Fünftes Kapitel.

Verlobung und Abschied von Mahlberg.
Die Unmöglichkeit, als staatlicher Kostgänger bei dem Lehrer Hungerer weiter zu hungern, brachte meinen Vater im Frühjahr 1850 zu dem Entschluss, ein ihm sympathischeres Kosthaus aufzusuchen; andauernder Streit um die Bezüge aus dem Schulgeld, die der alte Prinzipal ihm vorenthielt, zwangen ihn, im Spätjahr 1851 um seine Versetzung einzukommen. Der Entschluss war schwer, aber es gab keine andere Lösung. Der Abschied war um so schmerzlicher, als der junge Lehrer in Mahlberg einen Schatz zurückliess, der ihm das Teuerste auf Erden war.

Der Schatz hiess Julchen und war die Tochter des Engelwirts Fidel Saas, das dritte von fünf Kindern. Eine ältere Schwester, Wilhelmine, war 1827 geboren, der Bruder Heinrich in der Neujahrsnacht 1831, sie selbst am 11. Februar 1835. Zwei weitere Brüder Max und Anton folgten in den Jahren 1838 und 1842. Die Mutter Juliane war die Tochter des früheren Engelwirts und Bürgermeisters Beyer, der Vater entstammte einer Familie, die noch nicht lange in Mahlberg ansässig war. Er war das siebente von acht Kindern und der vierte Sohn des Simon Saas, der sich 1782 mit Katharina Fehrenbach, der Tochter des Mahlberger Arztes, verheiratet hatte. Was aus den Geschwistern geworden ist, habe ich nicht feststellen können, vielleicht sind die meisten schon als Kinder gestorben. Auch den Beruf des Simon Saas konnte ich nicht ermitteln, das Kippenheimer Kirchenbuch enthält nur die Angabe, dass er in der Stadt Lommel in Belgien, genauer in der vlämischen Landschaft Kampen, als Sohn eines Heinrich Saas und seiner Frau Lucia geb. Hugens geboren ist. Dass ein Vlame nach Mahlberg geraten und sich dort niederlassen konnte, ist fast noch merkwürdiger als die Zuwanderung des Nicolaus Rusca. Ich hätte die Heimat der Familie Saas eher in der Schweiz oder im Elsass gesucht, da es im Wallis ein Saas-Tal mit den Ortschaften Saas-Balen. Saas-Grund, Saas-Fee, Saas-Almagel und im Elsass einen Ort Ober-Saasheim gibt.

Mein Vater schildert den Engelwirt als einen Mann von gewinnend heiterem Wesen und unverwüstlichem Humor. Auch den widerwärtigsten Lagen des Lebens stand er mit gelassener Ruhe gegenüber, Heftigkeit und Zornesausbrüche kannte er nicht. Wenn er in guter Stimmung war, konnte er durch seine Schelmengeschichten, die er mit der ernstesten Miene zum besten gab, eine ganze grosse Gesellschaft unterhalten. Die Geschichten werden wohl von der Art gewesen sein, wie sie durch Hebels Rheinländischen Hausfreund und den Lahrer Hinkenden Boten für das Alemannenland klassisch geworden sind.

Was allen sichtbar war und einen Wirt alten Schlages beliebt machte, war ein schwer erworbener Besitz. Nichts verriet, dass eine Jugend voll bitterster Entbehrung vorausgegangen war, die auch zu einer verzweifelten Lebensstimmung hätte führen können, wenn nicht dieses sonnige Wesen in der innersten Charakteranlage gewesen wäre. Eine unverwüstliche Natur war über alles Ungemach Herr geworden; Güte, Gelassenheit und Humor hatten ihren Urgrund in einem tiefen Verständnis für alle menschliche Unzulänglichkeit.

