Zwölftes Kapitel.

Der Vater baut ein Haus.

In Bernau hatten die Eltern eine Dienstwohnung mit Garten und Feld gehabt; dort sassen sie wie auf eigenem Grund und Boden und vermissten nichts von dem Gefühl der Freiheit, das solcher Besitz verleiht. Für die neue Stelle in Bühl stand keine Dienstwohnung zur Verfügung, noch weniger war an einen Garten zu denken. Da hiess es zunächst verzichten und abwarten wie die Verhältnisse sich gestalten würden. Aber noch in Bernau wurde der Plan erst zu einem einstöckigen Häuschen entworfen, das bei günstiger Gelegenheit gebaut werden sollte.

Im Jahre 1863 hätte mein Vater um den Preis von 1000 Gulden das Haus kaufen können, in dem später der Stadtrechner Metz wohnte. Es liegt am Krempengässchen, nicht weit von der evangelischen Kirche, mitten in Gärten, und wäre ein hübscher Besitz gewesen. Die Eltern hätten die geringe Kaufsumme sofort entrichten können, aber sie kamen über allerhand Bedenken nicht hinweg und liessen sich den Kauf entgehen. Etwa zwei Jahre später wurde ein grosses Haus neben dem Gasthaus zum Raben mit Hof, Nebengebäuden, Garten und Ackerland um 7500 Gulden ausgeboten. Eine so hohe Summe festzulegen schien noch weniger ratsam; so unterblieb auch dieser Handel, und das Anwesen ging in den Besitz des Fruchthändlers Wertheimer über. Später wäre ein Garten neben dem Holzfang zu haben gewesen; ich habe ihn noch deutlich in Erinnerung, er ist aber inzwischen der Erweiterung des Kirchenplatzes zum Opfer gefallen.

Nach dem Umzug zu Stemmles, als die ganze Umgebung mit ihren Gärten immer wieder an die alten Wünsche mahnte, nahm der Gedanke an den Hausbau wieder festere Gestalt an. An der zur Windeck führenden Strasse, zwischen Dr. Kaisers und Krechtlers Anwesen, an der Nordseite von Stemmles Besitz begrenzt, lag ein rechteckiger Obstgarten, der dem Kappenmacher Biber gehörte. Dieser war bereit, den Garten um 1100 Gulden zu verkaufen, und der Kauf wurde am 21. April 1872 abgeschlossen. Schon im August kam jenseits der Strasse noch der "Dreispitz" dazu, ein schmales Stück Gartenland, das der Familie Stütz gehörte. Der Kauf war notwendig, weil der Nachbar Krechtlier gedroht hatte, er werde dem Schulmeister eine Reihe Pappelbäume vor die Nase setzen, wenn er es wage, neben ihn ein Haus zu bauen.

Die Einteilung des Gartens und die Hauspläne wurden sofort in Angriff genommen. Das Haus sollte mit der breiten Front gegen die Strasse zu stehen kommen, Waschküche und Holzschopf sollten unmittelbar an Peters Garten stossen. Ein gepflasterter Hof sollte das Haus vom Garten trennen und auf der Ostseite in eine Einfahrt für Waren übergehen. Vom Garten werde ich im nächsten Kapitel erzählen; die technischen Einzelheiten des Hausbaus entnehme ich meines Vaters Aufzeichnungen. Was wir Buben beim Bauen erlebt haben, soll auch nicht zu kurz kommen.

Mein Vater hatte, als er mit dem Hausbau begann, das 45. Lebensjahr überschritten, es war allmählich Zeit geworden, sich und den Kindern ein eigenes Heim zu schaffen, wenn es nicht zu spät werden wollte. Er hat den Plan, als es damit ernst wurde, mit einem Geschick und einer Zähigkeit durchgeführt, die mir, je älter ich geworden bin, desto mehr Bewunderung abgenötigt hat. Dass ein Schulmeister nach eigenen Plänen und unter eigener Verantwortung ein Haus baut, ist jedenfalls kein alltäglicher Fall - aber das Bauen war meines Vaters stille Leidenschaft, er stand mit allem, was dazu gehört, auf vertrautem Fuss, und es ist bedauerlich, dass es ihm versagt blieb, als Architekt an grösseren Aufgaben seine Begabung zu entfalten.

