Ist
das Elternhaus katholisch, so wächst das Kind in den
katholischen Vorstellungskreis und -brauch hinein, bevor
noch die Kirche mit ihrer erzieherischen Tätigkeit
einsetzt. Sind die Eltern Protestanten oder Juden, so
geschieht das gleiche: Noch ehe man zur Besinnung kommt,
sieht man die göttlichen Dinge so, wie sie sich im
Glauben und Brauch der Umgebung darstellen.
Von
katholischen Bräuchen war in unserem Haus nicht viel
zu bemerken. Es gab kein Weihwasserkesselchen und keine
Rosenkränze, auch hatten die kurzen Tisch- und
Abendgebete, die wir als Kinder sprachen, keine
katholische Färbung. Dass die Mutter öfters in
die Kirche ging als der Vater und wenigstens sonntags die
Frühmesse nicht versäumte, wunderte uns
ebensowenig, wie dass der Vater sich von dieser Pflicht
zu entbinden pflegte. Er hatte ja als Organist kirchliche
Verdienste auf Vorrat gesammelt und glaubte wohl, dass
das genug sei. Die Fastenkost an den Freitagen war uns
keine Last, im Gegenteil, wir hätten auch zwei oder
drei solche Fasttage jede Woche mit Wonne
begrüsst.
Von
protestantischer Frömmigkeit habe ich als Kind keine
Vorstellung gehabt, nur das Wort Mucker, das bei meinem
Vater neben Betbruder eine ihm verhasste Form von
Religionsübung bezeichnete, ist mir ziemlich
früh zu Ohren gekommen. Das evangelische Kirchlein,
das in einem versteckten Winkel der Stadt lag, konnte mir
keinen grossen Respekt vor dem Gott der Protestanten
einflössen.
Etwas
besser war ich mit Juden und jüdischen Dingen
bekannt. Meine Eltern waren mit vielen jüdischen
Familien bekannt und befreundet und erhielten nach
allgemeinem Brauch zur jüdischen Osterzeit ganze
Sendungen von Mazzes. Diese faden Kuchen waren für
uns Buben ein begehrter Leckerbissen. Sie kamen vom
Lehrer Jakob, von Riesens, von Wolffs und wer weiss von
wem noch mit freundlichen Empfehlungen, und es wäre
eine Beleidigung gewesen, sie zurückzuweisen. Aber
warum hatten Juden zu einer anderen Zeit Ostern als wir,
und warum hatten sie keinen Osterhasen? Warum fing bei
ihnen das Neujahr im September an, und warum feierten sie
den Sonntag schon am Schabbes? Warum hatte die Synagoge
keinen Kirchturm und keine Glocken, und was bedeuteten
die vergoldeten hebräischen Buchstaben?
Dass
die Juden ein fremdes und oft verhasstes Element waren,
dass man sich über sie lustig machte und ihnen doch
nicht über den Weg traute, war mir nicht verborgen
geblieben. Wenn ich auch in Bühl nur wohlhabende und
geachtete Judenfamilien kannte, die Geschichten, die mir
aus dem Nebel geläufig waren, zeigten doch ein ganz
anderes Gesicht. Wo kamen die Juden her, und warm wurden
sie als fremd und lästig empfunden?
Die
Antwort gab die Religionsstunde. Kein Buch, das ich in
jungen Jahren in die Hand bekam, konnte sich an Wirkung
mit dem Auszug aus dem Alten und Neuen Testament messen,
der mich durch die Schule begleitete, keine Art von
Bildern hat so tief auf mein empfängliches
Gemüt gewirkt als die schlichten Illustrationen der
Schuster'schen Schulbibel. Natürlich wusste ich
schon vorher, dass der Himmel mit den Sternen und die
Erde mit allem Zubehör vom lieben Gott erschaffen
war, und ebenso war mir klar, dass die braven Menschen in
den Himmel und die bösen in die Hölle kommen
mussten. Aber jetzt lernte ich ganz genau, was sich von
Anbeginn der Schöpfung auf der Erde zugetragen
hatte, und ich sah, welche Rolle das auserwählte
Volk in der Geschichte des Menschengeschlechts und im
göttlichen Heilsplan spielte.
