Mit
dem Besitz von Haus und Garten hatten meine Eltern das
letzte Ziel erreicht, das sie sich gesetzt hatten. Sie
hatten sich und ihren Kindern ein beglückendes Heim
geschaffen, das sie nicht mehr zu verlassen hofften. Was
das Aufwachsen auf eigener Scholle bedeutet, ist uns als
Kindern kaum zum Bewusstsein gekommen, Haus und Garten
waren uns eine Selbstverständlichkeit. Dass selbst
in Bühl die meisten Leute keinen Garten und kein
Obst hatten, haben wir uns nicht zu Herzen genommen. Auch
die Arbeit, die der Vater neben dem Beruf, die Mutter
neben dem Haushalt Tag für Tag im Garten leistete,
nahmen wir als selbstverständlich hin. Wir merkten
kaum, dass der Hauptberuf des unermüdlichen Mannes
ausserhalb des Hauses lag, und dass die Mutter im Hause
keine Minute untätig blieb.
Ich
habe nur wenig von den Bühler
Schulverhältnissen gesagt; es wird jetzt Zeit, das
nachzuholen.
Mit der
Volksschule wurde viel experimentiert, ohne dass alle
Leute zufrieden gestellt werden konnten. Als zweiter
Hauptlehrer, der nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht
weiter aufrücken konnte, behielt mein Vater, so
lange er in Bühl war, die oberen drei
Mädchenklassen. Da es keine höhere
Töchterschule gab, besuchten auch die Kinder der
sogenannten besseren Familien, Christen wie Juden, die
Volksschule, und mein Vater konnte stolz sein auf seine
Schülerinnen. Er fasste sie mit Strenge und
Gerechtigkeit an und war ein unbequemer Lehrer, aber die
jungen Damen, die aus seiner Schule kamen, wussten was
sie gelernt hatten.
Für
besonders feine Leute war Anfang der Siebziger Jahre im
Meierhof eine Privatschule eingerichtet worden.
Vielleicht ging der Gedanke von evangelischen Familien
aus, da der evangelische Pfarrer und der freisinnige Arzt
Dr. Walchner neben dem Lehrer Reich an der Schule
unterrichteten. Mein Vater erzählt, dass Dr.
Walchner Physik und Naturwissenschaften lehrte, indem er
auf dem Katheder sitzend den Kindern Vorlesungen hielt.
Ich habe den seltsamen alten Herrn, der mit seinem
flatterigen weissen Bart und Haar an Ibsen oder
Schopenhauer erinnerte, noch sehr gut im Gedächtnis.
Er hat zuletzt ein trauriges Leben geführt und uns
ein paar Bücher hinterlassen, von denen ich eines
heute noch besitze. Auch mein Vater liess sich
überreden, einige Stunden zu übernehmen, hatte
aber nicht Lust, das Abenteuer länger als ein halbes
Jahr fortzusetzen, nachdem er gesehen hatte, dass
Schüler wie Lehrer machten, was sie wollten, und
dass von einem planmässigen Unterricht
überhaupt keine Rede war.
Besonders
viel Mühe und Verdruss brachte ihm in der ersten
Zeit die Gewerbeschule. Die meisten Lehrlinge kamen von
den Dörfern und besassen nur schlechte Vorbildung,
so dass sie vom Zeichnen keine Ahnung hatten. Viele
Meister wollten ihnen auch die Zeit zum Schulbesuch nicht
freigeben, entzogen sie unter nichtigen Vorwänden
dem Unterricht, setzten notwendigen Massnahmen
hartnäckigsten Widerstand entgegen und liessen ihrem
Ärger über den Lehrer die Zügel schiessen.
