Als
meine Eltern Ende September 1859 von Bernau in die Ferien
reisten, fuhren noch ein junger Geistlicher und ein
junger Künstler mit. Der eine war der Pfarrverweser
Reindel, der nach dem Tod des Pfarrers Dold sein Amt
verwaltete und Freiburg als Ziel hatte; der andere war
Hans Thoma, der gerade den Weg nach Karlsruhe in die
Kunstschule antrat. Wer gerne wissen möchte, wie der
junge Thoma damals aussah, mag sich das Selbstbildnis vom
9.12.1959 ansehen, das in der Einleitung zu Thodes
Thomawerk S. XIII wiedergegeben ist; Bilder der Mutter
aus den Jahren 1855 und 1859 sind auf S.X und XII zu
finden.
Ich
habe von der gemeinsamen Reise zum ersten Mal 1895 durch
Thoma selbst etwas erfahren; inzwischen sind seine Briefe
an Mutter und Schwester durch Jos. Aug. Beringer
herausgegeben worden, so daß die unmittelbaren
Zeugnisse aus jener Zeit vorliegen*.
Der erste Brief, den der glücklich in Karlsruhe
Gelandete seiner Mutter schrieb - er war gerade 20 Jahre
alt geworden - enthält den genauen
Reisebericht:
"Als
ich, wie ich daheim fortging, ins Dorfwirtshaus kam, war
alles schon gerüstet; Pfarrer und Lehrer hatten
beinahe schon eine halbe Stunde auf mich gewartet. Ich
konnte froh sein, daß der Pfarrer bei uns war, denn
er heiterte mich auf; immer wußte er Spässe zu
erzählen. Wir lachten alle recht herzlich im
Wägelchen, und ich konnte den Abschied ziemlich
vergessen. Einen so fröhlichen Pfarrer habe ich noch
nie gesehen."
"Wir
kamen abends einhalb sieben Uhr in Mahlberg an. In
Mahlberg hat's mir sehr gefallen. Der Agathe würde
es wohl auch gefallen haben, wenn sie bei mir gewesen
wäre. Ich konnte täglich Trauben essen, so viel
ich wollte. Am Donnerstag ging ich mit Ruska nach Lahr
und von dort nach Dinglingen auf die Eisenbahn, und nun
ging's fort mit Windeseile; Karlsruhe zu."
Aus
Thomas 1919 erschienenen Erinnerungen**
erfahren wir noch , daß er sich mehrere Tage in des
Lehrers Heimatort Mahlberg aufgehalten habe. Der Irrtum
ist verständlich - ich brauche kaum zu sagen,
daß es die alten Engelwirtsleute waren, die den
Bernauer Gast aufnahmen. Aber ich habe noch etwas mehr
über meines Vaters Beziehungen zu dem jungen Thoma
zu erzählen, und ich will den Bericht hier bis zu
dem Punkt führen, wo der von der Kritik schnöde
mißhandelte Maler-Poet alles hinter sich warf, um
in München sich selbst wiederzufinden.
Johannes
Thoma war 13 Jahre alt und besuchte die Schule in Bernau
Aussertal, als mein Vater Ende 1852 seine Stelle in
Innerthal übernahm. Er wird also von dem Lehrer
Hilarius Thoma, der schon im Sommer 1852 gestorben war,
ebenso wenig etwas gehört haben, wie von den
armseligen Verhältnissen der Eltern und ihren
Versuchen, den zweiten Sohn Johannes in einem geeigneten
Beruf unterzubringen. Im Sommer 1853 war er zu einem
Lithographen in Basel in die Lehre geschickt worden, aber
als ein teilnehmender Arbeiter das schmale, bleiche
Bürschlein vor der ungesunden Arbeit warnte, als zu
dem Heimweh nach der Mutter und den Bergen auch noch die
unmenschliche Forderung kam, nach Ablauf der Probezeit
einen Lebenslauf zu schreiben, war's aus mit dieser
Laufbahn. Nachdem der Herbst und Winter mit allerhand
Arbeit vorüber waren, wurde von der Mutter 1854 ein
neuer Versuch gemacht; der Sohn kam jetzt als Lehrling in
ein Basler Maler- und Anstreichergeschäft. Diesmal
hielt er länger aus, doch nun starb im Sommer 1855
der Vater, und als im Herbst in Basel die Cholera
ausbrach, erklärte der Lehrling dem Meister,
daß er nicht länger bleiben werde. Er wolle
ein Maler werden wie die, von denen die schönen
Bilder im Basler Museum gemalt seien. Bei Lörrach
traf der Flüchtling auf der Landstraße in der
Morgenfrühe seine Mutter: sie war von Bernau
aufgebrochen, um ihren Johannes der Cholera aus dem
Rachen zu reißen.
