Als
die Versetzung gesichert war, musste Vater Saas nach
Bühl fahren, um dort eine Wohnung ausfindig zu
machen. In Bernau hatten die Eltern eine Dienstwohnung im
Schulhaus zur Verfügung gehabt, jetzt mussten sie
sehen, wo und wie sie unterkamen. Eine kleine Wohnung
beim Färber Bassler, der Brauerei zum Lamm
gegenüber, entsprach den bescheidenen Wünschen.
Mein Vater meldete sich am 1. Oktober 1860 beim Pfarrer
und Bürgermeister, sorgte für die Einstellung
des inzwischen angelangten Hausrats und fuhr nach
Erledigung dieser Geschäfte wieder nach Mahlberg
zurück. Die Bühler Ferien dauerten bis
Allerheiligen, so konnte man den ganzen Herbst noch in
der Heimat verbringen.
Damals
malte mein Vater eine Ansicht
des Städtchens,
ein ziemlich grosses Bild, das mir heute noch ein lieber
Besitz ist. Die Häusergruppe des Schlossbergs bildet
den Mittelgrund; hinter den Obstbäumen, die die
Strasse nach Orschweiler begleiten, sieht man die
Dächer der Oberstadt, links unten vor dem
Schlossberg das Engelswirtshaus.
Der
Empfang in Bühl war nicht gerade freundlich zu
nennen. Man begegnete dem neuen Schulmeister mit
ausgesprochenem Misstrauen; es war für ihn keine
Empfehlung, dass er vom Schwarzwald kam. Wenn man die
Unwissenheit und Rohheit der Bühlertäler
Holzknechte als Kennzeichen eines Schwarzwälders
ansah, war allerdings von dem Lehrer nicht viel Gutes zu
hoffen.
Mein
Vater dachte nicht daran, solchen Vorurteilen zu weichen.
Es musste sich bald zeigen, wen die Leute vor sich
hatten. Der Wille, nicht nur sich, sondern vor allem auch
der geliebten Frau einen ehrenvollen Platz im Leben der
Stadt zu erringen, war für den im
tatkräftigsten Alter stehenden Mann eine Triebfeder
zu höchster Anspannung. Die Anerkennung liess nicht
lange auf sich warten - es waren aber nicht die
Schulerfolge, sondern nebenamtliche Leistungen, die den
Umschwung herbeiführten.
Kurz
bevor mein Vater seinen Dienst antrat, war der
Oberkirchenrat und Stadtpfarrer Zimmermann gestorben, der
als Schulvisitator den ganzen Amtsbezirk unter sich
hatte. Er war im ganzen Bezirk wegen seiner Herrschsucht
und seiner Zornausbrüche bei den Lehrern
gefürchtet und verhasst gewesen. Wer das Katzbuckeln
und Kriechen verstand, konnte darauf rechnen, in die
besten Stellen befördert zu werden; aber wehe dem,
der eine eigene Ansicht hatte und zu widersprechen wagte!
In der Stadt wurde allgemein erzählt, dass der
Pfarrer den Vorgänger meines Vaters, den Lehrer
Schnurr, in den Tod getrieben habe; mein Vater dankte
Gott, dass er nicht mehr unter seinem Regiment nach
Bühl gekommen war.
Er
hatte zunächst die Mädchenklassen vom vierten
Schuljahr an zu unterrichten, vormittags die
älteren, nachmittags die jüngeren
Jahrgänge. Die entsprechenden Knabenklassen versah
für den emeritierten alten Lehrer Jüllig der
Hilfslehrer Machold, die unteren drei Schuljahre der
Unterlehrer Krämer, ein ebenso tüchtiger wie
liebenswerter Mensch, mit dem mein Vater herzliche
Freundschaft schloss. Sie nahm ein tragisches Ende, als
Krämer in Karlsruhe, wohin er versetzt worden war,
nach wenigen Wochen einer heimtückischen Krankheit
erlag. Sein Nachfolger in Bühl, Philipp Stassen,
hatte vorher meines Vaters Stelle verwaltet und war dann
in dem benachbarten Steinbach angestellt worden; jetzt
kam er wieder nach Bühl zurück. Er blieb bis in
sein hohes Alter einer der besten Freunde meiner Eltern,
und es war auch für uns Buben immer ein Fest, wenn
er von seinem späteren Wohnsitz Villingen zu Besuch
kam.
