Sechzehntes Kapitel.

Die Welt in Bildern.
 

Was ich von der Welt in meinen Knabenjahren aus eigener Anschauung kennenlernte, beschränkte sich auf die Hausgenossen und Nachbarn mit ihren täglichen Beschäftigungen, die Stadt mit ihren Häusern und Gassen und die nächste ländliche Umgebung. Von tausend anderen Dingen, Städten und fernen Ländern, Männern und Völkern erfuhr ich, wie es der Zufall gerade wollte und wie er mir Bücher zuführte, aus denen ich durch Betrachten der Bilder, später durch eifriges Lesen, einen Gesichtskreis erweitern konnte.

Die Schatzkammer, der ich die Bücher entnahm, war meines Vaters Bücherschaft. Da er weder im Wohnzimmer noch im Gastzimmer Platz hatte, war sie an einer freien Wand im dem Zimmerchen aufgestellt, das mir und meinem Bruder Albert als Schlafraum diente. Wenn ich im Bett lag, war der Blick auf die Bücher gerichtet; die Versuchung, sie mir nutzbar zu machen, lag also nahe genug. Zunächst kam es darauf an, die Bücher herauszufinden, die Bilder enthielten. Wenn ich mich an das unterste Stockwerk mit den grossen Folianten hielt, hatte ich schon das Beste gefunden. Hier standen etwa 10 Bände der Gartenlaube, einige andere illustrierte Zeitschriften, der Okenband und das Knabenbuch, daneben auch zahllose geschriebene Notenhefte, die ich mit Grausen betrachtete. Im zweiten Stockwerk standen die Bände von Meyers Konversationslexikon, deren Tierbilder und technische Tafeln eine willkommene Bereicherung des Wissens boten. Das dritte, vierte und fünfte Fach war mit pädagogischen, geschichtlichen und geographischen Werken besetzt, von denen nur ausnahmsweise eines Bilder enthielt; das war eine sterile Zone, über die man erst hinauskommen musste, um wieder auf Bilder zu stossen. Wenn ich mich auf das Fussende des Bettes setzte, konnte ich zu den nächst höheren Brettern gelangen, wenn ich mich darauf stellte, konnte ich auch die letzte Bücherreihe unter der Zimmerdecke erreichen. Auf den oberen Schäften standen die Bände kleineren Formats, Klassiker, Novellensammlungen, Stunden der Andacht und Stunden des Vergnügens, geschichtliche und naturgeschichtliche Werke von geringerem Umfang; ich wusste bald, in welchen Bänden Bilder zu finden waren. Im Laufe der Jahre habe ich dann auch manchmal zu früh, manchmal zu spät, manchmal auch zur rechten Zeit vom Inhalt Kenntnis genommen.

Wenn der Oken das Fundament meiner zoologischen Wissenschaft war, so hat mich das Deutsche Knabenbuch (Deutsches Knabenbuch , Hundert Gestalten in Wort und Bild. Lahr, Moritz Schauenburg & Comp., ohne Jahr) mit seinen Bildern in die grosse geschichtliche Welt eingeführt. Das Buch war mein eigenster Ganzleinen mit eingepresstem Titel, den ich von der Tochter des Amtsrichters Musler als Weihnachtsgeschenk erhalten hatte. Darin waren Leben, Taten und Meinungen von 100 grossen Männern und Frauen in Knittelversen beschrieben, und 50 davon, die ungeraden Nummern waren auch noch mit allen Insignien ihrer Würde und allen Wahrzeichen ihrer besonderen Leistungen auf schönen Tafeln abgebildet. Der Bänkelsänger war Ludwig Eichrodt, ein badischer Dichter, dem man auch im Lahrer Kommersbuch begegnet: Die Verse sind schauderhaft, die Bilder, von den Karlsruher Künstlern Camphausen, Schrädter und Soder gezeichnet, haben weite Verbreitung gefunden und könnten auch jetzt noch deutschen Knaben vorgelegt werden. An dem Durcheinander der Bilder und Gedichte, die jeder geschichtlichen oder sachlichen Ordnung Hohn sprechen, habe ich als Kind keinen Anstoss genommen, und an der Auswahl habe ich erst recht keine Kritik geübt. Wahrscheinlich hat mir die Mutter die Verse erst einmal vorgelesen, dann werde ich mich mit der Betrachtung der Bilder begnügt haben. Ich hatte meine besonderen Lieblinge unter den Helden und Heldinnen, und sie sind mir alle noch gegenwärtig.

