Vierzehntes Kapitel.

Fangstellen und Jagdgründe.
 

Der liebe Gott gab dem Adam nicht nur einen Garten, darin zu wohnen, er machte auch von der Erde allerlei Tiere auf dem Felde, und allerlei Vögel unter dem Himmel; wie der Mensch sie nennen würde, so sollten sie heissen.

Auch ich habe in unserem Paradies allerlei Vögel entdeckt; wie sie hiessen, konnte ich vom Vater oder von der Mutter erfahren, andere fand ich in Büchern beschrieben und abgebildet, für manche habe ich eigene Namen erfunden.

Vögel haben die leidige Gewohnheit, davonzufliegen, wenn man sie fangen will; auch das unfehlbare Rezept, den Spatzen Salz auf den Schwanz zu streuen, hilft nur selten. Einen toten Distelfink, den ich einmal im Garten fing, habe ich tieftraurig ein moosbedecktes Grab bereitet, es war ein berückend schönes Vögelchen. Meisen, Rotschwänzchen, Buchfinken nisteten im Garten; - weh uns, wenn wir sie gestört oder gar ein Nest berührt hätten! Die Spatzen waren freche Fresser, sie standen noch früher auf als der Vater, und auch vor Schreckschüssen aus einer alten Flinte und vor Vogelscheuchen hatten sie nicht den geringsten Respekt. Die Rotschwänzchen wurden erst lästig, als sie uns die Bienen wegfingen. Im Winter waren die Goldammern und die Haubenlerchen meine besonderen Freunde, auch die Raben, die in unzähligen Scharen mit Geschrei über die Felder flogen. Eine Elster, die auf einem alten Birnbaum in der Nachbarschaft nistete, habe ich lange beobachtet und bewundert, aber über alles gingen doch die geheimnisvollen Störche, die die Kinder brachten. Manch einen sah ich fliegen, manchen klappernd mit seinen Kollegen auf den Wiesen herumstolzieren; allen habe ich den bekannten Kindervers nachgerufen, und einer hat uns auch richtig noch ein Brüderchen gebracht.

Aber flogen im Garten nicht noch ganz andere Vögel, Vögel mit sechs Füssen und vier bunten Flügeln? Sie waren leichter zu greifen, die Käfer und die Schmetterlinge; und sie zu fangen und zu sammeln wurde bald meine Leidenschaft. Mit einem Käfer fing es an, den mir Klöpfers Emil schenkte: Es war der herrlich metallgrüne grosse Rosenkäfer, den man nur selten zu Gesicht bekommt. Von demselben freundlichen Jüngling erhielt ich auch ein handfestes Schmetterlingsnetz, keine Spielware, sondern ein allen Unbilden standhaltendes Instrument. Es war auch an den ersten Fängen beteiligt, als wir abends beim Schein einer Laterne an den Verbenenstöcken und anderen Blumen Windenschwärmer und Weinvögel fingen. Zu meinem neunten Geburtstag erhielt ich einen schwarzpolierten Schmetterlingskasten, und damit war ich - da ich mir Spannbretter und Zubehör längst selbst hergerichtet hatte - mit allem versehen, was für den Sommerfeldzug 1876 nötig war.

Jagdleidenschaft kennt kein Mitleid, mag es sich um Hasen und Rehe oder um Pfauenaugen und Roteordensbänder handeln. Ich konnte nicht darauf hoffen, noch einen zweiten Kasten zu erhalten, und so rettete das begrenzte Fassungsvermögen des ersten manchem Falter das Leben. Aber das Gemeinere musste dem Selteneren, das schlechtere Exemplar dem besseren weichen, bis eine in Anbetracht meines Alters immerhin ganz reichhaltige Sammlung das Ergebnis war. Da mir kein Zyankali zu Gebot stand, mussten die Käfer in Alkohol ertränkt werden, aber auch die dickleibigen Nachtfalter habe ich damit zu Tode gebracht, da ihre pelzbesetzten Leiber dabei am wenigsten Schaden litten.