Die Pläne müssen in wenigen Wochen fertig geworden sein. Der Grundgedanke stand schon lange fest. Es sollte ein einstöckiges Haus mit einem Kreuzgiebel gebaut werden, so dass über dem Erdgeschoss mit vier Zimmern und Küche auch der Dachstock eine vollständige Wohnung enthielt. Bei der endgültigen Ausführung kam aber immer mehr die Freude an schmückendem Beiwerk zum Durchbruch. Dem Giebel nach der Strassenfront wurde unter dem weit vorspringenden Dach ein Balkon mit reichen Holzverzierungen vorgebaut, eine Art Laubsägearbeit im grossen, wie man sie an Schweizer Häusern sieht. Der Balkon wurde von zwei Holzpfeilern getragen.

Die ganze Hausfront wurde mit Weinreben bepflanzt, die später das Dach und den Balkon erreichten.

Mein Vater hätte sich mit der Rolle des Architekten begnügen und den Bau an einen Unternehmer vergeben können. Aber das Bauen ging ja aus seiner eigenen Tasche, und so wurde er auch sein eigener Bauunternehmer, nachdem er mit erfahrenen Fachleuten gesprochen hatte, wie er am billigsten zum Ziel käme. Aller Bedarf an Baustoffen wurde aufs genaueste voraus berechnet und bei den liefernden Firmen eingesehen, die Arbeiten wurden an Bühler und auswärtige Meister verteilt. Vieles, was zum Schmuck des Hauses bestimmt war, beabsichtigte mein Vater selbst herzustellen, weil es doch nicht ausgeführt worden wäre, wenn er es hätte bezahlen müssen. Ich weiss nicht, ob so etwas heute noch erlaubt ist, oder als Schwarzarbeit gilt.

Zuerst ging es an die Besorgung des Bauholzes. Da der Sägmühlenbesitzer Schütt in Bühlertal für den Kubikfuss Holz 32 Kreuzer verlangte, was offenbar zu teuer war, begab sich mein Vater nach Neusatz, um mit dem Sägmüller Lang zu verhandeln. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass er von dem Wirt, bei dem er einkehrte, auf einen Holzhändler aufmerksam gemacht wurde, der gerade einen Wald bei Neusatz gekauft habe und die besten Stämme als Nutzholz zu verkaufen suche; die Holzhauer seien gerade dabei, die Stämme zu fällen. Der Wirt erklärte sich auch bereit, den Vater an Ort und Stelle zu führen. Man traf dort Eigentümer und Käufer des Waldes an und einigte sich auf 14 Kreuzer für den Kubikfuss tadelloser Stämme und auf 13 Kreuzer für geringeres Holz. Der Verkäufer verpflichtete sich, die ausgesuchten Stämme sofort fällen zu lassen und aus dem Wald an eine für Fuhrwerk zugängliche Stelle an der Strasse zu schaffen. Am gleichen Tage wurde auch noch die Sägarbeit verakkordiert, der Transport nach Bühl verabredet und einiges Hartholz für besondere Zwecke angekauft. In den Juliferien stieg mein Vater jeden Tag nach Neusatz hinauf, um das Sägen zu überwachen, denn jeder Schnitt musste mit den Berechnungen stimmen und jeder Abfall musste sorgfältig ausgenützt werden. Die Mühe lohnte sich, denn die Ersparnis gegenüber dem Bühlertaler Angebot betrug mindestens 500 Gulden.

Die Beschaffung der Steine machte weniger Schwierigkeit. Die Bruchsteine für die Fundamentmauern kamen aus Rittersbach, den Bausand lieferte eine Grube bei Altschweier, Kalk und Backsteine der Kronenwirt Körch und die Ziegelei von Vetter. Die Sandsteine für Fenster, Türen, Treppenstufen und Haussockel führte ein Bauer aus Lauf frei auf den Bauplatz; sie waren etwas teuer, dafür aber auch von tadelloser Beschaffenheit.