Selbst Gewerbeschulräte, deren Pflicht es gewesen
wäre, für die Anstalt einzutreten, beteiligten
sich an der Hetze. Mein Vater liess sich nicht irre
machen; er nahm auch Gesellen auf, die freiwillig kommen
wollten und führte das Modellieren in Ton, Gips und
Holz ein. Schliesslich erreichte er, dass durch
Ortsstatut der Schulzwang beschlossen wurde, und fand
auch in Disziplinarfällen an Bürgermeister
Knörr einen verständigen Helfer. Als dieser
eines Tages einen besonders aufsässigen Bengel auf
drei Tage in den Ortsarrest steckte, war die Ruhe
hergestellt.
Es war
ein sauer verdientes Brot, wenn mein Vater noch nahe den
Sechzig im Sommer zweimal morgens von 5 bis 7, im Winter
abends von 8 bis 10, also vor oder nach anstrengender
Tagesarbeit, sich mit einer Rotte von Lehrbuben
herumzuschlagen hatte, zumal er nicht gewohnt war, sich
Unfug gefallen zu lassen. Dem mit allen Fasern im
praktischen Leben wurzelnden Manne hätte der
Unterricht an sich schon liegen müssen, und ich
weiss sehr gut, wie gerne er in späteren Jahren im
Gewerbeverein über gewerbliche und wirtschaftliche
Fragen Vorträge hielt und Anregungen gab. Als er
aber mehr und mehr fühlte, dass die Belastung
über seine Kraft ging, und doch keine
Möglichkeit sah, sich von der Gewerbeschule frei zu
machen, musste er sich entschliessen, um Versetzung
einzugehen.
Freundlichere
Erinnerungen knüpfen sich an die Tätigkeit in
der landwirtschaftlichen Winterschule. Hier kamen junge
Bauernsöhne aus dem ganzen Kreis Baden freiwillig
zum Unterricht, die Schule wurde mit allen staatlichen
Mitteln unterstützt und empfohlen. Als Leiter
wirkten besonders vorgebildete Landwirtschaftslehrer,
zuerst wohl Herr Römer, ein grosser,
wettergebräunter Mann mit rundem Bart, der uns Buben
in seinem dicken Wintermantel wie ein Zottelbär
vorkam. Er wohnte in Oberweier und kam oft zu uns ins
Haus, meistens mit physikalischen Apparaten beladen, die
bei uns ausprobiert wurden. Er war wohl damit
beschäftigt, zu den Lehrmitteln der Schule, die in
einem Kuhskelett, einer Sammlung von Wachsnachbildungen
der Obstarten, botanischen Wandtafeln udgl. bestanden,
auch ein physikalisches Kabinett zu begründen. Ich
entsinne mich noch sehr wohl einiger Glasröhren,
eines Springbrunnens und einer Glaspumpe, hölzerner
Rollen und Flaschenzüge, vor allem eines
Harzkuchens, dem man elektrische Funken entlocken konnte.
Das war damals wohl der Höhepunkt der Wissenschaft.
Als Römer nach Villingen versetzt wurde, bettelten
wir ihm ein Buch über Naturgeschichte, den Postel,
ab, den ich schon erwähnt habe. Sein Nachfolger
wurde der Landwirtschaftsinspektor Junghanns vom
Aspichhof, ein eleganter Mann mit schwarzer Samtjacke und
Rohrstiefeln, dessen Gut samt Viehbestand ich auch einmal
mit meinem Vater inspizieren durfte. Die zweite
Hauptkraft war der Tierarzt Veith, ein freundlicher,
graubärtiger Herr, als Nebenlehrer; für
Zeichnen, Wirt-Rechnen udgl. waren mein Vater und Lehrer
Jutz tätig. Da die jungen Leute, die aus weiterer
Entfernung kamen, in der Stadt untergebracht werden
mussten, hatten wir über Winter bisweilen auch einen
Pensionär. Der netteste von allen war der rotbackige
Sohn des Ochsenwirts von Rotenfels.
