Neunzehntes Kapitel.

Die Kirche als Heilsanstalt.

 

Den Christennamen lernte ich zuerst durch das Christkind kennen. Ich habe es an einem Weihnachtsabend, als wir noch bei Stemmles wohnten, in all seinem Himmelsglanz leibhaftig vor mir gesehen. Ein silbernes Glöcklein hatte uns in die Stube gerufen, wo der Christbaum brannte. Wir mussten dem Christkind die Lieder singen, die wir gelernt hatten, ewig unvergessliche Lieder. Der Vater sass am Klavier, die Mutter sang mit, damit wir nicht vor Schreck und Staunen steckenblieben. Da stand es in weisse Kleider und einen langen Schleier gehüllt, und fragte mit himmlischer Stimme, ob wir auch brave Kinder seien. Es hatte den strahlenden Christbaum mit Lichtern, goldenen Nüssen, roten Äpfeln und allerhand Zuckerwerk mitgebracht, aber auch eine Rute, wenn wir unartig wären. Dann verschwand es, weil es noch zu anderen Kindern musste. Ich sah es erst wieder, als mein Bruder Otto drei Jahre alt war; da wusste ich aber schon, dass das Sophile, unser Nachbarskind, in den weissen Kleidern steckte.

Auch in die Christmette bin ich einmal als kleiner Bub mitgenommen worden. Es war bitter kalt, als wir am dunklen Morgen durch den knirschenden Schnee zur Kirche eilten. Aber wie herrlich war die Krippe in der von Lichterglanz erhellten alten Kirche, mit Orgelklang, Engelsgesang und Hirtenschalmeien! Im Himmel konnte es nicht schöner sein.

Wie viele Leute werden sich noch an die alte Pfarrkirche erinnern? Wieviele leben noch, die den Bau der grossen neuen Kirche mitangesehen haben. Das liegt jetzt schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, und man kann sich kaum vorstellen, dass der Platz in der Mitte der Stadt einmal ganz anders aussah. Die alte Kirche reicht mit ihrem hohen spätgotischen Chor viel näher an die Hauptstrasse heran, als heute das Rathaus. Wenn sie auch nicht mit dem Strassburger Münster wetteifern konnte, so war sie doch stattlich genug für kindliche Massstäbe. Im Sommer hatte die Lehmännin an dem Kruzifix hinter dem Chor ihren Obststand aufgeschlagen. An der Sakristei, wo man die Messbuben aus- und eingehen sah, stand ein römischer Meilenstein mit rätselhafter Inschrift. Im Innern zogen die Barockaltäre mit ihren Säulen und Heiligenstatuen den Blick auf sich, an den Wänden die Beichtstühle, dunkelgestrichen und grün verhängt, auf der Orgelbühne die Orgel mit ihren silbernen Pfeifen. Von den grossen Kirchenfesten ist mir aus den ersten Jahren des Kirchenbesuchs nicht mehr viel in Erinnerung geblieben, nur das Heilige Grab, mit seinen hundert in allen Farben leuchtenden Kugeln und das ganze Trauergepräng der Karwoche steht mir seltsam gespenstisch vor Augen. Den Sinn der Messe konnte ich noch nicht fassen, doch darauf kam es auch nicht an. Den süssen Weihrauchduft sog ich ebenso begierig ein wie draussen die weltlichen Gerüche, den Orgeltönen lauschte ich mit aller Andacht, der ein träumerisches Kind fähig ist. Es wäre aber gelogen, wenn ich mich als reinen Unschuldsengel hinstellen wollte. Wir waren als Schulbuben im Chor zusammengepfercht und haben dort manchen Unfug getrieben, ganz besonders in der Maiandacht. Unter einem Glaskasten, aus dem eine blau und goldene Madonna holdselig herabblickte, war mein Lieblingsaufenthalt, aber andere wussten den Platz auch zu schätzen, und so gab es wohl Knüffe, bis der Messner mit Ohrfeigen Ruhe schaffte.