Der
Glaube der Mutter an den Sohn war unerschütterlich.
Während dieser zeichnete, verhandelte sie mit dem
alten Pfarrer Dold, ob der Johannes nicht vielleicht
studieren und Pfarrer werden könne. Der gute Mann
erklärte sich bereit, lateinische Stunden zu geben,
aber der Domkapitular, den Mutter und Sohn in Freiburg
aufsuchten, riet dringend, die Zukunft auf das
Zeichentalent zu gründen.
In
dieser Zeit, also im Frühjahr 1856, begann Thoma,
die von meinem Vater geleitete Zeichenschule zu besuchen.
Ob auch ein äußerer Zwang dazu führte -
die Schule war ja von der Regierung zur Förderung
der Hausindustrie im Schwarzwald für die
schulentlassene männliche Jugend eingerichtet worden
- kann ich nicht sagen; daß der Lehrer bald seinen
Schüler und der Schüler den Lehrer
schätzen lernte, wird niemand bezweifeln. Jetzt erst
wird auch an meinen Vater die Frage herangetreten sein,
wie für den jungen Menschen ein geeigneter
Lebensberuf gefunden werden könne.
Wir
lesen in Thomas Erinnerungen , daß der Oberamtmann
Sachs in St. Blasien durch die Zeichenschule auf sein
Talent aufmerksam geworden sei und allerhand Versuche
gemacht habe, ihn irgendwo in der Lehre unterzubringen.
Man wird verwundert fragen, was der Oberamtmann in St.
Blasien mit der Zeichenschule in Bernau zu tun hatte, und
wie er dazu kam, sich so nachhaltig für einen schon
zweimal durchgebrannten Lehrling einzusetzen. Die Sache
liegt ganz einfach. Die Aufsicht über gewerbliche
Schulen stand den obersten Verwaltungsbeamten des Bezirks
zu; der Amtmann kam also als Regierungskommissar zur
Besichtigung der Schule nach Bernau, und es verstand sich
von selbst, daß der Lehrer auf die besondere
Begabung des Schülers und die Gefahren seines
ziellosen Lebens hinwies. Natürlich hatte mein Vater
inzwischen die Verhältnisse näher
kennengelernt, und er wird der Zustimmung der Mutter
sicher gewesen sein, wenn er sich bemühte, den
Oberamtmann für das Schicksal seines Schülers
zu interessieren. Von einer Künstlerlaufbahn war
damals noch keine Rede; es war schon ein großer
Fortschritt, dass es dem Amtmann gelang, den zu Hause
nicht Weiterkommenden bei dem Uhrenschildmaler Laule in
Furtwangen unterzubringen. Fast möchte ich glauben,
daß auch hier mein Vater die Hand im Spiel hatte.
Seine Beziehungen zu dem Zeichenlehrer Meyerhuber kennt
der Leser aus dem vorigen Kapitel; Furtwangen war der
Mittelpunkt der Uhrmacherei, Meyerhuber der Berater
meines Vaters in allen die Zeichenschule betreffenden
Angelegenheiten. Wäre es nicht möglich,
daß der Lehrer sich erst bei ihm nach einem
geeigneten Meister erkundigte, ehe der Amtmann
entscheidend eingriff?