Aus dem
Hausbuch ist ersichtlich, dass mein Vater in steigendem
Mass Klavierstunden gab, nachdem er von den
Gesangvereinsproben und dem Organistendienst entlastet
war. Die Einnahmen aus dieser Tätigkeit bewegten
sich in der Zeit des Hausbaus um 120 Gulden, stiegen in
den nächsten Jahren auf 150 Gulden, nehmen aber dann
rasch ab und hören 1878 ganz auf. Ich kann es meinem
Vater nachfühlen, wenn er mit 52 Jahren Schluss
machte. Die ältesten Namen, die ich verzeichnet
finde, sind mir fremd, dann stellen sich mehr und mehr
bekannte Familien ein. Ganz besonders haben jüdische
Eltern das Bedürfnis empfunden, ihre Töchter
und Söhne in die Geheimnisse des Fingersatzes
einweihen zu lassen. Die begabteste aller
Schülerinnen, allerdings keine Jüdin, war die
Tochter Marie Mussler, die Tochter des Amtsrichters; von
ihr konnte mein Vater in alten Tagen
schwärmen.
Es war
kein Wunder, dass auch ich schon früh das Klavier
als Spielzeug benutzte und hochbeglückt war, als ich
richtig spielen lernen durfte. Ich muss damals etwa 8
Jahre alt gewesen sein; viel Zeit hat der gehetzte Vater
nicht auf seinen Sohn verwendet, ich musste mich schon
selbst daranhalten. Mit 9 Jahren konnte ich Potpourris
aus der Martha und Robert dem Teufel spielen und habe
mich durch Vorführung meiner Kunst einmal vom Essen
einer verhassten Suppe losgekauft.
Wenn
ich sagen soll, in welcher Tätigkeit ich mir meinen
Vater am frühesten vorstellen kann, so ist es die
Ölmalerei gewesen. Gewiss mischen sich hier auch
spätere Erinnerungen ein, ich weiss aber noch gut
über die Entstehung einzelner Bilder bescheid, und
da eines davon, die Kopie einer Winterlandschaft mit den
Kämpfen vor Dijon im April 1872 verkauft wurde,
gehen meine Erinnerungen mindestens bis in diese Zeit
zurück.
Der
Blick des Kindes musste früh auf die Gemälde
fallen, die an allen Wänden hingen. Zwei
Genrebilder, Kopien nach Holzschnitten der Gartenlaube,
habe ich gewiss früh verstanden. Das eine stellte
einen Landsknecht dar, den das Söhnchen, das er auf
dem Arm trägt, am Schnurrbart zupft, das andere eine
Mutter, die ein kleines Mädchen, das den Löffel
in den gefalteten Händen erst beten lässt,
bevor es seinen Brei bekommt. Das grösste Bild, eine
Kreuzigung mit den Frauen von Johannes, in dunklen Farben
mit schwarzem Hintergrund gemalt, hing über dem
Sofa; es war nach einem kleinen Stahlstich kopiert, wie
man sie als fromme Lesezeichen in Gebetsbüchern
hatte. Diese drei Bilder müssen in den Jahren vor
dem Krieg entstanden sein. Während des Hausbaus
blieb zum Malen keine Zeit. Der Ankauf von Malerleinwand
im Juli 1875 weist aber auf die beiden schönen alten
Landschaften hin, die mein Vater damals in den Ferien als
Schmuck für das Gastzimmer nach kleinen farbigen
Lithographien kopiert hat. Als Achtjähriger habe ich
schon mit Ausdauer und Verständnis zugeschaut und
auch manche Antwort auf neugierige Fragen erhalten.
Wenn
der Rahmen mit der grundierten Leinwand auf der Staffelei
stand und die Hauptkonturen mit Lindenkohle leicht
angedeutet waren, konnte das Malen losgehen. Pinsel in
allen Grössen, Wischer, Spachtel, Leinwandlappen und
Öl standen wie die Instrumente bei einer Operation
bereit, die Palette wurde aus den Farbtuben, die in dem
bunten Durcheinander im Malkasten lagen, mit Farben
besetzt. Welch aufregende Augenblicke, wenn sie ihren
Inhalt in schön gedrehten Häufchen von sich
gaben!