In der alten Kirche habe ich auch noch meine erste Beichte abgelegt. Man hatte mir diese Bussübung so lange wie möglich erspart, jedenfalls befand ich mich schon in einer höheren Klasse der Volksschule und war meinen Kameraden gegenüber ein Nachzügler. Ich hatte ein Beichtbüchlein in die Hand bekommen, ein dünnes Oktavheft, worin mit Alban Stolz'scher Handgreiflichkeit die sieben Todsünden als Teufel dargestellt waren, wie sie vom Menschen Besitz ergreifen, wie sie bei der Beichte Reißaus nehmen. Andere Teufel sah man damit beschäftigt, die in Sünden Gestorbenen im Höllenfeuer zu schinden und zu quälen. Ich sehe sie heute noch, die gehörnten, spitzohrigen, kuhschwänzigen Scheusale. Die Bilder haben meinem Kindergemüt einen schweren Stoss versetzt; ich glaubte, die Füsse trügen mich nicht zu dem Marterstuhl, wo ich meiner Sünde ledig werden sollte. Ich hatte mir alle erdenkliche Mühe gegeben, meine Laster und Verbrechen zusammenzubringen, aber schliesslich hatte ich doch keine fremden Götter angebetet oder den Sonntag entheiligt, ich hatte nicht getötet und nicht falsches Zeugnis gegeben, ich hatte nicht die Ehe gebrochen und nicht des Nächsten Weib, Ochs oder Esel begehrt. Der Beichtspiegel, nach dem ich mein Gewissen erforschen sollte, war doch wohl mehr auf Erwachsene als auf Kinder berechnet. So bekannte ich denn, was ich glaubte verbrochen zu haben, tat Busse und rannte glückselig nach Hause, um mir noch von Vater und Mutter Verzeihung zu erbitten. Eine Zentnerlast war mir von der Seele genommen, und nie strahlte der Himmel blauer als an diesem Nachmittag.

Wann der Grundstein zur neuen Kirche gelegt wurde, kann ich nicht angeben, aber die letzten Baujahre, als die Mauern und Säulen emporwuchsen und der schöne Turm der Vollendung entgegenging, habe ich in lebhafter Erinnerung. Die Hütten der Steinhauer standen auf dem freien Platz neben der Schule, und wir bemühten uns in den Spielpausen aufs eifrigste, durch die Bretterzäune zu spähen, um zu erfahren, was dahinter vorging. Zum Bauplatz hatte niemand Zutritt, ich kam zum ersten Mal in die Kirche, als sie im Rohbau fertiggestellt war und der Meister Flick das Chorgewölbe mit goldenen Sternen auszuschmücken begann.

Im Sommer 1877 war der Bau vollendet und die Inneneinrichtung fertiggestellt, so dass die Weihe vom Bischof vollzogen werden konnte. Von den umständlichen Zeremonien habe ich nichts gesehen, bei der grossen Volksversammlung am Abend, als der Erzbistumsverweser Lothar von Kübel seine Ansprache hielt, und die Kirche in bengalischem Licht erstrahlte, bin ich selbstverständlich zugegen gewesen. Der Bischof stammte aus Sinzheim, einem Dorf zwischen Bühl und Baden, und war eine majestätische Erscheinung. Aus seiner Rede hat mir nichts grösseren Eindruck gemacht als der Satz, dass nur der Kübel von Sinzheim, der Bischof aber von Gott sei.

An die Einweihung der Kirche schloss sich die Firmung, die bekanntlich nur vom Bischof gespendet werden kann. Auch mir wurde die Salbung und der symbolische Backenstreich zuteil. Ich sehe noch die riesige Gestalt des Weihbischofs in weissem, golgesticktem Ornat, den Bischofsstab in der Hand, über die an der Kommunionbank knieenden Firmlinge unermüdlich das "confirmo te chrismate salutis" murmelnd. Und war ich ein rechter Streiter Christi geworden - denn wenn je ein Kind bemüht war, seinen religiösen Pflichten nachzukommen und den kirchlichen Handlungen mit Andacht und Aufmerksamkeit zu folgen, so darf ich das für die letzten Bühler Jahre von mir sagen.

Ich besuchte jetzt die siebente Klasse der Volksschule und hatte seit einiger Zeit auch Lateinstunden, so dass ich manches Wort zu verstehen begann, das bei der Messe gesprochen oder gesungen wurde. Aber die Hauptfreude war doch, im Kindergottesdienst am Dienstag und Freitag die deutschen Messgesänge, in den Vespern die Psalmen und die marianischen Schlusslieder zu singen oder zuzuhören, wenn an hohen Festen der Kirchenchor lateinische Messen sang.

