Was
ich von der Welt in meinen Knabenjahren aus eigener
Anschauung kennenlernte, beschränkte sich auf die
Hausgenossen und Nachbarn mit ihren täglichen
Beschäftigungen, die Stadt mit ihren Häusern
und Gassen und die nächste ländliche Umgebung.
Von tausend anderen Dingen, Städten und fernen
Ländern, Männern und Völkern erfuhr ich,
wie es der Zufall gerade wollte und wie er mir
Bücher zuführte, aus denen ich durch Betrachten
der Bilder, später durch eifriges Lesen, einen
Gesichtskreis erweitern konnte.
Die
Schatzkammer, der ich die Bücher entnahm, war meines
Vaters Bücherschaft. Da er weder im Wohnzimmer noch
im Gastzimmer Platz hatte, war sie an einer freien Wand
im dem Zimmerchen aufgestellt, das mir und meinem Bruder
Albert als Schlafraum diente. Wenn ich im Bett lag, war
der Blick auf die Bücher gerichtet; die Versuchung,
sie mir nutzbar zu machen, lag also nahe genug.
Zunächst kam es darauf an, die Bücher
herauszufinden, die Bilder enthielten. Wenn ich mich an
das unterste Stockwerk mit den grossen Folianten hielt,
hatte ich schon das Beste gefunden. Hier standen etwa 10
Bände der Gartenlaube, einige andere illustrierte
Zeitschriften, der Okenband und das Knabenbuch, daneben
auch zahllose geschriebene Notenhefte, die ich mit
Grausen betrachtete. Im zweiten Stockwerk standen die
Bände von Meyers Konversationslexikon, deren
Tierbilder und technische Tafeln eine willkommene
Bereicherung des Wissens boten. Das dritte, vierte und
fünfte Fach war mit pädagogischen,
geschichtlichen und geographischen Werken besetzt, von
denen nur ausnahmsweise eines Bilder enthielt; das war
eine sterile Zone, über die man erst hinauskommen
musste, um wieder auf Bilder zu stossen. Wenn ich mich
auf das Fussende des Bettes setzte, konnte ich zu den
nächst höheren Brettern gelangen, wenn ich mich
darauf stellte, konnte ich auch die letzte
Bücherreihe unter der Zimmerdecke erreichen. Auf den
oberen Schäften standen die Bände kleineren
Formats, Klassiker, Novellensammlungen, Stunden der
Andacht und Stunden des Vergnügens, geschichtliche
und naturgeschichtliche Werke von geringerem Umfang; ich
wusste bald, in welchen Bänden Bilder zu finden
waren. Im Laufe der Jahre habe ich dann auch manchmal zu
früh, manchmal zu spät, manchmal auch zur
rechten Zeit vom Inhalt Kenntnis genommen.
Wenn
der Oken das Fundament meiner zoologischen Wissenschaft
war, so hat mich das Deutsche Knabenbuch (Deutsches
Knabenbuch , Hundert Gestalten in Wort und Bild. Lahr,
Moritz Schauenburg & Comp., ohne Jahr) mit seinen
Bildern in die grosse geschichtliche Welt
eingeführt. Das Buch war mein eigenster Ganzleinen
mit eingepresstem Titel, den ich von der Tochter des
Amtsrichters Musler als Weihnachtsgeschenk erhalten
hatte. Darin waren Leben, Taten und Meinungen von 100
grossen Männern und Frauen in Knittelversen
beschrieben, und 50 davon, die ungeraden Nummern waren
auch noch mit allen Insignien ihrer Würde und allen
Wahrzeichen ihrer besonderen Leistungen auf schönen
Tafeln abgebildet. Der Bänkelsänger war Ludwig
Eichrodt, ein badischer Dichter, dem man auch im Lahrer
Kommersbuch begegnet: Die Verse sind schauderhaft, die
Bilder, von den Karlsruher Künstlern Camphausen,
Schrädter und Soder gezeichnet, haben weite
Verbreitung gefunden und könnten auch jetzt noch
deutschen Knaben vorgelegt werden. An dem Durcheinander
der Bilder und Gedichte, die jeder geschichtlichen oder
sachlichen Ordnung Hohn sprechen, habe ich als Kind
keinen Anstoss genommen, und an der Auswahl habe ich erst
recht keine Kritik geübt. Wahrscheinlich hat mir die
Mutter die Verse erst einmal vorgelesen, dann werde ich
mich mit der Betrachtung der Bilder begnügt haben.