Man
weiß, daß auch dieser letzte Versuch insofern
fehlschlug, als es der Mutter nicht gelang, einen
Bürgen zu stellen, der die Garantie für das
Lehrgeld und, was mehr heißen wollte, für das
Ausharren Thomas in vierjähriger Lehrzeit
übernahm. Aber vier Wochen Beschäftigung bei
einem "richtigen Moler", der vor einer Staffelei
saß, hatte den vom Schicksal Erkorenen genügt,
um die Handgriffe der Ölmalerei zu erlernen und mit
diesem Gewinn ohne große Sorgen wieder den Heimweg
anzutreten. Die schwer bekümmerte Mutter, die ihn in
Furtwangen abholte, hatte gewiß Recht, wenn sie
meinte, der Amtmann werde sich nun nicht mehr um ihn
kümmern. Aber hier eben, auf dem Heimweg nach
Bernau, kam die Selbstsicherheit des von seiner Berufung
durchdrungenen Jünglings zum Durchbruch. Ich lasse
wieder Thoma berichten:
"Als
wir, unter einer alten Tanne ruhend, das von der Mutter
mitgebrachte Mittagsbrot verzehrten, da faßte ich
frischen Mut und sagte der Mutter, daß ich in den
vier Wochen so viel gelernt habe, daß ich jetzt auf
eigene Faust Uhrenschilde und viel andere Dinge malen
könne. Diese Aussicht machte uns hoffnungsvoll und
ganz fröhlich - es ist mir, als ob wir beim
Weiterschreiten gesungen hätten. Alle Sorgen waren
weg. Es war wohl das erste Mal, daß ich mich dem
Geschick gewachsen fühlte durch den Entschluß
zur Tat."
"Ein
paar Tage später hängte ich meine Reisetasche
um und ging nach Freiburg, wo ich in einem Geschäfte
Farben, Öle und Pinsel kaufte, auch ein Stück
Zinkblech nahm ich mit, um es zu grundieren. Mit diesen
Farben im Reisesack und den Kopf voller Bilder konnte es
mir nun nicht mehr fehlen, frohgemut ging ich über
die Halde heim."
"Dann
ging das Farbenreiben an, das Zubereiten von Leinwand und
Pappe, das ich ja in Basel schon gelernt hatte. Ich
fühlte mich nicht mehr hilflos, ich malte mit
Ölfarben nach Stichen und Holzschnitten
Heiligenbilder, Landschaften usw. ... Ich freute mich an
meiner Arbeit. Freilich mußte die Mutter zuerst mit
ein paar dieser Bildchen nach St. Blasien, so viel Mut
hatte ich doch noch nicht. Die Mutter brachte aber guten
Bericht. Die Bildchen wurden ihr vom Doktor und vom
Apotheker Romer abgekauft - letzterer sagte, ich solle
doch einmal zu ihm kommen, er male auch. Das war nun gar
schön. Ich malte mehrere Ansichten von St. Blasien
auf grundierte Pappdeckel, sehr schön
ausgeführt, so daß ich es wagte, für das
Stück einen Gulden zu fordern - ich war
fleißig darauf aus, Geld zu verdienen, und ich
benützte jede Gelegenheit hierzu. So ging ich eine
Zeitlang in die Glashütte Äule, wo ich auf
Gläser mit Firnißfarbe Blümlein und
Sprüche malte; auch mein Vetter Franz Maier malte
dort das gleiche. Am Samstag brachte ich so immer einige
Gulden mit heim. Aber so ganz sicher war mein Weg zur
Kunst doch noch nicht ..."
Von
Bildern, die Hans Thoma nach Stichen malte, habe ich
bisher in keiner Veröffentlichung Nachweise
gefunden. Dass mein Vater solche besass, entdeckte ich
erst im Sommer 1926, als ich begann, seinen Beziehungen
zu Thoma genauer nachzugehen. Vier kleine und zwei grosse
Bilder hatten mich schon als Kind wegen der Figuren im
Vordergrund lebhaft angezogen. Das sie von Thoma sein
könnten, war mir nie in den Sinn gekommen, ich
wusste nur von einem anderen grossen Bild, dass es "der
Thoma" gemalt habe. Ich stiess auf die Vorbilder, als ich
in den Bänden der "Badenia" blätterte, die mir
ein Freund für andere Studien geliehen hatte. Zuerst
entdeckte ich das Bild von Hauenstein (Badenia Bd. 3,
S.241). Einmal aufmerksam geworden, fand ich in Bd. 3
(1844) und Bd. 2 (1843) auch die übrigen Bilder. Auf
der Rückseite der grauen Pappe standen die
Bezeichnungen der Bilder von Thoma´s Hand und am
unteren Rand des Bildchens, das die Burg Hohengeroldseck
darstellt, der charakteristische Namenszug
"Thoma".
