Den
Christennamen lernte ich zuerst durch das Christkind
kennen. Ich habe es an einem Weihnachtsabend, als wir
noch bei Stemmles wohnten, in all seinem Himmelsglanz
leibhaftig vor mir gesehen. Ein silbernes Glöcklein
hatte uns in die Stube gerufen, wo der Christbaum
brannte. Wir mussten dem Christkind die Lieder singen,
die wir gelernt hatten, ewig unvergessliche Lieder. Der
Vater sass am Klavier, die Mutter sang mit, damit wir
nicht vor Schreck und Staunen steckenblieben. Da stand es
in weisse Kleider und einen langen Schleier gehüllt,
und fragte mit himmlischer Stimme, ob wir auch brave
Kinder seien. Es hatte den strahlenden Christbaum mit
Lichtern, goldenen Nüssen, roten Äpfeln und
allerhand Zuckerwerk mitgebracht, aber auch eine Rute,
wenn wir unartig wären. Dann verschwand es, weil es
noch zu anderen Kindern musste. Ich sah es erst wieder,
als mein Bruder Otto drei Jahre alt war; da wusste ich
aber schon, dass das Sophile, unser Nachbarskind, in den
weissen Kleidern steckte.
Auch in
die Christmette bin ich einmal als kleiner Bub
mitgenommen worden. Es war bitter kalt, als wir am
dunklen Morgen durch den knirschenden Schnee zur Kirche
eilten. Aber wie herrlich war die Krippe in der von
Lichterglanz erhellten alten Kirche, mit Orgelklang,
Engelsgesang und Hirtenschalmeien! Im Himmel konnte es
nicht schöner sein.
Wie
viele Leute werden sich noch an die alte Pfarrkirche
erinnern? Wieviele leben noch, die den Bau der grossen
neuen Kirche mitangesehen haben. Das liegt jetzt schon
mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, und man kann
sich kaum vorstellen, dass der Platz in der Mitte der
Stadt einmal ganz anders aussah. Die alte Kirche reicht
mit ihrem hohen spätgotischen Chor viel näher
an die Hauptstrasse heran, als heute das Rathaus. Wenn
sie auch nicht mit dem Strassburger Münster
wetteifern konnte, so war sie doch stattlich genug
für kindliche Massstäbe. Im Sommer hatte die
Lehmännin an dem Kruzifix hinter dem Chor ihren
Obststand aufgeschlagen. An der Sakristei, wo man die
Messbuben aus- und eingehen sah, stand ein römischer
Meilenstein mit rätselhafter Inschrift. Im Innern
zogen die Barockaltäre mit ihren Säulen und
Heiligenstatuen den Blick auf sich, an den Wänden
die Beichtstühle, dunkelgestrichen und grün
verhängt, auf der Orgelbühne die Orgel mit
ihren silbernen Pfeifen. Von den grossen Kirchenfesten
ist mir aus den ersten Jahren des Kirchenbesuchs nicht
mehr viel in Erinnerung geblieben, nur das Heilige Grab,
mit seinen hundert in allen Farben leuchtenden Kugeln und
das ganze Trauergepräng der Karwoche steht mir
seltsam gespenstisch vor Augen. Den Sinn der Messe konnte
ich noch nicht fassen, doch darauf kam es auch nicht an.
Den süssen Weihrauchduft sog ich ebenso begierig ein
wie draussen die weltlichen Gerüche, den
Orgeltönen lauschte ich mit aller Andacht, der ein
träumerisches Kind fähig ist. Es wäre aber
gelogen, wenn ich mich als reinen Unschuldsengel
hinstellen wollte. Wir waren als Schulbuben im Chor
zusammengepfercht und haben dort manchen Unfug getrieben,
ganz besonders in der Maiandacht. Unter einem Glaskasten,
aus dem eine blau und goldene Madonna holdselig
herabblickte, war mein Lieblingsaufenthalt, aber andere
wussten den Platz auch zu schätzen, und so gab es
wohl Knüffe, bis der Messner mit Ohrfeigen Ruhe
schaffte.
