Viertes Kapitel.

Erste Stelle in Mahlberg.
Die Kandidaten fanden als Unterlehrer in ihrer Heimat sofort Verwendung. Schaub blieb in Grafenhausen, Hofstetter kam nach Rust, mein Vater wurde nach Mahlberg versetzt. Das war ohne Zweifel die ehrenvollste Berufung, wenn man so sagen darf. Mahlberg oder Mohlburg, wie es die Eingeborenen nennen, war ja kein Dorf, sondern eine Grossstadt von 1000 Einwohnern, mit einem Schloss und einer interessanten Vergangenheit. Unter den Hohenstaufen war es ein Lehen der Grafen von Breisgau, der späteren Herzöge von Zähringen. In der Reformation entstand durch Erbfolge und Kauf eine Gemeinherrschaft der Häuser Baden und Nassau, die auch das Gebiet von Lahr umfasste und schliesslich zu unerträglichen Verhältnissen führte. Denn was sollten die armen Untertanen anfangen, wenn Nassau protestantisch wurde und Baden katholisch blieb? Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war der überwiegende Teil der Bürger von Mahlberg und der ganze Landbezirk protestantisch. Dabei blieb es, bis der von den Jesuiten regierte Markgraf Wilhelm von Baden in die Mitherrschaft eintrat und sich zum Ziel setzte, die Reformation wieder "auszureuten". Schliesslich kam man auf die geniale Idee, die beiderseitigen Ansprüche durch eine Gebietsteilung zu regeln, bei der das Los entscheiden sollte. So kam Lahr an das protestantische Nassau, Mahlberg an das katholische Baden. Kaum war die Teilung ausgesprochen, so begann die Verjagung der lutherischen Beamten, Prediger und Schulmeister. Das Vorrücken der Schweden liess die Verfolgten eine Zeit lang aufatmen, auch der Umstand, dass der Markgraf fast dauernd ausser Landes war, erleichterte die Lage, und schliesslich hatten ja alle Konfessionen die Greuel des 30-jährigen Krieges zu erdulden. Aber nach dem Westfälischen Frieden folgte, im schroffsten Widerspruch mit dem Sinn dieses Friedens, eine Unterdrückung auf die andere. Der schlimmste Feind des protestantischen Glaubens war der Amtmann Olisy, der über 40 Jahre lang die Leute drangsalierte. Noch in seinem Todesjahr wurden die Beschwerden aller evangelischen Gemeinden der Herrschaft Mahlberg den Reichsständen in Regensburg zugestellt. Sie führen den Titel "Unerträglicher Gewissenszwang und harte Verfolgungen, worinnen sich die in der Hochfürstlich Badenschen Herrschaft Mahlberg wohnenden Evangelisch-Lutherischen Unterthanen von vielen Jahren her befinden, und wie es mit der Zeit damit ärger worden". Die Verfolgungen begannen erst nachzulassen, als im Zeitalter der Aufklärung der Grundsatz der Glaubens-und Gewissensfreiheit sich durchzusetzen begann.

Kritische Verhältnisse, die die Katholiken mit Unruhe und Misstrauen kommen sahen, entstanden 1771 durch das Aussterben der katholischen Linie der Zähringer und den Anfall der Herrschaft Mahlberg an Karl Friedrich von Baden-Durlach. Dieser wollte im Geiste der Zeit ohne Schädigung der Katholiken den evangelischen Untertanen nach und nach so viel Bewegungsfreiheit geben, als sie billiger Weise erwarten durften. Aber damit erntete er wenig Dank. Die Evangelischen waren enttäuscht, weil ihnen das Gewährte zu wenig war, und von katholischer Seite sah sich der Markgraf erst recht den unverschämtesten Angriffen ausgesetzt. Es fehlte nicht viel bis zur offenen Rebellion. Man bestürmte den Reichshofrat in Wien, dass dem Markgrafen alle Hoheitsrechte über die Katholiken entzogen werden müssten. Die Masslosigkeiten hatten doch schliesslich nur die Wirkung , dass sich die öffentliche Meinung gengen sie richtete. Man fand es unerhört, "dass ein Fürst von so bewährtem Ruhm der Gerechtigkeit, der Toeranz und des Vatersinns für seine Untertanen beleidigend angetastet und ihm die gute Regierung erschwert werden könne".

