Aus
Bildern hatte sich mir schon früh eine Welt
aufgebaut, die über den Kreis der eigenen Erfahrung
weit hinaus reichte. Der Leidenschaft, jedes Buch nach
Bildern zu durchsuchen, folgte die Leidenschaft des
Lesens auf dem Fusse nach. Ist mit der Lesefertigkeit
erst einmal auch die Lust am Lesen erwacht, so gibt es
keine Schranken und Hemmungen mehr, es kommt nur noch
darauf an, was der jugendliche Drang zuerst erfasst und
was ihm erreichbar ist. Die Bilder, die das gedruckte
Wort hervorzaubert, begleiten den über das Buch
gebeugten, atemlos von einer Seite zur anderen fliegenden
oder nachdenklich bei einer Szene verweilenden Leser wie
ein farbiger Film, und er erlebt Schelmenstreiche und
Reiseabenteuer, Märchenzauber und Ritterromantik,
als ob er selber der Held aller dieser Taten und
Schicksale wäre.
Was ich
in den unteren Schulklassen zu lesen bekam, hat mir, von
der biblischen Geschichte abgesehen, keinen tieferen
Eindruck hinterlassen. Dabei zu sitzen und
zuzuhören, wie das gleiche Lesestück immer
wieder von ungeübten Lippen buchstabiert, gestammelt
oder hergeleiert wurde, musste mir tödlich
langweilig erscheinen. Zu Hause konnte ich mir die
Lesekost nach eigenem Geschmack aussuchen und mein
eigenes Tempo einhalten.
Die
ersten literarischen Schätze, die ich mein eigen
nannte, waren zwei kleine Bändchen, das eine mit der
Geschichte der Heiligen Genovefa, das andere mit der des
frommen Anton, eines Musterknaben, dessen Schicksale mir
leider nicht mehr gegenwärtig sind. Sie waren mir
vom Christkind unter den Weihnachtsbaum gelegt worden,
und ich zweifle nicht, dass ich fest entschlossen war, es
dem Anton an Frömmigkeit und Bravheit gleichzutun.
Ein anderes kleines Buch, das Jagdabenteuer mit
Löwen, Tigern, Elefanten und Riesenschlangen
beschrieb, hat keine entsprechenden Entschlüsse
gezeitigt, da mir diese Beschäftigung doch wohl zu
gefährlich erschien. Umso lebendiger sind meine
Erinnerungen an Johann Peter Hebels Geschichte, und ich
muss um Nachsicht bitten, wenn es mich lockt, etwas
länger dabei zu verweilen.
Meinem
Vater hatte man in Meersburg die Grofehusemer Mundart so
gründlich angewöhnt, dass er sich in der Schule
nur der hochdeutschen Sprache bediente. Wer feine Ohren
hatte, wird herausgehört haben, dass das edle Reis
der badischen Amtssprache auf einen alemannischen
Wildling aufgepfropft war, und dass der Mann die Wurzeln
seines Wesens nicht verleugnen konnte. Die Mutter
brauchte sich im Verkehr weniger Zwang anzutun. Wenn sie
auch nicht die breite Mundart ihrer Heimat sprach, ihre
Rede hatte doch einen anderen und süsseren Klang als
das Bühler Gassendeutsch, und ich konnte den Dialekt
ganz unverfälscht hören und verstehen lernen,
wenn Besuch aus Mahlberg oder Grafenhausen kam. Nur war
ja in Peter Hebel ein Heimatdichter erstanden, der in
seinen Gedichten ein Bild des alemannischen Wesens,
seiner Versonnenheit und Gemütstiefe, seiner
Schalkhaftigkeit und Naturverbundenheit hatte erstehen
lassen, das in allen herzen lebendigen Widerhall weckte,
die an der alten Heimat hingen. Meine Mutter wusste viele
Strophen aus Hebels Gedichten auswendig, und es
gehörte zu meinen frühesten Leistungen, dass
auch ich sie hersagen lernte:
Lueg,
Müeterli, was isch im Mo?
He,
siehschs denn nit, e Ma!
Jo
wegerli, i sieh ne scho,
Er hat
e Tschäbli a! ...
Was het
er bosget Müetterli?
Wer het
en bannt dörthi?
Me het
egseit der Dieterli,
E
Nütznutz isch er gsi!
Wer
kennt sie nicht, die Geschichte vom Mann im Mond? Wer
kennt nicht den Wächterruf und die Schilderung des
Winters, wer vergässe das Spinnlein, wie's zarte
Fäde zwirne cha, oder den Wegweiser zum Gulden, der
de rothe Chrüzere no geht?
