Fünfzehntes Kapitel.

Auf der Höhe des Lebens.
 

Mit dem Besitz von Haus und Garten hatten meine Eltern das letzte Ziel erreicht, das sie sich gesetzt hatten. Sie hatten sich und ihren Kindern ein beglückendes Heim geschaffen, das sie nicht mehr zu verlassen hofften. Was das Aufwachsen auf eigener Scholle bedeutet, ist uns als Kindern kaum zum Bewusstsein gekommen, Haus und Garten waren uns eine Selbstverständlichkeit. Dass selbst in Bühl die meisten Leute keinen Garten und kein Obst hatten, haben wir uns nicht zu Herzen genommen. Auch die Arbeit, die der Vater neben dem Beruf, die Mutter neben dem Haushalt Tag für Tag im Garten leistete, nahmen wir als selbstverständlich hin. Wir merkten kaum, dass der Hauptberuf des unermüdlichen Mannes ausserhalb des Hauses lag, und dass die Mutter im Hause keine Minute untätig blieb.

Ich habe nur wenig von den Bühler Schulverhältnissen gesagt; es wird jetzt Zeit, das nachzuholen.

Mit der Volksschule wurde viel experimentiert, ohne dass alle Leute zufrieden gestellt werden konnten. Als zweiter Hauptlehrer, der nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht weiter aufrücken konnte, behielt mein Vater, so lange er in Bühl war, die oberen drei Mädchenklassen. Da es keine höhere Töchterschule gab, besuchten auch die Kinder der sogenannten besseren Familien, Christen wie Juden, die Volksschule, und mein Vater konnte stolz sein auf seine Schülerinnen. Er fasste sie mit Strenge und Gerechtigkeit an und war ein unbequemer Lehrer, aber die jungen Damen, die aus seiner Schule kamen, wussten was sie gelernt hatten.

Für besonders feine Leute war Anfang der Siebziger Jahre im Meierhof eine Privatschule eingerichtet worden. Vielleicht ging der Gedanke von evangelischen Familien aus, da der evangelische Pfarrer und der freisinnige Arzt Dr. Walchner neben dem Lehrer Reich an der Schule unterrichteten. Mein Vater erzählt, dass Dr. Walchner Physik und Naturwissenschaften lehrte, indem er auf dem Katheder sitzend den Kindern Vorlesungen hielt. Ich habe den seltsamen alten Herrn, der mit seinem flatterigen weissen Bart und Haar an Ibsen oder Schopenhauer erinnerte, noch sehr gut im Gedächtnis. Er hat zuletzt ein trauriges Leben geführt und uns ein paar Bücher hinterlassen, von denen ich eines heute noch besitze. Auch mein Vater liess sich überreden, einige Stunden zu übernehmen, hatte aber nicht Lust, das Abenteuer länger als ein halbes Jahr fortzusetzen, nachdem er gesehen hatte, dass Schüler wie Lehrer machten, was sie wollten, und dass von einem planmässigen Unterricht überhaupt keine Rede war.

Besonders viel Mühe und Verdruss brachte ihm in der ersten Zeit die Gewerbeschule. Die meisten Lehrlinge kamen von den Dörfern und besassen nur schlechte Vorbildung, so dass sie vom Zeichnen keine Ahnung hatten. Viele Meister wollten ihnen auch die Zeit zum Schulbesuch nicht freigeben, entzogen sie unter nichtigen Vorwänden dem Unterricht, setzten notwendigen Massnahmen hartnäckigsten Widerstand entgegen und liessen ihrem Ärger über den Lehrer die Zügel schiessen. Selbst Gewerbeschulräte, deren Pflicht es gewesen wäre, für die Anstalt einzutreten, beteiligten sich an der Hetze. Mein Vater liess sich nicht irre machen; er nahm auch Gesellen auf, die freiwillig kommen wollten und führte das Modellieren in Ton, Gips und Holz ein. Schliesslich erreichte er, dass durch Ortsstatut der Schulzwang beschlossen wurde, und fand auch in Disziplinarfällen an Bürgermeister Knörr einen verständigen Helfer. Als dieser eines Tages einen besonders aufsässigen Bengel auf drei Tage in den Ortsarrest steckte, war die Ruhe hergestellt.

