Ich
hoffe, man wird es mir nicht als Missachtung der Schule
auslegen, wenn ich allen anderen Erziehungsmächten,
die auf mich eingewirkt haben, den Vortritt gelassen
habe. Es ist auch nicht so gemeint, als hätte ich
bei der so vielseitigen häuslichen Anregung die
Schule entbehren können. Was ich dort lernte und was
man in jeder Art von Schule lernt, betraf nicht so sehr
den Lehrstoff und das schulmässige Wissen - das
hätte ich mir ebenso gut zu Hause aneignen
können - als die Planmässigkeit und
Gebundenheit des Arbeitens, den Zwang zur Erledigung
bestimmter Aufgaben, die Einordnung in eine grössere
Gemeinschaft und die Unterordnung unter einen für
alle massgebenden Willen: Dinge, die man im Jahrhundert
des Kindes als unerhörte Vergewaltigung betrachtet
hat, auf die man aber jetzt wieder etwas mehr Wert zu
legen beginnt.
Es war
schade, dass ich auf dem Ruska'schen Erbhof draussen vor
der Stadt so gut wie keine Kameraden fand. Weit und breit
gab es keine Buben von gleichem Alter, und mit
Mädels zu spielen war doch nicht standesgemäss.
Die einzige junge Dame in der Nachbarschaft, die Tochter
des Dr. Kaiser, schien ihrerseits der gleichen Ansicht zu
sein. Sie betrachtete mich mit hochnäsiger
Herablassung. Dass mein Vater ein Lehrer war, bedeutete
auch keine Verkehrerleichterung. Dieser Beruf hat es nun
einmal so an sich, dass Schulbuben Hemmungen haben, wenn
sie den Lehrer wittern. So kam es mehr darauf an, dass
wir unsererseits Freunde fanden, die nicht zu weit weg
wohnten, und bei denen wir jederzeit willkommene
Gäste waren.
Da ich
mir die Kenntnisse der ersten Klasse zu Hause angeeignet
hatte, wollte mich der Vater gleich in die zweite Klasse
setzen. Aber auch die Zweitklässler imponierten mir
nicht; ich erklärte meiner Mutter, dass das
Ignoranten seien, und so kam ich mit sechs Jahren gleich
in die dritte Volksschulklasse. Ich sass also dauernd mit
zwei bis drei Jahre älteren Schülern zusammen
und absolvierte die Schule mit zwölf statt mit
vierzehn Jahren. Der Vorsprung kam mir auch für das
Gymnasium und das Fachstudium zu gut; ob die
Jugendlichkeit immer ein Vorteil war, wollen wir uns
später fragen.
Es muss
ein erhabenes Gefühl gewesen sein, zum ersten Mal
mit Ranzen und Schiefertafel zum Schulhaus zu marschieren
und in dem Gewimmel unterzutauchen, das die Treppen,
Gänge und Schulzimmer bevölkerte. Und doch ist
es mir bei aller Anstrengung nicht möglich, aus den
ersten Jahren meines Schulbesuchs auch nur einen Schatten
vom Inhalt des Unterrichts oder von Schulbubenstreichen
heraufzubeschwören. Da kam eines Tags ein fremder
Bub in die fünfte Klasse hereingeschneit, der ganz
anders war als der Bühler Durchschnitt und mit
Misstrauen betrachtet, bald das Opfer von Neckereien und
übleren Dingen wurde. Er hiess Max Krieg; niemand
wusste, wo er eigentlich zu Hause war und es hiess, dass
er in Freiburg geboren und in Stockach auf die Welt
gekommen sei. Er war von seinen Grosseltern, dem alten
Physikus Krieg und der Bühler Grossmutter an
Kindesstatt aufgenommen worden, nachdem er beide Eltern
verloren hatte. Von untersetzter Gestalt, mit einem
mächtigen Schädel, krausem Haar und kühner
Nase, schon in jungen Jahren nervös reizbar und mit
ausgesprochener Neigung zur Phantasterei, geriet der Arme
bald unter den Einfluss eines bösartigen Schlingels,
dessen Befehlen und Quälereien er sich willenlos
fügte. Es war ein Glück, dass diese
Hörigkeit infolge Wegzugs des Tyrannen - ich glaube,
er war ein Halbfranzose - ein Ende nahm. Ob der
gemeinsame Schulweg oder die Zeichenstunden, die Max bei
meinem Vater nahm, unsere Freundschaft anbahnten, weiss
ich nicht mehr, jedenfalls war ich bald häufiger bei
ihm im Hause als er bei uns. Es lag etwas wie
Märchenduft über der grosselterlichen Wohnung,
auch wenn es vielleicht nur der muffige Geruch von alten
Möbeln, Tabak und Apotheke war. Ich fühlte mich
glücklich, wenn ich mich in Maxens Bücher
vertiefen konnte, aber wir machten auch Hof und Scheune
unsicher, wenn die Nachmittage zum Spielen verlockten,
zumal auch noch ein Rudel von Nichten mit ihren Eltern
den unteren Stock bewohnten.