Es kann
nicht lang gedauert haben, bis ich mich des Hebelbandes
bemächtigte, der auf dem Bücherbrett stand, und
hinter den schwerlesbaren Gedichten die
Kalendergeschichten des Rheinländischen Hausfreunds
entdeckte, um nicht mehr von ihnen loszukommen. Ich habe
der Lockung nicht widerstehen können, sie jetzt alle
noch einmal durchzulesen, die Spitzbubengeschichten und
Wirtshausschwänke, die Unglücksfälle und
die Weltbegebenheiten, aber auch die Naturschilderungen
und die guten Ratschläge, um mir über Hebels
Darstellungskunst Rechenschaft zu geben, mir darüber
klar zu werden, worin der unvergängliche Reiz dieser
Dinge liegt. Vielleicht hat nicht jeder die gleiche
Empfänglichkeit dafür, vielleicht muss man
zwischen Basel, Ulm und Strassburg zu Hause sein, um die
ganz zu geniessen - denn dass die schönsten
Geschichten in Schliengen oder Krotzingen, in Kehl oder
in einem Dorf an der Donau herwärts Ulm passieren,
und dass man in Emmendingen oder Gundelfingen so gut als
in Amsterdam Gelegenheit finden kann, Betrachtungen
über den Unbestand der irdischen Dinge anzustellen,
das gibt allem gleich einen heimeligen Klang. Und dennoch
kann das nicht der letzte Grund sein, die Anekdoten
stammen ja aus allen Ecken der Welt. Es ist die
unnachahmliche Sprache, die den Leser mitten in die
Handlung setzt und ihn in atemloser Spannung hält,
bis die witzige oder rührende, glückliche oder
tragische Entscheidung kommt. Ich hätte gerne
Beispiele gegeben, vor allem von den Streichen des
Zundel-Heiner und des roten Dieter, oder wie eine
gräuliche Geschichte durch einen gemeinen
Metzgerhund ist an das Tageslicht gebracht worden, und
wie einmal ein schönes Ross um fünf Prügel
feil gewesen ist, vielleicht auch etwas von durstigen
Handwerksburschen und schlauen Bedienten, von betrogenen
Krämern und listigen Juden, von unschuldig Gehenkten
und klugen Richtern, vom Kaiser Joseph und vom Kaiser
Napoleon, aber die Wahl tut einem weh, und ich käme
an kein Ende. Nicht alles eignet sich für Kinder,
was der Rheinländische Hausfreund erzählt, aber
ein Kindergemüt gleitet über Krieg und Tod,
Verbrechen und Schurkentaten so leicht hinweg, wie
über harmlose Scherze, und ich bin überzeugt,
dass ich ohne schweren Schaden an meiner Seele
davongekommen bin.
Ein
anderes Buch, der erste Jahrgang einer von O. Mylius seit
1865 herausgegebenen Zeitschrift, die sich etwas
umständlich als "Hausmannskost für Geist und
Herz, Illustriertes Volks- und Unterhaltungsblatt zu Lust
und Lehre für Leser aller Stände" vorstellte,
war aus dem Nachlass des Dr. Walchner in unser Haus
gekommen und ist für mich eine literarische
Schatzkammer geworden, der ich unendliche Stunden
andächtigen Genusses verdankte. Diese Hausmannskost
vereinigte alles in sich, was einen nicht mehr ganz
ungebildeten Gaumen befriedigen konnte: Geographie und
Völkerkunde, Naturgeschichte und
Kunstdenkmäler: Bilder und Aufsätze über
das Nest des Talegalla und den Papst Pius in Nemi,
über die Parsen in Ostindien und eine Stadt der
Präriehunde in Nordamerika, über den
Triumphbogen des Titus und das Tote Meer, über das
Hospitz auf dem St. Bernhard und das Tierleben im
amerikanischen Urwald. Vor allem aber fesselten mich vier
Geschichten, die sich in Fortsetzungen durch das ganze
Buch zogen, Meisterwerke der Erzählkunst, die ich so
oft gelesen habe, dass ich sie fast auswendig
wusste.
Die
grösste, die sich in Fortsetzungen durch das ganze
Buch zog, hatte die Belagerung von Wien zum Hintergrund
und die wunderbaren Abenteuer und Heldentaten eines edlen
Jünglings zum Gegenstand. Wir lernen ihn zuerst als
Büchsenschütz oder Arkeboussier kennen, wie er
auf einer kleinen Feldbefestigung gegen Eisenstadt mit
seinen scharfen Augen eine türkische Streife
entdeckt, die über die Leitha zu setzen versucht.
Der Hauptmann, eine alte Schlafmütze, wird
alarmiert, sieht aber nichts, auch die Wache zieht es
vor, weiterzuschlafen. Fridolin - so heisst der Wackere -
bleibt auf dem Posten und feuert einen Kanonenschuss ab,
nachdem er die Reiter an der Leitha wieder entdeckt hat.
Mit Kanonen zu schiessen ist streng verboten, der
Schütze wird also wegen Insubordination vor das
Kriegsgericht in Wien geführt. Auf dem Weg begegnet
der Zug mit dem Gefangenen dem Bischof Graf Kollonitsch.
Dieser wundert sich über die ritterliche Haltung des
Gefangenen, fragt nach seiner Schuld und verspricht ihm
nach Feststellung des Tatbestandes, falls es zum
Äussersten käme, für ihn
einzutreten.
