Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Auf verbotenen Wegen.
Als ich Abschied nahm, war mir erlaubt worden, am 28. September, einem Sonntag, zu Ottos zweitem Geburtstag heimzukommen. Dann musste ich mich aber bis Weihnachten gedulden, und auch später bin ich nur noch in den Ferien zu Hause gewesen. Warum man mir nicht häufigere Besuche zugestand, wo doch Bühl so nahelag, weiss ich nicht. War es nur Sparsamkeit, oder glaubte man, ich würde mich leichter an die neuen Verhältnisse gewöhnen, wenn ich seltener nach Hause käme? Ein häufigerer Verkehr mit dem Elternhaus wäre mir besonders in den ersten zwei Jahren eine Wohltat gewesen; da er nicht gepflegt wurde, ging das Schicksal seinen Gang, bis ich die Rastatter Freiheit höher schätzte als den Bühler Ferienaufenthalt.

Schon an Weihnachten zog ich mir, als ich von Worschtler erzählte, und sich herausstellte, dass ich den Herrn Professor Rapp gemeint hatte, eine scharfe Zurechtweisung zu. Der einzige Erfolg war, dass ich von da an so wenig wie möglich von den Rastatter Erfahrungen preisgab, dass sich zwischen mich und den Vater eine unsichtbare Mauer schob, die ihm den Einblick in die Zustände an der Schule und in das Leben des Sohnes verwehrte.

Wäre mein Vater selber auf einem Gymnasium gewesen, so hätte er das, was ihn empörte, weniger tragisch genommen. Es war wirklich noch das Harmloseste von allen Dingen, die den Professoren angetan wurden. Es war weder Schlechtigkeit noch Mangel an Ehrerbietung, wenn manche Lehrer Spitznamen hatten. Solche Namen werden wie Ordenskreuze für besondere Eigenschaften und Leistungen verliehen, mögen sie nun in der körperlichen Erscheinung oder in der geistigen Haltung gefunden werden. Professor Rapp - das sagte über die Persönlichkeit des Mannes gar nichts. Worschtler - das war ein Wort, das die äussere Erscheinung wie im Blitzlicht erhellte. Ein behäbiger Metzger oder Wirt aus einer Kleinstadt konnte nicht anders aussehen. Nürnberger - so konnte jeder heissen. Aber Watz - das war so kurz, rund und schneidig, wie nur etwas sein kann, ein Urlaut, der nur auf einen Mann passte, der die gleichen Eigenschaften besass. So wurde der Professor Ambrosius Nürnberger Watz getauft. Zürrrn - das klang schon ganz anders als Zürn, besonders wenn man rrr ordentlich rollte. Aber konnten des Professors Bemühungen uns die griechischen Flötentöne beizubringen, besser geehrt werden als dadurch, dass wir ihn, mit scharfem Ton auf dem i, den Tithäämi nannten?

Vielleicht schreibt jemand einmal ein Buch über die Geschichte und Psychologie des Gymnasiastenwitzes: der Stoff ist unerschöpflich, und ich bin überzeugt, das Werk würde reissenden Absatz finden.

Was blieb mir in den Ferien ohne Kameradschaft anderes übrig als zu essen oder Klavier zu spielen, und an schönen Tagen mich im Garten zu beschäftigen oder draussen herumzustreifen? Ich wagte nicht, mir für grössere Ausflüge, wie ich sie doch mehrfach von Rastatt aus unternommen hatte, auch nur die geringsten Mittel auszubitten, und war schliesslich froh, wenn die Vakanz zu Ende ging. In den grossen Ferien folgte ich einmal einer Einladung von Kameraden nach Sasbach; das ist alles, war mir aus jenen Tagen im Gedächtnis geblieben ist.