Als Maurermeister war meinem Vater ein Mann in Waldmatt, Michel Zimmer mit Namen, empfohlen worden, der zugleich Steinhauer war, also die nötigen Arbeiten selbst ausführen konnte. Es fehlte ihm aber als Bauleiter jede Autorität gegenüber den Arbeitern und er hatte nicht den Mut, die Leute zur Arbeit anzuhalten oder ihnen zu kündigen, wenn sie liederliche Arbeit lieferten. So blieb meinem Vater nichts übrig, als selber einzugreifen und überall hinterher zu sein. Die Burschen versuchten zwar, aufsässig zu werden und verdarben das Baumaterial, aber es dauerte nicht lange, denn der Bauherr verstand keinen Spass.

Ende Oktober, bevor noch die Umfassungsmauern vollendet waren, fing es zu schneien an, so dass die Arbeit eingestellt werden musste. Das Balkenwerk für den Dachstuhl, das längst von dem Meister Gschwender fertiggestellt war, wurde zum Überwintern eingedeckt, da man keine Hoffnung hatte, das Haus noch unter Dach zu bringen. Es kamen aber wieder sonnige, trockene Tage, die bis Mitte Dezember anhielten, und so konnte bei angestrengter Arbeit das Dach doch noch aufgesetzt werden.

Während des Winters wurden die beiden gewölbten Keller ausgebaut und die Steintreppen gesetzt; im Frühjahr und Sommer 1873 kam der innere Ausbau und das Verputzen an die Reihe. Die Malerarbeit in den Zimmern führte Meister Flick aus, der sich erst seit kurzem in Bühl niedergelassen hatte. Er wollte an diesem Auftrag zeigen, was er konnte, und tat sein Möglichstes, wie wir noch sehen werden. Die gewöhnlichen Anstreicherarbeiten an Mauer und Holzwerk besorgte der Maler Hildebrand, von den übrigen Dingen ist mir nicht mehr viel erinnerlich.

Was mein Vater selbst beisteuerte, bestand in der Herstellung der Ziersteine, die als Fries der Front entlanglaufend, und in der Ausführung aller Holzverzierungen am Balkon und an den Dachgiebeln. Er hat alles, von der Zeichnung und dem Modell bis zum fertigen Werkstück eigenhändig hergestellt. Um die Giebelverzierungen mit der Lochsäge aus Eichenbrettern auszusägen, arbeitete mein Vater nach Feierabend, gewöhnlich von 7 bis 10 oder 8 bis 11 Uhr zwei Winter hindurch in der Werkstatt des Schreiners Walz. Es war eine unendlich mühesame Arbeit, aber der Ziergiebel mit seinem R über dem Mittelfeld steht heute nach 60 Jahren noch fast unversehrt. Für die Steine hatte er zunächst eine Tonform modelliert und hart brennen lassen. Dann wurden im Keller aus dem von der Ziegelei gelieferten Ton mehrere hundert Steine, einer nach dem anderen nach dem Tonmodell angefertigt. Auch mancher Sonntagnachmittag wurde dafür geopfert; ich glaube, dass meine Mutter Gott dankte, als diese Zeit vorüber war. Dem Vater machte es besonders Vergnügen, in seinem Versteck die kritischen Bemerkungen mit anzuhören, die von Bürgern auf ihren Spaziergängen am Haus vorbei zum besten gegeben wurden.

Für uns Buben waren ganz andere Dinge wichtig. Im Sommer 1872 konnten wir uns noch frei in dem Grasgarten tummeln und im Heu Purzelbäume schlagen, auch erlebten wir mit Staunen die Niederlegung eines mächtigen Birnbaumes, der kleine frühreife Birnen trug. Ein anderer überschattete noch viele Jahre die Ostecke des Hauses neben dem Doppeltor, das die Einfahrt abschloss. Bald kamen die Sand-, Kalk- und Steinfuhren, die auch unsere Baulust weckten, wenn wir uns auch von der Kalkgrube und den Speisbuben fernzuhalten hatten. Ich brauche wohl nicht zu sagen, was Speisbuben sind. Auf die Dauer war es freilich langweilig, den Maurern zuzusehen - da boten die Steinhauer, die mit ihrem halbkugeligen Holzhämmern und vielerlei Meisseln die Sandsteine bearbeiteten, schon mehr Abwechslung. Aber nichts hat mir so gefallen, als die Kunst der Zimmerleute, die auf dem Bauplatz arbeiteten. War es das ungewohnte ihrer Hantierung, waren es die grossen Sägen, die blanken Beile und Äxte, war es das Holz und seine uns neue Verwendung? Ich kann heute noch an einem Zimmerplatz stehen und der Zustichtung von Balken und Sparren zusehen, ohne lange Weile zu bekommen.