Fridolin
sieht den Bischof in der von Flüchtlingen wimmelnden
Stadt nochmals am Stefansdom, wird dann aber im Stockhaus
am Rotenturmtor mit Verbrechergesindel zusammengesperrt
und sieht seinem Urteil entgegen, das nur auf Strang oder
Spiessruten lauten kann. Ein Kapuziner, der den
Todeskandidaten besucht, verspricht, sich für ihn zu
verwenden, doch wird Fridolin weiter misshandelt und
schliesslich aus Gnade zu Spiessruten verurteilt. In der
höchsten Not, bei dem letzten Besuch des Paters,
erinnert er sich an das Versprechen des Bischofs. Der
Pater dringt bis zum Kriegsrat unter dem Kaiser Leopoldus
vor, zu dem der streitbare Bischof Kollonitsch zugezogen
ist. Während Kollonitsch eben Ratschläge
für die Verteidigung Wiens und die Heerführung
erteilt wird der Pater gemeldet. Er gibt ihm über
die unerhörte Behandlung Fridolins Aufschluss, der
Fall wird als neuer Beweis für die
unerträglichen Zustände beim Hofkriegsrat
erörtert und die Beseitigung der Schreiberwirtschaft
angeordnet. Fridolin wird sofort begnadigt, muss aber
wegen schwerer Erkrankung in ein Spital gebracht werden.
Der Bischof besucht ihn eines Tages und der Kranke legt
ihm ein erstes Geständnis über seine Herkunft
und sein früheres Leben ab. Er nennt sich schlichter
Leute Kind - dies ist die einzige Verschleierung, denn er
ist der Sohn des Ritters von Späth, wie wir gegen
Ende der Geschichte erfahren. Er hatte sich als wilder
Bub zum Reiter- und Soldatentum hingezogen gefühlt,
sollte aber wegen eines Gelübdes seiner Mutter mit
14 Jahren ins Kloster eintreten. Ein verständiger
Benediktiner, der die Verzweiflung des
Klosterschülers erkennt und sein Vertrauen zu
gewinnen weiss, sucht sein Los dadurch erträglicher
zu gestalten, dass er ihn in die Missionarslaufbahn
verweist. So kommt Fridolin erst nach Freiburg in das
Jesuitenkolleg und dann in das grosse Kollegium der
Propaganda in Rom. Dort lernt er mit höchstem Fleiss
Griechisch, Türkisch und Arabisch, um möglichst
bald ins Morgenland entsandt zu werden. Er wird aber
eines Tages so von der Sehnsucht nach Welt und Freiheit
überwältigt, dass er, noch bevor er Profess
getan, aus Rom flieht. Unter Abenteuern aller Art gelangt
er in die slavischen Länder und nach Steiermark, wo
er sich bei Ausbruch des Krieges als Schütze
anwerben lässt.
Der
Bischof ist von dem Bericht wenig erbaut, überwindet
aber sein Misstrauen, als er hört, dass Fridolin,
bei der Verteidigung von Wien wieder als Soldat dienen
will. Die Lage der Stadt wird täglich bedrohlicher,
so dass das Kaiserliche Hoflager erst nach Linz und
danach Passau verlegt wird. Wir lernen jetzt einen Herrn
v. Tülbing kennen, der Frau v. Khevenmüller
aufsucht, um ihr und der Nichte des Bischofs Kollonitsch,
der jungen reichen Gräfin Agnes v. Seybelstorff den
Vorschlag zu machen, sich mit ihm an den Hof des Kaisers
zu begeben. Er wird abgewiesen, da man seine
Hintergedanken errät und Gräfin Agnes den
feigen Grossprecher verachtet. Unmittelbar darauf
erscheint Fridolin mit einem Auftrag des Bischofs, und
nach einiger Zeit dieser selbst, um seiner Nichte zu
sagen, dass sie in Verkleidung unter dem Schutz Fridolins
und eines alten Reiters in Sicherheit gebracht werden
soll. Die Flüchtigen werden von Türken entdeckt
und verfolgt, der alte Reiter und sein Pferd erschossen;
Fridolin und die Gräfin retten sich, werden aber
jetzt von kaiserlichen Soldaten aufgespürt und einer
Cavalcade zugeführt, deren Mittelpunkt Herr v.
Tülbing ist. Dieser nötigt die Gräfin in
seinen Wagen und lässt Fridolin binden, um ihn wegen
Entführung vor ein Kriegsgericht stellen zu lassen.
Es gelingt Fridolin, in der Nacht aus dem Gefängnis
zu entweichen, er gerät aber jetzt unter die
Türken und kann sich nur dadurch aus der Schlinge
ziehen, dass er sich als türkischen Spion ausgibt.
Seine Sprachkenntnisse und seine Vertrautheit mit den
Gebräuchen der Muslime ermöglichen ihm, die
Rolle eine Zeitlang durchzuführen, bis die Lage
für ihn gefährlich wird, da er zur Prüfung
seiner Angaben zum Grosswesir gebracht werden soll. Es
gelingt ihm, gemeinsam mit einem christlichen Trossknecht
zu entkommen, unterwegs noch eine gefangene Nonne zu
befreien, und die Türken, die ihm begegnen, so lange
zu täuschen, bis er in den Bereich der
Stadtwälle gelangt und als Überläufer
erkannt wird.
