Neuntes Kapitel.

Das erste Bühler Jahrzehnt.

Als die Versetzung gesichert war, musste Vater Saas nach Bühl fahren, um dort eine Wohnung ausfindig zu machen. In Bernau hatten die Eltern eine Dienstwohnung im Schulhaus zur Verfügung gehabt, jetzt mussten sie sehen, wo und wie sie unterkamen. Eine kleine Wohnung beim Färber Bassler, der Brauerei zum Lamm gegenüber, entsprach den bescheidenen Wünschen. Mein Vater meldete sich am 1. Oktober 1860 beim Pfarrer und Bürgermeister, sorgte für die Einstellung des inzwischen angelangten Hausrats und fuhr nach Erledigung dieser Geschäfte wieder nach Mahlberg zurück. Die Bühler Ferien dauerten bis Allerheiligen, so konnte man den ganzen Herbst noch in der Heimat verbringen.

Damals malte mein Vater eine Ansicht des Städtchens, ein ziemlich grosses Bild, das mir heute noch ein lieber Besitz ist. Die Häusergruppe des Schlossbergs bildet den Mittelgrund; hinter den Obstbäumen, die die Strasse nach Orschweiler begleiten, sieht man die Dächer der Oberstadt, links unten vor dem Schlossberg das Engelswirtshaus.

Der Empfang in Bühl war nicht gerade freundlich zu nennen. Man begegnete dem neuen Schulmeister mit ausgesprochenem Misstrauen; es war für ihn keine Empfehlung, dass er vom Schwarzwald kam. Wenn man die Unwissenheit und Rohheit der Bühlertäler Holzknechte als Kennzeichen eines Schwarzwälders ansah, war allerdings von dem Lehrer nicht viel Gutes zu hoffen.

Mein Vater dachte nicht daran, solchen Vorurteilen zu weichen. Es musste sich bald zeigen, wen die Leute vor sich hatten. Der Wille, nicht nur sich, sondern vor allem auch der geliebten Frau einen ehrenvollen Platz im Leben der Stadt zu erringen, war für den im tatkräftigsten Alter stehenden Mann eine Triebfeder zu höchster Anspannung. Die Anerkennung liess nicht lange auf sich warten - es waren aber nicht die Schulerfolge, sondern nebenamtliche Leistungen, die den Umschwung herbeiführten.

Kurz bevor mein Vater seinen Dienst antrat, war der Oberkirchenrat und Stadtpfarrer Zimmermann gestorben, der als Schulvisitator den ganzen Amtsbezirk unter sich hatte. Er war im ganzen Bezirk wegen seiner Herrschsucht und seiner Zornausbrüche bei den Lehrern gefürchtet und verhasst gewesen. Wer das Katzbuckeln und Kriechen verstand, konnte darauf rechnen, in die besten Stellen befördert zu werden; aber wehe dem, der eine eigene Ansicht hatte und zu widersprechen wagte! In der Stadt wurde allgemein erzählt, dass der Pfarrer den Vorgänger meines Vaters, den Lehrer Schnurr, in den Tod getrieben habe; mein Vater dankte Gott, dass er nicht mehr unter seinem Regiment nach Bühl gekommen war.

Er hatte zunächst die Mädchenklassen vom vierten Schuljahr an zu unterrichten, vormittags die älteren, nachmittags die jüngeren Jahrgänge. Die entsprechenden Knabenklassen versah für den emeritierten alten Lehrer Jüllig der Hilfslehrer Machold, die unteren drei Schuljahre der Unterlehrer Krämer, ein ebenso tüchtiger wie liebenswerter Mensch, mit dem mein Vater herzliche Freundschaft schloss. Sie nahm ein tragisches Ende, als Krämer in Karlsruhe, wohin er versetzt worden war, nach wenigen Wochen einer heimtückischen Krankheit erlag. Sein Nachfolger in Bühl, Philipp Stassen, hatte vorher meines Vaters Stelle verwaltet und war dann in dem benachbarten Steinbach angestellt worden; jetzt kam er wieder nach Bühl zurück. Er blieb bis in sein hohes Alter einer der besten Freunde meiner Eltern, und es war auch für uns Buben immer ein Fest, wenn er von seinem späteren Wohnsitz Villingen zu Besuch kam.

