Der
liebe Gott gab dem Adam nicht nur einen Garten, darin zu
wohnen, er machte auch von der Erde allerlei Tiere auf
dem Felde, und allerlei Vögel unter dem Himmel; wie
der Mensch sie nennen würde, so sollten sie
heissen.
Auch
ich habe in unserem Paradies allerlei Vögel
entdeckt; wie sie hiessen, konnte ich vom Vater oder von
der Mutter erfahren, andere fand ich in Büchern
beschrieben und abgebildet, für manche habe ich
eigene Namen erfunden.
Vögel
haben die leidige Gewohnheit, davonzufliegen, wenn man
sie fangen will; auch das unfehlbare Rezept, den Spatzen
Salz auf den Schwanz zu streuen, hilft nur selten. Einen
toten Distelfink, den ich einmal im Garten fing, habe ich
tieftraurig ein moosbedecktes Grab bereitet, es war ein
berückend schönes Vögelchen. Meisen,
Rotschwänzchen, Buchfinken nisteten im Garten; - weh
uns, wenn wir sie gestört oder gar ein Nest
berührt hätten! Die Spatzen waren freche
Fresser, sie standen noch früher auf als der Vater,
und auch vor Schreckschüssen aus einer alten Flinte
und vor Vogelscheuchen hatten sie nicht den geringsten
Respekt. Die Rotschwänzchen wurden erst lästig,
als sie uns die Bienen wegfingen. Im Winter waren die
Goldammern und die Haubenlerchen meine besonderen
Freunde, auch die Raben, die in unzähligen Scharen
mit Geschrei über die Felder flogen. Eine Elster,
die auf einem alten Birnbaum in der Nachbarschaft
nistete, habe ich lange beobachtet und bewundert, aber
über alles gingen doch die geheimnisvollen
Störche, die die Kinder brachten. Manch einen sah
ich fliegen, manchen klappernd mit seinen Kollegen auf
den Wiesen herumstolzieren; allen habe ich den bekannten
Kindervers nachgerufen, und einer hat uns auch richtig
noch ein Brüderchen gebracht.
Aber
flogen im Garten nicht noch ganz andere Vögel,
Vögel mit sechs Füssen und vier bunten
Flügeln? Sie waren leichter zu greifen, die
Käfer und die Schmetterlinge; und sie zu fangen und
zu sammeln wurde bald meine Leidenschaft. Mit einem
Käfer fing es an, den mir Klöpfers Emil
schenkte: Es war der herrlich metallgrüne grosse
Rosenkäfer, den man nur selten zu Gesicht bekommt.
Von demselben freundlichen Jüngling erhielt ich auch
ein handfestes Schmetterlingsnetz, keine Spielware,
sondern ein allen Unbilden standhaltendes Instrument. Es
war auch an den ersten Fängen beteiligt, als wir
abends beim Schein einer Laterne an den
Verbenenstöcken und anderen Blumen
Windenschwärmer und Weinvögel fingen. Zu meinem
neunten Geburtstag erhielt ich einen schwarzpolierten
Schmetterlingskasten, und damit war ich - da ich mir
Spannbretter und Zubehör längst selbst
hergerichtet hatte - mit allem versehen, was für den
Sommerfeldzug 1876 nötig war.
Jagdleidenschaft
kennt kein Mitleid, mag es sich um Hasen und Rehe oder um
Pfauenaugen und Roteordensbänder handeln. Ich konnte
nicht darauf hoffen, noch einen zweiten Kasten zu
erhalten, und so rettete das begrenzte
Fassungsvermögen des ersten manchem Falter das
Leben. Aber das Gemeinere musste dem Selteneren, das
schlechtere Exemplar dem besseren weichen, bis eine in
Anbetracht meines Alters immerhin ganz reichhaltige
Sammlung das Ergebnis war. Da mir kein Zyankali zu Gebot
stand, mussten die Käfer in Alkohol ertränkt
werden, aber auch die dickleibigen Nachtfalter habe ich
damit zu Tode gebracht, da ihre pelzbesetzten Leiber
dabei am wenigsten Schaden litten.