Da war gleich als erster der alte Methusalem, in einen Mantel gehüllt, tief gebeugt auf zwei Stöcke gestützt, kahlköpfig und mit einem weissen Bart, der bis über die Knie reichte:

Neunhundert Jahre lebt ehedem

Der würdige Greis Methusalem.

Später lernte ich, dass er 969 Jahre alt geworden sei; hätte ich schon die kritische Schulung des Philologen besessen, so wäre mir an diesem Widerspruch vielleicht der Unterschied zwischen poetischer Lizenz und historischer Akribie aufgegangen.

Auch den kühnen Jäger Nimrod und den König Sesostris liebte ich sehr; der eine hatte den Turm von Babel gebaut, was die bekannten schrecklichen Folgen hatte, der andere - sein Bild stand zwischen denen von Gustav Adolf und Attila - trug eine Art Priestergewand mit einer seltsamen Bischofsmütze, aus der ein Schmetterlingsrüssel herausschaute: Wer hätte mir damals sagen können, dass dieser Kopfschmuck die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten bedeuten sollte? Stolz und streng, die Hand gebieterisch aufgestützt, mit einer Hakennase im mageren Gesicht und einem spitzgezwirbelten Kinnbart stand die Majestät zwischen zwei Säulen, die Pyramiden im Hintergrund. Tiefsinnig aber orakelte der Dichter:

Der König Sesostris, gräberfroh

War über Ägypten Pharao.

Ich habe nie begriffen, warum der Mann gräberfroh sein musste. Doch nicht nur der Reimkunst zuliebe? Warum nicht lieber

Der König Sesostris, comme il-faut,

oder noch besser und ansprechender,

Sesostris, braun wie Kakao?

Juden waren seltsamerweise nicht in Bildern dargestellt, doch hatte Eichrodt von ihren berühmten Männern wenigstens den Simson und den Salomo, den Ahasver und den Baron Rothschild besungen. Das klassische Altertum war nicht übermässig reich mit Bildern bedacht. Herkules mit der Keule und der Löwenhaut, ein kilometerlanges Krokodil zu seinen Füssen, war ein würdiges Seitenstück zu Teutobach, der sich mit Doppelaxt in einer gehörnten Ochsenhaut präsentierte. Achill und die schöne Helena vertraten den Homer, Alexander und Cäsar die eigentliche Geschichte. Auch die Philosophie ging in dem Knabenbuch nicht leer aus. Musste man nicht wünschen, des Sokrates Schüler gewesen zu sein, wenn man an die Erbfolge seines Privatunterrichts dachte?

Die edlen Jünglinge von Athen

Sah man mit ihm spazierengehn,

Wenn einer sich noch so thöricht betrug

Der weise Sokrates macht ihn klug.

Auch von der Xantippe war die Rede und von den Unannehmlichkeiten, die Sokrates sich zuzog, wenn er zu spät zum Essen kam.

Tausend Jahre später - eine andere Welt, Karl der Grosse, der deutsche Kaiser mit Zepter, Krone und Krönungsmantel, und Harun al-Raschid, sein grosser Zeitgenosse:

Harun al-Raschid, der weise Kalif,

Der in Bagdads Strassen verkleidet lief, ...

Märchenwunder von Moscheen und Minaretts im Hintergrund, von silbernem Mondlicht umflossen.

Aber warum mich bemühen, historische Ordnung herzustellen, wenn im Buche selbst wie damals in meinem Kopf alles durcheinanderlief, wenn Karl der Grosse zwischen Kopernikus und Dürer, der arabische Kalif zwischen Helena und Konradin, die Jungfrau von Orléans zwischen Dante und Shakespeare eingereiht waren? schliesslich fand sich doch zusammen, was zusammengehörte, die Gestalten des Mittelalters wie die der Reformationszeit oder der Freiheitskriege.