Als Machold im Sommer 1861 die Hauptlehrerstelle in Rothenfels erhielt, musste mein Vater die Knabenklassen und den Zeichenunterricht an der Gewerbeschule übernehmen. Zu diesen 36 Stunden kam an den Sonntagen die Fortbildungsschule, gelegentlich auch Unterricht an einer Privatschule, und von 1866/67 an in steigendem Mass der Unterricht an der Kreiswinterschule. So unerhört diese Belastung war, sie wurde in der ersten Hälfte der Sechziger Jahre noch überboten, als mein Vater sich mit der Übernahme des Männergesangsvereins die Aufgabe stellte, die Herren Bürger nebst Gemahlinnen durch musikalische Abende zu bezaubern, und als er sich ein Jahr später auch noch den Kirchenchor samt Organistendienst aufbürden liess.

Auf die Schulverhältnisse will ich zurückkommen, wenn ich aus meine eigenen Erlebnissen etwas beisteuern kann. Von der Dirigententätigkeit habe ich nur aus den Erzählungen meiner Eltern und den Berichten von Leuten, die auch mit dabei waren, einige Kenntnis. Ich folge hier der lebensvollen Schilderung, die mein Vater in seinen Erinnerungen jener Zeit gewidmet hat.

"Für die Leitung des Gesangsvereins hatte ich während langer 10 Jahre nicht die geringste Vergütung. Die vielen Opfer an Zeit, die tausendfache Vervielfältigung der Noten und Musikstücke, die unzähligen Schweisstropfen bei den Proben brachten mir keinen Kreuzer ein. Man glaubte, das alles müsse ein Lehrer tun, das gehöre zu seinem Beruf. Wir leisteten damals, was kein Gesangverein vorher und nachher in Bühl geleistet hat. Ich zog zu unseren häufigen Konzerten und musikalischen Unterhaltungen auch den Kirchensängerchor und die Kirchenmusiker hinzu. So brachten wir viel Schönes zustande, denn wir hatten in den Singstimmen und Instrumenten manche guten Kräfte zur Verfügung. Die Bühler wurden so verwöhnt, dass sie meinten, ich solle im Winter immer noch mehr musikalische Abende und Konzerte veranstalten, man könne ja die langen Winterabende nicht schöner zubringen als auf diese Weise. Ja, das Endergebnis unendlicher Mühe, das sahen sie, aber welche Opfer an Zeit und Gesundheit mich alle diese Dinge kosteten, das ging sie nichts an. Abend für Abend Proben, körperlich und geistig anstrengend, in der Winterkälte dann nassgeschwitzt nach Haus, das war der äussere Verlauf. Aber dann all das Persönliche, die Lauheit, die Launen und Schikanen der Mitwirkenden, ihre Eitelkeit und Eifersüchtelei, ihr gekränkter Ehrgeiz, ihre Empfindlichkeit, wenn sie sich zurückgesetzt glaubten - konnte ich es allen recht machen? Es graut mir, wenn ich an jene Zeit zurückdenke. Wie oft wurde ich von meinem Schatz gemahnt, mich mehr zu schonen, wie war sie besorgt, mir die übermenschliche Anstrengung zu erleichtern, was tat sie alles, um mir Erholung und Freude zu schaffen! Aber ich kam aus der Zwangslage nicht mehr heraus, nachdem ich den ersten Schritt getan hatte."

"Nach der Entlassung des Bürgermeisters Berger wurde der Kaufmann A. Schütt 1861 zum Bürgermeister gewählt. Er war ein grosser Musikfreund, und suchte Gesang und Musik zu pflegen, wo er nur konnte. Ich wurde von ihm gebeten, auch den Organistendienst und die Leitung des Kirchchors zu übernehmen. Mit dem dafür ausgesetzten Honorar konnte ich für die damalige Zeit zufrieden sein, es betrug mit anderen Nebeneinnahmen jährlich etwa 220 Gulden. Schütt bewies mir seine Anerkennung bald auch dadurch, dass er mir das Amt des Stiftungsaktuars zuwies. Das war das angenehmste Amt, das ich je bekleidet habe, da es 50 Gulden eintrug und ausser der Protokollführung bei den wenigen Sitzungen weiter keine Mühe machte. Auch der damalige Oberamtmann Stigler förderte meine Bestrebungen. Wenn wir nach dem Einstudieren einer neuen Messe die Generalprobe abhielten, kam er regelmässig in die Kirche, um seine kritischen Bemerkungen zu machen. Er besass ein feines Musikverständnis und gab manchen guten Wink, wo noch nachzuhelfen und zu bessern war."