Ich hatte meine besonderen Lieblinge unter den Helden und
Heldinnen, und sie sind mir alle noch gegenwärtig.
Da war
gleich als erster der alte Methusalem, in einen Mantel
gehüllt, tief gebeugt auf zwei Stöcke
gestützt, kahlköpfig und mit einem weissen
Bart, der bis über die Knie reichte:
Neunhundert
Jahre lebt ehedem
Der
würdige Greis Methusalem.
Später
lernte ich, dass er 969 Jahre alt geworden sei;
hätte ich schon die kritische Schulung des
Philologen besessen, so wäre mir an diesem
Widerspruch vielleicht der Unterschied zwischen
poetischer Lizenz und historischer Akribie
aufgegangen.
Auch
den kühnen Jäger Nimrod und den König
Sesostris liebte ich sehr; der eine hatte den Turm von
Babel gebaut, was die bekannten schrecklichen Folgen
hatte, der andere - sein Bild stand zwischen denen von
Gustav Adolf und Attila - trug eine Art Priestergewand
mit einer seltsamen Bischofsmütze, aus der ein
Schmetterlingsrüssel herausschaute: Wer hätte
mir damals sagen können, dass dieser Kopfschmuck die
Doppelkrone von Ober- und Unterägypten bedeuten
sollte? Stolz und streng, die Hand gebieterisch
aufgestützt, mit einer Hakennase im mageren Gesicht
und einem spitzgezwirbelten Kinnbart stand die
Majestät zwischen zwei Säulen, die Pyramiden im
Hintergrund. Tiefsinnig aber orakelte der
Dichter:
Der
König Sesostris, gräberfroh
War
über Ägypten Pharao.
Ich
habe nie begriffen, warum der Mann gräberfroh sein
musste. Doch nicht nur der Reimkunst zuliebe? Warum nicht
lieber
Der
König Sesostris, comme il-faut,
oder
noch besser und ansprechender,
Sesostris,
braun wie Kakao?
Juden
waren seltsamerweise nicht in Bildern dargestellt, doch
hatte Eichrodt von ihren berühmten Männern
wenigstens den Simson und den Salomo, den Ahasver und den
Baron Rothschild besungen. Das klassische Altertum war
nicht übermässig reich mit Bildern bedacht.
Herkules mit der Keule und der Löwenhaut, ein
kilometerlanges Krokodil zu seinen Füssen, war ein
würdiges Seitenstück zu Teutobach, der sich mit
Doppelaxt in einer gehörnten Ochsenhaut
präsentierte. Achill und die schöne Helena
vertraten den Homer, Alexander und Cäsar die
eigentliche Geschichte. Auch die Philosophie ging in dem
Knabenbuch nicht leer aus. Musste man nicht
wünschen, des Sokrates Schüler gewesen zu sein,
wenn man an die Erbfolge seines Privatunterrichts
dachte?
Die
edlen Jünglinge von Athen
Sah man
mit ihm spazierengehn,
Wenn
einer sich noch so thöricht betrug
Der
weise Sokrates macht ihn klug.
Auch
von der Xantippe war die Rede und von den
Unannehmlichkeiten, die Sokrates sich zuzog, wenn er zu
spät zum Essen kam.
Tausend
Jahre später - eine andere Welt, Karl der Grosse,
der deutsche Kaiser mit Zepter, Krone und
Krönungsmantel, und Harun al-Raschid, sein grosser
Zeitgenosse:
Harun
al-Raschid, der weise Kalif,
Der in
Bagdads Strassen verkleidet lief, ...
Märchenwunder
von Moscheen und Minaretts im Hintergrund, von silbernem
Mondlicht umflossen.
Aber
warum mich bemühen, historische Ordnung
herzustellen, wenn im Buche selbst wie damals in meinem
Kopf alles durcheinanderlief, wenn Karl der Grosse
zwischen Kopernikus und Dürer, der arabische Kalif
zwischen Helena und Konradin, die Jungfrau von
Orléans zwischen Dante und Shakespeare eingereiht
waren? schliesslich fand sich doch zusammen, was
zusammengehörte, die Gestalten des Mittelalters wie
die der Reformationszeit oder der
Freiheitskriege.