Welchen Reichtum von lithurgischen Formen, welchen Tiefsinn von Symbolik bot doch der Gottesdienst vom Anfang bis zum Ende eines Kirchenjahres! Wie wirkten die feierlichen Zeremonien und die wechselnden Gewänder, der Wechsel von stillem Gebet, Gesang und Orgel auf Herz und Sinne, um den Gläubigen zur Andacht hinzuführen und ihm die Geheimnisse des Glaubens fassbar zu machen! Wieviele Aussenstehende auch wenn sie sich Christen nennen, haben noch eine Ahnung von den inneren Zusammenhängen des alten Kirchenjahres, wie viele wissen etwas Genaueres von dem Aufbau und dem Wesen des katholischen Gottesdienstes? Welche Weisheit liegt schon darin, dass die Kirchen jeden Tag, von früh bis spät den Andächtigen, den Sorgenbeladenen, den Hilfesuchenden geöffnet sind! Welcher Ernst darin, dass jeder Tag in der Frühe durch ein Messopfer begonnen wird! Dass die Kirchenglocken nicht nur die Stunden schlagen, sondern zu den verschiedensten Zeiten und bei jedem feierlichen Anlass an kirchliche Pflichten mahnen! Jeder noch so kleine Bub weiss - oder wusste es wenigstens zu meiner Zeit - dass er beim Läuten der abendliche Betglocke sich schleunigst nach Hause zu begeben hat; jeder kannte, sobald er erst mit der Kirche zu tun bekam, die Evangelienblättlein, das Zeichen der Wandlung, das Scheidzeichen für Erwachsene und Kinder, das Läuten für das Freitagsgebet, das Läuten mit allen Glocken, wenn der grosse Segen gespendet oder das Te Deum gesungen wurde. Jeder Volksschüler lernte auch, wenn er den Gottesdienst besuchte, auf den Ablauf des Kirchenjahres achten, der in ergreifenden Liturgien die Vorbereitung und Vollendung der Welt Erlösung darstellt.

Mit den Roratemessen der Adventszeit fing es an, da sangen wir das "Tauet Himmel den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab", als ob unsere Seligkeit daran hinge, dass sich das Wunder unverzüglich noch einmal ereigne. Dann kamen in der tiefsten Winterzeit die grossen Familienfeste, der Weihnachtsabend mit seinem Lichterkranz, seinen Geschenken und Überraschungen, der Sylvesterabend mit Glühwein und riesiger Neujahrsbrezel, das Fest der Heiligen Drei Könige mit seinen Umzügen, Gebräuche, die wie das Narrentreiben an Fastnacht mehr volkstümlich als kirchlich sind, die man aber in dem vielgestaltigen Bild nicht missen möchte.

Plötzlich verstummt alle weltliche Lust, der Aschermittwoch eröffnet die vierzigtägige Fastenzeit, die der Karwoche vorangeht. Am Palmsonntag erleben wir noch einmal ein Aufjubeln, man feiert Jesu Einzug in Jerusalem mit der Palmweihe und dem dreimaligen Hosiannah Davids Sohn des Kinderchors - dann ein paar stille Tage, denen vom Mittwoch bis Karsamstag Abend die ununterbrochene Kette von Andachten und Trauerfeiern folgt.

Am Mittwoch Abend setzen die Trauermetten ein, Lesungen aus der Leidensgeschichte und ergreifende Klagelieder, deren Strophen geheimnisvoll mit hebräischen Worten begonnen werden. Am Gründonnerstag wird in einer stillen Messe die Einsetzung des Abendmahls gedacht. Jetzt verstummen die Glocken, die Altarglöckchen werden durch schaurige Volksklappern ersetzt, die Altarzierden werden weggeräumt, das Allerheiligste wird entfernt. Der Karfreitag ist der Tag der düsten Trauer und Verwirrung, es gibt kein Messopfer, keine Konzentration, keine Kerzen, alles ist in Schwarz gehüllt. Der Priester verrichtet, indem er sich immer wieder vor dem Kreuz niederwirft unendliche Gebete, Gebete für die Kirche, für den Heiligen Vater, für alle Bischöfe und jede Art von geistlichen Würdenträger, für den Landesfürsten, für Gefangene, Kranke und Arme, für alle im Glauben irrenden und von der Kirche getrennten Brüder, für das ungläubige und verblendete Volk der Juden, dass unser Herr und Gott alle Blindheit und Verstockung von ihren Herzen wegnehme, für die Bekehrung der Heiden, dass sie von ihrem Götzendienst ablassen möchten. Er enthüllt das grosse Kruzifix und fordert das betende Volk mit dem dreimal wiederholten Klageruf "Sehet Jesum Christum am Kreuze" zur Niederwerfung und tiefsten Verehrung auf. Die Kirche ist dauernd von Andächtigen gefüllt, bis der Tag mit einer feierlichen Trauermette zu Ende geht.