Selbst
ein Löwentöter kann nicht mehr atemraubende,
herzsprengendere Augenblicke erleben als ein
Schmetterlingsjäger, wenn er ein nie gesehenes Wild
anschleicht und es ihm in der letzten Sekunde auf
Nimmerwiedersehen davon fliegt. Was hilft aller Eifer,
was hilft das Netz, wenn der gescheuchte Falter in hohem
Bogen in die blaue Luft enteilt. Da lernt man den alten
Wunschtraum der Menschheit begreifen, mit
Adlerflügeln in den Aether emporzusteigen. Wie man
Vögel fängt habe ich nie gelernt, aber wie man
die Schmetterlinge ja nach ihren Lebensgewohnheiten mit
List und Geduld, mit Händen, Hut oder Netz in die
Gewalt bekommt, darin habe ich jahrelange Erfahrungen
gesammelt. Welche Gegensätze gibt es doch in der
Flugweise dieser herrlichen Tiere, als ob sie aus
verschiedenen Welten kämen! Wie bequem ist ein
Citronenfalter mit zwei Fingern zu fassen, wenn er mit
zusammengeklappten Flügeln an einer Blüte
hängt, und wie unmöglich ein blitzschnell von
einem Kelch zum anderen sausendes Täubchen mit der
Hand zu haschen.
Wie
anders fliegen die munteren Bläulinge, wenn sie sich
im Sonnenschein an einer Wasserpfütze tummeln, als
die faulen Witterchen, die von den Skabiosen und Disteln
nicht loskommen, auf denen sie sitzen.
Im
Garten war's nicht immer leicht, einen Fang zu machen,
denn die Wege durften nicht verlassen werden, und wie
hätte ich einem Schwalbenschwanz nachkommen
können, wenn er hoch über alle Hindernisse weg
das Weite suchte? Gleichwohl habe ich in unserem Garten
manch seltenen Vogel erbeutet. Die nächtliche Jagd
auf die Elefantenrüssel - so nannten wir die
Windenschwärmer - wird mir unvergesslich bleiben;
ich habe sie nie wieder in solcher Menge gesehen. Ein
herrliches Abendpfauenauge, das in Schreckstellung an
einem Pfosten des Gartentürchens sass, konnte ich am
hellen Tage mit den Fingern packen. Den seltenen
Brombeerfalter, oben dunkelbraun, unten grün,
erwischte ich an den Himbeeren, eine zierliche Sesie auf
einem Johannisbeerstrauch, rote und gelbe
Ordensbänder unter dem Dach oder an Fenstern,
Russbären und anderes Kleinzeug mit Raupen und
Puppen unter dem Haussockel. Einen prachtvollen
Totenkopf, den ich im Felde an einem niedrigen Busch
hängen sah, trug ich lebend zwischen den Fingern
nach Hause; ich hätte ihn vor Schreck fast fallen
lassen, als der dicke Kerl plötzlich zu quietschen
anfing. Was für eine Aufregung aber war es, als ich
in der Nähe unseres Hauses an einem Apfelbaum, der
aus einer kranken Stelle am Baum blutete, Tag für
Tag Füchse, Admiräle, Pfauenaugen, ja selbst
Schillerfalter anfliegen sah, die sich an dem Saft
gütlich taten! Ich habe eine derartige Tränke
nie wieder gesehen. Einmal erlebte ich auch, es mag im
Sommer 1878 gewesen sein, einen Flug von Distelfaltern,
die sich zu Tausenden auf allen Kleeäckern
niederliessen, während ich sie früher nie
beobachtet hatte, und ähnlich auch ein Jahr in dem
die sonst fehlenden Baumweisslinge in unzähligen
Mengen herumflogen. Wieviel Schönes konnte man
überall auf Klee und Luzernäckern, auf Wiesen
und an sonnigen Rainen fangen, wie viele angeblich
häufige Schmetterlinge habe ich aber auch vergebens
zu erlangen gesucht. Schwalbenschwänze waren damals
nicht selten, einen Segelfalter habe ich nur ein einziges
Mal in raschem Flug über mich wegeilen sehen. Aus
das blaue Ordensband beobachtete ich nur ein einziges Mal
hoch oben um eine Pappel herumfliegend.
