Als
ich Abschied nahm, war mir erlaubt worden, am 28.
September, einem Sonntag, zu Ottos zweitem Geburtstag
heimzukommen. Dann musste ich mich aber bis Weihnachten
gedulden, und auch später bin ich nur noch in den
Ferien zu Hause gewesen. Warum man mir nicht
häufigere Besuche zugestand, wo doch Bühl so
nahelag, weiss ich nicht. War es nur Sparsamkeit, oder
glaubte man, ich würde mich leichter an die neuen
Verhältnisse gewöhnen, wenn ich seltener nach
Hause käme? Ein häufigerer Verkehr mit dem
Elternhaus wäre mir besonders in den ersten zwei
Jahren eine Wohltat gewesen; da er nicht gepflegt wurde,
ging das Schicksal seinen Gang, bis ich die Rastatter
Freiheit höher schätzte als den Bühler
Ferienaufenthalt.
Schon
an Weihnachten zog ich mir, als ich von Worschtler
erzählte, und sich herausstellte, dass ich den Herrn
Professor Rapp gemeint hatte, eine scharfe Zurechtweisung
zu. Der einzige Erfolg war, dass ich von da an so wenig
wie möglich von den Rastatter Erfahrungen preisgab,
dass sich zwischen mich und den Vater eine unsichtbare
Mauer schob, die ihm den Einblick in die Zustände an
der Schule und in das Leben des Sohnes verwehrte.
Wäre
mein Vater selber auf einem Gymnasium gewesen, so
hätte er das, was ihn empörte, weniger tragisch
genommen. Es war wirklich noch das Harmloseste von allen
Dingen, die den Professoren angetan wurden. Es war weder
Schlechtigkeit noch Mangel an Ehrerbietung, wenn manche
Lehrer Spitznamen hatten. Solche Namen werden wie
Ordenskreuze für besondere Eigenschaften und
Leistungen verliehen, mögen sie nun in der
körperlichen Erscheinung oder in der geistigen
Haltung gefunden werden. Professor Rapp - das sagte
über die Persönlichkeit des Mannes gar nichts.
Worschtler - das war ein Wort, das die äussere
Erscheinung wie im Blitzlicht erhellte. Ein
behäbiger Metzger oder Wirt aus einer Kleinstadt
konnte nicht anders aussehen. Nürnberger - so konnte
jeder heissen. Aber Watz - das war so kurz, rund und
schneidig, wie nur etwas sein kann, ein Urlaut, der nur
auf einen Mann passte, der die gleichen Eigenschaften
besass. So wurde der Professor Ambrosius Nürnberger
Watz getauft. Zürrrn - das klang schon ganz anders
als Zürn, besonders wenn man rrr ordentlich rollte.
Aber konnten des Professors Bemühungen uns die
griechischen Flötentöne beizubringen, besser
geehrt werden als dadurch, dass wir ihn, mit scharfem Ton
auf dem i, den Tithäämi nannten?
Vielleicht
schreibt jemand einmal ein Buch über die Geschichte
und Psychologie des Gymnasiastenwitzes: der Stoff ist
unerschöpflich, und ich bin überzeugt, das Werk
würde reissenden Absatz finden.
Was
blieb mir in den Ferien ohne Kameradschaft anderes
übrig als zu essen oder Klavier zu spielen, und an
schönen Tagen mich im Garten zu beschäftigen
oder draussen herumzustreifen? Ich wagte nicht, mir
für grössere Ausflüge, wie ich sie doch
mehrfach von Rastatt aus unternommen hatte, auch nur die
geringsten Mittel auszubitten, und war schliesslich froh,
wenn die Vakanz zu Ende ging. In den grossen Ferien
folgte ich einmal einer Einladung von Kameraden nach
Sasbach; das ist alles, war mir aus jenen Tagen im
Gedächtnis geblieben ist.
Durch
den Wechsel des Kosthauses, den Tante Theresiens Wegzug
notwendig gemacht hatte, wurde ich in Verhältnisse
versetzt, die nichts weniger als angenehm waren.
Fräulein Bader hatte wie eine Mutter für uns
gesorgt, an der neuen Futterstelle waren wir nur Objekte
geschäftlicher Ausbeutung. Frau Premm hatte das
ganze Haus voll Pensionäre, nach Rangklassen
getrennt und abgestuft. Sie bewohnte mit einer
erwachsenen Tochter, einem Leutnant und zwei in blaues
Kammgarn gekleideten, hohe Stehkragen tragenden
zierlichen Kaufmannsöhnen aus Gernsbach, die das
Gymnasium besuchten, das zweite Stockwerk ihres Hauses.