Ich
muss den Leser um Geduld bitten, wenn ich hier
ausführlich von Dingen rede, die auch ihm bekannt
sind. Aber ich werde später darüber zu
berichten haben, wie ich in das fromme Vertrauen auf die
Wahrheit des biblischen Berichts die Zweifel
einschlichen, und den Glauben untergruben.
Nachdem
Himmel und Erde geschaffen waren, lag noch Finsternis
über dem Abgrund. Gott sprach "Es werde Licht", und
es ward Licht; er nannte das Licht Tag und die Finsternis
Nacht, und so entstand der erste Tag. Am dritten trennte
er Erde und Meer und liess die Pflanzen wachsen, am
vierten setzte er Sonne, Mond und Sterne an den Himmel,
am fünften machte er die Fische und die Vögel,
am sechsten alle anderen Tiere, und nach seinem eignen
Bilde das erste Menschenpaar. Am siebten Tage ruhte er
und fand, dass alles sehr gut sei, was er gemacht hatte.
Das erste Bild, das die Schulbibel enthielt, zeigte das
aufs Deutlichste: Gott sass dort in Gestalt eines alten
Mannes auf einer Wolke und legte die Hände in den
Schoss; hinter sich hatte er eine grosse leuchtende
Scheibe, zu beiden Seiten einen Chor von Engeln, die das
Credo sangen, unter sich die junge Schöpfung mit
Adam und Eva. Auch die Schlange sah man schon, behaglich
um einen Palmstamm gewickelt.
An
einem der sechs Tage mussten auch die Engel erschaffen
worden sein, sonst hätten sie ja nicht auf der Wolke
stehen, singen und Harfe spielen können.
Unbegreiflich war mir, dass Engel aus lauter Hochmut
miteinander Streit anfangen konnten, und es hat mich mit
tiefer Befriedigung erfüllt, dass der Erzengel
Michael mit Schild und hochgeschwungenem Schwert den in
einen hässlichen Teufel verwandelten, feuerspeienden
Luzifer kopfüber in die Hölle
stürzte.
Es war
eine harte Strafe, dass Adam und Eva wegen des einen
verbotenen Apfels aus dem Paradies vertrieben wurden,
doch härter aber, dass Gott die Erde samt allem, was
darauf war, gleich mit verfluchte. Als Kind habe ich
keine Kritik daran geübt, vielleicht schlug mir
selber das Gewissen, was die Äpfel anlangt - aber
heute bin ich doch versucht, zu fragen, ob diese ganze
Schöpfung wirklich so sehr gut war, wenn sie bei der
ersten Belastungsprobe gleich versagte und verworfen
wurde.
Ich
lernte weiter, dass Kain aus Neid seinen Bruder Abel
erschlug, und dass die Schlechtigkeit der Menschen immer
mehr zunahm, bis es den Herrn reute, sie geschaffen zu
haben, und er sie durch die Sintflut zu vertilgen
beschloss. Der einzige Mann, der noch mit Gott wandelte,
war Noah, der Engel des Methusalem. Er erhielt den
Befehl, die Arche zu bauen, 300 Ellen lang, 50 Ellen
breit und 30 Ellen hoch, mit drei Stockwerken und einem
Fenster, von einer Elle Durchmesser. Als der grosse Regen
über die Menschheit hereinbrechen sollte, stieg er
mit seiner Familie in die Arche und nahm zugleich von
jeder Art Tiere ein Paar, von den reinen aber sieben
Paare mit. Ein Bild stellte den Einzug der Tiere in die
Arche dar, und ich weiss noch ganz gut, wie sehr mir die
Elefanten, Giraffen und Känguruhs in diesem Zug
gefallen haben.
Nachdem
sich die Flut verlaufen hatte, brachte Noah dem Herrn ein
Opfer von allen reinen Tieren dar. Der Herr roch den
lieblichen Geruch - so steht es im Original - und sprach
in seinem Herzen: "Ich will hinfort nicht mehr die Erde
verfluchen, um der Menschen willen, denn das Dichten des
menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und
ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebet,
wie ich getan habe. Solange die Erde stehet, soll nicht
aufhören Same und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und
Winter, Tag und Nacht." Dann schloss er einen Bund mit
Noah und seinen Nachkommen, fruchtbar zu sein und sich zu
mehren, dass die Erde wieder voller Menschen würde,
und als Zeichen des Bundes setzte er einen Regenbogen an
den Himmel.