Kein
Jagdgrund war ergiebiger als das kleine Wäldchen,
dass ich schon im vorigen Kapitel erwähnt habe: Ein
lockerer Tannenbestand, mit viel blühendem
Gesträuch am Rand und in einer grossen Lichtung in
der Mitte, die mit Baldrian, Wasserdost,
Weidenröschen und allem sonstigen Blumenflor
bestanden war, den solche offenen Stellen zu bieten
pflegen. Hier wimmelte es von Kaisermänteln und
anderen Perlmutterfaltern, hier wiegten sich hoch in der
Luft die Satyrn und Eisvögel, hier konnte man grell
gefärbte Bären und all das kleine Volk von
Bläulingen, Eulen und Spannern erbeuten, das am
Waldeingang zu Hause ist. War man der Jagd müde, so
konnte man dem Gezwitscher der Vögel zuhören,
oder das Spiel der Eichhörnchen verfolgen, und wenn
man hungrig war, sich an Walderdbeeren, Heidelbeeren und
Brombeeren gütlich tun.
Wer
Schmetterlinge sammelt, wird auch Raupen und Puppen
mitnehmen, wo er sie findet. Auch hierfür, wie
für jede andere Art von Insektenfang und
Tierbeobachtung waren Garten und Haus der
nächstliegende Schauplatz. Wie glücklich war
ich, als ich nach immer erneutem Suchen in unserem
Gelbrübenbeeten endlich die grüne,
schwarzgebänderte Schwalbenschwanzraupe entdeckte.
Wie oft habe ich die schwarzen, stacheligen Raupen der
Pfauenaugen aufgezogen. Da haben sich diese schwarzen
Fresser nach der letzten Häutung wieder
aufgemästet, und nun kommt die grosse Unruhe
über sie - sie laufen und laufen, bis sie in dem
Raupenkasten an den Nesseln einen Platz gefunden haben,
wo sie sich zum Verpuppen anschicken. Da hängen sie
dann kopfüber und krümmen sich zusammen, unter
der dornigen Raupenhaut bildet sich die Puppe aus, und
man weiss nicht wie - plötzlich hängt das
goldgefleckte Puppengehäuse da. Man darf es nicht
anfassen, wenn der Schmetterling sich entwickeln soll.
Und nun geschieht das grösste aller Wunder, wenn das
herrliche Tier seine Auferstehung feiert: wenn es mit
fertigen Beinen und Fühlern, aber zerknitterten
Flügeln und plumpen Leibes aus der Hülle
kriecht, wenn in wenigen Minuten sich die Adern strecken
und härten, die Flügel sich ausbreiten und ihre
ganze Pracht entfalten, und das Pfauenauge nach wenigen
Flügelschlägen ruhig und sicher davon
schwebt!
Am
ergiebigsten an Raupen aller Art waren die Pappeln, Erlen
und Weiden, die gegen Oberweier den Bach entlang standen.
Von hier habe ich nicht nur Gabelschwanzraupen,
Schwärmerraupen und andere Wundertiere nach Hause
gebracht, sondern auch jenes glatte braune Ungeheuer, von
dem der Weidenbohrer seinen Namen hat. Ich erbeutete es
an einem Pappelstamm, aus dem es herausgekrochen war und
verwahrte es in einer Holzschachtel. Als ich am anderen
Morgen nachsah, war die Schachtel angefressen, das Tier
hatte sich verpuppt und aus den Sägspänen eine
Schutzhülle hergestellt. Auch das Ausschlüpfen
des dicken, grauen Falters erlebte ich, er war ein
besonders geschätztes Stück meiner
Sammlung.
An
den Hanfrötzen, die nahe an der Strasse in den
Wiesen waren, konnte man besonders leicht das Leben der
Wasserinsekten und der Libellen beobachten, von
Fröschen, Salamandern, Molchen und Schnecken nicht
zu reden. Noch bequemer zugänglich waren die
Wasserlöcher bei den Vetter'schen Tongruben, die
ausser Unken und Fröschen nebst Kaulquappen - die
kleinen schwarzen nannten wir Mollenköpfe - auch
Schwimmkäfer enthielten. Ich war freilich schwer
enttäuscht, als mir meine grossen Gelbränder,
die ich in einem Kübel mit Wasser gesetzt hatte,
über Nacht alle davon geflogen waren; ich hatte
nicht gewusst, dass Schwimmkäfer auch fliegen
können.