Inzwischen
hat v. Tülbing die Gräfin nach Budweis zu
seiner Schwester, einer Frau v. Merzhausen gebracht und
benützt einen günstigen Augenblick, ihr vor
seiner Abreise einen Antrag zu machen. Es kommt zu einer
heftigen Auseinandersetzung, bei der v. Tülbing als
begossener Pudel abzieht und der Gräfin Rache
schwört. Fridolin ist in Wien Anführer eines
studentischen Freikorps geworden, wird bei einem Sturm
auf die Burgbastei schwer verwundet, vom Bischof
Kollonitsch, der einen Rundgang unter den Verwundeten
macht, wiedererkannt und bei der Schwester der geretteten
Nonne, Frau van der Doorten untergebracht, um dort
besonderer Pflege teilhaft zu werden.
Neue,
noch schrecklichere Angriffe der Türken füllen
die nächsten Tage. Eine ungeheure Explosion
erschüttert die Häuser, Fridolin kommt,
erschreckt auffahrend wieder zur Besinnung und
erfährt, was sich inzwischen zugetragen hat. Sein
Befinden wird nun rasch besser und er beteiligt sich
sofort wieder an den Kämpfen, bei denen er eine Art
Sense als neue Waffe erprobt. Der Graf Daun ernennt ihn
wegen seiner Tapferkeit unter Überreichung eines
Degens zum Hauptmann. Durch eine andere Heldentat gewinnt
er auch eine Offiziersuniform. Die Lage der Stadt ist nun
so hoffnungslos geworden, dass sie nur noch durch Hilfe
von ausserhalb gerettet werden kann. Man muss an den
Herzog von Lothringen einen Boten entsenden, und auf den
Vorschlag von Kollonitsch wird Fridolin vom Grafen
Starhemberg mit der Aufgabe betraut, sich zu den
Entsatztruppen durchzuschleichen, um zur Eile zu mahnen.
Fridolin erreicht die Armee, rettet in der sich
entspinnenden Schlacht dem Hauptmann van der Doorten das
Leben, wird aber selbst überritten und gilt als
tot.
In den
Jubel der Befreiung und die Freude des Wiedersehens
mischt sich die Trauer um den Tod Fridolins. Man
öffnet Abschiedsbriefe, die nun endlich über
seine ritterbürtige Herkunft Aufschluss geben. Eine
Woche später trifft die Gräfin Agnes bei ihrer
Freundin in Wien ein, gebrochen von den Erlebnissen mit
v. Tülbing und der Wirkung seiner Verleumdungen; sie
weiss keinen anderen Ausweg, als in ein Kloster
einzutreten. Pater Sulpiz überbringt ihr noch einen
Abschiedsbrief Fridolins und so erfährt auch sie
noch seine wahre Herkunft. Fridolin ist aber wie durch
ein Wunder am Leben geblieben, wird unter romantischen
Umständen, deren Erzählung zu lange aufhalten
würde, gerettet und gesund gepflegt. Er meldet sich
bei dem zum Kardinal ernannten Bischof und wird von
diesem sofort in das Haus Khevenmüller gefahren, wo
sich die Liebenden wiedersehen und verloben. Herr v.
Tülbing wird herbeizitiert, erscheint auch sofort
"von der ahnungsvollsten Hoffnung durchglüht", wird
als Lump entlarvt, und muss vor versammelter Familie
Abbite leisten. Fridolin wird vom Kaiser in den
Freiherrnstand erhoben und der Kardinal vollzieht im
Stefansdom die Trauung.
Es ist
nur eine Skizze der Handlung, die ich hier gebe, und der
Leser muss sich die Einzelheiten, die auf rund 200
enggedruckten Spalten erzählt werden, mit eigener
Phantasie ausmalen, Ich habe die Geschichte so oft
gelesen, dass ich in Wien so gut Bescheid wusste, wie in
Bühl, und keinen grösseren Wunsch hatte, als
den Schauplatz von Fridolins Heldentaten einmal mit
leiblichen Augen sehen zu können. Es hat lange
gedauert, bis der Wunsch in Erfüllung ging, ich
lernte Wien erst bei einem Studienaufenthalt
anlässlich des Naturforschertags 1913 kennen. Damals
lasen meine Kinder die Geschichte Fridolins, während
ich mich in den alten Gassen umsah und mich freute, wenn
ich einem bekannten Namen begegnete. Dass ich einmal in
der Wiener Hofbibliothek ein- und ausgehen und zu einem
Empfang in der Hofburg eingeladen werden könnte,
haben auch meine Kinderträume sich nicht vorstellen
können.
Wenn
mir "die Türken vor Wien" den Blick für einen
weltgeschichtlichen Vorgang von ungeheurer Tragweite
öffneten, so war die Wirkung einer
Weihnachtsgeschichte, die den Titel "Das
Glasmännchen" führte, kaum weniger tief. Hier
war die Handlung auf den Gegensatz von Arm und Reich, von
Hinterhaus und Vorderhaus aufgebaut, und ich konnte mich
ohne peinliche Gefühle in die Ereignisse vertiefen,
da wir weder zu den Armen noch zu den Reichen
gehörten. Ich brauche kaum zu sagen, dass das
Gottvertrauen und die edle Hilfsbereitschaft des armen
Schneiders und Blasbalgtreters Tobias Dalem über den
Hochmut und die Hartherzigkeit der reichen
Bierbrauerswitwe Mohrs triumphiert, die einen
Einspänner, mehrere Mägde, einen Kutscher und
viele viele Tausend Gulden in Pfandbriefen und
Staatsschuldscheinen besass. Das ganze
Weihnachtsmärchen mit seiner unvergleichlichen
Stimmung aus Tannenduft und glitzerndem Schnee zu
erzählen muss ich mir versagen, aber ich kann
versichern, dass mir dicke Tränen der Rührung
über die Wangen liefen, wenn ich dem
glücklichen und versöhnlichen Ausgang der
Geschichte entgegeneilte.
