Achtes Kapitel.

Badische Staats- und Kirchenpolitik.

Die Übersiedlung nach Bühl war für das Leben meiner Eltern von schicksalhafter Bedeutung. Fast ein Vierteljahrhundert hat mein Vater sein bestes Können der Stadt gewidmet, dort hat er sich Haus und Garten erworben, dort haben wir Kinder eine glückliche Jugend verlebt. In Bernau hätte sein Schaffensdrang an der Einfachheit und Stille der dörflichen Verhältnisse eine unübersteigliche Schranke gefunden. Erst die Stadt mit ihrer gewerblichen Betriebsamkeit, ihrem lebhaften Verkehr, ihren starken politischen Gegensätzen war der Boden, auf dem er in ungebrochener Kraft seine Fähigkeiten entfalten konnte.

Die politisch aufgewühlte Zeit der sechziger Jahre spiegelt sich auch in seinen Erinnerungen wieder. Unser Tun und Lassen ist uns ja nicht freigestellt; wir sind in das grosse geschichtliche Leben mit Leib und Seele eingegliedert, wo wir auch stehen mögen. So wird es immer auch ein Hauptreiz von Erinnerungsschriften bleiben, im Ablauf persönlicher Erlebnisse zugleich den grossen Pulsschlag der Geschichte zu spüren.

Als der Grossherzog Leopold am 24. April 1852 starb, musste sein Sohn Friedrich für den unheilbar kranken Thronerben Ludwig die Regentschaft übernehmen. Die Regierung ordnete zur Beisetzung des Grossherzogs für alle Kirchen Trauergottesdienste an, wie das auch früher üblich gewesen war. Der Erzbischof Hermann von Vikari weigerte sich, Seelenämter abhalten zu lassen, da solche nur für Katholiken in Frage käme. Man empfand das als Brüskierung des Regenten, wenn auch formell gegen den Standpunkt des Erzbischofs nichts einzuwenden war. Aber es blieb nicht bei dieser einen Unbotmässigkeit. Unter Führung des Fürstbischofs von Ketteler vereinigten sich die oberrheinischen Bischöfe zu einem Generalangriff gegen die Staatsgesetze. Man hatte wieder einmal Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, und die Kirche war die verfolgte Unschuld, die sich gegen den ungläubigen und unchristlichen Staat in der Notwehr befand. Der Hader drang in jede Gemeinde, jede Familie - das kümmerte die geistlichen Aufwiegler wenig. Direkte Verhandlungen mit Rom führten Ende 1854 zu einer gewissen Beruhigung, 1857 zu einem versöhnlicheren Verhalten des Erzbischofs und 1859 endlich zum Abschluss eines für beide Teile annehmbaren Konkordats.

Damit war aber die Ruhe noch lange nicht hergestellt, denn auch die beiden Kammern des Landtags hatten sich mit dem Konkordat zu befassen, und es zeigte sich sofort, dass man nicht gewillt war, Rom unumschränkte Machtbefugnisse einzuräumen. Das Konkordat verstosse gegen das Staatsgrundgesetz von 1807, und die Regierung könne keine Abmachungen treffen, durch die sie sich selbst ausschalte. Eine Adresse, die den Grossherzog bat, die Konvention ausser Kraft zu setzen, wurde mit grosser Stimmenmehrheit angenommen. Der Landesfürst traf die gewiesene Entscheidung: "Wir werden die Rechte der Krone wahren und den Inhalt der Konvention mit den verfassungsmässigen Befugnissen der Stände möglichst auszugleichen suchen."

Es wurde unter Stabel und Lamey ein liberales Ministerium gebildet und nicht nur für die beiden Kirchen, sondern für die gesamte Staatsverwaltung der Grundsatz proklamiert, dass die Gewalt des Staates als Schutzwehr für Recht und Freiheit aller über allen zu stehen habe. Nach Rom ging eine Denkschrift ab, worin der Verlauf der Dinge dargelegt und die von der Kammer gefassten Beschlüsse mitgeteilt wurden. Auf eine arrogante, gegen allen Brauch italienisch abgefasste Antwort des Staatssekretärs Antonelli, dass der Staat überhaupt kein Recht habe, über kirchliche Angelegenheiten zu beschliessen, erfolgte eine so gründliche deutsche Abfuhr, dass auch die Kurie zunächst die Waffen streckte.