Die Dachkammern waren mit Studenten besetzt, die weniger
bezahlten und auch mit geringerer Kost vorliebnehmen
mussten. Der soziale Abstand war also in Mark und Pfennig
festgelegt, und wenn jemals, so habe ich in dieser Zeit
gewusst, dass ich minderwertig war. Nur einen Umstand
habe ich als Wohltat empfunden, dass ich mein Zimmerchen
für mich allein besass. Mit dem schönen Blick
auf die Murg und die Ankerbrücke konnte die Aussicht
auf die Dächer der Hinterhäuser, die ich jetzt
genoss, allerdings nicht verglichen werden.
Das
beste Zimmer bewohnte ein Obersekundaner Schillinger aus
Forbach, ein grosser, kräftiger Bursche, blond,
rotbäckig, blauäugig, der
Rädelsführer bei allen Streichen, die gegen die
Wehrloseren ausgeheckt wurden. Auch ich war mancher
Tücke ausgesetzt, besonders im Winter, wenn man mir
meine Kammer durch Schlüsselloch mit dem verhassten
Tabaksqualm vollbliess, so dass ich bei der grössten
Kälte das Fenster offen halten musste. Gleichwohl
mochten wir alle den übermütigen und
leichtsinnigen Burschen gerne leiden, und es war erst
recht kein Wunder, dass seine Bude der Sammelplatz
für gleichveranlagte Jünglinge wurde, die im
Trinken, Krakelen, Rauchen und Spielen ihren Lebenszweck
sahen.
Am
Zegospielen habe auch ich mich manchmal beteiligt, am
Rauchen nie, das stilgerechte Trinken wurde mir in einer
anderen Gemeinschaft beigebracht, von der nachher die
Rede sein soll.
Wie
wir früher eine Reihe von Fächern mit der
Untertertia gemeinsam hatten, so wurden wir jetzt in
einer grossen Zahl von Stunden mit der Obersekunda
zusammen getan. Wir waren durch Repetenten und Zuzug von
auswärts auf 34 Untersekundaner angewachsen, eine
Zahl, die sonst nur in den untersten Klassen erreicht
wurde. Dazu kamen noch 20 Obersekundaner. Es muss eine
furchtbare Aufgabe gewesen sein, eine solche Rotte in
Fächern zu unterrichten, die wöchentlich nur
mit zwei bis drei Stunden bedacht waren, und eine nicht
weniger furchtbare, Rapps Erbschaft anzutreten. Wir
erhielten, wie erwartet, den Professor Seidenadel als
Klassenlehrer, einen hageren, magenkranken Choleriker,
vor dem man schon Angst bekommen konnte, wenn man ihn,
die Hände auf dem Rücken, mit langen Schritten
die Herrenstrasse gegen das Gymnasium zurennen sah. Was
wir in seinen Stunden lernten, war gewiss mehr wert, als
was wir vom Circus Rapp mitbrachten - und doch ist mir
von Seidenadels ganzem Unterricht nur das Schimpfen,
Heulen und Toben haften geblieben und die Erinnerung an
die nie abreissenden Strafschriften, mit denen jeder
Fehler geahndet wurde. Hätte dieser Mann die Zeit,
die er zu seinen Zornausbrüchen und Moralpauken
brachte, dazu verwendet, durch planmässige
Wiederholung der Elemente unser schäbiges Wissen in
Ordnung zu bringen, so wären wir ihm eher zu Dank
verpflichtet gewesen. Da er aber auch die besseren
Schüler wie Schwerverbrecher behandelte, konnte er
nur Widerwillen, Trotz und Hass grossziehen.
Aus
dem Programm ergibt sich, dass wir ein Buch Livius, zwei
Bücher der Aeneide und Ciceros Reden pro Roscio
gelesen und allerhand daraus memoriert haben. Wenn ich an
dies Memorieren denke, kann ich mich heute noch nicht von
feindlichen Gefühlen freimachen. Auf Kommando
auswendiglernen war mir immer und überall ein Greuel
gewesen; wenn ich etwas in mich aufnehmen sollte, musste
ich dem Stoff irgendwie persönliche Neigungen
entgegenbringen können. Wie hätte dies aber bei
solchem Unterricht aufkeimen sollen? So ist mir auch von
der deutschen Lektüre nichts in Erinnerung
geblieben, als dass ich einmal das ganze Lied von der
Glocke abschreiben musste, weil ich an einigen Stellen
versagt hatte. Das Auge sieht den Himmel offen, es
schwelgt das Herz in Seligkeit...