Unendlich
viel Kremserweiss, etwa Berlinerblau für den Himmel,
Chromgelb, gebrannter und heller Ocker, Terra de Siena,
Beinschwarz, Englischrot, Krapplack, grüner Zinnober
für andere Zwecke, ein unendlicher Wechsel von
Tönen, eine Fügsamkeit der Mischungen, ein
Leuchten der Farben, dass man beim Zusehen alles andere
vergessen konnte. War mein Vater auch kein Schirmer und
kein Thoma, so besass er doch offenen Sinn für das
Charakteristische einer Landschaft und Geschick für
solche Malerei, und auf alle Fälle hat er niemand
mit seiner stillen Beschäftigung gestört.
Für mich ist es alle Zeit ein grosser Gewinn
gewesen, dass ich von der Technik der Malerei und dem
Wesen der Farben schon früh einen Begriff bekommen
habe. So wenig ich Kunstkritikern jemals zu widersprechen
wagen würde, mich um sie zu kümmern, wenn mir
ein Bild aus irgendwelchen Gründen gefiel, habe ich
noch weniger für nötig gehalten.
Die
"Kunst der Malerei", die mein Vater Hans Thoma abgekauft
hat, ist ein Buch so köstlich-altväterischer
Art, dass ich Lust hätte, seitenweise Auszüge
daraus wiederzugeben. Vielleicht kann es einmal einem
Kunsthistoriker dienen, wenn er schildern will, mit
welchem seelenvollen Pathos dieser Lehrer der Kunst seine
Schüler den steilen Weg zur Vollendung
hinanführt. Ich möchte wenigstens von dem, was
er über die Landschaftsmalerei sagt, eine Probe
geben:
"Vom
14. Bis zum 20. Jahre ist die Bildungsfähigkeit der
Jugend im besten Zuge, das Studium in der freien Natur,
nach dem kurz vorhergegangenen Aufenthalte in Kinder- und
Schulzimmern, ist ihr ein Hochgewinn, und mit vollen
Zügen, erfüllt von den schönsten, dem
unschuldvollsten Gemüte entspringende Hoffnungen,
saugt sie die herrlichen Eindrücke der Natur ein. Da
ist Reinheit und Einfalt der Auffassung, jene Tugend, die
oft gewandte Künstler in ihren späten Jahren
als verloren betrauern, und vielmal sich der
frühesten Studien nach der Natur mit mehr Erfolg
bedienen, als späterer mit kunstgewandter Hand
verfertigter Werke. Darum ist es sehr gefehlt, den jungen
Künstler in seiner Liebe durch Tadel der
Ängstlichkeit und des Mangels an Ausdruck zu
schwächen, noch mehr, ihm fremde, das Auge
täuschende Manieren zu empfehlen, in deren
Nachahmung seine bislang noch verschleierte
Individualität aufgehen musste, um am Ende Blei
für Gold einzutauschen."
Das
Malbuch habe ich in jungen Jahren kaum in die Hand
genommen, da es keine Bilder enthält und ich nie den
Ehrgeiz hatte, ein Maler zu werden. Stärker hat mich
eine "Schule des Zeichners" angezogen, die einen Band der
von C. Spamer ins Leben gerufenen illustrierten Volks-
und Familien-Bibliothek zur Verbreitung nützlicher
Kenntnisse etc. bildete. Aus den Abbildungen dieses
Buches habe ich die ersten Begriffe von
Säulenordnungen, Baustilen, Landschafts- und
Figurenzeichnung gewonnen und aufmerksam gelesen, was
darin über die Künste des Holzschnitts, des
Kupferstichs, der Lithographie und der Galvanoplastik
mitgeteilt wurde. Zum Zeichnen brauchte ich, bei so
vielen Vorbildern, wie sie bei uns zu Hause aufgestapelt
lagen, keiner besonderen Anstösse. Ich habe
leidenschaftlich gerne gezeichnet und jedenfalls
grössere Fertigkeit mit auf das Gymnasium gebracht,
als von dort davongetragen. Eine besondere Freude habe
ich am Kartenzeichnen. Alle diese Künste sind mir
beim Studium und im Beruf von grossem Nutzen
gewesen.