Als
Machold im Sommer 1861 die Hauptlehrerstelle in
Rothenfels erhielt, musste mein Vater die Knabenklassen
und den Zeichenunterricht an der Gewerbeschule
übernehmen. Zu diesen 36 Stunden kam an den
Sonntagen die Fortbildungsschule, gelegentlich auch
Unterricht an einer Privatschule, und von 1866/67 an in
steigendem Mass der Unterricht an der Kreiswinterschule.
So unerhört diese Belastung war, sie wurde in der
ersten Hälfte der Sechziger Jahre noch
überboten, als mein Vater sich mit der
Übernahme des Männergesangsvereins die Aufgabe
stellte, die Herren Bürger nebst Gemahlinnen durch
musikalische Abende zu bezaubern, und als er sich ein
Jahr später auch noch den Kirchenchor samt
Organistendienst aufbürden liess.
Auf
die Schulverhältnisse will ich zurückkommen,
wenn ich aus meine eigenen Erlebnissen etwas beisteuern
kann. Von der Dirigententätigkeit habe ich nur aus
den Erzählungen meiner Eltern und den Berichten von
Leuten, die auch mit dabei waren, einige Kenntnis. Ich
folge hier der lebensvollen Schilderung, die mein Vater
in seinen Erinnerungen jener Zeit gewidmet hat.
"Für
die Leitung des Gesangsvereins hatte ich während
langer 10 Jahre nicht die geringste Vergütung. Die
vielen Opfer an Zeit, die tausendfache
Vervielfältigung der Noten und Musikstücke, die
unzähligen Schweisstropfen bei den Proben brachten
mir keinen Kreuzer ein. Man glaubte, das alles müsse
ein Lehrer tun, das gehöre zu seinem Beruf. Wir
leisteten damals, was kein Gesangverein vorher und
nachher in Bühl geleistet hat. Ich zog zu unseren
häufigen Konzerten und musikalischen Unterhaltungen
auch den Kirchensängerchor und die Kirchenmusiker
hinzu. So brachten wir viel Schönes zustande, denn
wir hatten in den Singstimmen und Instrumenten manche
guten Kräfte zur Verfügung. Die Bühler
wurden so verwöhnt, dass sie meinten, ich solle im
Winter immer noch mehr musikalische Abende und Konzerte
veranstalten, man könne ja die langen Winterabende
nicht schöner zubringen als auf diese Weise. Ja, das
Endergebnis unendlicher Mühe, das sahen sie, aber
welche Opfer an Zeit und Gesundheit mich alle diese Dinge
kosteten, das ging sie nichts an. Abend für Abend
Proben, körperlich und geistig anstrengend, in der
Winterkälte dann nassgeschwitzt nach Haus, das war
der äussere Verlauf. Aber dann all das
Persönliche, die Lauheit, die Launen und Schikanen
der Mitwirkenden, ihre Eitelkeit und Eifersüchtelei,
ihr gekränkter Ehrgeiz, ihre Empfindlichkeit, wenn
sie sich zurückgesetzt glaubten - konnte ich es
allen recht machen? Es graut mir, wenn ich an jene Zeit
zurückdenke. Wie oft wurde ich von meinem Schatz
gemahnt, mich mehr zu schonen, wie war sie besorgt, mir
die übermenschliche Anstrengung zu erleichtern, was
tat sie alles, um mir Erholung und Freude zu schaffen!
Aber ich kam aus der Zwangslage nicht mehr heraus,
nachdem ich den ersten Schritt getan hatte."
"Nach
der Entlassung des Bürgermeisters Berger wurde der
Kaufmann A. Schütt 1861 zum Bürgermeister
gewählt. Er war ein grosser Musikfreund, und suchte
Gesang und Musik zu pflegen, wo er nur konnte. Ich wurde
von ihm gebeten, auch den Organistendienst und die
Leitung des Kirchchors zu übernehmen. Mit dem
dafür ausgesetzten Honorar konnte ich für die
damalige Zeit zufrieden sein, es betrug mit anderen
Nebeneinnahmen jährlich etwa 220 Gulden. Schütt
bewies mir seine Anerkennung bald auch dadurch, dass er
mir das Amt des Stiftungsaktuars zuwies. Das war das
angenehmste Amt, das ich je bekleidet habe, da es 50
Gulden eintrug und ausser der Protokollführung bei
den wenigen Sitzungen weiter keine Mühe machte. Auch
der damalige Oberamtmann Stigler förderte meine
Bestrebungen. Wenn wir nach dem Einstudieren einer neuen
Messe die Generalprobe abhielten, kam er regelmässig
in die Kirche, um seine kritischen Bemerkungen zu machen.