Unerschöpflich
mit Tieren war ein Bächlein, das von Kappel her
zwischen Wiesen nach Westen fliesst und unter der
"Hundbruck" die Landstrasse kreuzt. Je nach dem
Gefäll rascher dahinfliessend oder stillstehend,
bald breit und flach, bald schmal und tiefer, im Sommer
oft in einzelne Tümpel zerlegt, bot es jeder Art von
Wasserbewohnern Zuflucht. Wasserwanzen und
Wasserskorpionen, Taumelkäfern, Libellen und
Köcherfliegenlarven, Krebsen, Schnecken, Blutegeln
und allem, was sich an solchen kleinen Gewässern
zusammenfinden mag. Ich bin den Pfad längs des
Bächleins unzählige Male gewandert, zumal die
Wiesen auch zum Fang von Schmetterlingen, Käfern,
Heuschrecken und Wasserjungfern Gelegenheit gaben. Und
die Obstbäume an der Strasse zu anderweitigen
Unternehmungen einluden. Unter der Brücke gab es
auch kleine Fische, und nicht weit davon konnte man
Wassermolche fangen.
Auch
der Käferjagd möchte ich noch mit einigen
Worten gedenken. Sie erfordert wenigstens für den
Anfänger keine besonderen Hilfsmittel, und das
Herrichten für die Sammlung machte wenig Mühe.
Können die Jäger mit den Schmetterlingen auch
nicht an Schönheit wetteifern, so übertreffen
sie diese doch an Mannigfaltigkeit der Formen und der
Lebensweise. Es gibt keinen Ort im Pflanzenreich, wo man
nicht Käfer findet, keine Pflanzen- und Tierreste,
in denen nicht Käfer oder Käferlarven leben. So
bietet jeder Spaziergang Gelegenheit zum Beute machen,
und ich habe, vom Garten angefangen, keinen Fundplatz
vernachlässigt, auch wenn es tote Mäuse oder
alte Kuhfladen waren. Allerdings die Rosenstöcke,
die Spiräen und andere Gartenblumen, auf denen sich
Goldkäfer, Blumenböcke, Schnellkäfer und
andere kleine bunte Käferchen fanden, waren mir
sympathischer, in dieser Hinsicht war ich nicht ganz frei
von Vorurteilen. Die zirpenden Lilienkäfer gefielen
mir besser als ihre abscheulichen Larven und die
Maikäfer besser als die Engerlinge. Die
Laufkäfer ärgerten mich durch ihren widerlichen
Geruch, die Maiwürmer und Franzosenkäfer
dadurch, dass sie mit ihren Ausscheidungen den Alkohol
verdarben, in dem ich sie ertränkte. Einen riesigen
Hornschröter, das Prachtstück der Sammlung,
erhielt ich geschenkweise, einen Eichenbock habe ich
unter persönlicher Lebensgefahr am Lotzberg
erbeutet. Eigentlich waren es zwei, die sich gleichzeitig
aus der Luft am Waldrand auf den Boden stürzten.
Einer biss mich heftig zwischen die Finger, so dass ich
ihn entsetzt wegschleuderte, den anderen habe ich in
einen Strumpf gebunden nach Hause getragen. Ganz aus dem
Häuschen war ich, als ich an einem schönen
Juniabend das erste Glühwürmchen im Gras
entdeckte und auf der Hand spazierengehen liess. Ich habe
sie später, besonders in Heidelberg, zu Hunderten
fliegen und kriechen gesehen, und sie gehören
für mich heute noch zu den wunderbaren
Geschöpfen in dieser unergründlichen
Wunderwelt.
Wenn
ich mich frage, woher ich schon als Volksschüler die
Namen und die Unterscheidungsmerkmale der Insektengruppen
und all des anderen niederen Getiers erkundet und mir zu
eigen gemacht habe, so ist mir jedenfalls von den
Büchern aus meines Vaters Besitz eines von
besonderem Wert gewesen. Wir nannten es den
"Oken",
und ich war der Meinung, dass es etwas Herrlicheres als
dieses Tierbilderbuch nicht geben könne. Es war ein
Supplémentband zu der bekannten Naturgeschichte
des berühmten Forschers, der sich im Gegensatz zu
den älteren Bänden durch vorzügliche
Ausführung der Bilder auszeichnete. Aus ihm bekam
ich die ersten klaren Vorstellungen von allerhand
einheimischen und ausländischen Säugetieren,
Vögeln, Schlangen und Fischen, aber ganz besonders
mussten mich die farbenprächtigen Darstellungen von
Schmetterlingen und anderen Insekten, von Krebsen,
Seeigeln und Seewalzen, Würmern, Schnecken, Medusen
und Korallen fesseln. So war ich nicht mehr ganz
unwissend, als ich zum ersten Mal das Strassburger Museum
in der alten Akademie betrat, und vor einer Herrlichkeit
zur anderen fortgerissen, bei den in allen Farben
leuchtenden tropischen Schmetterlingen nicht mehr von der
Stelle kam.