Hätten
meine Eltern nach dem Hausbau nur für sich und die
Kinder zu sorgen gehabt, so wären die ersten Jahre
des Besitzes gewiss zu den glücklichsten Zeiten
ihres Lebens zu rechnen. Es war ihnen aber auch jetzt
keine Ruhe gegönnt. Die Mahlberger
Verhältnisse, die sie schon lange mit bangen
Ahnungen verfolgt hatten, ohne eingreifen oder helfen zu
können, führten 1876 zu einer Katastrophe, die
auch unsere eigene Existenz schwer bedrohte.
Schon
ein Blick in das Hausbuch zeigt, wie sprunghaft die
Ausgaben und Einnahmen in jenen Jahren wechseln, und wie
unruhig die ganze Lage war. Das grosselterliche Erbe
befand sich, soweit es nicht durch den Hausbau verbraucht
worden war, fast ständig in anderen Händen. Die
grössten Summen nahm Onkel Heinrich in Anspruch,
doch war sein Geschäft unter der deutschen
Herrschaft entschieden im Aufblühen, und man konnte
auf seine Tüchtigkeit vertrauen. Die Summen, die
nach Mahlberg gingen, waren stärker gefährdet.
Den Onkel Gross brachten mangelhafte kaufmännische
Schulung und blindes Vertrauen auf die Ehrlichkeit seiner
"Geschäftsfreunde" in Schulden; als er reif war,
zogen die Mehljuden die Schlinge zu. Um Haus und Betrieb
der Bäckerei zu erhalten, musste mein Vater das
Anwesen bei der Versteigerung ankaufen. So wurde er um
den Preis von 4800 Mark mit dem Recht, alle Steuern und
Reparaturen zu bezahlen, auch in Mahlberg Hausbesitzer.
De Töchter des Onkels mussten sich in fremden
Diensten herumschlagen; ein Sohn, der in meinem Alter
stand, konnte später mit Hilfe von Stipendien und
Familienunterstützungen den geistlichen Beruf
einschlagen und so seinem alten Vater und seinen
Schwestern wieder eine Heimat schaffen. Sie sind alle
schon zum ewigen Schlummer eingegangen.
Onkel
Anton hatte mit seinem genussüchtigen Weib die
Wirtschaft "Zum Engel" noch bis nach dem Tod der Mutter
Saas weitergeführt. Da man aber bei den
eingeschlagenen Methoden nicht reich werden konnte, und
der Sinn der Frau nach Höherem stand, wurde der
Besitz mit Hilfe gefälliger Freunde an den
Mahlberger Kirchenfond verkauft, der einen Bauplatz
für eine neue katholische Kirche brauchte. Mit dem
Erlös erwarb man ein neues Haus unterhalb des
Stockbrunnens, in dem man ein nobles
Kaufmannsgeschäft anfing. Hier schoss der
Grössenwahn erst recht in die Halme. Das Haus wurde
mehrfach umgebaut, alles auf Glänzendste
eingerichtet, und der Einrichtung entsprach der
äussere Aufwand. Vor allem wurde üppig gegessen
und getrunken und bei gelegentlichen Besuchen der
Verwandtschaft entsprechend aufgewartet. Mahnungen und
Warnungen wurden lächelnd beiseite geschoben, und
man verstand noch den Schein zu wahren, als schon
längst schlimme Dinge geschehen waren. Eines Tages
erschien der Unglückliche in Bühl, verzweifelt
und zusammengebrochen - er sei ruiniert und müsse
Konkurs ansagen. Von seinen Veruntreuungen bei der
Kirchenfondskasse hatten die Eltern keine Ahnung. Er
rettete sich vor dem Gefängnis durch die Flucht nach
Amerika, und nun wurde mein Vater der Beihilfe angeklagt,
da Zahlungen an ihn abgegangen waren. Da es sich um
Rückerstattung früher geliehener Gelder
handelte, musste das Verfahren eingestellt werden, es
waren aber furchtbare Wochen, als die entehrende Anklage
über meinen Eltern schwebte. Frau Saas führte
sich nach der Flucht ihres Mannes wie eine Verrückte
auf, veranstaltete mit Freunden Zechgelage und versuchte
schliesslich ebenfalls nach Amerika zu kommen. Es ist nie
wieder eine Nachricht von den beiden in die Heimat
gelangt.