Das
Griechische war in Obertertia unsere Paradeleistung
gewesen. Jetzt wurden wir an Rapp ausgeliefert, und die
Folgen kann man sich denken. Der alte mochte ein
Gewohnheitsrecht auf diese Stunden haben - für uns
war er ein Unglück. Vier Wochen genügten, uns
im Griechischen auf das gleiche Niveau herunterzubringen,
auf dem wir im Lateinischen standen. Wie schnell uns
jedes sichere Wissen abhanden kam, merkten wir daran,
dass die Noten für die schriftlichen Arbeiten die
tollsten Sprünge machten. Beim Homerübersetzten
mussten wir darauf achten, jede Partikel stets mit dem
gleichen Wort zu übersetzen; was für ein
Deutsch dabei herauskam, war Nebensache. Ob nur ich
allein ein so schlechtes Gedächtnis habe, dass mir
von der Lektüre in Sekunda rein gar nichts in
Erinnerung geblieben ist? Oder liegt es am Alter, an der
Dumpfheit der Seele und der Unreife des Verstandes, an
der Unangemessenheit der Beschäftigung, dass sich
der Inhalt der fremdsprachlichen Autoren, gleichviel wer
sie behandelte, so spurlos verflüchtigt
hat?
Im
Französischen führte Papa Kremp den Unterricht
in gewohnter Weise weiter. Wenn es ihm schon in
Obertertia nicht gelungen war, uns den unseligen Vorton
abzugewöhnen, so war er jetzt, wo er der vereinigten
Sekunda gegenüberstand, vollends ohnmächtig.
Wir sagten nach wie vor auf gut badisch manger statt
manger, maison statt maison, auch wenn im grossen
Süpfle noch so viele ethymologische
Erläuterungen standen, die uns von der Richtigkeit
der Endbetonung hätten überzeugen müssen.
Was mich anlangt, so haben mir jene Fussnoten weit mehr
Vergnügen gemacht als die Regeln und
Übungsstücke. Ich bekam durch sie zum ersten
Mal eine Ahnung von Sprachgeschichte, von
gesetzmässigen Veränderungen der Sprachformen
und von Wandlungen des Sprachschatzes. War es auch eine
naive Methode, vulgärlateinische Wortgebilde neben
modernes Französisch zu stellen, so hatten sie
wenigstens das Verdienst, die Phantasie zur
Überbrückung des Abstandes
anzureizen.
Eine
dieser französischen Stunden ist mir in besonders
lebhafter Erinnerung geblieben. Wir standen wieder einmal
mitten im Kampf um den Vorton, und ich hatte schon manche
Episode auf einem Heftdeckel nachstenographiert, als es
an die Tür klopfte und der Direktor hereintrat.
Prof. Follenius sei krank und er müsse den Herrn
Kollegen bitten, auch die nächste Stunde in der
Klasse zu übernehmen. Noch ganz aufgeregt über
die Faulheit und die dummen Antworten der Klasse, bedankt
sich Kremp für die schöne Gelegenheit, eine
Repetition vorzunehmen. Aber - o Schreck - der alte
bleibt da, um auch für sich etwas von der
schönen Gelegenheit zu profitieren! Wir mussten eine
Stunde das Trommelfeuer der Fragen aushalten, bis wir
fast alle das Schlachtfeld deckten.
"Ihr
seid mir scheene Sekundaner! Ihr wisst ja alle
miteinander nix! In der Klass muss emal exemplarisch
gsäubert werde!" Als wir wieder allein waren, brach
die gute Seele vor Empörung fast in Tränen aus.
"Ja, er hat recht der Herr Direktor, es ist eine Schande,
wie Sie sich angestellt haben!" Er hatte wirklich recht;
besässe ich noch die Niederschrift der Szenen, die
sich in jenen zwei Stunden abspielten, so könnte ich
den unwiderleglichen Beweis dafür
erbringen.
In
der Mathematik vergingen uns die Possen. Wenn Follenius
um die Ecke kam, war plötzlich aller Streit
geschlichtet. Wir standen lautlos, bis vom Katheder sein
"Sätzense säch" ertönte. Algebra hatten
wir mit der Obersekunda gemeinsam; die Stunde begann mit
dem Vorlesen der Hausaufgaben. Wir hatten sie nach
genauen Vorschriften auszuarbeiten und wurden dadurch
kontrolliert, dass sich Follenius von irgendeinem mit den
Worten "Chääbense mir ähr Boch" das Heft
geben liess.