Anfangs
hatten die Nachkommen der Söhne Noah noch keinerlei
Zunge und Sprache. Als aber die Menschen gegen Morgen
zogen, fanden sie ein ebenes Land und wohnten daselbst
und sprachen: "Lasset uns eine Stadt und einen Turm
bauen, dess die Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir
uns einen Namen machen." Da fuhr der Herr hernieder, dass
er die Stadt und den Turm sähe, und verwirrte ihre
Sprache und zerstreute sie in alle Länder. In der
Schulbibel wird die Geschichte von Noahs Opfer und vom
Turmbau mit etwas anderen Worten erzählt - warum,
ist mir erst viel später klar geworden.
Wir
sind jetzt mit der Urgeschichte am Ende und treten in die
Zeit der Erzväter ein. Über Abraham, Isaak und
Jakob weiss der Leser Bescheid, auch von Josephs
wunderbaren Schicksalen am Hofe des Pharao brauche ich
nichts zu sagen. Die Kinder Israels gedeihen in
Ägypten so gut und vermehren sich so unheimlich,
dass der neue Pharao ihre Unterdrückung beschliesst.
Er lässt sie in Konzentrationslager bringen, wo sie
schwer arbeiten und Ziegel streichen müssen. Da die
Vermehrung auch damit nicht aufzuhalten ist, sollen alle
neugeborenen Knäblein in den Nil geworfen werden.
Der kleine Moses wird von der Tochter des Pharao gerettet
und sorgfältig erzogen. Mit seiner Berufung beginnt
ein neuer Abschnitt in der Geschichte Israels.
Der
Herr erscheint Moses im Lande Midian in einem brennenden
Dornbusch und erteilt ihm den Auftrag, vom Pharao die
Freilassung der Israeliten zu fordern. Da der Pharao sich
weigert, werden zehn Plagen über Ägypten
verhängt, eine schrecklicher als die andere, zuletzt
eine greuliche Finsternis, so dass drei Tage lang kein
Ägypter sich von der Stelle bewegen konnte; wo aber
die Israeliten wohnten, da war es hell. Moses und Aaron
gebieten allen Hausvätern, ein Lamm zu schlachten
und es in der Nacht mit ungesäuertem Brot zu
verzehren. In der gleichen Nacht werde ein Engel alle
Erstgeburten der Ägypter töten. Das geschieht
unter grossem Jammer und zwingt endlich den Pharao, die
Israeliten aus dem Land zu lassen. Zur Erinnerung an
diese Nacht feiern die Juden mit ungesäuerten Broten
ihr Osterfest.
Gott
selbst zieht in Gestalt einer Wolkensäule, die bei
Nacht wie Feuer leuchtet vor den Israeliten her. Am Roten
Meer werden sie vom Pharao mit einem gewaltigen Heer
eingeholt. Moses streckt auf Geheiss des Herrn die Hand
über das Meer, und das Wasser teilt sich, so dass
die Israeliten wie zwischen Mauern hindurchmarschieren
können. Der nachsetzende Pharao aber ertrinkt mit
allen seinen Wagen und Reitern, nicht einer blieb
übrig.
Nach
drei Monaten gelangen die Israeliten an den Berg Sinai,
auf den Gott herabkommt, um mit Moses persönlich zu
verhandeln. Er bietet dem Volk einen Bund an, wenn man
seine Gebote halte, und verkündigt unter Blitz,
Donner und Posaunenschall die Zehn Gebote. Der Bund wird
geschlossen, aber während Moses wieder auf dem Sinai
verweilt, lässt sich Aaron bestimmen, ein goldenes
Kalb zu giessen, dem das Volk Opfer bringt. Es gelingt
Moses, den Zorn des Herrn zu beschwichtigen, und nun wird
das Stiftszelt gebaut und der Gottesdienst in Ordnung
gebracht. Nach Ablauf eines Jahres setzt sich das Volk
wieder in Bewegung und kommt bis nahe an die Grenzen zu
Kanaan. Josuah und Kalep werden mit zehn anderen
Männern als Kundschafter in das Land geschickt.