Von
den beiden Gemälden in grossem Format ist nur noch
eines vorhanden, die Schwarzwaldmühle mit dem
Wasserfall (Badenia, Bd. 2, S.71). Das Bild scheint freie
Erfindung zu sein. Da der Stahlstich abgerundet und ohne
feste Umgrenzung ist, musste Thoma das Bild an den Ecken
erweitern. Er hatte im Vordergrund rechts die
unschöne sitzende Figur des Mädchens durch eine
stehende ersetzt und das Paar näher an den Rand
gerückt. Für das Gegenstück zu diesem
Gemälde muss ich auf den Stahlstich verweisen, nach
dem es gemalt war (Badenia, Bd. ... S. ...). Es stellt
die Ruine Schauenburg dar. Als das Bild in meinen Besitz
kam, war es schon sehr beschädigt; ich weiss nicht
mehr, wann es mir abhanden gekommen ist.
Die
kleinen Bildchen sind nicht viel grösser als die
Stiche selbst, also die reinste Miniaturmalerei, und in
ziemlich trüben Farben gehalten. Nach Mitteilung von
J. A. Beringer sind auch noch anderwärts solche
Bilder nach Stichen erhalten; es wäre schön,
wenn sie einmal gesammelt und auf ihre Vorbilder
geprüft würden
Drei
Bilder nach der Natur, die nach Malweise und Gegenstand
zusammengehören, müssen aus der Zeit stammen,
wo Thoma´s Mutter die ersten Bilder in St. Blasien
verkaufte. Das eine stellt das Schulhaus dar, in dem
meine Eltern wohnten. Im Vordergrund ist eine Wiese,
links vom Schulhaus sind einige Bauernhäuser, im
Hintergrund die Berge zu sehen. Die Wohnzimmer kann man
an den Vorhängen und Geranienstöcken erkennen.
Das zweite Bild ist eine Ansicht von Bernau, mit
minutiöser Sorgfalt bis aufs kleinste wiedergegeben.
Ich habe keine ähnliche Kleinmalerei unter den
reiferen Werken finden können , es sei denn das Bild
Bernau-Oberlehn, das in Thoma´s Erinnerungen
wiedergegeben ist.***
Das dritte Bild ist eine Ansicht von St. Blasien. Sie hat
mit der in Thode´s Thomawerk S. XI oben
wiedergegebenen die grösste Verwandtschaft. Die
Standpunkte können kaum hundert Schritte
auseinanderliegen, und die Bilder sind gewiss kurz
nacheinander im Sommer 1856 gemalt worden.
Über
die Jahre vor dem großen Umschwung gleitet Thoma
mit wenigen Zeilen weg:
"Es
kam ein anderer Plan, der mich ganz andere Wege
geführt hätte, wenn er gelungen wär. Es
starb nämlich der Ratsschreiber von Bernau, und da
ich ein guter Schüler gewesen, bewarb ich mich um
die Stelle. Aber ein etwas Älterer wurde mir
vorgezogen, der später Bürgermeister wurde.
Hätte ich die Stelle erhalten, so wäre ich
jetzt vermutlich Bürgermeister von Bernau. Um
Pfarrer zu werden, war ich zu alt, zum Ratsschreiber
werden zu jung. Ich hatte nun auch angefangen, eifrig
nach der Natur zu zeichnen. An Sonntagen steckte ich ein
Mäpplein unter den Rock und ging in den Wald, wo ich
an möglichst verborgenen Orten Bäume
abzeichnete - heimlich - ich wollte nicht von den Leuten
im Ort ausgelacht werden. Auch Köpfe versuchte ich
zu zeichnen; ich malte auch ein paar kleine Porträte
auf Bestellung."
"Im
Jahre 1859 schickte Oberamtmann Sachs meine heimlichen
Naturstudien und anderes nach Karlsruhe. Direktor Wilh.
Schirmer sprach sich sehr entschieden dafür aus,
dass ich Maler werden und in die Kunstschule eintreten
solle. Der Grossherzog sagte Unterstützung zu, und
einige Gönner in St. Blasien und Bernau
ermöglichten es mir, dass ich, für die ersten
zwei Monate gesichert, im Oktober 1859 in die Kunstschule
eintreten konnte."
Was
war inzwichen geschehen, dass der Obermamtmann sich
entschloss, die "heimlichen Naturstudien und anderes" an
Schirmer zu schicken? Man fühlt hier sofort - hier
ist eine Lücke, hier schweigt Thoma mit voller
Absicht. Er hatte keine Lust, der Neugier der Welt einen
Einblick in die ganze innere Not und Hoffnungslosigkeit
jener Jahre zu geben, wo er mehr und mehr sah, dass er
aus sich selbst heraus nicht weiterkommen
konnte.