Er besass ein feines Musikverständnis und gab
manchen guten Wink, wo noch nachzuhelfen und zu bessern
war."
"Im
Jahr 1863 kam endlich ein neuer Stadtpfarrer, Herr
Knoblauch, von Rheinweiler nach Bühl. Es ging ihm
kein guter Ruf voraus. Er war früher in dem
Bühl benachbarten Dorf Vimbuch gewesen und die
Leute, die über sein Leben und Treiben dort Beschied
wussten, waren der Meinung, dass er nicht nach Bühl
hätte kommen dürfen. Als er die Pfarrei antrat,
war er schon gegen 60 Jahre alt; er ging gebückt mit
langen Schritten einher und sah mehr einem Bauern als
einem Geistlichen gleich. Wie so viele, die dieses Amt
innehaben, duldete er keinerlei Widerspruch. Sein Gesang
war nicht zum Anhören, da er keine Ton vom anderen
unterscheiden konnte und weder Gehör noch
musikalische Bildung besass. Gleichwohl begann er sofort,
an mir und meiner Tätigkeit herumzumäkeln, um
sich als Vorgesetzten aufspielen zu können. Dass ich
mich darüber ärgerte, war kein Wunder, denn ich
hatte bis dahin zur Zufriedenheit der ganzen Gemeinde
meine Pflicht getan. Er mochte bald erfahren haben, dass
ich auf Lob und Tadel von seiner Seite kein Gewicht
legte. Er wird auch beobachtet haben, dass ich mir, da
ich in ihm den Menschen nicht achten konnte, keine
Mühe gab, vor seinem langen Rock besondere Devotion
zu zeigen."
"Im
Jahr 1864 oder 65 wurde bei Gelegenheit einer Firmung
durch den Mainzer Bischof v. Ketteler auch der
Kirchengesang besonders lobend erwähnt. Da
schmunzelte der Pfarrer sehr, und auch mir war das nicht
unangenehm. Auf Antrag des Bürgermeisters
Schütt erhielten wir, der Kirchenchor und ich, eine
Geldsumme aus dem Heiligenfond als Anerkennung unserer
Leistung. Die Zustimmung dazu mag meinem geistlichen
Vormund schwer gefallen sein, was mich
anlangt."
"Ich
blieb nun noch Organist bis 1869. Infolge der Neuordnung
der Schulgesetze wurde damals im ganzen Lande der
Messner- und Organistendienst vom Schuldienst getrennt
und das alte unerträgliche
Abhängigkeitsverhältnis des Lehrers vom
Geistlichen aufgehoben. Es sollte und durfte kein Lehrer
mehr zugleich Messner sein, und als Organist sollte er
nur durch besonderen Vertrag mit der Pfarrgemeinde
gebunden werden. Es kam dann so, dass die Lehrer in
kleinen Orten den Organistendienst wieder für eine
Bagatelle annehmen und ausüben mussten, während
in Orten, wo Mittel vorhanden waren und der Dienst bisher
schon etwas eingetragen hatte, häufig junge,
ungeübte Burschen angestellt wurden, die nichts
verstanden und mit ihren Leistungen Ärgernis
erregten. So geschah es auch in Bühl. Der
Stadtpfarrer benützte die willkommene Gelegenheit,
mir zu kündigen, und der damalige Bürgermeister
hatte nicht den Mut oder die Macht, dagegen aufzutreten.
So hatte Knoblauch nun seine Rache. Nach einigen weiteren
Jahren verliess er den Schauplatz seiner Tätigkeit
und zog nach Konstanz, um dort von den Einkünften
der Bühler Pfarrei und seines Vermögens zu
leben, während an seiner Stelle in Bühl
Pfarrverweser amtierten. Seine Liebesabenteuer hatten den
würdigen alten Mann Gottes in der Stadt
unmöglich gemacht."