Die
Reisen, die in jener Zeit die Eltern in ihre Heimat
führten oder nach Strassburg, brachten auch uns
Buben von Zeit zu Zeit zu unseren Verwandten. Ich
erinnere mich eines Osterbesuchs in Grafenhausen, bei dem
ich den Onkel am Webstuhl arbeiten sah, auch eines
Besuchs in Mahlberg, der in den Herbst fiel. Ich sah, wie
man Bretzeln macht, und bei Onkel Anton, wie die
herrlichsten Trauben an aufgespannten Schnüren in
einem Zimmer hingen. Über die Drops hatten wir freie
Verfügung; wir wussten nicht, wie teuer sie meine
Eltern zu stehen kamen.
Den
grössten Jubel pflegten die Reisen nach Strassburg
auszulösen. Gewöhnlich wurde einer der
Pfingstfeiertage dazu benutzt. Später sind wir auch
zu längerem Besuch in den Ferien beim Essigonkel
gewesen. Was war das schon für eine Aufregung, wenn
wir in der Morgenfrühe geweckt wurden, um die Zeit
gründlich auszunutzen. Welche Ungeduld in
Appenweier, wo der berühmte Tenor die Stationen
ausrief, welche Hast, in den Elsässer Zug zu kommen!
Dann Kehl und der Rhein. Die dröhnende Fahrt
über die Fitterbrücke, das erste Insichtkommen
des Münster, das sich jetzt so viel höher und
gewaltiger emporreckte als es von Bühl aus zu sehen
war. Dann der Empfang am Metzger Tor und endlich die
Freude, wenn wir um die letzte Ecke bogen und die Fabrik
mit ihrem Rosskastanienbaum vor uns lag!
Ich
habe schon in dem Kriegskapitel einiges über das
Strassburger Milieu gesagt. Es war etwas unbehaglich,
Onkel und Tante unter sich mit den Kindern
französisch verhandeln zu hören, aber
schliesslich, was ging das mich an. Jedenfalls
erhöhte es den Respekt. In der Stadt hörte man
neben dem breiten Strassburger Dialekt noch mehr
französisch als bei Onkel Henri. Gewöhnlich
wurde am Vormittag noch ein Gang zum Münster
unternommen. Stadt und Festung waren für uns Kinder
der Inbegriff alles Wunderbaren. Schon die Zollbeamten
fesselten uns, wenn sie die Wagen untersuchten, die in
die Stadt wollten; um wieviel mehr die unendlichen Mengen
von Soldaten, die hohen schmalen Häuser, der Verkehr
in den Gewerbslauben und die Auslagen in den Läden!
Das Wunderbarste aber war und blieb der Riesenbau des
Münsters, unfertig, wie der Turm von Babel und so
hoch, dass selbst die höchsten Häuser wie
Zwerge erschienen. Ich glaube nicht, dass ich schon bei
den ersten Besuchen auf die Plattform gekommen bin. Die
Aussicht von oben hätte mich auch gewiss nicht so in
ehrfürchtiges Staunen versetzt, wie das Innere des
Münsters, sein geheimnisvolles Dunkel, die
ungeheuren Säulen, die verwirrend bunten alten
Glasfenster, die riesige Fensterrose, die silberne Orgel,
die wie ein Schwalbennest an der Nordwand hängt, die
astronomische Uhr, die der Domschweizer dem staunenden
Publikum auf französisch erklärte.