Selbst ein Löwentöter kann nicht mehr atemraubende, herzsprengendere Augenblicke erleben als ein Schmetterlingsjäger, wenn er ein nie gesehenes Wild anschleicht und es ihm in der letzten Sekunde auf Nimmerwiedersehen davon fliegt. Was hilft aller Eifer, was hilft das Netz, wenn der gescheuchte Falter in hohem Bogen in die blaue Luft enteilt. Da lernt man den alten Wunschtraum der Menschheit begreifen, mit Adlerflügeln in den Aether emporzusteigen. Wie man Vögel fängt habe ich nie gelernt, aber wie man die Schmetterlinge ja nach ihren Lebensgewohnheiten mit List und Geduld, mit Händen, Hut oder Netz in die Gewalt bekommt, darin habe ich jahrelange Erfahrungen gesammelt. Welche Gegensätze gibt es doch in der Flugweise dieser herrlichen Tiere, als ob sie aus verschiedenen Welten kämen! Wie bequem ist ein Citronenfalter mit zwei Fingern zu fassen, wenn er mit zusammengeklappten Flügeln an einer Blüte hängt, und wie unmöglich ein blitzschnell von einem Kelch zum anderen sausendes Täubchen mit der Hand zu haschen.

Wie anders fliegen die munteren Bläulinge, wenn sie sich im Sonnenschein an einer Wasserpfütze tummeln, als die faulen Witterchen, die von den Skabiosen und Disteln nicht loskommen, auf denen sie sitzen.

Im Garten war's nicht immer leicht, einen Fang zu machen, denn die Wege durften nicht verlassen werden, und wie hätte ich einem Schwalbenschwanz nachkommen können, wenn er hoch über alle Hindernisse weg das Weite suchte? Gleichwohl habe ich in unserem Garten manch seltenen Vogel erbeutet. Die nächtliche Jagd auf die Elefantenrüssel - so nannten wir die Windenschwärmer - wird mir unvergesslich bleiben; ich habe sie nie wieder in solcher Menge gesehen. Ein herrliches Abendpfauenauge, das in Schreckstellung an einem Pfosten des Gartentürchens sass, konnte ich am hellen Tage mit den Fingern packen. Den seltenen Brombeerfalter, oben dunkelbraun, unten grün, erwischte ich an den Himbeeren, eine zierliche Sesie auf einem Johannisbeerstrauch, rote und gelbe Ordensbänder unter dem Dach oder an Fenstern, Russbären und anderes Kleinzeug mit Raupen und Puppen unter dem Haussockel. Einen prachtvollen Totenkopf, den ich im Felde an einem niedrigen Busch hängen sah, trug ich lebend zwischen den Fingern nach Hause; ich hätte ihn vor Schreck fast fallen lassen, als der dicke Kerl plötzlich zu quietschen anfing. Was für eine Aufregung aber war es, als ich in der Nähe unseres Hauses an einem Apfelbaum, der aus einer kranken Stelle am Baum blutete, Tag für Tag Füchse, Admiräle, Pfauenaugen, ja selbst Schillerfalter anfliegen sah, die sich an dem Saft gütlich taten! Ich habe eine derartige Tränke nie wieder gesehen. Einmal erlebte ich auch, es mag im Sommer 1878 gewesen sein, einen Flug von Distelfaltern, die sich zu Tausenden auf allen Kleeäckern niederliessen, während ich sie früher nie beobachtet hatte, und ähnlich auch ein Jahr in dem die sonst fehlenden Baumweisslinge in unzähligen Mengen herumflogen. Wieviel Schönes konnte man überall auf Klee und Luzernäckern, auf Wiesen und an sonnigen Rainen fangen, wie viele angeblich häufige Schmetterlinge habe ich aber auch vergebens zu erlangen gesucht. Schwalbenschwänze waren damals nicht selten, einen Segelfalter habe ich nur ein einziges Mal in raschem Flug über mich wegeilen sehen. Aus das blaue Ordensband beobachtete ich nur ein einziges Mal hoch oben um eine Pappel herumfliegend.