"Lange
vor diesen Ereignissen, im Jahre 1865, hatte ich einen
anderen Konflikt mit den sogenannten Schwarzen gehabt. Er
nahm seinen Ausgang vom Männergesangverein. In jener
Zeit begannen die politischen Gegensätze, die
Spaltung der Bürger in "Rote" und "Schwarze"
stärker hervorzutreten. Meistens handelte es sich um
die Herrschaft auf dem Rathaus, um Gemeinderatswahlen und
Kirchturmsinteressen. Die Parteien waren in Bühl oft
hart aneinandergeraten. Man mied den gegenseitigen
Umgang, man liess nur bei Gleichgesinnten arbeiten und
drückte den politischen Gegner oft auf die gemeinste
Weise. Es war ein wüstes Treiben. Man kannte
natürlich auch meine Grundsätze, meine
politische Überzeugung und meinen
kirchlich-liberalen Standpunkt. Obwohl ich mich
hütete, an dem politischen Ortshader Anteil zu
nehmen, da mir meine Stelle als Lehrer das in keiner
Weise erlaubte, musste ich doch den Druck der Schwarzen
erfahren. Der Männergesangverein, in dem bisher alle
friedlich sich vertragen hatten, sollte gesprengt werden.
Durch einen Massenaustritt der Schwarzen wurde er so
geschwächt, dass er nicht mehr lebensfähig war.
Sein Weiterbestand hing von der Entscheidung des
Dirigenten ab. Man legte mir nahe, ebenfalls auszutreten,
die Schwarzen wollten dann mit mir einen neuen
Gesangverein gründen. Ich hörte nicht auf die
Lockungen und blieb dem alten Verein treu. Dadurch aber
zog ich mir ihren Hass zu, und man versuchte, mir auf
alle Weise zu schaden. Der Färber Bassler, bei dem
wir bisher im besten Frieden gewohnt hatten, wurde
gezwungen, uns die Wohnung zu kündigen. Ich glaube
gerne, dass ihm dieser Schritt schwer gefallen ist. Wir
bedauerten die Trennung umso mehr, als wir auch mit
seiner Frau und Schwester bisher das freundlichste
Verhältnis gehabt hatten. Noch am gleichen Abend
fand ich bei dem Goldarbeiter Utilié eine andere
Wohnung, die schöner und bequemer war, aber auch 80
Gulden jährlich kostete. Durch Beiziehung neuer
Mitglieder wurde der Verein wieder ergänzt und
blühte bald mehr als zuvor, da nun Einigkeit
herrschte."
"Bald
nach der Zeit, wo ich den Organistendienst aufgeben
musste, ereignete sich ein Zwischenfall, der mir auch das
Verbleiben im Gesangverein unmöglich machte. Es
hatten sich allmählich viele Leute eingefunden,
denen es mehr um Unterhaltung, Tanzvergnügen udgl.
als um's Singen zu tun war. Dafür fehlten uns damals
aber vor allem Tenöre. Ich kannte drei junge Leute,
von denen besonders zwei gute Stimmen besassen - aber es
waren Juden, und Juden durften nach dem Statut nicht als
Mitglieder aufgenommen werden. Ich setzte dem Verein, da
ich zugleich der Vorsitzende war, die Lage auseinander
und forderte die Mitglieder auf, in diesem Falle
wenigstens die intolerante Bestimmung fallen zu lassen
und eine Ausnahme zuzugestehen. Man stimmte schliesslich
zu und verlangte nur, dass die drei Herren ihre Anmeldung
beim Verein schriftlich vorlegen sollten. Ich teilte den
von mir Vorgeschlagenen das Ergebnis mit, sie glaubten
aber nicht recht an ihre Aufnahme und wollten kein Risiko
laufen. Acht Tage später brachte ich die
Angelegenheit nochmals im Verein zur Sprache. Ich teilte
mit, dass die Herren bereit seien, Eintrittsgesuche zu
schreiben, nachdem ich sie versichert hätte, dass
sie bestimmt aufgenommen würden. Ich hätte mein
Wort gegeben, wenn man mich im Stich lasse, müsse
ich den Vorsitz und die Leitung des Vereins niederlegen.
Nach weiteren acht Tagen fand die Abstimmung statt - und
sämtliche drei Kandidaten fielen durch. Meine
Empörung unterdrückend erhob ich mich, sprach
die der Lage angemessenen Worte und verliess den
Schauplatz, um nicht wiederzukehren. Am folgenden Morgen
schrieb ich alles, was mir durch den Kopf ging, in einer
Art Denkschrift nieder und übersandte sie einem
Vereinsmitglied zur Mitteilung an den Verein. Das
Schriftstück soll einen tiefen Eindruck gemacht
haben, ich glaube aber nicht, dass es noch bei den Akten
zu finden sein wird.
