Achtzehntes Kapitel.

Moses und die Propheten.

 

Ist das Elternhaus katholisch, so wächst das Kind in den katholischen Vorstellungskreis und -brauch hinein, bevor noch die Kirche mit ihrer erzieherischen Tätigkeit einsetzt. Sind die Eltern Protestanten oder Juden, so geschieht das gleiche: Noch ehe man zur Besinnung kommt, sieht man die göttlichen Dinge so, wie sie sich im Glauben und Brauch der Umgebung darstellen.

Von katholischen Bräuchen war in unserem Haus nicht viel zu bemerken. Es gab kein Weihwasserkesselchen und keine Rosenkränze, auch hatten die kurzen Tisch- und Abendgebete, die wir als Kinder sprachen, keine katholische Färbung. Dass die Mutter öfters in die Kirche ging als der Vater und wenigstens sonntags die Frühmesse nicht versäumte, wunderte uns ebensowenig, wie dass der Vater sich von dieser Pflicht zu entbinden pflegte. Er hatte ja als Organist kirchliche Verdienste auf Vorrat gesammelt und glaubte wohl, dass das genug sei. Die Fastenkost an den Freitagen war uns keine Last, im Gegenteil, wir hätten auch zwei oder drei solche Fasttage jede Woche mit Wonne begrüsst.

Von protestantischer Frömmigkeit habe ich als Kind keine Vorstellung gehabt, nur das Wort Mucker, das bei meinem Vater neben Betbruder eine ihm verhasste Form von Religionsübung bezeichnete, ist mir ziemlich früh zu Ohren gekommen. Das evangelische Kirchlein, das in einem versteckten Winkel der Stadt lag, konnte mir keinen grossen Respekt vor dem Gott der Protestanten einflössen.

Etwas besser war ich mit Juden und jüdischen Dingen bekannt. Meine Eltern waren mit vielen jüdischen Familien bekannt und befreundet und erhielten nach allgemeinem Brauch zur jüdischen Osterzeit ganze Sendungen von Mazzes. Diese faden Kuchen waren für uns Buben ein begehrter Leckerbissen. Sie kamen vom Lehrer Jakob, von Riesens, von Wolffs und wer weiss von wem noch mit freundlichen Empfehlungen, und es wäre eine Beleidigung gewesen, sie zurückzuweisen. Aber warum hatten Juden zu einer anderen Zeit Ostern als wir, und warum hatten sie keinen Osterhasen? Warum fing bei ihnen das Neujahr im September an, und warum feierten sie den Sonntag schon am Schabbes? Warum hatte die Synagoge keinen Kirchturm und keine Glocken, und was bedeuteten die vergoldeten hebräischen Buchstaben?

Dass die Juden ein fremdes und oft verhasstes Element waren, dass man sich über sie lustig machte und ihnen doch nicht über den Weg traute, war mir nicht verborgen geblieben. Wenn ich auch in Bühl nur wohlhabende und geachtete Judenfamilien kannte, die Geschichten, die mir aus dem Nebel geläufig waren, zeigten doch ein ganz anderes Gesicht. Wo kamen die Juden her, und warm wurden sie als fremd und lästig empfunden?

Die Antwort gab die Religionsstunde. Kein Buch, das ich in jungen Jahren in die Hand bekam, konnte sich an Wirkung mit dem Auszug aus dem Alten und Neuen Testament messen, der mich durch die Schule begleitete, keine Art von Bildern hat so tief auf mein empfängliches Gemüt gewirkt als die schlichten Illustrationen der Schuster'schen Schulbibel. Natürlich wusste ich schon vorher, dass der Himmel mit den Sternen und die Erde mit allem Zubehör vom lieben Gott erschaffen war, und ebenso war mir klar, dass die braven Menschen in den Himmel und die bösen in die Hölle kommen mussten. Aber jetzt lernte ich ganz genau, was sich von Anbeginn der Schöpfung auf der Erde zugetragen hatte, und ich sah, welche Rolle das auserwählte Volk in der Geschichte des Menschengeschlechts und im göttlichen Heilsplan spielte.