Kein Jagdgrund war ergiebiger als das kleine Wäldchen, dass ich schon im vorigen Kapitel erwähnt habe: Ein lockerer Tannenbestand, mit viel blühendem Gesträuch am Rand und in einer grossen Lichtung in der Mitte, die mit Baldrian, Wasserdost, Weidenröschen und allem sonstigen Blumenflor bestanden war, den solche offenen Stellen zu bieten pflegen. Hier wimmelte es von Kaisermänteln und anderen Perlmutterfaltern, hier wiegten sich hoch in der Luft die Satyrn und Eisvögel, hier konnte man grell gefärbte Bären und all das kleine Volk von Bläulingen, Eulen und Spannern erbeuten, das am Waldeingang zu Hause ist. War man der Jagd müde, so konnte man dem Gezwitscher der Vögel zuhören, oder das Spiel der Eichhörnchen verfolgen, und wenn man hungrig war, sich an Walderdbeeren, Heidelbeeren und Brombeeren gütlich tun.

Wer Schmetterlinge sammelt, wird auch Raupen und Puppen mitnehmen, wo er sie findet. Auch hierfür, wie für jede andere Art von Insektenfang und Tierbeobachtung waren Garten und Haus der nächstliegende Schauplatz. Wie glücklich war ich, als ich nach immer erneutem Suchen in unserem Gelbrübenbeeten endlich die grüne, schwarzgebänderte Schwalbenschwanzraupe entdeckte. Wie oft habe ich die schwarzen, stacheligen Raupen der Pfauenaugen aufgezogen. Da haben sich diese schwarzen Fresser nach der letzten Häutung wieder aufgemästet, und nun kommt die grosse Unruhe über sie - sie laufen und laufen, bis sie in dem Raupenkasten an den Nesseln einen Platz gefunden haben, wo sie sich zum Verpuppen anschicken. Da hängen sie dann kopfüber und krümmen sich zusammen, unter der dornigen Raupenhaut bildet sich die Puppe aus, und man weiss nicht wie - plötzlich hängt das goldgefleckte Puppengehäuse da. Man darf es nicht anfassen, wenn der Schmetterling sich entwickeln soll. Und nun geschieht das grösste aller Wunder, wenn das herrliche Tier seine Auferstehung feiert: wenn es mit fertigen Beinen und Fühlern, aber zerknitterten Flügeln und plumpen Leibes aus der Hülle kriecht, wenn in wenigen Minuten sich die Adern strecken und härten, die Flügel sich ausbreiten und ihre ganze Pracht entfalten, und das Pfauenauge nach wenigen Flügelschlägen ruhig und sicher davon schwebt!

Am ergiebigsten an Raupen aller Art waren die Pappeln, Erlen und Weiden, die gegen Oberweier den Bach entlang standen. Von hier habe ich nicht nur Gabelschwanzraupen, Schwärmerraupen und andere Wundertiere nach Hause gebracht, sondern auch jenes glatte braune Ungeheuer, von dem der Weidenbohrer seinen Namen hat. Ich erbeutete es an einem Pappelstamm, aus dem es herausgekrochen war und verwahrte es in einer Holzschachtel. Als ich am anderen Morgen nachsah, war die Schachtel angefressen, das Tier hatte sich verpuppt und aus den Sägspänen eine Schutzhülle hergestellt. Auch das Ausschlüpfen des dicken, grauen Falters erlebte ich, er war ein besonders geschätztes Stück meiner Sammlung.

An den Hanfrötzen, die nahe an der Strasse in den Wiesen waren, konnte man besonders leicht das Leben der Wasserinsekten und der Libellen beobachten, von Fröschen, Salamandern, Molchen und Schnecken nicht zu reden. Noch bequemer zugänglich waren die Wasserlöcher bei den Vetter'schen Tongruben, die ausser Unken und Fröschen nebst Kaulquappen - die kleinen schwarzen nannten wir Mollenköpfe - auch Schwimmkäfer enthielten. Ich war freilich schwer enttäuscht, als mir meine grossen Gelbränder, die ich in einem Kübel mit Wasser gesetzt hatte, über Nacht alle davon geflogen waren; ich hatte nicht gewusst, dass Schwimmkäfer auch fliegen können.