Am Karsamstag bereitet sich mit dem in der Frühe stattfinden Feuerschlagen, dem Entzünden der dreiteiligen Kerze, der Weihe des Taufwassers und der Osterkerze die Feier der Auferstehung vor. Nach dem stillen Beginn der Messe läuten beim feierlichen Gloria zum ersten Mal die Glocken wieder. Auch der Abend ist durch eine eigenartige Feier ausgezeichnet, denn da ziehen die Kirchengemeinderäte mit Kerzen in grosser Prozession durch die Kirche, und die Gemeinde vernimmt als Schlussgesang die Botschaft von der Auferstehung.

Endlich ist der Ostermorgen angebrochen und die Christenheit feiert das grosse Fest, das mit dem Erwachen der Natur und der Frühlingsfreude in tiefsinniger Symbolik zusammenfällt. Wie dann mit dem werdenden Sommer die Natur sich zu immer grösserer Herrlichkeit entfaltet, so häufen sich auch die blumenreichen Feste und Andachten, die den Mai und Juni füllen, bis die Kirche mit ihrem Kultus in den beiden grossen Prozessionen an Christi Himmelfahrt und am Fronleichnamstag mit all ihrem Prunk und Pomp ins Freie hinauszieht. Die Flurprozession gegen Affental und Müllenbach im Nordosten der Stadt habe ich wohl nur einmal mitgemacht. Der Segen mit dem goldstrahlenden, mit bunten Steinen besetzten Wetterkreuz, der vor Blitz, Hagel und Ungewitter schützt, hat für mich allerdings schon einen Beigeschmack von Zauberei gehabt. Wer könnte aber je das Fest aller Feste, den Fronleichnamstag vergessen, wenn in der Blütenpracht des Hochsommers die ganze Gemeinde durch die mit Laub und Farnen bestreute, von jungen Birken- und Buchenstämmchen eingerahmten Strassen, durch mit Teppichen, Heiligenbildern und brennenden Kerzen geschmückte Stadt zeiht, die kranzgeschmückten, rosenstreuenden Mädchen in weissen Kleidern voraus, die kirchlichen Vereine, die Musiker, die Messdiener, der Pfarrer im Rauchmantel, die goldene Monstranz unter einem Thronhimmel feierlich in den Händen tragend, die Scharen der betenden Männer und Frauen, dazwischen der ganze Fahnenpark der Kirche und die Heiligenbilder auf ihren Traggerüsten - viermal Halt machend, wenn der Geistliche an den von besonders begnadeten Familien aufgebauten Altären, seine kirchlichen Handlungen vornimmt! Stundenlang dauert die Prozession ehe sie in die Kirche zurückkehrt und das Te Deum unter Böllerschüssen und Glockengeläute den Gottesdienst beschliesst - ein Höhepunkt des Kirchenjahres, der nicht mehr überboten werden kann.

Das Jahr verebbt, die Sonntage folgen sich nach Pfingsten in endloser Gleichförmigkeit, denn sie stellen die mühsame Pilgerfahrt der Kinder Gottes zum himmlischen Vaterland dar. Nur drei Feste unterbrechen noch den Ablauf der Tage: Peter und Paul, für meine Vaterstadt eines der höchsten Feste, da die Apostel die Kirchenpatrone sind, Mariä Himmelfahrt, ein Fest an dem die Blumenpracht des Spätsommers der Himmelkönigin zu Füssen gelegt wird, und das Doppelfest aller Heiligen und aller abgeschiedenen Seelen, das den Toten die letzten Blumen spendet und mit seiner ernsten Feier auf dem Friedhof an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert.