Vom
Hause Krieg liefen auch Fäden zu Bäcker Peters
Kindern hinüber, doch war die Nachbarschaft unserer
Gärten und die Freundschaft meiner Mutter mit der
jungen, anmutigen Frau Peter wohl der erste Anstoss zu
gemeinsamen Spielen. In dem Holzspeicher, der mit seinem
krummen Dach heute noch steht, pflegten wir die Waffen
für unsere Heldenkämpfe zu holen. Der
Obstgarten diente als Kampf- und Rennplatz. Besonders
gern brachten wir aber die Sonntagnachmittage im Hause
Peter zu. Hier hatten wir Gelegenheit, feierliche
Gottesdienste abzuhalten. Peters Karl besass als
Messdiener eine Ausrüstung mit allem kirchlichem
Gerät, Leuchtern und Kerzen, Messbuch, Kelch und
Rauchfass. Als Altar wurde die Kommode benutzt, als Orgel
ein Kinderklavier, das eine Oktave umspannte. Max
verstand sich am besten auf das Messelesen; er war
ohnehin für den geistlichen Stand bestimmt und hatte
sich auch schon lateinische Kenntnisse erworben. Mir
übertrug man das Orgelspiel; ich zweifle nicht, dass
es allen Anforderungen entsprochen hat.
Doch
zurück zum Schulbesuch. Während ich noch in den
mittleren Klassen sass, war ein gewisser Mammert erster
Hauptlehrer. Ein Unhold, der die Schüler in den
Oberklassen unbarmherzig misshandelte und blutig schlug.
Ich lebte in Todesangst als die Zeit näher kam, wo
auch ich dem Scheusal ausgeliefert werden musste. Meine
Mutter tröstete mich, so gut es ging, vielleicht
sagte sie mir auch, bis ich in die oberen Klassen
käme, wäre der Mann nicht mehr da. Er wurde
auch tatsächlich versetzt, weil er sich in Bühl
nicht nur durch seine Pädagogik, sondern noch mehr
durch moralische Lumpereien unmöglich gemacht hatte.
Seinem Nachfolger, dem Hauptlehrer Gottlieb Dühmig,
ging ein besserer Ruf voraus. Auch er war wie Dammert ein
fanatischer Parteigänger des Zentrums, aber mein
Vater achtete ihn wegen seiner tüchtigen Leistungen,
und auch ich habe ihn in guter Erinnerung.
Dühmig
war ein hochgewachsener Mann, fast einen Kopf
grösser als mein Vater, mit langem dunklem Haar und
schwarzem Bart, bleichem Gesicht mit Adlernase, energisch
in jeder Bewegung und streng in seinen Anforderungen.
Auch liess er es nicht an Hieben fehlen; wir waren
natürlich überzeugt, dass das nach Gottes
Weltordnung so sein müsse, und die Besseren unter
uns beruhigten sich, als nur die notorischen Faulpelze
und die unverbesserlichen Dummköpfe ihre Prügel
bekamen. Ich könnte jene armen Teufel noch alle mit
Namen nennen, die Tag für Tag dem Unvermeidlichen
entgegensahen und die Hiebe je nach Charakter mit Heulen
und Winseln oder mit stoischem Gleichmut über sich
ergehen liessen. Wegen mangelhafter Aufmerksamkeit habe
auch ich bisweilen die Hände hinhalten müssen,
und ich leugne nicht, dass Tatzen geeignet sind,
moralische Gebrechen zu heilen. Warum aber hoffnungslose
Idioten zu ihrer Dummheit auch noch Prügel bekommen
mussten, wollte mir schon damals nicht recht einleuchten.
