Zwanzigstes Kapitel.

Sechs Jahre Volksschule.

 

Ich hoffe, man wird es mir nicht als Missachtung der Schule auslegen, wenn ich allen anderen Erziehungsmächten, die auf mich eingewirkt haben, den Vortritt gelassen habe. Es ist auch nicht so gemeint, als hätte ich bei der so vielseitigen häuslichen Anregung die Schule entbehren können. Was ich dort lernte und was man in jeder Art von Schule lernt, betraf nicht so sehr den Lehrstoff und das schulmässige Wissen - das hätte ich mir ebenso gut zu Hause aneignen können - als die Planmässigkeit und Gebundenheit des Arbeitens, den Zwang zur Erledigung bestimmter Aufgaben, die Einordnung in eine grössere Gemeinschaft und die Unterordnung unter einen für alle massgebenden Willen: Dinge, die man im Jahrhundert des Kindes als unerhörte Vergewaltigung betrachtet hat, auf die man aber jetzt wieder etwas mehr Wert zu legen beginnt.

Es war schade, dass ich auf dem Ruska'schen Erbhof draussen vor der Stadt so gut wie keine Kameraden fand. Weit und breit gab es keine Buben von gleichem Alter, und mit Mädels zu spielen war doch nicht standesgemäss. Die einzige junge Dame in der Nachbarschaft, die Tochter des Dr. Kaiser, schien ihrerseits der gleichen Ansicht zu sein. Sie betrachtete mich mit hochnäsiger Herablassung. Dass mein Vater ein Lehrer war, bedeutete auch keine Verkehrerleichterung. Dieser Beruf hat es nun einmal so an sich, dass Schulbuben Hemmungen haben, wenn sie den Lehrer wittern. So kam es mehr darauf an, dass wir unsererseits Freunde fanden, die nicht zu weit weg wohnten, und bei denen wir jederzeit willkommene Gäste waren.

Da ich mir die Kenntnisse der ersten Klasse zu Hause angeeignet hatte, wollte mich der Vater gleich in die zweite Klasse setzen. Aber auch die Zweitklässler imponierten mir nicht; ich erklärte meiner Mutter, dass das Ignoranten seien, und so kam ich mit sechs Jahren gleich in die dritte Volksschulklasse. Ich sass also dauernd mit zwei bis drei Jahre älteren Schülern zusammen und absolvierte die Schule mit zwölf statt mit vierzehn Jahren. Der Vorsprung kam mir auch für das Gymnasium und das Fachstudium zu gut; ob die Jugendlichkeit immer ein Vorteil war, wollen wir uns später fragen.

Es muss ein erhabenes Gefühl gewesen sein, zum ersten Mal mit Ranzen und Schiefertafel zum Schulhaus zu marschieren und in dem Gewimmel unterzutauchen, das die Treppen, Gänge und Schulzimmer bevölkerte. Und doch ist es mir bei aller Anstrengung nicht möglich, aus den ersten Jahren meines Schulbesuchs auch nur einen Schatten vom Inhalt des Unterrichts oder von Schulbubenstreichen heraufzubeschwören. Da kam eines Tags ein fremder Bub in die fünfte Klasse hereingeschneit, der ganz anders war als der Bühler Durchschnitt und mit Misstrauen betrachtet, bald das Opfer von Neckereien und übleren Dingen wurde. Er hiess Max Krieg; niemand wusste, wo er eigentlich zu Hause war und es hiess, dass er in Freiburg geboren und in Stockach auf die Welt gekommen sei. Er war von seinen Grosseltern, dem alten Physikus Krieg und der Bühler Grossmutter an Kindesstatt aufgenommen worden, nachdem er beide Eltern verloren hatte. Von untersetzter Gestalt, mit einem mächtigen Schädel, krausem Haar und kühner Nase, schon in jungen Jahren nervös reizbar und mit ausgesprochener Neigung zur Phantasterei, geriet der Arme bald unter den Einfluss eines bösartigen Schlingels, dessen Befehlen und Quälereien er sich willenlos fügte. Es war ein Glück, dass diese Hörigkeit infolge Wegzugs des Tyrannen - ich glaube, er war ein Halbfranzose - ein Ende nahm. Ob der gemeinsame Schulweg oder die Zeichenstunden, die Max bei meinem Vater nahm, unsere Freundschaft anbahnten, weiss ich nicht mehr, jedenfalls war ich bald häufiger bei ihm im Hause als er bei uns. Es lag etwas wie Märchenduft über der grosselterlichen Wohnung, auch wenn es vielleicht nur der muffige Geruch von alten Möbeln, Tabak und Apotheke war. Ich fühlte mich glücklich, wenn ich mich in Maxens Bücher vertiefen konnte, aber wir machten auch Hof und Scheune unsicher, wenn die Nachmittage zum Spielen verlockten, zumal auch noch ein Rudel von Nichten mit ihren Eltern den unteren Stock bewohnten.