Im Frühjahr 1873, als die Innenarbeiten begannen und wir im Haus selbst herumtobten, konnten wir wieder andere Meister am Werk sehen. Da wurden die Zimmerböden gelegt, die Türen und Fenster eingesetzt, die Treppen gebaut, die Schlösser an den Türen und die Verschlüsse an den Fenstern montiert, und als alles so weit war, zog Meister Flick mit seinen Gesellen ein. Ja, das war ein Fest, die Herren Künstler und gar den Meister selbst an der Arbeit zu sehen. Ein kleiner dicker Herr, mit wasserblauen Augen und blondem Künstlerbärtchen, immer freundlich, immer in Bewegung - so sehe ich ihn mit meinem Vater verhandeln, oder auf der Doppelleiter stehen mit Pinsel und Malstock Striche ziehen. Dutzende von kleinen und grossen Blecheimern mit allen Farben standen bereit, um die Zimmerdecken sinngemäss zu dekorieren. Die oberen Zimmer bekamen besonders leichte und luftige Guirlanden, im Esszimmer prangte ein Fruchtstück in der Mitte der Zimmerdecke, das Gastzimmer wurde mit besonderer Vornehmheit hell und feierlich in einer Malart aus Weiss, Grau und Gold gehalten, die man, wenn man kurzsichtig war, für Stuckornament halten konnte. Den Hausgang aber schmückten zweifarbige Rundbilder, die in Kindergestalten die vier Jahreszeiten darstellten: Kinder mit Blumen und Kränzen, mit Sichel und Garben, mit Obst und Trauben, Kinder, die sich an einem Feuerchen die Hände wärmten. Ich habe diese Engelchen schrecklich gern gehabt.

In den Keller gelangte man durch eine breite, in den Hof hinausreichende Steintreppe, die durch zwei schiefliegende, Blech beschlagene Torflügel geschlossen war. Auf diesem Wege wurden die grossen Fässer in den zweiten Keller geschafft, die der Weinhändler Pfeiffer mit Affentaler Rotem und anderen Kostbarkeiten füllte. Der andere Keller war auch vom Haus aus durch eine gewundene Holztreppe zugänglich, die vom Hausgang aus in die Tiefe führte. Hier befand sich auch eine Brunnenanlage, das Kleinod des Hauses, denn das Wasserrohr führte direkt in die Küche zu einer eisernen Pumpe, die am Wasserstein angebracht war. Von Wasserleitungen war ja damals in kleinen Städten noch keine Rede, wer Wasser brauchte, musste es sich von den Pumpbrunnen an den Strassen holen und in Kübeln auf einer Wasserbank in der Küche bereit halten. Manche Häuser hatten wohl, besonders wenn Ökonomiegebäude dabei waren, in den Höfen einen Brunnen, aber dass man ihn in der Küche selbst aufstellen könne, war eine unerhörte Neuerung. Fast noch unerhörter war es, dass man das Wasser in einem zierlichen Blechrohr aus dem Küchenfenster hinaus und durch das Fenster der Waschküche in den grossen Waschzuber leiten konnte. Wie war der Schulmeister nur auf solche Ideen gekommen! In der Waschküche wurden natürlich auch die sommerlichen Badefeste veranstaltet, doch darüber weiss der Chronist nichts besonderes zu sagen.