Über die Daten und den Sinn der anderen vier Marienfeiertage bin ich unglaublich lang im Dunkeln geblieben. Ich wusste nicht, warum Mariä Verkündigung genau neun Monate vor Weihnachten und Mariä Geburt neun Monate nach Mariä Empfängnis war. Mit Mariä Lichtmess wusste ich überhaupt nichts anzufangen, und Mariä Reinigung, wie das Fest auch heisst, hätte mir noch weniger gesagt. Das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariä, das sich auf die heilige Anna, die Mutter Mariens und Grossmutter Gottes bezieht, wurde auf der Schule nicht erörtert, und so nannten wir das Fest als Kinder "Maria im G'fängnis", wobei man sich wenigstens etwas denken konnte.

Wenn ich nun, von allen anderen Andachtsformen und Kirchenbräuchen absehen, mit einigen Worten auf den Aufbau der Messe eingehe, so ist nicht der letzte Grund der, dass man in protestantischen Kreisen in der Beurteilung dieser zentralen Feier auf gerade phantastische Unwissenheit und beschämende Verständnislosigkeit zu stossen pflegt. Über die Formen der Gottesverehrung lässt sich streiten, sie waren bei Azteken andere als bei den Griechen und sind bei den Protestanten andere als bei den Katholiken - aber wer die Geschmacklosigkeit aufbringt, ein Hochamt Hokuspokus zu nennen, sollte wenigstens wissen, was er sagt. So lange er für eine protestantische Abendmahlsfeier Verständnis mitbringt, muss er auch das Messopfer gelten lassen, das nichts andres ist, als eine mit Gebeten und Bekundungen des Glaubens umkleidete Form des Abendmahls. Will er aber vom Christentum überhaupt nichts wissen, so sollte er wenigstens bedenken, dass es auf eine Geschichte von zwei Jahrtausenden zurückblickt und unabsehbare Millionen von Bekennern zählt.

Man nimmt wohl an drei Dingen Anstoss, an den kirchlichen Gewändern, an dem Zeremoniell und an der Sprache, die dem Volk fremd ist. Aber ganz ohne kirchliche Gewandung und feierliches Formelwesen, ohne Kreuz und Altar geht es ja auch bei den anderen christlichen Bekenntnissen nicht: wer will da die Grenze bestimmen? Wenn die Gewänder würdig und die Zeremonien sinnvoll sind, was ist dagegen einzuwenden? Wenn alle diese Einrichtungen organisch gewachsen sind, wer will ihnen ihr Daseinsrecht bestreiten? Wenn man sie abgeschafft hat, wer kann sich beklagen, wenn andere Reformer das Apostolikum und manche den ganzen christlichen Glauben beseitigen wollen?

Man wendet sich gegen den Gebrauch der lateinischen Sprache. Aber war das Latein nicht anderthalb Jahrtausende die Verkehrssprache aller Völker des Abendlandes? Welchen Grund hätte die römische Kirche, ihr universales Latein durch hundert Landessprachen zu ersetzen. Wo gibt es irgendeine grosse Religion, die nicht ihre heilige Sprache hätte, die nicht die schriftgelehrten Verwalter der Heilswahrheiten durch die Sprache von der profanen Menge schiede? Kommen die Volkssprachen nicht in der religiösen Unterweisung, in Predigt und Christenlehre, in Andachten aller Art nicht hinreichend zur Geltung? Sind die Gnadenwirkungen, die man von den Sakramenten empfängt, vom wörtlichen Verständnis der Formeln abhängig und nicht vielmehr von der rechten Vorbereitung und Gesinnung?

Wer sich klar ist, dass das Christentum, wie man es auch fassen mag, im tiefsten Sinn eine Religion der Mysterien ist, der muss zur Anerkennung der geschichtlich entwickelten Kultformen kommen: Wer das Christentum seines Mysteriencharakters entkleiden will, wird schließlich nicht mehr viel davon übrig behalten. Was die katholische Lehre vom Protestantismus unterscheidet, ist nichts mehr und nichts weniger, als dass sie es mit den Einsetzungsworten des Abendmahls, wie sie in den synoptischen Evangelien und im ersten Korintherbrief überliefert sind, ernst nimmt: Dass der Gläubige also nach der Konsekration den leiblichen Leib und das wirkliche Blut Christi geniesst, und wer unwürdig isst und trinkt, sich das Gericht zuzieht. Die Konsekrationsformel aber ist der Kern des Messopfers, unveränderlich und gleichlautend, wie gross auch sonst der Wechsel der Lesungen und Gebete je nach den Festzeiten und Anlässen sein mag. Die zu allen Zeiten wiederkehrenden Teile der Messe, das Kyrie, das Gloria, das Credo, das Sanctus, Agnus Dei und Benedictus sind die Stücke, die als musikalische Messen komponiert werden, seit es eine entwickeltere Kirchenmusik gibt; man lese einmal die Texte und frage sich, ob der christliche Glaube in würdigere Form verherrlicht werden kann.