Weniger durcheinandergewürfelt, aber auch enger begrenzt war eine Galerie von etwa 60 Geschichtsbildern, die ich in Dullers Geschichte des Deutschen Volkes aufstöberte. Von der politischen Einstellung des Verfassers und von dem Wert seiner Darstellung hatte ich natürlich keine Ahnung, von seinen dichterischen Leistungen und wechselvollen Schicksalen habe ich mir erst jetzt aus dem Meyerschen Lexikon einige Kenntnisse verschafft. Mein Vater schätzte das Buch sehr hoch, es war für ihn das rechte Hausbuch deutschen Stolzes und deutscher Ehre, und ich kann ihm das durchaus nachfühlen, nachdem ich mir einige Kapitel wieder angesehen habe.

Die Einschaltbilder stellen Szenen zwischen zwei oder drei Personen dar, gelegentlich auch Massenauftritte; man muss zugeben, dass die Künstler es verstanden haben, spannende Begebenheiten anschaulich zu gestalten. Recht oft treten dem Leser Bilder von verwundeten und gefallenen Helden, von sterbenden Königen und schmachvoll hingemordeten Freiheitskämpfern entgegen. Er sieht aber auch Fürsten mit Künstlern, Philosophen und Gelehrten Zwiesprach halten, er sieht Luther seine Thesen anschlagen und die Bibel übersetzen, Karl V. mit Fugger verhandeln und im Kloster von St. Just zwei Uhren beobachten, er sieht den Tell, wie er nach dem Schuss seinen Knaben in Empfang nimmt, während Gessler mit seinem Pferd finster im Hintergrund lauert, er sieht, wie der Graf Ekbert den vom Erzbischof Hanno geraubten König Heinrich auf dem Rhein in das Schiff rettet.

Ich könnte hier auch von den Stahlstichen in einer Cotta'schen Ausgabe von Schillers Werken erzählen, die mich mit Szenen aus seinen Dramen bekannt machten, lange bevor ich mich an die Lektüre wagte, oder Byrons Werken, die ich heute noch nicht gelesen habe. Aber ich will lieber zeigen, welche Fülle von Anschauung und Belehrung mir bei meiner Leidenschaft für Bilder aus den bänden der Gartenlaube und anderen illustrierten Zeitschriften zuströmte, die mir in meinen Knabenjahren zugänglich waren.

Die Gartenlaube war im Jahre 1853 von Ernst Keil begründet worden und hatte sich nach kurzer Zeit zum führenden deutschen Familienblatt aufgeschwungen. Der Erfolg war wohl verdient, wenn man sieht, wie stark ähnliche Zeitschriften damals noch von ausländischen Autoren und Illustrationen abhängig waren, und wie zielbewusst der Herausgeber der Gartenlaube den deutschen Gedanken betonte und jede deutsche Leistung auf literarischem und künstlerischem Gebiet zu fördern strebte. Mich ging das alles nichts an, ich sass über den Bildern und kannte nur einen Gesichtspunkt für ihre Wertschätzung - ob ich mir etwas dabei denken konnte, oder ob sie mir nichts sagend und gleichgültig war.

Am wenigstens wusste ich mit den Porträtköpfen zu den vom Herausgeber mit Liebe gepflegten biographischen Aufsätzen anzufangen. Was konnten mir damals Bilder von Schleiermacher, vom Bischof von Ketteler, von Cavour, Roggenbach, vom Freiherrn von Aufseß, von Bogomil Goltz, von Max Müller, von Schultze-Deliztsch oder dem jungen Privatdozenten Heinrich von Treitschke sagen? Hätte ich mir denken können, dass ich nach mehr als 20 Jahren in Berlin einmal zu seinen Füssen sitzen würde? Konnte ich wissen, was es zu bedeuten hatte, wenn die Gartenlaube bei der Schilderung der Verdienste des Sprachforschers Max Müller schon 1865 die Times das "Hauptorgan jeder Schmähung gegen Deutschland" nannte. Konnte ich mir vorstellen, welche Verdienste sich ein Freiherr von Aufseß um die Bewahrung des alten deutschen Schrifttums und um die Gründung des germanischen Museums erworben hatte?