Als
ich noch in Obertertia sass, kam einmal ein wandernder
Naturforscher, der seine drei Mikroskope auf einem
Fensterbrett aufstellte und im Beisein von Follenius
botanische und zoologische Präparate vorzeigte. Das
Glanzstück war die Demonstration des Blutkreislaufs
an der Schwimmhaut eines lebenden Frosches. Das ist
alles, was ich am Gymnasium von Zoologie gesehen habe. In
Sekunda war im Sommer Botanik, im Winter Geologie
vorgeschrieben. Wenn ich sagen soll, worin der botanische
Unterricht bestand, so muss ich bekennen, dass ich
darüber nichts mehr weiss. Nicht am Schulbetrieb,
sondern an meinen Streifereien um die Festung herum
haftet die Erinnerung. Ich weiss, welche unbeschreibliche
Freude ich hatte, wenn ich mir bisher unbekannte Pflanzen
fand.
Mein
besonderes Entzücken waren die Frühlingsblumen
aus den Rheinwäldern bei Plitterdorf, die mein
Freund Dietrich mitbrachte, die hellblaue Szillen, die
weissen und roten Lerchenspornen, die goldgelben
Anemonen, die dunkelgelben Primeln, Einbeeren und
Aronstab; das alles hatte ich noch nie gesehen, da der
Auenwald bei Bühl fehlt. Die Festungsgräben
beherbergten eine mir ganz neue Flora von
Sumpfgewächsen, in den Moorwiesen gegen Iffizheim
entdeckte ich die nickenden Köpfchen der
Bachnelkwurz und den seltenen Bitterklee; auf trockeneren
Wiesen und Dämme waren weithin blau von
Wiesensalbei. Was hätte ich alles lernen
können, wenn ich damals in die richtigen Hände
gekommen wäre! Der Ordinarius der Quarta, Professor
Mayer, war als vorzüglicher Kenner der Flora von
Rastatt bekannt - aber welcher Sekundaner hätte sich
herabgelassen, sich ihm als Schüler und Begleiter
anzubieten! Ich besass die Flora von
Südwestdeutschland und bestimmte nach ihr, so gut es
ging meine Funde, aber scheute mich zu fragen, wenn ich
damit nicht zurecht kam.
Noch
weniger weiss ich von der Geologie zu sagen. Ich glaube,
dass es der reine Buchunterricht war, und dass wir weder
Mineralien und Gesteine noch Peprefakten zu sehen
bekamen. Exkursionen gab es bestimmt nicht, und einen
tieferen Eindruck haben die geologischen Zeitalter doch
erst in Obersekunda auf mich gemacht. Im Jahre 1885 wurde
der physikalische Vorkurs von der Tertia nach der Sekunda
verschoben und in Tertia Botanik und Zoologie
eingeführt. Damit war das gefährliche Fach aus
dem Gymnasium verdrängt, bis es 1896 in den
Oberrealschulen seine Auferstehung erlebte.
In
Untersekunda begann bei Professor Kremp auch der für
die Theologen vorgeschriebene hebräische Unterricht.
Ich beteiligte mich daran, ohne mir über meine
künftige Laufbahn viel Gedanken zu machen, und trat
wieder aus, als es mir klar geworden war, dass ich nicht
zur Theologie berufen sei. Ein paar Hundert Mark
Stipendien, die ich mir durch die Teilnahme am
Hebräischen verdient hatte, waren meinem Vater in
jenen Jahren ein willkommene Erleichterung; wir haben sie
später mit vereinten Kräften
zurückgezahlt.