Es war ein sauer verdientes Brot, wenn mein Vater noch nahe den Sechzig im Sommer zweimal morgens von 5 bis 7, im Winter abends von 8 bis 10, also vor oder nach anstrengender Tagesarbeit, sich mit einer Rotte von Lehrbuben herumzuschlagen hatte, zumal er nicht gewohnt war, sich Unfug gefallen zu lassen. Dem mit allen Fasern im praktischen Leben wurzelnden Manne hätte der Unterricht an sich schon liegen müssen, und ich weiss sehr gut, wie gerne er in späteren Jahren im Gewerbeverein über gewerbliche und wirtschaftliche Fragen Vorträge hielt und Anregungen gab. Als er aber mehr und mehr fühlte, dass die Belastung über seine Kraft ging, und doch keine Möglichkeit sah, sich von der Gewerbeschule frei zu machen, musste er sich entschliessen, um Versetzung einzugehen.

Freundlichere Erinnerungen knüpfen sich an die Tätigkeit in der landwirtschaftlichen Winterschule. Hier kamen junge Bauernsöhne aus dem ganzen Kreis Baden freiwillig zum Unterricht, die Schule wurde mit allen staatlichen Mitteln unterstützt und empfohlen. Als Leiter wirkten besonders vorgebildete Landwirtschaftslehrer, zuerst wohl Herr Römer, ein grosser, wettergebräunter Mann mit rundem Bart, der uns Buben in seinem dicken Wintermantel wie ein Zottelbär vorkam. Er wohnte in Oberweier und kam oft zu uns ins Haus, meistens mit physikalischen Apparaten beladen, die bei uns ausprobiert wurden. Er war wohl damit beschäftigt, zu den Lehrmitteln der Schule, die in einem Kuhskelett, einer Sammlung von Wachsnachbildungen der Obstarten, botanischen Wandtafeln udgl. bestanden, auch ein physikalisches Kabinett zu begründen. Ich entsinne mich noch sehr wohl einiger Glasröhren, eines Springbrunnens und einer Glaspumpe, hölzerner Rollen und Flaschenzüge, vor allem eines Harzkuchens, dem man elektrische Funken entlocken konnte. Das war damals wohl der Höhepunkt der Wissenschaft. Als Römer nach Villingen versetzt wurde, bettelten wir ihm ein Buch über Naturgeschichte, den Postel, ab, den ich schon erwähnt habe. Sein Nachfolger wurde der Landwirtschaftsinspektor Junghanns vom Aspichhof, ein eleganter Mann mit schwarzer Samtjacke und Rohrstiefeln, dessen Gut samt Viehbestand ich auch einmal mit meinem Vater inspizieren durfte. Die zweite Hauptkraft war der Tierarzt Veith, ein freundlicher, graubärtiger Herr, als Nebenlehrer; für Zeichnen, Wirt-Rechnen udgl. waren mein Vater und Lehrer Jutz tätig. Da die jungen Leute, die aus weiterer Entfernung kamen, in der Stadt untergebracht werden mussten, hatten wir über Winter bisweilen auch einen Pensionär. Der netteste von allen war der rotbackige Sohn des Ochsenwirts von Rotenfels.

Aus dem Hausbuch ist ersichtlich, dass mein Vater in steigendem Mass Klavierstunden gab, nachdem er von den Gesangvereinsproben und dem Organistendienst entlastet war. Die Einnahmen aus dieser Tätigkeit bewegten sich in der Zeit des Hausbaus um 120 Gulden, stiegen in den nächsten Jahren auf 150 Gulden, nehmen aber dann rasch ab und hören 1878 ganz auf. Ich kann es meinem Vater nachfühlen, wenn er mit 52 Jahren Schluss machte. Die ältesten Namen, die ich verzeichnet finde, sind mir fremd, dann stellen sich mehr und mehr bekannte Familien ein. Ganz besonders haben jüdische Eltern das Bedürfnis empfunden, ihre Töchter und Söhne in die Geheimnisse des Fingersatzes einweihen zu lassen. Die begabteste aller Schülerinnen, allerdings keine Jüdin, war die Tochter Marie Mussler, die Tochter des Amtsrichters; von ihr konnte mein Vater in alten Tagen schwärmen.

Es war kein Wunder, dass auch ich schon früh das Klavier als Spielzeug benutzte und hochbeglückt war, als ich richtig spielen lernen durfte. Ich muss damals etwa 8 Jahre alt gewesen sein; viel Zeit hat der gehetzte Vater nicht auf seinen Sohn verwendet, ich musste mich schon selbst daranhalten. Mit 9 Jahren konnte ich Potpourris aus der Martha und Robert dem Teufel spielen und habe mich durch Vorführung meiner Kunst einmal vom Essen einer verhassten Suppe losgekauft.

