Die
Übersiedlung nach Bühl war für das Leben
meiner Eltern von schicksalhafter Bedeutung. Fast ein
Vierteljahrhundert hat mein Vater sein bestes Können
der Stadt gewidmet, dort hat er sich Haus und Garten
erworben, dort haben wir Kinder eine glückliche
Jugend verlebt. In Bernau hätte sein Schaffensdrang
an der Einfachheit und Stille der dörflichen
Verhältnisse eine unübersteigliche Schranke
gefunden. Erst die Stadt mit ihrer gewerblichen
Betriebsamkeit, ihrem lebhaften Verkehr, ihren starken
politischen Gegensätzen war der Boden, auf dem er in
ungebrochener Kraft seine Fähigkeiten entfalten
konnte.
Die
politisch aufgewühlte Zeit der sechziger Jahre
spiegelt sich auch in seinen Erinnerungen wieder. Unser
Tun und Lassen ist uns ja nicht freigestellt; wir sind in
das grosse geschichtliche Leben mit Leib und Seele
eingegliedert, wo wir auch stehen mögen. So wird es
immer auch ein Hauptreiz von Erinnerungsschriften
bleiben, im Ablauf persönlicher Erlebnisse zugleich
den grossen Pulsschlag der Geschichte zu
spüren.
Als
der Grossherzog Leopold am 24. April 1852 starb, musste
sein Sohn Friedrich für den unheilbar kranken
Thronerben Ludwig die Regentschaft übernehmen. Die
Regierung ordnete zur Beisetzung des Grossherzogs
für alle Kirchen Trauergottesdienste an, wie das
auch früher üblich gewesen war. Der Erzbischof
Hermann von Vikari weigerte sich, Seelenämter
abhalten zu lassen, da solche nur für Katholiken in
Frage käme. Man empfand das als Brüskierung des
Regenten, wenn auch formell gegen den Standpunkt des
Erzbischofs nichts einzuwenden war. Aber es blieb nicht
bei dieser einen Unbotmässigkeit. Unter Führung
des Fürstbischofs von Ketteler vereinigten sich die
oberrheinischen Bischöfe zu einem Generalangriff
gegen die Staatsgesetze. Man hatte wieder einmal Gott
mehr zu gehorchen als den Menschen, und die Kirche war
die verfolgte Unschuld, die sich gegen den
ungläubigen und unchristlichen Staat in der Notwehr
befand. Der Hader drang in jede Gemeinde, jede Familie -
das kümmerte die geistlichen Aufwiegler wenig.
Direkte Verhandlungen mit Rom führten Ende 1854 zu
einer gewissen Beruhigung, 1857 zu einem
versöhnlicheren Verhalten des Erzbischofs und 1859
endlich zum Abschluss eines für beide Teile
annehmbaren Konkordats.
Damit
war aber die Ruhe noch lange nicht hergestellt, denn auch
die beiden Kammern des Landtags hatten sich mit dem
Konkordat zu befassen, und es zeigte sich sofort, dass
man nicht gewillt war, Rom unumschränkte
Machtbefugnisse einzuräumen. Das Konkordat verstosse
gegen das Staatsgrundgesetz von 1807, und die Regierung
könne keine Abmachungen treffen, durch die sie sich
selbst ausschalte. Eine Adresse, die den Grossherzog bat,
die Konvention ausser Kraft zu setzen, wurde mit grosser
Stimmenmehrheit angenommen. Der Landesfürst traf die
gewiesene Entscheidung: "Wir werden die Rechte der Krone
wahren und den Inhalt der Konvention mit den
verfassungsmässigen Befugnissen der Stände
möglichst auszugleichen suchen."
Es
wurde unter Stabel und Lamey ein liberales Ministerium
gebildet und nicht nur für die beiden Kirchen,
sondern für die gesamte Staatsverwaltung der
Grundsatz proklamiert, dass die Gewalt des Staates als
Schutzwehr für Recht und Freiheit aller über
allen zu stehen habe. Nach Rom ging eine Denkschrift ab,
worin der Verlauf der Dinge dargelegt und die von der
Kammer gefassten Beschlüsse mitgeteilt wurden. Auf
eine arrogante, gegen allen Brauch italienisch abgefasste
Antwort des Staatssekretärs Antonelli, dass der
Staat überhaupt kein Recht habe, über
kirchliche Angelegenheiten zu beschliessen, erfolgte eine
so gründliche deutsche Abfuhr, dass auch die Kurie
zunächst die Waffen streckte.