Weniger
durcheinandergewürfelt, aber auch enger begrenzt war
eine Galerie von etwa 60 Geschichtsbildern, die ich in
Dullers Geschichte des Deutschen Volkes aufstöberte.
Von der politischen Einstellung des Verfassers und von
dem Wert seiner Darstellung hatte ich natürlich
keine Ahnung, von seinen dichterischen Leistungen und
wechselvollen Schicksalen habe ich mir erst jetzt aus dem
Meyerschen Lexikon einige Kenntnisse verschafft. Mein
Vater schätzte das Buch sehr hoch, es war für
ihn das rechte Hausbuch deutschen Stolzes und deutscher
Ehre, und ich kann ihm das durchaus nachfühlen,
nachdem ich mir einige Kapitel wieder angesehen habe.
Die
Einschaltbilder stellen Szenen zwischen zwei oder drei
Personen dar, gelegentlich auch Massenauftritte; man muss
zugeben, dass die Künstler es verstanden haben,
spannende Begebenheiten anschaulich zu gestalten. Recht
oft treten dem Leser Bilder von verwundeten und
gefallenen Helden, von sterbenden Königen und
schmachvoll hingemordeten Freiheitskämpfern
entgegen. Er sieht aber auch Fürsten mit
Künstlern, Philosophen und Gelehrten Zwiesprach
halten, er sieht Luther seine Thesen anschlagen und die
Bibel übersetzen, Karl V. mit Fugger verhandeln und
im Kloster von St. Just zwei Uhren beobachten, er sieht
den Tell, wie er nach dem Schuss seinen Knaben in Empfang
nimmt, während Gessler mit seinem Pferd finster im
Hintergrund lauert, er sieht, wie der Graf Ekbert den vom
Erzbischof Hanno geraubten König Heinrich auf dem
Rhein in das Schiff rettet.
Ich
könnte hier auch von den Stahlstichen in einer
Cotta'schen Ausgabe von Schillers Werken erzählen,
die mich mit Szenen aus seinen Dramen bekannt machten,
lange bevor ich mich an die Lektüre wagte, oder
Byrons Werken, die ich heute noch nicht gelesen habe.
Aber ich will lieber zeigen, welche Fülle von
Anschauung und Belehrung mir bei meiner Leidenschaft
für Bilder aus den bänden der Gartenlaube und
anderen illustrierten Zeitschriften zuströmte, die
mir in meinen Knabenjahren zugänglich
waren.
Die
Gartenlaube war im Jahre 1853 von Ernst Keil
begründet worden und hatte sich nach kurzer Zeit zum
führenden deutschen Familienblatt aufgeschwungen.
Der Erfolg war wohl verdient, wenn man sieht, wie stark
ähnliche Zeitschriften damals noch von
ausländischen Autoren und Illustrationen
abhängig waren, und wie zielbewusst der Herausgeber
der Gartenlaube den deutschen Gedanken betonte und jede
deutsche Leistung auf literarischem und
künstlerischem Gebiet zu fördern strebte. Mich
ging das alles nichts an, ich sass über den Bildern
und kannte nur einen Gesichtspunkt für ihre
Wertschätzung - ob ich mir etwas dabei denken
konnte, oder ob sie mir nichts sagend und
gleichgültig war.
Am
wenigstens wusste ich mit den Porträtköpfen zu
den vom Herausgeber mit Liebe gepflegten biographischen
Aufsätzen anzufangen. Was konnten mir damals Bilder
von Schleiermacher, vom Bischof von Ketteler, von Cavour,
Roggenbach, vom Freiherrn von Aufseß, von Bogomil
Goltz, von Max Müller, von Schultze-Deliztsch oder
dem jungen Privatdozenten Heinrich von Treitschke sagen?
Hätte ich mir denken können, dass ich nach mehr
als 20 Jahren in Berlin einmal zu seinen Füssen
sitzen würde? Konnte ich wissen, was es zu bedeuten
hatte, wenn die Gartenlaube bei der Schilderung der
Verdienste des Sprachforschers Max Müller schon 1865
die Times das "Hauptorgan jeder Schmähung gegen
Deutschland" nannte. Konnte ich mir vorstellen, welche
Verdienste sich ein Freiherr von Aufseß um die
Bewahrung des alten deutschen Schrifttums und um die
Gründung des germanischen Museums erworben
hatte?