Ich muss den Leser um Geduld bitten, wenn ich hier ausführlich von Dingen rede, die auch ihm bekannt sind. Aber ich werde später darüber zu berichten haben, wie ich in das fromme Vertrauen auf die Wahrheit des biblischen Berichts die Zweifel einschlichen, und den Glauben untergruben.

Nachdem Himmel und Erde geschaffen waren, lag noch Finsternis über dem Abgrund. Gott sprach "Es werde Licht", und es ward Licht; er nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht, und so entstand der erste Tag. Am dritten trennte er Erde und Meer und liess die Pflanzen wachsen, am vierten setzte er Sonne, Mond und Sterne an den Himmel, am fünften machte er die Fische und die Vögel, am sechsten alle anderen Tiere, und nach seinem eignen Bilde das erste Menschenpaar. Am siebten Tage ruhte er und fand, dass alles sehr gut sei, was er gemacht hatte. Das erste Bild, das die Schulbibel enthielt, zeigte das aufs Deutlichste: Gott sass dort in Gestalt eines alten Mannes auf einer Wolke und legte die Hände in den Schoss; hinter sich hatte er eine grosse leuchtende Scheibe, zu beiden Seiten einen Chor von Engeln, die das Credo sangen, unter sich die junge Schöpfung mit Adam und Eva. Auch die Schlange sah man schon, behaglich um einen Palmstamm gewickelt.

An einem der sechs Tage mussten auch die Engel erschaffen worden sein, sonst hätten sie ja nicht auf der Wolke stehen, singen und Harfe spielen können. Unbegreiflich war mir, dass Engel aus lauter Hochmut miteinander Streit anfangen konnten, und es hat mich mit tiefer Befriedigung erfüllt, dass der Erzengel Michael mit Schild und hochgeschwungenem Schwert den in einen hässlichen Teufel verwandelten, feuerspeienden Luzifer kopfüber in die Hölle stürzte.

Es war eine harte Strafe, dass Adam und Eva wegen des einen verbotenen Apfels aus dem Paradies vertrieben wurden, doch härter aber, dass Gott die Erde samt allem, was darauf war, gleich mit verfluchte. Als Kind habe ich keine Kritik daran geübt, vielleicht schlug mir selber das Gewissen, was die Äpfel anlangt - aber heute bin ich doch versucht, zu fragen, ob diese ganze Schöpfung wirklich so sehr gut war, wenn sie bei der ersten Belastungsprobe gleich versagte und verworfen wurde.

Ich lernte weiter, dass Kain aus Neid seinen Bruder Abel erschlug, und dass die Schlechtigkeit der Menschen immer mehr zunahm, bis es den Herrn reute, sie geschaffen zu haben, und er sie durch die Sintflut zu vertilgen beschloss. Der einzige Mann, der noch mit Gott wandelte, war Noah, der Engel des Methusalem. Er erhielt den Befehl, die Arche zu bauen, 300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch, mit drei Stockwerken und einem Fenster, von einer Elle Durchmesser. Als der grosse Regen über die Menschheit hereinbrechen sollte, stieg er mit seiner Familie in die Arche und nahm zugleich von jeder Art Tiere ein Paar, von den reinen aber sieben Paare mit. Ein Bild stellte den Einzug der Tiere in die Arche dar, und ich weiss noch ganz gut, wie sehr mir die Elefanten, Giraffen und Känguruhs in diesem Zug gefallen haben.

Nachdem sich die Flut verlaufen hatte, brachte Noah dem Herrn ein Opfer von allen reinen Tieren dar. Der Herr roch den lieblichen Geruch - so steht es im Original - und sprach in seinem Herzen: "Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen, um der Menschen willen, denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebet, wie ich getan habe. Solange die Erde stehet, soll nicht aufhören Same und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." Dann schloss er einen Bund mit Noah und seinen Nachkommen, fruchtbar zu sein und sich zu mehren, dass die Erde wieder voller Menschen würde, und als Zeichen des Bundes setzte er einen Regenbogen an den Himmel.