Leichter
und erfreulicher war die Durchführung der
protestantischen Kirchenverfassung. Hier konnte der
Grossherzog als Landesbischof unmittelbar eingreifen und
seine versöhnliche Gesinnung zur Geltung bringen.
Nicht um den Sieg einer Partei über die andere
handle es sich, sondern darum, dass den Mitgliedern der
Gemeinde Gelegenheit geboten werde, den Glauben und die
Liebe ihres Herzens in freier Selbsttätigkeit an den
Tag zu legen.
Auch
den Juden sollte jetzt völlige Rechtsgleichheit
zugestanden werden. Die breiten Volksmassen waren damit
aber nicht ohne Weiteres einverstanden, insbesondere
wollte man die Juden nicht in den Gemeindeverwaltungen
mitreden lassen. Lamey erklärte, wenn sie
Abgeordnete und Minister werden könnten, könne
man sie auch nicht vom Nachtwächteramt
ausschliessen.
Als
grosser Fortschritt wurde die Aufhebung der Zünfte
und die Einführung der Gewerbefreiheit und
Freizügigkeit empfunden. Neuerrichtete
Gewerbeschulen mit besonders vorgebildeten Lehrern
sollten für die bessere Ausbildung der Lehrlinge,
Kreiswinterschulen mit Landwirtschaftslehrern für
die der Jungbauern sorgen. Gegen diese Einrichtungen,
deren Nutzen auf der Hand lag, erhob sich kaum ein
Widerspruch, wohl aber brach der Kampf zwischen Staat und
Kirche aufs Neue aus, als die Reform des Volksschulwesens
durchgeführt werden sollte. Wie man die Volksschule
und die Schulmeister behandelte, war zu allen Zeiten ein
Maßstab für den Kulturwillen der Regierenden
gewesen. Dass die geistlichen Machthaber von ihren
geschichtlich überkommenen Rechten an der
Volksschule kein Jota preisgeben wollten, war
verständlich; dass der Staat sich die Schule nicht
aus der Hand nehmen lassen konnte, war nicht weniger
selbstverständlich. Befreiung von der kirchlichen
Bevormundung war das Kernstück der Forderungen des
aufstrebenden Lehrerstandes geworden, und es lag im Zuge
der Zeit, dieser Forderung entgegenzukommen. Aber als
1864 das Gesetz über die Schulaufsicht erlassen
wurde, und die Wahlen für die neu eingeführten
Ortsschulräte stattfinden sollten, brach der Sturm
los.
Bisher
war der Ortsgeistliche ohne Weiteres der Vorgesetzte des
Lehrers gewesen. Jetzt sollte eine gemischte Behörde
gebildet werden, in der ausser dem Geistlichen auch der
Bürgermeister, der Lehrer und einige gewählte
Mitglieder aus der Bürgerschaft Sitz und Stimme
hatten. Obgleich die Regierung erklärt hatte, dass
sie bereit sei, die Pfarrer im Ortsschulrat als
Vorsitzende zu bestätigen, wenn sie Mitglieder
würden, verbot die Kurie diesen, in den Ortsschulrat
einzutreten. Als im Dezember 1864 auch noch die
berüchtigte Enzyklika des Papstes erschien, die die
ganze moderne Staatstheorie, die staatliche Schule und
alles, was sich der kirchlichen Alleinherrschaft zu
entziehen trachtete, verdammte, wurde der Konflikt
zwischen dem liberalen und klerikalen Standpunkt in jede
Gemeinde getragen. Geistliche und weltliche Hetzapostel
durchzogen das Land, und es wurde mit einer Erbitterung
gekämpft, die sich nur aus dem Hass zwischen zwei
sich ausschliessenden Weltanschauungen, nicht aus dem
unmittelbaren Anlass des Streits erklären
lässt. Ganz verständlich wird die
Leidenschaftlichkeit der Kämpfe erst dann, wenn man
sich vergegenwärtigt, welche Gegensätze
gleichzeitig in der "deutschen Frage" ausgefochten
wurden.