Von
ganz anderer Art war ein Buch, das mir etwa im Sommer
1877 in die Hände fiel. Es kam durch den
Leserlesezirkel ins Haus und hiess "Der
Schmetterlingssammler". Mit Bildern war es nicht gerade
glänzend ausgestattet, dafür gab es aber
Vorschriften zur Aufzucht der Raupen und zum Fangen der
Schmetterlinge, vor allem jedoch eine vollständige
Übersicht und Beschreibung der in Deutschland
heimischen Arten. Dieses Buch etwa als Weihnachtsgeschenk
mir zu erbitten wäre ein verwegener Wunsch gewesen.
So entschloss ich mich und brachte es fertig, unter
Anwendung von Abkürzungen in kurzer Zeit die ganze
Übersicht mir in ein Oktavheft abzuschreiben. Ich
habe mir ähnliche Excerpte auch später noch
angelegt, wenn ich kein Geld hatte, mir ein Buch zu
erwerben.
Eine
gute Ergänzung des Oken waren die zahlreichen Bilder
von Säugetieren, im Meyer'schen
Konversations-Lexikon und zwei kleine, reich mit Bildern
ausgestattete Bändchen über die nützlichen
und schädlichen Vögel Deutschlands. Nichts aber
kam den Tierbildern gleich, die in reicher Abwechslung in
den Bänden der "Gartenlaube" enthalten waren.
Mitarbeiter wie Brehm, Carl Vogt, K. Russ,
Gerstäcker, Roßmeßler, G. Hammer,
Beckmann bürgten für die Zuverlässigkeit
und Lebendigkeit der Tierschilderungen, ein Zeichner wie
Leutemann für die künstlerische Qualität
der Bilder. Für mich waren die Bilder vorerst die
Hauptsache, und da waren es vor allem die Jagdszenen und
die Bilder aus Tiergärten und Menagerien, die es mir
angetan hatten. Es gab wohl kein jagdbares Wild, dem in
J. Hammers Wild-, Wald- und Waidmannsbildern nicht eine
ganze Anzahl von glänzenden Bildchen Darstellungen
gewidmet war, aus den zoologischen Gärten von
Berlin, Hamburg, Dresden kamen Bilder, die das Leben der
fremden Tierwelt schilderten, andere, wie
Gerstäckers nächtliche Feuerjagd auf
Hyänen, mochten freie Erfindungen zu seinen
Jagdgeschichten sein. Affenbilder waren unsere besondere
Liebe, ob wir nun das Schimpansenfräulein Molly
bewunderten, das wie ein Mensch den Kaffee aus einem
Glase löffelte, oder eine Gruppe von Pavianen, die
sich gegenseitig die Läuse absuchten. Die Nilpferde
von Amsterdam waren uns ebenso vertraut wie die
Bären des Berliner Zoo oder der unheimliche Yak des
Dresdener Gartens. Löwenjunge kannte ich aus den
verscheidensten Gehegen, und mit den
Löwenbändigern, die in den Käfigen die
Peitsche schwangen, stand ich gleichfalls auf gutem
Fusse. Wer kann die Tiere alle aufzählen, von den
Elefanten bis zu den Zwergmäusen, von den Straussen,
Geiern und Pelikanen bis zu den Zaunkönigen, alles
was die Erde trägt, was in den Lüften schwirrt
und was das Meer in der blauen Tiefe birgt? Mir war jedes
neue Bild, jede neue Tiergestalt eine Offenbarung, jede
Tierfabel, jede Anekdote, ein unbeschreibliches
Erlebnis.