Mahlberg war als Vorort eines grösseren Gebiets der Sitz aller Verwaltungsbehörden gewesen. Mit dem neuen Jahrhundert beginnt in Folge der Erweiterung des badischen Herrschaftsgebietes die Bedeutung des alten Städtchens immer mehr zu schwinden. Zwar wurde in dem 1804 aufgehobenen Kapuzinerkloster noch eine "gemischte Lateinschule" eingerichtet, aber nachdem das Oberamt 1813 nach Ettenheim verlegt und der Amtsbezirk Mahlberg unter die benachbarten Ämter aufgeteilt worden war, folgten der Reihe nach auch die übrigen Verwaltungsstellen. Das Schloss, das ja bis dahin die Ämte beherbergt hatte, begann zu veröden, ja es kam soweit, dass die Domänenkammer die Gebäude auf Abbruch versteigern lassen wollte. In diesem kritischen Augenblick nahm sich der Freiherr Chr. von Türckheim der Bauten an. Er erwarb 1828 das alte, vier Jahre darauf auch das neue Schloss. Es ist bis 1908 im Besitze der Familie Türckheim geblieben. Ende der zwanziger Jahre hatte der Major von Hennenhofer im Schloss gewohnt. Ein rätselhafter und viel beargwöhnter Mann, der mit der Kaspar-Hauser-Tragödie in Verbindung steht.

Die Vereinigung der Ämter gab dem Städtchen eine Bedeutung, die ihm nach der Zahl der Einwohner und den allgemeinen Lebensbedingungen nicht zugekommen wäre. Wer mit den Behörden zu tun hatte, musste vom Landbezirk nach der Stadt kommen; so war auch für den Marktverkehr, die Gastwirte und die Geschäftsleute eine günstige Zeit. Noch in den dreissiger und vierziger Jahren wirkten die alten Verhältnisse nach. Auch die geistige Beweglichkeit der Mahlberger darf man als eine Folge dieser gehobenen Verhätnisse betrachten, und es ist auffallend, wie viele Beamte, Geistliche, ärzte und Professoren aus dem kleinen Städtchen hervorgegangen sind.

Nach Beilegung der konfessionellen Kämpfe und Zwangsmassnahmen hatte Mahlberg etwa zwei Drittel katholische und ein Drittel protestantische Einwohner. Die Stadt besass aber noch im 18. Jahrhundert keine eignen Pfarreien, beide Konfessionen waren in das benachbarte Kippenheim eingemeindet. Nach vielen Verhandlungen wurde endlich erreicht, dass nach dem Tod der Kippenheimer Geistlichen für Mahlberg-Orschweier selbständige Pfarreien errichtet werden sollten. Der protestantische Pfarrer starb schon 1807, der katholische liess sich länger Zeit und nahm erst 1830 Abschied von dieser Welt. So erfreuten sich die Protestanten trotz ihren geringen Zahl weit früher der kirchlichen Selbständigkeit.

Die Konfessionen vertrugen sich, dem Geist der Zeit gemäss, aufs beste. Man liess jeden nach seiner Weise selig werden. Mitte der vierziger Jahre aber, als mein Vater seine Unterlehrerstelle antrat, wurden die Prostestanten in kirchlichen Aufruhr versetzt. Ein Lehrer, der 20 Jahre lang in Mahlberg zur Zufriedenheit von Bürgern und Vorgesetzten seines Amtes gewaltet hatte, geriet mit dem neuen Pfarrer Dr. Keerl in Streit, und bald hatte der ebenso hochfahrende wie händelsüchtige Seelenhirt die ganze Gemeinde in Aufruhr gebracht. Es kennzeichnet die Lage, wenn der Kirchenrat Fecht in einem Bericht an die oberste Behörde feststellen musste, dass das Verhalten des Pfarrers ein Skandal sei, und dass der Kichenrat Engler ein noch vernichtenderes Urteil fällte. Man könnt zwar begreifen, dass der Pfarrer gereizt gewesen sei, wenn unter den vielen, die seine Predigten mieden und sich dem katholischen Gottesdienst zuwendeten, auch Angehörige des Lehrers gewesen seien. Aber seine pietistischen Umtriebe hätten in der Gemeinde schon viel Unheil angerichtet, man höre in er Kirche nur Verdammungsurteile gegen Andersgläubige, und so sei es gekommen, dass die Evangelischen, wenn sie eine wahrhaft christliche Predigt hören wollten, in die katholische Kirche gingen.