Als
Lehrbuch wurde das Übungsbuch von Mezger
benützt, ausserdem bekamen wir die Grammatik von
Geselius in die Hand. In der Prima kam noch eine dicke
hebräische Bibel dazu. Ich kann versichern, dass es
nach Ablauf des ersten Jahres nur noch wenige Buchstaben
gab, die ich miteinander verwechselte. Kremp gab sich
redliche Mühe, um uns in die Geheimnisse der
heiligen Sprache einzuführen, es gelang ihm aber
auch in diesen Stunden nur ausnahmsweise, die
Trägheit der Masse überwinden. Während
meiner Schulzeit gab er zwei Programme heraus, in denen
er die Urverwandtschaft von Deutsch und Hebräisch
nachzuweisen suchte. Er stellte hebräischen
Wortstämmen deutsche Wörter von ähnlichem
Klang gegenüber, für die er durch geschickte
Wahl von Zwischengliedern auch die gleiche Grundbedeutung
herausbekam. So führte er z. B. das Wort Herz auf
hebr. charaz - "spalten, teilen" - zurück, weil das
Herz das Blut zerteile, so musste Helm mit hebr. galam
zusammenhängen, weil dies "umhüllen" bedeutet,
so sollte Bein auf hebr. banah "bauen" oder binjan
"Gebäude" zurückgehen, weil man sich auf den
Beinen aufrichtet. Einige Kritiker scheinen ihn darauf
hingewiesen zu haben, dass das Alte Testament längst
geschrieben war, als die Germanen in die Geschichte
eintraten. Er erwiderte ihnen, was denn der Annahme
entgegenstehe, dass beide Völker in vorhistorischer
Zeit, als die Germanen noch in Asien lebten, in lebhaftem
Verkehr miteinander gestanden hätten? In der Tat,
was steht entgegen? Und warum sollte nicht? Hat doch eine
Leuchte der alttestamentlichen Wissenschaft in Heidelberg
noch die Urverwandtschaft von Sanskrit und Hebräisch
angenommen!
Brauchbarer
war das Wissen, das ich mir in englischen Kursen bei
Seidenader aneignete. Ich brachte ja schon einige
Vorkenntnisse mit und stelle gern fest, dass der
gefürchtete Mann in den freiwilligen Stunden ein
durchaus menschlicher und erfreulicher Lehrer
war.
Auch
mit dem Stenographieren hatte ich schon in Obertertia
angefangen. Ein Klassenkamerad namens Foreit, der Sohn
des Engelwirts, hatte Kurse eingerichtet, an denen sich
eine Anzahl von uns mit mehr oder weniger Ausdauer
beteiligte. Ich war bald Feuer und Flamme für die
schöne Kunst Gabelsbergers, hielt auch längere
Zeit eine stenographische Monatsschrift und benützte
jede Gelegenheit, mich zu üben und zu
vervollkommnen. Ich brachte es bis zur sogenannten
Satzkürzung, doch habe ich von dieser höchsten
Kunst später nur soviel beigehalten, als mir zu
eigenen Bequemlichkeit nützlich war.
Man
wird nicht behaupten können, dass die
Verhältnisse, in denen ich als Untersekundaner
lebte, besonders geeignet waren, einen im Umbruch seines
Daseins begriffenen Jüngling glücklich zu
machen. In den wichtigsten Schulfächern gequält
und geschunden, in anderen verbummelt und
zurückgekommen, innerlich bedrückt und
äusserlich unsicher, empfand ich meine Vereinsamung
umso stärker, als ich ja auch den Eltern und auch
dem Pfarrverweser gegenüber schweigen musste und
kein Verständnis für meine Lage erwartete.
Hätte ich nur einen einzigen wirklichen Freund
gehabt, mit dem mich gleiche Neigungen verbanden, mit dem
ich täglich hätte zusammen sein können, so
hätte ich das berühmte Schulelend leichter
ertragen. So fühlte ich mich unglücklich und
verlassen und führte ein ziemlich stumpfsinniges
Dasein, bis im Lauf des Winters eine Wendung eintrat, die
mich mit den Sasbachern wieder in engere Verbindung
brachte und dem Leben einen gewissen Inhalt
gab.
Es
war bisher üblich gewesen, dass die Sekundaner, die
bei den Markomannen oder Teutonen einspringen wollten,
schon vorher als Konkneipanten an den Bierabenden
teilnahmen. Wurden sie vom alten Uhrenbacher gefasst, so
flogen sie natürlich in Karzer, wurden sie wieder
erwischt, so bekamen sie das Konsil oder flogen kurzer
Hand hinaus. Einige tragische Fälle hatten zur
Folge, dass man vorsichtiger wurde. Man konnte den
Nachwuchs ja auch dadurch sicherstellen, dass man ihn zu
einer Verbindung zusammenschloss, die ihre
Kneipübungen auf die Dörfer hinausverlegte. So
konstituierte sich aus dem Sasbacher Kreis und einigen
Rastatter Sekundanern die Verbindung Suevia, und es
bedurfte keiner grossen Überredungskunst, auch mich
zum Eintritt zu bewegen. Andere, die den feudalen
Teutonen zustrebten, hatten die Rhenania gegründet;
zu ihnen gehörte auch Schillinger und Max Krieg, ein
Grund mehr, mich in meiner Dachkammer unbehaglich zu
fühlen.