Leichter und erfreulicher war die Durchführung der protestantischen Kirchenverfassung. Hier konnte der Grossherzog als Landesbischof unmittelbar eingreifen und seine versöhnliche Gesinnung zur Geltung bringen. Nicht um den Sieg einer Partei über die andere handle es sich, sondern darum, dass den Mitgliedern der Gemeinde Gelegenheit geboten werde, den Glauben und die Liebe ihres Herzens in freier Selbsttätigkeit an den Tag zu legen.

Auch den Juden sollte jetzt völlige Rechtsgleichheit zugestanden werden. Die breiten Volksmassen waren damit aber nicht ohne Weiteres einverstanden, insbesondere wollte man die Juden nicht in den Gemeindeverwaltungen mitreden lassen. Lamey erklärte, wenn sie Abgeordnete und Minister werden könnten, könne man sie auch nicht vom Nachtwächteramt ausschliessen.

Als grosser Fortschritt wurde die Aufhebung der Zünfte und die Einführung der Gewerbefreiheit und Freizügigkeit empfunden. Neuerrichtete Gewerbeschulen mit besonders vorgebildeten Lehrern sollten für die bessere Ausbildung der Lehrlinge, Kreiswinterschulen mit Landwirtschaftslehrern für die der Jungbauern sorgen. Gegen diese Einrichtungen, deren Nutzen auf der Hand lag, erhob sich kaum ein Widerspruch, wohl aber brach der Kampf zwischen Staat und Kirche aufs Neue aus, als die Reform des Volksschulwesens durchgeführt werden sollte. Wie man die Volksschule und die Schulmeister behandelte, war zu allen Zeiten ein Maßstab für den Kulturwillen der Regierenden gewesen. Dass die geistlichen Machthaber von ihren geschichtlich überkommenen Rechten an der Volksschule kein Jota preisgeben wollten, war verständlich; dass der Staat sich die Schule nicht aus der Hand nehmen lassen konnte, war nicht weniger selbstverständlich. Befreiung von der kirchlichen Bevormundung war das Kernstück der Forderungen des aufstrebenden Lehrerstandes geworden, und es lag im Zuge der Zeit, dieser Forderung entgegenzukommen. Aber als 1864 das Gesetz über die Schulaufsicht erlassen wurde, und die Wahlen für die neu eingeführten Ortsschulräte stattfinden sollten, brach der Sturm los.

Bisher war der Ortsgeistliche ohne Weiteres der Vorgesetzte des Lehrers gewesen. Jetzt sollte eine gemischte Behörde gebildet werden, in der ausser dem Geistlichen auch der Bürgermeister, der Lehrer und einige gewählte Mitglieder aus der Bürgerschaft Sitz und Stimme hatten. Obgleich die Regierung erklärt hatte, dass sie bereit sei, die Pfarrer im Ortsschulrat als Vorsitzende zu bestätigen, wenn sie Mitglieder würden, verbot die Kurie diesen, in den Ortsschulrat einzutreten. Als im Dezember 1864 auch noch die berüchtigte Enzyklika des Papstes erschien, die die ganze moderne Staatstheorie, die staatliche Schule und alles, was sich der kirchlichen Alleinherrschaft zu entziehen trachtete, verdammte, wurde der Konflikt zwischen dem liberalen und klerikalen Standpunkt in jede Gemeinde getragen. Geistliche und weltliche Hetzapostel durchzogen das Land, und es wurde mit einer Erbitterung gekämpft, die sich nur aus dem Hass zwischen zwei sich ausschliessenden Weltanschauungen, nicht aus dem unmittelbaren Anlass des Streits erklären lässt. Ganz verständlich wird die Leidenschaftlichkeit der Kämpfe erst dann, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Gegensätze gleichzeitig in der "deutschen Frage" ausgefochten wurden.