In der
alten Kirche habe ich auch noch meine erste Beichte
abgelegt. Man hatte mir diese Bussübung so lange wie
möglich erspart, jedenfalls befand ich mich schon in
einer höheren Klasse der Volksschule und war meinen
Kameraden gegenüber ein Nachzügler. Ich hatte
ein Beichtbüchlein in die Hand bekommen, ein
dünnes Oktavheft, worin mit Alban Stolz'scher
Handgreiflichkeit die sieben Todsünden als Teufel
dargestellt waren, wie sie vom Menschen Besitz ergreifen,
wie sie bei der Beichte Reißaus nehmen. Andere
Teufel sah man damit beschäftigt, die in Sünden
Gestorbenen im Höllenfeuer zu schinden und zu
quälen. Ich sehe sie heute noch, die gehörnten,
spitzohrigen, kuhschwänzigen Scheusale. Die Bilder
haben meinem Kindergemüt einen schweren Stoss
versetzt; ich glaubte, die Füsse trügen mich
nicht zu dem Marterstuhl, wo ich meiner Sünde ledig
werden sollte. Ich hatte mir alle erdenkliche Mühe
gegeben, meine Laster und Verbrechen zusammenzubringen,
aber schliesslich hatte ich doch keine fremden
Götter angebetet oder den Sonntag entheiligt, ich
hatte nicht getötet und nicht falsches Zeugnis
gegeben, ich hatte nicht die Ehe gebrochen und nicht des
Nächsten Weib, Ochs oder Esel begehrt. Der
Beichtspiegel, nach dem ich mein Gewissen erforschen
sollte, war doch wohl mehr auf Erwachsene als auf Kinder
berechnet. So bekannte ich denn, was ich glaubte
verbrochen zu haben, tat Busse und rannte glückselig
nach Hause, um mir noch von Vater und Mutter Verzeihung
zu erbitten. Eine Zentnerlast war mir von der Seele
genommen, und nie strahlte der Himmel blauer als an
diesem Nachmittag.
Wann
der Grundstein zur neuen Kirche gelegt wurde, kann ich
nicht angeben, aber die letzten Baujahre, als die Mauern
und Säulen emporwuchsen und der schöne Turm der
Vollendung entgegenging, habe ich in lebhafter
Erinnerung. Die Hütten der Steinhauer standen auf
dem freien Platz neben der Schule, und wir bemühten
uns in den Spielpausen aufs eifrigste, durch die
Bretterzäune zu spähen, um zu erfahren, was
dahinter vorging. Zum Bauplatz hatte niemand Zutritt, ich
kam zum ersten Mal in die Kirche, als sie im Rohbau
fertiggestellt war und der Meister Flick das
Chorgewölbe mit goldenen Sternen auszuschmücken
begann.
Im
Sommer 1877 war der Bau vollendet und die
Inneneinrichtung fertiggestellt, so dass die Weihe vom
Bischof vollzogen werden konnte. Von den
umständlichen Zeremonien habe ich nichts gesehen,
bei der grossen Volksversammlung am Abend, als der
Erzbistumsverweser Lothar von Kübel seine Ansprache
hielt, und die Kirche in bengalischem Licht erstrahlte,
bin ich selbstverständlich zugegen gewesen. Der
Bischof stammte aus Sinzheim, einem Dorf zwischen
Bühl und Baden, und war eine majestätische
Erscheinung. Aus seiner Rede hat mir nichts
grösseren Eindruck gemacht als der Satz, dass nur
der Kübel von Sinzheim, der Bischof aber von Gott
sei.