Bei der
dritten Geschichte, einer Kriminalnovelle aus den
Erinnerungen eines deutschen Polizeibeamten, und bei der
vierten, dem Mann mit der eisernen Maske, darf ich noch
weniger verweilen, wenn sich der Umfang dieses Kapitels
nicht über Gebühr ausdehnen soll.
Es mag
an Weihnachten 1876, kurz vor meinem zehnten Geburtstag
gewesen sein, dass ich einen Band des Stuttgarter
Jugendalbums als Geschenk erhielt. Ich habe das Buch
Jahrzehnte lang wie ein Heiligtum bewahrt, bis es meinen
eigenen Kindern zum Opfer fiel. Reste davon, lose
Blätter und farbige Bilder, haben zwei Enkel noch in
Händen gehabt. Auch hier machten einige
Erzählungen mit geographischen und
naturgeschichtlichen Aufsätzen gemischt, den
Hauptinhalt aus. Ich erinnere mich an die Schilderungen
einer Reise von Bregenz nach Bludenz, breit und wichtig
geschrieben, als ob es sich um eine Durchquerung Afrikas
handelte, auch zweier Aufsätze über ein
Buddhakloster und über die Teebereitung in China.
Eine Abhandlung über die Seeanemonen war von einem
bunten Bild begleitet, der Gorilla, der Krabbentaucher
und der Bernhardskrebs mussten sich mit einfarbigen
Tonbildern begnügen. Wichtiger als diese Dinge waren
natürlich die Erzählungen, gleich die erste,
aus der Jugend Gneisenaus, packte durch die Schilderung
des Soldatenlebens. Das Bild, wo die Mutter Gneisenaus
von nachrückenden Grenadieren ihren auf der Flucht
vom Wagen gefallenen Säugling wieder in die Arme
gelegt bekommt, werde ich nie vergessen. Sehr
unterhaltend war auch die Geschichte von der gelben
Kutsche, bei der am Schluss die Frage aufgeworfen wird,
ob der Mensch am Ende gar noch das Fliegen lernen
würde. Die Krone aller Erzählungen war aber
eine Indianergeschichte, die am Winnebagosee spielte. In
ihr war alles vereinigt, was en Knabenherz höher
schlagen lässt, die Romantik eines fernen Weltteils,
der eben der Kultur erschlossen wird, das abenteuerliche
Leben der Pelzjäger, Händler und Schmuggler,
das geheimnisvolle Wesen der langsam
zurückweichenden Indianer, glänzende Feste
eines bankrotten Kaufmannes, heldenhafte Errettung einer
schönen Häuptlingstochter, Schurkereien eines
Verbrechers und seine Gefangennahme und Bestrafung nach
einer aufregenden Verfolgung. Wie oft mag ich diese
Geschichte gelesen haben! Sie blieb für mich das
Ideal einer Indianergeschichte, bis ich als
Untersekundaner den Robinson und den Lederstrumpf
kennenlernte.
Ich
muss nun auch der Zauberwelt gedenken, die sich mir durch
Hauffs Märchen erschlossen hat. Die Ausgabe von
Hauffs Werken, die wir besassen, war nicht gerade
üppig - die Typen waren schmal und beschwerlich zu
lesen, die Bilder musste man sich selbst dazu denken -
aber welche Unendlichkeit von Wundern, welche
unerschöpflich reiche Welt von dem Zauber der Palmen
und Moscheen und dem sternfunkelnden Himmel des Orients
bis zu den unheimlichen Nächten und grausigen
Stürmen von Steenfoll! Was ich damals las, war
für mich das Märchen schlechthin; ich kannte
nichts anders, die Geschichten von Schneewittchen und
Dornröschen und die üblichen Tierfabeln
ausgenommen, die im Lesebuch standen. Ob Hauff die
Märchen selber erfunden, oder sie anderen Quellen
entnommen hatte, ob er alte Darstellungsformen nachahmte
oder einen ganz neuen Märchenstil schuf, danach zu
fragen lag ausserhalb meines Begriffskreises. Wenn ich
sie las, waren sie mit lebendige, greifbare Wirklichkeit,
kein Gegenstand von Zweifeln oder kritischen
Untersuchungen.