Vom Hause Krieg liefen auch Fäden zu Bäcker Peters Kindern hinüber, doch war die Nachbarschaft unserer Gärten und die Freundschaft meiner Mutter mit der jungen, anmutigen Frau Peter wohl der erste Anstoss zu gemeinsamen Spielen. In dem Holzspeicher, der mit seinem krummen Dach heute noch steht, pflegten wir die Waffen für unsere Heldenkämpfe zu holen. Der Obstgarten diente als Kampf- und Rennplatz. Besonders gern brachten wir aber die Sonntagnachmittage im Hause Peter zu. Hier hatten wir Gelegenheit, feierliche Gottesdienste abzuhalten. Peters Karl besass als Messdiener eine Ausrüstung mit allem kirchlichem Gerät, Leuchtern und Kerzen, Messbuch, Kelch und Rauchfass. Als Altar wurde die Kommode benutzt, als Orgel ein Kinderklavier, das eine Oktave umspannte. Max verstand sich am besten auf das Messelesen; er war ohnehin für den geistlichen Stand bestimmt und hatte sich auch schon lateinische Kenntnisse erworben. Mir übertrug man das Orgelspiel; ich zweifle nicht, dass es allen Anforderungen entsprochen hat.

Doch zurück zum Schulbesuch. Während ich noch in den mittleren Klassen sass, war ein gewisser Mammert erster Hauptlehrer. Ein Unhold, der die Schüler in den Oberklassen unbarmherzig misshandelte und blutig schlug. Ich lebte in Todesangst als die Zeit näher kam, wo auch ich dem Scheusal ausgeliefert werden musste. Meine Mutter tröstete mich, so gut es ging, vielleicht sagte sie mir auch, bis ich in die oberen Klassen käme, wäre der Mann nicht mehr da. Er wurde auch tatsächlich versetzt, weil er sich in Bühl nicht nur durch seine Pädagogik, sondern noch mehr durch moralische Lumpereien unmöglich gemacht hatte. Seinem Nachfolger, dem Hauptlehrer Gottlieb Dühmig, ging ein besserer Ruf voraus. Auch er war wie Dammert ein fanatischer Parteigänger des Zentrums, aber mein Vater achtete ihn wegen seiner tüchtigen Leistungen, und auch ich habe ihn in guter Erinnerung.

Dühmig war ein hochgewachsener Mann, fast einen Kopf grösser als mein Vater, mit langem dunklem Haar und schwarzem Bart, bleichem Gesicht mit Adlernase, energisch in jeder Bewegung und streng in seinen Anforderungen. Auch liess er es nicht an Hieben fehlen; wir waren natürlich überzeugt, dass das nach Gottes Weltordnung so sein müsse, und die Besseren unter uns beruhigten sich, als nur die notorischen Faulpelze und die unverbesserlichen Dummköpfe ihre Prügel bekamen. Ich könnte jene armen Teufel noch alle mit Namen nennen, die Tag für Tag dem Unvermeidlichen entgegensahen und die Hiebe je nach Charakter mit Heulen und Winseln oder mit stoischem Gleichmut über sich ergehen liessen. Wegen mangelhafter Aufmerksamkeit habe auch ich bisweilen die Hände hinhalten müssen, und ich leugne nicht, dass Tatzen geeignet sind, moralische Gebrechen zu heilen. Warum aber hoffnungslose Idioten zu ihrer Dummheit auch noch Prügel bekommen mussten, wollte mir schon damals nicht recht einleuchten.