Anfangs hatten die Nachkommen der Söhne Noah noch keinerlei Zunge und Sprache. Als aber die Menschen gegen Morgen zogen, fanden sie ein ebenes Land und wohnten daselbst und sprachen: "Lasset uns eine Stadt und einen Turm bauen, dess die Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen." Da fuhr der Herr hernieder, dass er die Stadt und den Turm sähe, und verwirrte ihre Sprache und zerstreute sie in alle Länder. In der Schulbibel wird die Geschichte von Noahs Opfer und vom Turmbau mit etwas anderen Worten erzählt - warum, ist mir erst viel später klar geworden.

Wir sind jetzt mit der Urgeschichte am Ende und treten in die Zeit der Erzväter ein. Über Abraham, Isaak und Jakob weiss der Leser Bescheid, auch von Josephs wunderbaren Schicksalen am Hofe des Pharao brauche ich nichts zu sagen. Die Kinder Israels gedeihen in Ägypten so gut und vermehren sich so unheimlich, dass der neue Pharao ihre Unterdrückung beschliesst. Er lässt sie in Konzentrationslager bringen, wo sie schwer arbeiten und Ziegel streichen müssen. Da die Vermehrung auch damit nicht aufzuhalten ist, sollen alle neugeborenen Knäblein in den Nil geworfen werden. Der kleine Moses wird von der Tochter des Pharao gerettet und sorgfältig erzogen. Mit seiner Berufung beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte Israels.

Der Herr erscheint Moses im Lande Midian in einem brennenden Dornbusch und erteilt ihm den Auftrag, vom Pharao die Freilassung der Israeliten zu fordern. Da der Pharao sich weigert, werden zehn Plagen über Ägypten verhängt, eine schrecklicher als die andere, zuletzt eine greuliche Finsternis, so dass drei Tage lang kein Ägypter sich von der Stelle bewegen konnte; wo aber die Israeliten wohnten, da war es hell. Moses und Aaron gebieten allen Hausvätern, ein Lamm zu schlachten und es in der Nacht mit ungesäuertem Brot zu verzehren. In der gleichen Nacht werde ein Engel alle Erstgeburten der Ägypter töten. Das geschieht unter grossem Jammer und zwingt endlich den Pharao, die Israeliten aus dem Land zu lassen. Zur Erinnerung an diese Nacht feiern die Juden mit ungesäuerten Broten ihr Osterfest.

Gott selbst zieht in Gestalt einer Wolkensäule, die bei Nacht wie Feuer leuchtet vor den Israeliten her. Am Roten Meer werden sie vom Pharao mit einem gewaltigen Heer eingeholt. Moses streckt auf Geheiss des Herrn die Hand über das Meer, und das Wasser teilt sich, so dass die Israeliten wie zwischen Mauern hindurchmarschieren können. Der nachsetzende Pharao aber ertrinkt mit allen seinen Wagen und Reitern, nicht einer blieb übrig.