Es war
einmal - so beginnt die erste Rahmenerzählung. Es
war einmal eine grosse Karawane, die durch die Wüste
zog. Auf der ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und
Himmel sieht, hörte man schon in weiter Ferne die
Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der
Pferde. Eine dichte Staubwolke verkündete ihre
Nähe und wenn ein Luftzug die Wolke teilte,
blendeten funkelnde Waffen und hell leuchtende
Gewänder das Auge. Ein geheimnisvoller Fremder
reitet von der Seite her auf die Karawane zu, in
brennendes Rot gekleidet, den Turban weiss und reich mit
Gold gestickt. Die schwarzen Augen und ein langer
schwarzer Bart geben ihm ein wildes, kühnes
Aussehen. Er stellt sich den Besitzern der Karawane als
Selim Baruch, den Neffen des Grosswesirs in Bagdad vor,
der auf einer Reise nach Mekka von Räubern
überfallen wurde, sich aber wieder befreien konnte
und nun um Schutz der Karawane bittet.
Er wird
willkommen geheissen und teilt mit den Kaufleuten das
Mittagsmahl. Nach der Mahlzeit bringen die Sklaven lange
Pfeifen und türkischen Sorbet. Selim macht den
Vorschlag, die Zeit durch Erzählen zu
verkürzen, und beginnt als erster, indem er die
Geschichte vom Kalif Storch zum besten gibt. Da sind wir
nun mitten im Märchenland und beobachten den Kalifen
Chawsid und seinen Wesir Mansor, wie sie sich durch das
Schnupfpulver und das Zauberwort "MUTABUR" in
Störche verwandeln. Ich brauche die Begegnung mit
der Prinzessin Nachteule, die glückliche
Entzauberung und die Bestrafung des Zauberers Kaschnur
nicht zu Ende zu erzählen.
Bei der
zweiten Rast gibt Ahmet als eigenes Erlebnis die
Geschichte von dem Gespensterschiff zum besten. Was man
aus ihr über den Koran und die muslimische
Frömmigkeit lernen kann, ist gar nicht übel,
aber ich bin der Geschichte ein wenig aus dem Weg
gegangen, weil sie mir zu grausig war.
In der
Geschichte von der abgehauenen Hand erzählt bei der
dritten Rast der Grieche Zaleukos eine furchtbare
Begebenheit, die ihn als Arzt in Florenz zum
unfreiwilligen Mörder machte, der seine Tat durch
den Verlust seiner linken Hand büssen musste. Selim
ist besonders tief von der Erzählung ergriffen und
fragt, ob Zaleukos den Unbekannten mit dem roten Mantel
nicht hasse, der ihn um die Hand gebracht habe. Die
Antwort, dass sein Glaube ihn lehre, auch die Feinde zu
lieben, und dass der Rotmantel vielleicht noch
unglücklicher sei, als Zaleukos selbst,
Plötzlich
erscheinen Reiter in der Ferne und man fürchtet, der
Räuber Orbasan, der Herr der Wüste, könnte
einen Angriff auf die Karawane beabsichtigen. Selim zieht
ein blaues Tuch mit Sternen aus dem Gürtel,
befestigt es an einer Lanze und befiehlt einem Sklaven,
sie auf das Zelt zu stecken, Die Reiter biegen sofort ab,
so dass die Reisegesellschaft verwundert fragt, was das
zu bedeuten habe, dass Selim die Horden der Wüste
durch eine Wink bezähmen könne.
Am
nächsten Tag erzählt der Kaufmann Lezah die
Geschichte von der Errettung seiner Schwester Fatme, bei
der sich Orbasan als wahrhaft edler Helfer erweist. Am
letzten Tag kommt der junge Mulley an die Reihe und gibt
die Geschichte vom kleinen Muck zum besten, die in Nizeah
spielt und ebenfalls als ein Erlebnis vorgetragen
wird.
Man
beschliesst, in einer Karawanserei am Rand der Wüste
noch einen Rasttag zu machen, um die Tiere für die
weitere Reise zu stärken; so erhält Ali Sizah,
der fünfte Kaufmann, Gelegenheit, das Märchen
vom falschen Prinzen zu erzählen.
Mit
Sonnenuntergang bricht die Karawane wieder auf und zieht
am Morgen, von entgegenkommenden Freunden begrüsst,
durch das Tor Bebel Falch in Kairo ein, denn es wird
für eine glückliche Vorbedeutung gehalten, wenn
man von Mekka kommt, durch dieses Tor
einzuziehen.
Die
Kaufleute verabschieden sich, Zaleukos zeigt Selim eine
gute Karawanserei und lädt ihn ein, mit ihm das
Mittagsmahl zu nehmen. Er verspricht, wenn er sich
umgekleidet habe, zu kommen und erscheint zum Entsetzen
des Griechen in demselben roten Mantel, der ihm von
Florenz her in so furchtbarer Erinnerung stand. Der
Fremde rechtfertigt sich, indem er die Geschichte seiner
Familie erzählt, Durch seine entsetzlichen
Schicksale ist er zum fanatischen Feind der Franzosen
geworden, die in Ägypten eingefallen waren und hat
sich den tapferen Mamelucken angeschlossen, die sooft der
Schrecken des französischen Heeres wurden. Nach
Beendigung des Kriegszuges konnte er sich nicht
entschliessen, zu den Künsten des Friedens
zurückzukehren, er lebt mit seinen Freunden ein
unstetes, dem Kampf und der Jagd geweihtes Leben - kurz,
Selim ist kein anderer als der Herr der Wüste, der
Räuber Orbasan.