Was ich nun in den Oberklassen der "erweiterten Volksschule" im Einzelnen gelernt habe, kann ich nicht einmal mit Hilfe des pompösen Abgangszeugnisses feststellen, das man mir auf den Weg nach Rastatt mitgegeben hat. Das zentrale Fach war ohne Frage der deutsche Unterricht, wofür nicht weniger als vier Noten vorgesehen waren. Sicherlich war es für mich kein Kunststück im Lesen, Aufsatz, Orthographie und Sprachlehre zu leisten, was verlangt wurde, und ich wurde in allen diesen Fächern mit "sehr gut" zensiert. Das gleiche Lob wurde meinen Leistungen in Geschichte und Geographie, selbstverständlich auch in Religion gespendet. Warum ich es ausgerechnet in Naturgeschichte und Naturlehre nur auf "gut" brachte, ist mir nicht klar, und dass auch Rechnen und Geometrie nicht besser beurteilt wurden, war, finde ich heute, wahrhaft beschämend. Der Mangel wurde durch die Extraleistungen in fremden Sprachen wettgemacht, und ich bin gewiss, dass niemals ein anderer Volksschüler ein Zeugnis bekommen hatte, in dem ihm für Französisch, Latein und Griechisch die Note "sehr gut" zuerkannt wurde.

Die "erweiterte" Volksschule unterschied sich von einer gewöhnlichen hauptsächlich durch die Zugabe einiger französischen Stunden in den Oberklassen, und selbst diese waren nur für die Herren der Schöpfung bestimmt. Vielleicht waren auch die sogenannten Realien etwas besser mit Stunden bedacht. Ich glaube, dass dieser Unterricht von dem Hauptlehrer Jutz erteilt wurde, während Dühmig die Philologie vertrat und uns nach dem Plötz in die Geheimnisse des Französischen einführte. Für Freiwillige gab er auch noch englischen Unterricht; das konnte er umso leichter, als er sich einige Jahre in den Vereinigten Staaten aufgehalten hatte, und niemand in Bühl zu beurteilen in der Lage war, ob wir Londoner oder American English lernten. In meinem Zeugnis steht keine Note für dieses Fach, vielleicht hatte ich das Englische aufgegeben, als ich mit dem Griechischen anfangen musste.

Die Lateinstunden bei Pfarrverweser Hund werden wohl im Winter 1876/77 begonnen haben. Mein Freund Max, der zwei Jahre älter war, hatte schon vorher Unterricht erhalten, auch ging er zu einem französischen Sprachlehrer Derouc, der neben dem Uhrmacher Schätzle wohnte, um sich nach einem Buch von Ahn unterrichten zu lassen. Der Grossvater hatte offenbar einen wohl überlegten Plan und schickte den Enkel schon im Spätjahr 1878 nach Rastatt. Meine Eltern trugen mit Recht Bedenken, mich schon mit elfeinhalb Jahren wegzugeben, und so musste ich, wenn ich nicht freiwillig eine Klasse hinter Max zurückbleiben wollte, auch griechische Stunden erhalten.