Vom weissen Sonntag, dem Fest der Erstkommunion zu erzählen, habe ich mir für den Schluss dieses Kapitels vorbehalten. Es ist ein Tag, den man nur einmal erleben kann, und eine Feier, der eine lange Vorbereitung vorausgeht. Ich verdankte sie dem Nachfolger des Pfarrverwesers Keller, Ferdinand Hund, einem Geistlichen, den ich nur mit Verehrung und höchster Achtung nennen kann, und dem ich für immer in dankbarer Gesinnung verbunden bleibe.

Er hatte keinen leichten Stand, als er in Bühl sein Amt übernahm. Er sollte ein Fanatiker sein, der seine füheren Pfarrkinder mit nicht mehr ganz zeitgemässen Mitteln zur Seligkeit vorbereitet hätte. Das Gerede verstummte bald, denn er verstand es in kurzer Zeit, sich durch seine vorbildliche Haltung, seine aufopfernde Pflichttreue, Klugheit und Tatkraft die Hochachtung der ganzen Stadt zu erringen. Eine jugendliche elastische Gestalt, mit einem geistvollen, von einem roten Muttermal etwas entstellten Gesicht, mit leuchtenden blauen Augen und blondlockigem wie Seide glänzendem Haar, hatte er bald die Herzen von Alt und Jung gewonnen. Ich sehe ihn noch in aller Lebendigkeit, wie er zum ersten Mal in die Klasse kam, um den Religionsunterricht zu erteilen. Er hielt uns vom ersten Augenblick an in Bann, denn er war mit seiner Vereinigung von innerer Güte, sittlichem Eifer und geistiger Überlegenheit der geborene Führer und Erzieher. Die Vorbereitung auf die erste Kommunion mit ihrem feierlichen Ernst wird mir unvergesslich bleiben.

Die Knaben trugen am Weissen Sonntag ein schwarzes Röcklein, die Mädchen waren in Weiss gekleidet und mit Dauerlocken geschmückt, die wochenlang vorbereitet werden mussten. Obgleich ich der jüngste war, wurde ich doch dazu ausersehen, als Sprecher der Knabenabteilung das feierliche Glaubensbekenntnis abzulegen. Meine Partnerin war ein braves armes Mädchen, das für diesen Tag bei uns eingeladen war. Der ganzen Feier mit Andacht und Aufmerksamkeit zu folgen, war eine ziemliche Anstrengung. Aber das selige Gefühl, nun endlich der erwarteten Gnaden teilhaft zu werden, trug die Seele über alles Irdische empor.

Nach der feierlichen Vesper sprach der Pfarrverweser zu kurzem Besuch bei uns vor, gegen Abend unternahm er mit uns allen einen Spaziergang gegen Kappel und Alschweier. Es war der 20. April 1879, ein herrlicher Frühlingstag, das ganze Land ein einziges Blütenmeer von Weiss und Rosenrot. Ein Feuerlärm in Kappel setzte uns in Schrecken und trübte etwas den Abschluss des Tages, doch war glücklicherweise kein grösserer Schaden entstanden.

Wer möchte bestreiten, wenn er den Sinn aller katholischen Feste und Zeremonien wirklich kennt, dass es die alte Kirche meisterlich verstanden hat, die Gemüter zu erheben und zur Andacht zu zwingen! Ein vielseitigeres Erfassen des ganzen Menschen, ein eindringlicheres Ritual, eine grössere Feierlichkeit der gottesdienstlichen Handlungen ist kaum auszudenken. Wer könnte aber vollends die ungeheuere erzieherische Macht verkennen, die dieses Kirche mit ihren Gnadenmitteln auf die Gläubigen ausübt? Dass die Reformation alle sinnfälligen Hilfen mit Stumpf und Stiel ausgerottet hat, bis nur noch die leeren Kirchenwände und ein dürftiger Gesang übrigblieben, ist gewiss eine heroische, vielleicht aber eine herostratische Tat gewesen.


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© Julius Ruska 1937