Einen
neuen Vorsitzenden zu wählen, machte keine
Schwierigkeiten; umso grösser war die Verlegenheit,
als der Dirigent ersetzt werden wollte. Ein Jahr lang
schleppte sich die Sache mit allerhand Versuchen hin,
dann brach der Krieg aus. Im Jahr 1871 wandte man sich
nochmals an mich. Man sandte den Bürgermeister
Konrad, dann meinen alten Freund, den Geheimrat
Hörth, schliesslich kamen beide - aber ich konnte
mich nicht mehr dazu verstehen, die mühevolle und
undankbare Aufgabe wieder zu übernehmen. Nach einer
längeren Reihe von Jahren bot man mir die
Ehrenmitgliedschaft an. Das wollte ich nun nicht
abschlagen, denn es zeigte mir, dass man mir Genugtuung
geben wollte."
Wenn
ich daran denke, wie ganz anders ich meine Eltern in
Erinnerung habe, wie abgewandt von allem äusseren
Ehrgeiz und lauten Betrieb ihr Leben dahinfloss, als sie
mit uns Kinder draussen vor der Stadt wohnten,
möchte ich wohl glauben, dass meine Mutter nicht mit
ganzem Herzen bei diesen Unterhaltungen war, und dass die
Unrast meines Vaters noch andere Gründe hatte als
nur das Bedürfnis, sich in Bühl einen Namen zu
schaffen. War es nicht für beide ein stillgetragener
Kummer, dass die Ehe kinderlos blieb? Stürzte sich
mein Vater in dieses Übermass von Arbeit und
Zerstreuung nicht auch, um sich und seinem Schatz
über die Hoffnungslosigkeit hinwegzuhelfen, die sich
mit jedem weiteren Jahr tiefer in die Herzen brennen
musste?
Es
war ein schmerzlich langes Warten gewesen, als ich am 9.
Februar 1867 das Licht der Welt erblickte. Die ganze
Stadt nahm Anteil an dem Ereignis. Wenn es angegangen
wäre, hätten die Glocken geläutet und die
Böller geschossen. Aber die heiligen Böller
wurden nur an den hohen Kirchenfesten und an Grossherzogs
Geburtstag losgelassen, und mit den Glocken war's erst
recht nichts, über die hatte der Pfarrer Knoblauch
zu verfügen. So wurde etwas nie Dagewesenes in Szene
gesetzt. Der Gesangverein veranstaltete, als ich acht
Tage alt war, einen Fackelzug.
Februarnächte
brechen früh herein. Man sammelte sich im
Halbdunkel, Musiker, Gesangverein, Fackelträger. Es
geht ein Summen durch die Stadt, die Schuljugend wird
aufgescheucht, irgendwo ist irgendwas los. Nun ordnet
sich der Zug, vor der Musik her die Buben, die
überall dabei sein müssen. Der Weg ist nicht
weit, die Strasse wird hell, bumm, bumm, zinnera bumm ...
Der Vater tritt ans Fenster: Was soll denn das bedeuten?
Da kommt ja ein Fackelzug! Die Leute machen vor dem Hause
halt und sperren die Strasse. Ein Kreis von Fackeln
schliesst sich um Musik und Sänger. Ich habe leider
das Programm nicht mehr in Erinnerung; zum Schluss gab es
sicher einen Tusch: "Hoch soll er leben, dreimal
hoch!"
Wir
sind alle starr. Besonders ich. Soviel Lichter, und
soviel Geräusch. Ich verstand damals noch nichts von
dem Sinn der Sache. Der Vater ergreift für mich das
Wort und dankt für die Huldigung. Die Mutter
lächelt selig mit ihrem Kindlein. Sie ahnten beide
noch nichts von dem Unheil, das das Büblein
unschuldigerweise über sie bringen
sollte.
Der
glückliche Vater hatte noch einen schweren Gang zu
tun. Er hatte seinen Getreuen ein Fässchen Bier in
Aussicht gestellt, wenn's ein Prinz wäre. Das Fest
sollte in der Wolf'schen Brauerei gefeiert werden. Musik
und Gesang machen durstig, und man glaubte nicht, wie
viel Ausdauer ein Verein von Männern entwickeln
kann, wenn das Bier nichts kostet.
Der
Besitzer der Brauerei, Chr. Eitel, ein früherer
Lehrer und Freund meines Vaters, sollte Pate
werden.