"Im Jahr 1863 kam endlich ein neuer Stadtpfarrer, Herr Knoblauch, von Rheinweiler nach Bühl. Es ging ihm kein guter Ruf voraus. Er war früher in dem Bühl benachbarten Dorf Vimbuch gewesen und die Leute, die über sein Leben und Treiben dort Beschied wussten, waren der Meinung, dass er nicht nach Bühl hätte kommen dürfen. Als er die Pfarrei antrat, war er schon gegen 60 Jahre alt; er ging gebückt mit langen Schritten einher und sah mehr einem Bauern als einem Geistlichen gleich. Wie so viele, die dieses Amt innehaben, duldete er keinerlei Widerspruch. Sein Gesang war nicht zum Anhören, da er keine Ton vom anderen unterscheiden konnte und weder Gehör noch musikalische Bildung besass. Gleichwohl begann er sofort, an mir und meiner Tätigkeit herumzumäkeln, um sich als Vorgesetzten aufspielen zu können. Dass ich mich darüber ärgerte, war kein Wunder, denn ich hatte bis dahin zur Zufriedenheit der ganzen Gemeinde meine Pflicht getan. Er mochte bald erfahren haben, dass ich auf Lob und Tadel von seiner Seite kein Gewicht legte. Er wird auch beobachtet haben, dass ich mir, da ich in ihm den Menschen nicht achten konnte, keine Mühe gab, vor seinem langen Rock besondere Devotion zu zeigen."

"Im Jahr 1864 oder 65 wurde bei Gelegenheit einer Firmung durch den Mainzer Bischof v. Ketteler auch der Kirchengesang besonders lobend erwähnt. Da schmunzelte der Pfarrer sehr, und auch mir war das nicht unangenehm. Auf Antrag des Bürgermeisters Schütt erhielten wir, der Kirchenchor und ich, eine Geldsumme aus dem Heiligenfond als Anerkennung unserer Leistung. Die Zustimmung dazu mag meinem geistlichen Vormund schwer gefallen sein, was mich anlangt."

"Ich blieb nun noch Organist bis 1869. Infolge der Neuordnung der Schulgesetze wurde damals im ganzen Lande der Messner- und Organistendienst vom Schuldienst getrennt und das alte unerträgliche Abhängigkeitsverhältnis des Lehrers vom Geistlichen aufgehoben. Es sollte und durfte kein Lehrer mehr zugleich Messner sein, und als Organist sollte er nur durch besonderen Vertrag mit der Pfarrgemeinde gebunden werden. Es kam dann so, dass die Lehrer in kleinen Orten den Organistendienst wieder für eine Bagatelle annehmen und ausüben mussten, während in Orten, wo Mittel vorhanden waren und der Dienst bisher schon etwas eingetragen hatte, häufig junge, ungeübte Burschen angestellt wurden, die nichts verstanden und mit ihren Leistungen Ärgernis erregten. So geschah es auch in Bühl. Der Stadtpfarrer benützte die willkommene Gelegenheit, mir zu kündigen, und der damalige Bürgermeister hatte nicht den Mut oder die Macht, dagegen aufzutreten. So hatte Knoblauch nun seine Rache. Nach einigen weiteren Jahren verliess er den Schauplatz seiner Tätigkeit und zog nach Konstanz, um dort von den Einkünften der Bühler Pfarrei und seines Vermögens zu leben, während an seiner Stelle in Bühl Pfarrverweser amtierten. Seine Liebesabenteuer hatten den würdigen alten Mann Gottes in der Stadt unmöglich gemacht."