Der Streit zog sich jahrelang hin, da die Kirchenbehörde unbegreiflicherweise weder den Eingaben der Gemeinde noch wiederholten Gutachten des Dekan Fecht Gehör schenkte. Natürlich musste der Lehrer zuerst weichen; eine Zeit später verschwand auch der Pfarrer aus Mahlberg. Er verlegte seine Tätigkeit in den sechziger Jahren auf das dogmatische Gebiet und schrieb dicke Bücher, in denen er den krassesten Buchstabenglauben mit der Wissenschaft seiner Zeit in Einklang zu bringen versuchte. Man kann nicht gerade sagen, dass ihm dies in hervorragender Weise gelungen sei.

Wer mit dem Protestantismus den Begriff einer freieren Geistesrichtung zu verbinden gewohnt ist, und die römische Kirche als den geborenen Feind aller geistigen Freiheit anzusehen gelehrt wurde, wird nicht begreifen, dass es einmal einen aufgeklärten Katholizismus gab, der unter günstigen Umständen zu einer deutschen Nationalkirche hätte werden können. In Dekan Steiger haben wir schon einen Mann dieser Richtung kennengelernt. Ein Vertreter des gleichen Geistes war auch der Pfarrer Grafmüller, dem mein Vater in Mahlberg unterstellt war - derselbe, zu dem die Protestanten in die Kirche kamen, wenn sie eine christliche Predigt hören wollten. So ist es jetzt an der Zeit, über Wessenberg und die Geschichte seines Wirkens einiges zu sagen. Heinrich von Wessenberg, 1774 in Dresden geboren, wo sein Vater Hofbeamter war, entstammte einem alten aargauischen Geschlecht. Seine philosophische und theologische Ausbildung erhielt er zunächst in Dillingen, der Augsburgischen Hochschule, der die freie und gütige Persönlichkeit des Theologen Michael Sailer das Gepräge gab. Seine gewaltsame Entfernung vom Lehramt veranlasste mit vielen andern auch Wessenberg, seine Studien in Würzburg fortzusetzen, wo man gleichfalls einer freieren Auffassung des Katholizismus huldigte. Entscheidend war für seine Laufbahn, dass er dort mit Karl Theodor von Dahlberg, damals Coadjutor des Fürstbischofs von Mainz und Konstanz, in persönlichen Verkehr kam. Denn als dieser nach dem Tode des Konstanzer Fürstbischofs 1800 dessen Nachfolger wurde, bot er dem jungen Wessenberg das Generalvikariat, also die eigentliche Verwaltung des Bistums an.

Der Zustand der Konstanzer Diözese bot Anlass genug zur eingreifenden Reform. Die geistliche Regierung war mit unfähigen Leuten besetzt, die kaum imstande waren, einen Bericht zu schreiben, und fast noch schlimmer sah es bei den untergeordneten Organen aus. Hier konnte nur das unmittelbare Beispiel, die treueste, um jede Einzelheit sich kümmernde Arbeit des Generalvikars selbst eine Besserung herbeiführen. Seine erste Sorge galt der Verbesserung der Berufsvorbildung der Geistlichen. Während man sich früher damit begnügt hatte, den Alumnen im Seminar den äusseren Kirchen- und Zeremoniendienst beizubringen, wurde jetzt das Bibelstudium und seine Anwendung auf das Leben in den Mittelpunkt gerückt und der Gottesdienst durch Bevorzugung der Muttersprache der Veräusserlichung entzogen. Schritt für Schritt wurden die nachlässigen Dekane durch bischöfliche Kommissare entweder zur Erfüllung ihrer Pflichten gezogen oder durch geeignetere Männer ersetzt. Die Pastoralkonferenzen wurden zu Mittelpunkten der gegenseitigen Förderung und Anregung ausgebaut, indem ihnen die Befugnis eingeräumt wurde, Reformvorschläge an die oberste Stelle zu richten. Alle Massnahmen waren darauf eingestellt, zu steter Vervollkommnung des Einzelnen und zu einem von Wahrhaftigkeit und Liebe getragenen Verhältnis der Geistlichen untereinander hinzuführen.