Anfang
der Sechziger Jahre war er noch Schulverwalter in
Eisental bei Bühl gewesen. Er hatte sich dann mit
einer reichen Müllertochter aus Mühlhausen bei
Wiesloch verheiratet und war 1864 Mitglied des
Bühler Gesangvereins geworden. Dort erfreute er sich
wegen seines flotten Auftretens und seines Talents
für komische Vorträge grosser Beliebtheit. Kein
Wunder, dass er nicht länger Dorfschulmeister
bleiben wollte. Auch sein Bruder, der gleichfalls Lehrer
war, wollte höher hinaus. Zunächst versuchten
sich beide an der Erfindung des Perpetuum mobile, und als
das zu nichts führte, entschloss sich der
jüngere Bruder zum Studium der Bierbrauerei. Schon
nach einem Jahr kam er aus München zurück und
glaubte, ein perfekter Bierbrauer zu sein. Nun konnte es
nicht mehr fehlen. Als der alte Wolf die Brauerei zum
Verkauf ausbot, meldete sich Eitel als Käufer. Das
Anwesen sollte 32 000 Gulden kosten. Mein Vater warnte
den Freund vor dem gewagten Schritt, Eitel nahm aber die
Sache von der leichten Seite und zweifelte nicht daran,
dass er die Wirtschaft auf die Höhe bringen
werde.
Ich
lasse jetzt meine Vater wieder selbst
berichten:
"Im
Spätjahr 1866 wollte Eitel die Wirtschaft antreten.
Aber bevor er mit seinem eigenen Hausrat in die Wohnung
ziehen durfte, sollte er für die
Wirtschaftsfahrnisse noch eine Sicherung von 5 000 Gulden
leisten. Wolf hatte in dem Kaufvertrag vergessen, sich
dafür ein Pfand geben zu lassen und war auf die
Lücke und ihre Folgen aufmerksam gemacht worden. Er
verwehrte also Eitel den Einzug, solange er nicht einen
Bürgen für jene Summe gestellt hätte. Da
kam Eitel zu mir, es war um die Mittagszeit, wir sassen
gerade beim Essen, und ersuchte mich um die
Bürgschaft. Ich sah meinen Schatz und ihre Mutter,
die gerade bei uns zu Besuch war, mit erschreckten Augen
an. Ich hatte selbst von ihm einmal 200 Gulden leihen
müssen, die längst bezahlt waren. Er konnte
also einen Gegendienst erwarten. Ich sagte ihm, dass ich
nicht unser ganzes Vermögen riskieren und mich
für eine so hohe Summe verbürgen könne. Er
erklärte, dass gar keine Gefahr für mich
vorhanden sei, da seine Schwiegermutter, die
nächstens nach Bühl komme, an meine Stelle
treten werde. Ich verlangte bis zum Abend Bedenkzeit. Wir
berieten miteinander und kamen zu dem Entschluss, die
Bürgschaft unter dieser Voraussetzung zu
übernehmen. Wer aber nicht kam, war die
Schwiegermutter. Die anderen Kinder hatten sie
bearbeitet, für den Schwiegersohn nicht weiter
einzutreten. Schliesslich unterschrieb ich; als Eitel die
Bürgschaft in der Hand hatte, sagte er: "So, nun
hast Du Dein Todesurteil unterschrieben." Ich ahnte den
Hohn nicht. Das war im August 1866. Die Freundschaft
hielt noch bis zum Spätsommer 1867, als Eitel zahlen
sollte. Im November war der erste Termin verfallen, Eitel
sollte 3 000 Gulden zahlen und hatte kein Geld, er
hoffte, die Schwiegermutter werde noch einmal 3 000
Gulden als Darlehen geben, hatte aber nicht den Mut, sie
darum zu ersuchen. Ich sollte mit ihm nach
Mühlhausen fahren und meinen Einfluss geltend
machen. Wir fuhren mit dem ersten Frühzug ab, und
kamen schon nach acht Uhr in Mühlhausen an. Die Frau
empfing uns ziemlich betroffen und lud uns zum
Frühstück ein. Ich rückte dann mit unserem
Anliegen heraus, und wir brachten sie dazu, dass sie sich
mit einer Cession von Grundstückspfandbriefen in der
erforderlichen Höhe einverstanden erklärte. Am
Nachmittag gingen wir alle mit den Pfandbriefen zum Notar
in Wiesloch, liessen die Urkunde ausfertigen und machten
uns mit den Pfandbriefen auf den Heimweg. Im Zug