An die
Einweihung der Kirche schloss sich die Firmung, die
bekanntlich nur vom Bischof gespendet werden kann. Auch
mir wurde die Salbung und der symbolische Backenstreich
zuteil. Ich sehe noch die riesige Gestalt des
Weihbischofs in weissem, golgesticktem Ornat, den
Bischofsstab in der Hand, über die an der
Kommunionbank knieenden Firmlinge unermüdlich das
"confirmo te chrismate salutis" murmelnd. Und war ich ein
rechter Streiter Christi geworden - denn wenn je ein Kind
bemüht war, seinen religiösen Pflichten
nachzukommen und den kirchlichen Handlungen mit Andacht
und Aufmerksamkeit zu folgen, so darf ich das für
die letzten Bühler Jahre von mir sagen.
Ich
besuchte jetzt die siebente Klasse der Volksschule und
hatte seit einiger Zeit auch Lateinstunden, so dass ich
manches Wort zu verstehen begann, das bei der Messe
gesprochen oder gesungen wurde. Aber die Hauptfreude war
doch, im Kindergottesdienst am Dienstag und Freitag die
deutschen Messgesänge, in den Vespern die Psalmen
und die marianischen Schlusslieder zu singen oder
zuzuhören, wenn an hohen Festen der Kirchenchor
lateinische Messen sang.
Welchen
Reichtum von lithurgischen Formen, welchen Tiefsinn von
Symbolik bot doch der Gottesdienst vom Anfang bis zum
Ende eines Kirchenjahres! Wie wirkten die feierlichen
Zeremonien und die wechselnden Gewänder, der Wechsel
von stillem Gebet, Gesang und Orgel auf Herz und Sinne,
um den Gläubigen zur Andacht hinzuführen und
ihm die Geheimnisse des Glaubens fassbar zu machen!
Wieviele Aussenstehende auch wenn sie sich Christen
nennen, haben noch eine Ahnung von den inneren
Zusammenhängen des alten Kirchenjahres, wie viele
wissen etwas Genaueres von dem Aufbau und dem Wesen des
katholischen Gottesdienstes? Welche Weisheit liegt schon
darin, dass die Kirchen jeden Tag, von früh bis
spät den Andächtigen, den Sorgenbeladenen, den
Hilfesuchenden geöffnet sind! Welcher Ernst darin,
dass jeder Tag in der Frühe durch ein Messopfer
begonnen wird! Dass die Kirchenglocken nicht nur die
Stunden schlagen, sondern zu den verschiedensten Zeiten
und bei jedem feierlichen Anlass an kirchliche Pflichten
mahnen! Jeder noch so kleine Bub weiss - oder wusste es
wenigstens zu meiner Zeit - dass er beim Läuten der
abendliche Betglocke sich schleunigst nach Hause zu
begeben hat; jeder kannte, sobald er erst mit der Kirche
zu tun bekam, die Evangelienblättlein, das Zeichen
der Wandlung, das Scheidzeichen für Erwachsene und
Kinder, das Läuten für das Freitagsgebet, das
Läuten mit allen Glocken, wenn der grosse Segen
gespendet oder das Te Deum gesungen wurde. Jeder
Volksschüler lernte auch, wenn er den Gottesdienst
besuchte, auf den Ablauf des Kirchenjahres achten, der in
ergreifenden Liturgien die Vorbereitung und Vollendung
der Welt Erlösung darstellt.
Mit den
Roratemessen der Adventszeit fing es an, da sangen wir
das "Tauet Himmel den Gerechten, Wolken, regnet ihn
herab", als ob unsere Seligkeit daran hinge, dass sich
das Wunder unverzüglich noch einmal ereigne. Dann
kamen in der tiefsten Winterzeit die grossen
Familienfeste, der Weihnachtsabend mit seinem
Lichterkranz, seinen Geschenken und Überraschungen,
der Sylvesterabend mit Glühwein und riesiger
Neujahrsbrezel, das Fest der Heiligen Drei Könige
mit seinen Umzügen, Gebräuche, die wie das
Narrentreiben an Fastnacht mehr volkstümlich als
kirchlich sind, die man aber in dem vielgestaltigen Bild
nicht missen möchte.