Unerschöpflich mit Tieren war ein Bächlein, das von Kappel her zwischen Wiesen nach Westen fliesst und unter der "Hundbruck" die Landstrasse kreuzt. Je nach dem Gefäll rascher dahinfliessend oder stillstehend, bald breit und flach, bald schmal und tiefer, im Sommer oft in einzelne Tümpel zerlegt, bot es jeder Art von Wasserbewohnern Zuflucht. Wasserwanzen und Wasserskorpionen, Taumelkäfern, Libellen und Köcherfliegenlarven, Krebsen, Schnecken, Blutegeln und allem, was sich an solchen kleinen Gewässern zusammenfinden mag. Ich bin den Pfad längs des Bächleins unzählige Male gewandert, zumal die Wiesen auch zum Fang von Schmetterlingen, Käfern, Heuschrecken und Wasserjungfern Gelegenheit gaben. Und die Obstbäume an der Strasse zu anderweitigen Unternehmungen einluden. Unter der Brücke gab es auch kleine Fische, und nicht weit davon konnte man Wassermolche fangen.

Auch der Käferjagd möchte ich noch mit einigen Worten gedenken. Sie erfordert wenigstens für den Anfänger keine besonderen Hilfsmittel, und das Herrichten für die Sammlung machte wenig Mühe. Können die Jäger mit den Schmetterlingen auch nicht an Schönheit wetteifern, so übertreffen sie diese doch an Mannigfaltigkeit der Formen und der Lebensweise. Es gibt keinen Ort im Pflanzenreich, wo man nicht Käfer findet, keine Pflanzen- und Tierreste, in denen nicht Käfer oder Käferlarven leben. So bietet jeder Spaziergang Gelegenheit zum Beute machen, und ich habe, vom Garten angefangen, keinen Fundplatz vernachlässigt, auch wenn es tote Mäuse oder alte Kuhfladen waren. Allerdings die Rosenstöcke, die Spiräen und andere Gartenblumen, auf denen sich Goldkäfer, Blumenböcke, Schnellkäfer und andere kleine bunte Käferchen fanden, waren mir sympathischer, in dieser Hinsicht war ich nicht ganz frei von Vorurteilen. Die zirpenden Lilienkäfer gefielen mir besser als ihre abscheulichen Larven und die Maikäfer besser als die Engerlinge. Die Laufkäfer ärgerten mich durch ihren widerlichen Geruch, die Maiwürmer und Franzosenkäfer dadurch, dass sie mit ihren Ausscheidungen den Alkohol verdarben, in dem ich sie ertränkte. Einen riesigen Hornschröter, das Prachtstück der Sammlung, erhielt ich geschenkweise, einen Eichenbock habe ich unter persönlicher Lebensgefahr am Lotzberg erbeutet. Eigentlich waren es zwei, die sich gleichzeitig aus der Luft am Waldrand auf den Boden stürzten. Einer biss mich heftig zwischen die Finger, so dass ich ihn entsetzt wegschleuderte, den anderen habe ich in einen Strumpf gebunden nach Hause getragen. Ganz aus dem Häuschen war ich, als ich an einem schönen Juniabend das erste Glühwürmchen im Gras entdeckte und auf der Hand spazierengehen liess. Ich habe sie später, besonders in Heidelberg, zu Hunderten fliegen und kriechen gesehen, und sie gehören für mich heute noch zu den wunderbaren Geschöpfen in dieser unergründlichen Wunderwelt.

Wenn ich mich frage, woher ich schon als Volksschüler die Namen und die Unterscheidungsmerkmale der Insektengruppen und all des anderen niederen Getiers erkundet und mir zu eigen gemacht habe, so ist mir jedenfalls von den Büchern aus meines Vaters Besitz eines von besonderem Wert gewesen. Wir nannten es den "Oken", und ich war der Meinung, dass es etwas Herrlicheres als dieses Tierbilderbuch nicht geben könne. Es war ein Supplémentband zu der bekannten Naturgeschichte des berühmten Forschers, der sich im Gegensatz zu den älteren Bänden durch vorzügliche Ausführung der Bilder auszeichnete. Aus ihm bekam ich die ersten klaren Vorstellungen von allerhand einheimischen und ausländischen Säugetieren, Vögeln, Schlangen und Fischen, aber ganz besonders mussten mich die farbenprächtigen Darstellungen von Schmetterlingen und anderen Insekten, von Krebsen, Seeigeln und Seewalzen, Würmern, Schnecken, Medusen und Korallen fesseln. So war ich nicht mehr ganz unwissend, als ich zum ersten Mal das Strassburger Museum in der alten Akademie betrat, und vor einer Herrlichkeit zur anderen fortgerissen, bei den in allen Farben leuchtenden tropischen Schmetterlingen nicht mehr von der Stelle kam.

