Meine
Eltern hatten sich für die Sommerferien 1870 etwas
besonders Schönes ausgedacht. Die Mutter sollte am
3. Juli mit den Kindern zu Onkel Heinrich nach
Strassburg. Dort konnten wir mit den drei Saasenkindern,
der achtjährigen Henriette, dem jüngeren Annele
und dem Leo auf den Wiesen und im Garten herumtollen,
dort sollte die Mutter einmal sorglos die Ferien
geniessen. Der Vater aber wollte einen alten Plan endlich
verwirklichen: Bernau wieder einmal aufzusuchen und von
da noch eine Reise in die Schweiz zu machen. Onkel Anton
schloss sich ihm in Mahlberg als Begleiter an. Der Weg
führte zu Wagen über Todtnau und Präg und
von da zu Fuss über die Wacht ins Bernauertal. Das
Dorf war wie ausgestorben, die meisten Leute waren mit
der Heuernte beschäftigt; ein paar gute alte Freunde
fanden sich aber doch noch. Im Schulhaus traf das alte
Evle ein, das erfahren hatte, dass der Lehrer da sei. Es
konnte sich nicht genug von dem Glück der Mutter,
von den Lehrersbuben erzählen lassen.
Die
beiden Reisenden fuhren dann auf der neuangelegten
Strasse von St. Blasien das herrliche Albtal hinab und
nahmen in Hauenstein als dritten Reisegefährten den
Lehrer Weinig mit. Sicher wusste niemand von ihnen, dass
Thoma damals nur wenige Stunden weiter in Säckingen
hauste und Landschaften malte. Über Schaffhausen und
Singen langten sie in Radolfzell an, wo der gemeinsame
Freund Stassen besucht wurde. Auch Ausflüge nach
Reichenau und Arenenberg - einst Sitz der Königin
Hortensie und das Prinzen Napoleon - wurden unternommen,
dann fuhr man mit dem Dampfer von Konstanz hinüber
nach Friedrichshafen und von da südwärts nach
Rorschach. Es war ein herrlicher Sonntagmorgen, der See
glatt wie ein Spiegel, die Säntiskette schien zum
Greifen nahe. Ragaz-Pfäfers und die Taminaschlucht
sollten das Endziel der Reise sein. Vorher aber wollte
man noch dem nahen St. Gallen einen Besuch abstatten, um
vom Freudenberg aus die Rundsicht auf die Alpen und den
Bodensee zu geniessen. Auch zum Besuch des
naturkundlichen Museums und zur Besichtigung der Stadt
blieb vor der Rückfahrt nach Rorschach genügend
Zeit. Dort angelangt bestiegen die Reisenden sofort den
Zug nach Ragaz und fuhren, um den Tag noch besser
auszunützen gleich bis Chur weiter, wo sie zur
Besichtigung der alten, schicksalsreichen Stadt eine
Stunde hatten. Am andern Tag wurde morgens die
Taminaschlucht durchwandert und mittags die
Rückfahrt angetreten, die über Wallenstadt und
Rapperswyl nach Zürich und am gleichen Abend noch
nach Luzern führte. Hier war ein längerer
Aufenthalt vorgesehen, denn man wollte den Rigi besuchen
und eine Rundfahrt auf dem Viewaldstättersee
unternehmen. Die Fahrt wurde am folgenden Tag
ausgeführt und konnte mit einem Besuch von Altdorf
verbunden werden. Als die Reisenden in Flüelen das
Schiff zur Rückfahrt bestiegen, kam auch eine
Abteilung von Schweizer Artilleristen an Bord, die aus
dem Tessin nach Basel beordert worden waren. In Luzern
konnte man abends auf den Strassen und in den
Gasthäusern schon die tollsten Gerüchte
hören. Der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland
stehe unmittelbar bevor. Süddeutschland werde
jedenfalls neutral bleiben, die Franzosen würden mit
den unverschämten Preussen im Handumdrehen fertig
werden und selbstverständlich das ganze Rheinland
einstecken. Man sah so recht, was den edlen Schwyzern
erwünscht gewesen wäre - man befand sich in
Luzern schon fast wie in Feindesland. Von einer Fahrt auf
den Rigi oder einer Fortsetzung der Reise nach Bern, wie
ursprünglich geplant war, konnte keine Rede mehr
sein. Jetzt nur so rasch wie möglich nach Strassburg
und mit Frau und Kindern über die Grenze! Lehrer
Weinig fuhr direkt nach Waldshut, der Vater mit dem
Schwager nach Basel. Dort waren bereits grössere
Truppenabteilungen versammelt, um die Schweiz gegen
fremde Einfälle zu sichern. Da die Stimmung nicht so
aufgeregt war wie in Luzern, glaubte mein Vater noch
einen Abstecher nach Altkirch im Oberelsass wagen zu
können. Bernauer Freunde, denen er seinen Besuch auf
der Rückreise versprochen hatte, erwarteten ihn in
dem Vogesenstädtchen. Sie hatten überhaupt noch
nicht von einer Kriegsgefahr gehört. In Strassburg
kam mein Vater am Abend des folgenden Tages an, am 14.