Lebendiger wirkten schon Bilder, die irgendeinen Vorgang darstellten und, wenn nicht aus sich selbst, doch mit Hilfe der Unterschrift in ihrer Bedeutung zu verstehen waren. Wie konnte ich mich doch in Bilder vertiefen, die dem Familienleben entnommen waren, in denen Glück und Leid von Eltern und Kindern zum Ausdruck kam, oder in andere, die eine kirchliche Handlung, die Ausübung eines Berufs, das Gedächtnis einer mutigen Tat zum Gegenstand hatten! Durch die Bilder der Gartenlaube lernte ich Begebenheiten aus dem Leben berühmter Männer und Frauen kennen, die später, wenn ich die zugehörigen Aufsätze las, als festeste Stütze des Gelesenen im Gedächtnis blieben. Wenn ich ein Bild fand, auf dem der junge Schiller seinen Freunden die Räuber vorlas, ein anderes, das Schiller mit Goethe im Lengefeld'schen Garten zu Rudolstadt darstellte, ein drittes, auf dem der alte Goethe den Schädel Schillers prüfend in der Hand hielt - war das nicht ein Stück deutsches Dichterschicksal? Wenn ich ein Bild betrachtete, das den alten Rauch in Rietschels Atelier zeigte, ein anderes, wo Alexander von Humboldt am Sterbebett Rauchs steht, ein drittes, wo Prinz Wilhelm von Preussen Alexander von Humboldt die letzte Ehre erweist - waren da nicht Zusammenhänge sichtbar, die bis in die lebendige Gegenwart reichten? Und wenn ich ein Bild sah, auf dem der Vater Mozart mit Sohn und Tochter ein Konzert gab, während auf einem anderen der junge Mozart vor einer vornehmen Gesellschaft zum ersten Mal am Klavier den "Don Juan" vortrug, waren es etwa nur die Kostüme, die Perücken und Zöpfchen, die mir auffielen, oder hoffte ich gar, es im Klavierspielen einmal zu ähnlicher Meisterschaft zu bringen? Wenn mir ein Bild aufstiess, das Medelssohn, Lessing und Lavater über Religion disputierend darstellte, musste mir das nicht später, als ich in Oberprima mehr über die drei Männer erfuhr und die Religion mir selber von der Höhe einer seligmachenden Wahrheit zur diskutablen Angelegenheit herabzusinken begann, wieder deutlich in Erinnerung kommen?

Einen besonders tiefen und nachhaltigen Eindruck habe ich von den figurenreichen historischen Szenen gehabt, die in der Gartenlaube nach grossen Wandgemälden wiedergegeben waren. Ich brauche nur an Kaulbachs Zeitalter der Reformation zu denken, an ein Bild von der Zerstörung Heidelbergs, an den Besuch des Kaisers Otto III. im Grabgewölbe Karls des Grossen, an die Einsegnung der Freiwilligen von 1813 und an viele andere Bilder aus der deutschen Geschichte. Was ich damals schon dem Ruhm und der Ehre der deutschen Nation wie von den Tagen der Schande und Schmach in mein junges Herz aufnahm, hat für das ganze Leben standgehalten.

Die neueren geschichtlichen Ereignisse, insbesondere die Kriege von 1859, 1864 und 1866 spiegelten sich in mancherlei politischen und militärischen Bildern und in Szenen von den Kriegsschauplätzen. Ich schwärmte mit ganz Deutschland für Garibaldi, allerdings nicht aus politischen Gründen, sondern weil er auf manchen Bildern meinem Vater ähnlich sah. Wir besassen ein besonderes Buch über Garibaldi (Gustav Rasch, Das Schwert Italiens. Lebensskizze des Generals Garibaldi, Zürich 1863), dessen Einschaltbilder der Vater mit Farbstiften bemalt hatte, und ich war stolz darauf, dass Garibaldis Ruhebett ein "Erzeugnis der deutschen Industrie" war. Ich entsetzte mich über ein Bild aus dem böhmischen Feldzug, das "die Raubthiere des Schlachtfeldes" zeigte, wie sie Verwundete, Soldaten ermordeten und beraubten, aber ich freute mich auch über die Geistesgegenwart eines österreichischen Offiziers, der unbehelligt aus Mailand entkam, weil er seinen Soldaten befahl, die kleinen Mädchen, die zufällig aus einer Schule herausströmten, auf die Arme zu nehmen.