Von ganz anderer Art war ein Buch, das mir etwa im Sommer 1877 in die Hände fiel. Es kam durch den Leserlesezirkel ins Haus und hiess "Der Schmetterlingssammler". Mit Bildern war es nicht gerade glänzend ausgestattet, dafür gab es aber Vorschriften zur Aufzucht der Raupen und zum Fangen der Schmetterlinge, vor allem jedoch eine vollständige Übersicht und Beschreibung der in Deutschland heimischen Arten. Dieses Buch etwa als Weihnachtsgeschenk mir zu erbitten wäre ein verwegener Wunsch gewesen. So entschloss ich mich und brachte es fertig, unter Anwendung von Abkürzungen in kurzer Zeit die ganze Übersicht mir in ein Oktavheft abzuschreiben. Ich habe mir ähnliche Excerpte auch später noch angelegt, wenn ich kein Geld hatte, mir ein Buch zu erwerben.

Eine gute Ergänzung des Oken waren die zahlreichen Bilder von Säugetieren, im Meyer'schen Konversations-Lexikon und zwei kleine, reich mit Bildern ausgestattete Bändchen über die nützlichen und schädlichen Vögel Deutschlands. Nichts aber kam den Tierbildern gleich, die in reicher Abwechslung in den Bänden der "Gartenlaube" enthalten waren. Mitarbeiter wie Brehm, Carl Vogt, K. Russ, Gerstäcker, Roßmeßler, G. Hammer, Beckmann bürgten für die Zuverlässigkeit und Lebendigkeit der Tierschilderungen, ein Zeichner wie Leutemann für die künstlerische Qualität der Bilder. Für mich waren die Bilder vorerst die Hauptsache, und da waren es vor allem die Jagdszenen und die Bilder aus Tiergärten und Menagerien, die es mir angetan hatten. Es gab wohl kein jagdbares Wild, dem in J. Hammers Wild-, Wald- und Waidmannsbildern nicht eine ganze Anzahl von glänzenden Bildchen Darstellungen gewidmet war, aus den zoologischen Gärten von Berlin, Hamburg, Dresden kamen Bilder, die das Leben der fremden Tierwelt schilderten, andere, wie Gerstäckers nächtliche Feuerjagd auf Hyänen, mochten freie Erfindungen zu seinen Jagdgeschichten sein. Affenbilder waren unsere besondere Liebe, ob wir nun das Schimpansenfräulein Molly bewunderten, das wie ein Mensch den Kaffee aus einem Glase löffelte, oder eine Gruppe von Pavianen, die sich gegenseitig die Läuse absuchten. Die Nilpferde von Amsterdam waren uns ebenso vertraut wie die Bären des Berliner Zoo oder der unheimliche Yak des Dresdener Gartens. Löwenjunge kannte ich aus den verscheidensten Gehegen, und mit den Löwenbändigern, die in den Käfigen die Peitsche schwangen, stand ich gleichfalls auf gutem Fusse. Wer kann die Tiere alle aufzählen, von den Elefanten bis zu den Zwergmäusen, von den Straussen, Geiern und Pelikanen bis zu den Zaunkönigen, alles was die Erde trägt, was in den Lüften schwirrt und was das Meer in der blauen Tiefe birgt? Mir war jedes neue Bild, jede neue Tiergestalt eine Offenbarung, jede Tierfabel, jede Anekdote, ein unbeschreibliches Erlebnis.