Ich will nicht auf die begrabenen Hoffnungen der Revolution von 1848/49 zurückkommen. Auch zehn Jahre später war die Lage noch um keinen Schritt weitergekommen; es war kein Weg zu sehen, wie bei der Rivalität zwischen Österreich und Preussen und bei der Ohnmacht der Kleinstaaten aus dem Deutschen Bund jemals ein Deutsches Reich werden solle. Dass Österreich 1859 die Lombardei preisgab, hatte seinem Ansehen einen schweren Stoss versetzt. Aber der Ausspruch Bismarcks, dass die deutsche Frage weder durch Reden, noch durch Parlamentsbeschlüsse, sondern nur durch Blut und Eisen gelöst werden könne, hatte bei Liberalen und Klerikalen in Süddeutschland auch einen Bismarck- und Preussenhass ausgelöst, der kaum noch gesteigert werden konnte.

Ein paar Stilproben aus der "Illustrierten Dorfzeitung des Lahrer Hinkenden Boten", einem Wochenblatt, das in Baden viel gelesen wurde und als urdeutsch und patriotisch für viele die Richtung des politischen Denkens angab, werden die Stimmung der damaligen Zeit besser kennzeichnen als jede andere Erinnerung. Die Kraft der Sprache ist bemerkenswert - aber auch die Gründlichkeit der Bekehrung nach den preussischen Erfolgen von 1864 und 1866 lässt nichts zu wünschen übrig.

Im März 1863 hatte der König von Dänemark die Einverleibung Schleswigs proklamiert. Ein Sturm der Entrüstung erhob sich in Baden; Regierung und Volk wetteiferten in Opferwilligkeit und Sammlungen für die Schleswig-Holsteiner. Es bildeten sich Freiwilligenverbände, die die Streitkräfte der Elbherzogtümer vermehren sollten, und für einen kommenden Krieg des Deutschen Bundes stellten die Landstände Geldmittel zur Verfügung. Die Dorfzeitung schrieb:

"Mit diesem brutalen Streiche schlägt Dänemark den Deutschen Grosstaaten Preussen und Österreich, den Vertretern Deutschlands, ins Gesicht, es reisst die Verträge entzwei und wirft die Fetzen dem Deutschen Bunde vor die Füsse. Es ist eine vollständige Kriegserklärung. Wird der Deutsche Bund, wenn seine Osterferien vorüber sind, Zeit finden, sich mit dieser Kleinigkeit zu beschäftigen?"

Bald darauf heisst es: "Herr Bismarck hat wieder neue Talente entwickelt ... Schliesslich überraschte er die Kammer mit der Erklärung, er werde, wenn er es für notwendig halte, Krieg führen auch ohne Bewilligung der Herren Abgeordneten, eine Unverschämtheit, die der Hinkende Bote ihm noch eher verzeihen würde, als alle seine früheren, wenn sie auch nur ein wenig mehr wäre als eine blosse Unverschämtheit.

So aber war es nur wieder ein Bismarcksches Säbelgerassel, das noch kein Haus in ihrem Mausloch erschreckt, geschweige denn die Dänen. Es wäre auch traurig, wenn ein Bismarck es wäre, der die deutsche Ehre vertreten müsste, ein Bismarck, der die deutsche Ehre noch stets in den Koth getreten hat."

Der Jahrgang 1864 beginnt mit ungeheurem Jubel über eine Versammlung von deutschen Abgeordneten, die am 21. Dezember 1863 in Frankfurt den Beschluss gefasst hatte, "dass das Recht des Herzogs Friedrich von Augustenburg anerkannt, die Anerkennung durch den Bundestag erwirkt, die Trennung Schleswig-Holsteins von Dänemark vollzogen und ihre unzertrennliche Verbindung sofort hergestellt werden solle". "Hinter jedem Buchstaben stehen Tausende wackerer deutscher Männer, die Hand am Schwerte", heisst es weiter; "wenn auch jetzt dieser Donnerruf des Volkes ungehört verhallen sollte, wenn es auch jetzt noch möglich wäre, dass die Fürsten Deutschlands Recht in den Herzogtümern vernichteten, dann wird einst, wenn es wie 1813 gilt, fremde Eroberer aus Deutschland zu treiben, keines Mannes Hand sich erheben, um die wankenden deutschen Throne zu stützen. Mögen sie dann in Trümmer fallen!"