Wann
ich angefangen habe, Steine zu sammeln kann ich mich
nicht mehr erinnern. Vielleicht sind die hellblauen
Steinchen in dem Bachsand, mit dem unsere Gartenwege
bestreut waren, der Anfang gewesen. Es hat lange
gedauert, bis ich erfuhr, dass das keine echten Steine,
sondern blaue Schlacken waren; ich habe sie später
bei einem Besuch von Schönau in der Pfalz in
faustgrossen Stücken gefunden. Abfall aus Adams
Bildhauerwerkstatt, Strassenschotter,
Bühlertäler Granit und bunter Porphyr
mögen bald dazugekommen sein. Vor allem habe ich die
Schotterhaufen an den Landstrassen, nach bunten Quarzen
und Rheinkieseln durchwühlt und auch wirklich einmal
einen echten Rheinkiesel, d.h. ein kleines Geröll
von Bergkristall gefunden. Zwei geschliffene Achate, ein
Rauchquarz, ein Stück Schwefelkies stammten aus des
Vaters Schubladen, Schwerspat und Brauneisen bekam ich
vom Lehrer Jutz geschenkt, Stangenschwefel und
Kupfervitriol fand ich einmal am Bahnhof. Man sieht, es
fehlt noch viel, aber es war doch ein Anfang. Ich
erinnere mich des sprachlosen Staunens, als wir von der
Schule aus einmal in eine wandernde Lehrmittelausstellung
geführt wurden, die ihr Zelt in der Rheinstrasse
aufgestellt hatte. Da waren ganze Reihen von blitzenden
Schwefelkristallen mit Cölestin und Aragonit zu
sehen. Von Cölestin und Aragonit hatte ich damals
natürlich keine Ahnung, aber den unmittelbaren
Eindruck der glitzernden Stufen habe ich nie vergessen.
Als ich in der letzten Klasse war, erfuhr meine Sammlung
eine neue Bereicherung: ich erhielt von einem Schulfreund
aus Altschweier, einem lieben, zutraulichen Kerlchen,
eine Anzahl von Salzen geschenkt: Borax, Salmiak,
Salpeter, Alaun, vielleicht auch noch anderes. Dass ich
mit Salpeter, Holzkohle und Schwefel allerhand Pulver
herzustellen versuchte, versteht sich von selbst, das ist
aber so ziemlich das einzige chemische Experiment
geblieben, dessen ich mich aus der Kinderzeit
erinnere.
Bücher
haben auf diesem Gebiet so gut wie keine fördernde
Wirkung gehabt. Was hätte ich auch mit
Kristallzeichnungen und Beschreibungen anfangen sollen,
wenn mir von den Dingen selbst zuwenig zugänglich
war? Dennoch hat alles, was mit Edelsteinen und Erzen,
Höhlen und Bergwerken zu tun hatte, einen
geheimnisvollen Zauber auf mich ausgeübt. Wenn ich
auch keine Zeile aus der Mineralogie gelesen habe, die
das "Buch der Natur" enthielt, die Gestalt des
Bergknappen, der mit der Spitzhacke beim Grubenlicht eine
Erzader anhaut, und die des Gnomen, der im Dunkel der
Erde kostbare Schätze hütet, sind mir
unvergesslich geblieben.
Nicht
viel besser verhielt es sich mit dem Verständnis der
Erscheinungen, die im "Buch der Natur" unter dem Titel
Geognosie behandelt waren. Ich konnte mich ebensowenig in
den Namen der Gesteine zurechtfinden, wie in den
geologischen Formationen und den zugehörigen
Versteinerungen; das waren nun einmal Dinge, zu denen mir
jede Verbindung fehlte, und für die ich auch von
meinem Vater keine Anleitung und Belehrung erhalten
konnte. Aus dem Granit und dem Buntsandstein, der bei
Bühl die Berge zusammensetzt, liess sich kein
geologisches System aufbauen, und Versteinerungen habe
ich überhaupt nicht gekannt, obwohl mir Abbildungen
nicht ganz fremd waren. Ein farbenbuntes Bild im Buch der
Natur, das als "idealer Durchschnitt eines Stückes
der Erdrinde" bezeichnet war, hat mir viel Kopfzerbrechen
gemacht, ohne dass ich dadurch klüger geworden
wäre.