"Lange vor diesen Ereignissen, im Jahre 1865, hatte ich einen anderen Konflikt mit den sogenannten Schwarzen gehabt. Er nahm seinen Ausgang vom Männergesangverein. In jener Zeit begannen die politischen Gegensätze, die Spaltung der Bürger in "Rote" und "Schwarze" stärker hervorzutreten. Meistens handelte es sich um die Herrschaft auf dem Rathaus, um Gemeinderatswahlen und Kirchturmsinteressen. Die Parteien waren in Bühl oft hart aneinandergeraten. Man mied den gegenseitigen Umgang, man liess nur bei Gleichgesinnten arbeiten und drückte den politischen Gegner oft auf die gemeinste Weise. Es war ein wüstes Treiben. Man kannte natürlich auch meine Grundsätze, meine politische Überzeugung und meinen kirchlich-liberalen Standpunkt. Obwohl ich mich hütete, an dem politischen Ortshader Anteil zu nehmen, da mir meine Stelle als Lehrer das in keiner Weise erlaubte, musste ich doch den Druck der Schwarzen erfahren. Der Männergesangverein, in dem bisher alle friedlich sich vertragen hatten, sollte gesprengt werden. Durch einen Massenaustritt der Schwarzen wurde er so geschwächt, dass er nicht mehr lebensfähig war. Sein Weiterbestand hing von der Entscheidung des Dirigenten ab. Man legte mir nahe, ebenfalls auszutreten, die Schwarzen wollten dann mit mir einen neuen Gesangverein gründen. Ich hörte nicht auf die Lockungen und blieb dem alten Verein treu. Dadurch aber zog ich mir ihren Hass zu, und man versuchte, mir auf alle Weise zu schaden. Der Färber Bassler, bei dem wir bisher im besten Frieden gewohnt hatten, wurde gezwungen, uns die Wohnung zu kündigen. Ich glaube gerne, dass ihm dieser Schritt schwer gefallen ist. Wir bedauerten die Trennung umso mehr, als wir auch mit seiner Frau und Schwester bisher das freundlichste Verhältnis gehabt hatten. Noch am gleichen Abend fand ich bei dem Goldarbeiter Utilié eine andere Wohnung, die schöner und bequemer war, aber auch 80 Gulden jährlich kostete. Durch Beiziehung neuer Mitglieder wurde der Verein wieder ergänzt und blühte bald mehr als zuvor, da nun Einigkeit herrschte."

"Bald nach der Zeit, wo ich den Organistendienst aufgeben musste, ereignete sich ein Zwischenfall, der mir auch das Verbleiben im Gesangverein unmöglich machte. Es hatten sich allmählich viele Leute eingefunden, denen es mehr um Unterhaltung, Tanzvergnügen udgl. als um's Singen zu tun war. Dafür fehlten uns damals aber vor allem Tenöre. Ich kannte drei junge Leute, von denen besonders zwei gute Stimmen besassen - aber es waren Juden, und Juden durften nach dem Statut nicht als Mitglieder aufgenommen werden. Ich setzte dem Verein, da ich zugleich der Vorsitzende war, die Lage auseinander und forderte die Mitglieder auf, in diesem Falle wenigstens die intolerante Bestimmung fallen zu lassen und eine Ausnahme zuzugestehen. Man stimmte schliesslich zu und verlangte nur, dass die drei Herren ihre Anmeldung beim Verein schriftlich vorlegen sollten. Ich teilte den von mir Vorgeschlagenen das Ergebnis mit, sie glaubten aber nicht recht an ihre Aufnahme und wollten kein Risiko laufen. Acht Tage später brachte ich die Angelegenheit nochmals im Verein zur Sprache. Ich teilte mit, dass die Herren bereit seien, Eintrittsgesuche zu schreiben, nachdem ich sie versichert hätte, dass sie bestimmt aufgenommen würden. Ich hätte mein Wort gegeben, wenn man mich im Stich lasse, müsse ich den Vorsitz und die Leitung des Vereins niederlegen. Nach weiteren acht Tagen fand die Abstimmung statt - und sämtliche drei Kandidaten fielen durch. Meine Empörung unterdrückend erhob ich mich, sprach die der Lage angemessenen Worte und verliess den Schauplatz, um nicht wiederzukehren. Am folgenden Morgen schrieb ich alles, was mir durch den Kopf ging, in einer Art Denkschrift nieder und übersandte sie einem Vereinsmitglied zur Mitteilung an den Verein. Das Schriftstück soll einen tiefen Eindruck gemacht haben, ich glaube aber nicht, dass es noch bei den Akten zu finden sein wird.