Juli wurde die Heimreise angetreten. Es war die
allerhöchste Zeit, man kam mit anderen
Flüchtlingen auf den letzten Zug, der die Kehler
Brücke passierte, in Sicherheit. Am 19. Juli
erfolgte die Kriegserklärung, am 22. wurde auf der
badischen Seite die Brücke gesprengt.
War
man wirklich in Sicherheit? Baden war Grenzland, die
ganze lange Strecke von Basel bis zur Lauter, Karlsruhe
gegenüber, feindlichem Einbruch preisgegeben. In
wenigen Stunden konnten die Franzosen an beliebigen
Stellen den Rhein überschreiten, die
Hauptverkehrsader des Landes, die Bahnlinie längs
des Schwarzwaldes erreichen, die ganzen Städte und
Dörfer niederbrennen. Man wusste nur zu gut, wie sie
unter Mélac in der Pfalz gehaust hatten. Es hiess,
dass Tausende von Turcas bereitstünden, um über
das unglückliche Land herzufallen ...
Die
deutschen Armeen sammelten sich in der Pfalz, bei Mainz
und bei Trier. Würden die Franzosen ihnen den
Vormarsch verlegen? Allem Glauben an die Schlagkraft des
preussischen Heers, aller vaterländischen
Begeisterung, allem Zorn über den frevelhaften
Friedensbruch stand doch immer die bange Sorge
gegenüber, was die nächsten Tage bringen
würden. Man traf Vorbereitungen zur Flucht in die
Wälder. Man sicherte sich Fuhrwerk und Gespanne, um
Frauen und Kinder und die unentbehrlichste Habe
fortzuschaffen. Man vergrub Geld und Silbergeschirr, um
es vor der beutegierigen Soldateska zu retten. Ich
erinnere mich deutlich der Stelle im Boden von Stemmles
Keller, wo lose Backsteine ein solches Versteck
verrieten.
Endlich,
am 4. und 6. August, die Nachricht von den Siegen bei
Weissenburg und Wörth, von der Erstürmung der
Spicherner Höhen - ein Aufatmen, ein Jubel des
ganzen deutschen Volks, das die blutigen Opfer fast
vergessen liess. Nun konnte man mit Zuversicht die
weitere Entwicklung abwarten. Ende August machte mein
Vater mit Bühler Bürgern eine Fahrt nach
Wörth, um den Schauplatz der Schlacht kennen zu
lernen. Ein paar Kriegstrophäen, kleine
Ausrüstungsstücke, wie sie zu Tausenden noch
herumlagen, waren als Andenken lange in unserem Besitz,
mitgenommene Säbel und andere Waffen mussten wieder
abgeliefert werden.