Nach drei Monaten gelangen die Israeliten an den Berg Sinai, auf den Gott herabkommt, um mit Moses persönlich zu verhandeln. Er bietet dem Volk einen Bund an, wenn man seine Gebote halte, und verkündigt unter Blitz, Donner und Posaunenschall die Zehn Gebote. Der Bund wird geschlossen, aber während Moses wieder auf dem Sinai verweilt, lässt sich Aaron bestimmen, ein goldenes Kalb zu giessen, dem das Volk Opfer bringt. Es gelingt Moses, den Zorn des Herrn zu beschwichtigen, und nun wird das Stiftszelt gebaut und der Gottesdienst in Ordnung gebracht. Nach Ablauf eines Jahres setzt sich das Volk wieder in Bewegung und kommt bis nahe an die Grenzen zu Kanaan. Josuah und Kalep werden mit zehn anderen Männern als Kundschafter in das Land geschickt. Josuah und Kalep bringen die berühmte Traube mit, die zehn anderen aber warnen vor den festen Städten und den riesigen Bewohnern. Das Volk murrt und spricht: "Wären wir doch in Ägypten geblieben oder kämen wir um in dieser Wüste." Der Herr will das rebellische Volk vertilgen und den Moses zum Fürsten über ein neues Volk machen. Er lässt sich aber nochmals erbitten und lädt den Israeliten nur die Strafe auf, dass sie noch vierzig Jahre in der Wüste wandern müssen, bis alle Väter in der Wüste umgekommen sind.

Moses stirbt, nachdem ihn Gott noch vom Berg Nebo das gelobte Land hat sehen lassen, und Josuah übernimmt die Führung. Am Jordan wiederholt sich das gleiche Wunder wie am Roten Meer, die Mauern von Jericho werden durch das Blasen der Posaunen umgestürzt, Sonne und Mond halten in ihrem Lauf ein, damit Josuah bei ... die Kanaaniter vollständig vernichten kann. Wir treten in die Zeit der Richter ein, unter denen Samson, Gideon und Samuel die bekanntesten sind. Auf Geheiss des Herrn wird Saul von Samuel zum König gesalbt. Ihm folgen David und Salomo, deren Kriegstaten und Friedenswerke zu bekannt sind, als dass ich mich dabei aufzuhalten nötig hätte. Damit ist aber auch die Glanzzeit Israels überschritten; es folgt die Teilung des Reichs zwischen Rehabeam, dem Sohne Salomos, dem nur Juda und Benjamin treu bleiben, während die anderen zehn Stämme unter Führung des Jeroboam das Reich Israel gründen. In beiden Reichen nimmt die Abgötterei wieder überhand und nun sendet der Herr Propheten, die Busse predigen, Wunder verrichten und Gottes Strafgericht verkünden.

In Israel war der König Ahab gottloser als alle Könige vor ihm. Er nahm die Heidin Jezabel zum Weibe, betete den Baal an und liess die Priester des Herrn töten. Elias droht ihm eine mehrjährige Dürre an, flieht nach Sarepta, wirkt grosse Wunder bei der Witwe, die ihn ernähren soll, verspottet die Baalspriester und fährt endlich, nachdem er noch viele Wunder gewirkt und Schüler herangebildet hat, in einem feurigen Wagen in den Himmel. Auch Elisa, sein Schüler, zeugt durch neue Wundertaten für den Gott Israels. Die Bären, von denen die 42 bösen Buben zerrissen wurden, haben auch mir noch einen heilsamen Schrecken eingejagt. Auch das war kein alltägliches Wunder, dass der tote, der auf Elisas Knochen geworfen wurde, das Leben wieder erlangte. Endlich brach über das Reich Israel die Strafe herein, die der Herr schon längst angekündigt hatte. Samanassa, der König von Assyrien, eroberte im Jahre 722 die Hauptstadt Samaria und führte die meisten Einwohner des Landes weg: der Name Israel verschwand aus der Geschichte.

Im reiche Juda war Jeajah der grösste Prophet. Er weissagte die Geburt, das Leben, Leiden und Sterben des Erlösers und seine Herrlichkeit so deutlich, und mit soviel Einzelheiten, als ab er ein Evangelist wäre. Dann trat Jeremias als Bussprediger auf, aber man hörte ihn nicht, und nun brach das Strafgericht auch über Juda herein. Nabuchodonosor, der König von Babylon, fiel um 600 in das Land ein, zerstörte Jerusalem und führte alle Einwohner, die nicht erschlagen oder durch Hunger umgekommen waren, in die Gefangenschaft nach Babylon. Hier blieben sie, bis ihnen der König Cyrus im Jahr 536 die Rückkehr gestattete. Immer klarer und deutlicher werden die Aussprüche der Propheten, die den Messias ankündigen. Daniel hatte sein Erscheinen so genau vorher gesagt, dass ihn die Juden um die Zeit des Herodes erwarteten, wenn auch viele glaubten, er werde ein irdisches Reich errichten. Wie die Voraussagen in Erfüllung gingen, wird uns in den Büchern des Neuen Testaments erzählt.