Josuah und Kalep bringen die berühmte Traube mit,
die zehn anderen aber warnen vor den festen Städten
und den riesigen Bewohnern. Das Volk murrt und spricht:
"Wären wir doch in Ägypten geblieben oder
kämen wir um in dieser Wüste." Der Herr will
das rebellische Volk vertilgen und den Moses zum
Fürsten über ein neues Volk machen. Er
lässt sich aber nochmals erbitten und lädt den
Israeliten nur die Strafe auf, dass sie noch vierzig
Jahre in der Wüste wandern müssen, bis alle
Väter in der Wüste umgekommen sind.
Moses
stirbt, nachdem ihn Gott noch vom Berg Nebo das gelobte
Land hat sehen lassen, und Josuah übernimmt die
Führung. Am Jordan wiederholt sich das gleiche
Wunder wie am Roten Meer, die Mauern von Jericho werden
durch das Blasen der Posaunen umgestürzt, Sonne und
Mond halten in ihrem Lauf ein, damit Josuah bei ... die
Kanaaniter vollständig vernichten kann. Wir treten
in die Zeit der Richter ein, unter denen Samson, Gideon
und Samuel die bekanntesten sind. Auf Geheiss des Herrn
wird Saul von Samuel zum König gesalbt. Ihm folgen
David und Salomo, deren Kriegstaten und Friedenswerke zu
bekannt sind, als dass ich mich dabei aufzuhalten
nötig hätte. Damit ist aber auch die Glanzzeit
Israels überschritten; es folgt die Teilung des
Reichs zwischen Rehabeam, dem Sohne Salomos, dem nur Juda
und Benjamin treu bleiben, während die anderen zehn
Stämme unter Führung des Jeroboam das Reich
Israel gründen. In beiden Reichen nimmt die
Abgötterei wieder überhand und nun sendet der
Herr Propheten, die Busse predigen, Wunder verrichten und
Gottes Strafgericht verkünden.
In
Israel war der König Ahab gottloser als alle
Könige vor ihm. Er nahm die Heidin Jezabel zum
Weibe, betete den Baal an und liess die Priester des
Herrn töten. Elias droht ihm eine mehrjährige
Dürre an, flieht nach Sarepta, wirkt grosse Wunder
bei der Witwe, die ihn ernähren soll, verspottet die
Baalspriester und fährt endlich, nachdem er noch
viele Wunder gewirkt und Schüler herangebildet hat,
in einem feurigen Wagen in den Himmel. Auch Elisa, sein
Schüler, zeugt durch neue Wundertaten für den
Gott Israels. Die Bären, von denen die 42 bösen
Buben zerrissen wurden, haben auch mir noch einen
heilsamen Schrecken eingejagt. Auch das war kein
alltägliches Wunder, dass der tote, der auf Elisas
Knochen geworfen wurde, das Leben wieder erlangte.
Endlich brach über das Reich Israel die Strafe
herein, die der Herr schon längst angekündigt
hatte. Samanassa, der König von Assyrien, eroberte
im Jahre 722 die Hauptstadt Samaria und führte die
meisten Einwohner des Landes weg: der Name Israel
verschwand aus der Geschichte.
Im
reiche Juda war Jeajah der grösste Prophet. Er
weissagte die Geburt, das Leben, Leiden und Sterben des
Erlösers und seine Herrlichkeit so deutlich, und mit
soviel Einzelheiten, als ab er ein Evangelist wäre.