Es
ist ganz ergötzlich zu lesen, was die Deutekunst der
Jubiläumsbiographen und Festredner alles erfunden
hat, um Thoma´s karge Angaben zu ergänzen. Da
erfahren wir, wie die Mutter eine Anzahl Arbeiten ihres
"grossen Jungen" zusammengepackt und im Vertrauen ihres
schlichten Gemüts auf einen selbstlosen Helfer nach
St. Blasien geht, wo ihr der Amtmann Sachse als
kunstliebend und menschenfreundlich genannt war. Der
Glaube der Mutter rührt den Angerufenen, der sich
sogleich an den Grossherzog Friedrich wendet, und dieser
zögert nicht, nachdem Schirmer ein günstiges
Gutachten abgegeben hatte, mit einem Stipendium zu
helfen. Da schreibt Eugen Bracht, der es wirklich
hätte besser wissen können, in K. J. Friedrichs
Thoma-Buch, dass der Bürgermeister von St. Blasien
dem Galeriedirektor Lessing bei seinem Sommeraufenthalt
im Schwarzwald Zeichnungen vorgelegt habe, durch die der
Grossherzog Friedrich auf das begabte Landeskind
aufmerksam wurde. Wieder ein anderer erzählt, dass
der Oberamtmann Sachs und der Apotheker Romer sich
gemeinsam mit der Bitte an den Grossherzog gewandt
hätten, um Thoma´s Aufnahme an die Kunstschule
zu erwirken. Der Lehrer Braun, der Ende der neunziger
Jahre in Bernau wirkte, berichtet nach mündlichen
Mitteilungen des alten Apothekers, dass dieser den
Oberamtmann zuerst auf Thoma aufmerksam gemacht habe;
leider aber hätte Sachs Bedenken gehabt "ob es
rätlich sei, Thoma in das Künstlerleben
einzuführen, wo er sich vielleicht später
unglücklich oder unzufrieden fühlen und sein
Lebensziel verfehlen könnte, und ob er
überhaupt für die Malerei entschiedenes Talent
habe". Trotz dieser Ablehnung wäre dann der junge
Künstler im Jahre 1859 durch Romers Vermittlung doch
wieder mit dem Oberamtmann in Berührung gekommen.
Was
ist nun von alledem richtig? War die Mutter wirklich
selbst beim Oberamtmann? War es der Apotheker, der die
Abneigung des Amtmanns überwand, für Thoma
weitere Schritte zu tun? Mein Vater hat mir zu einer
Zeit, wo noch niemand sich durch Beziehungen zu Thoma
Ruhm erwerben konnte, wo dieser für ihn verschollen
war und als gescheitert galt, den Hergang ganz anders
erzählt. Er sei im Sommer 1859, als er sah, dass das
Treiben Thoma´s so zu keinem Ziel führen
konnte, mit einer Mappe voll Bilder und Zeichnungen beim
Amtmann gewesen und habe nicht locker gelassen, bis er
die Zusage erhielt, dass die Bilder mit einem
entsprechenden Gesuch nach Karlsruhe gingen.
Es
ist merkwürdig: Von der Errichtung einer
Zeichenschule durch den Lehrer Ruska kann man
überall lesen, weil Thoma davon spricht - und doch
kommt meinem Vater hier kein Verdienst zu, er führte
ja nur aus, was die Behörde von ihm verlangte. Von
seinem Gang zum Oberamtmann weiss niemand etwas, weil
Thoma darüber ebenso schweigt wie über Romers
Anteil. Ich habe gar keinen Grund, die Bemühungen
des Apothekers in Zweifel zu ziehen; sie mögen denen
meines Vaters vorgearbeitet haben. Ich habe aber ebenso
wenig Grund, den entscheidenden Anteil, den mein Vater
sich an der Entwicklung der Dinge zuschreibt, zu
verschweigen. Wer ihn gekannt hat, weiss, dass er kein
Wort zu viel sagte. Er hat auch anderen geholfen, ohne
davon Aufhebens zu machen. Niemand stand, ausser der
Mutter, dem jungen Thoma so nahe, niemand konnte mehr
Verständnis für seine Not haben als mein Vater,
und niemand konnte energischer als er bei dem Oberamtmann
für ihn eintreten.