Von Preussen wird gesagt, dass es meisterlich verstehe, sich in den Augen Deutschlands immer mehr in Misskredit zu bringen. Da solle jetzt in Holstein nicht der Prinz Friedrich Karl, sondern "der alte abgelebte Feldmarschall Wrangel die preussischen Truppen kommandieren, an dessen Namen sich die Schande der achtundvierziger Kriegführung knüpft, dessen Popularität darin besteht, dass er den Berliner Schulbuben Zuckerbrot zuwirft ..., dieser militärische Hanswurst, der sich in ein paar gewaltige Steifstiefel gesteckt hat" usw.

Sieben Wochen später schmückt ein grosses Bild Wrangels die Zeitung, und schon 14 Tage vorher konnte man lesen: "Kinderchens, diesmal wird's besser werden, hat der alte Papa zu seinen Soldaten gesagt, und dass es wirklich besser werden wird, dafür werden seine Soldaten, die Schleswig-Holsteiner und auch wir (!) ein wenig sorgen."

Zu der Nachricht, dass ein Unteroffizier Paul mit fünf Mann zwei dänische Kompagnien in die Flucht geschlagen, zwei Wagen mit Pioniergeräten und 30 wollene Decken erobert habe, sagt die Zeitung: "Bismarck triumphiert. Solche Resultate der neuen Heeresorganisation sind für die widerspenstige preussische Kammer geradezu vernichtend. Ob nach diesem glänzenden Ergebnis sämtliche Kompagnien des preussischen Heeres auf je 5 Mann werden reduziert werden, ist übrigens noch nicht bestimmt ausgesprochen."

Mit den Kriegserfolgen Wrangels kommt auch der Anfang realpolitischer Einsicht, und die Leser erfahren, was man von Papa Wrangel lernen kann: "Zugreifen und nicht lange fackeln, mit Tatsachen imponieren! Tatsachen sprechen lauter und gewaltiger, als wenn man ganze Stösse voll langatmiger und kurzatmiger Adressen, Protokolle, Noten und Proteste schmiert. Tatsachen! Zugreifen! In der Politik ist Verschämtheit ein Fehler und Unverschämtheit eine Tugend. Merke Dir's, du verschämtes deutsches Volk!"

Am 18. April ruft das Blatt: "Hurra, sie haben sie! - nämlich die Düppeler Schanzen. Es war dem Hinkenden wochenlang nicht schnell genug gegangen - nun bringt er einen sachlichen Artikel über die Schwierigkeiten, die zu überwinden gewesen seien, ehe die Schanzen sturmreif wurden, und meint: "Wir haben uns fast geschämt wegen unseres Kannegiesserns hinter dem Biertisch über die Kriegführung und wie man's hätte machen sollen!" Er zieht den Hut ab vor der Tapferkeit der Preussen, aber er mahnt auch: "Duldet nicht, dass eine ehrlose Politik wieder verderbe, was euer tapferer deutscher Arm errungen in blutiger Stunde, dass die ehrliche Arbeit eures Schwertes wieder zuschanden werde durch die Schliche gewissenloser Schurken." Wer gemeint ist, kann man schon eine Woche später lesen. "König Wilhelm, hättest Du die Kraft, diesen Bismarck, der, ein Vampyr, dein bestes Herzblut trinkt, von Dir abzuschütteln, heute noch und trotz alledem würde das deutsche Volk dir zujubeln ...!"