Dann trat Jeremias als Bussprediger auf, aber man
hörte ihn nicht, und nun brach das Strafgericht auch
über Juda herein. Nabuchodonosor, der König von
Babylon, fiel um 600 in das Land ein, zerstörte
Jerusalem und führte alle Einwohner, die nicht
erschlagen oder durch Hunger umgekommen waren, in die
Gefangenschaft nach Babylon. Hier blieben sie, bis ihnen
der König Cyrus im Jahr 536 die Rückkehr
gestattete. Immer klarer und deutlicher werden die
Aussprüche der Propheten, die den Messias
ankündigen. Daniel hatte sein Erscheinen so genau
vorher gesagt, dass ihn die Juden um die Zeit des Herodes
erwarteten, wenn auch viele glaubten, er werde ein
irdisches Reich errichten. Wie die Voraussagen in
Erfüllung gingen, wird uns in den Büchern des
Neuen Testaments erzählt.
Es war
nur ein magerer Auszug aus den Geschichten der
Schulbibel, den ich zur Auffrischung eigener
Schulerinnerung dem Leser geboten habe, und es ist wieder
nur eine kleine Auswahl von Geschichten des Alten
Testaments, die durch die Schulbibel zum Gemeingut der
christlichen Konfessionen geworden sind. Von der
unverkürzten Übersetzung des Alten Testaments
wird jedenfalls in katholischen Kreisen kein Gebrauch
gemacht, und über den Nutzen, den ihre Lektüre
in evangelischen Laienkreisen zeitigen mag, habe ich hier
kein Urteil zu fällen. Was ist aber das Geheimnis
dieser Geschichten, dass sie sich unauslöschlich in
die Seele brennen, und dass man - wie man sich auch
später zu ihnen stellen mag - immer wieder zu ihnen
zurückkehrt?
Vielleicht
ist es gar nicht möglich, eine eindeutige Antwort zu
geben, und ich habe viel zu viel gesagt. Aber mit Leuten,
die niemals in ihrer Jugend den geheimnisvollen Zauber
der biblischen Geschichten verspürt haben, brauche
ich mich nicht auseinanderzusetzen. Ich nehme an, dass
der Aufnahme des Bibelinhalts von keiner Seite
Hindernisse bereitet wurden, und dass der Lehrer, wenn er
die Geschichten erzählte, sie lebendig zu machen
verstand. Ein phantasiebegabtes, lebhaft empfindendes und
mitfühlendes Kind wird dann immer noch ganz anders
bei der Sache sein als ein beschränkter,
gefühlsarmer Mensch, dem alles Lernen und Nachdenken
widerwärtig ist - vergessen und abschütteln
wird sie auch dieser nicht.
Man
braucht nicht Jude zu sein, um von den Taten Gottes am
Volk Israel wie von einem grossen Schauspiel mitgerissen
und erschüttert zu werden. Der ungeheure Ernst in
der Folge der Begebenheiten, die Grösse der Frevel,
die Schwere der Sühne, der Kampf gegen die
Abgötterei, der sich als Grundakkord durch die ganze
Geschichte zieht, dies alles verleiht den biblischen
Erzählungen auch in der für Schulkinder zurecht
gemachten Form eine unerhörte Wucht und Wirkung. Und
doch liegt darin, wie mir scheint, für das kindliche
Alter nicht ihr stärkster Zauber. Das
Märchenhafte, Wunderbare in den Schicksalen eines
Joseph, Moses, David, Daniel, das Fremdartige,
Morgenländische Gewand, hat vielleicht noch
grössere, mindestens unmittelbarere Wirkung. Dass
aber nun diese Märchen keineswegs Märchen sein
wollen, vielmehr als höchste geschichtliche
religiöse Wahrheit hingenommen werden müssen,
und dass den meisten Gegebenheiten eine geheime Symbolik
innewohnt, die nur dem Christen nicht dem Juden
zugänglich, das ist wohl der letzte und tiefste
Grund für ihre unermessliche Wirkung. Wer denkt
daran, zu fragen, ob sich die jüdische
Überlieferung mit der sonst bezeugten Weltgeschichte
im Einklang befindet? Ein Kind gewiss nicht, aber auch
der grossen Masse der Erwachsenen ist es
gleichgültig, was in Ägypten und Babylonien
passiert ist, auch sie fragen nicht, wer Cyrus oder
Antiochus war.