Durch den Wechsel des Kosthauses, den Tante Theresiens Wegzug notwendig gemacht hatte, wurde ich in Verhältnisse versetzt, die nichts weniger als angenehm waren. Fräulein Bader hatte wie eine Mutter für uns gesorgt, an der neuen Futterstelle waren wir nur Objekte geschäftlicher Ausbeutung. Frau Premm hatte das ganze Haus voll Pensionäre, nach Rangklassen getrennt und abgestuft. Sie bewohnte mit einer erwachsenen Tochter, einem Leutnant und zwei in blaues Kammgarn gekleideten, hohe Stehkragen tragenden zierlichen Kaufmannsöhnen aus Gernsbach, die das Gymnasium besuchten, das zweite Stockwerk ihres Hauses. Die Dachkammern waren mit Studenten besetzt, die weniger bezahlten und auch mit geringerer Kost vorliebnehmen mussten. Der soziale Abstand war also in Mark und Pfennig festgelegt, und wenn jemals, so habe ich in dieser Zeit gewusst, dass ich minderwertig war. Nur einen Umstand habe ich als Wohltat empfunden, dass ich mein Zimmerchen für mich allein besass. Mit dem schönen Blick auf die Murg und die Ankerbrücke konnte die Aussicht auf die Dächer der Hinterhäuser, die ich jetzt genoss, allerdings nicht verglichen werden.

Das beste Zimmer bewohnte ein Obersekundaner Schillinger aus Forbach, ein grosser, kräftiger Bursche, blond, rotbäckig, blauäugig, der Rädelsführer bei allen Streichen, die gegen die Wehrloseren ausgeheckt wurden. Auch ich war mancher Tücke ausgesetzt, besonders im Winter, wenn man mir meine Kammer durch Schlüsselloch mit dem verhassten Tabaksqualm vollbliess, so dass ich bei der grössten Kälte das Fenster offen halten musste. Gleichwohl mochten wir alle den übermütigen und leichtsinnigen Burschen gerne leiden, und es war erst recht kein Wunder, dass seine Bude der Sammelplatz für gleichveranlagte Jünglinge wurde, die im Trinken, Krakelen, Rauchen und Spielen ihren Lebenszweck sahen.

Am Zegospielen habe auch ich mich manchmal beteiligt, am Rauchen nie, das stilgerechte Trinken wurde mir in einer anderen Gemeinschaft beigebracht, von der nachher die Rede sein soll.

Wie wir früher eine Reihe von Fächern mit der Untertertia gemeinsam hatten, so wurden wir jetzt in einer grossen Zahl von Stunden mit der Obersekunda zusammen getan. Wir waren durch Repetenten und Zuzug von auswärts auf 34 Untersekundaner angewachsen, eine Zahl, die sonst nur in den untersten Klassen erreicht wurde. Dazu kamen noch 20 Obersekundaner. Es muss eine furchtbare Aufgabe gewesen sein, eine solche Rotte in Fächern zu unterrichten, die wöchentlich nur mit zwei bis drei Stunden bedacht waren, und eine nicht weniger furchtbare, Rapps Erbschaft anzutreten. Wir erhielten, wie erwartet, den Professor Seidenadel als Klassenlehrer, einen hageren, magenkranken Choleriker, vor dem man schon Angst bekommen konnte, wenn man ihn, die Hände auf dem Rücken, mit langen Schritten die Herrenstrasse gegen das Gymnasium zurennen sah. Was wir in seinen Stunden lernten, war gewiss mehr wert, als was wir vom Circus Rapp mitbrachten - und doch ist mir von Seidenadels ganzem Unterricht nur das Schimpfen, Heulen und Toben haften geblieben und die Erinnerung an die nie abreissenden Strafschriften, mit denen jeder Fehler geahndet wurde. Hätte dieser Mann die Zeit, die er zu seinen Zornausbrüchen und Moralpauken brachte, dazu verwendet, durch planmässige Wiederholung der Elemente unser schäbiges Wissen in Ordnung zu bringen, so wären wir ihm eher zu Dank verpflichtet gewesen. Da er aber auch die besseren Schüler wie Schwerverbrecher behandelte, konnte er nur Widerwillen, Trotz und Hass grossziehen.

Aus dem Programm ergibt sich, dass wir ein Buch Livius, zwei Bücher der Aeneide und Ciceros Reden pro Roscio gelesen und allerhand daraus memoriert haben. Wenn ich an dies Memorieren denke, kann ich mich heute noch nicht von feindlichen Gefühlen freimachen. Auf Kommando auswendiglernen war mir immer und überall ein Greuel gewesen; wenn ich etwas in mich aufnehmen sollte, musste ich dem Stoff irgendwie persönliche Neigungen entgegenbringen können. Wie hätte dies aber bei solchem Unterricht aufkeimen sollen? So ist mir auch von der deutschen Lektüre nichts in Erinnerung geblieben, als dass ich einmal das ganze Lied von der Glocke abschreiben musste, weil ich an einigen Stellen versagt hatte. Das Auge sieht den Himmel offen, es schwelgt das Herz in Seligkeit...