Was ich
nun in den Oberklassen der "erweiterten Volksschule" im
Einzelnen gelernt habe, kann ich nicht einmal mit Hilfe
des pompösen Abgangszeugnisses feststellen, das man
mir auf den Weg nach Rastatt mitgegeben hat. Das zentrale
Fach war ohne Frage der deutsche Unterricht, wofür
nicht weniger als vier Noten vorgesehen waren. Sicherlich
war es für mich kein Kunststück im Lesen,
Aufsatz, Orthographie und Sprachlehre zu leisten, was
verlangt wurde, und ich wurde in allen diesen
Fächern mit "sehr gut" zensiert. Das gleiche Lob
wurde meinen Leistungen in Geschichte und Geographie,
selbstverständlich auch in Religion gespendet. Warum
ich es ausgerechnet in Naturgeschichte und Naturlehre nur
auf "gut" brachte, ist mir nicht klar, und dass auch
Rechnen und Geometrie nicht besser beurteilt wurden, war,
finde ich heute, wahrhaft beschämend. Der Mangel
wurde durch die Extraleistungen in fremden Sprachen
wettgemacht, und ich bin gewiss, dass niemals ein anderer
Volksschüler ein Zeugnis bekommen hatte, in dem ihm
für Französisch, Latein und Griechisch die Note
"sehr gut" zuerkannt wurde.
Die
"erweiterte" Volksschule unterschied sich von einer
gewöhnlichen hauptsächlich durch die Zugabe
einiger französischen Stunden in den Oberklassen,
und selbst diese waren nur für die Herren der
Schöpfung bestimmt. Vielleicht waren auch die
sogenannten Realien etwas besser mit Stunden bedacht. Ich
glaube, dass dieser Unterricht von dem Hauptlehrer Jutz
erteilt wurde, während Dühmig die Philologie
vertrat und uns nach dem Plötz in die Geheimnisse
des Französischen einführte. Für
Freiwillige gab er auch noch englischen Unterricht; das
konnte er umso leichter, als er sich einige Jahre in den
Vereinigten Staaten aufgehalten hatte, und niemand in
Bühl zu beurteilen in der Lage war, ob wir Londoner
oder American English lernten. In meinem Zeugnis steht
keine Note für dieses Fach, vielleicht hatte ich das
Englische aufgegeben, als ich mit dem Griechischen
anfangen musste.
Die
Lateinstunden bei Pfarrverweser Hund werden wohl im
Winter 1876/77 begonnen haben. Mein Freund Max, der zwei
Jahre älter war, hatte schon vorher Unterricht
erhalten, auch ging er zu einem französischen
Sprachlehrer Derouc, der neben dem Uhrmacher
Schätzle wohnte, um sich nach einem Buch von Ahn
unterrichten zu lassen. Der Grossvater hatte offenbar
einen wohl überlegten Plan und schickte den Enkel
schon im Spätjahr 1878 nach Rastatt. Meine Eltern
trugen mit Recht Bedenken, mich schon mit elfeinhalb
Jahren wegzugeben, und so musste ich, wenn ich nicht
freiwillig eine Klasse hinter Max zurückbleiben
wollte, auch griechische Stunden erhalten.