Im Wohnzimmer blieb die Aufstellung der Möbel fast die gleiche, wie sie bei Stemmles gewesen war, aber drei grosse Fenster brachten mehr Licht in das Zimmer als zwei kleine. Die Mitte nahm der runde Esstisch ein, ein merkwürdiges Möbel, das von einer schwarzpolierten Säule getragen war. Vielleicht war es ein Erbstück aus der Biedermeierzeit. An der Seitenwand nach Westen stand der braune Flügel, zwischen den Frontfenstern das grüne Sofa, im Hintergrund ein Stehpult, von dessen unergründlichem Inhalt ich später noch zu berichten habe; ein Nähtisch in der Ecke vervollständigte die Ausstattung. Hinter dem Wohnzimmer, neben der Küche, befand sich das Kinderzimmer, doch wurde es von uns nur zum Schlafen benützt; auf der anderen Seite des Hausgangs lag nach dem Garten zu das elterliche Schlafzimmer, nach der Strasse zu das Gastzimmer. Ein weisser Kachelofen, die besten Möbel, die längsten Vorhänge, die schönsten Bilder betonten den festlichen Charakter des Raumes. Ich wusste es zu schätzen, dass ich schon als Rastatter Student in den Ferien dieses Zimmer bewohnen durfte.

Wenn die Sonne schien, waren Garten, Hof für Spiel und Arbeit der gegebene Aufenthalt. Bei schlechtem Wetter zogen wir uns in Küche und Wohnzimmer zurück, wo es auch nicht an Zeitvertreib fehlte. Die gröbste und unangenehmste Arbeit, die Männerkräfte erforderte, wurde vom Vater abends nach den Schulstunden oder in der Morgenfrühe erledigt; die eigentliche Gartenarbeit besorgte die Mutter, und sie wäre gewiss nicht fertig geworden, wenn wir Buben nicht geholfen hätten. Auch das Holzsägen besorgte der Vater; die groben Klötze und das Hartholz zu spalten, war auch noch sein Privilegium, aber Tannenholz zu zerkleinern und "Speckele" zu machen, d.h. Holz oder Schindeln zum Anfeuern fein zu spalten, liebte ich leidenschaftlich.

Mit Spielsachen wurde damals, wenigstens bei uns, kein Luxus getrieben. Wenn der Vater müd nach Hause kam, durften wir im Wohnzimmer nicht allzuviel Lärm machen. Wir besassen einen Spielkasten mit Domina, Damenbrett, Belagerungsspiel und Mühle, an dem sich auch die Eltern gelegentlich beteiligten, wenn sie uns eine Freude machen wollten. Für Kartenspiele war kein Boden vorhanden, der Vater hasste alles, was in diese Richtung schlug. Als die Schule uns in die Zucht nahm, ging auch manche Stunde für Hausarbeiten drauf. Dann sassen wir alle bei der Lampe um den runden Tisch, jedes mit der ihm gemässen Arbeit beschäftigt, der Vater mit der Zeitung, die Mutter mit Vorbereitungen für die Küche oder mit Flicken und Stopfen, wir Kinder mit Spiel oder Schiefertafel.

Der Vater pflegte seine Schreibarbeit auf dem breiten Rücken des Klaviers oder am Stehpult zu erledigen. Auf dem Klavier lagerten Akten und Protokolle von allerhand Nebenämtern, die er zu versehen hatte, und Stösse von Aufsatzheften, die korrigiert sein wollten. Ich habe als Student meinem Vater die Arbeit oft abgenommen, aber ich kann nicht sagen, dass mir das Korrigieren besonders lieb geworden wäre.