Welche besonderen Absichten mein Vater mit mir hatte, ist schwer zu sagen, zunächst gewiss keine andere, als mir durch den Besuch des Gymnasiums den Weg zu einem sogenannten höheren Besuch zu öffnen. Da meine Veranlagung weder nach der technischen, noch nach der militärischen Seite ging, war das Gymnasium die gegebene Schule; andere gab es ohnehin nicht. Es würde sich später schon zeigen, nach welcher Richtung meine Neigungen gingen. Von dem Lehrgang eines Gymnasiums hatte er ebensowenig eine Ahnung als von dem, was die "Herren Studenten" in Rastatt ausserhalb der planmässigen Stunden zu treiben pflegten. Dass man auf der Universität nicht nur studieren, sondern auch saufen und bummeln konnte, war ihm aus einer genügenden Zahl von Beispielen bekannt, aber einstweilen lag diese Gefahr noch in weiter Ferne, und mein Vater hätte ihr sicher rechtzeitig zu begegnen gewusst.

Für mich bedeutete es eine Auszeichnung und eine neue Seligkeit, als ich mit dem Ostermann für Sexta und einer lateinischen Grammatik bewaffnet, die Stunden bei dem vergötterten Pfarrverweser beginnen durfte. Die Zeit war noch nicht angebrochen, wo man die alten Sprachen als das schlimmste Hindernis für die Entwicklung des Geistes und das Gymnasium als den geschworenen Feind jeder menschenwürdigen Bildung verunglimpfen konnte. Jedermann wusste, dass man nur durch den langjährigen, Opfer an Geld und Zeit fordernden Besuch von Gymnasium und Universität zu der Stellung eines Pfarrers, eines Arztes, eines Oberamtmannes oder gar eines Professors gelangte, und es waren immer nur wenige Familien in einer kleinen Stadt, reiche Kaufleute oder die wenigen Angehörigen der akademischen Berufe, die ihre Söhne oder wenigstens den einen und anderen studieren liessen.

Wenn ich die Beanspruchung in der Schule kaum spürte und mir wegen mangelnder Aufmerksamkeit manchen Tadel zuzog, so forderten die Lateinstunden von Anfang an erheblichen Fleiss und grösste Konzentration. Hier gab es kein Ausweichen, wenn ich deklinieren und konjugieren oder Sätze mündlich und schriftlich übersetzen musste. Es war gewiss keine kleine Aufgabe, mir in etwa zweieinhalb Jahren das ganze Gymnasialpensum bis zur Obertertia beizubringen. Ich bekam zwei, höchstens drei Stunden in der Woche, und mein Lehrer musste scharfe Anforderungen stellen, um das Ziel zu erreichen. Wäre ich den normalen Weg gegangen, so hätte ich drei Jahre lang 9 und ein Jahr 8 Wochenstunden Lateinunterricht gehabt. Wie ich es eigentlich geschafft habe, davon habe ich keine Vorstellung mehr; wenn ich aber jemals in jungen Jahren ganz und gar auf mich selber, auf meine eigene Willenskraft und Gewissenhaftigkeit angewiesen war, so ist es in dieser Zeit der Vorbereitung gewesen. Durch das Übersetzen der Übungsstücke erwarb ich mir nicht nur die nötige sprachliche Sicherheit für künftige Stilübungen, sondern lernte auch manche Episode aus der römischen und griechischen Geschichte kennen. Ich erfuhr die Namen von griechischen und römischen Staatsmännern, Feldherren, Konsuln und Kaisern, ich übersetzte Stücke, die von den Perserkriegen, von den Zügen Hannibals, von der Eroberung Galliens, vielleicht auch von den alten Germanen handelten. Wenn das auch alles noch unverbunden nebeneinanderstand, eine Ahnung von der weltgeschichtlichen Bedeutung der Griechen und Römer dämmerte mir doch auf, ich begriff oder fing wenigstens an zu begreifen, warum man Latein lernen musste.

Mit der Lektüre des Cornelius Nepos trat ich aus den Vorhöfen in den Tempel des klassischen Altertums. Durch die Lebensbilder des Miltiades, Temistokles, Aristides, Epaminondas traten einzelne Gestalten und geschichtliche Epochen greifbar deutlich in meinen Gesichtskreis. War es auch noch wenig genug, was ich, vom rein Sprachlichen abgesehen, auf das Gymnasium mitbrachte, so reichte es doch aus, um mit meinen künftigen Kameraden in Wettbewerb zu treten.