Einen neuen Vorsitzenden zu wählen, machte keine Schwierigkeiten; umso grösser war die Verlegenheit, als der Dirigent ersetzt werden wollte. Ein Jahr lang schleppte sich die Sache mit allerhand Versuchen hin, dann brach der Krieg aus. Im Jahr 1871 wandte man sich nochmals an mich. Man sandte den Bürgermeister Konrad, dann meinen alten Freund, den Geheimrat Hörth, schliesslich kamen beide - aber ich konnte mich nicht mehr dazu verstehen, die mühevolle und undankbare Aufgabe wieder zu übernehmen. Nach einer längeren Reihe von Jahren bot man mir die Ehrenmitgliedschaft an. Das wollte ich nun nicht abschlagen, denn es zeigte mir, dass man mir Genugtuung geben wollte."

Wenn ich daran denke, wie ganz anders ich meine Eltern in Erinnerung habe, wie abgewandt von allem äusseren Ehrgeiz und lauten Betrieb ihr Leben dahinfloss, als sie mit uns Kinder draussen vor der Stadt wohnten, möchte ich wohl glauben, dass meine Mutter nicht mit ganzem Herzen bei diesen Unterhaltungen war, und dass die Unrast meines Vaters noch andere Gründe hatte als nur das Bedürfnis, sich in Bühl einen Namen zu schaffen. War es nicht für beide ein stillgetragener Kummer, dass die Ehe kinderlos blieb? Stürzte sich mein Vater in dieses Übermass von Arbeit und Zerstreuung nicht auch, um sich und seinem Schatz über die Hoffnungslosigkeit hinwegzuhelfen, die sich mit jedem weiteren Jahr tiefer in die Herzen brennen musste?

Es war ein schmerzlich langes Warten gewesen, als ich am 9. Februar 1867 das Licht der Welt erblickte. Die ganze Stadt nahm Anteil an dem Ereignis. Wenn es angegangen wäre, hätten die Glocken geläutet und die Böller geschossen. Aber die heiligen Böller wurden nur an den hohen Kirchenfesten und an Grossherzogs Geburtstag losgelassen, und mit den Glocken war's erst recht nichts, über die hatte der Pfarrer Knoblauch zu verfügen. So wurde etwas nie Dagewesenes in Szene gesetzt. Der Gesangverein veranstaltete, als ich acht Tage alt war, einen Fackelzug.

Februarnächte brechen früh herein. Man sammelte sich im Halbdunkel, Musiker, Gesangverein, Fackelträger. Es geht ein Summen durch die Stadt, die Schuljugend wird aufgescheucht, irgendwo ist irgendwas los. Nun ordnet sich der Zug, vor der Musik her die Buben, die überall dabei sein müssen. Der Weg ist nicht weit, die Strasse wird hell, bumm, bumm, zinnera bumm ... Der Vater tritt ans Fenster: Was soll denn das bedeuten? Da kommt ja ein Fackelzug! Die Leute machen vor dem Hause halt und sperren die Strasse. Ein Kreis von Fackeln schliesst sich um Musik und Sänger. Ich habe leider das Programm nicht mehr in Erinnerung; zum Schluss gab es sicher einen Tusch: "Hoch soll er leben, dreimal hoch!"

Wir sind alle starr. Besonders ich. Soviel Lichter, und soviel Geräusch. Ich verstand damals noch nichts von dem Sinn der Sache. Der Vater ergreift für mich das Wort und dankt für die Huldigung. Die Mutter lächelt selig mit ihrem Kindlein. Sie ahnten beide noch nichts von dem Unheil, das das Büblein unschuldigerweise über sie bringen sollte.

Der glückliche Vater hatte noch einen schweren Gang zu tun. Er hatte seinen Getreuen ein Fässchen Bier in Aussicht gestellt, wenn's ein Prinz wäre. Das Fest sollte in der Wolf'schen Brauerei gefeiert werden. Musik und Gesang machen durstig, und man glaubte nicht, wie viel Ausdauer ein Verein von Männern entwickeln kann, wenn das Bier nichts kostet.

Der Besitzer der Brauerei, Chr. Eitel, ein früherer Lehrer und Freund meines Vaters, sollte Pate werden.