Es
ist selbstverständlich, das ein badischer
Oberamtmann ein Gesuch mit den Bildern nicht
persönlich an den Grossherzog senden konnte. So
bieder ging es im Ländle wirklich nicht zu, dass die
Amtmänner mit der königlichen Hoheit direkt
verkehrten. Und doch hätte kaum eine Zeit für
Thoma günstiger sein können: denn die 1854
gegründete Kunstschule war des Fürsten
eigenstes Werk, und der Amtmann durfte mit Recht
erwarten, dass der junge Bernauer, wenn er einmal die
Gunst Schirmers gewonnen hatte, auch vom Grossherzog
persönlich Beweise seines Interesses empfangen
werde.
Dass
in den kritischen Jahren besonders enge Beziehungen
zwischen meinem Vater und Hans Thoma bestanden, ergibt
sich aus dem Umstand, dass mein Vater damals anfing, sich
mit der Ölmalerei zu beschäftigen. Er ist also,
wenn man so will, Thomas Schüler geworden, nachdem
er vorher sein Lehrer gewesen war. Als Thoma in Karlsruhe
war, besorgte er für meinen Vater die Farben und die
Pinsel. "Für des Lehrers Farben habe ich damals
Nachnahme genommen, weil ich so wenig Geld habe",
schreibt er am 9. Januar 1860 seiner Mutter. Das Hausbuch
bestätigt die Lieferung, denn es stehen dort 2
Gulden 24 Kreuzer für Farben und Pinsel im Januar
als Ausgabe. Im Sommer 1860 waren Lehrer und
Kunstschüler zum letzten Mal in Bernau beisammen.
Thoma hatte es besonders eilig gehabt, von Karlsruhe
wegzukommen. Von Heimweh getrieben war er schon am 22.
Juni nach Bernau gefahren. Im August holte er sich seinen
Freund Eugen Bracht nach dem Heimatdorf. Monatelang
malten sie nun um die Wette Studien nach der Natur. "Die
Mehrzahl solcher Naturstudien existiert nicht mehr. Ich
habe sie meist verschenkt, gekauft hat damals kein echter
Kunstfreund eine Naturstudie, sie wurde als gänzlich
wertlos erachtet." Bracht reiste zu Beginn des Semesters
wieder nach Karlsruhe. Um die gleiche Zeit nahmen meine
Eltern Abschied von Bernau. Thoma blieb noch und trat
erst am 4. Dezember "bei kalter Schneenacht" zu Fuss den
Weg nach Freiburg an, um von da ohne Aufenthalt nach
Karlsruhe zu fahren.
Über
die Bilder aus dieser Zeit, die sich in meinem Besitz
befinden, kann ich genaue Angaben machen. Das
älteste ist durch mehrere Veröffentlichungen
bekannt geworden.****
Es trägt die Bezeichnung "Schwendele 5.9.60". Der
Name bezieht sich auf ein Haus, das in einem Tälchen
am tiefsten Punkt zwischen Bernau-Oberlehn und Innerlehn
liegt; es war damals auf kurze Zeit der Wohnsitz der
Mutter Thoma.*****
Ein Bild von Bracht, das den Herd im Thoma´schen
Hause wiedergibt, bietet ganz dieselbe Farbenstimmung;
man könnte denken, dass beide Bilder gleichzeitig
gemalt sind. Ein anderes Bild von Bracht, vom 4.10.60
datiert, stellt Thoma´s Nachbarhaus dar. Am
10.Oktober vollendete Thoma eine Landschaft, die den
ersten Schnee des Schwarzwaldwinters wiedergibt. Im
Talgrund hat die Sonne die Schneedecke bis auf einige
Reste wieder weggeschmolzen, auf den Höhen ist der
Schnee liegen geblieben. Wenn das Bild nicht im Oktober
gemalt wäre, könnte man ebenso gut an den
Vorfrühling denken. Das letzte, vom 9. November 60
datierte Bild, das wieder mir gehört, versetzt uns
in den tiefsten Winter. Die Sonne ist eben untergegangen,
der letzte Schimmer von Abendrot verglimmt zwischen den
Bergen. Schwere Schneewolken hängen über der
Landschaft, Berg und Tal sind tief im Schnee begraben.