Während der Universitätsferien hatte der Pfarrverweser öfters Studenten im Haus, die dann die Lateinstunden für ihn übernahmen. Ich kann nicht sagen, dass die Herren mir sehr angenehm waren. Lieber ging ich zu einem Bühler Studiosus, der bei seiner Mutter, der Frau Kupferschmied Mayer, in der Unterstadt wohnte. Meine Eltern standen mit der lieben alten Dame seit Jahren in freundschaftlichem Verkehr. Ihr ältester Sohn Julius hatte 1877 in Rastatt das Gymnasium absolviert und stand in den ersten Semestern des theologischen Studiums. Er war damals ein stolzer Jüngling mit wohlgepflegtem blonden Backenbart. Als er in die höheren Semester kam, musste er diesen Schmuck der Kirche opfern, dafür ist er aber auch nächst Alban Stolz der berühmteste Sohn seiner Vaterstadt geworden. Er folgte diesem auf dem Freiburger Lehrstuhl für Pastoral-Theologie und hat auch seinem grossen Vorgänger ein biographisches Denkmal gesetzt.

Diesem meinem zeitweiligen Lehrer verdankte ich u.a. auch die erste Einführung in die homerische Welt. Er schenkte mir ein mit anmutigen Bildern geziertes Büchlein, das die Irrfahrten des Odysseus in Prosa erzählte. Von den Holzschnitte, die den Text begleiteten, habe ich die meisten noch in klarer Erinnerung. Die immer wiederholte Lektüre des Bändchens hat mir eine gründliche Einführung in den homerischen Sagenkreis vermittelt; die hölzerne Übersetzung des alten Voss zu lesen, habe ich selbst dann nicht fertig gebracht, als die mir zur Erleichterung der Vorbereitung bei der Homerlektüre hätte dienen können.

Als ich Ostern 1878 in die achte Klasse aufrückte, bekam die Schule allerhand auswärtigen Zuwachs. Es hatte sich offenbar herumgesprochen, dass sich in Bühl eine Art Akademie der Wissenschaften zu entwickeln begann, und so wurden auch von Altschweier, Eisenthal und Vimbuch bildungsbeflissene Söhne und Töchter höherer Stände dieser Zentrale zugeführt. Mattenmüllers Liese und Meiers Grete, der Huber Franz, der Schäferle, Traubenwirts Philipp und der Sohn des regierenden Bürgermeisters von Bimbuch. Die Buben erhielten, soweit sie nach höheren Zielen strebten, auch noch Lateinunterricht, warum die Mädchen kamen, ist mir nicht mehr gegenwärtig.

Im Spätjahr 1878 trat Freund Max den Weg nach Rastatt an. Er wurde in die Untertertia aufgenommen und erwarb sich durch seine literarischen Leistungen bald unbestrittene Anerkennung. In den Weihnachtsferien sah ich ihn zum ersten Mal wieder, geheimnisvoll gereift und erfüllt von unerhörten Erlebnissen. Ich hatte das Gefühl, dass er mir unendlich überlegen war, da er mit grossen Studenten, das heisst mit Primanern, im gleichen Hause wohnte. Auch ich sollte später in diese Gemeinschaft aufgenommen werden, doch vorerst waren mir die griechischen Bücher wichtiger, die mir Max mitbrachte. Ich konnte es kaum abwarten, bis die Stunden beim Pfarrverweser begannen. Die Buchstaben hatte ich mir schon vorher aus einem Vokabular zum Cornelius Nepos zusammengestellt. Jetzt ging es mit brennendem Eifer an das Deklinieren und Wörter lernen, und als ich Ostern 1879 die Schule verliess, beherrschte ich beides. nach allen Richten der Windrose. Ich war eitel genug, die griechischen Hefte mit den Konjugationstabellen und Übersetzungen in rosenrotes und schwefelgelbes Glanzpapier einzubinden und meine Namen in griechischen Buchstaben obendrauf zu setzen. Es hat aber noch manchen Schweisstropfen gekostet, um bis September das vorgesetzte Ziel zu erreichen.