Plötzlich
verstummt alle weltliche Lust, der Aschermittwoch
eröffnet die vierzigtägige Fastenzeit, die der
Karwoche vorangeht. Am Palmsonntag erleben wir noch
einmal ein Aufjubeln, man feiert Jesu Einzug in Jerusalem
mit der Palmweihe und dem dreimaligen Hosiannah Davids
Sohn des Kinderchors - dann ein paar stille Tage, denen
vom Mittwoch bis Karsamstag Abend die ununterbrochene
Kette von Andachten und Trauerfeiern folgt.
Am
Mittwoch Abend setzen die Trauermetten ein, Lesungen aus
der Leidensgeschichte und ergreifende Klagelieder, deren
Strophen geheimnisvoll mit hebräischen Worten
begonnen werden. Am Gründonnerstag wird in einer
stillen Messe die Einsetzung des Abendmahls gedacht.
Jetzt verstummen die Glocken, die Altarglöckchen
werden durch schaurige Volksklappern ersetzt, die
Altarzierden werden weggeräumt, das Allerheiligste
wird entfernt. Der Karfreitag ist der Tag der düsten
Trauer und Verwirrung, es gibt kein Messopfer, keine
Konzentration, keine Kerzen, alles ist in Schwarz
gehüllt. Der Priester verrichtet, indem er sich
immer wieder vor dem Kreuz niederwirft unendliche Gebete,
Gebete für die Kirche, für den Heiligen Vater,
für alle Bischöfe und jede Art von geistlichen
Würdenträger, für den Landesfürsten,
für Gefangene, Kranke und Arme, für alle im
Glauben irrenden und von der Kirche getrennten
Brüder, für das ungläubige und verblendete
Volk der Juden, dass unser Herr und Gott alle Blindheit
und Verstockung von ihren Herzen wegnehme, für die
Bekehrung der Heiden, dass sie von ihrem
Götzendienst ablassen möchten. Er enthüllt
das grosse Kruzifix und fordert das betende Volk mit dem
dreimal wiederholten Klageruf "Sehet Jesum Christum am
Kreuze" zur Niederwerfung und tiefsten Verehrung auf. Die
Kirche ist dauernd von Andächtigen gefüllt, bis
der Tag mit einer feierlichen Trauermette zu Ende
geht.
Am
Karsamstag bereitet sich mit dem in der Frühe
stattfinden Feuerschlagen, dem Entzünden der
dreiteiligen Kerze, der Weihe des Taufwassers und der
Osterkerze die Feier der Auferstehung vor. Nach dem
stillen Beginn der Messe läuten beim feierlichen
Gloria zum ersten Mal die Glocken wieder. Auch der Abend
ist durch eine eigenartige Feier ausgezeichnet, denn da
ziehen die Kirchengemeinderäte mit Kerzen in grosser
Prozession durch die Kirche, und die Gemeinde vernimmt
als Schlussgesang die Botschaft von der
Auferstehung.
Endlich
ist der Ostermorgen angebrochen und die Christenheit
feiert das grosse Fest, das mit dem Erwachen der Natur
und der Frühlingsfreude in tiefsinniger Symbolik
zusammenfällt. Wie dann mit dem werdenden Sommer die
Natur sich zu immer grösserer Herrlichkeit
entfaltet, so häufen sich auch die blumenreichen
Feste und Andachten, die den Mai und Juni füllen,
bis die Kirche mit ihrem Kultus in den beiden grossen
Prozessionen an Christi Himmelfahrt und am
Fronleichnamstag mit all ihrem Prunk und Pomp ins Freie
hinauszieht. Die Flurprozession gegen Affental und
Müllenbach im Nordosten der Stadt habe ich wohl nur
einmal mitgemacht. Der Segen mit dem goldstrahlenden, mit
bunten Steinen besetzten Wetterkreuz, der vor Blitz,
Hagel und Ungewitter schützt, hat für mich
allerdings schon einen Beigeschmack von Zauberei gehabt.