Das Griechische war in Obertertia unsere Paradeleistung gewesen. Jetzt wurden wir an Rapp ausgeliefert, und die Folgen kann man sich denken. Der alte mochte ein Gewohnheitsrecht auf diese Stunden haben - für uns war er ein Unglück. Vier Wochen genügten, uns im Griechischen auf das gleiche Niveau herunterzubringen, auf dem wir im Lateinischen standen. Wie schnell uns jedes sichere Wissen abhanden kam, merkten wir daran, dass die Noten für die schriftlichen Arbeiten die tollsten Sprünge machten. Beim Homerübersetzten mussten wir darauf achten, jede Partikel stets mit dem gleichen Wort zu übersetzen; was für ein Deutsch dabei herauskam, war Nebensache. Ob nur ich allein ein so schlechtes Gedächtnis habe, dass mir von der Lektüre in Sekunda rein gar nichts in Erinnerung geblieben ist? Oder liegt es am Alter, an der Dumpfheit der Seele und der Unreife des Verstandes, an der Unangemessenheit der Beschäftigung, dass sich der Inhalt der fremdsprachlichen Autoren, gleichviel wer sie behandelte, so spurlos verflüchtigt hat?

Im Französischen führte Papa Kremp den Unterricht in gewohnter Weise weiter. Wenn es ihm schon in Obertertia nicht gelungen war, uns den unseligen Vorton abzugewöhnen, so war er jetzt, wo er der vereinigten Sekunda gegenüberstand, vollends ohnmächtig. Wir sagten nach wie vor auf gut badisch manger statt manger, maison statt maison, auch wenn im grossen Süpfle noch so viele ethymologische Erläuterungen standen, die uns von der Richtigkeit der Endbetonung hätten überzeugen müssen. Was mich anlangt, so haben mir jene Fussnoten weit mehr Vergnügen gemacht als die Regeln und Übungsstücke. Ich bekam durch sie zum ersten Mal eine Ahnung von Sprachgeschichte, von gesetzmässigen Veränderungen der Sprachformen und von Wandlungen des Sprachschatzes. War es auch eine naive Methode, vulgärlateinische Wortgebilde neben modernes Französisch zu stellen, so hatten sie wenigstens das Verdienst, die Phantasie zur Überbrückung des Abstandes anzureizen.

Eine dieser französischen Stunden ist mir in besonders lebhafter Erinnerung geblieben. Wir standen wieder einmal mitten im Kampf um den Vorton, und ich hatte schon manche Episode auf einem Heftdeckel nachstenographiert, als es an die Tür klopfte und der Direktor hereintrat. Prof. Follenius sei krank und er müsse den Herrn Kollegen bitten, auch die nächste Stunde in der Klasse zu übernehmen. Noch ganz aufgeregt über die Faulheit und die dummen Antworten der Klasse, bedankt sich Kremp für die schöne Gelegenheit, eine Repetition vorzunehmen. Aber - o Schreck - der alte bleibt da, um auch für sich etwas von der schönen Gelegenheit zu profitieren! Wir mussten eine Stunde das Trommelfeuer der Fragen aushalten, bis wir fast alle das Schlachtfeld deckten.

"Ihr seid mir scheene Sekundaner! Ihr wisst ja alle miteinander nix! In der Klass muss emal exemplarisch gsäubert werde!" Als wir wieder allein waren, brach die gute Seele vor Empörung fast in Tränen aus. "Ja, er hat recht der Herr Direktor, es ist eine Schande, wie Sie sich angestellt haben!" Er hatte wirklich recht; besässe ich noch die Niederschrift der Szenen, die sich in jenen zwei Stunden abspielten, so könnte ich den unwiderleglichen Beweis dafür erbringen.

In der Mathematik vergingen uns die Possen. Wenn Follenius um die Ecke kam, war plötzlich aller Streit geschlichtet. Wir standen lautlos, bis vom Katheder sein "Sätzense säch" ertönte. Algebra hatten wir mit der Obersekunda gemeinsam; die Stunde begann mit dem Vorlesen der Hausaufgaben. Wir hatten sie nach genauen Vorschriften auszuarbeiten und wurden dadurch kontrolliert, dass sich Follenius von irgendeinem mit den Worten "Chääbense mir ähr Boch" das Heft geben liess.