Das Stehpult war ein Möbel von wahrhaft unergründlichem Inhalt. Der untere Teil ein tiefer Kasten mit zwei durch eine Doppeltür verschlossenen Fächern und zwei grossen Schubladen darüber, der obere Teil ein Aufbau aus Fächern und kleineren Schubladen, die hinter einem verstellbaren Deckel verborgen waren. Der Raum hinter dem Klappdeckel enthielt auch zwei Geheimfächer, die unter lautem Knall aufsprangen, wenn man einen Stahlstift in zwei kleine Löcher der Seitenwände einführte. Dies war das grösste technische Wunder im Hause Ruska, selbst die Uhren konnten mir nicht soviel Respekt abnötigen als diese Knallerei. Die kleinen Schubladen enthielten Rechnungen, Briefe,. Geld udgl., das Hausbuch lag gebrauchsbereit unter dem Deckel. Von den grossen Schubladen konnte die eine als ein Museum der graphischen Künste gelten, da sie zur Aufbewahrung von Schreib- und Zeichenvorlagen, Kupferstichen, Kalendern und anderen papiernen Dingen diente. Unter den Zeichenvorlagen sind mir besonders figürliche Darstellungen und Landschaften in Erinnerung gebliebene, manche davon haben eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den älteren Zeichnungen Hans Thomas, mindestens was den Stilcharakter der Zeichnungen anlangt. Die andere enthielt alles, was nicht aus Papier war, und das ist nicht wenig: Nägel aller Art, Kanapeenägel, Schuhnägel, Drahtstifte, Haken und Schrauben ohne Zahl, Schlüssel und Schlösser, Schnitzmesser, Rasiermesser und Modellierhölzer aus Buchs, Stimmgabeln, Seiten und Collophonium, Gänsefedern und Farbstifte, Reibschalen, Tusche und Wasserfarben, Streusand und Schnupftabak von Lotzbeck Frères in Lahr, in Stanniol und gelbes Papier verpackt. Auch ein "Hungerweck" aus dem Jahr 1857, war als Andenken an schlechte Zeiten aufbewahrt; inzwischen haben wir noch schlechtere Zeiten durchgemacht. Man sieht, pedantische Ordnung war meines Vaters kleinster Fehler; er fand immer, was er suchte, wenn auch nicht gleich im ersten Augenblick. Wir Buben benutzten alles, was wir benützen durften, und am liebsten, was verboten war, auch wenn es manchmal ein Donnerwetter absetzte.

Die Kommode im Wohnzimmer verdient auch noch ein Wort der Erinnerung. Sie war mit ihrem Drum und Dran einem Hausaltar zu vergleichen. In der Mitte stand die Stockuhr, schwarz poliert, metall- und elfenbeinernen Ornamenten eingelegt. Rechts und links davon hielten die Gipsfiguren von Schiller und Goethe die Ehrenwache. Die beiden Heroen der Dichtkunst standen aber auch noch in anderer Ausführung, in einer Nachbildung des Weimarerdenkmals, im Gastzimmer. Über der Kommode hing ein Spiegel und um ihn herum die Galerie der Verwandten und Freunde, Kunstwerke der Photographie und Daguerrotypie der sechziger Jahre, die bis auf wenige Reste verschwunden sind.

Was der Speicher im oberen Stock an Gefühls- und Sachwerten barg, lässt sich nicht auf vielen Seiten abhandeln. Wäre ich ein Märchendichter, so würde ich Spinnrad und Garnhaspel, Violoncell und Staffelei, Kinderwiege, Reitpferd und Schlitten miteinander Gespräche führen lassen, mit "Weißt du noch" und mit "ja, seit die Kinder da sind!". In diesem Speicher stand insbesondere auch ein alter Aktenschrank, eine Schatzkammer von Gerümpel, und hier war es, wo die gedörrten Äpfel und Zwetschgen die Jugend verführten, während die Zwiebeln, in Zöpfen zusammengebunden, weniger verführerisch zuschauten. Hier lag auch die Mappe, in der ich kurz vor unserem Wegzug nach Baden einen Schatz von Thoma-Bildern entdeckte.

Die oberen Zimmer wechselten ihr Aussehen und ihre Anziehungskraft im Laufe der Jahre nach den jeweiligen Bewohnern. Im ersten Jahr wohnte eine Familie Wangler bei uns; das waren sehr liebe Leute, aber am liebsten war uns doch, das Adölfle, ein rotbackiger Bub, etwa zwei, drei Jahre älter als ich. Er besass ein Buch, das nicht nur Tafeln mit farbigen Tieren, sondern gar eine Tafel mit farbigen, wie Gold und Silber glänzenden Steinen enthielt. Ich glaube, es war Martins Naturgeschichte. Dieses Buch zu besitzen, war sein Stolz und meine stille Sehnsucht, aber ich musste darauf verzichten lernen, wie auf so vieles in meinem späteren Leben. Die Abbildungen der Steine hatten es mir angetan, weil ich damals schon im Besitz einer Mineraliensammlung von mindestens einem Dutzend Steinen war.