Wer könnte aber je das Fest aller Feste, den
Fronleichnamstag vergessen, wenn in der Blütenpracht
des Hochsommers die ganze Gemeinde durch die mit Laub und
Farnen bestreute, von jungen Birken- und
Buchenstämmchen eingerahmten Strassen, durch mit
Teppichen, Heiligenbildern und brennenden Kerzen
geschmückte Stadt zeiht, die kranzgeschmückten,
rosenstreuenden Mädchen in weissen Kleidern voraus,
die kirchlichen Vereine, die Musiker, die Messdiener, der
Pfarrer im Rauchmantel, die goldene Monstranz unter einem
Thronhimmel feierlich in den Händen tragend, die
Scharen der betenden Männer und Frauen, dazwischen
der ganze Fahnenpark der Kirche und die Heiligenbilder
auf ihren Traggerüsten - viermal Halt machend, wenn
der Geistliche an den von besonders begnadeten Familien
aufgebauten Altären, seine kirchlichen Handlungen
vornimmt! Stundenlang dauert die Prozession ehe sie in
die Kirche zurückkehrt und das Te Deum unter
Böllerschüssen und Glockengeläute den
Gottesdienst beschliesst - ein Höhepunkt des
Kirchenjahres, der nicht mehr überboten werden kann.
Das
Jahr verebbt, die Sonntage folgen sich nach Pfingsten in
endloser Gleichförmigkeit, denn sie stellen die
mühsame Pilgerfahrt der Kinder Gottes zum
himmlischen Vaterland dar. Nur drei Feste unterbrechen
noch den Ablauf der Tage: Peter und Paul, für meine
Vaterstadt eines der höchsten Feste, da die Apostel
die Kirchenpatrone sind, Mariä Himmelfahrt, ein Fest
an dem die Blumenpracht des Spätsommers der
Himmelkönigin zu Füssen gelegt wird, und das
Doppelfest aller Heiligen und aller abgeschiedenen
Seelen, das den Toten die letzten Blumen spendet und mit
seiner ernsten Feier auf dem Friedhof an die
Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert.
Über
die Daten und den Sinn der anderen vier Marienfeiertage
bin ich unglaublich lang im Dunkeln geblieben. Ich wusste
nicht, warum Mariä Verkündigung genau neun
Monate vor Weihnachten und Mariä Geburt neun Monate
nach Mariä Empfängnis war. Mit Mariä
Lichtmess wusste ich überhaupt nichts anzufangen,
und Mariä Reinigung, wie das Fest auch heisst,
hätte mir noch weniger gesagt. Das Dogma von der
unbefleckten Empfängnis Mariä, das sich auf die
heilige Anna, die Mutter Mariens und Grossmutter Gottes
bezieht, wurde auf der Schule nicht erörtert, und so
nannten wir das Fest als Kinder "Maria im
G'fängnis", wobei man sich wenigstens etwas denken
konnte.
Wenn
ich nun, von allen anderen Andachtsformen und
Kirchenbräuchen absehen, mit einigen Worten auf den
Aufbau der Messe eingehe, so ist nicht der letzte Grund
der, dass man in protestantischen Kreisen in der
Beurteilung dieser zentralen Feier auf gerade
phantastische Unwissenheit und beschämende
Verständnislosigkeit zu stossen pflegt. Über
die Formen der Gottesverehrung lässt sich streiten,
sie waren bei Azteken andere als bei den Griechen und
sind bei den Protestanten andere als bei den Katholiken -
aber wer die Geschmacklosigkeit aufbringt, ein Hochamt
Hokuspokus zu nennen, sollte wenigstens wissen, was er
sagt. So lange er für eine protestantische
Abendmahlsfeier Verständnis mitbringt, muss er auch
das Messopfer gelten lassen, das nichts andres ist, als
eine mit Gebeten und Bekundungen des Glaubens umkleidete
Form des Abendmahls. Will er aber vom Christentum
überhaupt nichts wissen, so sollte er wenigstens
bedenken, dass es auf eine Geschichte von zwei
Jahrtausenden zurückblickt und unabsehbare Millionen
von Bekennern zählt.