Geheimnisvoll leuchtet rotes Licht aus der breiten
Fensterreihe eines Schwarzwaldhauses. Wie oft bin ich
schon als kleiner Bub vor diesem gespenstischen Bild
gestanden! Nichts hat mir den Schwarzwald, bevor ich ihn
wirklich kennen lernte, so vertraut gemacht, als diese
Schneenacht mit ihrem Stimmungszauber.
Thoma´s
Briefe bezeugen die dauernde Verbindung mit meinem Vater.
Am 10. Dezember 1860 schreibt er seiner Mutter, dass er
an Weihnachten zu Ruska gehe, am 7. Januar 1861, dass er
von dem Tag vor Weihnachten bis vorgestern in Bühl
beim Lehrer gewesen sei. Er war also eingeladen, den
Weihnachtsabend und die beiden Ferienwochen bei meinen
Eltern zuzubringen. Im gleichen Brief erwähnt er
auch noch, dass er in Bühl dem Lehrer ein paar
kleine Bilder gemalt habe. (Ich weiss nichts Sicheres
darüber, vermute aber, dass eines davon ein
Hühnerhof war, der uns Kindern besondere Freude
gemacht hat.) Thoma kam öfters auch mit Bracht nach
Bühl; dieser muss meinem Vater besonders sympathisch
gewesen sein, denn er erzählte gerne von ihm. In das
Jahr 1863 fällt ein Besuch, den Thoma in seinen
Erinnerungen erwähnt: "Vorher ging ich mit meinem
Mitschüler Karl Wagner ins Hanauerländchen. Es
erschien mir in seiner üppigen Fruchtbarkeit wie ein
Paradies. An einem herrlichen Sonntagvormittag waren wir
in dem Dörfchen Linx. Es verstärkte mir die
Ansicht, die mir schon früher aufgedämmert ist,
dass die Welt nicht nur in Bernau schön ist. Das sah
ich denn auch am Tage nachher in Bühl, wo ich den
Lehrer Ruska besuchte, der mich in der Umgebung
herumführte, auf die Burg Windeck usw.". In dem von
Beringer herausgegebenen Skizzenbuch findet sich eine vom
1. Juli 1863 datierte Bleistiftzeichnung "Auf der
Windeck" mit der Notiz "mit dem Lehrer Ruska aus
Bühl".
Von
hier ab versagen die veröffentlichten Briefe und
Erinnerungen. Am 11. September 1863 starb Schirmer,
Thoma´s wohlwollendster Freund und Lehrer. Es kommen
die Tage innerer und äußerer Verworrenheit,
die Jahre der bitteren Not, wo Thoma keine Bilder
verkaufen kann, und die Freunde sich gegenseitig mit
kleinen Beträgen aushelfen, die Übersiedlung
nach Düsseldorf, der Aufenthalt in Paris, die
Rückkehr nach Karlsruhe mit der bekannten
Katastrophe im Jahre 1869.
Im
Tagebuch schreibt Thoma: "Kein Geld und im Konflikt mit
der herrschenden Gesellschaft! Die Philister sind
empört über meine Bilder. Kaum hätte ich
geglaubt, dass man sie mit Bildern noch in solche Wut
bringen könnte ... O Gott, gib mir Kraft und lass
mich nicht zuschanden werden!"
Der
Mutter schreibt er in einem Brief vom 11. November 1869:
"Auch Ihr, liebe Mutter, wisst, was für ein Kampf
das Leben ist; aber Ihr seid stark geblieben in aller
Trübsal und seid Euren Kindern ein Beispiel geworden
von treuer Ausdauer im Unglück und von standhaftem
Mut.
Eines
tut mir leid, dass ich noch nichts für Euch tun
kann. Aber es waltet ein höherer Wille über
uns, und der hiess mich Künstler werden, und ach,
das Angenehme des Lebens musste ich diesem Willen opfern.
Einmal wird es auch anders kommen."
In
den Erinnerungen erzählt Thoma, dass er bei seinem
fluchtartigen Verlassen Karlsruhes eine grosse Anzahl von
Ölstudien und hunderte von Zeichnungen verbrannte.