übergab ich Eitel meinen Anteil mit der Mahnung, um
Gotteswillen auf die Papiere acht zu geben. Am Sonntag
nach der Fahrt kam er zu uns und erklärte, dass er
sie verloren habe! Wir glaubten, er wolle schlechte Witze
machen; es war aber trauriger Ernst, er hatte sie
wirklich verloren. Er hatte nach allen Richtungen schon
telegraphieren lassen. Bald trafen von der
Eisenbahnverwaltung in Muggensturm zwei Pfandbriefe im
Nennwert von 1 200 Gulden ein, die anderen waren nach
Kehl verschleppt und von dem ehrlichen Finder nach
Mühlhausen zurückgesandt worden. So erhielten
die Geschwister Kenntnis von dem frevelhaften Leichtsinn
und liessen mit Zustimmung der Mutter die Cession
annullieren. Niemand konnte an eine so bodenlose
Liederlichkeit glauben, auch mir wäre es
unmöglich erschienen, wenn ich nicht alles selbst
miterlebt hätte. Zahlungen waren nun unmöglich,
die Wirtschaft kam unter den Hammer und der frühere
Besitzer ersteigerte sie zu einem erheblich geringeren
Preis zurück. Obgleich er hinsichtlich der Fahrnisse
keine Einbusse erlitten hatte, sondern alles in einem
vielfach besseren zustand zurückerhielt, klagte er
auch gegen mich und forderte die Zahlung der 5 000
Gulden.
Wie
viel kummervolle Tage und Nächte haben wir damals
miteinander durchgemacht, weil wir, unerfahren und
vertrauend, diesem falschen Freund hatten helfen wollen!
Auf den Rat von Freunden, die unsere schreckliche Lage
kannten, entschlossen wir uns zu einer verzweifelten
Massnahme. Die liebste, beste Frau sollte mich beim
Kreisgericht in Baden-Baden wegen Verschwendung und
schlechten Wirtschaftens verklagen und
Vermögensabsonderung fordern. Wieviel Herzleid
bereitete ihr das, wieviel Tränen vergoss sie, dass
sie eine solche Komödie zulassen musste, um das
Vermögen für die Kinder zu retten! Und bei
allem Jammer hatten wir noch Angst, die Klage könnte
wegen unzureichender Beweise gar nicht durchgeführt
werden. Gelang es, die Trennung durchzusetzen, so war
wenigstens das Vermögen der Mutter gerettet, da
Julchen keine Unterschrift unter die Bürgschaft
gesetzt hatte. Der Prozess währte Jahr und Tag. Wir
getrauten uns fast nicht mehr, unter die Leute zu gehen.
Die vielen Gänge und gerichtlichen Vernehmungen, die
Angst, alles zu verlieren, untergruben unsere Gesundheit
und ganz besonders die meines armen Schatzes. Endlich
trug uns der Anwalt des Gegners einen Vergleich an. Er
wollte uns gegen Zahlung von 1 000 Gulden von der
Bürgschaft entbinden, und schliesslich einigten wir
uns mit Wolf auf 800 Gulden. War der Schaden auch noch
gross genug, so hatten wir uns doch wenigstens wieder die
innere Ruhe erkauft. Eitel entfernte sich nach Abwicklung
des Verfahrens aus Bühl und ging nach Freiburg, um
dort eine Restauration zu pachten. Nach etwa einem Jahr
erfuhren wir, dass er wieder Lehrer sei und als
Schulverwalter auf einem Dorf im Odenwald sitze. Wir
verzichteten auf jeden Versuch, durch eine Ersatzklage
wieder zu unserem Geld zu kommen. Wir wollen nichts mehr
mit den Gerichten zu schaffen haben und hatten noch
Kummer genug, der uns anging."
Die
schwerste Sorge war die um die Gesundheit meiner Mutter.
Sie erwartete im Sommer 1868 ihr zweites Kind. Es kam
infolge der Aufregungen jener Tage als ein
Siebenmonatskind, elend und schwach, schon am 19. April
zur Welt. Monatelang zwischen Leben und Tod schwebend,
Tag und Nacht schreiend, brachte der kleine Albert Vater
und Mutter fast zur Verzweiflung. Er lernte nur langsam
gehen und sprechen und brauchte Jahre, bis er seine
Altersgenossen eingeholt hatte.
