Siebzehntes Kapitel.

Von Schelmenstreichen und Kalendergeschichten, Heldentaten und Märchen.

 

Aus Bildern hatte sich mir schon früh eine Welt aufgebaut, die über den Kreis der eigenen Erfahrung weit hinaus reichte. Der Leidenschaft, jedes Buch nach Bildern zu durchsuchen, folgte die Leidenschaft des Lesens auf dem Fusse nach. Ist mit der Lesefertigkeit erst einmal auch die Lust am Lesen erwacht, so gibt es keine Schranken und Hemmungen mehr, es kommt nur noch darauf an, was der jugendliche Drang zuerst erfasst und was ihm erreichbar ist. Die Bilder, die das gedruckte Wort hervorzaubert, begleiten den über das Buch gebeugten, atemlos von einer Seite zur anderen fliegenden oder nachdenklich bei einer Szene verweilenden Leser wie ein farbiger Film, und er erlebt Schelmenstreiche und Reiseabenteuer, Märchenzauber und Ritterromantik, als ob er selber der Held aller dieser Taten und Schicksale wäre.

Was ich in den unteren Schulklassen zu lesen bekam, hat mir, von der biblischen Geschichte abgesehen, keinen tieferen Eindruck hinterlassen. Dabei zu sitzen und zuzuhören, wie das gleiche Lesestück immer wieder von ungeübten Lippen buchstabiert, gestammelt oder hergeleiert wurde, musste mir tödlich langweilig erscheinen. Zu Hause konnte ich mir die Lesekost nach eigenem Geschmack aussuchen und mein eigenes Tempo einhalten.

Die ersten literarischen Schätze, die ich mein eigen nannte, waren zwei kleine Bändchen, das eine mit der Geschichte der Heiligen Genovefa, das andere mit der des frommen Anton, eines Musterknaben, dessen Schicksale mir leider nicht mehr gegenwärtig sind. Sie waren mir vom Christkind unter den Weihnachtsbaum gelegt worden, und ich zweifle nicht, dass ich fest entschlossen war, es dem Anton an Frömmigkeit und Bravheit gleichzutun. Ein anderes kleines Buch, das Jagdabenteuer mit Löwen, Tigern, Elefanten und Riesenschlangen beschrieb, hat keine entsprechenden Entschlüsse gezeitigt, da mir diese Beschäftigung doch wohl zu gefährlich erschien. Umso lebendiger sind meine Erinnerungen an Johann Peter Hebels Geschichte, und ich muss um Nachsicht bitten, wenn es mich lockt, etwas länger dabei zu verweilen.

Meinem Vater hatte man in Meersburg die Grofehusemer Mundart so gründlich angewöhnt, dass er sich in der Schule nur der hochdeutschen Sprache bediente. Wer feine Ohren hatte, wird herausgehört haben, dass das edle Reis der badischen Amtssprache auf einen alemannischen Wildling aufgepfropft war, und dass der Mann die Wurzeln seines Wesens nicht verleugnen konnte. Die Mutter brauchte sich im Verkehr weniger Zwang anzutun. Wenn sie auch nicht die breite Mundart ihrer Heimat sprach, ihre Rede hatte doch einen anderen und süsseren Klang als das Bühler Gassendeutsch, und ich konnte den Dialekt ganz unverfälscht hören und verstehen lernen, wenn Besuch aus Mahlberg oder Grafenhausen kam. Nur war ja in Peter Hebel ein Heimatdichter erstanden, der in seinen Gedichten ein Bild des alemannischen Wesens, seiner Versonnenheit und Gemütstiefe, seiner Schalkhaftigkeit und Naturverbundenheit hatte erstehen lassen, das in allen herzen lebendigen Widerhall weckte, die an der alten Heimat hingen. Meine Mutter wusste viele Strophen aus Hebels Gedichten auswendig, und es gehörte zu meinen frühesten Leistungen, dass auch ich sie hersagen lernte:

Lueg, Müeterli, was isch im Mo?

He, siehschs denn nit, e Ma!

Jo wegerli, i sieh ne scho,

Er hat e Tschäbli a! ...

 

Was het er bosget Müetterli?

Wer het en bannt dörthi?

Me het egseit der Dieterli,

E Nütznutz isch er gsi!

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Mann im Mond? Wer kennt nicht den Wächterruf und die Schilderung des Winters, wer vergässe das Spinnlein, wie's zarte Fäde zwirne cha, oder den Wegweiser zum Gulden, der de rothe Chrüzere no geht?

