht zur Schwermuth geneigt, aber seit vielen Jahren bin ich nicht so trübsinnig gewesen, wie in jener Stunde auf dem Rastatter Kirchhofe. Die Armseligkeit und Hinfälligkeit unseres Erdenlebens ergriff mich bis zu hellen Thränen. Auf dem Rückweg kam ich an unserm Lyceumsgebäude und seinen todten Lindenbäumen vorbei und es schaute mich alles so veraltet und so verwittert an, als ob auch hier jene Lust entflohen, mit der wir Studenten vor zwanzig Jahren da ein- und ausgingen. &endash;

Noch in manchen Nächten bis heute lebt in meinen Träumen Rastatt in mir auf. Ich wandle durch seine Strasse mit meinen Büchern, komme in die Klasse und habe nichts präpariert, werde vom Professor aufgerufen und weiss nichts, in der ärgsten Verlegenheit &endash; wache ich plötzlich auf und meditire dann darüber nach, wie fest die Lyceumszeit in meiner Seele sich eingegraben haben muss. Von der Kindeszeit träumt man nie, wenigstens ich nicht. Nie sehe ich mich als Kind oder Knaben in den Träumen, auf der Strasse spielend oder durch Feld und Wald jubelnd &endash; aber gar oft auf den Schulbänken Rastatts. Die Schulfuchserei, welche der Kulturmensch mitmachen muss, gräbt sich eben gar zu tief in die durch Wissenschaft geplagte Seele, dass sie nie versicht und nach Jahrzehnten uns selbst im Traume noch verfolgt und ängstigt. &endash;

Als ich im August 1859 Rastatt verliess, hätte man alle meine dort zurückgelassenen Freunde und Bekannte fragen können, ob sie glaubten, dass ich Theologie studiren und elf Jahre später als Ultramontaner Staatsverbrecher auf der Festung Rastatt sitzen würde. Alle hätten sicherlich diese beiden Fragen einstimmig verneint. Und doch sollte es so kommen."

War dies nun dasselbe Rastatt, in dem ich als Obertertianer lebte, in dem ich mit jedem Jahr zu grösserer Freiheit und tieferem Erleben emporwuchs? Wie wenig bedeutet doch der Ort, an dem sich unser Leben abspielt, wie hängt doch alles vom Schlag des Herzens, dem Schwung der eigenen Seele ab!

Wenden wir uns nun der Klasse zu, die sich nach den grossen Ferien unter dem Szepter von Professor Rivola zusammenfand. Von den 34 Untersekundanern waren im Lauf des Jahrs 8 ausgetreten, weitere 13 hatten die Anstalt als Einjährige verlassen oder waren hängen geblieben. Der Ballast war beseitigt, der Stand der Klasse hatte sich wesentlich gehoben. Auch die Neueingetretenen waren im Ganzen ein Gewinn. Die Loslösung von der Unterprima, die Wiedervereinigung mit der viel günstiger zusammengesetzten ehemaligen Untertertia, der Reiz neuer Kameradschaften, die mit tiefem Aufatmen genossene Befreiung von unerfreulichen Wohnverhältnissen und anderen Bindungen - das alles wirkte zusammen, um in mir zum ersten Mal ein Gefühl von eigener Würde und freiem Dasein zu wecken. So schlecht ich mich auch an dem Inhalt und das Ergebnis des Unterrichts, insbesondere nach der philologischen Seite, erinnern kann, so sicher weiss ich über meinen Zustand Bescheid. Es liegt etwas wie Frühlingsstimmung über diesem Jahr, wie blauer Himmel und weisse Wolken, ein zarter Duft von erster Schwärmerei, die noch nicht ahnt, dass auf den linden Frühling ein heisser Sommer folgen wird.