Als ich noch in Obertertia sass, kam einmal ein wandernder Naturforscher, der seine drei Mikroskope auf einem Fensterbrett aufstellte und im Beisein von Follenius botanische und zoologische Präparate vorzeigte. Das Glanzstück war die Demonstration des Blutkreislaufs an der Schwimmhaut eines lebenden Frosches. Das ist alles, was ich am Gymnasium von Zoologie gesehen habe. In Sekunda war im Sommer Botanik, im Winter Geologie vorgeschrieben. Wenn ich sagen soll, worin der botanische Unterricht bestand, so muss ich bekennen, dass ich darüber nichts mehr weiss. Nicht am Schulbetrieb, sondern an meinen Streifereien um die Festung herum haftet die Erinnerung. Ich weiss, welche unbeschreibliche Freude ich hatte, wenn ich mir bisher unbekannte Pflanzen fand.

Mein besonderes Entzücken waren die Frühlingsblumen aus den Rheinwäldern bei Plitterdorf, die mein Freund Dietrich mitbrachte, die hellblaue Szillen, die weissen und roten Lerchenspornen, die goldgelben Anemonen, die dunkelgelben Primeln, Einbeeren und Aronstab; das alles hatte ich noch nie gesehen, da der Auenwald bei Bühl fehlt. Die Festungsgräben beherbergten eine mir ganz neue Flora von Sumpfgewächsen, in den Moorwiesen gegen Iffizheim entdeckte ich die nickenden Köpfchen der Bachnelkwurz und den seltenen Bitterklee; auf trockeneren Wiesen und Dämme waren weithin blau von Wiesensalbei. Was hätte ich alles lernen können, wenn ich damals in die richtigen Hände gekommen wäre! Der Ordinarius der Quarta, Professor Mayer, war als vorzüglicher Kenner der Flora von Rastatt bekannt - aber welcher Sekundaner hätte sich herabgelassen, sich ihm als Schüler und Begleiter anzubieten! Ich besass die Flora von Südwestdeutschland und bestimmte nach ihr, so gut es ging meine Funde, aber scheute mich zu fragen, wenn ich damit nicht zurecht kam.

Noch weniger weiss ich von der Geologie zu sagen. Ich glaube, dass es der reine Buchunterricht war, und dass wir weder Mineralien und Gesteine noch Peprefakten zu sehen bekamen. Exkursionen gab es bestimmt nicht, und einen tieferen Eindruck haben die geologischen Zeitalter doch erst in Obersekunda auf mich gemacht. Im Jahre 1885 wurde der physikalische Vorkurs von der Tertia nach der Sekunda verschoben und in Tertia Botanik und Zoologie eingeführt. Damit war das gefährliche Fach aus dem Gymnasium verdrängt, bis es 1896 in den Oberrealschulen seine Auferstehung erlebte.

In Untersekunda begann bei Professor Kremp auch der für die Theologen vorgeschriebene hebräische Unterricht. Ich beteiligte mich daran, ohne mir über meine künftige Laufbahn viel Gedanken zu machen, und trat wieder aus, als es mir klar geworden war, dass ich nicht zur Theologie berufen sei. Ein paar Hundert Mark Stipendien, die ich mir durch die Teilnahme am Hebräischen verdient hatte, waren meinem Vater in jenen Jahren ein willkommene Erleichterung; wir haben sie später mit vereinten Kräften zurückgezahlt.