Ich
will nicht auf die begrabenen Hoffnungen der Revolution
von 1848/49 zurückkommen. Auch zehn Jahre
später war die Lage noch um keinen Schritt
weitergekommen; es war kein Weg zu sehen, wie bei der
Rivalität zwischen Österreich und Preussen und
bei der Ohnmacht der Kleinstaaten aus dem Deutschen Bund
jemals ein Deutsches Reich werden solle. Dass
Österreich 1859 die Lombardei preisgab, hatte seinem
Ansehen einen schweren Stoss versetzt. Aber der Ausspruch
Bismarcks, dass die deutsche Frage weder durch Reden,
noch durch Parlamentsbeschlüsse, sondern nur durch
Blut und Eisen gelöst werden könne, hatte bei
Liberalen und Klerikalen in Süddeutschland auch
einen Bismarck- und Preussenhass ausgelöst, der kaum
noch gesteigert werden konnte.
Ein
paar Stilproben aus der "Illustrierten Dorfzeitung des
Lahrer Hinkenden Boten", einem Wochenblatt, das in Baden
viel gelesen wurde und als urdeutsch und patriotisch
für viele die Richtung des politischen Denkens
angab, werden die Stimmung der damaligen Zeit besser
kennzeichnen als jede andere Erinnerung. Die Kraft der
Sprache ist bemerkenswert - aber auch die
Gründlichkeit der Bekehrung nach den preussischen
Erfolgen von 1864 und 1866 lässt nichts zu
wünschen übrig.
Im
März 1863 hatte der König von Dänemark die
Einverleibung Schleswigs proklamiert. Ein Sturm der
Entrüstung erhob sich in Baden; Regierung und Volk
wetteiferten in Opferwilligkeit und Sammlungen für
die Schleswig-Holsteiner. Es bildeten sich
Freiwilligenverbände, die die Streitkräfte der
Elbherzogtümer vermehren sollten, und für einen
kommenden Krieg des Deutschen Bundes stellten die
Landstände Geldmittel zur Verfügung. Die
Dorfzeitung schrieb:
"Mit
diesem brutalen Streiche schlägt Dänemark den
Deutschen Grosstaaten Preussen und Österreich, den
Vertretern Deutschlands, ins Gesicht, es reisst die
Verträge entzwei und wirft die Fetzen dem Deutschen
Bunde vor die Füsse. Es ist eine vollständige
Kriegserklärung. Wird der Deutsche Bund, wenn seine
Osterferien vorüber sind, Zeit finden, sich mit
dieser Kleinigkeit zu beschäftigen?"
Bald
darauf heisst es: "Herr Bismarck hat wieder neue Talente
entwickelt ... Schliesslich überraschte er die
Kammer mit der Erklärung, er werde, wenn er es
für notwendig halte, Krieg führen auch ohne
Bewilligung der Herren Abgeordneten, eine
Unverschämtheit, die der Hinkende Bote ihm noch eher
verzeihen würde, als alle seine früheren, wenn
sie auch nur ein wenig mehr wäre als eine blosse
Unverschämtheit.
So
aber war es nur wieder ein Bismarcksches
Säbelgerassel, das noch kein Haus in ihrem Mausloch
erschreckt, geschweige denn die Dänen. Es wäre
auch traurig, wenn ein Bismarck es wäre, der die
deutsche Ehre vertreten müsste, ein Bismarck, der
die deutsche Ehre noch stets in den Koth getreten
hat."
Der
Jahrgang 1864 beginnt mit ungeheurem Jubel über eine
Versammlung von deutschen Abgeordneten, die am 21.
Dezember 1863 in Frankfurt den Beschluss gefasst hatte,
"dass das Recht des Herzogs Friedrich von Augustenburg
anerkannt, die Anerkennung durch den Bundestag erwirkt,
die Trennung Schleswig-Holsteins von Dänemark
vollzogen und ihre unzertrennliche Verbindung sofort
hergestellt werden solle". "Hinter jedem Buchstaben
stehen Tausende wackerer deutscher Männer, die Hand
am Schwerte", heisst es weiter; "wenn auch jetzt dieser
Donnerruf des Volkes ungehört verhallen sollte, wenn
es auch jetzt noch möglich wäre, dass die
Fürsten Deutschlands Recht in den Herzogtümern
vernichteten, dann wird einst, wenn es wie 1813 gilt,
fremde Eroberer aus Deutschland zu treiben, keines Mannes
Hand sich erheben, um die wankenden deutschen Throne zu
stützen. Mögen sie dann in Trümmer
fallen!"