Vom Gottedienst verlangte Wessenberg, dass er durch Verständlichkeit, Einfachheit und Würde ein wirksames Mittel zur Erweckung der Andacht und zur Belebung der Gottes- und Nächstenliebe werde. Alles, was auf geistlose Wiederholung und unverstandenes Geplapper, auf reinen Pomp und Prunk hinauslief, war ihm verhasst. Er sah darin eine heidnische Entartung der christlichen Frömmigkeit, gegen die er unerbittlich vorging. Er führte nicht nur in die Liturgie die deutsche Sprache ein, sondern gab den Katholiken in dem berühmten Konstanzer Gesangbuch ihren deutschen Volksgesang und ihr deutsches Andachtsbuch. Unerbittlich wachte er darüber, dass Predigt und Katechese an den Sonn- und Feiertagen in den Mittelpunkt des Gottedienstes gerückt wurden.

Man versteht leicht, dass gerade diese Reformen auf starken Widerspruch stiessen. Den Wahn, als ob gewissen mechanischen Andachtsübungen, besonders wenn sie auch noch in einer unverstandenen Sprache erfolgten, eine besondere Kraft beiwohne, hatte die römische Kirche allerdings selbst grossgezogen. Das bisher gebrauchte liturgische Handbuch enthielt zahlreiche Formeln, um Mensch und Vieh und alles, was verhext sein konnte, zu beschwören und die Teufel auszutreiben. Wessenberg verbot aufs strengste solche kirchlichen Handlungen, ausser nach Erlaubnis der bischöflichen Behörde, die natürlich nie erteilt wurde.

Neben der kirchlichen Reform lag Wessenberg nichts dringender am Herzen, als die Hebung der allgemeinen Volksbildung. Den Hauptgrund, warum die Zustände nicht besser werden wollten, sah er im Mangel an geeigneten Vorbildungsanstalten. Zunächst versuchte er bei den Geistlichen Verständnis für die Aufgabe zu wecken. Eifriger Besuch der Schulen wurden den Pfarrern als eine Hauptpflicht ihres Berufes eingeschärft. Die Geistlichen sollten die ersten Freunde der Lehrer sein, ihre sachkundigen Berater, ihre Vorbilder in Berufstreue und christlicher Humanität. Jüngere Geistliche, die Begabung für das Schulwesen zeigten, wurden zu Pestalozzi geschickt, um unter seinen Augen das rechte Verständnis für die Volkserziehung zu gewinnen, noch mehr aber, um an der belebenden, opferwilligen Liebe, die von dem Meister ausströmte, das eigene Herz für die grosse Aufgabe der Menschenbildung zu begeistern.

Solche von pestalozzischem Geiste belebten Geistlichen wurden dann als Schulvisitatoren bestellt, manche von ihnen auch veranlasst, junge Leute in ihr Haus aufzunehmen, um sie im Lehramt heranzubilden. So entstanden, bevor noch vom Staat etwas durchgreifendes geschah, in der Diözese mehrere kleine Lehrerseminare. Vor allen anderen ragte W. Strasser, der Münsterpfarrer von Konstanz hervor. Auch Nabholz und Hermanuz, die Vorstände der besonders auf Wessenbergs Betreiben gegründeten Lehrerseminare, waren Träger seiner Reformgedanken. Dass sie in den dreissiger und vierziger Jahren noch in voller Wirkung standen, bezeugt jedes Wort meines Vaters über seine Lehrer und späteren Vorgesetzten.