Als Lehrbuch wurde das Übungsbuch von Mezger benützt, ausserdem bekamen wir die Grammatik von Geselius in die Hand. In der Prima kam noch eine dicke hebräische Bibel dazu. Ich kann versichern, dass es nach Ablauf des ersten Jahres nur noch wenige Buchstaben gab, die ich miteinander verwechselte. Kremp gab sich redliche Mühe, um uns in die Geheimnisse der heiligen Sprache einzuführen, es gelang ihm aber auch in diesen Stunden nur ausnahmsweise, die Trägheit der Masse überwinden. Während meiner Schulzeit gab er zwei Programme heraus, in denen er die Urverwandtschaft von Deutsch und Hebräisch nachzuweisen suchte. Er stellte hebräischen Wortstämmen deutsche Wörter von ähnlichem Klang gegenüber, für die er durch geschickte Wahl von Zwischengliedern auch die gleiche Grundbedeutung herausbekam. So führte er z. B. das Wort Herz auf hebr. charaz - "spalten, teilen" - zurück, weil das Herz das Blut zerteile, so musste Helm mit hebr. galam zusammenhängen, weil dies "umhüllen" bedeutet, so sollte Bein auf hebr. banah "bauen" oder binjan "Gebäude" zurückgehen, weil man sich auf den Beinen aufrichtet. Einige Kritiker scheinen ihn darauf hingewiesen zu haben, dass das Alte Testament längst geschrieben war, als die Germanen in die Geschichte eintraten. Er erwiderte ihnen, was denn der Annahme entgegenstehe, dass beide Völker in vorhistorischer Zeit, als die Germanen noch in Asien lebten, in lebhaftem Verkehr miteinander gestanden hätten? In der Tat, was steht entgegen? Und warum sollte nicht? Hat doch eine Leuchte der alttestamentlichen Wissenschaft in Heidelberg noch die Urverwandtschaft von Sanskrit und Hebräisch angenommen!

Brauchbarer war das Wissen, das ich mir in englischen Kursen bei Seidenader aneignete. Ich brachte ja schon einige Vorkenntnisse mit und stelle gern fest, dass der gefürchtete Mann in den freiwilligen Stunden ein durchaus menschlicher und erfreulicher Lehrer war.

Auch mit dem Stenographieren hatte ich schon in Obertertia angefangen. Ein Klassenkamerad namens Foreit, der Sohn des Engelwirts, hatte Kurse eingerichtet, an denen sich eine Anzahl von uns mit mehr oder weniger Ausdauer beteiligte. Ich war bald Feuer und Flamme für die schöne Kunst Gabelsbergers, hielt auch längere Zeit eine stenographische Monatsschrift und benützte jede Gelegenheit, mich zu üben und zu vervollkommnen. Ich brachte es bis zur sogenannten Satzkürzung, doch habe ich von dieser höchsten Kunst später nur soviel beigehalten, als mir zu eigenen Bequemlichkeit nützlich war.

Man wird nicht behaupten können, dass die Verhältnisse, in denen ich als Untersekundaner lebte, besonders geeignet waren, einen im Umbruch seines Daseins begriffenen Jüngling glücklich zu machen. In den wichtigsten Schulfächern gequält und geschunden, in anderen verbummelt und zurückgekommen, innerlich bedrückt und äusserlich unsicher, empfand ich meine Vereinsamung umso stärker, als ich ja auch den Eltern und auch dem Pfarrverweser gegenüber schweigen musste und kein Verständnis für meine Lage erwartete. Hätte ich nur einen einzigen wirklichen Freund gehabt, mit dem mich gleiche Neigungen verbanden, mit dem ich täglich hätte zusammen sein können, so hätte ich das berühmte Schulelend leichter ertragen. So fühlte ich mich unglücklich und verlassen und führte ein ziemlich stumpfsinniges Dasein, bis im Lauf des Winters eine Wendung eintrat, die mich mit den Sasbachern wieder in engere Verbindung brachte und dem Leben einen gewissen Inhalt gab.

Es war bisher üblich gewesen, dass die Sekundaner, die bei den Markomannen oder Teutonen einspringen wollten, schon vorher als Konkneipanten an den Bierabenden teilnahmen. Wurden sie vom alten Uhrenbacher gefasst, so flogen sie natürlich in Karzer, wurden sie wieder erwischt, so bekamen sie das Konsil oder flogen kurzer Hand hinaus. Einige tragische Fälle hatten zur Folge, dass man vorsichtiger wurde. Man konnte den Nachwuchs ja auch dadurch sicherstellen, dass man ihn zu einer Verbindung zusammenschloss, die ihre Kneipübungen auf die Dörfer hinausverlegte. So konstituierte sich aus dem Sasbacher Kreis und einigen Rastatter Sekundanern die Verbindung Suevia, und es bedurfte keiner grossen Überredungskunst, auch mich zum Eintritt zu bewegen. Andere, die den feudalen Teutonen zustrebten, hatten die Rhenania gegründet; zu ihnen gehörte auch Schillinger und Max Krieg, ein Grund mehr, mich in meiner Dachkammer unbehaglich zu fühlen.