Man
nimmt wohl an drei Dingen Anstoss, an den kirchlichen
Gewändern, an dem Zeremoniell und an der Sprache,
die dem Volk fremd ist. Aber ganz ohne kirchliche
Gewandung und feierliches Formelwesen, ohne Kreuz und
Altar geht es ja auch bei den anderen christlichen
Bekenntnissen nicht: wer will da die Grenze bestimmen?
Wenn die Gewänder würdig und die Zeremonien
sinnvoll sind, was ist dagegen einzuwenden? Wenn alle
diese Einrichtungen organisch gewachsen sind, wer will
ihnen ihr Daseinsrecht bestreiten? Wenn man sie
abgeschafft hat, wer kann sich beklagen, wenn andere
Reformer das Apostolikum und manche den ganzen
christlichen Glauben beseitigen wollen?
Man
wendet sich gegen den Gebrauch der lateinischen Sprache.
Aber war das Latein nicht anderthalb Jahrtausende die
Verkehrssprache aller Völker des Abendlandes?
Welchen Grund hätte die römische Kirche, ihr
universales Latein durch hundert Landessprachen zu
ersetzen. Wo gibt es irgendeine grosse Religion, die
nicht ihre heilige Sprache hätte, die nicht die
schriftgelehrten Verwalter der Heilswahrheiten durch die
Sprache von der profanen Menge schiede? Kommen die
Volkssprachen nicht in der religiösen Unterweisung,
in Predigt und Christenlehre, in Andachten aller Art
nicht hinreichend zur Geltung? Sind die Gnadenwirkungen,
die man von den Sakramenten empfängt, vom
wörtlichen Verständnis der Formeln
abhängig und nicht vielmehr von der rechten
Vorbereitung und Gesinnung?
Wer
sich klar ist, dass das Christentum, wie man es auch
fassen mag, im tiefsten Sinn eine Religion der Mysterien
ist, der muss zur Anerkennung der geschichtlich
entwickelten Kultformen kommen: Wer das Christentum
seines Mysteriencharakters entkleiden will, wird
schließlich nicht mehr viel davon übrig
behalten. Was die katholische Lehre vom Protestantismus
unterscheidet, ist nichts mehr und nichts weniger, als
dass sie es mit den Einsetzungsworten des Abendmahls, wie
sie in den synoptischen Evangelien und im ersten
Korintherbrief überliefert sind, ernst nimmt: Dass
der Gläubige also nach der Konsekration den
leiblichen Leib und das wirkliche Blut Christi geniesst,
und wer unwürdig isst und trinkt, sich das Gericht
zuzieht. Die Konsekrationsformel aber ist der Kern des
Messopfers, unveränderlich und gleichlautend, wie
gross auch sonst der Wechsel der Lesungen und Gebete je
nach den Festzeiten und Anlässen sein mag. Die zu
allen Zeiten wiederkehrenden Teile der Messe, das Kyrie,
das Gloria, das Credo, das Sanctus, Agnus Dei und
Benedictus sind die Stücke, die als musikalische
Messen komponiert werden, seit es eine entwickeltere
Kirchenmusik gibt; man lese einmal die Texte und frage
sich, ob der christliche Glaube in würdigere Form
verherrlicht werden kann.