Von
Preussen wird gesagt, dass es meisterlich verstehe, sich
in den Augen Deutschlands immer mehr in Misskredit zu
bringen. Da solle jetzt in Holstein nicht der Prinz
Friedrich Karl, sondern "der alte abgelebte Feldmarschall
Wrangel die preussischen Truppen kommandieren, an dessen
Namen sich die Schande der achtundvierziger
Kriegführung knüpft, dessen Popularität
darin besteht, dass er den Berliner Schulbuben Zuckerbrot
zuwirft ..., dieser militärische Hanswurst, der sich
in ein paar gewaltige Steifstiefel gesteckt hat"
usw.
Sieben
Wochen später schmückt ein grosses Bild
Wrangels die Zeitung, und schon 14 Tage vorher konnte man
lesen: "Kinderchens, diesmal wird's besser werden, hat
der alte Papa zu seinen Soldaten gesagt, und dass es
wirklich besser werden wird, dafür werden seine
Soldaten, die Schleswig-Holsteiner und auch wir (!) ein
wenig sorgen."
Zu
der Nachricht, dass ein Unteroffizier Paul mit fünf
Mann zwei dänische Kompagnien in die Flucht
geschlagen, zwei Wagen mit Pioniergeräten und 30
wollene Decken erobert habe, sagt die Zeitung: "Bismarck
triumphiert. Solche Resultate der neuen
Heeresorganisation sind für die widerspenstige
preussische Kammer geradezu vernichtend. Ob nach diesem
glänzenden Ergebnis sämtliche Kompagnien des
preussischen Heeres auf je 5 Mann werden reduziert
werden, ist übrigens noch nicht bestimmt
ausgesprochen."
Mit
den Kriegserfolgen Wrangels kommt auch der Anfang
realpolitischer Einsicht, und die Leser erfahren, was man
von Papa Wrangel lernen kann: "Zugreifen und nicht lange
fackeln, mit Tatsachen imponieren! Tatsachen sprechen
lauter und gewaltiger, als wenn man ganze Stösse
voll langatmiger und kurzatmiger Adressen, Protokolle,
Noten und Proteste schmiert. Tatsachen! Zugreifen! In der
Politik ist Verschämtheit ein Fehler und
Unverschämtheit eine Tugend. Merke Dir's, du
verschämtes deutsches Volk!"
Am
18. April ruft das Blatt: "Hurra, sie haben sie! -
nämlich die Düppeler Schanzen. Es war dem
Hinkenden wochenlang nicht schnell genug gegangen - nun
bringt er einen sachlichen Artikel über die
Schwierigkeiten, die zu überwinden gewesen seien,
ehe die Schanzen sturmreif wurden, und meint: "Wir haben
uns fast geschämt wegen unseres Kannegiesserns
hinter dem Biertisch über die Kriegführung und
wie man's hätte machen sollen!" Er zieht den Hut ab
vor der Tapferkeit der Preussen, aber er mahnt auch:
"Duldet nicht, dass eine ehrlose Politik wieder verderbe,
was euer tapferer deutscher Arm errungen in blutiger
Stunde, dass die ehrliche Arbeit eures Schwertes wieder
zuschanden werde durch die Schliche gewissenloser
Schurken." Wer gemeint ist, kann man schon eine Woche
später lesen. "König Wilhelm, hättest Du
die Kraft, diesen Bismarck, der, ein Vampyr, dein bestes
Herzblut trinkt, von Dir abzuschütteln, heute noch
und trotz alledem würde das deutsche Volk dir
zujubeln ...!"