Im August sieht der Herausgeber der Dorfzeitung den verhassten Bismarck in Baden-Baden. Er war von einem Bekannten auf ihn aufmerksam gemacht worden und hatte Zeit genug, sich ihn gründlich anzuschauen: "Die ganze Erscheinung des Ministers macht den Eindruck einer Willenskraft, die vor nichts, vor keinem Ziele, aber auch keinem Mittel zurückschreckt. Mit einer imponierenden Ruhe schritt Bismarck durch das Gewühl, und der Hinkende, wie er ihn so sah, hat sich des Gedankens nicht erwehren können: dieser Mann muss entweder ein sehr gutes oder gar kein Gewissen haben." An die erste Möglichkeit glaubt der Hinkende aber selbst nicht, denn im Oktober sagt er: "Das deutsche Volk protestiert gegen diesen Vertreter, und wenn das preussische nicht alle Kraft und Energie verloren hat, wird es auch nicht ewig dulden, dass der gewissenlose Mann seine Geschicke in der Hand hält."

Der Friede mit den bekannten Bedingungen wird geschlossen. Ich brauche nicht zu sagen, wie wenig er die Lahrer Staatsmänner befriedigt hat. Die letzte Nummer des Jahrgangs 1864 schmückt ein Bild mit einem langen Gedicht, der "Mär vom Menschenfresser". Das Bild habe ich als Kind mit Grausen betrachtet. Es stellt ein haariges Scheusal dar, das ein Knäblein, auf eine Gabel gespiesst, über dem Feuer brät, während eine Reihe anderer ängstlich zusammengekauert auf einem Dachbalken sitzt. Das Gedicht dazu habe ich nicht verstanden, und ebensowenig, warum jeder der Buben ein Wappenschild trug und andere Schilder am Koller des Menschenfresser. Meinen Lesern wird die letzte Strophe genügen, um den Sinn des Ganzen klarzustellen:

Den lieben deutschen Landen

Ein Theil ist schon gefressen,

Nun haltet fest zusammen,

dass nicht den Letzten nächstens,

ist diese Mär gesagt

ein anderer angenagt.

ihr, die ihr noch übrig bliebt,

ein Ries' in den Rachen schiebt.

Für die Lage im Jahre 1865 mag eine Probe genügen. Man sieht, dass sich ein feindliches Verhältnis zwischen Preussen und Österreich herausbildet: "S' ist zwar eine Schande, dass man's sagen muss, aber nur die Feindschaft beider tut uns gut; denn Deutschland wäre sicher zur habsburgischen Domäne herabgesunken, wenn nicht aus den Trümmer des Dreissigjährigen Krieges der Hort des deutschen Wesens im Norden entstanden wäre. Nur dann wird auch Preussen seine Stellung und seine Aufgabe klar, wenn es sich in Gegensatz stellt zu den Aufgaben und Zielen des Donaureiches ... Darum herunter mit der Maske, ihr Herren in Berlin, und macht dem zweifelhaften und unwürdigen Zustande in Schleswig-Holstein ein Ende! Der Hinkende verlangt aber dafür, dass Ihr auch dem budgetlosen, verfassungswidrigen und junkerwüthigen Zustande daheim den Abschied gebt. Es wäre Zeit, dass der König von Preussen Friedenworte an sein Volk richtete, und dass er der Junkerwirtschaft ein Ziel setzte, die schmarotzerhaft an dem Herzblut des Landes zehrten."

Aus dem Jahre 1866 will ich einen kurzen Aufruf wiederholen, den der badische Volksmann J. Venedey von Augsburg aus am 26. Februar verbreiten liess:

"Herr von Bismarck ist fertig mit seiner inneren Politik. Trügt nicht alles, so beginnt jetzt sein Spiel nach aussen hin. So wie beim Cäsarentum, sollen äussere Erfolge die Niederlagen im Inneren wettmachen, soll ein wenig Eroberung und Ruhm das preussische Volk für seine Entrechtung, seine Knechtung schadlos halten. Diese äussere Politik heisst aber für das deutsche Volk:

Krieg deutscher Volksstämme gegen deutsche Volksstämme, Bürgerkrieg, Zerstörung alles Wohlstandes in Deutschland, Herbeiziehung des Auslandes in die inneren Angelegenheiten, Bruderblut von Bruderstämmen zum Heile der äusseren Feinde in Strömen vergossen.