Es kann nicht lang gedauert haben, bis ich mich des Hebelbandes bemächtigte, der auf dem Bücherbrett stand, und hinter den schwerlesbaren Gedichten die Kalendergeschichten des Rheinländischen Hausfreunds entdeckte, um nicht mehr von ihnen loszukommen. Ich habe der Lockung nicht widerstehen können, sie jetzt alle noch einmal durchzulesen, die Spitzbubengeschichten und Wirtshausschwänke, die Unglücksfälle und die Weltbegebenheiten, aber auch die Naturschilderungen und die guten Ratschläge, um mir über Hebels Darstellungskunst Rechenschaft zu geben, mir darüber klar zu werden, worin der unvergängliche Reiz dieser Dinge liegt. Vielleicht hat nicht jeder die gleiche Empfänglichkeit dafür, vielleicht muss man zwischen Basel, Ulm und Strassburg zu Hause sein, um die ganz zu geniessen - denn dass die schönsten Geschichten in Schliengen oder Krotzingen, in Kehl oder in einem Dorf an der Donau herwärts Ulm passieren, und dass man in Emmendingen oder Gundelfingen so gut als in Amsterdam Gelegenheit finden kann, Betrachtungen über den Unbestand der irdischen Dinge anzustellen, das gibt allem gleich einen heimeligen Klang. Und dennoch kann das nicht der letzte Grund sein, die Anekdoten stammen ja aus allen Ecken der Welt. Es ist die unnachahmliche Sprache, die den Leser mitten in die Handlung setzt und ihn in atemloser Spannung hält, bis die witzige oder rührende, glückliche oder tragische Entscheidung kommt. Ich hätte gerne Beispiele gegeben, vor allem von den Streichen des Zundel-Heiner und des roten Dieter, oder wie eine gräuliche Geschichte durch einen gemeinen Metzgerhund ist an das Tageslicht gebracht worden, und wie einmal ein schönes Ross um fünf Prügel feil gewesen ist, vielleicht auch etwas von durstigen Handwerksburschen und schlauen Bedienten, von betrogenen Krämern und listigen Juden, von unschuldig Gehenkten und klugen Richtern, vom Kaiser Joseph und vom Kaiser Napoleon, aber die Wahl tut einem weh, und ich käme an kein Ende. Nicht alles eignet sich für Kinder, was der Rheinländische Hausfreund erzählt, aber ein Kindergemüt gleitet über Krieg und Tod, Verbrechen und Schurkentaten so leicht hinweg, wie über harmlose Scherze, und ich bin überzeugt, dass ich ohne schweren Schaden an meiner Seele davongekommen bin.

Ein anderes Buch, der erste Jahrgang einer von O. Mylius seit 1865 herausgegebenen Zeitschrift, die sich etwas umständlich als "Hausmannskost für Geist und Herz, Illustriertes Volks- und Unterhaltungsblatt zu Lust und Lehre für Leser aller Stände" vorstellte, war aus dem Nachlass des Dr. Walchner in unser Haus gekommen und ist für mich eine literarische Schatzkammer geworden, der ich unendliche Stunden andächtigen Genusses verdankte. Diese Hausmannskost vereinigte alles in sich, was einen nicht mehr ganz ungebildeten Gaumen befriedigen konnte: Geographie und Völkerkunde, Naturgeschichte und Kunstdenkmäler: Bilder und Aufsätze über das Nest des Talegalla und den Papst Pius in Nemi, über die Parsen in Ostindien und eine Stadt der Präriehunde in Nordamerika, über den Triumphbogen des Titus und das Tote Meer, über das Hospitz auf dem St. Bernhard und das Tierleben im amerikanischen Urwald. Vor allem aber fesselten mich vier Geschichten, die sich in Fortsetzungen durch das ganze Buch zogen, Meisterwerke der Erzählkunst, die ich so oft gelesen habe, dass ich sie fast auswendig wusste.

Die grösste, die sich in Fortsetzungen durch das ganze Buch zog, hatte die Belagerung von Wien zum Hintergrund und die wunderbaren Abenteuer und Heldentaten eines edlen Jünglings zum Gegenstand. Wir lernen ihn zuerst als Büchsenschütz oder Arkeboussier kennen, wie er auf einer kleinen Feldbefestigung gegen Eisenstadt mit seinen scharfen Augen eine türkische Streife entdeckt, die über die Leitha zu setzen versucht. Der Hauptmann, eine alte Schlafmütze, wird alarmiert, sieht aber nichts, auch die Wache zieht es vor, weiterzuschlafen. Fridolin - so heisst der Wackere - bleibt auf dem Posten und feuert einen Kanonenschuss ab, nachdem er die Reiter an der Leitha wieder entdeckt hat. Mit Kanonen zu schiessen ist streng verboten, der Schütze wird also wegen Insubordination vor das Kriegsgericht in Wien geführt. Auf dem Weg begegnet der Zug mit dem Gefangenen dem Bischof Graf Kollonitsch. Dieser wundert sich über die ritterliche Haltung des Gefangenen, fragt nach seiner Schuld und verspricht ihm nach Feststellung des Tatbestandes, falls es zum Äussersten käme, für ihn einzutreten.