In der Besetzung der Schulfächer waren keine grossen Veränderung mehr zu erwarten. Vierzehn Stunden hatten wir mit der Untersekunda gemeinsam, Deutsch wie bisher von Seidenadel, Französisch von Kremp, Algebra von Follenius, den Geschichtsunterricht, den im Jahre vorher Nürnberger gegeben hatte, musste Rapp übernehmen. Bei Nürnberger hatten wir griechische Geschichte gehabt &endash; davon ist mir nur noch erinnerlich, dass wir die Kiepert'schen Karten von Griechenland kaufen mussten. Bei Rapp wurden wir nach dem Buch Herbst mit römischer Geschichte traktiert. Ich schäme mich , wenn ich an diese Stunden zurückdenke, in denen wir uns gegen einen Wehrlosen austobten, und der gute, alte Mann sich vergebens abmühte, Ordnung zu halten. Meine Hauptbeschäftigung war, die geflügelten Worte, die von seinem Munde kamen, auf den Rändern des Geschichtsbuchs nachzuschreiben. Sie gaben denen nichts nach, die ein berühmter Chemiehistoriker von einem seiner jüngeren Lehrer gesammelt und veröffentlicht hat.

Das wichtigste Ereignis war, dass wir Rivola mit acht Stunden Latein als Ordinarius erhielten. Er war der dienstälteste Professor, 1819 in Hüfingen geboren, also ein Landsmann von Lucian Reich, seit 1868 in Rastatt tätig und schon dadurch von einem besonderem Nimbus umgeben, dass er nie in die tieferen Regionen des Gymnasiums herabstieg. Er gab neben Latein und Griechisch in Prima auch Französisch und Philosophie. Seine Untersuchungen über das Verhältnis von Gott und Welt und über das Verhältnis der Vorstellungen und Begriffe zum Sein, die er den hauptsächlichen philosophischen Standpunkten bearbeitet veröffentlichte, habe ich zwar nicht gelesen, doch genügten schon die Titel, um mich in Ehrfurcht vor dem Verfasser erschauern zu lassen.

Dass er ein grosser Heide sei, schien uns allen nicht unwahrscheinlich, aber noch mehr beschäftigte uns die Behauptung, dass er seine Ehehälfte mit der eines anderen badischen Kollegen in allseitigem freundlichem Einvernehmen umgetauscht haben sollte: eine praktische Illustration zu Goethes Wahlverwandtschaft. Ich kann nicht sagen, ob es sich um Legende oder Geschichte handelt: es ist auch ziemlich gleichgültig, wenn mann weiss, wie nahe beides sich berührt. Wollte man die freie Gesinnung des Mannes treffen, so konnte keine perfidere Legende erfunden werden: in diesem Sinn hat sie Anspruch darauf, verewigt zu werden.

Als Lehrer habe ich Rivola in der besten Erinnerung. Er war nie langweilig, und er traktierte uns nicht mit Schimpfworten und Moralpauken. Er riss uns aus unserem Schlendrian heraus und brachte uns zum Arbeiten, ohne unser Ehrgefühl zu verletzen. Wenn eri einer Lust hatte, sich wichtig zu nehmen, so verstand er es, ihn mit überlegenem Humor, wenn es sein musste mit Witz und Satire, zu bescheidenerer Einschätzung zu erziehen. Leider behielten wir den geistvollen Mann nur noch bis Ostern, da er sich auf diesen Termin pensionieren liess. Die Abschiedsworte des Jahresberichts betonen seine von wahrhafter Humanität und sichtlichem Wohlwollen' zeugende Behandlung der Schüler und die Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und Milde seines Wesens; ich hätte vielleicht noch wärmere Töne gefunden.