Wann ich angefangen habe, Steine zu sammeln kann ich mich nicht mehr erinnern. Vielleicht sind die hellblauen Steinchen in dem Bachsand, mit dem unsere Gartenwege bestreut waren, der Anfang gewesen. Es hat lange gedauert, bis ich erfuhr, dass das keine echten Steine, sondern blaue Schlacken waren; ich habe sie später bei einem Besuch von Schönau in der Pfalz in faustgrossen Stücken gefunden. Abfall aus Adams Bildhauerwerkstatt, Strassenschotter, Bühlertäler Granit und bunter Porphyr mögen bald dazugekommen sein. Vor allem habe ich die Schotterhaufen an den Landstrassen, nach bunten Quarzen und Rheinkieseln durchwühlt und auch wirklich einmal einen echten Rheinkiesel, d.h. ein kleines Geröll von Bergkristall gefunden. Zwei geschliffene Achate, ein Rauchquarz, ein Stück Schwefelkies stammten aus des Vaters Schubladen, Schwerspat und Brauneisen bekam ich vom Lehrer Jutz geschenkt, Stangenschwefel und Kupfervitriol fand ich einmal am Bahnhof. Man sieht, es fehlt noch viel, aber es war doch ein Anfang. Ich erinnere mich des sprachlosen Staunens, als wir von der Schule aus einmal in eine wandernde Lehrmittelausstellung geführt wurden, die ihr Zelt in der Rheinstrasse aufgestellt hatte. Da waren ganze Reihen von blitzenden Schwefelkristallen mit Cölestin und Aragonit zu sehen. Von Cölestin und Aragonit hatte ich damals natürlich keine Ahnung, aber den unmittelbaren Eindruck der glitzernden Stufen habe ich nie vergessen. Als ich in der letzten Klasse war, erfuhr meine Sammlung eine neue Bereicherung: ich erhielt von einem Schulfreund aus Altschweier, einem lieben, zutraulichen Kerlchen, eine Anzahl von Salzen geschenkt: Borax, Salmiak, Salpeter, Alaun, vielleicht auch noch anderes. Dass ich mit Salpeter, Holzkohle und Schwefel allerhand Pulver herzustellen versuchte, versteht sich von selbst, das ist aber so ziemlich das einzige chemische Experiment geblieben, dessen ich mich aus der Kinderzeit erinnere.

Bücher haben auf diesem Gebiet so gut wie keine fördernde Wirkung gehabt. Was hätte ich auch mit Kristallzeichnungen und Beschreibungen anfangen sollen, wenn mir von den Dingen selbst zuwenig zugänglich war? Dennoch hat alles, was mit Edelsteinen und Erzen, Höhlen und Bergwerken zu tun hatte, einen geheimnisvollen Zauber auf mich ausgeübt. Wenn ich auch keine Zeile aus der Mineralogie gelesen habe, die das "Buch der Natur" enthielt, die Gestalt des Bergknappen, der mit der Spitzhacke beim Grubenlicht eine Erzader anhaut, und die des Gnomen, der im Dunkel der Erde kostbare Schätze hütet, sind mir unvergesslich geblieben.

Nicht viel besser verhielt es sich mit dem Verständnis der Erscheinungen, die im "Buch der Natur" unter dem Titel Geognosie behandelt waren. Ich konnte mich ebensowenig in den Namen der Gesteine zurechtfinden, wie in den geologischen Formationen und den zugehörigen Versteinerungen; das waren nun einmal Dinge, zu denen mir jede Verbindung fehlte, und für die ich auch von meinem Vater keine Anleitung und Belehrung erhalten konnte. Aus dem Granit und dem Buntsandstein, der bei Bühl die Berge zusammensetzt, liess sich kein geologisches System aufbauen, und Versteinerungen habe ich überhaupt nicht gekannt, obwohl mir Abbildungen nicht ganz fremd waren. Ein farbenbuntes Bild im Buch der Natur, das als "idealer Durchschnitt eines Stückes der Erdrinde" bezeichnet war, hat mir viel Kopfzerbrechen gemacht, ohne dass ich dadurch klüger geworden wäre.