Fridolin sieht den Bischof in der von Flüchtlingen wimmelnden Stadt nochmals am Stefansdom, wird dann aber im Stockhaus am Rotenturmtor mit Verbrechergesindel zusammengesperrt und sieht seinem Urteil entgegen, das nur auf Strang oder Spiessruten lauten kann. Ein Kapuziner, der den Todeskandidaten besucht, verspricht, sich für ihn zu verwenden, doch wird Fridolin weiter misshandelt und schliesslich aus Gnade zu Spiessruten verurteilt. In der höchsten Not, bei dem letzten Besuch des Paters, erinnert er sich an das Versprechen des Bischofs. Der Pater dringt bis zum Kriegsrat unter dem Kaiser Leopoldus vor, zu dem der streitbare Bischof Kollonitsch zugezogen ist. Während Kollonitsch eben Ratschläge für die Verteidigung Wiens und die Heerführung erteilt wird der Pater gemeldet. Er gibt ihm über die unerhörte Behandlung Fridolins Aufschluss, der Fall wird als neuer Beweis für die unerträglichen Zustände beim Hofkriegsrat erörtert und die Beseitigung der Schreiberwirtschaft angeordnet. Fridolin wird sofort begnadigt, muss aber wegen schwerer Erkrankung in ein Spital gebracht werden. Der Bischof besucht ihn eines Tages und der Kranke legt ihm ein erstes Geständnis über seine Herkunft und sein früheres Leben ab. Er nennt sich schlichter Leute Kind - dies ist die einzige Verschleierung, denn er ist der Sohn des Ritters von Späth, wie wir gegen Ende der Geschichte erfahren. Er hatte sich als wilder Bub zum Reiter- und Soldatentum hingezogen gefühlt, sollte aber wegen eines Gelübdes seiner Mutter mit 14 Jahren ins Kloster eintreten. Ein verständiger Benediktiner, der die Verzweiflung des Klosterschülers erkennt und sein Vertrauen zu gewinnen weiss, sucht sein Los dadurch erträglicher zu gestalten, dass er ihn in die Missionarslaufbahn verweist. So kommt Fridolin erst nach Freiburg in das Jesuitenkolleg und dann in das grosse Kollegium der Propaganda in Rom. Dort lernt er mit höchstem Fleiss Griechisch, Türkisch und Arabisch, um möglichst bald ins Morgenland entsandt zu werden. Er wird aber eines Tages so von der Sehnsucht nach Welt und Freiheit überwältigt, dass er, noch bevor er Profess getan, aus Rom flieht. Unter Abenteuern aller Art gelangt er in die slavischen Länder und nach Steiermark, wo er sich bei Ausbruch des Krieges als Schütze anwerben lässt.

Der Bischof ist von dem Bericht wenig erbaut, überwindet aber sein Misstrauen, als er hört, dass Fridolin, bei der Verteidigung von Wien wieder als Soldat dienen will. Die Lage der Stadt wird täglich bedrohlicher, so dass das Kaiserliche Hoflager erst nach Linz und danach Passau verlegt wird. Wir lernen jetzt einen Herrn v. Tülbing kennen, der Frau v. Khevenmüller aufsucht, um ihr und der Nichte des Bischofs Kollonitsch, der jungen reichen Gräfin Agnes v. Seybelstorff den Vorschlag zu machen, sich mit ihm an den Hof des Kaisers zu begeben. Er wird abgewiesen, da man seine Hintergedanken errät und Gräfin Agnes den feigen Grossprecher verachtet. Unmittelbar darauf erscheint Fridolin mit einem Auftrag des Bischofs, und nach einiger Zeit dieser selbst, um seiner Nichte zu sagen, dass sie in Verkleidung unter dem Schutz Fridolins und eines alten Reiters in Sicherheit gebracht werden soll. Die Flüchtigen werden von Türken entdeckt und verfolgt, der alte Reiter und sein Pferd erschossen; Fridolin und die Gräfin retten sich, werden aber jetzt von kaiserlichen Soldaten aufgespürt und einer Cavalcade zugeführt, deren Mittelpunkt Herr v. Tülbing ist. Dieser nötigt die Gräfin in seinen Wagen und lässt Fridolin binden, um ihn wegen Entführung vor ein Kriegsgericht stellen zu lassen. Es gelingt Fridolin, in der Nacht aus dem Gefängnis zu entweichen, er gerät aber jetzt unter die Türken und kann sich nur dadurch aus der Schlinge ziehen, dass er sich als türkischen Spion ausgibt. Seine Sprachkenntnisse und seine Vertrautheit mit den Gebräuchen der Muslime ermöglichen ihm, die Rolle eine Zeitlang durchzuführen, bis die Lage für ihn gefährlich wird, da er zur Prüfung seiner Angaben zum Grosswesir gebracht werden soll. Es gelingt ihm, gemeinsam mit einem christlichen Trossknecht zu entkommen, unterwegs noch eine gefangene Nonne zu befreien, und die Türken, die ihm begegnen, so lange zu täuschen, bis er in den Bereich der Stadtwälle gelangt und als Überläufer erkannt wird.