Auch
die zweite Rahmenerzählung, der Scheich von
Alexandria und seine Sklaven, spielt in der Zeit der
französischen Eroberungskriege. Einige junge Leute
unterhalten sich über den Reichtum und die
Seltsamkeiten des Scheichs, werden aber von einem Alten
belehrt, dass seine sonderbare Lebensweise ihre guten
Gründe habe. Der Scheich trauert um seinen einzigen
Sohn Kairam, der ihm im Alter von zehn Jahren geraubt
wurde, als die Franken, dieses rohe und hartherzige Volk,
wie hungrige Wölfe in das Land einfielen. Wenige
Tage später bemerkt man, dass im Hause des Scheichs
Vorbereitungen zu einem grossen Fest getroffen werden.
Der Alte, der mit den jungen Leuten wieder
zusammengekommen ist, klärt das Treiben auf. Wir
hören, dass der Scheich auf den 12. Ramadan die
Rückkehr seines Sohnes erwartet. Ein Derwisch, der
in der Sterndeutung bewandert war, hat ihm geweissagt,
dass er am gleichen Tage, an dem er geraubt wurde, wieder
zurückkehren werde. Seitdem veranstaltet der Scheich
alljährlich dieses Fest und gibt eine Anzahl Sklaven
frei, nachdem jeder eine Geschichte erzählt
hat.
Die
jungen Leute erhalten durch Vermittlung des Alten
Eintritt zu der Feier und hören zunächst, das
Märchen vom Zwerg Nase. Es ist ein alter Sklave aus
Frankistan, der die wunderbare Geschichte erzählt.
Die da glauben, es habe nur zu Zeiten Harun al Raschids,
des Beherrschers der Gläubigen, Feen und Zauberer
gegeben, tun sehr unrecht, auch heute gibt es noch
überall Feen und Dschinnen, wie aufs Einleuchtendste
durch die Geschichte selbst erwiesen wird. Ich brauche
nur an die Gans Mimi, des grossen Wetterbocks Tochter,
und das Kräutlein Niesmitlust zu erinnern.
In der
Zwischenpause unterhalten sich die jungen Männer
über den Reiz des Märchens. Was sie
darüber sagen, könnte ich wörtlich
wiederholen, um meine eigenen Stimmungen zu beschreiben.
Einer erzählt, wie man sich in die Begebenheiten
hineinträumt, die erzählt werden, wie man mit
diesen Menschen und ihren wunderbaren Schicksalen
förmlich verwächst. Ein anderer bemerkt, dass
ihm in der Kinderzeit die Tierfabeln grosse Freude
gemacht hätten, während ihn später nur
noch die wunderbaren Schicksale der Menschen gefesselt
hätten. Am begeistertsten weiss der Schreiber
über das Märchen zu reden: "Erschloss sich uns
nicht ein neues, nie gekanntes Reich, das Land der Genien
und Feen, bebaut mit allen Wundern der Pflanzenwelt, mit
reichen Palästen von Smaragden und Rubinen, mit
riesenhaften Sklaven bevölkert, die erschienen, wenn
man einen Ring hin und wieder dreht, oder die Wunderlampe
reibt, oder das Wort Salomos ausspricht, und in goldenen
Schalen herrliche Speisen bringen. Wir fühlten uns
unwillkürlich in jenes Land versetzt, wir machten
mit Sindbad seine wunderbaren Fahrten, wir gingen mit
Harun al Raschid, dem weisen Beherrscher der
Gläubigen, abends spazieren, wir kannte Giafar,
seinen Wesir so gut als uns selbst, kurz, wir lebten in
jenen Geschichten, wie man nachts in Träumen
lebt."
Die
Unterhaltung wird abgebrochen, weil ein zweiter Sklave zu
reden beginnt. Wir hören die Geschichte von Abner
dem Juden, der nichts gesehen hat, die in Mofador spielt,
am Strande des grossen Meers, als der
grossmächtigste Kaiser Muley Ismael über Fez
und Marokko herrschte. Nachdem der Sklave geendet hat,
bittet der Schreiber den Alten, sich darüber
auszusprechen, woher nun eigentlich der mächtige
Reiz des Märchens komme. Dann erzählt ein
dritter Sklave die Geschichte von dem dressierten Affen,
der den Grünwieselern als junger Engländer
vorgestellt wird und die Stadt in Aufregung
versetzt.
Während
die jungen Männer sich mit dem Alten über den
letzten Sklaven unterhalten, der noch freigegeben werden
soll, es ist ein schöner Jüngling aus
Frankistan, seiner Geburt nach ein Muselmann und erst
seit drei Tagen gekauft - tritt der Aufseher der Sklaven
zu dem Alten und bittet ihn, sich zu Alu Banu zu begeben.