Es war nur ein magerer Auszug aus den Geschichten der Schulbibel, den ich zur Auffrischung eigener Schulerinnerung dem Leser geboten habe, und es ist wieder nur eine kleine Auswahl von Geschichten des Alten Testaments, die durch die Schulbibel zum Gemeingut der christlichen Konfessionen geworden sind. Von der unverkürzten Übersetzung des Alten Testaments wird jedenfalls in katholischen Kreisen kein Gebrauch gemacht, und über den Nutzen, den ihre Lektüre in evangelischen Laienkreisen zeitigen mag, habe ich hier kein Urteil zu fällen. Was ist aber das Geheimnis dieser Geschichten, dass sie sich unauslöschlich in die Seele brennen, und dass man - wie man sich auch später zu ihnen stellen mag - immer wieder zu ihnen zurückkehrt?

Vielleicht ist es gar nicht möglich, eine eindeutige Antwort zu geben, und ich habe viel zu viel gesagt. Aber mit Leuten, die niemals in ihrer Jugend den geheimnisvollen Zauber der biblischen Geschichten verspürt haben, brauche ich mich nicht auseinanderzusetzen. Ich nehme an, dass der Aufnahme des Bibelinhalts von keiner Seite Hindernisse bereitet wurden, und dass der Lehrer, wenn er die Geschichten erzählte, sie lebendig zu machen verstand. Ein phantasiebegabtes, lebhaft empfindendes und mitfühlendes Kind wird dann immer noch ganz anders bei der Sache sein als ein beschränkter, gefühlsarmer Mensch, dem alles Lernen und Nachdenken widerwärtig ist - vergessen und abschütteln wird sie auch dieser nicht.

Man braucht nicht Jude zu sein, um von den Taten Gottes am Volk Israel wie von einem grossen Schauspiel mitgerissen und erschüttert zu werden. Der ungeheure Ernst in der Folge der Begebenheiten, die Grösse der Frevel, die Schwere der Sühne, der Kampf gegen die Abgötterei, der sich als Grundakkord durch die ganze Geschichte zieht, dies alles verleiht den biblischen Erzählungen auch in der für Schulkinder zurecht gemachten Form eine unerhörte Wucht und Wirkung. Und doch liegt darin, wie mir scheint, für das kindliche Alter nicht ihr stärkster Zauber. Das Märchenhafte, Wunderbare in den Schicksalen eines Joseph, Moses, David, Daniel, das Fremdartige, Morgenländische Gewand, hat vielleicht noch grössere, mindestens unmittelbarere Wirkung. Dass aber nun diese Märchen keineswegs Märchen sein wollen, vielmehr als höchste geschichtliche religiöse Wahrheit hingenommen werden müssen, und dass den meisten Gegebenheiten eine geheime Symbolik innewohnt, die nur dem Christen nicht dem Juden zugänglich, das ist wohl der letzte und tiefste Grund für ihre unermessliche Wirkung. Wer denkt daran, zu fragen, ob sich die jüdische Überlieferung mit der sonst bezeugten Weltgeschichte im Einklang befindet? Ein Kind gewiss nicht, aber auch der grossen Masse der Erwachsenen ist es gleichgültig, was in Ägypten und Babylonien passiert ist, auch sie fragen nicht, wer Cyrus oder Antiochus war.