Lebendiger
wirkten schon Bilder, die irgendeinen Vorgang darstellten
und, wenn nicht aus sich selbst, doch mit Hilfe der
Unterschrift in ihrer Bedeutung zu verstehen waren. Wie
konnte ich mich doch in Bilder vertiefen, die dem
Familienleben entnommen waren, in denen Glück und
Leid von Eltern und Kindern zum Ausdruck kam, oder in
andere, die eine kirchliche Handlung, die Ausübung
eines Berufs, das Gedächtnis einer mutigen Tat zum
Gegenstand hatten! Durch die Bilder der Gartenlaube
lernte ich Begebenheiten aus dem Leben berühmter
Männer und Frauen kennen, die später, wenn ich
die zugehörigen Aufsätze las, als festeste
Stütze des Gelesenen im Gedächtnis blieben.
Wenn ich ein Bild fand, auf dem der junge Schiller seinen
Freunden die Räuber vorlas, ein anderes, das
Schiller mit Goethe im Lengefeld'schen Garten zu
Rudolstadt darstellte, ein drittes, auf dem der alte
Goethe den Schädel Schillers prüfend in der
Hand hielt - war das nicht ein Stück deutsches
Dichterschicksal? Wenn ich ein Bild betrachtete, das den
alten Rauch in Rietschels Atelier zeigte, ein anderes, wo
Alexander von Humboldt am Sterbebett Rauchs steht, ein
drittes, wo Prinz Wilhelm von Preussen Alexander von
Humboldt die letzte Ehre erweist - waren da nicht
Zusammenhänge sichtbar, die bis in die lebendige
Gegenwart reichten? Und wenn ich ein Bild sah, auf dem
der Vater Mozart mit Sohn und Tochter ein Konzert gab,
während auf einem anderen der junge Mozart vor einer
vornehmen Gesellschaft zum ersten Mal am Klavier den "Don
Juan" vortrug, waren es etwa nur die Kostüme, die
Perücken und Zöpfchen, die mir auffielen, oder
hoffte ich gar, es im Klavierspielen einmal zu
ähnlicher Meisterschaft zu bringen? Wenn mir ein
Bild aufstiess, das Medelssohn, Lessing und Lavater
über Religion disputierend darstellte, musste mir
das nicht später, als ich in Oberprima mehr
über die drei Männer erfuhr und die Religion
mir selber von der Höhe einer seligmachenden
Wahrheit zur diskutablen Angelegenheit herabzusinken
begann, wieder deutlich in Erinnerung kommen?
Einen
besonders tiefen und nachhaltigen Eindruck habe ich von
den figurenreichen historischen Szenen gehabt, die in der
Gartenlaube nach grossen Wandgemälden wiedergegeben
waren. Ich brauche nur an Kaulbachs Zeitalter der
Reformation zu denken, an ein Bild von der
Zerstörung Heidelbergs, an den Besuch des Kaisers
Otto III. im Grabgewölbe Karls des Grossen, an die
Einsegnung der Freiwilligen von 1813 und an viele andere
Bilder aus der deutschen Geschichte. Was ich damals schon
dem Ruhm und der Ehre der deutschen Nation wie von den
Tagen der Schande und Schmach in mein junges Herz
aufnahm, hat für das ganze Leben
standgehalten.
Die
neueren geschichtlichen Ereignisse, insbesondere die
Kriege von 1859, 1864 und 1866 spiegelten sich in
mancherlei politischen und militärischen Bildern und
in Szenen von den Kriegsschauplätzen. Ich
schwärmte mit ganz Deutschland für Garibaldi,
allerdings nicht aus politischen Gründen, sondern
weil er auf manchen Bildern meinem Vater ähnlich
sah. Wir besassen ein besonderes Buch über Garibaldi
(Gustav Rasch, Das Schwert Italiens. Lebensskizze des
Generals Garibaldi, Zürich 1863), dessen
Einschaltbilder der Vater mit Farbstiften bemalt hatte,
und ich war stolz darauf, dass Garibaldis Ruhebett ein
"Erzeugnis der deutschen Industrie" war. Ich entsetzte
mich über ein Bild aus dem böhmischen Feldzug,
das "die Raubthiere des Schlachtfeldes" zeigte, wie sie
Verwundete, Soldaten ermordeten und beraubten, aber ich
freute mich auch über die Geistesgegenwart eines
österreichischen Offiziers, der unbehelligt aus
Mailand entkam, weil er seinen Soldaten befahl, die
kleinen Mädchen, die zufällig aus einer Schule
herausströmten, auf die Arme zu nehmen.