Die Obersekundaner, die im Verkehr mit den Markomannen schon genügend Biererfahrung und Sicherheit des Benehmens erlangt hatten, künftige Leuchten der Kirche, aber auch Philologen und Rechtsanwälte, traten gleich als Burschen in Erscheinung. Wir Untersekundaner mussten als Füchse eine strenge Vorbereitungszeit durchmachen. Der Fuchsmajor, Karl Herzog aus Grafenhausen, ein Landmann meines Vaters, unterrichtete uns in allem, was die hohen Ziele der Verbindung und das bierehrliche Benehmen eines bierehrlichen Burschen betraf. Ich trug die heiligen Satzungen und Rechte der Sueven in ein mit Wappen und Zirkel geschmückten Oktavheft ein und bemühte mich, alles getreu im Herzen zu bewahren. Entschlossen, und einst der Markomannenfarben Grün-Weiss-Schwarz-Schwarz-Weiss-Grün würdig zu zeigen, trabten wir bei jedem Wetter, durch den dicksten Dreck und Schnee an den Sonntagen in die Dörfer hinaus, um dem König Gambrinus zu huldigen oder für Wein, Weib und Gesang zu schwärmen. Zum Weintrinken reichte allerdings das Geld nicht, und auch das Weib war nur ein leerer Wahn, es hätte künftigen Kaplänen schlechte angestanden, mit des Teufelsbrut nähere Bekanntschaft zu machen. Umso kräftiger liessen wir den Gesang erschallen. Mein Leibbursch, der spätere Rechtsanwalt und Stadtrat Kaufmann, hatte bald heraus, dass ich mich sehr gut zum Begleiten der Kommerslieder eignete, und ich hatte bald heraus, dass ich umso weniger Bier zu trinken brauchte, je länger ich mich am Klavier zu schaffen machte. So zog ich mich im Ganzen glimpflich aus der Bierflut, eine grosse Sommerfahrt nach Gaggenau ausgenommen, die ein ziemlich stürmisches Ende nahm.

Die Suevia war ein Bund auf Tod und Leben, ein hohes Lied auf Vaterland und Freiheit, - bis zu dem Augenblick, wo man erwischt wurde und vor dem Direktor stand. In diesem kritischen Augenblick - er war ausdrücklich vorgesehen, galt es, den höchsten Mannesmut zu beweisen. Die Verbindung wurde durch die Frage nach ihrer Existenz sofort und zwangsläufig aufgelöst. Es gab keine Sueven mehr.

Wir hatten diese Feuerprobe glücklicherweise nicht zu bestehen. Die Rhenania war es, die zuerst vom Schicksal der Vernichtung erfasst wurde. Sie war zu frech geworden und hatten ihre Kneipen in der Stadt selbst abgehalten. Vielleicht hatte sich ein Philister über den Krakeel geärgert und Anzeige erstattet. So wurden sie in einer schwarzen Nacht im Bären ausgehoben, da half kein Leugnen mehr. Es hagelte Karzer und Konsil, und mancher verliess freiwillig die Schule, um anderwärts sein Glück zu versuche, Die Sueven aber waren gewarnt, sie hatten Zeit, ihren Besitz in Sicherheit zu bringen und sich selbst in den einstweiligen Ruhestand zu begeben. Welches Schicksal hätte mir geblüht, wenn wir statt der Rhenanen gefasst worden wären? Wenn der Vater Ruska auch nur geahnt hätte, dass sein hoffnungsvoller Sohn einer verbotenen Verbindung angehörte?

Soll ich nun einen Klagegesang über die Verdorbenheit der Rastatter Gymnasialjugend anstimmen? Oder ist es nicht vernünftiger, der Geschichte und den seelischen Hintergründen dieser Zustände ein wenig nachzugehen?