Geheimnisvoll
kündigt sich im Neuen Testament das Erscheinen des
Erlösers an. Dem frommen Zacharias verkündet
der Erzengel Gabriel im Tempel, dass er einen Sohn
bekommen werde, den er Johannes nennen solle. Weil er
daran zweifelt, verliert er die Sprache und kann dem Volk
nur durch Zeichen andeuten, dass er eine Erscheinung
gehabt habe. Ein halbes Jahr später verkündet
Gabriel der Jungfrau Maria, dass sie Gottes Sohn
empfangen werde. Elisabeth bekommt den verheissenen Sohn
und Zacharias erhält die Sprache wieder. Maria aber
bringt in Bethlehem, der Stadt Davids, in einem Stall den
Heiland zur Welt. Himmlische Heerscharen erscheinen den
Hirten und verkündigen ihnen, dass das Heil der Welt
geboren ist. Die Weisen aus dem Morgenland erscheinen in
Jerusalem und erkundigen sich bei Herodes nach dem
neugeborenen König der Juden; sie haben seinen Stern
gesehen und wollen das Kind anbeten. Sie werden durch die
Schriftgelehrten nach Bethlehem verwiesen, entdecken das
Kind und opfern ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen, werden
aber dann durch einen Traum gewarnt, nicht mehr zu
Herodes zurückzukehren. Joseph erhält den
Befehl, mit Maria und dem Kind nach Ägypten zu
fliehen. Herodes lässt alle Knaben in Bethlehem und
Umgebung ermorden, die unter zwei Jahren alt sind. Nach
dem Tod des Herodes erhält Joseph die Weisung, in
die Heimat zurückzukehren. Er zieht nach Nazareth
und hier wächst Jesus heran, seinem Nährvater
Joseph gehorsam, bis Johannes seine Laufbahn als
Bussprediger beginnt. Seine Anhänger bekennen ihre
Sünden und lassen sich taufen, und auch Jesus
verlangt die Taufe. Der Himmel öffnet sich, der
Heilige Geist kommt in Gestalt einer Taube herab, und
eine Stimme vom Himmel spricht: "Dies ist mein geliebter
Sohn, an dem ich ein Wohlgefallen habe."
Nach
der Taufe wird Jesus vom Heiligen Geist in die Wüste
geführt, damit er vom Teufel versucht würde.
Jesus weist ihn dreimal zurück, dann kommen Engel
herzu und dienen ihm. Er gewinnt die ersten Jünger
und beginnt, nun öffentlich zu lehren und Wunder zu
wirken. Er verwandelt Wasser in Wein, er treibt Teufel
aus, heilt Kranke, erweckt Tote und speist grosse Mengen
Volks mit fünf Broten und zwei Fischen. Er
verkündet dem Petrus, dass er auf ihn seine Kirche
bauen wolle, und dass die Pforten der Hölle sie
nicht überwältigen werden. Er übergibt ihm
die Schlüssel des Himmelreichs, und die Gewalt, zu
binden und zu lösen. Im dritten Jahre seines Wirkens
beginnt er, zu seinen Jüngern von dem bevorstehenden
Leiden und Sterben zu sprechen und hält acht Tage
vor Ostern seinen Einzug in Jerusalem. Er wird von Judas
verraten, gefangen, gegeiselt und zum Kreuzestod
verurteilt. Bei seinem Tod kommt eine dreistündige
Finsternis über das ganze Land, die Erde bebt, die
Gräber öffnen sich und viele Leiber der
Heiligen stehen auf und erscheinen in Jerusalem. Am
dritten Tage steht Christus vom Tode auf, erscheint den
Frauen und Jüngern, überträgt den Aposteln
das Lehr- und Priesteramt und fährt am 40. Tage in
den Himmel auf.