Warum
man in den sechziger Jahren immer wieder deutsche
Schützenfeste, Turnerfeste, Jugendwehrfeste und
Sängerfeste feierte und schwarz-rot-goldene Fahnen
schwenkte, habe ich meinen Knabenjahren sicher nicht
begriffen. Heute würde es nicht schaden, sich jener
Zeiten dankbar zu erinnern, wo das Volk aller
Kleinstaaterei zum Trotz der Sehnsucht nach einem grossen
deutschen Vaterland in solchen Festen Ausdruck zu geben
versuchte.
Was ist
des Deutschen Vaterland?
Ist's
Preussenland, ist's Schwabenland?
Ist's,
wo am Rhein die Rebe blüht?
Ist's,
wo am Belt die Möwe zieht?
O - O
nein! Nein! Nein!
Sein
Vaterland muss grösser sein.
Bilder,
die sich auf religiöse oder kirchliche, insbesondere
katholische Angelegenheiten bezogen, waren in den
Bänden der Gartenlaube nicht gerade zahlreich. Auch
wohl nicht immer geeignet, den Glauben zu stärken.
Der Spaziergang Pius IX. mit dem Abbé Liszt und
einem Gefolge von Kardinälen in den Gärten des
Vatikans konnte mir nach keiner Richtung etwas sagen, an
der Vertreibung der Salzburger Protestanten habe ich
vielleicht nichts auszusetzen gehabt, die Bilder vom
Oberammergauer Passionsspiel werden mir
uneingeschränkt gefallen haben. Ein Bild vom Berg
Sinai, das einem Aufsatz von Tischendorf über das
Katharinenkloster und seine Bibelhandschriften beigegeben
war, hätte mich wahrscheinlich mehr interessiert,
wenn ich gewusst hätte, dass ich mich 50 Jahre
später mit dem syrischen Evangelien-Palimpsest des
berühmten Klosters zu beschäftigen haben
würde.
Bei den
Bildern, die sich mit der Kultur und den Sitten der
Völker befassten, und bei den Darstellung sozialer
Zustände will ich mich nicht aufhalten. Sie lagen
meinem Verständnis zu fern und waren auch nicht in
so grosser Zahl vorhanden, um sich Beachtung zu
erzwingen. Auswanderer auf dem Rhein mochten mich
nachdenklich stimmten, denn von den Grafenhausener
Verwandten waren ja auch so viele den Rhein hinunter in
das Land der grossen Hoffnungen gezogen. Vom Londoner
Nachtelend und von der Sklavenarbeit in den Kohlgruben
und Fabriken Englands vermochten mir die Bilder sicher
keine deutliche Vorstellung zu geben. Was wusste ich
überhaupt von Hunger und Fabrikelend? Da packten
mich Bilder von der grossen Überschwemmung in
Glauchau, von der ersten Besteigung des Grossglockners,
von einer Besteigung des Vesuvs, von einem
Eselswettrennen in der Romagna, von der Fütterung
der Tauben auf dem Markusplatz in Venedig, von der
Auffindung der Reste der Fränklischen Expedition auf
King Williamsland doch ganz anders, da konnte man
glauben, mit dabei gewesen zu sein.