Warum man in den sechziger Jahren immer wieder deutsche Schützenfeste, Turnerfeste, Jugendwehrfeste und Sängerfeste feierte und schwarz-rot-goldene Fahnen schwenkte, habe ich meinen Knabenjahren sicher nicht begriffen. Heute würde es nicht schaden, sich jener Zeiten dankbar zu erinnern, wo das Volk aller Kleinstaaterei zum Trotz der Sehnsucht nach einem grossen deutschen Vaterland in solchen Festen Ausdruck zu geben versuchte.

Was ist des Deutschen Vaterland?

Ist's Preussenland, ist's Schwabenland?

Ist's, wo am Rhein die Rebe blüht?

Ist's, wo am Belt die Möwe zieht?

O - O nein! Nein! Nein!

Sein Vaterland muss grösser sein.

Bilder, die sich auf religiöse oder kirchliche, insbesondere katholische Angelegenheiten bezogen, waren in den Bänden der Gartenlaube nicht gerade zahlreich. Auch wohl nicht immer geeignet, den Glauben zu stärken. Der Spaziergang Pius IX. mit dem Abbé Liszt und einem Gefolge von Kardinälen in den Gärten des Vatikans konnte mir nach keiner Richtung etwas sagen, an der Vertreibung der Salzburger Protestanten habe ich vielleicht nichts auszusetzen gehabt, die Bilder vom Oberammergauer Passionsspiel werden mir uneingeschränkt gefallen haben. Ein Bild vom Berg Sinai, das einem Aufsatz von Tischendorf über das Katharinenkloster und seine Bibelhandschriften beigegeben war, hätte mich wahrscheinlich mehr interessiert, wenn ich gewusst hätte, dass ich mich 50 Jahre später mit dem syrischen Evangelien-Palimpsest des berühmten Klosters zu beschäftigen haben würde.

Bei den Bildern, die sich mit der Kultur und den Sitten der Völker befassten, und bei den Darstellung sozialer Zustände will ich mich nicht aufhalten. Sie lagen meinem Verständnis zu fern und waren auch nicht in so grosser Zahl vorhanden, um sich Beachtung zu erzwingen. Auswanderer auf dem Rhein mochten mich nachdenklich stimmten, denn von den Grafenhausener Verwandten waren ja auch so viele den Rhein hinunter in das Land der grossen Hoffnungen gezogen. Vom Londoner Nachtelend und von der Sklavenarbeit in den Kohlgruben und Fabriken Englands vermochten mir die Bilder sicher keine deutliche Vorstellung zu geben. Was wusste ich überhaupt von Hunger und Fabrikelend? Da packten mich Bilder von der grossen Überschwemmung in Glauchau, von der ersten Besteigung des Grossglockners, von einer Besteigung des Vesuvs, von einem Eselswettrennen in der Romagna, von der Fütterung der Tauben auf dem Markusplatz in Venedig, von der Auffindung der Reste der Fränklischen Expedition auf King Williamsland doch ganz anders, da konnte man glauben, mit dabei gewesen zu sein.