Der Abgang von der Schule wurde nach Erledigung der öffentlichen Prüfungen zum ersten Mal auch noch durch einen sogenannten Schlussakt gekrönt, bei dem die hohen Würdenträger der Stadt, Bürgermeister, Gemeinderäte und Ortsschulkomission nebst dero Gemahlinnen als Ehrengäste eingeladen waren. Es musste doch einmal der ganzen Bürgerschaft und umliegenden Ortschaften vor Augen geführt werden, zu welchen grossartigen Leistungen die Schule befähigt war. Der alte Rathaussaal fasste kaum die Menge. Schülerchöre wechselten mit dem Vortrag von Gedichten, und als die Spannung den höchsten Grad erreicht hatte, betrat ich selbst die Bretter und begann also lateinisch zu reden:

Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris

Italiam fato profugus Laviniaque venit

Litora, multum ille et terris iactatus et also

Vi superum saevae memorem Iunonis ob iram, ...

Begeisterter Beifall lohnte den zeitgemässigen Vortrag. Selbst ein Seiltänzer, der in der Luft Purzelbäume schlug, hätte keine begründeteren Anspruch auf öffentliche Anerkennung geltend machen können. Ich aber verneigte mich tief, nachdem ich die dreissig Hexameter von mir gegeben hatte, die mir Julius Mayer einpauken musste, und verliess, von Zentnerlast befreit, den Schauplatz der Ehren. Ich hatte nur noch eine grosse Bretzel und das schon erwähnte Zeugnis in Empfang zu nehmen, dann war ich von der Schule frei. Es blieb noch ein halbes Jahr, das ich ausschliesslich zur Vorbereitung auf die Rastatter Prüfung verwenden konnte.

Die Kinderzeit lag jetzt hinter mir. Alles wies auf die Zukunft, auf neue, weder mir noch den Eltern klare Entwicklungen. Ich sah nur Licht und Freude vor mir und ging den Dingen mit Gottvertrauen und kindlicher Zuversicht entgegen. Mein Vater, meine Mutter war vielleicht weniger sicher. Sie hatten mein Schicksal nicht mehr in der Hand, sie konnten mich weder warnen noch bewahren, wenn mich nicht die Stimme des Gewissens warnte, wenn nicht mein gesunder Sinn für das Rechte mich bewahrte. So wollten sie mir wenigstens eine Gabe mit auf den Weg geben, die mich überall hinbegleiten und an ihre Liebe und Sorge erinnern konnte. Ich erhielt ein Tagebuch, ein fingerdickes, gründgebundenes Schreibhaft, in das ich meine Erlebnisse eintragen sollte. Das erste Blatt war freigelassen, hier schrieb ich die Geburtstage der Eltern und Geschwister ein. Auf das zweite hatte meine Mutter ein Abschiedsgedicht geschrieben, das mich ihrer unauslöschlichen Liebe und ihres mütterlichen Segens auf allen meinen Wegen versicherte. Die nächsten Blätter waren mit der markanten Schrift meines Vaters bedeckt und gaben mir Grundsätze und Mahnungen mit, die den ganzen Ernst seiner Lebensauffassung widerspiegelten. Für Tagebucheinträge war ich noch zu jung, sie kamen bald zum Stillstand, um erst in der Prima zu wirklichem Leben zu erwachen. Auch als Student und in den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit habe ich, bald mehr bald weniger eifrig, Tagebuch geführt. Besässe ich das Buch heute noch, so würden die Einträge meiner Eltern dieses Kapitel schliessen. Ich habe das Buch vernichtet, als ich im Alter von 47 Jahren, in einem Zustand hoffnungsloser Verzweiflung, die Spuren meines Lebens auszulöschen versuchte.


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© Julius Ruska 1937