Nicht
weniger lebhaft war mein Interesse an Städtebildern
und an den grossen Werken der Baukunst. In der
Gartenlaube hatte in den Sechziger Jahren eine Folge von
Aufsätzen zu erscheinen begonnen, die "Deutschlands
Herrlichkeit in seinen Baudenkmälern" in Wort und
Bild schildern sollte. Ich habe aus jenen Bänden die
Dome von Limburg und Erfurt, die Albrechtsburg, die
Marienburg, die Burg Hohenzollern und das Schloss
Lichtenstein Jahrzehnte früher kennen gelernt, ehe
ich vor den Denkmälern selber stand! Wie oft habe
ich die beiden Bilder des Kölner Doms betrachtet,
das eine, das den Zustand des Baues im Jahre 1824 zeigte,
links die Turmspitze mit dem Kran, rechts das hohe Chor,
dazwischen Verwüstung, und das andere, den
vollendeten Dom in seiner überwältigenden
Grösse und Herrlichkeit! Wie bescheiden waren noch
meine Wünsche, wenn ich nicht zu fragen wagte, ob
mein Vater nicht einmal einen Ausflug zu den so leicht zu
erreichenden Klosterruinen und Wasserfällen von
Allerheiligen mit mir machen möchte! Wie
unerreichbar fern lag schon die Schweiz oder gar Italien
und Spanien, Indien und China! Und doch kannte ich den
Kreml in Moskau und die Mamelukengräber in Kairo,
den Eskorial und die Tempelruinen von Ambernauth, das
Salzbergwerk von Wieliczka, die Kupferhütten Swansee
und die Goldgräber Australiens, und tausend andere
merkwürdige Dinge. Wie hätte ich mir von ihnen
eine Vorstellung bilden könne, wenn zu den trockenen
Namen und Zahlen der Schulbücher nicht die zahllosen
Illustrationen der Zeitschriften und anderer Bücher
hinzugekommen wären?
Recht
bescheiden war noch das, was von Werken der Technik und
von neuesten Erfindungen damals in die Zeitschriften kam.
Wie weit wir es inzwischen gebracht haben, merkt man in
der Tat erst, wenn man sieht, wie unfertig und
beschränkt doch noch die Einrichtungen des
Verkehrswesens, der Maschinentechnik und der Industrie
waren, die uns heute Selbstverständlichkeiten sind,
und wieviel Projekte noch die Öffentlichkeit
beschäftigten, deren Unsinnigkeit heute jedes Kind
einsieht. Ich will damit nichts gegen die vielen Pioniere
gesagt haben, die mit ihrer technischen Phantasie ins
Unbekannte vorzustossen wagten, aber wer empfindet nicht
den ungeheuren Abstand der 70 Jahre, die uns von jenen
Zeiten trennen.
Gleichwohl
wäre auch in den sechziger Jahren aus dem Gebiet der
Technik Stoff genug vorhanden gewesen, wenn die
"gebildeten Stände" etwas mehr von den dazu
erforderlichen Vorkenntnissen mitgebracht hätten.
Physikalisches und chemisches oder gar technisches Wissen
gehörten nicht zur Allgemeinbildung, und Erziehung
zum technischen Denken nicht zu den Aufgaben der
Familienblätter. Für acht- bis zehnjährige
Buben gab es keine Bastelbücher, für
ältere keine angemessenen Physikbücher, zum
mindesten waren mir keine zugänglich, und was mir
aus der Bibliothek des Vaters in die Hände kam,
entweder zu hoch oder zu langweilig. Die beste Ausbeute
bot immer noch das Meyer'sche Lexikon; wenn mir auch der
Text ziemlich gleichgültig war, so konnte ich doch
aus den technischen Tafeln über Dampfmaschinen,
Eisenbahnen, Elektrizität und Magnetismus, Zucker-
und Schwefelsäurefabrikation so viel entnehmen, dass
der Wunsch nach geeigneter Belehrung wach wurde, und, als
die Zeit gekommen war, mit Heisshunger befriedigt
wurde.
Für
die Astronomie hat mir das Buch der Natur entsprechende
Dienste geleistet, das geheimnisvolle Bild einer
Sternwarte und die Abbildung des Herschel'schen
Riesenteleskops genügten vollkommen, meine Phantasie
zu erregen, das übrige tat der Sternhimmel im Laufe
der Jahreszeiten. Auf die Geheimnisse der Chemie wurde
ich durch das Bild eines mit Glasapparaten bedeckten
Experimentiertisches neugierig gemacht; für die
Erscheinungen, die wir unter dem Namen der Meteorologie
zusammenfassen, bot mir ein Buch mit farbigen und
schwarzen Bildern jede gewünschte Belehrung.
Naturfremd war ich jedenfalls nicht, als ich die
Volksschule mit dem Gymnasium vertauschte, und ich kann
nicht von mir sagen, dass ich lateinische und griechische
Klassiker las, bevor ich eine Gans von einer Ente
unterscheiden konnte.