Wie
sahen sich die Dinge aber nun für unsere
Strassburger Verwandten an! Onkel Heinrich hatte viele
Jahre in Lyon und Paris kaufmännische Stellungen
innegehabt, bevor er sich in Strassburg niederliess. Er
war dadurch natürlich nicht in einen Franzosen
verwandelt worden, aber seine Frau Annette, née
Schouler, war eine glühende Patriotin und
wünschte den Prussiens, nachdem nun einmal der Krieg
ausgebrochen war, den Teufel an den Hals. Im Grunde war
das Elsass wie zu Goethes Zeiten noch immer kerndeutsch;
in der Sprache, in den Sitten, in der Tracht war zwischen
den Alemannen diesseits und jenseits des Rheins kein
grosser Unterschied. Nur in den Städten hatte die
culture der Grande Nation durch das französische
Beamtentum und Militär und durch den katholischen
Klerus stärker Wurzel geschlagen. Die Umgangssprache
hatte zahlreiche französische Worte und Wendungen
aufgenommen, auch bevorzugten die Geschäfte
französische Firmenschilder, man wurde aber
überall im Elsässer Dütsch bedient. Auch
mein Onkel benützte zweierlei Briefbogen und mass
mit zweierlei Mass, je nach dem er seinen Essig im Elsass
oder an die Schwobe übern Rhein verkaufte. Das
Anwesen lag südlich vom Bahnhof Metzgertor, damals
und heute wieder Porte d'Austerlitz. Es bestand aus einem
langen, hohen und schmalen Hauptgebäude, das mit
Holz verschalt war und zu ebener Erde den Fasskeller, in
den Stockwerken darüber die Essigkammern, gegen die
Strasse Büro und Wohnung enthielt. Daran schlossen
sich beiderseits Ökonomiegebäude und
Küferei, ein Hof mit Vorgarten, eine Wiese mit
Wasserfarben, Schilf und Fröschen und ein Garten mit
allem, was das Herz begehrt.
Nach
dem Sieg bei Wörth bekam die badische Division die
Aufgabe, gegen Strassburg zu marschieren und die
Belagerung vorzubereiten. Selbstverständlich durfte
die mächtige Festung nicht in der Hand des Feindes
bleiben. War man im Besitz von Strassburg, so hatte man
das ganze Elsass. Schon am 11. August erschien die
Feldartillerie im Nordwesten der Stadt und schnitt ihre
Verbindung mit dem Hinterland ab; am 13. wurde das
Belagerungskorps weiter vervollständigt. General
Uhrich, der erst bei Kriegsausbruch zum Kommandanten der
Festung ernannt worden war, fand eine furchtbare
Verwirrung vor. Die französische Heeresleitung hatte
es nicht für möglich gehalten, dass die Stadt
von den Deutschen belagert werden könnte. Dem
Entgegenkommen des Generals von Werder verdanken es die
Strassburger, dass Frauen, Kinder und gebrechliche Leute
nach der Schweiz überführt werden durften.
Schon am 8. August hatte mein Onkel Frau und Kinder in
ihre Heimat nach Dinsheim im Breuschtal bringen lassen.
Er selbst musste mit einigen Arbeitern
zurückbleiben, um seinen Besitz zu überwachen
und, so lange es ging, den Betrieb aufrecht zu erhalten.
Auf der Südseite der Festung war das ganze
Vorgelände von den Belagerten durch Stauung der Ill
unter Wasser gesetzt; hier konnten die Belagerer nicht
beikommen, aber die Lage war für die Anwohner in den
Vorstädten auch so schon fürchterlich genug.
Ich besitze zwei Briefe aus diesen Tagen, den einen von
der jüngeren Schwester der Tante an meine Mutter,
ganz elsässisch in Sprache und Orthographie, den
anderen vom Onkel an die Eltern: sie sollten hier ihren
Platz finden, da sie besser als jede andere Schilderung
ein Bild jener angstvollen Wochen geben, wo niemand vom
anderen wusste und jeder Tag ein Unglück bringen
konnte.
Dinsheim
25 Aout 1870.
Meine
liebe Julie,
heute
erst habe ich ihr theures schreiben erhalten und
innigst drücken wir ihnen die Hände für
alle ihre Theilnahme. Schmerzlich sind wir
geprüfet, und zitternd sehen wir den Abend
dämmern, beängstigt den Morgen blühn,
immer die ungewissheit was wird die Zukunft
bringen?
Henri
hatte uns den 7. August ein Télegramme
geschickt, dass ich schnell unsre Fuhr sende um ihr
Werthestes Hausgeräth hierher zu bringen. Montag
den 8. kamen zwei Wägen mit bagages ein dritter
mit der Familie, alle befinden sich wohl, die Kinder
hüpfen und kränken sich nicht unsers
Kummers. Dienstag morgen verliess uns Heinrich mit
seiner Fuhr und Knecht, keine Eisenbähne und
Verkehr mehr bei uns weder Tägliche Blätter,
wir wissen nichts, nur im Geheime kommen einige Briefe
an.