Wenn ich sagen soll, in welcher Tätigkeit ich mir meinen Vater am frühesten vorstellen kann, so ist es die Ölmalerei gewesen. Gewiss mischen sich hier auch spätere Erinnerungen ein, ich weiss aber noch gut über die Entstehung einzelner Bilder bescheid, und da eines davon, die Kopie einer Winterlandschaft mit den Kämpfen vor Dijon im April 1872 verkauft wurde, gehen meine Erinnerungen mindestens bis in diese Zeit zurück.

Der Blick des Kindes musste früh auf die Gemälde fallen, die an allen Wänden hingen. Zwei Genrebilder, Kopien nach Holzschnitten der Gartenlaube, habe ich gewiss früh verstanden. Das eine stellte einen Landsknecht dar, den das Söhnchen, das er auf dem Arm trägt, am Schnurrbart zupft, das andere eine Mutter, die ein kleines Mädchen, das den Löffel in den gefalteten Händen erst beten lässt, bevor es seinen Brei bekommt. Das grösste Bild, eine Kreuzigung mit den Frauen von Johannes, in dunklen Farben mit schwarzem Hintergrund gemalt, hing über dem Sofa; es war nach einem kleinen Stahlstich kopiert, wie man sie als fromme Lesezeichen in Gebetsbüchern hatte. Diese drei Bilder müssen in den Jahren vor dem Krieg entstanden sein. Während des Hausbaus blieb zum Malen keine Zeit. Der Ankauf von Malerleinwand im Juli 1875 weist aber auf die beiden schönen alten Landschaften hin, die mein Vater damals in den Ferien als Schmuck für das Gastzimmer nach kleinen farbigen Lithographien kopiert hat. Als Achtjähriger habe ich schon mit Ausdauer und Verständnis zugeschaut und auch manche Antwort auf neugierige Fragen erhalten.

Wenn der Rahmen mit der grundierten Leinwand auf der Staffelei stand und die Hauptkonturen mit Lindenkohle leicht angedeutet waren, konnte das Malen losgehen. Pinsel in allen Grössen, Wischer, Spachtel, Leinwandlappen und Öl standen wie die Instrumente bei einer Operation bereit, die Palette wurde aus den Farbtuben, die in dem bunten Durcheinander im Malkasten lagen, mit Farben besetzt. Welch aufregende Augenblicke, wenn sie ihren Inhalt in schön gedrehten Häufchen von sich gaben!

Unendlich viel Kremserweiss, etwa Berlinerblau für den Himmel, Chromgelb, gebrannter und heller Ocker, Terra de Siena, Beinschwarz, Englischrot, Krapplack, grüner Zinnober für andere Zwecke, ein unendlicher Wechsel von Tönen, eine Fügsamkeit der Mischungen, ein Leuchten der Farben, dass man beim Zusehen alles andere vergessen konnte. War mein Vater auch kein Schirmer und kein Thoma, so besass er doch offenen Sinn für das Charakteristische einer Landschaft und Geschick für solche Malerei, und auf alle Fälle hat er niemand mit seiner stillen Beschäftigung gestört. Für mich ist es alle Zeit ein grosser Gewinn gewesen, dass ich von der Technik der Malerei und dem Wesen der Farben schon früh einen Begriff bekommen habe. So wenig ich Kunstkritikern jemals zu widersprechen wagen würde, mich um sie zu kümmern, wenn mir ein Bild aus irgendwelchen Gründen gefiel, habe ich noch weniger für nötig gehalten.

Die "Kunst der Malerei", die mein Vater Hans Thoma abgekauft hat, ist ein Buch so köstlich-altväterischer Art, dass ich Lust hätte, seitenweise Auszüge daraus wiederzugeben. Vielleicht kann es einmal einem Kunsthistoriker dienen, wenn er schildern will, mit welchem seelenvollen Pathos dieser Lehrer der Kunst seine Schüler den steilen Weg zur Vollendung hinanführt. Ich möchte wenigstens von dem, was er über die Landschaftsmalerei sagt, eine Probe geben:

"Vom 14. Bis zum 20. Jahre ist die Bildungsfähigkeit der Jugend im besten Zuge, das Studium in der freien Natur, nach dem kurz vorhergegangenen Aufenthalte in Kinder- und Schulzimmern, ist ihr ein Hochgewinn, und mit vollen Zügen, erfüllt von den schönsten, dem unschuldvollsten Gemüte entspringende Hoffnungen, saugt sie die herrlichen Eindrücke der Natur ein. Da ist Reinheit und Einfalt der Auffassung, jene Tugend, die oft gewandte Künstler in ihren späten Jahren als verloren betrauern, und vielmal sich der frühesten Studien nach der Natur mit mehr Erfolg bedienen, als späterer mit kunstgewandter Hand verfertigter Werke. Darum ist es sehr gefehlt, den jungen Künstler in seiner Liebe durch Tadel der Ängstlichkeit und des Mangels an Ausdruck zu schwächen, noch mehr, ihm fremde, das Auge täuschende Manieren zu empfehlen, in deren Nachahmung seine bislang noch verschleierte Individualität aufgehen musste, um am Ende Blei für Gold einzutauschen."

Das Malbuch habe ich in jungen Jahren kaum in die Hand genommen, da es keine Bilder enthält und ich nie den Ehrgeiz hatte, ein Maler zu werden. Stärker hat mich eine "Schule des Zeichners" angezogen, die einen Band der von C. Spamer ins Leben gerufenen illustrierten Volks- und Familien-Bibliothek zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse etc. bildete. Aus den Abbildungen dieses Buches habe ich die ersten Begriffe von Säulenordnungen, Baustilen, Landschafts- und Figurenzeichnung gewonnen und aufmerksam gelesen, was darin über die Künste des Holzschnitts, des Kupferstichs, der Lithographie und der Galvanoplastik mitgeteilt wurde. Zum Zeichnen brauchte ich, bei so vielen Vorbildern, wie sie bei uns zu Hause aufgestapelt lagen, keiner besonderen Anstösse. Ich habe leidenschaftlich gerne gezeichnet und jedenfalls grössere Fertigkeit mit auf das Gymnasium gebracht, als von dort davongetragen. Eine besondere Freude habe ich am Kartenzeichnen. Alle diese Künste sind mir beim Studium und im Beruf von grossem Nutzen gewesen.

Hätten meine Eltern nach dem Hausbau nur für sich und die Kinder zu sorgen gehabt, so wären die ersten Jahre des Besitzes gewiss zu den glücklichsten Zeiten ihres Lebens zu rechnen. Es war ihnen aber auch jetzt keine Ruhe gegönnt. Die Mahlberger Verhältnisse, die sie schon lange mit bangen Ahnungen verfolgt hatten, ohne eingreifen oder helfen zu können, führten 1876 zu einer Katastrophe, die auch unsere eigene Existenz schwer bedrohte.

Schon ein Blick in das Hausbuch zeigt, wie sprunghaft die Ausgaben und Einnahmen in jenen Jahren wechseln, und wie unruhig die ganze Lage war. Das grosselterliche Erbe befand sich, soweit es nicht durch den Hausbau verbraucht worden war, fast ständig in anderen Händen. Die grössten Summen nahm Onkel Heinrich in Anspruch, doch war sein Geschäft unter der deutschen Herrschaft entschieden im Aufblühen, und man konnte auf seine Tüchtigkeit vertrauen. Die Summen, die nach Mahlberg gingen, waren stärker gefährdet. Den Onkel Gross brachten mangelhafte kaufmännische Schulung und blindes Vertrauen auf die Ehrlichkeit seiner "Geschäftsfreunde" in Schulden; als er reif war, zogen die Mehljuden die Schlinge zu. Um Haus und Betrieb der Bäckerei zu erhalten, musste mein Vater das Anwesen bei der Versteigerung ankaufen. So wurde er um den Preis von 4800 Mark mit dem Recht, alle Steuern und Reparaturen zu bezahlen, auch in Mahlberg Hausbesitzer. De Töchter des Onkels mussten sich in fremden Diensten herumschlagen; ein Sohn, der in meinem Alter stand, konnte später mit Hilfe von Stipendien und Familienunterstützungen den geistlichen Beruf einschlagen und so seinem alten Vater und seinen Schwestern wieder eine Heimat schaffen. Sie sind alle schon zum ewigen Schlummer eingegangen.