Mit dem sichtlichen Wohlwollen und wahrhaften Humanität war es vorbei als Seidenagel auch noch den Lateinunterricht und das Ordinariat übernahm. Aber wir waren allmählich hart getrommelt, das Toben und Schelten half nichts mehr, der Schrecken musste ja in ein paar Monaten ein Ende nehmen. Wir begannen dem Mann mildernde Umstände zuzubilligen, weil man allgemein behauptete, dass die Frau für sein Magenleiden verantwortlich sei, und es mag zutreffen, dass man bei manchem verärgerten Schulmeister erst nach der Frau fragen müsste, um seine schlechten Launen zu verstehen. Trotzdem werde ich nie vergessen, dass ich einmal - unter unzähligen anderen Strafschriften - alle lateinischen Zahlen von 400 bis 500, Ordinalia und Cardinalia, abschreiben musste, weil mir in einem Stil quadraginta statt quadringenti in die Feder gekommen war. Ich war so wütend, dass ich bei der nächsten Bemängelung meiner Leistungen erklärte, ich käme vor lauter Strafschriften nicht mehr zu den eigentlichen Aufgaben. Gepolter, Faustschläge auf das Katheder, Fusstritte unter dem Katheder: "Setzen Sie sich, sie miserabler Lottel!" Ich setzte mich und liess hinter dem breiten Buckel von Eugen Fentzling das Gewitter austoben. Es war mir nicht vergönnt, dem Tyrannen noch den Beweis zu liefern, dass ich kein Lottel war. Weder er noch ich hätten es uns träumen lassen, dass ich dreissig Jahre später seine wissenschaftliche Beigabe zum Programm des Grossherzoglichen Progymnasiums in Bruchsal für das Schuljahr 1875/76, betitelt: Orpheus' Lithica, ein Theurgisches Epos über die Wunderkräfte der Steine, metrisch übersetzt, mit Eifer und Gewinn neben dem griechischen Original studieren würde.

Es war unter diesen Umständen nicht verwunderlich, dass ich in Obersekunda anfing, mehr und mehr Freude an der Mathematik zu bekommen. Hier lagen klare Aufgaben vor, die mit etwas Verstand ohne Belastung des Gedächtnisses bewältigt werden konnten und zum Bewusstsein sicheren Könnens führten. Die ämmachinären Chrääßen und die Lochräthmen waren Wiederholungspensum, das hatten wir schon in Untersekunda gehabt, aber die Trächonometräh war etwas ganz neues. Meine Kurzsichtigkeit zwang mich, in die vorderste Bank zu sitzen, so dass ich dem vor mir sitzenden Meister nicht das "Boch" hinreichen, sondern auch häufiger als andere an der Tafel rechnen musste. So bin ich durch meine Kurzsichtigkeit zur Trigonometrie, und durch diese zum Studium der Mathematik gekommen.

Dass meine Erinnerungen bei der Naturgeschichte fast ganz versagt, habe ich schon früher eingestanden. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr drängt sich mir der Gedanke auf, dass wir auch einmal Tierkunde gehabt haben müssen. Wie wäre ich sonst in den Besitz von Schillings Naturgeschichte gekommen, und wie hätte ich ohne dieses Buch und den von der Haustochter dazugepumpten Pokorny meinen Gedanken ausführen könne, dem kleinen Otto zu Weihnachten ein von mir selbst gemaltes Tierbilderbuch zu schenken? Nichts kennzeichnet die kindliche Seele des Obersekundaners besser, als dass ich in den Monaten vor Weihnachten jede freie Minute dazu verwendete, Bild auf Bild zu zeichnen und zu malen, um dem kleinen Bruder eine Freude zu machen, Dem eigenen Gestaltungstrieb fröhnen zu können, war wahrscheinlich der tiefste und letzte Grund des Unternehmens. Eine langwierige Augenentzündung zwang mich schliesslich zum Aufhören.

Mir selbst brachte das Weihnachtsfest die Erfüllung eines schon lang gehegten Wunsches - ich bekam endlich ein paar Schlittschuhe. Leider trat nach Weihnachten Tauwetter ein, so dass ich fürchtete, sie in diesem Winter nicht mehr benützen zu können. Anfangs Februar wurde es aber wieder kalt, und so begann ich, von meinem Freund Emil May in die Lehre genommen, auf den gefrorenen Altwassern bei Rheinau die ersten Versuche. Sie rechten gerade aus, um dem Primaner im nächsten Winter die nötige Sicherheit im Führen von jungen Damen zu geben.