Der junge Saas sollte erst das Seilerhandwerk erlernen, er wurde aber so geschunden, dass er aus der Lehre durchbrannte. Bei einem Schneider untergebracht, lernte er nichts, weil er von der faulen und schmutzigen Frau des Meisters zu Hausarbeiten und zum Kinderhüten gezwungen wurde. So auf den Kampf ums Dasein vorbereitet, ohne etwas Vernünftiges gelernt zu haben, begab er sich auf die Wanderschaft und musste sich, wenn er überhaupt Arbeit bekam, mit erbärmlichem Lohn zufrieden geben. In der Lüneburger Heide zur Winterszeit verirrt und halb verhungert, wäre er in der Nacht erfroren, wenn ihn nicht ein Bauer noch entdeckt und mitgenommen hätte. Wann er wieder in seine Vaterstadt zurückkam, und ob er dort als Schneidermeister gearbeitet hat bis er zur Würde des Engelwirts emporstieg, das weiss ich nicht. Sein Handwerk übte er gelegentlich auch noch später aus, wenigstens für den Hausgebrauch und für nähere Freunde. An seiner Frau, die im Hause gross geworden war, hatte der junge Engelwirt eine ebenbürtige Gehilfin; ihrer Umsicht und Tüchtigkeit in der Führung der Küche verdankte das Gasthaus nicht weniger seinen Ruf als der jovialen Art des neuen Besitzers.

Als mein Vater die Mahlberger Stelle antrat, wurde Julchen seine Schülerin. Das Kind war ihm aber schon viel länger bekannt. Bei einem der Spaziergänge, die der Pfarrer Steiger mit seinen Schulbuben machte, war er auch einmal in den Engel mitgenommen worden, und es war ihm in unvergessener Erinnerung geblieben, wie der Pfarrer das dreijährige blonde Ding mit Kinderreimen und anderen Scherzen zum Lachen brachte. Später sah er das kleine Mädel beim Spielen, wenn ihn Botengänge für seinen Vater am Engel vorüberführten. Jetzt hing die Elfjährige mit der ganzen Herzlichkeit und Zutraulichkeit ihres Wesens an dem ernsten, heiligen Eifers vollen Lehrer, liebte der Lehrer die fleissigste und begabteste seiner Schülerinnen. Was gab es da alles zu erzählen, wenn der Schulweg Gelegenheit gab, ein Stück weit mit dem Lehrer zu gehen! Von nichts wusste das Kind mit grösserer Freude zu plaudern als von dem Garten, in dem es der Mutter half, von dem eigenen Gärtchen mit den vielen Blumen, die es pflanzen, hegen und pflegen durfte.

Auf die eigentliche Schulzeit, die Ostern 1848 zu Ende war, folgten drei Jahre Sonntagsschule und die Aufnahme in den Kirchenchor, den der Lehrer zu leiten hatte, folgte zugleich im Elternhaus vermehrte ernste Arbeit und Mitwirkung in allen Dingen des Haushalts. War es zu verwundern, dass sich bei dem dauernden Verkehr die Zuneigung zur Liebe vertiefte, ehe sichs die beiden zu gestehen wagten?

Es war gewiss kein Zeichen mangelnden Vertrauens, dass die Eltern den Lehrer im Winter 1849 baten, ihre Tochter nach den Chorproben bis in Sichtweite des Hauses heimzubegleiten. Die Sitten der Revolutionszeit mochten sie dazu veranlasst haben. Die Herzlichkeit, mit der dem Begleiter gedankt wurde, wäre für jeden anderen ein hinreichendes Pfand tieferer Neigung gewesen. Aber eine heilige Scheu hielt den Lehrer von jeder Aussprache zurück.

Ich habe schon erzählt, dass mein Vater im Frühjahr 1850 den Kosttisch wechselte: selbstverständlich konnte es jetzt nur der Engel sein. Es gab rote Köpfe, als das Julchen zum ersten Mal für den Herrn Lehrer den Tisch decken und auftragen musste. Die Mutter lächelte und ging hinaus; das war Balsam für das Herz des stillen Verehrers. Und der Vater Engelwirt? Was hätte er gegen den ehrenfesten jungen Mann, der auch in den unruhigen Zeiten der Revolution nur den geraden Weg der Pflicht gegangen war, einwenden sollen? Es war wie eine stille Vereinbarung zwischen den Eltern, die Dinge heranreifen zu lassen und den beiden jungen Menschen das trauliche Glück zu gönnen, sich immer besser kennen und lieben zu lernen.