Welche
besonderen Absichten mein Vater mit mir hatte, ist schwer
zu sagen, zunächst gewiss keine andere, als mir
durch den Besuch des Gymnasiums den Weg zu einem
sogenannten höheren Besuch zu öffnen. Da meine
Veranlagung weder nach der technischen, noch nach der
militärischen Seite ging, war das Gymnasium die
gegebene Schule; andere gab es ohnehin nicht. Es
würde sich später schon zeigen, nach welcher
Richtung meine Neigungen gingen. Von dem Lehrgang eines
Gymnasiums hatte er ebensowenig eine Ahnung als von dem,
was die "Herren Studenten" in Rastatt ausserhalb der
planmässigen Stunden zu treiben pflegten. Dass man
auf der Universität nicht nur studieren, sondern
auch saufen und bummeln konnte, war ihm aus einer
genügenden Zahl von Beispielen bekannt, aber
einstweilen lag diese Gefahr noch in weiter Ferne, und
mein Vater hätte ihr sicher rechtzeitig zu begegnen
gewusst.
Für
mich bedeutete es eine Auszeichnung und eine neue
Seligkeit, als ich mit dem Ostermann für Sexta und
einer lateinischen Grammatik bewaffnet, die Stunden bei
dem vergötterten Pfarrverweser beginnen durfte. Die
Zeit war noch nicht angebrochen, wo man die alten
Sprachen als das schlimmste Hindernis für die
Entwicklung des Geistes und das Gymnasium als den
geschworenen Feind jeder menschenwürdigen Bildung
verunglimpfen konnte. Jedermann wusste, dass man nur
durch den langjährigen, Opfer an Geld und Zeit
fordernden Besuch von Gymnasium und Universität zu
der Stellung eines Pfarrers, eines Arztes, eines
Oberamtmannes oder gar eines Professors gelangte, und es
waren immer nur wenige Familien in einer kleinen Stadt,
reiche Kaufleute oder die wenigen Angehörigen der
akademischen Berufe, die ihre Söhne oder wenigstens
den einen und anderen studieren liessen.
Wenn
ich die Beanspruchung in der Schule kaum spürte und
mir wegen mangelnder Aufmerksamkeit manchen Tadel zuzog,
so forderten die Lateinstunden von Anfang an erheblichen
Fleiss und grösste Konzentration. Hier gab es kein
Ausweichen, wenn ich deklinieren und konjugieren oder
Sätze mündlich und schriftlich übersetzen
musste. Es war gewiss keine kleine Aufgabe, mir in etwa
zweieinhalb Jahren das ganze Gymnasialpensum bis zur
Obertertia beizubringen. Ich bekam zwei, höchstens
drei Stunden in der Woche, und mein Lehrer musste scharfe
Anforderungen stellen, um das Ziel zu erreichen.
Wäre ich den normalen Weg gegangen, so hätte
ich drei Jahre lang 9 und ein Jahr 8 Wochenstunden
Lateinunterricht gehabt. Wie ich es eigentlich geschafft
habe, davon habe ich keine Vorstellung mehr; wenn ich
aber jemals in jungen Jahren ganz und gar auf mich
selber, auf meine eigene Willenskraft und
Gewissenhaftigkeit angewiesen war, so ist es in dieser
Zeit der Vorbereitung gewesen. Durch das Übersetzen
der Übungsstücke erwarb ich mir nicht nur die
nötige sprachliche Sicherheit für künftige
Stilübungen, sondern lernte auch manche Episode aus
der römischen und griechischen Geschichte kennen.
Ich erfuhr die Namen von griechischen und römischen
Staatsmännern, Feldherren, Konsuln und Kaisern, ich
übersetzte Stücke, die von den Perserkriegen,
von den Zügen Hannibals, von der Eroberung Galliens,
vielleicht auch von den alten Germanen handelten. Wenn
das auch alles noch unverbunden nebeneinanderstand, eine
Ahnung von der weltgeschichtlichen Bedeutung der Griechen
und Römer dämmerte mir doch auf, ich begriff
oder fing wenigstens an zu begreifen, warum man Latein
lernen musste.
Mit der
Lektüre des Cornelius Nepos trat ich aus den
Vorhöfen in den Tempel des klassischen Altertums.
Durch die Lebensbilder des Miltiades, Temistokles,
Aristides, Epaminondas traten einzelne Gestalten und
geschichtliche Epochen greifbar deutlich in meinen
Gesichtskreis. War es auch noch wenig genug, was ich, vom
rein Sprachlichen abgesehen, auf das Gymnasium
mitbrachte, so reichte es doch aus, um mit meinen
künftigen Kameraden in Wettbewerb zu treten.