Beruhigt
über seine Lieben, ging unser Bruder um sein
Geschäft und viele Waahren zu besorgen, von da
blieben wir ohne Nachricht bis den 14. Abends, ein
Mann der durch Wald und grosse umwege hierher gelangte
brachte einen Brief von Henri dass er sich wohl
befände und noch alles gut s(t)ehe auf ihren
seite, die Stadthore öffneten noch zu gewissen
Stunden. Seither wissen wir nichts mehr von ihm.
Zweimal schickten wir Briefe durch Gelegenheit, dass
er alles lassen solle und sich in sicherheit bringe,
wo möglich zu uns kommen, aber alles Schweigt,
nur die Verzweiflung seiner Frau nicht. Henri weiss
sich umzuwenden und überlegt, desswegen hoffe ich
dass er in sicherheit seyn wird und uns bald durch
Küsse seines ausbleibens entschädigt
wird.
Gestern
abend sah man von hier alles Roth in der Gegend von
Strassburg. Kanonenschusse lassen sich oft vernehmen.
Gott was grauszig solcher Krieg, die Völker sind
alle Brüder und sollten sich nicht vernichten.
Badische Truppen zohgen schon mehrmals bei uns vorbei
und in die Vogesen und weiters. Mutzig und canton
Molsheim haben badische wache, lästliche Summen
geld, Heu, Hafer und Lebensmittel aller art zu liefern
sind uns auferlegt, vieles werden wir ihnen zu
erzählen haben, hier aber erlaubt es sich nicht
und wenig im Deutsch schreiben bewandert kostet es mir
sehr viel Mühe und finde doch oft die ächten
ausdrücke nicht. Gott wolle schencken, meine
Werthen, dass wir uns bald wieder sehen. Sobald
Neuigkeiten anlangen, werden wir ihnen schreiben,
indesssen schencken sie immer ihre uns so theure
Freundschaft und genehmiget die herzliche Kusse ihrer
Schwester und threuen
Emilie
Schouler.
-
- -
Dinsheim,
14. Sept. 1870.
Meine
Lieben!
Seit
gestern Abend bin ich in Dinsheim; Annette ist schon
vor einem Monat mit Kindern und dem besten Hausrath
hierher ausgezogen. Emilie theilte mir Euer liebes
Schreiben mit und danke Euch für Eure Theilnahme
an unserm Schicksale.
Ich
beginne damit, Euch zu sagen, dass bis zu meiner
Abreise (gestern) von der Fabrik, mir kein weiteres
Ungeschick begegnet ist, als dass ich schon seit 6
Wochen nichts mehr expedieren konnte, und dass wir
während 4 Wochen unter Wasser gesetzt waren; d.h.
der ganze Garten und der hintere Hof.
Da
ich noch vielen Schnapsvorrath habe, so konnte ich bis
gestern Essig machen lassen, aber nur so viel als
nöthig, dass die Standen nicht abstehn. Zwischen
der Stadt und uns ist die Verbindung schon seit vier
Wochen abgeschnitten. Die Stadt ist schon sehr
beschädigt vom täglichen Beschiessen. Alle
Handelsverbindungen zwischen Stadt und Land
hörten natürlich von selbst auf. Nachrichten
weder von Euch noch von Dinsheim konnte ich nicht
erhalten und auch keine von mir ertheilen, was meine
Frau so beunruhigte, dass sie beinahe vor Kummer
gestorben - Heute gottlob ist wieder alles
gut!
Die
Stadt soll nun eingenommen werden und deshalb mussten
alle Bewohner von Neudorf, also auch ich und mein
Nachbar Bucherer, Essigfabrikant, das Geschäft
verlassen. Ich sprach gestern noch mit einem badischen
Hauptmann, Herrn Lebeau, der mir sagte, dass für
mein Geschäft nichts zu riskieren ist, da von
unserer Seite wenig gethan wird; denn sie liegt
vis-à-vis vom Spital, das nicht beschossen
werden darf, und natürlich darf auch von der
Stadt aus nicht nach dieser Richtung geschossen
werden. Hoffen wir das Beste.
In
einigen Tagen habt Ihr weitere Nachrichten von mir;
einstweilen diese wenigen Zeilen zu Eurer Beruhigung.
Meine und Annettes herzl. Grüsse und Küsse
und viele Grüsse von Maman und Milie.
Euer
Heinrich .
Von
Anton habe ich gar keine Nachrichten.