Die ganze deutsche Nation, vom ersten bis zum letzten Mann, ja Mann, Weib, Kind haben die Pflicht, zum Voraus dieser Drohung zu begegnen und in Millionen den Fluch auszusprechen: Nieder mit dem, der zuerst in Deutschland das Schwert zieht gegen einen deutschen Bruderstamm."

In diesen Tagen, wo alles der Entscheidung zutrieb, muss es gewesen sein, dass mein Vater sich mit einem alten Freund wegen der Politik verzankte. Es war Otto Hörth, später Redakteur an der Frankfurter Zeitung. Dieser war grossdeutsch gesinnt und ein heftiger Gegner Bismarcks, mein Vater war bismärckisch, weil er lieber einen preussischen Junker dieses Schlags als die österreichische Pfaffenwirtschaft als Sieger aus dem Zweikampf hervorgehen sah.

Am 3. Juli wurde die Schlacht bei Königgrätz geschlagen, am 5. kam die Nachricht in die Presse, dass der Kaiser von Österreich Venetien an Frankreich abgetreten habe. Der Hinkende schreibt dazu: "Der erste Eindruck der Nachricht von dieser Ungeheuerlichkeit wirkte erstarrend auf jedes deutsche Herz. Also dieses Venetien, von dem man uns so oft an den Fingern vordemonstrierte, dass es das Bollwerk Süddeutschlands, der Schlüssel zu den Alpen, der Schutz und Schirm des Oberrheins, das edelste Juwel in der Krone Österreichs sei, von dem man so oft faselte, am Mincio werde der Rhein verteidigt, und von dem der österreichische Kaiser schwur, er werde an seinen Besitz den letzten Mann und den letzten Zwanziger setzen - dieses nämliche Venetien wird nicht etwa den nach nationaler Einheit ringenden Italienern, nein, es wird dem an dem Krieg ganz unbeteiligten und nur so gelegentlich nach Beute schnappenden Franzosenkaiser übergeben, ja ihm in jammervoller Untertänigkeit zu Füssen gelegt! Entweder hat man uns bisher schändlich belogen, oder jetzt schändlich verraten ... Österreich muss recht wohl wissen, dass Napoleon niemals ein grosses, mächtiges Deutschland dulden wird, wenn er kann. Wir haben uns in diesem unglückseligen Kriege an Österreichs Seite gestellt, weil es unserem Rechtssinn widerstrebte, mit den bismärckischen Preussen zu gehen, weil wir den Bundestag trotz seiner schweren Sünden immer noch als das Einzige, die Gesamtheit der Nation umfassende Band betrachteten und erhalten wollten, weil uns das Bündnis Preussens mit Italien unwürdig und frevelhaft erschien ... Das Waffenglück Österreichs könnte uns nicht an der Stellung, die wir eingenommen haben, irre machen. Was uns aber jetzt irremachen, was uns am Ende von seiner Seite treiben muss, ist die Wegwerfung, mit der wir Bundesgenossen behandelt werden, die man nicht einmal frägt, kaum benachrichtigt, wenn es sich um einen Akt von der grössten politischen Tragweite handelt, um eine Gebietsabtretung, welche geeignet ist, das ganze europäische Gleichgewicht umzugestalten, welche Napoleon zum Diktator über Deutschlands Zukunft machen muss, wenn nicht Preussen, patriotischer als Österreich, diese Einmischung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands mit aller Kraft und Entschiedenheit abweist ... Wir wollen kein Rheinbund mehr, wir wollen keine Vasallen Frankreichs sein. Lieber österreichisch, ja lieber preussisch, und wäre es der Teufel selbst, der in Preussen die Zügel führt. Vor allem aber deutsch! Deutschland über Alles!"