Im Spätjahr 1851 erzwang der Streit, den ich schon erwähnt habe, und der die Versetzung nach Stadelhofen zur Folge hatte, die Erklärung des Freiers. Am 3. November hatte mein Vater den neuen Dienst anzutreten; das bindende Wort musste gesprochen werden. Ein kleines Geschenk, ein Erbauungsbuch "Seiner lieben Schülerin Julie Saas zum Andenken" sollte die Brücke schlagen. Zum persönlichen Abschied kam das junge Mädchen mit rotgeweinten Augen. Da bedurfte es keiner langen Reden mehr, mit dem Schwur ewiger Liebe schieden die beiden voneinander.

Der Winter 1851/52 diente, abgesehen von der täglichen Schularbeit, der Vorbereitung auf die sogenannte Dienstprüfung; daneben blieb noch genügend Zeit, um von der Zukunft zu träumen. Die Weihnachtstage wurden selbstverständlich in Mahlberg zugebracht. An Ostern 1852 wurde die Verlobung auch öffentlich bekannt gegeben. Die gute Stadt Mahlberg wusste ohnehin, was die Uhr geschlagen hatte.

In Stadelhofen, einem kleinen Dorf zwischen Oberkirch und Renchen, hatte mein Vater böse Zustände angetroffen. Das Schulhaus war noch im Bau begriffen, er musste daher den ganzen Winter hindurch die fünf oberen Schuljahre in einer niederen Bauernstube gemeinsam unterrichten. Die Klassen befanden sich nach Leistungen und Zucht in der traurigsten Verfassung. Er selbst fand fast unmögliche Wohnverhältnisse vor. Dafür hatte er aber Gelegenheit, die Wirkungen einer sogenannten Mission aus nächster Nähe kennen zu lernen. Die Frömmigkeit der Gegend liess an sich nichts zu wünschen übrig, aber die Kirchenregierung glaubte nach Niederwerfung der Revolution, als hier der Staat gegen alle freiheitlichen Errungenschaften mit scharfen Massnahmen eingriff, auch nicht zurückstehen zu dürfen. So wurden denn Jesuiten und andere Ordensbrüder ins Land gerufen, um den Bauern, wie man sagt, die Hölle heiss zu machen. Die Brüder schilderten mit Sachkenntnis, wie die armen Seelen in siedendes Wasser getaucht, gebraten, geröstet und mit glühenden Zangen gezwickt wurden, als ob sie selber dabei gewesen wären. Die Angst, die den beschränkten Bauern durch das Toben von den Kanzeln eingejagt wurde, war so gross, dass manche in religiösen Wahnsinn verfielen. In der Adventszeit waren die Beichtstühle Tag und Nacht umlagert, die Leute trugen ihre letzte Habe, besonders aber Massen von Speck, Butter und Eiern, Wein und Schnaps zusammen, um die Geistlichen zu ehren. Kein Wunder, wenn die Patres nicht immer nüchtern waren. Auch viel Geld für Seelenmessen und andere fromme Werke wurde gesammelt, man wusste genau, wo von reichen Witwen und alten Jungfern etwas zu holen war. Das Geld wurde ausser Landes geschleppt, ein verhetztes und verarmtes Volk war das Ergebnis der frommen Übungen.