Nachdem
ich aber zum ersten Mal die unendlich vielen Stufen zur
Plattform erstiegen hatte, war ich von dem Blick auf die
Dächer und Gassen und die winzigen Menschlein, die
wie Ameisen um das Münster herumkrabbelten, und von
der Fernsicht auf Schwarzwald und Vogesen nicht weniger
gefesselt. Zu den Schnecken unter der Pyramide bin ich
nur einmal hinaufgestiegen, am letzten Tag meiner
Strassburger Studentenzeit, im März 1886. Es war ein
abscheulich kalter Wintertag, ein Kampf zwischen Sonne
und Schneewolken und ein Sturmwind, der durch Mark und
Bein ging. Aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf
gesetzt, die Besteigung auszuführen und von dem
geliebten Münster auf diese Art Abschied zu
nehmen.
Besuche
der Strassburger Kinder in Bühl waren in den
Siebziger Jahren weniger häufig; was hätte
ihnen unser Haus und Garten auch bieten können, das
sie nicht selber im Überfluss besassen? Meistens kam
der Onkel allein, an irgendeinem Sonntag, wenn er
Geschäfte mit dem Vater abzuwickeln hatte oder die
geliebte Schwester wieder einmal sehen wollte. Für
uns Kinder war sein Kommen immer ein Fest, nicht nur weil
es Kuchen gab und so gut nach Zigarren und Kaffee roch,
wir konnten ihn auch fragen und plagen, wie wir wollten,
er war unerschöpflich an Scherzen, kurz und gut, es
gab auf der ganzen Welt keinen besseren Onkel.
Besonders
deutlich weiss ich mich noch an einen Besuch im
Spätjahr 1877 zu erinnern. Wir hatten ein kleines
Brüderchen bekommen, und der Onkel sollte mit
Jettchen, das damals 15 Jahre alt war, Taufpate sein. Die
ganze Sache war mir ziemlich schleierhaft. Einige Wochen
vorher war eine alte Frau gekommen, die ich vorher noch
nie gesehen hatte. Sie tat, als ob sie bei uns zu Hause
wäre, badete das Brüderchen und zog es an,
während die Mutter vom Bett aus zuschaute. Der
Storch war frech gewesen und hatte die Mutter ins Bein
gebissen. Am Taufsonntag war sie glücklicherweise
wieder auf, und freute sich schrecklich über das
kleine Büblein. Ich fragte den Onkel, woher man denn
wisse, ob ein Kind ein Bub oder ein Mädel wär,
wurde aber auch nicht klüger, als er den kleinen
Kerl an den Füssen packte und sie zurückdrehte.
Ich wunderte mich nur, dass die Mutter dem Onkel "Aber
Heinrich" zurief.
Als der
Frühling kam, konnten wir mit dem Brüderchen im
Garten spazierenfahren. Was für wunderbare
Entdeckungen machten wir, als es zu girren und zu lachen
anfing, als es sich aufrichtete und alles anpackte, als
es Worte nachsprechen lernte und die ersten Schrittchen
machte! Kein Wunder, dass auch Krechtlers Sophile immer
häufiger zu uns herüberkam, um mit dem Ottole
zu spielen. Mochten die Väter sich auch weiterhin
nicht grüssen, die Mütter hielten gute
Nachbarschaft - und das Sophile war uns bald wie eine
Schwester, die wir nicht missen mochten. Wir waren
unzertrennliche Spielgefährten, bis mich höhere
Zwecke nach Rastatt entführten. Mein Bruder Albert
blieb noch weitere Jahre ihr Kamerad, bis auch diese
Freundschaft ihr natürliches Ende fand, als er am
Schraubstock stand und sie im Kloster zu Würzburg zu
höherer Bildung emporgeläutert
wurde.