Die
Obersekundaner, die im Verkehr mit den Markomannen schon
genügend Biererfahrung und Sicherheit des Benehmens
erlangt hatten, künftige Leuchten der Kirche, aber
auch Philologen und Rechtsanwälte, traten gleich als
Burschen in Erscheinung. Wir Untersekundaner mussten als
Füchse eine strenge Vorbereitungszeit durchmachen.
Der Fuchsmajor, Karl Herzog aus Grafenhausen, ein
Landmann meines Vaters, unterrichtete uns in allem, was
die hohen Ziele der Verbindung und das bierehrliche
Benehmen eines bierehrlichen Burschen betraf. Ich trug
die heiligen Satzungen und Rechte der Sueven in ein mit
Wappen und Zirkel geschmückten Oktavheft ein und
bemühte mich, alles getreu im Herzen zu bewahren.
Entschlossen, und einst der Markomannenfarben
Grün-Weiss-Schwarz-Schwarz-Weiss-Grün
würdig zu zeigen, trabten wir bei jedem Wetter,
durch den dicksten Dreck und Schnee an den Sonntagen in
die Dörfer hinaus, um dem König Gambrinus zu
huldigen oder für Wein, Weib und Gesang zu
schwärmen. Zum Weintrinken reichte allerdings das
Geld nicht, und auch das Weib war nur ein leerer Wahn, es
hätte künftigen Kaplänen schlechte
angestanden, mit des Teufelsbrut nähere
Bekanntschaft zu machen. Umso kräftiger liessen wir
den Gesang erschallen. Mein Leibbursch, der spätere
Rechtsanwalt und Stadtrat Kaufmann, hatte bald heraus,
dass ich mich sehr gut zum Begleiten der Kommerslieder
eignete, und ich hatte bald heraus, dass ich umso weniger
Bier zu trinken brauchte, je länger ich mich am
Klavier zu schaffen machte. So zog ich mich im Ganzen
glimpflich aus der Bierflut, eine grosse Sommerfahrt nach
Gaggenau ausgenommen, die ein ziemlich stürmisches
Ende nahm.
Die
Suevia war ein Bund auf Tod und Leben, ein hohes Lied auf
Vaterland und Freiheit, - bis zu dem Augenblick, wo man
erwischt wurde und vor dem Direktor stand. In diesem
kritischen Augenblick - er war ausdrücklich
vorgesehen, galt es, den höchsten Mannesmut zu
beweisen. Die Verbindung wurde durch die Frage nach ihrer
Existenz sofort und zwangsläufig aufgelöst. Es
gab keine Sueven mehr.
Wir
hatten diese Feuerprobe glücklicherweise nicht zu
bestehen. Die Rhenania war es, die zuerst vom Schicksal
der Vernichtung erfasst wurde. Sie war zu frech geworden
und hatten ihre Kneipen in der Stadt selbst abgehalten.
Vielleicht hatte sich ein Philister über den Krakeel
geärgert und Anzeige erstattet. So wurden sie in
einer schwarzen Nacht im Bären ausgehoben, da half
kein Leugnen mehr. Es hagelte Karzer und Konsil, und
mancher verliess freiwillig die Schule, um
anderwärts sein Glück zu versuche, Die Sueven
aber waren gewarnt, sie hatten Zeit, ihren Besitz in
Sicherheit zu bringen und sich selbst in den
einstweiligen Ruhestand zu begeben. Welches Schicksal
hätte mir geblüht, wenn wir statt der Rhenanen
gefasst worden wären? Wenn der Vater Ruska auch nur
geahnt hätte, dass sein hoffnungsvoller Sohn einer
verbotenen Verbindung angehörte?
Soll
ich nun einen Klagegesang über die Verdorbenheit der
Rastatter Gymnasialjugend anstimmen? Oder ist es nicht
vernünftiger, der Geschichte und den seelischen
Hintergründen dieser Zustände ein wenig
nachzugehen?