Man muss recht weltfremd sein, um nicht zu wissen, dass an allen badischen Gymnasien Verbindungen bestanden, und dass ich von Wertheim bis Konstanz, wohin man mich auch schicken mochte, ziemlich die gleichen Verhältnisse angetroffen hätte. Wo die Auswärtigen nur einen geringen Prozentsatz der Schüler ausmachen, vor allem in den drei Städten mit Hochschulen, mögen die Verbindungen nach aussen weniger hervorgetreten sein, in den Mittelstädten war ihr Bestehen ein offenes Geheimnis. Es gab wenig badische Akademiker, ja selbst wenig kirchliche Würdenträger, die nicht irgendwie einmal an ihnen beteiligt waren. Es kam auf die Direktoren und noch mehr auf den gerade von Karlsruhe her wehenden Wind an, ob sie stillschweigend geduldet oder mit Feuer und Schwert ausgerottet wurden, um ein paar Jahre später doch wieder zu neuem Leben zu erwachen. Nur Duckmäuser und scheinheilige Heuchler konnten ihre Freude daran haben, mit rigorosen, plötzlich einsetzenden Massnahmen möglichst vielen jungen Leuten das Genick zu brechen.

Den Primanern war der Besuch von Wirtshäusern mit gewissen Einschränkungen gestattet: eine in jeder Hinsicht vernünftige Regelung der Dinge, hundertmal besser als strenge Verbote, um die sich doch niemand gekümmert hätte, aber auch besser als die schrankenlose Freiheit des Akademikers, die so manchen ins Unglück gestürzt hat. Nach unten musste selbstverständlich eine Grenze gezogen werden, und auch das war richtig, dass sie schon bei der Sekunda gezogen war. Wer sie hier nicht recht respektierte, tat es auf eigene Gefahr. Wir brauchen also nur noch zu fragen, warum so vielen das Leben in Gefahren reizvoller als der breite Weg der Tugend war.

Das Durchschnittsalter der Abiturienten lag bei zwanzig Jahren. Der älteste unter 56 Oberprimanern, die in den Jahren 1881-84 in Rastatt absolvierten, war 24 Jahre alt, ich hatte von ihm in Bühl noch Lateinstunden erhalten, der jüngste mit 17 1/2 Jahren, bin ich selber gewesen. Danach ergibt sich für die Sekunda ein Normalalter von 15 bis 17 Jahren. Wir wollen uns nun die Herkunft und die Lebensbedingungen dieser Jünglinge etwas genauer ansehen, um über ihren Seelenzustand ins Klare zu kommen.

Die Statistiken zeigen, dass in den drei untersten Klassen die Zahl der ortsansässigen Bühler, die der Auswärtigen weit überwog. In den Tertien hielt sie sich annähernd auf gleicher Höhe, in den Sekunden waren schon doppelt so viel, in den Primen dreimal so viel Auswärtige als Einheimische vorhanden. Die Rastatter Bürger pflegten ihre Sprösslinge nicht viel länger auf die lateinische Schule zu schicken, als sie ohnehin schulpflichtig waren; mit Obersekunda war schon die Überfremdung da. Der Zuzug kam vom Lande, von Schulen, die schon mit Untersekunda abschlossen, oder von Privatanstalten, die ihre Produkte noch früher entliessen. Vielfach fanden sich auch Schüler ein, denen an ihrem heimischen Gymnasium der Boden zu heiss geworden war; sie konnten als grosse Unbekannte hoffen, in Rastatt ein leichteres Fortkommen zu finden. Zu den regelmässig auftauchenden Erscheinungen gehörten die schon mehrfach erwähnten Sasbacher. Der Dekan von Sasbach, Franz Xaver Lender, der Führer des badischen Zentrums, hatte in den Jahren des Kulturkampfs stellungslose Neupriester in sein Haus aufgenommen und zugleich jeden verfügbaren Raum mit Bauernbuben aus der Umgegend besiedelt, die von diesem Geistlichen in die Geheimnisse der alten Sprachen eingeweiht wurden.*) Nach einigen Jahren kamen sie, wenn sie sich als tauglich zeigten, nach Rastatt; später wurde die Anstalt in Sasbach selbst weiter ausgebaut, doch weiss ich nicht, ob ein Vollgymnasium daraus entstanden ist. Die Sasbacher blieben auch in Rastatt in engerem Verkehr und bildeten mit Elementen von ähnlich bescheidener Herkunft den Grundstock der Markomannia, während sich die Söhne besserer Bürger und Beamten in der roten Teutonia zu sammeln pflegten. Trinksitten, Kommersbuch und Tabakverbrauch waren in beiden Lagern die gleichen. Wohin man schliesslich geriet, hing mehr vom Zufall der Freundschaften und von dem möglichen Aufwand, als von politischen oder rassischen Gesichtspunkten ab. Immerhin konnten die Markomannen dem klerikalen, die Teutonen dem liberalen Lager zugerechnet werden. Daneben blieb noch ein Rest, gering an Zahl, der sich an diesem Treiben nicht beteiligte, strenggehaltenen Offiziersbuben, verpimpelte Muttersöhnchen oder ungesellige Einspänner, die ihre eigenen Wege wandelten. Galt den Primanern die Sauf- und Paukfreiheit des Universitätsstudenten als höchster Lebensinhalt, so war es der Ehrgeiz der Sekundaner, es baldmöglichst den Primanern gleichzutun. Hätten sie etwa vorher Tee trinken und Rosenkränze beten sollen? Oder hätten sie lieber, wie Heinrich Hansjakob von sich erzählt, lieber mit Soldaten und Handwerksgesellen in den Kneipen herumziehen sollen? Waren diese durch studentische Tradition geregelten, von der Poesie der Kommerslieder umwobenen Ausmärsche in den Jahren, wo der Trieb zur Geselligkeit und Freundschaft, das Geltungsbedürfnis und der Grössenwahn der Jugend nach Betätigung drängt, nicht besser als die Dinge, die sich sonst zu entwickeln pflegen? Hält man sich gegenwärtig, dass es vor fünfzig Jahren, keinen Sport, keine Wanderbewegung, kurz nichts gab, was dem Bewegungsdrang und der Krafthuberei der Jugend entsprach, und dass für geistigere Genüsse, Pflege von Musik, Kunst, Literatur, bei den jungen Leuten, die aus Bauerndörfern kamen und ausser dem Kalender kein Buch zu Hause fanden, jede Voraussetzung fehlte, so fällt auch jeder Grund weg, sich über die Schülerverbindungen moralisch zu entrüsten. Gewiss, die Pädagogik war im Recht, wenn sie sie unterdrückte - aber das Leben nahm sich sein Recht, wenn es sich über alle Verbote wegsetzte.