Im
August sieht der Herausgeber der Dorfzeitung den
verhassten Bismarck in Baden-Baden. Er war von einem
Bekannten auf ihn aufmerksam gemacht worden und hatte
Zeit genug, sich ihn gründlich anzuschauen: "Die
ganze Erscheinung des Ministers macht den Eindruck einer
Willenskraft, die vor nichts, vor keinem Ziele, aber auch
keinem Mittel zurückschreckt. Mit einer
imponierenden Ruhe schritt Bismarck durch das
Gewühl, und der Hinkende, wie er ihn so sah, hat
sich des Gedankens nicht erwehren können: dieser
Mann muss entweder ein sehr gutes oder gar kein Gewissen
haben." An die erste Möglichkeit glaubt der Hinkende
aber selbst nicht, denn im Oktober sagt er: "Das deutsche
Volk protestiert gegen diesen Vertreter, und wenn das
preussische nicht alle Kraft und Energie verloren hat,
wird es auch nicht ewig dulden, dass der gewissenlose
Mann seine Geschicke in der Hand hält."
Der
Friede mit den bekannten Bedingungen wird geschlossen.
Ich brauche nicht zu sagen, wie wenig er die Lahrer
Staatsmänner befriedigt hat. Die letzte Nummer des
Jahrgangs 1864 schmückt ein Bild mit einem langen
Gedicht, der "Mär vom Menschenfresser". Das Bild
habe ich als Kind mit Grausen betrachtet. Es stellt ein
haariges Scheusal dar, das ein Knäblein, auf eine
Gabel gespiesst, über dem Feuer brät,
während eine Reihe anderer ängstlich
zusammengekauert auf einem Dachbalken sitzt. Das Gedicht
dazu habe ich nicht verstanden, und ebensowenig, warum
jeder der Buben ein Wappenschild trug und andere Schilder
am Koller des Menschenfresser. Meinen Lesern wird die
letzte Strophe genügen, um den Sinn des Ganzen
klarzustellen:
|
Den
lieben deutschen Landen
Ein
Theil ist schon gefressen,
Nun
haltet fest zusammen,
dass
nicht den Letzten nächstens,
|
ist
diese Mär gesagt
ein
anderer angenagt.
ihr,
die ihr noch übrig bliebt,
ein
Ries' in den Rachen schiebt.
|
Für
die Lage im Jahre 1865 mag eine Probe genügen. Man
sieht, dass sich ein feindliches Verhältnis zwischen
Preussen und Österreich herausbildet: "S' ist zwar
eine Schande, dass man's sagen muss, aber nur die
Feindschaft beider tut uns gut; denn Deutschland
wäre sicher zur habsburgischen Domäne
herabgesunken, wenn nicht aus den Trümmer des
Dreissigjährigen Krieges der Hort des deutschen
Wesens im Norden entstanden wäre. Nur dann wird auch
Preussen seine Stellung und seine Aufgabe klar, wenn es
sich in Gegensatz stellt zu den Aufgaben und Zielen des
Donaureiches ... Darum herunter mit der Maske, ihr Herren
in Berlin, und macht dem zweifelhaften und
unwürdigen Zustande in Schleswig-Holstein ein Ende!
Der Hinkende verlangt aber dafür, dass Ihr auch dem
budgetlosen, verfassungswidrigen und junkerwüthigen
Zustande daheim den Abschied gebt. Es wäre Zeit,
dass der König von Preussen Friedenworte an sein
Volk richtete, und dass er der Junkerwirtschaft ein Ziel
setzte, die schmarotzerhaft an dem Herzblut des Landes
zehrten."
Aus
dem Jahre 1866 will ich einen kurzen Aufruf wiederholen,
den der badische Volksmann J. Venedey von Augsburg aus am
26. Februar verbreiten liess:
"Herr
von Bismarck ist fertig mit seiner inneren Politik.
Trügt nicht alles, so beginnt jetzt sein Spiel nach
aussen hin. So wie beim Cäsarentum, sollen
äussere Erfolge die Niederlagen im Inneren
wettmachen, soll ein wenig Eroberung und Ruhm das
preussische Volk für seine Entrechtung, seine
Knechtung schadlos halten. Diese äussere Politik
heisst aber für das deutsche Volk:
Krieg
deutscher Volksstämme gegen deutsche
Volksstämme, Bürgerkrieg, Zerstörung alles
Wohlstandes in Deutschland, Herbeiziehung des Auslandes
in die inneren Angelegenheiten, Bruderblut von
Bruderstämmen zum Heile der äusseren Feinde in
Strömen vergossen.