Man
muss recht weltfremd sein, um nicht zu wissen, dass an
allen badischen Gymnasien Verbindungen bestanden, und
dass ich von Wertheim bis Konstanz, wohin man mich auch
schicken mochte, ziemlich die gleichen Verhältnisse
angetroffen hätte. Wo die Auswärtigen nur einen
geringen Prozentsatz der Schüler ausmachen, vor
allem in den drei Städten mit Hochschulen,
mögen die Verbindungen nach aussen weniger
hervorgetreten sein, in den Mittelstädten war ihr
Bestehen ein offenes Geheimnis. Es gab wenig badische
Akademiker, ja selbst wenig kirchliche
Würdenträger, die nicht irgendwie einmal an
ihnen beteiligt waren. Es kam auf die Direktoren und noch
mehr auf den gerade von Karlsruhe her wehenden Wind an,
ob sie stillschweigend geduldet oder mit Feuer und
Schwert ausgerottet wurden, um ein paar Jahre später
doch wieder zu neuem Leben zu erwachen. Nur
Duckmäuser und scheinheilige Heuchler konnten ihre
Freude daran haben, mit rigorosen, plötzlich
einsetzenden Massnahmen möglichst vielen jungen
Leuten das Genick zu brechen.
Den
Primanern war der Besuch von Wirtshäusern mit
gewissen Einschränkungen gestattet: eine in jeder
Hinsicht vernünftige Regelung der Dinge, hundertmal
besser als strenge Verbote, um die sich doch niemand
gekümmert hätte, aber auch besser als die
schrankenlose Freiheit des Akademikers, die so manchen
ins Unglück gestürzt hat. Nach unten musste
selbstverständlich eine Grenze gezogen werden, und
auch das war richtig, dass sie schon bei der Sekunda
gezogen war. Wer sie hier nicht recht respektierte, tat
es auf eigene Gefahr. Wir brauchen also nur noch zu
fragen, warum so vielen das Leben in Gefahren reizvoller
als der breite Weg der Tugend war.
Das
Durchschnittsalter der Abiturienten lag bei zwanzig
Jahren. Der älteste unter 56 Oberprimanern, die in
den Jahren 1881-84 in Rastatt absolvierten, war 24 Jahre
alt, ich hatte von ihm in Bühl noch Lateinstunden
erhalten, der jüngste mit 17 1/2 Jahren, bin ich
selber gewesen. Danach ergibt sich für die Sekunda
ein Normalalter von 15 bis 17 Jahren. Wir wollen uns nun
die Herkunft und die Lebensbedingungen dieser
Jünglinge etwas genauer ansehen, um über ihren
Seelenzustand ins Klare zu kommen.
Die
Statistiken zeigen, dass in den drei untersten Klassen
die Zahl der ortsansässigen Bühler, die der
Auswärtigen weit überwog. In den Tertien hielt
sie sich annähernd auf gleicher Höhe, in den
Sekunden waren schon doppelt so viel, in den Primen
dreimal so viel Auswärtige als Einheimische
vorhanden. Die Rastatter Bürger pflegten ihre
Sprösslinge nicht viel länger auf die
lateinische Schule zu schicken, als sie ohnehin
schulpflichtig waren; mit Obersekunda war schon die
Überfremdung da. Der Zuzug kam vom Lande, von
Schulen, die schon mit Untersekunda abschlossen, oder von
Privatanstalten, die ihre Produkte noch früher
entliessen. Vielfach fanden sich auch Schüler ein,
denen an ihrem heimischen Gymnasium der Boden zu heiss
geworden war; sie konnten als grosse Unbekannte hoffen,
in Rastatt ein leichteres Fortkommen zu finden. Zu den
regelmässig auftauchenden Erscheinungen
gehörten die schon mehrfach erwähnten
Sasbacher. Der Dekan von Sasbach, Franz Xaver Lender, der
Führer des badischen Zentrums, hatte in den Jahren
des Kulturkampfs stellungslose Neupriester in sein Haus
aufgenommen und zugleich jeden verfügbaren Raum mit
Bauernbuben aus der Umgegend besiedelt, die von diesem
Geistlichen in die Geheimnisse der alten Sprachen
eingeweiht wurden.*)
Nach einigen Jahren kamen sie, wenn sie sich als tauglich
zeigten, nach Rastatt; später wurde die Anstalt in
Sasbach selbst weiter ausgebaut, doch weiss ich nicht, ob
ein Vollgymnasium daraus entstanden ist. Die Sasbacher
blieben auch in Rastatt in engerem Verkehr und bildeten
mit Elementen von ähnlich bescheidener Herkunft den
Grundstock der Markomannia, während sich die
Söhne besserer Bürger und Beamten in der roten
Teutonia zu sammeln pflegten. Trinksitten, Kommersbuch
und Tabakverbrauch waren in beiden Lagern die gleichen.