Als Vater Wanlger plötzlich starb, zogen Mutter und Sohn in ihre Heimat Kenzing. Dort haben wir Kinder mit unserer Mutter an Pfingsten 1875 noch einen Besuch gemacht und sind mit dem Adölfle auf einem Kahn in der Elz spazierengefahren. Ich sah allerlei Pflanzen seltsamer Art unter dem stillen Wasser, die mir bis heute in Erinnerung geblieben sind. Die Nachfolger Wanglers, ein altes Ehepaar Kist, waren mir verhasst. Ich musste täglich die Zeitungen hinaufbringen, aber es roch zu abscheulich, dass ich mich so schnell wie möglich die Treppe hinunter rettete. Ich glaube, es ist in der ganzen Zeit ihres Wohnens kein Fenster geöffnet worden. Sie blieben glücklicherweise nicht lange, und es ist jedenfalls gründlich ausgeräuchert worden, ehe die Frau v. Rinck mit ihrer Tochter Marie und einer Köchin den oberen Stock als Sommerwohnung bezog. Einmal hiess die Köchin Anna, ein andermal Agathe, jedesmal aber entstand die dickste Freundschaft zwischen uns Buben und diesen holdseligen Wesen. Sie verstanden auch gar zu gut, Küchle zu backen, und es ist kein Mangel an Respekt, dass ich der schwarzen Anna und der blonden, anmutigen Agathe vor der alten Dame gedenke:

Ein jeder Jüngling hat nun mal

'nen Hang zum Küchenpersonal.

Die Frau General lebte im Winter in Freiburg und brachte seit 1875 die Sommer in Bühl zu, um ihrer zweiten Tochter, der Frau Oberförster v. Glaubitz und deren Kindern nahe zu sein. Das Forsthaus stand am Anfang der Strasse zur Windeck, dem Kaiser'schen Anwesen gegenüber, also in nächster Nähe unseres Hauses, und wenn die Grossmama anwesend war, gab es ein ständiges Hin und Her zwischen den beiden Häusern. Die alte Frau war uns ein Gegenstand staunender Verehrung, mit Fräulein Marie, Freiin von Rinck, war das Verhältnis bei der Lebhaftigkeit ihres Temperaments und ihrer grösseren Jugend sehr viel vertraulicher, die drei kleinen Prinzessinnen aus dem Forsthaus blieben uns aber weltenfern, obschon sie unzählige Male die Treppe zur Grossmutter und Tante hinauf und herabrannten. Ich habe Tante Marie, als ich hörte, dass sie in Bühl wohne, im Oktober 1932 einen Besuch gemacht - sie war als fast Neunzigjährige noch so lebhaft und frisch wie vor einem halben Jahrhundert und empfing mich, den Herrn Julius, mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit.

Aus dem Hausbuch kann ich feststellen, dass das schöne Verhältnis im Sommer 1878 zu Ende ging, da vom ersten Juni an ein Pfarrer Rheinschmidt als Mieter auftauchte. Ich glaube mich zu erinnern, dass die alte Dame ihre Wohnung in Freiburg damals ganz aufgab und in Bühl eine grössere nahm; möglich ist auch, dass sie nach dem Tod ihres Bruders in das Rittersbacher Schlösschen zog.

Der alte Pfarrer, ich glaube er war alt-katholisch, erhielt von uns auch die Kost. Er ist im Hausbuch bis 1883 nachweisbar, dann fehlen für ein Jahr die Einträge für den Mietzins, und 1884 taucht ein Strassenmeister als Mieter auf. Von diesen beiden Bewohnern weiss ich nicht viel zu sagen, ich war damals nicht zu Hause, und mein Interesse galt anderen Leuten. Als wir Ostern 1885 Bühl verliessen, wurde das Haus um 15 000,-- Mark an die Witwe des Oberförsters Schuler verkauft. Es hat in den vergangenen 48 Jahren noch mehrfach den Besitzer gewechselt. Das Innere des Hauses habe ich nie wieder gesehen, aber bei dem vorhin erwähnten Besuch hatte ich wenigstens Gelegenheit, mich mit neuen Besitzern einige Minuten im Garten zu unterhalten. Wie klein und fremd war doch alles geworden - und doch wieder wie vertraut war alles, wie ganz erfüllt von wehmütigen Erinnerungen!


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© Julius Ruska 1937