Ich brauche die Ereignisse der nächsten Monate, die Niederwerfung der Bundestruppen und Bismarcks Friedensschlüsse nicht in ihren Einzelheiten in Erinnerung zu bringen. Ich will ja nicht Geschichte schreiben, sondern auf die Stimmungen hinweisen, die damals weite Kreise des deutschgesinnten Volkes beherrschten.

Am 5. August hielt der sieggekrönte König Wilhelm im Weissen Saale die berühmte Thronrede, in der von den Landständen Indemnität für die seit vier Jahren ohne Staatshaushaltsgesetz geführte Verwaltung gebeten wurde. Am gleichen Tage verlangte Napoleon durch Benedetti bei Bismarck Kompensationen auf dem linken Rheinufer, erhielt aber eine solche Abfuhr, dass er schon am 10. August dem Kaiser in St. Cloud dringend abriet, solche zu wiederholen, wenn er nicht einen Krieg bis aufs Messer mit ganz Deutschland heraufbeschwören wolle. Den Eindruck dieser Nachricht verwertete Graf Bismarck, um den Ministern von Württemberg, Baden und Bayern mit den Friedensverträgen zugleich geheime Schutz- und Trutzbündnisse vorzulegen, die mit tausend Freuden geschlossen wurden (W. Oncken, Unser Heldenkaiser, S. 105). Wenn das die Dorfzeitung gewusst hätte! Am 9. August fordert sie den Anschluss an Preussen als den Wunsch der überwiegenden Mehrzahl des badischen Volks, und noch eindringlicher schreibt sie am 25. August: "Gottlob, die Voraussagungen sind doch nicht in Erfüllung gegangen, dass es einen Dreissigjährigen Krieg gäbe, und dass all der blutige Hass, der die Feldzüge des Tilly und Wallenstein durchzog, in dem neuen Bruderkriege wieder aufleben werde. In 30 Tagen sind diesmal Fragen gelöst worden, auf die vor 200 Jahren dreißig schreckliche Kriegsjahre keine befriedigende Antwort fanden ... Nun ist Österreich gedemütigt, aus dem Verband sind Deutschland geschieden, Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt sind dem preussischen Staat einverleibt, die übrigen kleinen Staaten Norddeutschlands marschieren folgsam als Trabanten Preussens neben dem neuen Gestirn des Nordens einher und der Süden ist sich selbst überlassen. Das alles steht nun einmal fest, dagegen hilft kein Protestieren, keine Volksversammlung, keine Revolution. Das Augenmerk des Patrioten muss nunmehr darauf gerichtet sein, dass sich im Süden nicht eine Brutstätte des widerlichsten Partikularismus bildet, dass das Gefühl der Notwendigkeit einer engen und immer enger werdenden Verbindung mit dem Norden lebendig erhalten bleibe, dass Mittel und Wege gefunden werden, uns der Wohltaten des deutschen Staates teilhaftig werden zu lassen, der gegenwärtig ohne unser Zutun im Norden aufgebaut wird."

Erst am 22 März 1867 wurde in weiteren Kreisen das Bestehen einer badisch-bayrisch-preussischen Allianz bekannt, und der Hinkende schreibt am Schluss einer längeren Betrachtung: "Das war wieder einmal eine Tat, vor der das Geschwätz der Maulpatrioten in eitel Dunst verfliegt, ein gewaltiger Schritt weiter zur Macht und Einigung Deutschlands, eine Tat, welche die Feinde Deutschlands knirschend anerkennen müssen, eine Überbrückung des Maines, auf welcher Nord- und Süddeutschland sich nächstens begegnen werden, um sich zu einem gewaltigen Ganzen zu verschmelzen. Jetzt sind nur noch übrig Württemberg und Vaduz. Werden diese ein besonderes Schutz- und Trutzbündnis miteinander abschliessen? Württemberg trutzt und Liechtenstein schutzt, und der Südbund ist fertig. Der Hinkende freut sich auf diesen unerschöpflichen Stoff für seinen Kalender, wenn man sich überhaupt über so etwas freuen darf."


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© Julius Ruska 1937