Inzwischen hat v. Tülbing die Gräfin nach Budweis zu seiner Schwester, einer Frau v. Merzhausen gebracht und benützt einen günstigen Augenblick, ihr vor seiner Abreise einen Antrag zu machen. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung, bei der v. Tülbing als begossener Pudel abzieht und der Gräfin Rache schwört. Fridolin ist in Wien Anführer eines studentischen Freikorps geworden, wird bei einem Sturm auf die Burgbastei schwer verwundet, vom Bischof Kollonitsch, der einen Rundgang unter den Verwundeten macht, wiedererkannt und bei der Schwester der geretteten Nonne, Frau van der Doorten untergebracht, um dort besonderer Pflege teilhaft zu werden.

Neue, noch schrecklichere Angriffe der Türken füllen die nächsten Tage. Eine ungeheure Explosion erschüttert die Häuser, Fridolin kommt, erschreckt auffahrend wieder zur Besinnung und erfährt, was sich inzwischen zugetragen hat. Sein Befinden wird nun rasch besser und er beteiligt sich sofort wieder an den Kämpfen, bei denen er eine Art Sense als neue Waffe erprobt. Der Graf Daun ernennt ihn wegen seiner Tapferkeit unter Überreichung eines Degens zum Hauptmann. Durch eine andere Heldentat gewinnt er auch eine Offiziersuniform. Die Lage der Stadt ist nun so hoffnungslos geworden, dass sie nur noch durch Hilfe von ausserhalb gerettet werden kann. Man muss an den Herzog von Lothringen einen Boten entsenden, und auf den Vorschlag von Kollonitsch wird Fridolin vom Grafen Starhemberg mit der Aufgabe betraut, sich zu den Entsatztruppen durchzuschleichen, um zur Eile zu mahnen. Fridolin erreicht die Armee, rettet in der sich entspinnenden Schlacht dem Hauptmann van der Doorten das Leben, wird aber selbst überritten und gilt als tot.

In den Jubel der Befreiung und die Freude des Wiedersehens mischt sich die Trauer um den Tod Fridolins. Man öffnet Abschiedsbriefe, die nun endlich über seine ritterbürtige Herkunft Aufschluss geben. Eine Woche später trifft die Gräfin Agnes bei ihrer Freundin in Wien ein, gebrochen von den Erlebnissen mit v. Tülbing und der Wirkung seiner Verleumdungen; sie weiss keinen anderen Ausweg, als in ein Kloster einzutreten. Pater Sulpiz überbringt ihr noch einen Abschiedsbrief Fridolins und so erfährt auch sie noch seine wahre Herkunft. Fridolin ist aber wie durch ein Wunder am Leben geblieben, wird unter romantischen Umständen, deren Erzählung zu lange aufhalten würde, gerettet und gesund gepflegt. Er meldet sich bei dem zum Kardinal ernannten Bischof und wird von diesem sofort in das Haus Khevenmüller gefahren, wo sich die Liebenden wiedersehen und verloben. Herr v. Tülbing wird herbeizitiert, erscheint auch sofort "von der ahnungsvollsten Hoffnung durchglüht", wird als Lump entlarvt, und muss vor versammelter Familie Abbite leisten. Fridolin wird vom Kaiser in den Freiherrnstand erhoben und der Kardinal vollzieht im Stefansdom die Trauung.

Es ist nur eine Skizze der Handlung, die ich hier gebe, und der Leser muss sich die Einzelheiten, die auf rund 200 enggedruckten Spalten erzählt werden, mit eigener Phantasie ausmalen, Ich habe die Geschichte so oft gelesen, dass ich in Wien so gut Bescheid wusste, wie in Bühl, und keinen grösseren Wunsch hatte, als den Schauplatz von Fridolins Heldentaten einmal mit leiblichen Augen sehen zu können. Es hat lange gedauert, bis der Wunsch in Erfüllung ging, ich lernte Wien erst bei einem Studienaufenthalt anlässlich des Naturforschertags 1913 kennen. Damals lasen meine Kinder die Geschichte Fridolins, während ich mich in den alten Gassen umsah und mich freute, wenn ich einem bekannten Namen begegnete. Dass ich einmal in der Wiener Hofbibliothek ein- und ausgehen und zu einem Empfang in der Hofburg eingeladen werden könnte, haben auch meine Kinderträume sich nicht vorstellen können.

Wenn mir "die Türken vor Wien" den Blick für einen weltgeschichtlichen Vorgang von ungeheurer Tragweite öffneten, so war die Wirkung einer Weihnachtsgeschichte, die den Titel "Das Glasmännchen" führte, kaum weniger tief. Hier war die Handlung auf den Gegensatz von Arm und Reich, von Hinterhaus und Vorderhaus aufgebaut, und ich konnte mich ohne peinliche Gefühle in die Ereignisse vertiefen, da wir weder zu den Armen noch zu den Reichen gehörten. Ich brauche kaum zu sagen, dass das Gottvertrauen und die edle Hilfsbereitschaft des armen Schneiders und Blasbalgtreters Tobias Dalem über den Hochmut und die Hartherzigkeit der reichen Bierbrauerswitwe Mohrs triumphiert, die einen Einspänner, mehrere Mägde, einen Kutscher und viele viele Tausend Gulden in Pfandbriefen und Staatsschuldscheinen besass. Das ganze Weihnachtsmärchen mit seiner unvergleichlichen Stimmung aus Tannenduft und glitzerndem Schnee zu erzählen muss ich mir versagen, aber ich kann versichern, dass mir dicke Tränen der Rührung über die Wangen liefen, wenn ich dem glücklichen und versöhnlichen Ausgang der Geschichte entgegeneilte.