Nur
von einem Buch möchte ich noch zum Schluss etwas
sagen, und insbesondere von einer Geschichte, die ich
immer und immer wieder gelesen habe. Es war ein
dünner Band im Format der "Gartenlaube", der letzte
Halbband des von Roßmeßler bis Juli 1866
herausgegebenen Volksblattes "Aus der Heimath". Hier
wurde unter dem Titel "Der Autodidakt" von einem kleinen
Kerl erzählt, der im Erzgebirge auf
Kartoffeläckern und Grubenhalden nach Mineralien
sucht und sich von seiner Leidenschaft durch keine
Strafen und Hindernisse abbringen lässt. Der Vater
überzeugt sich von dem Ernst des erwachten
Interesses und leitet ihn jetzt an, die Funde zu ordnen
und weitere Beobachtungen zu machen, so dass der Sohn
sich fast mühelos fortschreitend in kurzer Zeit die
Begriffe einer elementaren Naturlehre aneignet. Dass die
ganze Erzählung eine recht revolutionäre
Tendenz hatte, dass der Verfasser - Roßmeßler
selbst - die übliche Volksschulerziehung
bekämpfte und die Naturwissenschaften oder, um es
bescheidener zu sagen, die Erziehung zum Beobachten der
Natur an die erste Stelle setzen wollte, habe ich als
Kind sicherlich nicht gemerkt; heute könnte ich die
Geschichte ohne grosse Einschränkung auf meinen
eigenen Entwicklungsgang beziehen.
"Bedenke
doch," sagt der Vater zur Mutter, "welchen Einfluss es
auf unser Kind haben muss, wenn es mit vielleicht
Sechzigen, wie es in unseren Schulen ist, mit seinen an
die Bunte Abwechslung in der freien Natur gewöhnten
und geübten Sinnen hineingesperrt wird in die
nüchterne, dunstige Schulstube, mit den kahlen
weissen Wänden und der drohenden schwarzen Tafel
hinter dem Katheder, wo er sich wie eine einzige
Kartoffel im Scheffel verliert, wo er sich selbst
abhanden kommt!"
Ein
Freund, der sich an der Aussprache beteiligt, bemerkt:
"Sie berühren da eine Seite der Elementarschulen,
welche vielleicht die bedenklichste und nachteiligste
ist. Das von dem eigenen Wesen abhängige Tempo, um
mich so auszudrücken, in welchem sich das Bild bis
zum Eintritt in die Schule geistig und körperlich
bewegt hat, wird von da an plötzlich gehemmt und es
muss das Kind mit dem ganzen, als Ganzes fast soldatisch
geführten Schülerhaufen in einem neuen
taktmässigen Tempo weitermarschieren, entweder
langsamer oder rascher als es bisher selbstständig
sein Tempo genommen hatte. Sie haben ganz recht gesagt:
das Kind kommt sich selber abhanden."
Man
einigt sich dahin, den kleinen Hermann durch ein
Bilderbuch mit kurzen Beschreibungen auf das Lesen
neugierig zu machen, und ihm dadurch "das Gefahrdrohende
der ersten Elementarklasse" zu ersparen. Wir werden
später sehen, dass dem kleinen Julius sogar zwei
Klassen erspart geblieben sind.
Es
mag heute nur noch wenige geben, dem der Name
Roßmeßler etwas zu sagen hat. Man kennt ihn
vielleicht als populären naturwissenschaftlichen
Schriftsteller und Wanderredner, weiss aber nicht, dass
er schon mit 24 Jahren Professor an der Forstakademie
Tharandt war, und 1849, nachdem er als Abgeordneter noch
an den Sitzungen des Rumpfparlaments in Stuttgart
teilgenommen hatte, wegen Hochverrats vom Amt suspendiert
wurde. Auch weiterhin hat die Reaktion den aufrechten
Mann verfolgt und geschädigt, wo sie konnte, ohne
ihn zum Schweigen zu bringen.
In
der Erzählung, von der ich ausging, scheint er an
eigene Jugenderinnerungen anzuknüpfen. K.G. Lutz
erwähnt in seiner biographischen Skizze zur vierten
Auflage von Roßmeßlers Flora im Winterkleide,
es seien Roßmeßler im zehnte Lebensjahre
Mineralien in die Hand gefallen, die aus der
Schulsammlung ausgemustert und weggeworfen waren, und er
hat sie mit Unterstützung des Vaters - dieser war
Kupferstecher - zu zeichnen und zu malen versucht. Nach
den Steinen seien Pflanzen und andere
Naturgegenstände an die Reihe gekommen, und dadurch
sei in ihm die Liebe zur Natur erwacht. Sie blieb ihm
auch während der Gymnasialjahre erhalten und wurde
der Leitstern seines Lebens, nachdem er umsonst versucht
hatte, sich in der protestantischen Dogmatik als
Theologiestudent zurecht zu finden.
-
- -
Lorenz
Oken
(1779-1851), Naturforscher.