Geheimnisvoll kündigt sich im Neuen Testament das Erscheinen des Erlösers an. Dem frommen Zacharias verkündet der Erzengel Gabriel im Tempel, dass er einen Sohn bekommen werde, den er Johannes nennen solle. Weil er daran zweifelt, verliert er die Sprache und kann dem Volk nur durch Zeichen andeuten, dass er eine Erscheinung gehabt habe. Ein halbes Jahr später verkündet Gabriel der Jungfrau Maria, dass sie Gottes Sohn empfangen werde. Elisabeth bekommt den verheissenen Sohn und Zacharias erhält die Sprache wieder. Maria aber bringt in Bethlehem, der Stadt Davids, in einem Stall den Heiland zur Welt. Himmlische Heerscharen erscheinen den Hirten und verkündigen ihnen, dass das Heil der Welt geboren ist. Die Weisen aus dem Morgenland erscheinen in Jerusalem und erkundigen sich bei Herodes nach dem neugeborenen König der Juden; sie haben seinen Stern gesehen und wollen das Kind anbeten. Sie werden durch die Schriftgelehrten nach Bethlehem verwiesen, entdecken das Kind und opfern ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen, werden aber dann durch einen Traum gewarnt, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren. Joseph erhält den Befehl, mit Maria und dem Kind nach Ägypten zu fliehen. Herodes lässt alle Knaben in Bethlehem und Umgebung ermorden, die unter zwei Jahren alt sind. Nach dem Tod des Herodes erhält Joseph die Weisung, in die Heimat zurückzukehren. Er zieht nach Nazareth und hier wächst Jesus heran, seinem Nährvater Joseph gehorsam, bis Johannes seine Laufbahn als Bussprediger beginnt. Seine Anhänger bekennen ihre Sünden und lassen sich taufen, und auch Jesus verlangt die Taufe. Der Himmel öffnet sich, der Heilige Geist kommt in Gestalt einer Taube herab, und eine Stimme vom Himmel spricht: "Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich ein Wohlgefallen habe."

Nach der Taufe wird Jesus vom Heiligen Geist in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde. Jesus weist ihn dreimal zurück, dann kommen Engel herzu und dienen ihm. Er gewinnt die ersten Jünger und beginnt, nun öffentlich zu lehren und Wunder zu wirken. Er verwandelt Wasser in Wein, er treibt Teufel aus, heilt Kranke, erweckt Tote und speist grosse Mengen Volks mit fünf Broten und zwei Fischen. Er verkündet dem Petrus, dass er auf ihn seine Kirche bauen wolle, und dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden. Er übergibt ihm die Schlüssel des Himmelreichs, und die Gewalt, zu binden und zu lösen. Im dritten Jahre seines Wirkens beginnt er, zu seinen Jüngern von dem bevorstehenden Leiden und Sterben zu sprechen und hält acht Tage vor Ostern seinen Einzug in Jerusalem. Er wird von Judas verraten, gefangen, gegeiselt und zum Kreuzestod verurteilt. Bei seinem Tod kommt eine dreistündige Finsternis über das ganze Land, die Erde bebt, die Gräber öffnen sich und viele Leiber der Heiligen stehen auf und erscheinen in Jerusalem. Am dritten Tage steht Christus vom Tode auf, erscheint den Frauen und Jüngern, überträgt den Aposteln das Lehr- und Priesteramt und fährt am 40. Tage in den Himmel auf.

Zehn Tage danach sind die Jünger beim jüdischen Pfingstfest zum Beten versammelt. Es wird ein Brausen vom Himmel gehört, und man sieht, wie sich der Heilige Geist in Gestalt feuriger Zungen auf die Versammelten niederlässt. Petrus ermahnt die Juden, sich auf den Namen Christi taufen zu lassen, und es werden mehrere Tausend in die Kirche aufgenommen. Paulus wird aus einem Verfolger zum Bekenner des Christentums und predigt es den Heiden. Petrus wird Bischof von Rom und erleidet mit Paulus unter Nero den Märtyrertod, Rom wird unter den Nachfolgern des Petrus der Mittelpunkt der katholischen Kirche. In ihrer Geschichte erweist sich bis auf den heutigen Tag die göttliche Leitung; sie wird fortbestehen bis zur glorreichen Wiederkunft ihres göttlichen Stifters, mögen Irrwahn und Leidenschaft noch so heftig gegen sie ankämpfen und manche zum Abfall verleiten.