Bei der dritten Geschichte, einer Kriminalnovelle aus den Erinnerungen eines deutschen Polizeibeamten, und bei der vierten, dem Mann mit der eisernen Maske, darf ich noch weniger verweilen, wenn sich der Umfang dieses Kapitels nicht über Gebühr ausdehnen soll.

Es mag an Weihnachten 1876, kurz vor meinem zehnten Geburtstag gewesen sein, dass ich einen Band des Stuttgarter Jugendalbums als Geschenk erhielt. Ich habe das Buch Jahrzehnte lang wie ein Heiligtum bewahrt, bis es meinen eigenen Kindern zum Opfer fiel. Reste davon, lose Blätter und farbige Bilder, haben zwei Enkel noch in Händen gehabt. Auch hier machten einige Erzählungen mit geographischen und naturgeschichtlichen Aufsätzen gemischt, den Hauptinhalt aus. Ich erinnere mich an die Schilderungen einer Reise von Bregenz nach Bludenz, breit und wichtig geschrieben, als ob es sich um eine Durchquerung Afrikas handelte, auch zweier Aufsätze über ein Buddhakloster und über die Teebereitung in China. Eine Abhandlung über die Seeanemonen war von einem bunten Bild begleitet, der Gorilla, der Krabbentaucher und der Bernhardskrebs mussten sich mit einfarbigen Tonbildern begnügen. Wichtiger als diese Dinge waren natürlich die Erzählungen, gleich die erste, aus der Jugend Gneisenaus, packte durch die Schilderung des Soldatenlebens. Das Bild, wo die Mutter Gneisenaus von nachrückenden Grenadieren ihren auf der Flucht vom Wagen gefallenen Säugling wieder in die Arme gelegt bekommt, werde ich nie vergessen. Sehr unterhaltend war auch die Geschichte von der gelben Kutsche, bei der am Schluss die Frage aufgeworfen wird, ob der Mensch am Ende gar noch das Fliegen lernen würde. Die Krone aller Erzählungen war aber eine Indianergeschichte, die am Winnebagosee spielte. In ihr war alles vereinigt, was en Knabenherz höher schlagen lässt, die Romantik eines fernen Weltteils, der eben der Kultur erschlossen wird, das abenteuerliche Leben der Pelzjäger, Händler und Schmuggler, das geheimnisvolle Wesen der langsam zurückweichenden Indianer, glänzende Feste eines bankrotten Kaufmannes, heldenhafte Errettung einer schönen Häuptlingstochter, Schurkereien eines Verbrechers und seine Gefangennahme und Bestrafung nach einer aufregenden Verfolgung. Wie oft mag ich diese Geschichte gelesen haben! Sie blieb für mich das Ideal einer Indianergeschichte, bis ich als Untersekundaner den Robinson und den Lederstrumpf kennenlernte.

Ich muss nun auch der Zauberwelt gedenken, die sich mir durch Hauffs Märchen erschlossen hat. Die Ausgabe von Hauffs Werken, die wir besassen, war nicht gerade üppig - die Typen waren schmal und beschwerlich zu lesen, die Bilder musste man sich selbst dazu denken - aber welche Unendlichkeit von Wundern, welche unerschöpflich reiche Welt von dem Zauber der Palmen und Moscheen und dem sternfunkelnden Himmel des Orients bis zu den unheimlichen Nächten und grausigen Stürmen von Steenfoll! Was ich damals las, war für mich das Märchen schlechthin; ich kannte nichts anders, die Geschichten von Schneewittchen und Dornröschen und die üblichen Tierfabeln ausgenommen, die im Lesebuch standen. Ob Hauff die Märchen selber erfunden, oder sie anderen Quellen entnommen hatte, ob er alte Darstellungsformen nachahmte oder einen ganz neuen Märchenstil schuf, danach zu fragen lag ausserhalb meines Begriffskreises. Wenn ich sie las, waren sie mit lebendige, greifbare Wirklichkeit, kein Gegenstand von Zweifeln oder kritischen Untersuchungen.