Vom
weissen Sonntag, dem Fest der Erstkommunion zu
erzählen, habe ich mir für den Schluss dieses
Kapitels vorbehalten. Es ist ein Tag, den man nur einmal
erleben kann, und eine Feier, der eine lange Vorbereitung
vorausgeht. Ich verdankte sie dem Nachfolger des
Pfarrverwesers Keller, Ferdinand Hund, einem Geistlichen,
den ich nur mit Verehrung und höchster Achtung
nennen kann, und dem ich für immer in dankbarer
Gesinnung verbunden bleibe.
Er
hatte keinen leichten Stand, als er in Bühl sein Amt
übernahm. Er sollte ein Fanatiker sein, der seine
füheren Pfarrkinder mit nicht mehr ganz
zeitgemässen Mitteln zur Seligkeit vorbereitet
hätte. Das Gerede verstummte bald, denn er verstand
es in kurzer Zeit, sich durch seine vorbildliche Haltung,
seine aufopfernde Pflichttreue, Klugheit und Tatkraft die
Hochachtung der ganzen Stadt zu erringen. Eine
jugendliche elastische Gestalt, mit einem geistvollen,
von einem roten Muttermal etwas entstellten Gesicht, mit
leuchtenden blauen Augen und blondlockigem wie Seide
glänzendem Haar, hatte er bald die Herzen von Alt
und Jung gewonnen. Ich sehe ihn noch in aller
Lebendigkeit, wie er zum ersten Mal in die Klasse kam, um
den Religionsunterricht zu erteilen. Er hielt uns vom
ersten Augenblick an in Bann, denn er war mit seiner
Vereinigung von innerer Güte, sittlichem Eifer und
geistiger Überlegenheit der geborene Führer und
Erzieher. Die Vorbereitung auf die erste Kommunion mit
ihrem feierlichen Ernst wird mir unvergesslich
bleiben.
Die
Knaben trugen am Weissen Sonntag ein schwarzes
Röcklein, die Mädchen waren in Weiss gekleidet
und mit Dauerlocken geschmückt, die wochenlang
vorbereitet werden mussten. Obgleich ich der jüngste
war, wurde ich doch dazu ausersehen, als Sprecher der
Knabenabteilung das feierliche Glaubensbekenntnis
abzulegen. Meine Partnerin war ein braves armes
Mädchen, das für diesen Tag bei uns eingeladen
war. Der ganzen Feier mit Andacht und Aufmerksamkeit zu
folgen, war eine ziemliche Anstrengung. Aber das selige
Gefühl, nun endlich der erwarteten Gnaden teilhaft
zu werden, trug die Seele über alles Irdische
empor.
Nach
der feierlichen Vesper sprach der Pfarrverweser zu kurzem
Besuch bei uns vor, gegen Abend unternahm er mit uns
allen einen Spaziergang gegen Kappel und Alschweier. Es
war der 20. April 1879, ein herrlicher Frühlingstag,
das ganze Land ein einziges Blütenmeer von Weiss und
Rosenrot. Ein Feuerlärm in Kappel setzte uns in
Schrecken und trübte etwas den Abschluss des Tages,
doch war glücklicherweise kein grösserer
Schaden entstanden.
Wer
möchte bestreiten, wenn er den Sinn aller
katholischen Feste und Zeremonien wirklich kennt, dass es
die alte Kirche meisterlich verstanden hat, die
Gemüter zu erheben und zur Andacht zu zwingen! Ein
vielseitigeres Erfassen des ganzen Menschen, ein
eindringlicheres Ritual, eine grössere Feierlichkeit
der gottesdienstlichen Handlungen ist kaum auszudenken.
Wer könnte aber vollends die ungeheuere
erzieherische Macht verkennen, die dieses Kirche mit
ihren Gnadenmitteln auf die Gläubigen ausübt?
Dass die Reformation alle sinnfälligen Hilfen mit
Stumpf und Stiel ausgerottet hat, bis nur noch die leeren
Kirchenwände und ein dürftiger Gesang
übrigblieben, ist gewiss eine heroische, vielleicht
aber eine herostratische Tat gewesen.