Auch die Familie des Prinzipals, bei dem mein Vater vorschriftsgemäss in Kost gehen musste, unterstützte die Mission nach Kräften. Zwar war der Lehrer selbst nichts weniger als ein Freund dieser Brüder. Er trank seinen Schoppen Durbacher und liess den lieben Gott einen guten Mann sein. Sein weibliches Gefolge aber, die Frau, drei erwachsene Töchter und die Schwägerinnen, war höchst gottesfürchtig und steckte dauernd bei den heiligen Männern. Im übrigen hatte die älteste Tochter auch noch Zeit, den jungen Hilfslehrer mit ihren Zudringlichkeiten zu verfolgen, bis er sich auf einfache Art Ruhe verschaffte. Er bat die Schwiegereltern, seiner Braut in Begleitung seiner Schwester Marianne einen Besuch in Stadelhofen zu erlauben. Der eigentliche Grund war nur dem "Schatz" bekannt, und der Besuch dauerte nicht länger, als bis mein Vater seine Braut dem Prinzipal nebst Frau und Töchtern vorgestellt hatte. Man fuhr dann mit dem Wagen nach Renchen und mit der Bahn nach Baden-Baden, um die Tante im Kloster Lichtental zu besuchen. Das war meines Vaters letzter Besuch im Kloster und ein seliges Beisammensein. Der Besuch dauerte zwei Tage, am ersten Abend wurde noch ein Theater besucht, am anderen Tag die Stadt und die Umgebung besichtigt.

In Stadelhofen wurde das Verhältnis zu der Lehrerfamilie jeden Tag ungemütlicher. Es war ein Glück, dass mein Vater am 1. Oktober nach Oberkirch versetzt wurde und schon auf den 6. Dezember des gleichen Jahres 1852 seine erste Stelle als Hauptlehrer in Bernau-Innerthal erhielt. Die Stelle war ihm schon Anfang November zugewiesen worden, und das Dienstpatent lag in Oberkirch bei dem Pfarrer Weingärtner. Dieser hätte es als Schulvisitator aushändigen müssen, er verlangte aber, dass mein Vater in Oberkirch bleiben und nicht auf den Schwarzwald ziehen solle, er werde die ganze Angelegenheit schon in Ordnung bringen. Mein Vater erklärte, dass er der Weisung der Oberschulbehörde folgen würde, erhielt aber die Anstellungsurkunde erst, als er drohte, nach Karlsruhe zu fahren, um dort sein Recht zu wahren. Auch auf das Verlangen, doch wenigstens bis Weihnachten zu bleiben, liess er sich nicht ein, denn dann hätte der Pfarrer Zeit gefunden, in Karlsruhe Schritte zu tun, um die Versetzung zu vereiteln. Mein Vater bestellte seinen Schwager Merzweiler, den Mann der ältesten Schwester, um seine Habe unverzüglich abzuholen, übergab die Dienstakten und Schlüssel dem Hauptlehrer und verschwand fluchtartig aus der Stadt.

Eltern und Schwiegereltern, denen er zu Hause über die ganze Angelegenheit berichtete, waren mit allem einverstanden. Am 7. Dezember brach er mit dem Schwager und seinem Fuhrwerk von Grafenhausen auf. Am andern Tag, Mariae Empfängnis, kam die Fuhre bei wunderbar klarem und warmen Wetter auf der Höhe des Schwarzwalds an. Die Leute, denen man auf ihrem Heimweg von der Kirche begegnete, gingen hemdärmelig, so kräftig schien die Sonne. Mein Vater stieg ab und ging dem Wagen zu Fuss voraus. Inzwischen wurde es aber Nacht, ein furchtbares Wetter erhob sich, die Laternen wurden ausgeblasen und der Schwager wusste sich auf dem abschüssigen, unbekannten Wege kaum noch zu helfen. Schliesslich kam er ohne Hut und schwer verärgert im Löwen an, wo das Fuhrwerk untergestellt werden sollte. Auch der Hut wurde wiedergefunden. Am andern Tag wurde mit Hilfe eines Schreiners abgeladen und die Wohnung im Schulhaus eingerichtet. Nach einigen Tagen Aufenthalts trat Merzweiler wieder den Heimweg an.


Gasthaus "Engel" in Mahlberg


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© Julius Ruska 1937