Während
der Universitätsferien hatte der Pfarrverweser
öfters Studenten im Haus, die dann die Lateinstunden
für ihn übernahmen. Ich kann nicht sagen, dass
die Herren mir sehr angenehm waren. Lieber ging ich zu
einem Bühler Studiosus, der bei seiner Mutter, der
Frau Kupferschmied Mayer, in der Unterstadt wohnte. Meine
Eltern standen mit der lieben alten Dame seit Jahren in
freundschaftlichem Verkehr. Ihr ältester Sohn Julius
hatte 1877 in Rastatt das Gymnasium absolviert und stand
in den ersten Semestern des theologischen Studiums. Er
war damals ein stolzer Jüngling mit wohlgepflegtem
blonden Backenbart. Als er in die höheren Semester
kam, musste er diesen Schmuck der Kirche opfern,
dafür ist er aber auch nächst Alban Stolz der
berühmteste Sohn seiner Vaterstadt geworden. Er
folgte diesem auf dem Freiburger Lehrstuhl für
Pastoral-Theologie und hat auch seinem grossen
Vorgänger ein biographisches Denkmal
gesetzt.
Diesem
meinem zeitweiligen Lehrer verdankte ich u.a. auch die
erste Einführung in die homerische Welt. Er schenkte
mir ein mit anmutigen Bildern geziertes Büchlein,
das die Irrfahrten des Odysseus in Prosa erzählte.
Von den Holzschnitte, die den Text begleiteten, habe ich
die meisten noch in klarer Erinnerung. Die immer
wiederholte Lektüre des Bändchens hat mir eine
gründliche Einführung in den homerischen
Sagenkreis vermittelt; die hölzerne Übersetzung
des alten Voss zu lesen, habe ich selbst dann nicht
fertig gebracht, als die mir zur Erleichterung der
Vorbereitung bei der Homerlektüre hätte dienen
können.
Als ich
Ostern 1878 in die achte Klasse aufrückte, bekam die
Schule allerhand auswärtigen Zuwachs. Es hatte sich
offenbar herumgesprochen, dass sich in Bühl eine Art
Akademie der Wissenschaften zu entwickeln begann, und so
wurden auch von Altschweier, Eisenthal und Vimbuch
bildungsbeflissene Söhne und Töchter
höherer Stände dieser Zentrale zugeführt.
Mattenmüllers Liese und Meiers Grete, der Huber
Franz, der Schäferle, Traubenwirts Philipp und der
Sohn des regierenden Bürgermeisters von Bimbuch. Die
Buben erhielten, soweit sie nach höheren Zielen
strebten, auch noch Lateinunterricht, warum die
Mädchen kamen, ist mir nicht mehr
gegenwärtig.
Im
Spätjahr 1878 trat Freund Max den Weg nach Rastatt
an. Er wurde in die Untertertia aufgenommen und erwarb
sich durch seine literarischen Leistungen bald
unbestrittene Anerkennung. In den Weihnachtsferien sah
ich ihn zum ersten Mal wieder, geheimnisvoll gereift und
erfüllt von unerhörten Erlebnissen. Ich hatte
das Gefühl, dass er mir unendlich überlegen
war, da er mit grossen Studenten, das heisst mit
Primanern, im gleichen Hause wohnte. Auch ich sollte
später in diese Gemeinschaft aufgenommen werden,
doch vorerst waren mir die griechischen Bücher
wichtiger, die mir Max mitbrachte. Ich konnte es kaum
abwarten, bis die Stunden beim Pfarrverweser begannen.
Die Buchstaben hatte ich mir schon vorher aus einem
Vokabular zum Cornelius Nepos zusammengestellt. Jetzt
ging es mit brennendem Eifer an das Deklinieren und
Wörter lernen, und als ich Ostern 1879 die Schule
verliess, beherrschte ich beides. nach allen Richten der
Windrose. Ich war eitel genug, die griechischen Hefte mit
den Konjugationstabellen und Übersetzungen in
rosenrotes und schwefelgelbes Glanzpapier einzubinden und
meine Namen in griechischen Buchstaben obendrauf zu
setzen. Es hat aber noch manchen Schweisstropfen
gekostet, um bis September das vorgesetzte Ziel zu
erreichen.