Es war einmal - so beginnt die erste Rahmenerzählung. Es war einmal eine grosse Karawane, die durch die Wüste zog. Auf der ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der Pferde. Eine dichte Staubwolke verkündete ihre Nähe und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen und hell leuchtende Gewänder das Auge. Ein geheimnisvoller Fremder reitet von der Seite her auf die Karawane zu, in brennendes Rot gekleidet, den Turban weiss und reich mit Gold gestickt. Die schwarzen Augen und ein langer schwarzer Bart geben ihm ein wildes, kühnes Aussehen. Er stellt sich den Besitzern der Karawane als Selim Baruch, den Neffen des Grosswesirs in Bagdad vor, der auf einer Reise nach Mekka von Räubern überfallen wurde, sich aber wieder befreien konnte und nun um Schutz der Karawane bittet.

Er wird willkommen geheissen und teilt mit den Kaufleuten das Mittagsmahl. Nach der Mahlzeit bringen die Sklaven lange Pfeifen und türkischen Sorbet. Selim macht den Vorschlag, die Zeit durch Erzählen zu verkürzen, und beginnt als erster, indem er die Geschichte vom Kalif Storch zum besten gibt. Da sind wir nun mitten im Märchenland und beobachten den Kalifen Chawsid und seinen Wesir Mansor, wie sie sich durch das Schnupfpulver und das Zauberwort "MUTABUR" in Störche verwandeln. Ich brauche die Begegnung mit der Prinzessin Nachteule, die glückliche Entzauberung und die Bestrafung des Zauberers Kaschnur nicht zu Ende zu erzählen.

Bei der zweiten Rast gibt Ahmet als eigenes Erlebnis die Geschichte von dem Gespensterschiff zum besten. Was man aus ihr über den Koran und die muslimische Frömmigkeit lernen kann, ist gar nicht übel, aber ich bin der Geschichte ein wenig aus dem Weg gegangen, weil sie mir zu grausig war.

In der Geschichte von der abgehauenen Hand erzählt bei der dritten Rast der Grieche Zaleukos eine furchtbare Begebenheit, die ihn als Arzt in Florenz zum unfreiwilligen Mörder machte, der seine Tat durch den Verlust seiner linken Hand büssen musste. Selim ist besonders tief von der Erzählung ergriffen und fragt, ob Zaleukos den Unbekannten mit dem roten Mantel nicht hasse, der ihn um die Hand gebracht habe. Die Antwort, dass sein Glaube ihn lehre, auch die Feinde zu lieben, und dass der Rotmantel vielleicht noch unglücklicher sei, als Zaleukos selbst,

Plötzlich erscheinen Reiter in der Ferne und man fürchtet, der Räuber Orbasan, der Herr der Wüste, könnte einen Angriff auf die Karawane beabsichtigen. Selim zieht ein blaues Tuch mit Sternen aus dem Gürtel, befestigt es an einer Lanze und befiehlt einem Sklaven, sie auf das Zelt zu stecken, Die Reiter biegen sofort ab, so dass die Reisegesellschaft verwundert fragt, was das zu bedeuten habe, dass Selim die Horden der Wüste durch eine Wink bezähmen könne.

Am nächsten Tag erzählt der Kaufmann Lezah die Geschichte von der Errettung seiner Schwester Fatme, bei der sich Orbasan als wahrhaft edler Helfer erweist. Am letzten Tag kommt der junge Mulley an die Reihe und gibt die Geschichte vom kleinen Muck zum besten, die in Nizeah spielt und ebenfalls als ein Erlebnis vorgetragen wird.

Man beschliesst, in einer Karawanserei am Rand der Wüste noch einen Rasttag zu machen, um die Tiere für die weitere Reise zu stärken; so erhält Ali Sizah, der fünfte Kaufmann, Gelegenheit, das Märchen vom falschen Prinzen zu erzählen.

Mit Sonnenuntergang bricht die Karawane wieder auf und zieht am Morgen, von entgegenkommenden Freunden begrüsst, durch das Tor Bebel Falch in Kairo ein, denn es wird für eine glückliche Vorbedeutung gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen.

Die Kaufleute verabschieden sich, Zaleukos zeigt Selim eine gute Karawanserei und lädt ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Er verspricht, wenn er sich umgekleidet habe, zu kommen und erscheint zum Entsetzen des Griechen in demselben roten Mantel, der ihm von Florenz her in so furchtbarer Erinnerung stand. Der Fremde rechtfertigt sich, indem er die Geschichte seiner Familie erzählt, Durch seine entsetzlichen Schicksale ist er zum fanatischen Feind der Franzosen geworden, die in Ägypten eingefallen waren und hat sich den tapferen Mamelucken angeschlossen, die sooft der Schrecken des französischen Heeres wurden. Nach Beendigung des Kriegszuges konnte er sich nicht entschliessen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren, er lebt mit seinen Freunden ein unstetes, dem Kampf und der Jagd geweihtes Leben - kurz, Selim ist kein anderer als der Herr der Wüste, der Räuber Orbasan.