Anfang der Sechziger Jahre war er noch Schulverwalter in Eisental bei Bühl gewesen. Er hatte sich dann mit einer reichen Müllertochter aus Mühlhausen bei Wiesloch verheiratet und war 1864 Mitglied des Bühler Gesangvereins geworden. Dort erfreute er sich wegen seines flotten Auftretens und seines Talents für komische Vorträge grosser Beliebtheit. Kein Wunder, dass er nicht länger Dorfschulmeister bleiben wollte. Auch sein Bruder, der gleichfalls Lehrer war, wollte höher hinaus. Zunächst versuchten sich beide an der Erfindung des Perpetuum mobile, und als das zu nichts führte, entschloss sich der jüngere Bruder zum Studium der Bierbrauerei. Schon nach einem Jahr kam er aus München zurück und glaubte, ein perfekter Bierbrauer zu sein. Nun konnte es nicht mehr fehlen. Als der alte Wolf die Brauerei zum Verkauf ausbot, meldete sich Eitel als Käufer. Das Anwesen sollte 32 000 Gulden kosten. Mein Vater warnte den Freund vor dem gewagten Schritt, Eitel nahm aber die Sache von der leichten Seite und zweifelte nicht daran, dass er die Wirtschaft auf die Höhe bringen werde.

Ich lasse jetzt meine Vater wieder selbst berichten:

"Im Spätjahr 1866 wollte Eitel die Wirtschaft antreten. Aber bevor er mit seinem eigenen Hausrat in die Wohnung ziehen durfte, sollte er für die Wirtschaftsfahrnisse noch eine Sicherung von 5 000 Gulden leisten. Wolf hatte in dem Kaufvertrag vergessen, sich dafür ein Pfand geben zu lassen und war auf die Lücke und ihre Folgen aufmerksam gemacht worden. Er verwehrte also Eitel den Einzug, solange er nicht einen Bürgen für jene Summe gestellt hätte. Da kam Eitel zu mir, es war um die Mittagszeit, wir sassen gerade beim Essen, und ersuchte mich um die Bürgschaft. Ich sah meinen Schatz und ihre Mutter, die gerade bei uns zu Besuch war, mit erschreckten Augen an. Ich hatte selbst von ihm einmal 200 Gulden leihen müssen, die längst bezahlt waren. Er konnte also einen Gegendienst erwarten. Ich sagte ihm, dass ich nicht unser ganzes Vermögen riskieren und mich für eine so hohe Summe verbürgen könne. Er erklärte, dass gar keine Gefahr für mich vorhanden sei, da seine Schwiegermutter, die nächstens nach Bühl komme, an meine Stelle treten werde. Ich verlangte bis zum Abend Bedenkzeit. Wir berieten miteinander und kamen zu dem Entschluss, die Bürgschaft unter dieser Voraussetzung zu übernehmen. Wer aber nicht kam, war die Schwiegermutter. Die anderen Kinder hatten sie bearbeitet, für den Schwiegersohn nicht weiter einzutreten. Schliesslich unterschrieb ich; als Eitel die Bürgschaft in der Hand hatte, sagte er: "So, nun hast Du Dein Todesurteil unterschrieben." Ich ahnte den Hohn nicht. Das war im August 1866. Die Freundschaft hielt noch bis zum Spätsommer 1867, als Eitel zahlen sollte. Im November war der erste Termin verfallen, Eitel sollte 3 000 Gulden zahlen und hatte kein Geld, er hoffte, die Schwiegermutter werde noch einmal 3 000 Gulden als Darlehen geben, hatte aber nicht den Mut, sie darum zu ersuchen. Ich sollte mit ihm nach Mühlhausen fahren und meinen Einfluss geltend machen. Wir fuhren mit dem ersten Frühzug ab, und kamen schon nach acht Uhr in Mühlhausen an. Die Frau empfing uns ziemlich betroffen und lud uns zum Frühstück ein. Ich rückte dann mit unserem Anliegen heraus, und wir brachten sie dazu, dass sie sich mit einer Cession von Grundstückspfandbriefen in der erforderlichen Höhe einverstanden erklärte. Am Nachmittag gingen wir alle mit den Pfandbriefen zum Notar in Wiesloch, liessen die Urkunde ausfertigen und machten uns mit den Pfandbriefen auf den Heimweg. Im Zug übergab ich Eitel meinen Anteil mit der Mahnung, um Gotteswillen auf die Papiere acht zu geben. Am Sonntag nach der Fahrt kam er zu uns und erklärte, dass er sie verloren habe! Wir glaubten, er wolle schlechte Witze machen; es war aber trauriger Ernst, er hatte sie wirklich verloren. Er hatte nach allen Richtungen schon telegraphieren lassen. Bald trafen von der Eisenbahnverwaltung in Muggensturm zwei Pfandbriefe im Nennwert von 1 200 Gulden ein, die anderen waren nach Kehl verschleppt und von dem ehrlichen Finder nach Mühlhausen zurückgesandt worden. So erhielten die Geschwister Kenntnis von dem frevelhaften Leichtsinn und liessen mit Zustimmung der Mutter die Cession annullieren. Niemand konnte an eine so bodenlose Liederlichkeit glauben, auch mir wäre es unmöglich erschienen, wenn ich nicht alles selbst miterlebt hätte. Zahlungen waren nun unmöglich, die Wirtschaft kam unter den Hammer und der frühere Besitzer ersteigerte sie zu einem erheblich geringeren Preis zurück. Obgleich er hinsichtlich der Fahrnisse keine Einbusse erlitten hatte, sondern alles in einem vielfach besseren zustand zurückerhielt, klagte er auch gegen mich und forderte die Zahlung der 5 000 Gulden.