Die jungen Leute erfahren jetzt, mit wem sie sich
unterhalten haben. Es ist Mustapha, der weise Mustapha,
der den Sohn des Scheichs erzogen hat, der viele gelehrte
Bücher schrieb, der grosse Reisen in alle Weltteile
machte ... Noch haben sie sich von ihrem Staunen nicht
erholt, da kommt der Aufseher wieder und fordert sie auf,
ihm zum Scheich zu folgen. Dieser ist durch Mustapha
über Charakter und Wünsche jedes einzelnen
unterrichtet und versetzt sie in einen Taumel von Freude,
indem er ihnen zur Erfüllung ihrer Wünsche
verhilft. Wenn sein Sohn noch lebte, würden sie
dessen Freunde sein; so kann Ali Banu ihnen nur anbieten,
sich als zu seinem Hause gehörend zu betrachten. Der
eine soll die Bücher verwalten, der andere Aufseher
der Feste werden, der Kaufmann soll sich an Sängern
und Tänzern erfreuen, und der Maler soll Reisen
machen, um alles Schöne zu malen, was ihm zu Gesicht
kommt.
Nun
aber soll auch der jüngste Sklave noch eine
Geschichte vortragen. Er erzählt die wunderbaren
Schicksale Almansors. In Wahrheit sind es seine eigenen
Erlebnisse, und wir ahnen, dass er der Sohn Kairam ist:
"Es war der Markt seiner Vaterstadt, wo wir
öffentlich angeboten wurden, und, o Herr, dass ich
es kurz sage, es war sein eigener Vater, der ihn kaufte!"
Almansor-Kairam wirft sich vor dem Scheich nieder, dieser
kann sich in seiner Bestürzung nicht zurechtfinden
und wendet sich an Mustapha. Der Lehrer sieht den
Jüngling lange an und fragt, wie der Spruch
geheissen habe, den er ihm am Tage des Unglücks ins
Lager der Franken mitgab. "Mein teurer Lehrer," antwortet
Kairam, "er hiess: So einer Allah liebt und ein gutes
Gewissen hat, ist er auch in der Wüste des Elends
nicht allein; denn er hat zwei Gefährten, die ihm
tröstend zur Seite gehen."
So hat
sich nun die Wahrsagung des Derwischs erfüllt und
alle Anwesenden preisen Gott und loben den arabischen
Professor und den Kaiser der Franken, die sich Kairams in
seiner Verlassenheit angenommen hatten.
Von den
Märchen, die in der dritten Rahmenerzählung
mitgeteilt werden, gehören nur "Saids Schicksale"
dem Orient an. Dass mir die anderen Geschichten, die Sage
vom Hirschgulden, das kalte Herz, die Höhle von
Steenfoll weniger zusagten, mag ebenso vom Schauplatz wie
vom Inhalt bedingt gewesen sein. Saids Schicksale haben
mich aber so mitgerissen, als ob ich sie selbst erlebt
hätte. Die Geschichte beginnt damit, dass der Vater
Beneza seinem 18 jährigen Sohn von den wunderbaren
Umständen seiner Geburt erzählt. Der Vater
glaubt zwar nicht, dass die Feen und Zauberer Einfluss
auf das Leben und Treiben der Menschen haben, die Mutter
aber habe geschworen, dass sie mit einer Fee in
Verbindung stehe. Von ihr habe sie für ihren
Erstgeborenen ein kleines Pfeifchen als Geschenk
erhalten; er dürfe es ihm eigentlich nicht vor dem
20. Jahre aushändigen. Aber Said sei nun alt genug
und möge das Andenken mit auf die Reise nach Mekka
nehmen. Man mag nachlesen, welche Abenteuer Said erlebt
und welche Unglücksfälle ihn verfolgen, bis er
in der höchsten Not als Schiffsbrüchiger an
einen Mastbaum geklammert, sich des Pfeifchens erinnert.
Jetzt gibt es einen hellen Ton, das Meer beruhigt sich,
der Mastbaum verwandelt sich in einen Delphin, der Said
einen grossen Strom hinaufträgt, auf nochmaliges
Pfeifen taucht ein Tischleindeckdich auf, mit
köstlichen Speisen beladen, an denen Said seinen
Hunger stillt. Der Strom ist der Schatt el Arab, das Land
vor der Stadt Bagdad, an dessen Stufen der Delphin Said
absetzt, ist ein Landhaus Harun als Raschids. Der
Beherrscher der Gläubiger erweist sich als ein
zweiter Salomo, indem er Saids Erzfeind Kalum Bek seiner
verbrecherischen Handlungen überführt,
entsprechend bestraft und Said samt seinem Vater Beneza
in einem Palast zu Bagdad wohnen lässt.
Es ist
nicht ohne Grund, dass ich mich bei den Türken vor
Wien und Hauffs Märchen etwas länger
aufgehalten habe. Überlege ich mir heute, was ich
als Knabe schon aus diesen Quellen über das Leben
und den Glauben der muslimischen Völker, über
Bagdad, Basra, Kairo, Konstantinopel und andere
Städte erfahren habe, welche Fülle von
anschaulichen Bildern und klangvollen Namen mir vor allem
durch die Märchen zugeführt wurden, und wie die
Erinnerung an diese Märchen mich so
unverwüstlich wie die an die biblischen Geschichten
durch die Jahre begleitete, so darf ich sagen, dass in
diesen Jugendeindrücken die letzten und tiefsten
Gründe für meine späteren orientalischen
Studien liegen. War der Weg dahin auch lang, und voller
Hindernisse, es ist doch, als hätte mir eine Fee die
Märchen zum Geschenk gemacht, damit sie mir auf dem
dornenvollen Weg Gefährten seien.