Auch
die Mahlberger Verhältnisse, wie sie sich seit dem
Tod des Vaters Saas entwickelt hatten, brachten meinen
Eltern Sorgen. Der alte Vater hatte schon längere
Zeit an Asthma gelitten, die Mutter war ebenfalls
kränklich, und so war es den alten Leuten nicht zu
verdenken, wenn sie noch zu ihren Lebzeiten die
Hinterlassenschaft zu ordnen versuchten. Die Hauptsorge
war die Fortführung der Wirtschaft. Der Mann der
Tochter Wilhelmine, Bäcker Gross, kam ebenso wenig
in Frage wie der Sohn Heinrich, der seit 1861 in Neudorf
bei Strassburg verheiratet war und dort eine Essigfabrik
betrieb. Am liebsten hätten es die Grosseltern
gesehen, wenn sich mein Vater hätte entschliessen
können, das Mahlberger Erbe zu übernehmen. Aber
so gern meine Eltern in ihren Ferien überall Hand
angelegt und mitgeholfen hatten, so unmöglich war
ein solcher Entschluss für den ganz in seinem Beruf
aufgehenden Lehrer. So blieb noch der jüngste Sohn
Anton, der im Jahre 1863 eben 21 Jahre alt wurde. Er
hatte in Ettenheim die Bürgerschule besucht und war
dann von seinem Bruder, der sehr an ihm hing, in die
kaufmännische Lehre genommen worden. Jetzt sollte er
heiraten, und man glaubte, dass die Tochter eines
Nachbars die geeignete Frau für ihn sei. Am 8. Mai
1864 starb, 68 Jahre alt, der Vater Saas. Kaum hatte er
die Augen geschlossen, so begann die junge Frau über
den Kopf der Mutter weg ein neues Regiment. Das ganze
Inventar wurde hinausgeworfen, Neuanschaffungen
verschlangen grosse Summen, man führte aber zugleich
ein flottes Leben, als ob die Taler nur so zum Fenster
hereinflögen. Die Warnungen und Vorhalte der Mutter
wurden für nichts geachtet, der junge haltlose Mann
stand ganz im Banne seiner verschwenderischen Frau und
wollte nicht sehen, wohin ihr Treiben führte. Die
alte Mutter hatte noch die Freude, die Geburt von
Enkelkindern in Strassburg und Bühl zu erleben und
starb am 14. Dezember 1870 im Alter von 67 Jahren. Ein
halbes Jahr später, am 6. Juni 1870, folgte ihr auch
Mutter Ruska in Grafenhausen. Sie hatte das Alter von 77
Jahren erreicht. Wie die Verhältnisse in Mahlberg
schliesslich zur Katastrophe führten, will ich in
einem späteren Abschnitt berichten. Zwischen
Bühl und Strassburg knüpften sich mit dem
Heranwachsen der Kinder immer engere Beziehungen: auch
davon werde ich bald zu erzählen haben. Von den
heranwachsenden Söhnen und Töchtern der
Grafenhausener Familien Merzweiler und Schwab sind viele
Ende der sechziger Jahre nach den Vereinigten Staaten
ausgewandert, um sich dort neue Lebensmöglichkeiten
zu schaffen. Im alten Vaterland war kein Platz mehr
für sie, und wenn sie drüben vorangekommen
sind, werden sie wohl längst zu Amerikanern geworden
sein.
Im
Oktober 1869 zogen meine Eltern nach der Südstadt in
das Haus des Kaminfegermeisters Stemmle um. Die
Verhältnisse im Hause Utilié schienen mehr
und mehr unerträglich geworden zu sein. Was alles
vorlag, ist mir aus den Erzählungen meiner Eltern
nur in dunkler Erinnerung. Eine Geschichte, in der ich
selbst und mein Bruder eine Rolle spielten, kann ich aber
verbürgen. Die Leute hatten zwei Buben im gleichen
Alter. Ihr Vater war von dem fanatischen Glauben
besessen, dass Ohrringe das Zahnen erleichtern und die
geistige Entwicklung fördern. Auch wir sollten
dieses Segens teilhaftig werden, und der Goldarbeiter
lauerte auf eine Gelegenheit, uns Löcher in die
zarten Öhrlein zu stechen. Wir wurden durch die
Wachsamkeit der Mutter vor dem Attentat im letzten
Augenblick gerettet; vielleicht war das zugleich der
Anlass zur Kündigung. Ich erinnere mich der
Söhne Utilié noch gut aus meiner
späteren Schulzeit, habe aber damals nicht den
Eindruck gehabt, dass ihnen die Ringlein, die sie trugen,
viel geholfen haben.