Wie viel kummervolle Tage und Nächte haben wir damals miteinander durchgemacht, weil wir, unerfahren und vertrauend, diesem falschen Freund hatten helfen wollen! Auf den Rat von Freunden, die unsere schreckliche Lage kannten, entschlossen wir uns zu einer verzweifelten Massnahme. Die liebste, beste Frau sollte mich beim Kreisgericht in Baden-Baden wegen Verschwendung und schlechten Wirtschaftens verklagen und Vermögensabsonderung fordern. Wieviel Herzleid bereitete ihr das, wieviel Tränen vergoss sie, dass sie eine solche Komödie zulassen musste, um das Vermögen für die Kinder zu retten! Und bei allem Jammer hatten wir noch Angst, die Klage könnte wegen unzureichender Beweise gar nicht durchgeführt werden. Gelang es, die Trennung durchzusetzen, so war wenigstens das Vermögen der Mutter gerettet, da Julchen keine Unterschrift unter die Bürgschaft gesetzt hatte. Der Prozess währte Jahr und Tag. Wir getrauten uns fast nicht mehr, unter die Leute zu gehen. Die vielen Gänge und gerichtlichen Vernehmungen, die Angst, alles zu verlieren, untergruben unsere Gesundheit und ganz besonders die meines armen Schatzes. Endlich trug uns der Anwalt des Gegners einen Vergleich an. Er wollte uns gegen Zahlung von 1 000 Gulden von der Bürgschaft entbinden, und schliesslich einigten wir uns mit Wolf auf 800 Gulden. War der Schaden auch noch gross genug, so hatten wir uns doch wenigstens wieder die innere Ruhe erkauft. Eitel entfernte sich nach Abwicklung des Verfahrens aus Bühl und ging nach Freiburg, um dort eine Restauration zu pachten. Nach etwa einem Jahr erfuhren wir, dass er wieder Lehrer sei und als Schulverwalter auf einem Dorf im Odenwald sitze. Wir verzichteten auf jeden Versuch, durch eine Ersatzklage wieder zu unserem Geld zu kommen. Wir wollen nichts mehr mit den Gerichten zu schaffen haben und hatten noch Kummer genug, der uns anging."

Die schwerste Sorge war die um die Gesundheit meiner Mutter. Sie erwartete im Sommer 1868 ihr zweites Kind. Es kam infolge der Aufregungen jener Tage als ein Siebenmonatskind, elend und schwach, schon am 19. April zur Welt. Monatelang zwischen Leben und Tod schwebend, Tag und Nacht schreiend, brachte der kleine Albert Vater und Mutter fast zur Verzweiflung. Er lernte nur langsam gehen und sprechen und brauchte Jahre, bis er seine Altersgenossen eingeholt hatte.