Nur von einem Buch möchte ich noch zum Schluss etwas sagen, und insbesondere von einer Geschichte, die ich immer und immer wieder gelesen habe. Es war ein dünner Band im Format der "Gartenlaube", der letzte Halbband des von Roßmeßler bis Juli 1866 herausgegebenen Volksblattes "Aus der Heimath". Hier wurde unter dem Titel "Der Autodidakt" von einem kleinen Kerl erzählt, der im Erzgebirge auf Kartoffeläckern und Grubenhalden nach Mineralien sucht und sich von seiner Leidenschaft durch keine Strafen und Hindernisse abbringen lässt. Der Vater überzeugt sich von dem Ernst des erwachten Interesses und leitet ihn jetzt an, die Funde zu ordnen und weitere Beobachtungen zu machen, so dass der Sohn sich fast mühelos fortschreitend in kurzer Zeit die Begriffe einer elementaren Naturlehre aneignet. Dass die ganze Erzählung eine recht revolutionäre Tendenz hatte, dass der Verfasser - Roßmeßler selbst - die übliche Volksschulerziehung bekämpfte und die Naturwissenschaften oder, um es bescheidener zu sagen, die Erziehung zum Beobachten der Natur an die erste Stelle setzen wollte, habe ich als Kind sicherlich nicht gemerkt; heute könnte ich die Geschichte ohne grosse Einschränkung auf meinen eigenen Entwicklungsgang beziehen.

"Bedenke doch," sagt der Vater zur Mutter, "welchen Einfluss es auf unser Kind haben muss, wenn es mit vielleicht Sechzigen, wie es in unseren Schulen ist, mit seinen an die Bunte Abwechslung in der freien Natur gewöhnten und geübten Sinnen hineingesperrt wird in die nüchterne, dunstige Schulstube, mit den kahlen weissen Wänden und der drohenden schwarzen Tafel hinter dem Katheder, wo er sich wie eine einzige Kartoffel im Scheffel verliert, wo er sich selbst abhanden kommt!"

Ein Freund, der sich an der Aussprache beteiligt, bemerkt: "Sie berühren da eine Seite der Elementarschulen, welche vielleicht die bedenklichste und nachteiligste ist. Das von dem eigenen Wesen abhängige Tempo, um mich so auszudrücken, in welchem sich das Bild bis zum Eintritt in die Schule geistig und körperlich bewegt hat, wird von da an plötzlich gehemmt und es muss das Kind mit dem ganzen, als Ganzes fast soldatisch geführten Schülerhaufen in einem neuen taktmässigen Tempo weitermarschieren, entweder langsamer oder rascher als es bisher selbstständig sein Tempo genommen hatte. Sie haben ganz recht gesagt: das Kind kommt sich selber abhanden."

Man einigt sich dahin, den kleinen Hermann durch ein Bilderbuch mit kurzen Beschreibungen auf das Lesen neugierig zu machen, und ihm dadurch "das Gefahrdrohende der ersten Elementarklasse" zu ersparen. Wir werden später sehen, dass dem kleinen Julius sogar zwei Klassen erspart geblieben sind.

Es mag heute nur noch wenige geben, dem der Name Roßmeßler etwas zu sagen hat. Man kennt ihn vielleicht als populären naturwissenschaftlichen Schriftsteller und Wanderredner, weiss aber nicht, dass er schon mit 24 Jahren Professor an der Forstakademie Tharandt war, und 1849, nachdem er als Abgeordneter noch an den Sitzungen des Rumpfparlaments in Stuttgart teilgenommen hatte, wegen Hochverrats vom Amt suspendiert wurde. Auch weiterhin hat die Reaktion den aufrechten Mann verfolgt und geschädigt, wo sie konnte, ohne ihn zum Schweigen zu bringen.

In der Erzählung, von der ich ausging, scheint er an eigene Jugenderinnerungen anzuknüpfen. K.G. Lutz erwähnt in seiner biographischen Skizze zur vierten Auflage von Roßmeßlers Flora im Winterkleide, es seien Roßmeßler im zehnte Lebensjahre Mineralien in die Hand gefallen, die aus der Schulsammlung ausgemustert und weggeworfen waren, und er hat sie mit Unterstützung des Vaters - dieser war Kupferstecher - zu zeichnen und zu malen versucht. Nach den Steinen seien Pflanzen und andere Naturgegenstände an die Reihe gekommen, und dadurch sei in ihm die Liebe zur Natur erwacht. Sie blieb ihm auch während der Gymnasialjahre erhalten und wurde der Leitstern seines Lebens, nachdem er umsonst versucht hatte, sich in der protestantischen Dogmatik als Theologiestudent zurecht zu finden.

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Lorenz Oken (1779-1851), Naturforscher.

 


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© Julius Ruska 1937