Wer könnte im Hinblick auf die Bibel so verwegen sein, die Verheissung des Messias aus dem Zusammenhang mit dem Volk Israel herauszulösen? Sind nicht alle grossen Gestalten und Ereignisse des Alten Testament Vorboten und Hinweise auf das Kommen des Heils? Steht nicht Maria, die Gottesmutter, schon bei der Vertreibung aus dem Paradies, vom Strahlenkreuz umgeben, als Verheissung am Himmel? Ist nicht Melsichedes Opfer von Brot und Wein ein Vorbild der hl. Messe, und der Ort, wo Jakob die Himmelsleiter sah, ein Sinnbild der katholischen Kirche? War nicht der Durchgang durch das Rote Meer ein Vorbild der hl. Taufe, und die eherne Schlange in der Wüste ein Vorbild des Kreuzes? Wurde nicht durch den Propheten Jonas, der drei Tage und Nächte im Bauche des Fisches weilte, der Aufenthalt Christi in der Hölle, und durch Elias' feurigen Wagen die Himmelfahrt Christi vorgebildet? Und ist nicht umgekehrt jede Geschichte, jede Lehre des Neuen Testaments an den Boden Palästinas und an die jüdische Überlieferung gebunden?

Auch für das Neue Testament, ja für dieses noch mehr wie für das Alte, sind mir die Bilder, die den Text begleiteten, die besten Wahrheitszeugen gewesen. Ich konnte mir die Verkündigungen des Engels Gabriel an Zacharias und an Maria nicht anders und anmutiger denken, als sie in meinem Bibelbuch dargestellt waren, und so viele Bilder ich von den Hirten zu Bethlehem, von den anbetenden Königen oder der Flucht nach Ägypten von den ersten Malern aller Zeiten gesehen habe, sie konnten die ersten, die ich in meiner Jugend sah, nicht aus dem herzen verdrängen. Und wie packend wirkten alle jene Bilder, die Christus als Wundertäter und Lehrer darstellten, das Bild von der Hochzeit zu Kana, zur Tempelreinigung, der Jüngling von Nain, die Büsserin Magdalena, der Sturm auf dem Meere, des Jairus Töchterlein und die Erweckung des Lazarus! Wie überzeugend war das Bild, wo Christus dem knieenden Petrus die beiden grossen Himmelsschlüssel übergibt und mit der Rechten auf die Kirche weist, die draussen im Meer auf einem Sturm umtobten Felsen steht! Wie jammerte mich der arme Lazarus, dem die Hunde die Geschwüre ableckten, und wie gönnte ich dem reichen Prasser, dass er in der Hölle solchen Durst leiden musste! Keine Erzählung konnte so unmittelbar, so eindringlich und erschütternd wirken, als dass, was ich aus den Bildern selbst ablesen konnte.

War das Alte Testament die Voraussetzung der Heilsbotschaft, so war diese die Grundlage der christlichen Kirche. Neben die biblische Geschichte trat nun aber auch der Katechismus mit der Erklärung der Glaubenswahrheiten, neben den Katechismus das Gesangbuch mit seinen Liedern und Andachten. Mit allen Sinnen aber nahm der Gottesdienst selbst in seinen Abwandlungen durch das Kirchenjahr die junge Seele gefangen. Hier wurde lebendig, was in den Büchern toter Buchstabe war, hier erlebte ich als Kind, glaubenseifrig und fromm, die Vorahnung himmlischer Herrlichkeit.

 


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© Julius Ruska 1937