Emil und ich hatten uns erst seit Obersekunda näher miteinander befreundet. Er wohnte mit einem älteren Bruder, damals Oberprimaner, bei einer Tante im Bahnhof, die den beiden die Eltern ersetzte. Einer der jüngsten in der Klasse, ein lieber und hübscher Mensch, in allen Turnkünsten ausgezeichnet, war er mir immer ein gern gesehener Kamerad gewesen. Seit ich auf dem Bauhof wohnte, hatten wir ein Stück Wegs gemeinsam und fanden bald einen Vorteil darin, uns in die Anfertigung der Hausarbeiten zu teilen. Er lieferte sorgfältige Präparationen, und ich machte die Mathematikaufgaben. Später erweiterte sich die Notgemeinschaft durch einen dritten Teilhaber, der im Turnen mit meinem Freund und in der Mathematik mit mir wetteiferte. Er hiess Konrad Pauli und war aus Höchst a. M. gekommen, wo sein Stiefvater an den Farbwerken Direktor war. Auch er wohnte ganz in der Nähe des Gymnasiums, bei Obereinnehmer Zahn, worüber das nächste Kapitel zu vergleichen ist.

Ich war noch keine zwei Tage bei Ecksteins, als mir deutlich wurde, dass sich Donna Anna der höheren Klavierkunst befleissigte. Was sie spielte, konnte ich ungefähr auch schon. Sollte ich jetzt die Kunst wieder aufnehmen, der ich mich vor zwei Jahren voll Trotz entzogen hatte? Meiner Bitte, gelegentlich spielen zu dürfen, wurde gern willfahrt. Ich brachte an Weihnachten von daheim Noten mit, kaufte neue dazu, hielt sogar eine Musikzeitung und sucht mich soweit zu bringen, als die eigenen Kräfte und die Freude an der Sache mich vorwärts treiben wollten. Mit der Übung wuchs die Fähigkeit zum freien Spiel, so dass ich mich in den grossen Ferien auch an die Bühler Orgel wagte.

Es ist nicht wahrscheinlich, dass gerade die Kunst des Bühler Organisten mich so für die Orgel begeisterte. Aber so weit ich zurückdenken kann, hat mich der äussere Aufbau einer Orgel mit ihren Pfeifenreihen und ihrem ornamentalen Schmuck ebenso entzückt wie das Wunder, dass aus ihrem geheimnisvollen Innern Töne aller Art hervorströmten. Nie habe ich das tiefer empfunden, als wenn ich im Strassburger Münster zuhörte, wie jetzt himmlisch zarte Stimmen in der Luft verhauchten, jetzt ein Wechselgesang wie von Geigen und Flöten erklang, jetzt mächtige Akkorde wie Posaunen des Jüngsten Gerichts die hohen Hallen füllten.

Mein Vater war bereit, mir am Klavier die Grundbegriffe der Harmonielehre und in der Kirche das Nötigste von der Spieltechnik beizubringen; alles weitere blieb meinem persönlichen Eifer überlassen. Es war ein aufregender Tag, als ich zum ersten Mal auf der Orgelbank sass und mit Händen und Füssen zu arbeiten begann, aber ich gewöhnte mich leicht an die neue Spielweise. Bald war ich mit meiner Kunst so weit, dass der Lehrer Dühmig, der damals den Organistendienst versah, mir erlaubte, Sonntags nach dem Amt oder der Vesper die Leute zur Kirche hinauszuorgeln. Einmal freilich dauerte das dem alten Blasbalgtreter zu lang, er tanzte ab und die Orgel verstummte mit einem empörten Aufschrei.