Das Schuljahr ging zu Ende. Ich hatte mir jetzt durch die Versetzung das Recht zum Einjährigen Militärdienst errungen, und war damit in die höheren Regionen der Gesellschaft aufgestiegen. Da sonst nichts Nachteiliges über mich bekannt geworden war, trug auch der Vater der Lage Rechnung. Ich durfte mit ihm eine Reise um den Schwarzwald herum machen, auf der ich nicht nur viel Schönes sah, sondern auch Freunden und Verwandten vorgezeigt wurde. Die Eindrücke von der Schwarzwaldreise brauche ich nicht zu schildern. Wir sahen uns Triberg und die Wasserfälle an, machten in Villingen bei Freund Stassen die erste Rast und fuhren am nächsten Tag weiter. In Singen wurde die Fahrt unterbrochen, um den Hohentwiel zu besteigen. Ich war selig, als ich zum ersten Mal den Bodensee in weiter Ferne erblickte. Von Konstanz ist mir nur die Hafengegend, der Saal des Konziliengebäudes und der Hussenstein in Erinnerung geblieben. Wenn mir mein Vater jemals geschichtlichen Anschauungsunterricht geben wollte, so hat seinen Zweck bei diesem Gang zum Hussenstein erreicht.

Von dem weiteren Verlauf der Reise sind mir nur noch ein paar Erinnerungen an die bemalten Häuser von Schaffhausen und an den Rheinfall geblieben. Dass wir in Freiburg, Mahlberg und Grafenhausen waren, weiss ich nur aus meines Vaters Bericht. Wenn mir die erwähnten Einzelheiten besonders deutlich vor Augen stehen, so habe ich das den Bleistiftskizzen zu verdanken, die ich an Ort und Stelle zeichnete. Auch die Eindrücke von den Bahn- und Dampferfahrten müssen in den ersten Jahren sehr lebendig gewesen sein, denn die Reise war für mich ein unerhörtes Erlebnis.


*) Vom jungen Waldarbeiter auf der Badenerhöh zum Abiturienten in Sasbach. Erinnerungen eines Altsasbachers. Mit 12 Bildern. Karlsruhe 1926 (Verf. Prälat Schofer).


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© Julius Ruska 1937