Die
ganze deutsche Nation, vom ersten bis zum letzten Mann,
ja Mann, Weib, Kind haben die Pflicht, zum Voraus dieser
Drohung zu begegnen und in Millionen den Fluch
auszusprechen: Nieder mit dem, der zuerst in Deutschland
das Schwert zieht gegen einen deutschen
Bruderstamm."
In
diesen Tagen, wo alles der Entscheidung zutrieb, muss es
gewesen sein, dass mein Vater sich mit einem alten Freund
wegen der Politik verzankte. Es war Otto Hörth,
später Redakteur an der Frankfurter Zeitung. Dieser
war grossdeutsch gesinnt und ein heftiger Gegner
Bismarcks, mein Vater war bismärckisch, weil er
lieber einen preussischen Junker dieses Schlags als die
österreichische Pfaffenwirtschaft als Sieger aus dem
Zweikampf hervorgehen sah.
Am
3. Juli wurde die Schlacht bei Königgrätz
geschlagen, am 5. kam die Nachricht in die Presse, dass
der Kaiser von Österreich Venetien an Frankreich
abgetreten habe. Der Hinkende schreibt dazu: "Der erste
Eindruck der Nachricht von dieser Ungeheuerlichkeit
wirkte erstarrend auf jedes deutsche Herz. Also dieses
Venetien, von dem man uns so oft an den Fingern
vordemonstrierte, dass es das Bollwerk
Süddeutschlands, der Schlüssel zu den Alpen,
der Schutz und Schirm des Oberrheins, das edelste Juwel
in der Krone Österreichs sei, von dem man so oft
faselte, am Mincio werde der Rhein verteidigt, und von
dem der österreichische Kaiser schwur, er werde an
seinen Besitz den letzten Mann und den letzten Zwanziger
setzen - dieses nämliche Venetien wird nicht etwa
den nach nationaler Einheit ringenden Italienern, nein,
es wird dem an dem Krieg ganz unbeteiligten und nur so
gelegentlich nach Beute schnappenden Franzosenkaiser
übergeben, ja ihm in jammervoller
Untertänigkeit zu Füssen gelegt! Entweder hat
man uns bisher schändlich belogen, oder jetzt
schändlich verraten ... Österreich muss recht
wohl wissen, dass Napoleon niemals ein grosses,
mächtiges Deutschland dulden wird, wenn er kann. Wir
haben uns in diesem unglückseligen Kriege an
Österreichs Seite gestellt, weil es unserem
Rechtssinn widerstrebte, mit den bismärckischen
Preussen zu gehen, weil wir den Bundestag trotz seiner
schweren Sünden immer noch als das Einzige, die
Gesamtheit der Nation umfassende Band betrachteten und
erhalten wollten, weil uns das Bündnis Preussens mit
Italien unwürdig und frevelhaft erschien ... Das
Waffenglück Österreichs könnte uns nicht
an der Stellung, die wir eingenommen haben, irre machen.
Was uns aber jetzt irremachen, was uns am Ende von seiner
Seite treiben muss, ist die Wegwerfung, mit der wir
Bundesgenossen behandelt werden, die man nicht einmal
frägt, kaum benachrichtigt, wenn es sich um einen
Akt von der grössten politischen Tragweite handelt,
um eine Gebietsabtretung, welche geeignet ist, das ganze
europäische Gleichgewicht umzugestalten, welche
Napoleon zum Diktator über Deutschlands Zukunft
machen muss, wenn nicht Preussen, patriotischer als
Österreich, diese Einmischung in die inneren
Angelegenheiten Deutschlands mit aller Kraft und
Entschiedenheit abweist ... Wir wollen kein Rheinbund
mehr, wir wollen keine Vasallen Frankreichs sein. Lieber
österreichisch, ja lieber preussisch, und wäre
es der Teufel selbst, der in Preussen die Zügel
führt. Vor allem aber deutsch! Deutschland über
Alles!"