Auch die zweite Rahmenerzählung, der Scheich von Alexandria und seine Sklaven, spielt in der Zeit der französischen Eroberungskriege. Einige junge Leute unterhalten sich über den Reichtum und die Seltsamkeiten des Scheichs, werden aber von einem Alten belehrt, dass seine sonderbare Lebensweise ihre guten Gründe habe. Der Scheich trauert um seinen einzigen Sohn Kairam, der ihm im Alter von zehn Jahren geraubt wurde, als die Franken, dieses rohe und hartherzige Volk, wie hungrige Wölfe in das Land einfielen. Wenige Tage später bemerkt man, dass im Hause des Scheichs Vorbereitungen zu einem grossen Fest getroffen werden. Der Alte, der mit den jungen Leuten wieder zusammengekommen ist, klärt das Treiben auf. Wir hören, dass der Scheich auf den 12. Ramadan die Rückkehr seines Sohnes erwartet. Ein Derwisch, der in der Sterndeutung bewandert war, hat ihm geweissagt, dass er am gleichen Tage, an dem er geraubt wurde, wieder zurückkehren werde. Seitdem veranstaltet der Scheich alljährlich dieses Fest und gibt eine Anzahl Sklaven frei, nachdem jeder eine Geschichte erzählt hat.

Die jungen Leute erhalten durch Vermittlung des Alten Eintritt zu der Feier und hören zunächst, das Märchen vom Zwerg Nase. Es ist ein alter Sklave aus Frankistan, der die wunderbare Geschichte erzählt. Die da glauben, es habe nur zu Zeiten Harun al Raschids, des Beherrschers der Gläubigen, Feen und Zauberer gegeben, tun sehr unrecht, auch heute gibt es noch überall Feen und Dschinnen, wie aufs Einleuchtendste durch die Geschichte selbst erwiesen wird. Ich brauche nur an die Gans Mimi, des grossen Wetterbocks Tochter, und das Kräutlein Niesmitlust zu erinnern.

In der Zwischenpause unterhalten sich die jungen Männer über den Reiz des Märchens. Was sie darüber sagen, könnte ich wörtlich wiederholen, um meine eigenen Stimmungen zu beschreiben. Einer erzählt, wie man sich in die Begebenheiten hineinträumt, die erzählt werden, wie man mit diesen Menschen und ihren wunderbaren Schicksalen förmlich verwächst. Ein anderer bemerkt, dass ihm in der Kinderzeit die Tierfabeln grosse Freude gemacht hätten, während ihn später nur noch die wunderbaren Schicksale der Menschen gefesselt hätten. Am begeistertsten weiss der Schreiber über das Märchen zu reden: "Erschloss sich uns nicht ein neues, nie gekanntes Reich, das Land der Genien und Feen, bebaut mit allen Wundern der Pflanzenwelt, mit reichen Palästen von Smaragden und Rubinen, mit riesenhaften Sklaven bevölkert, die erschienen, wenn man einen Ring hin und wieder dreht, oder die Wunderlampe reibt, oder das Wort Salomos ausspricht, und in goldenen Schalen herrliche Speisen bringen. Wir fühlten uns unwillkürlich in jenes Land versetzt, wir machten mit Sindbad seine wunderbaren Fahrten, wir gingen mit Harun al Raschid, dem weisen Beherrscher der Gläubigen, abends spazieren, wir kannte Giafar, seinen Wesir so gut als uns selbst, kurz, wir lebten in jenen Geschichten, wie man nachts in Träumen lebt."

Die Unterhaltung wird abgebrochen, weil ein zweiter Sklave zu reden beginnt. Wir hören die Geschichte von Abner dem Juden, der nichts gesehen hat, die in Mofador spielt, am Strande des grossen Meers, als der grossmächtigste Kaiser Muley Ismael über Fez und Marokko herrschte. Nachdem der Sklave geendet hat, bittet der Schreiber den Alten, sich darüber auszusprechen, woher nun eigentlich der mächtige Reiz des Märchens komme. Dann erzählt ein dritter Sklave die Geschichte von dem dressierten Affen, der den Grünwieselern als junger Engländer vorgestellt wird und die Stadt in Aufregung versetzt.

Während die jungen Männer sich mit dem Alten über den letzten Sklaven unterhalten, der noch freigegeben werden soll, es ist ein schöner Jüngling aus Frankistan, seiner Geburt nach ein Muselmann und erst seit drei Tagen gekauft - tritt der Aufseher der Sklaven zu dem Alten und bittet ihn, sich zu Alu Banu zu begeben. Die jungen Leute erfahren jetzt, mit wem sie sich unterhalten haben. Es ist Mustapha, der weise Mustapha, der den Sohn des Scheichs erzogen hat, der viele gelehrte Bücher schrieb, der grosse Reisen in alle Weltteile machte ... Noch haben sie sich von ihrem Staunen nicht erholt, da kommt der Aufseher wieder und fordert sie auf, ihm zum Scheich zu folgen. Dieser ist durch Mustapha über Charakter und Wünsche jedes einzelnen unterrichtet und versetzt sie in einen Taumel von Freude, indem er ihnen zur Erfüllung ihrer Wünsche verhilft. Wenn sein Sohn noch lebte, würden sie dessen Freunde sein; so kann Ali Banu ihnen nur anbieten, sich als zu seinem Hause gehörend zu betrachten. Der eine soll die Bücher verwalten, der andere Aufseher der Feste werden, der Kaufmann soll sich an Sängern und Tänzern erfreuen, und der Maler soll Reisen machen, um alles Schöne zu malen, was ihm zu Gesicht kommt.