Er vergleicht das mit dem Brandstiften und Zerstören
auf dem Rückzuge. "Wie ich den Rückzug weiter
bewerkstelligte, weiss ich nicht mehr genau. Am 13. Mai
(1870) bin ich von Karlsruhe fort und war ein paar Tage
bei Lehrer Ruska in Bühl, freute mich an der Ruine
Windeck, am Bühlertal und der herrlichen Gegend. Von
da ging ich nach Schiltach zu Wucherers, verlebte dort in
der Behaglichkeit guter Verpflegung in dem schön an
der Kinzig gelegenen Garten eine gute Zeit und konnte die
Karlsruher Niederlage ganz vergessen. Ich wusste, dass
ich unversehrt aus dem Kampfe hervorgegangen
sei."
In
einer Tagebuchnotiz, die ich Beringer verdanke, ist auch
von mir und meinem Bruder die Rede: "3 Uhr 10 M fort von
Carlsruhe, in Bühl bei Lehrer Ruska ausgestiegen,
der nun 2 Buben hat."
Das
Hausbuch gibt andere Daten an die Hand, aus denen man
über meines Vaters Beziehungen zu Thoma Bescheid
erhält. Im Juni 1859 ist ein Gang nach St. Blasien
vermerkt - das wird der entscheidende Besuch beim
Oberamtmann gewesen sein. Gleich darunter ist auch eine
Ausgabe von 3 Gulden 44 Kreuzer für Ölbilder
und im Oktober von 6 Gulden 24 Kreuzer für
Goldleisten notiert. Eine Reise nach Karlsruhe im Juli
1862 hängt mit dem Ankauf von Farben und Bildern
für 5 Gulden zusammen; dem stehen im August als
Einnahme 42 Gulden für zwei Bilder und einen
geschnitzten Spiegel gegenüber, die für ein
Preiskegeln angekauft worden waren.
Im
Juni 1863 wird ein "Malerbuch" für zwei Gulden
erstanden. Es ist "Die Kunst der Malerei", enthaltend das
Landschaft-, Portrait-, Genre- und Historienfach nach
rein künstlerischer, leicht fasslicher Methode, von
Wilhelm Völker, Maler, Leipzig 1852. Auf dem
Vorsatzblatt ist der Tintenabdruck eines Petschafts mit
den Buchstaben H. Th. zu sehen, oben in der Ecke und
unten auf den beiden Titelseiten steht das Wort Thoma.
Das Siegel gleicht in der Ausführung genau dem, das
ich mit den Buchstaben F. R. heute noch von meinem Vater
besitze. Auf das Buch werde ich später
zurückkommen.
Das
Jahr 1864 verzeichnet unter den Ausgaben im Juni 10
Gulden "dem Thoma in Karlsruhe", und im Juli "dem Thoma
50 Gulden". Das ist der letzte auf Thoma bezügliche
Eintrag.
In
der Festschrift, die zur Jubelfeier der
vierzigjährigen Regierung des Grossherzogs Friedrich
1892 veröffentlicht wurde, ist auch der
Förderung der Kunst und der Gründung der
Kunstschule durch den Landesfürsten gedacht: "Heute
blickt die Karlsruher Kunstschule auf eine stattliche
Reihe von Meistern zurück, die an ihr gelernt und
gelehrt haben. Namen wie die der Düsseldorfer Des
Coudres und Schirmer, Volz und Möst sind für
immer mit ihrem und ihres erhabenen Stifters Namen
verknüpft." - Den Namen des Meisters Thoma wird man
in dieser Festschrift vergeblich suchen.
________________________________________________
*
Hans Thoma. Aus achtzig Lebensjahren. Ein Lebensbild aus
Briefen und Tagebüchern gestaltet von Jos. Aug.
Beringer. Leipzig 1929.
**
Hans Thoma: Im Winter des Lebens. Aus acht Jahrzehnten
gesammelte Erinnerungen. Jena 1919.
***
Aus achtzig Lebensjahren, gegenüber S. 33
****
H. Thode, Thomawerk, S. 2 oben; L. Just: Hans Thoma,
Hundert Gemälde aus deutschem Privatbesitz, S.
3
*****
Thoma erzählt in seinen Erinnerungen S. 90 einen
Traum der Mutter, in dem das Tal genannt wird: "Hüt
Nacht han i aber en schöne Traum gha!
S´hät mer traumt, i bi z´Bernau obe gsi uf
usere Matte am Schwendele Loch; i ha alls so gnau gseh, i
ha müsse s´Heu uf Schöchli zsammreche"
usw.