Der
Abgang von der Schule wurde nach Erledigung der
öffentlichen Prüfungen zum ersten Mal auch noch
durch einen sogenannten Schlussakt gekrönt, bei dem
die hohen Würdenträger der Stadt,
Bürgermeister, Gemeinderäte und
Ortsschulkomission nebst dero Gemahlinnen als
Ehrengäste eingeladen waren. Es musste doch einmal
der ganzen Bürgerschaft und umliegenden Ortschaften
vor Augen geführt werden, zu welchen grossartigen
Leistungen die Schule befähigt war. Der alte
Rathaussaal fasste kaum die Menge. Schülerchöre
wechselten mit dem Vortrag von Gedichten, und als die
Spannung den höchsten Grad erreicht hatte, betrat
ich selbst die Bretter und begann also lateinisch zu
reden:
Arma
virumque cano, Troiae qui primus ab oris
Italiam
fato profugus Laviniaque venit
Litora,
multum ille et terris iactatus et also
Vi
superum saevae memorem Iunonis ob iram, ...
Begeisterter
Beifall lohnte den zeitgemässigen Vortrag. Selbst
ein Seiltänzer, der in der Luft Purzelbäume
schlug, hätte keine begründeteren Anspruch auf
öffentliche Anerkennung geltend machen können.
Ich aber verneigte mich tief, nachdem ich die dreissig
Hexameter von mir gegeben hatte, die mir Julius Mayer
einpauken musste, und verliess, von Zentnerlast befreit,
den Schauplatz der Ehren. Ich hatte nur noch eine grosse
Bretzel und das schon erwähnte Zeugnis in Empfang zu
nehmen, dann war ich von der Schule frei. Es blieb noch
ein halbes Jahr, das ich ausschliesslich zur Vorbereitung
auf die Rastatter Prüfung verwenden
konnte.
Die
Kinderzeit lag jetzt hinter mir. Alles wies auf die
Zukunft, auf neue, weder mir noch den Eltern klare
Entwicklungen. Ich sah nur Licht und Freude vor mir und
ging den Dingen mit Gottvertrauen und kindlicher
Zuversicht entgegen. Mein Vater, meine Mutter war
vielleicht weniger sicher. Sie hatten mein Schicksal
nicht mehr in der Hand, sie konnten mich weder warnen
noch bewahren, wenn mich nicht die Stimme des Gewissens
warnte, wenn nicht mein gesunder Sinn für das Rechte
mich bewahrte. So wollten sie mir wenigstens eine Gabe
mit auf den Weg geben, die mich überall hinbegleiten
und an ihre Liebe und Sorge erinnern konnte. Ich erhielt
ein Tagebuch, ein fingerdickes, gründgebundenes
Schreibhaft, in das ich meine Erlebnisse eintragen
sollte. Das erste Blatt war freigelassen, hier schrieb
ich die Geburtstage der Eltern und Geschwister ein. Auf
das zweite hatte meine Mutter ein Abschiedsgedicht
geschrieben, das mich ihrer unauslöschlichen Liebe
und ihres mütterlichen Segens auf allen meinen Wegen
versicherte. Die nächsten Blätter waren mit der
markanten Schrift meines Vaters bedeckt und gaben mir
Grundsätze und Mahnungen mit, die den ganzen Ernst
seiner Lebensauffassung widerspiegelten. Für
Tagebucheinträge war ich noch zu jung, sie kamen
bald zum Stillstand, um erst in der Prima zu wirklichem
Leben zu erwachen. Auch als Student und in den ersten
Jahren meiner Berufstätigkeit habe ich, bald mehr
bald weniger eifrig, Tagebuch geführt. Besässe
ich das Buch heute noch, so würden die Einträge
meiner Eltern dieses Kapitel schliessen. Ich habe das
Buch vernichtet, als ich im Alter von 47 Jahren, in einem
Zustand hoffnungsloser Verzweiflung, die Spuren meines
Lebens auszulöschen versuchte.