Was war nur in mich gefahren, dass es in meinem Innern sang und klang, und dass ich vom Klavierspielen nicht genug bekommen konnte seit ich bei Ecksteins wohnte? Dachte ich vielleicht an Anna, wenn ich das Ännchen von Tharau spielte? War sie gemeint, wenn ich als Knab' ein Röslein auf der Heide stehen sah? Galt sie mir als die Lorelei, die hoch über dem Rhein ihr goldenes Haar kämmte?

Es konnte natürlich nicht ausbleiben, dass man mir zärtliche Beziehungen zur Haustochter andichtete. Man tat mir aber bitter Unrecht, ich konnte mich wirklich keiner Gunst von ihrer Seite rühmen. Wir wohnten unter dem gleichen Dach, wir assen am gleichen Tisch, wir begegneten uns täglich auf allen Wegen, aber es fiel uns nicht en, uns weiter umeinander zu kümmern. Ich hätte zwei oder drei Jahre älter sein müssen und ein Kerl wie Fentzling, um auf die holde Jungfrau Eindruck zu machen. Kräftig entwickelt, energisch und überlegen, manchmal auch ein wenig batzig, erinnerte sie mich an meine Bühler Nachbarin, die Kaiserbumbel: das war auch keine Empfehlung. Schwärmerei braucht Abstand und Mondschein, sie gedeiht nicht, wo man sich alle Tage sehen, sprechen und ärgern kann.

Noch als Untersekundaner hatte ich nicht begreifen können, warum die Primaner vor und nach der Kirche stundenlang auf der Hauptstrasse hinter den jungen Damen herliefen, und warum die abendlichen Maiandachten auch bei weniger frommen Jünglingen so beliebt waren. Später begann ich mich wenigstens für einige von den Mädchen zu interessieren, die von älteren Semestern als Herzensköniginnen erkoren waren. Keines kam dem madonnenhaften Geschöpf gleich, in das sich der Primaner Sch. verliebt hatte. Sie hiess Hedwig und wohnte am Prov im Proviantamt an der Herrenstrasse, wo ihr Vater seinen Amtssitz hatte. Ich war glücklich, wenn ich das schöne feine Mädchen mit einer Stickarbeit am Fenster sitzen sah, und will hoffen, dass meine scheue Verehrung weder ihr noch dem Primaner geschadet hat.

Auch eine Theaterprinzessin setzte mich im Sommer 1882 auf einige Wochen in Flammen. Sie spielte in dem Sommertheater im Kronengarten die jugendlichen Liebhaberinnen und trug auf der Strasse einen Rembrandhut. Ich war schwer enttäuscht, als ich erfuhr, dass die züchtigen verschämten Wangen der Heldin durch Bemalung hergestellt seien, und dass sie garnicht so jung sei, wie sie auf der Bühne aussah. Man sieht, ich war noch ein reiner Tor wie Parcival und konnte ungebrochenen Herzens in die Ferien reisen.

Als dritter unter 17 mit Lob nach Prima befördert, durfte ich zwei Wochen in Villingen bei Stassens zubringen und konnte von dort aus ein Stück Schwarzwald und Baar kennenlernen. Der Hölzlekönig, Kirnach, Vöhrenbach und Furtwangen sind ein paar dunkle Erinnerungen. Nur das weiss ich noch genau, dass ich in einer Orchestrionfabrik war, und dass ich in der Umgebung von Villingen zum ersten Mal Enziane und Studentenröslein - Pernassia - gesehen habe.


* Gerhard Peters, Das Rastatter Schloss. Karlsruhe 1925. Rudolf Sillib, Favorite. Heidelberg 1929. H. Kraemer, Rastatt und seine Umgebung. Rastatt 1930. Grossherzogliches Gymnasium Rastatt. Fest-Schrift zur Jahrhundert-Feier 1808-1908. Die von Prof. C. F. Lederle verfasste Geschichte des Gymnasiums, die den wichtigsten Teil der Fest-Schrift ausmacht, ist für die wechselvollen Geschicke der Schule die grundlegende Veröffentlichung.


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© Julius Ruska 1937