Wohin man schliesslich geriet, hing mehr vom Zufall der
Freundschaften und von dem möglichen Aufwand, als
von politischen oder rassischen Gesichtspunkten ab.
Immerhin konnten die Markomannen dem klerikalen, die
Teutonen dem liberalen Lager zugerechnet werden. Daneben
blieb noch ein Rest, gering an Zahl, der sich an diesem
Treiben nicht beteiligte, strenggehaltenen
Offiziersbuben, verpimpelte Muttersöhnchen oder
ungesellige Einspänner, die ihre eigenen Wege
wandelten. Galt den Primanern die Sauf- und Paukfreiheit
des Universitätsstudenten als höchster
Lebensinhalt, so war es der Ehrgeiz der Sekundaner, es
baldmöglichst den Primanern gleichzutun. Hätten
sie etwa vorher Tee trinken und Rosenkränze beten
sollen? Oder hätten sie lieber, wie Heinrich
Hansjakob von sich erzählt, lieber mit Soldaten und
Handwerksgesellen in den Kneipen herumziehen sollen?
Waren diese durch studentische Tradition geregelten, von
der Poesie der Kommerslieder umwobenen Ausmärsche in
den Jahren, wo der Trieb zur Geselligkeit und
Freundschaft, das Geltungsbedürfnis und der
Grössenwahn der Jugend nach Betätigung
drängt, nicht besser als die Dinge, die sich sonst
zu entwickeln pflegen? Hält man sich
gegenwärtig, dass es vor fünfzig Jahren, keinen
Sport, keine Wanderbewegung, kurz nichts gab, was dem
Bewegungsdrang und der Krafthuberei der Jugend entsprach,
und dass für geistigere Genüsse, Pflege von
Musik, Kunst, Literatur, bei den jungen Leuten, die aus
Bauerndörfern kamen und ausser dem Kalender kein
Buch zu Hause fanden, jede Voraussetzung fehlte, so
fällt auch jeder Grund weg, sich über die
Schülerverbindungen moralisch zu entrüsten.
Gewiss, die Pädagogik war im Recht, wenn sie sie
unterdrückte - aber das Leben nahm sich sein Recht,
wenn es sich über alle Verbote wegsetzte.
Das
Schuljahr ging zu Ende. Ich hatte mir jetzt durch die
Versetzung das Recht zum Einjährigen
Militärdienst errungen, und war damit in die
höheren Regionen der Gesellschaft aufgestiegen. Da
sonst nichts Nachteiliges über mich bekannt geworden
war, trug auch der Vater der Lage Rechnung. Ich durfte
mit ihm eine Reise um den Schwarzwald herum machen, auf
der ich nicht nur viel Schönes sah, sondern auch
Freunden und Verwandten vorgezeigt wurde. Die
Eindrücke von der Schwarzwaldreise brauche ich nicht
zu schildern. Wir sahen uns Triberg und die
Wasserfälle an, machten in Villingen bei Freund
Stassen die erste Rast und fuhren am nächsten Tag
weiter. In Singen wurde die Fahrt unterbrochen, um den
Hohentwiel zu besteigen. Ich war selig, als ich zum
ersten Mal den Bodensee in weiter Ferne erblickte. Von
Konstanz ist mir nur die Hafengegend, der Saal des
Konziliengebäudes und der Hussenstein in Erinnerung
geblieben. Wenn mir mein Vater jemals geschichtlichen
Anschauungsunterricht geben wollte, so hat seinen Zweck
bei diesem Gang zum Hussenstein erreicht.
Von
dem weiteren Verlauf der Reise sind mir nur noch ein paar
Erinnerungen an die bemalten Häuser von Schaffhausen
und an den Rheinfall geblieben. Dass wir in Freiburg,
Mahlberg und Grafenhausen waren, weiss ich nur aus meines
Vaters Bericht. Wenn mir die erwähnten Einzelheiten
besonders deutlich vor Augen stehen, so habe ich das den
Bleistiftskizzen zu verdanken, die ich an Ort und Stelle
zeichnete. Auch die Eindrücke von den Bahn- und
Dampferfahrten müssen in den ersten Jahren sehr
lebendig gewesen sein, denn die Reise war für mich
ein unerhörtes Erlebnis.
*)
Vom jungen Waldarbeiter auf der Badenerhöh zum
Abiturienten in Sasbach. Erinnerungen eines
Altsasbachers. Mit 12 Bildern. Karlsruhe 1926 (Verf.
Prälat Schofer).