Um
die gleiche Zeit, da diese Briefe ihren Weg zu meinen
Eltern fanden, sahen sich die Bühler in den
Abendstunden die Beschiessung von Strassburg an. Wer die
Landschaft kennt, weiss, dass der Münsterturm mit
seiner charaktervollen Silhouette von jeder Anhöhe
auf der badischen Seite zu sehen ist. Bühl ist von
Strassburg in der Luftlinie nur 30 Kilometer entfernt;
man hörte den ganzen Tag den Donner der
Belagerungsgeschütze, man sah vom Schänzel aus
am Abendhimmel die feurigen Bogen der Geschosse, den
Münsterturm schwarz und gespenstisch mitten im Brand
der Stadt. Auch meine Eltern sahen sorgenvoll das
grausige Schauspiel, und ich sah es auf dem Arm des
Vaters.
Am
27. September um 5 Uhr nachmittags, erschien die weisse
Fahne auf dem Münsterturm. Am 30. September, dem
gleichen Tag, an dem vor fast 200 Jahren die Franzosen
mitten im Frieden die Stadt geraubt hatten, zogen die
deutschen Truppen ein. Ganz Deutschland jubelte über
das wiedergewonnene Kleinod.
Als
mein Vater im Februar 1871 zum ersten Mal wieder nach
Strassburg fuhr, war das Deutsche Reich gegründet,
wenn auch der Krieg gegen die Republik noch Opfer genug
forderte. Von der Rückkehr badischer Soldaten im
Sommer 1871, wie sie von Ottersweiler herkommen,
bärtig, braungebrannt, mit Eichenlaub bekränzt,
Blumen an den Gewehrläufen unter unseren Fenstern
vorbeizogen, ist mir eine deutliche Erinnerung geblieben.
An die Illumination erinnerte uns noch jahrelang ein
"Transparent" mit buntfarbigen Inschriften, das auf dem
Speicher lagerte.
Aber
damit sind meine Kriegserinnerungen nicht zu Ende. Ich
will nicht von den Regimentern von Reitern und Fussvolk
reden, die vom Vater aus Münchener Bilderbogen
ausgeschnitten, auf Pappe geklebt und auf Holzleisten
montiert, an Weihnachten 1871 den breiten Rücken des
Flügels und den Fussboden bedeckten, nicht von
Trommeln, Kinderpistolen und anderem kriegerischen
Rüstzeug, auch nicht von den Schlachten in den
Hopfenäckern und Gebirgsformationen am
Schänzel, die wir später als Schulbuben in
Nachahmung von Weissenburg mit Lanzen aus Peter
Holzschopf ausgefochten haben - was ich aber
erwähnen muss, das sind die kriegsgeschichtlichen
Studien, die noch in die schriftlose Zeit meines Daseins
zurückreichen. Der Vater hatte zur Erinnerung an den
grossen Krieg die Illustrierte Krieggeschichte von Mylius
angeschafft. Sie war das Bilderbuch, aus dem ich die
grossen Gestalten des Kriegs, Freund und Feind, noch ehe
ich ein Wort lesen konnte, aufs gründlichste
kennenlernte. Ich wusste sie alle zu nennen, vom Bismarck
und Moltke bis zum Kaiser Napoleon und zum Marschall Mac
Mahon, und ich hatte meine besonderen Lieblinge unter den
Generälen - den Manteuffel, den ich später noch
als Statthalter in Strassburg bewunderte, den Garibaldi
mit seinem Käppchen, den General Uhrich mit
Schiffhut und Orden wie auch unter den Belagerungs- und
Schlachtenbildern.
Ich
kann nicht behaupten, dass ich das Buch später
einmal gründlich gelesen hätte. Es war zu sehr
für grosse Leute geschrieben. Aber es gab eine
Literatur, die uns Buben leichter zugänglich war:
das waren die Kriegslieder und die Kalendergeschichten
des Lahrer Hinkenden. Gesungen haben wir mit
Begeisterung, ganz besonders die Wacht am Rhein. Wie
sollten wir auch nicht, da wir uns doch fast
mitverantwortlich fühlten, dass der Essigonkel und
seine Familie jetzt zum Deutschen Reich gehörten?
Und eine schönere Geschichte als die von den drei
Freunden, dem Max, dem Theodor und dem Salomon, die in
treuer Freundschaft in den Krieg zogen, die schwierigsten
Unternehmungen mitmachten und glücklich wieder nach
Karlsruhe zurückkamen, gab es für mich
nicht.