Nicht weniger lebhaft war mein Interesse an Städtebildern und an den grossen Werken der Baukunst. In der Gartenlaube hatte in den Sechziger Jahren eine Folge von Aufsätzen zu erscheinen begonnen, die "Deutschlands Herrlichkeit in seinen Baudenkmälern" in Wort und Bild schildern sollte. Ich habe aus jenen Bänden die Dome von Limburg und Erfurt, die Albrechtsburg, die Marienburg, die Burg Hohenzollern und das Schloss Lichtenstein Jahrzehnte früher kennen gelernt, ehe ich vor den Denkmälern selber stand! Wie oft habe ich die beiden Bilder des Kölner Doms betrachtet, das eine, das den Zustand des Baues im Jahre 1824 zeigte, links die Turmspitze mit dem Kran, rechts das hohe Chor, dazwischen Verwüstung, und das andere, den vollendeten Dom in seiner überwältigenden Grösse und Herrlichkeit! Wie bescheiden waren noch meine Wünsche, wenn ich nicht zu fragen wagte, ob mein Vater nicht einmal einen Ausflug zu den so leicht zu erreichenden Klosterruinen und Wasserfällen von Allerheiligen mit mir machen möchte! Wie unerreichbar fern lag schon die Schweiz oder gar Italien und Spanien, Indien und China! Und doch kannte ich den Kreml in Moskau und die Mamelukengräber in Kairo, den Eskorial und die Tempelruinen von Ambernauth, das Salzbergwerk von Wieliczka, die Kupferhütten Swansee und die Goldgräber Australiens, und tausend andere merkwürdige Dinge. Wie hätte ich mir von ihnen eine Vorstellung bilden könne, wenn zu den trockenen Namen und Zahlen der Schulbücher nicht die zahllosen Illustrationen der Zeitschriften und anderer Bücher hinzugekommen wären?

Recht bescheiden war noch das, was von Werken der Technik und von neuesten Erfindungen damals in die Zeitschriften kam. Wie weit wir es inzwischen gebracht haben, merkt man in der Tat erst, wenn man sieht, wie unfertig und beschränkt doch noch die Einrichtungen des Verkehrswesens, der Maschinentechnik und der Industrie waren, die uns heute Selbstverständlichkeiten sind, und wieviel Projekte noch die Öffentlichkeit beschäftigten, deren Unsinnigkeit heute jedes Kind einsieht. Ich will damit nichts gegen die vielen Pioniere gesagt haben, die mit ihrer technischen Phantasie ins Unbekannte vorzustossen wagten, aber wer empfindet nicht den ungeheuren Abstand der 70 Jahre, die uns von jenen Zeiten trennen.

Gleichwohl wäre auch in den sechziger Jahren aus dem Gebiet der Technik Stoff genug vorhanden gewesen, wenn die "gebildeten Stände" etwas mehr von den dazu erforderlichen Vorkenntnissen mitgebracht hätten. Physikalisches und chemisches oder gar technisches Wissen gehörten nicht zur Allgemeinbildung, und Erziehung zum technischen Denken nicht zu den Aufgaben der Familienblätter. Für acht- bis zehnjährige Buben gab es keine Bastelbücher, für ältere keine angemessenen Physikbücher, zum mindesten waren mir keine zugänglich, und was mir aus der Bibliothek des Vaters in die Hände kam, entweder zu hoch oder zu langweilig. Die beste Ausbeute bot immer noch das Meyer'sche Lexikon; wenn mir auch der Text ziemlich gleichgültig war, so konnte ich doch aus den technischen Tafeln über Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Elektrizität und Magnetismus, Zucker- und Schwefelsäurefabrikation so viel entnehmen, dass der Wunsch nach geeigneter Belehrung wach wurde, und, als die Zeit gekommen war, mit Heisshunger befriedigt wurde.

Für die Astronomie hat mir das Buch der Natur entsprechende Dienste geleistet, das geheimnisvolle Bild einer Sternwarte und die Abbildung des Herschel'schen Riesenteleskops genügten vollkommen, meine Phantasie zu erregen, das übrige tat der Sternhimmel im Laufe der Jahreszeiten. Auf die Geheimnisse der Chemie wurde ich durch das Bild eines mit Glasapparaten bedeckten Experimentiertisches neugierig gemacht; für die Erscheinungen, die wir unter dem Namen der Meteorologie zusammenfassen, bot mir ein Buch mit farbigen und schwarzen Bildern jede gewünschte Belehrung. Naturfremd war ich jedenfalls nicht, als ich die Volksschule mit dem Gymnasium vertauschte, und ich kann nicht von mir sagen, dass ich lateinische und griechische Klassiker las, bevor ich eine Gans von einer Ente unterscheiden konnte.

 


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© Julius Ruska 1937