Auch die Mahlberger Verhältnisse, wie sie sich seit dem Tod des Vaters Saas entwickelt hatten, brachten meinen Eltern Sorgen. Der alte Vater hatte schon längere Zeit an Asthma gelitten, die Mutter war ebenfalls kränklich, und so war es den alten Leuten nicht zu verdenken, wenn sie noch zu ihren Lebzeiten die Hinterlassenschaft zu ordnen versuchten. Die Hauptsorge war die Fortführung der Wirtschaft. Der Mann der Tochter Wilhelmine, Bäcker Gross, kam ebenso wenig in Frage wie der Sohn Heinrich, der seit 1861 in Neudorf bei Strassburg verheiratet war und dort eine Essigfabrik betrieb. Am liebsten hätten es die Grosseltern gesehen, wenn sich mein Vater hätte entschliessen können, das Mahlberger Erbe zu übernehmen. Aber so gern meine Eltern in ihren Ferien überall Hand angelegt und mitgeholfen hatten, so unmöglich war ein solcher Entschluss für den ganz in seinem Beruf aufgehenden Lehrer. So blieb noch der jüngste Sohn Anton, der im Jahre 1863 eben 21 Jahre alt wurde. Er hatte in Ettenheim die Bürgerschule besucht und war dann von seinem Bruder, der sehr an ihm hing, in die kaufmännische Lehre genommen worden. Jetzt sollte er heiraten, und man glaubte, dass die Tochter eines Nachbars die geeignete Frau für ihn sei. Am 8. Mai 1864 starb, 68 Jahre alt, der Vater Saas. Kaum hatte er die Augen geschlossen, so begann die junge Frau über den Kopf der Mutter weg ein neues Regiment. Das ganze Inventar wurde hinausgeworfen, Neuanschaffungen verschlangen grosse Summen, man führte aber zugleich ein flottes Leben, als ob die Taler nur so zum Fenster hereinflögen. Die Warnungen und Vorhalte der Mutter wurden für nichts geachtet, der junge haltlose Mann stand ganz im Banne seiner verschwenderischen Frau und wollte nicht sehen, wohin ihr Treiben führte. Die alte Mutter hatte noch die Freude, die Geburt von Enkelkindern in Strassburg und Bühl zu erleben und starb am 14. Dezember 1870 im Alter von 67 Jahren. Ein halbes Jahr später, am 6. Juni 1870, folgte ihr auch Mutter Ruska in Grafenhausen. Sie hatte das Alter von 77 Jahren erreicht. Wie die Verhältnisse in Mahlberg schliesslich zur Katastrophe führten, will ich in einem späteren Abschnitt berichten. Zwischen Bühl und Strassburg knüpften sich mit dem Heranwachsen der Kinder immer engere Beziehungen: auch davon werde ich bald zu erzählen haben. Von den heranwachsenden Söhnen und Töchtern der Grafenhausener Familien Merzweiler und Schwab sind viele Ende der sechziger Jahre nach den Vereinigten Staaten ausgewandert, um sich dort neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen. Im alten Vaterland war kein Platz mehr für sie, und wenn sie drüben vorangekommen sind, werden sie wohl längst zu Amerikanern geworden sein.

Im Oktober 1869 zogen meine Eltern nach der Südstadt in das Haus des Kaminfegermeisters Stemmle um. Die Verhältnisse im Hause Utilié schienen mehr und mehr unerträglich geworden zu sein. Was alles vorlag, ist mir aus den Erzählungen meiner Eltern nur in dunkler Erinnerung. Eine Geschichte, in der ich selbst und mein Bruder eine Rolle spielten, kann ich aber verbürgen. Die Leute hatten zwei Buben im gleichen Alter. Ihr Vater war von dem fanatischen Glauben besessen, dass Ohrringe das Zahnen erleichtern und die geistige Entwicklung fördern. Auch wir sollten dieses Segens teilhaftig werden, und der Goldarbeiter lauerte auf eine Gelegenheit, uns Löcher in die zarten Öhrlein zu stechen. Wir wurden durch die Wachsamkeit der Mutter vor dem Attentat im letzten Augenblick gerettet; vielleicht war das zugleich der Anlass zur Kündigung. Ich erinnere mich der Söhne Utilié noch gut aus meiner späteren Schulzeit, habe aber damals nicht den Eindruck gehabt, dass ihnen die Ringlein, die sie trugen, viel geholfen haben.


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© Julius Ruska 1937