Nun aber soll auch der jüngste Sklave noch eine Geschichte vortragen. Er erzählt die wunderbaren Schicksale Almansors. In Wahrheit sind es seine eigenen Erlebnisse, und wir ahnen, dass er der Sohn Kairam ist: "Es war der Markt seiner Vaterstadt, wo wir öffentlich angeboten wurden, und, o Herr, dass ich es kurz sage, es war sein eigener Vater, der ihn kaufte!" Almansor-Kairam wirft sich vor dem Scheich nieder, dieser kann sich in seiner Bestürzung nicht zurechtfinden und wendet sich an Mustapha. Der Lehrer sieht den Jüngling lange an und fragt, wie der Spruch geheissen habe, den er ihm am Tage des Unglücks ins Lager der Franken mitgab. "Mein teurer Lehrer," antwortet Kairam, "er hiess: So einer Allah liebt und ein gutes Gewissen hat, ist er auch in der Wüste des Elends nicht allein; denn er hat zwei Gefährten, die ihm tröstend zur Seite gehen."

So hat sich nun die Wahrsagung des Derwischs erfüllt und alle Anwesenden preisen Gott und loben den arabischen Professor und den Kaiser der Franken, die sich Kairams in seiner Verlassenheit angenommen hatten.

Von den Märchen, die in der dritten Rahmenerzählung mitgeteilt werden, gehören nur "Saids Schicksale" dem Orient an. Dass mir die anderen Geschichten, die Sage vom Hirschgulden, das kalte Herz, die Höhle von Steenfoll weniger zusagten, mag ebenso vom Schauplatz wie vom Inhalt bedingt gewesen sein. Saids Schicksale haben mich aber so mitgerissen, als ob ich sie selbst erlebt hätte. Die Geschichte beginnt damit, dass der Vater Beneza seinem 18 jährigen Sohn von den wunderbaren Umständen seiner Geburt erzählt. Der Vater glaubt zwar nicht, dass die Feen und Zauberer Einfluss auf das Leben und Treiben der Menschen haben, die Mutter aber habe geschworen, dass sie mit einer Fee in Verbindung stehe. Von ihr habe sie für ihren Erstgeborenen ein kleines Pfeifchen als Geschenk erhalten; er dürfe es ihm eigentlich nicht vor dem 20. Jahre aushändigen. Aber Said sei nun alt genug und möge das Andenken mit auf die Reise nach Mekka nehmen. Man mag nachlesen, welche Abenteuer Said erlebt und welche Unglücksfälle ihn verfolgen, bis er in der höchsten Not als Schiffsbrüchiger an einen Mastbaum geklammert, sich des Pfeifchens erinnert. Jetzt gibt es einen hellen Ton, das Meer beruhigt sich, der Mastbaum verwandelt sich in einen Delphin, der Said einen grossen Strom hinaufträgt, auf nochmaliges Pfeifen taucht ein Tischleindeckdich auf, mit köstlichen Speisen beladen, an denen Said seinen Hunger stillt. Der Strom ist der Schatt el Arab, das Land vor der Stadt Bagdad, an dessen Stufen der Delphin Said absetzt, ist ein Landhaus Harun als Raschids. Der Beherrscher der Gläubiger erweist sich als ein zweiter Salomo, indem er Saids Erzfeind Kalum Bek seiner verbrecherischen Handlungen überführt, entsprechend bestraft und Said samt seinem Vater Beneza in einem Palast zu Bagdad wohnen lässt.

Es ist nicht ohne Grund, dass ich mich bei den Türken vor Wien und Hauffs Märchen etwas länger aufgehalten habe. Überlege ich mir heute, was ich als Knabe schon aus diesen Quellen über das Leben und den Glauben der muslimischen Völker, über Bagdad, Basra, Kairo, Konstantinopel und andere Städte erfahren habe, welche Fülle von anschaulichen Bildern und klangvollen Namen mir vor allem durch die Märchen zugeführt wurden, und wie die Erinnerung an diese Märchen mich so unverwüstlich wie die an die biblischen Geschichten durch die Jahre begleitete, so darf ich sagen, dass in diesen Jugendeindrücken die letzten und tiefsten Gründe für meine späteren orientalischen Studien liegen. War der Weg dahin auch lang, und voller Hindernisse, es ist doch, als hätte mir eine Fee die Märchen zum Geschenk gemacht, damit sie mir auf dem dornenvollen Weg Gefährten seien.


zurück - Inhalt - weiter

© Julius Ruska 1937