Onkel Anton hatte mit seinem genussüchtigen Weib die Wirtschaft "Zum Engel" noch bis nach dem Tod der Mutter Saas weitergeführt. Da man aber bei den eingeschlagenen Methoden nicht reich werden konnte, und der Sinn der Frau nach Höherem stand, wurde der Besitz mit Hilfe gefälliger Freunde an den Mahlberger Kirchenfond verkauft, der einen Bauplatz für eine neue katholische Kirche brauchte. Mit dem Erlös erwarb man ein neues Haus unterhalb des Stockbrunnens, in dem man ein nobles Kaufmannsgeschäft anfing. Hier schoss der Grössenwahn erst recht in die Halme. Das Haus wurde mehrfach umgebaut, alles auf Glänzendste eingerichtet, und der Einrichtung entsprach der äussere Aufwand. Vor allem wurde üppig gegessen und getrunken und bei gelegentlichen Besuchen der Verwandtschaft entsprechend aufgewartet. Mahnungen und Warnungen wurden lächelnd beiseite geschoben, und man verstand noch den Schein zu wahren, als schon längst schlimme Dinge geschehen waren. Eines Tages erschien der Unglückliche in Bühl, verzweifelt und zusammengebrochen - er sei ruiniert und müsse Konkurs ansagen. Von seinen Veruntreuungen bei der Kirchenfondskasse hatten die Eltern keine Ahnung. Er rettete sich vor dem Gefängnis durch die Flucht nach Amerika, und nun wurde mein Vater der Beihilfe angeklagt, da Zahlungen an ihn abgegangen waren. Da es sich um Rückerstattung früher geliehener Gelder handelte, musste das Verfahren eingestellt werden, es waren aber furchtbare Wochen, als die entehrende Anklage über meinen Eltern schwebte. Frau Saas führte sich nach der Flucht ihres Mannes wie eine Verrückte auf, veranstaltete mit Freunden Zechgelage und versuchte schliesslich ebenfalls nach Amerika zu kommen. Es ist nie wieder eine Nachricht von den beiden in die Heimat gelangt.

Die Reisen, die in jener Zeit die Eltern in ihre Heimat führten oder nach Strassburg, brachten auch uns Buben von Zeit zu Zeit zu unseren Verwandten. Ich erinnere mich eines Osterbesuchs in Grafenhausen, bei dem ich den Onkel am Webstuhl arbeiten sah, auch eines Besuchs in Mahlberg, der in den Herbst fiel. Ich sah, wie man Bretzeln macht, und bei Onkel Anton, wie die herrlichsten Trauben an aufgespannten Schnüren in einem Zimmer hingen. Über die Drops hatten wir freie Verfügung; wir wussten nicht, wie teuer sie meine Eltern zu stehen kamen.

Den grössten Jubel pflegten die Reisen nach Strassburg auszulösen. Gewöhnlich wurde einer der Pfingstfeiertage dazu benutzt. Später sind wir auch zu längerem Besuch in den Ferien beim Essigonkel gewesen. Was war das schon für eine Aufregung, wenn wir in der Morgenfrühe geweckt wurden, um die Zeit gründlich auszunutzen. Welche Ungeduld in Appenweier, wo der berühmte Tenor die Stationen ausrief, welche Hast, in den Elsässer Zug zu kommen! Dann Kehl und der Rhein. Die dröhnende Fahrt über die Fitterbrücke, das erste Insichtkommen des Münster, das sich jetzt so viel höher und gewaltiger emporreckte als es von Bühl aus zu sehen war. Dann der Empfang am Metzger Tor und endlich die Freude, wenn wir um die letzte Ecke bogen und die Fabrik mit ihrem Rosskastanienbaum vor uns lag!

Ich habe schon in dem Kriegskapitel einiges über das Strassburger Milieu gesagt. Es war etwas unbehaglich, Onkel und Tante unter sich mit den Kindern französisch verhandeln zu hören, aber schliesslich, was ging das mich an. Jedenfalls erhöhte es den Respekt. In der Stadt hörte man neben dem breiten Strassburger Dialekt noch mehr französisch als bei Onkel Henri. Gewöhnlich wurde am Vormittag noch ein Gang zum Münster unternommen. Stadt und Festung waren für uns Kinder der Inbegriff alles Wunderbaren. Schon die Zollbeamten fesselten uns, wenn sie die Wagen untersuchten, die in die Stadt wollten; um wieviel mehr die unendlichen Mengen von Soldaten, die hohen schmalen Häuser, der Verkehr in den Gewerbslauben und die Auslagen in den Läden! Das Wunderbarste aber war und blieb der Riesenbau des Münsters, unfertig, wie der Turm von Babel und so hoch, dass selbst die höchsten Häuser wie Zwerge erschienen. Ich glaube nicht, dass ich schon bei den ersten Besuchen auf die Plattform gekommen bin. Die Aussicht von oben hätte mich auch gewiss nicht so in ehrfürchtiges Staunen versetzt, wie das Innere des Münsters, sein geheimnisvolles Dunkel, die ungeheuren Säulen, die verwirrend bunten alten Glasfenster, die riesige Fensterrose, die silberne Orgel, die wie ein Schwalbennest an der Nordwand hängt, die astronomische Uhr, die der Domschweizer dem staunenden Publikum auf französisch erklärte.