Zehn
Tage danach sind die Jünger beim jüdischen
Pfingstfest zum Beten versammelt. Es wird ein Brausen vom
Himmel gehört, und man sieht, wie sich der Heilige
Geist in Gestalt feuriger Zungen auf die Versammelten
niederlässt. Petrus ermahnt die Juden, sich auf den
Namen Christi taufen zu lassen, und es werden mehrere
Tausend in die Kirche aufgenommen. Paulus wird aus einem
Verfolger zum Bekenner des Christentums und predigt es
den Heiden. Petrus wird Bischof von Rom und erleidet mit
Paulus unter Nero den Märtyrertod, Rom wird unter
den Nachfolgern des Petrus der Mittelpunkt der
katholischen Kirche. In ihrer Geschichte erweist sich bis
auf den heutigen Tag die göttliche Leitung; sie wird
fortbestehen bis zur glorreichen Wiederkunft ihres
göttlichen Stifters, mögen Irrwahn und
Leidenschaft noch so heftig gegen sie ankämpfen und
manche zum Abfall verleiten.
Wer
könnte im Hinblick auf die Bibel so verwegen sein,
die Verheissung des Messias aus dem Zusammenhang mit dem
Volk Israel herauszulösen? Sind nicht alle grossen
Gestalten und Ereignisse des Alten Testament Vorboten und
Hinweise auf das Kommen des Heils? Steht nicht Maria, die
Gottesmutter, schon bei der Vertreibung aus dem Paradies,
vom Strahlenkreuz umgeben, als Verheissung am Himmel? Ist
nicht Melsichedes Opfer von Brot und Wein ein Vorbild der
hl. Messe, und der Ort, wo Jakob die Himmelsleiter sah,
ein Sinnbild der katholischen Kirche? War nicht der
Durchgang durch das Rote Meer ein Vorbild der hl. Taufe,
und die eherne Schlange in der Wüste ein Vorbild des
Kreuzes? Wurde nicht durch den Propheten Jonas, der drei
Tage und Nächte im Bauche des Fisches weilte, der
Aufenthalt Christi in der Hölle, und durch Elias'
feurigen Wagen die Himmelfahrt Christi vorgebildet? Und
ist nicht umgekehrt jede Geschichte, jede Lehre des Neuen
Testaments an den Boden Palästinas und an die
jüdische Überlieferung gebunden?
Auch
für das Neue Testament, ja für dieses noch mehr
wie für das Alte, sind mir die Bilder, die den Text
begleiteten, die besten Wahrheitszeugen gewesen. Ich
konnte mir die Verkündigungen des Engels Gabriel an
Zacharias und an Maria nicht anders und anmutiger denken,
als sie in meinem Bibelbuch dargestellt waren, und so
viele Bilder ich von den Hirten zu Bethlehem, von den
anbetenden Königen oder der Flucht nach Ägypten
von den ersten Malern aller Zeiten gesehen habe, sie
konnten die ersten, die ich in meiner Jugend sah, nicht
aus dem herzen verdrängen. Und wie packend wirkten
alle jene Bilder, die Christus als Wundertäter und
Lehrer darstellten, das Bild von der Hochzeit zu Kana,
zur Tempelreinigung, der Jüngling von Nain, die
Büsserin Magdalena, der Sturm auf dem Meere, des
Jairus Töchterlein und die Erweckung des Lazarus!
Wie überzeugend war das Bild, wo Christus dem
knieenden Petrus die beiden grossen Himmelsschlüssel
übergibt und mit der Rechten auf die Kirche weist,
die draussen im Meer auf einem Sturm umtobten Felsen
steht! Wie jammerte mich der arme Lazarus, dem die Hunde
die Geschwüre ableckten, und wie gönnte ich dem
reichen Prasser, dass er in der Hölle solchen Durst
leiden musste! Keine Erzählung konnte so
unmittelbar, so eindringlich und erschütternd
wirken, als dass, was ich aus den Bildern selbst ablesen
konnte.
War das
Alte Testament die Voraussetzung der Heilsbotschaft, so
war diese die Grundlage der christlichen Kirche. Neben
die biblische Geschichte trat nun aber auch der
Katechismus mit der Erklärung der
Glaubenswahrheiten, neben den Katechismus das Gesangbuch
mit seinen Liedern und Andachten. Mit allen Sinnen aber
nahm der Gottesdienst selbst in seinen Abwandlungen durch
das Kirchenjahr die junge Seele gefangen. Hier wurde
lebendig, was in den Büchern toter Buchstabe war,
hier erlebte ich als Kind, glaubenseifrig und fromm, die
Vorahnung himmlischer Herrlichkeit.