Ich
brauche die Ereignisse der nächsten Monate, die
Niederwerfung der Bundestruppen und Bismarcks
Friedensschlüsse nicht in ihren Einzelheiten in
Erinnerung zu bringen. Ich will ja nicht Geschichte
schreiben, sondern auf die Stimmungen hinweisen, die
damals weite Kreise des deutschgesinnten Volkes
beherrschten.
Am
5. August hielt der sieggekrönte König Wilhelm
im Weissen Saale die berühmte Thronrede, in der von
den Landständen Indemnität für die seit
vier Jahren ohne Staatshaushaltsgesetz geführte
Verwaltung gebeten wurde. Am gleichen Tage verlangte
Napoleon durch Benedetti bei Bismarck Kompensationen auf
dem linken Rheinufer, erhielt aber eine solche Abfuhr,
dass er schon am 10. August dem Kaiser in St. Cloud
dringend abriet, solche zu wiederholen, wenn er nicht
einen Krieg bis aufs Messer mit ganz Deutschland
heraufbeschwören wolle. Den Eindruck dieser
Nachricht verwertete Graf Bismarck, um den Ministern von
Württemberg, Baden und Bayern mit den
Friedensverträgen zugleich geheime Schutz- und
Trutzbündnisse vorzulegen, die mit tausend Freuden
geschlossen wurden (W. Oncken, Unser Heldenkaiser, S.
105). Wenn das die Dorfzeitung gewusst hätte! Am 9.
August fordert sie den Anschluss an Preussen als den
Wunsch der überwiegenden Mehrzahl des badischen
Volks, und noch eindringlicher schreibt sie am 25.
August: "Gottlob, die Voraussagungen sind doch nicht in
Erfüllung gegangen, dass es einen
Dreissigjährigen Krieg gäbe, und dass all der
blutige Hass, der die Feldzüge des Tilly und
Wallenstein durchzog, in dem neuen Bruderkriege wieder
aufleben werde. In 30 Tagen sind diesmal Fragen
gelöst worden, auf die vor 200 Jahren dreißig
schreckliche Kriegsjahre keine befriedigende Antwort
fanden ... Nun ist Österreich gedemütigt, aus
dem Verband sind Deutschland geschieden, Hannover,
Kurhessen, Nassau, Frankfurt sind dem preussischen Staat
einverleibt, die übrigen kleinen Staaten
Norddeutschlands marschieren folgsam als Trabanten
Preussens neben dem neuen Gestirn des Nordens einher und
der Süden ist sich selbst überlassen. Das alles
steht nun einmal fest, dagegen hilft kein Protestieren,
keine Volksversammlung, keine Revolution. Das Augenmerk
des Patrioten muss nunmehr darauf gerichtet sein, dass
sich im Süden nicht eine Brutstätte des
widerlichsten Partikularismus bildet, dass das
Gefühl der Notwendigkeit einer engen und immer enger
werdenden Verbindung mit dem Norden lebendig erhalten
bleibe, dass Mittel und Wege gefunden werden, uns der
Wohltaten des deutschen Staates teilhaftig werden zu
lassen, der gegenwärtig ohne unser Zutun im Norden
aufgebaut wird."
Erst
am 22 März 1867 wurde in weiteren Kreisen das
Bestehen einer badisch-bayrisch-preussischen Allianz
bekannt, und der Hinkende schreibt am Schluss einer
längeren Betrachtung: "Das war wieder einmal eine
Tat, vor der das Geschwätz der Maulpatrioten in
eitel Dunst verfliegt, ein gewaltiger Schritt weiter zur
Macht und Einigung Deutschlands, eine Tat, welche die
Feinde Deutschlands knirschend anerkennen müssen,
eine Überbrückung des Maines, auf welcher Nord-
und Süddeutschland sich nächstens begegnen
werden, um sich zu einem gewaltigen Ganzen zu
verschmelzen. Jetzt sind nur noch übrig
Württemberg und Vaduz. Werden diese ein besonderes
Schutz- und Trutzbündnis miteinander abschliessen?
Württemberg trutzt und Liechtenstein schutzt, und
der Südbund ist fertig. Der Hinkende freut sich auf
diesen unerschöpflichen Stoff für seinen
Kalender, wenn man sich überhaupt über so etwas
freuen darf."