Nachdem ich aber zum ersten Mal die unendlich vielen Stufen zur Plattform erstiegen hatte, war ich von dem Blick auf die Dächer und Gassen und die winzigen Menschlein, die wie Ameisen um das Münster herumkrabbelten, und von der Fernsicht auf Schwarzwald und Vogesen nicht weniger gefesselt. Zu den Schnecken unter der Pyramide bin ich nur einmal hinaufgestiegen, am letzten Tag meiner Strassburger Studentenzeit, im März 1886. Es war ein abscheulich kalter Wintertag, ein Kampf zwischen Sonne und Schneewolken und ein Sturmwind, der durch Mark und Bein ging. Aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, die Besteigung auszuführen und von dem geliebten Münster auf diese Art Abschied zu nehmen.

Besuche der Strassburger Kinder in Bühl waren in den Siebziger Jahren weniger häufig; was hätte ihnen unser Haus und Garten auch bieten können, das sie nicht selber im Überfluss besassen? Meistens kam der Onkel allein, an irgendeinem Sonntag, wenn er Geschäfte mit dem Vater abzuwickeln hatte oder die geliebte Schwester wieder einmal sehen wollte. Für uns Kinder war sein Kommen immer ein Fest, nicht nur weil es Kuchen gab und so gut nach Zigarren und Kaffee roch, wir konnten ihn auch fragen und plagen, wie wir wollten, er war unerschöpflich an Scherzen, kurz und gut, es gab auf der ganzen Welt keinen besseren Onkel.

Besonders deutlich weiss ich mich noch an einen Besuch im Spätjahr 1877 zu erinnern. Wir hatten ein kleines Brüderchen bekommen, und der Onkel sollte mit Jettchen, das damals 15 Jahre alt war, Taufpate sein. Die ganze Sache war mir ziemlich schleierhaft. Einige Wochen vorher war eine alte Frau gekommen, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Sie tat, als ob sie bei uns zu Hause wäre, badete das Brüderchen und zog es an, während die Mutter vom Bett aus zuschaute. Der Storch war frech gewesen und hatte die Mutter ins Bein gebissen. Am Taufsonntag war sie glücklicherweise wieder auf, und freute sich schrecklich über das kleine Büblein. Ich fragte den Onkel, woher man denn wisse, ob ein Kind ein Bub oder ein Mädel wär, wurde aber auch nicht klüger, als er den kleinen Kerl an den Füssen packte und sie zurückdrehte. Ich wunderte mich nur, dass die Mutter dem Onkel "Aber Heinrich" zurief.

Als der Frühling kam, konnten wir mit dem Brüderchen im Garten spazierenfahren. Was für wunderbare Entdeckungen machten wir, als es zu girren und zu lachen anfing, als es sich aufrichtete und alles anpackte, als es Worte nachsprechen lernte und die ersten Schrittchen machte! Kein Wunder, dass auch Krechtlers Sophile immer häufiger zu uns herüberkam, um mit dem Ottole zu spielen. Mochten die Väter sich auch weiterhin nicht grüssen, die Mütter hielten gute Nachbarschaft - und das Sophile war uns bald wie eine Schwester, die wir nicht missen mochten. Wir waren unzertrennliche Spielgefährten, bis mich höhere Zwecke nach Rastatt entführten. Mein Bruder Albert blieb noch weitere Jahre ihr Kamerad, bis auch diese Freundschaft ihr natürliches Ende fand, als er am Schraubstock stand und sie im Kloster zu Würzburg zu höherer Bildung emporgeläutert wurde.

 


zurück - Inhalt - weiter

© Julius Ruska 1937