Es ist nicht meine Absicht, das Leben und die Schicksale Wessenbergs zu Ende zu verfolgen. Kleine Neuerungen und Eigenmächtigkeiten mochten von Rom noch geduldet werden, aber sein Hauptgedanke, der katholischen Kirche in Deutschland nationales Eigenleben zu schaffen, musste auf den schärfsten Widerstand stossen. An dem mit neuer Kraft die Kirche beherrschenden jesuitischen System musste jeder Befreiungsversuch scheitern. In dem Augenblick, wo ganz Deutschland in Wessenberg den einzig würdigen Nachfolger Dalbergs erblickte, wurde seinem weiteren Wirken Halt geboten. Als Mitglied der Ersten Badischen Kammer und als Schriftsteller hat er aber noch Jahrzehnte lang eine segensreiche Tätigkeit entfalten können.

Wäre Wessenbergs Gedanke durchgeführt worden, Geistliche und Lehrer zu gemeinsamen Wirken zu erziehen, wer wollte leugnen, dass daraus die segensreichsten Folgen hätten hervorgehen können? Dass ein solches Vertrauensverhältnis möglich war, zeigen viele Beispiele. Ob es sich aber bei der grossen Masse der Lehrer und Geistlichen auf die Dauer hätte lebendig erhalten lassen, mag man mit Recht bezweifeln. Äussere Autorität ohne innere Berufung musste ebenso zu Konflikten führen, wie unberechtigter Dünkel ohne entsprechende Leistung. Die Empfindlichkeit des emporstrebenden Lehrerstandes gegen jede Art von Bevormundung musste um so schärfer hervortreten, je weniger eine an unbedingte Autorität gewöhnte Geistlichkeit bereit war, ererbte Rechte aufzugeben.

Wie ein junger Kaplan, der die ganze Welt bekehren und erneuern will, hatte sich mein Vater in den Beruf gestürzt. Die grösste Förderung verdankte er nächst seinem alten Freund Steiger, mit dem er dauernd in Verbindung bleiben konnte, dem Pfarrer Grafmüller, der als unmittelbarer Vorgesetzter die jungen Lehrer des Bezirks zur Weiterarbeit anzuleiten hatte. "Es herrschte ein reger Geist unter uns, und ich denke mit Freude und Stolz an jene schönen und anregenden Zeiten zurück." Es scheint, dass Grafmüller besonders auch auf die musikalische Weiterbildung meines Vaters grossen Einfluss hatte, da er selbst ein ausgezeichneter Musiker war.

  • Im ersten Jahr seiner Tätigkeit hatte mein Vater die unteren drei Klassen zu unterrichten. Schon 1846 wurde der alte Lehrer Hungerer - Träger eines wahrhaft klassischen Namens - zur Ruhe gesetzt, und der zwanzigjährige Unterlehrer zwei Jahre lang mit allen acht Klassen belastet. Keine Frage, dass er diese zweifelhafte Auszeichnung seinem Arbeitseifer verdankte, aber auf die Dauer war es ein unmöglicher Zustand. Man stellte also noch einen zweiten Lehrer an, namens Harter, der nur die Unterklassen übernahm. Mehr auf hohe Politik als auf Arbeit eingestellt, schloss dieser sich im Mai 1849, als auch in Mahlberg die Revolution hohe Wellen schlug, den Freischärlern an und fuhr ohne Urlaub, schwer mit einem Schiessgewehr bewaffnet, Karlsruhe zu. Mein Vater hatte sich durch die Drohungen des Mahlberger Bürgergenerals und seiner Anhänger nicht einschüchtern lassen, und tat seinen Dienst weiter. Harter wurde nach Niederschlagung der Revolution zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und wanderte nach Amerika aus, da er nicht im Schuldienst bleiben konnte. Die Mahlberger bekamen zur schnelleren Beruhigung eine preussische Strafabteilung. Einen Leutnant, der vermutlich der Höchstkommandierende war, behielt mein Vater in besonderem Andenken. Er spielte Klavier und machte von der Erlaubnis, den Schiedmayerschen Flügel zu benutzen, den sich mein Vater Gott weiss aus welchen Mitteln erworben hatte, einen durch nichts beschränkten Gebrauch. Ich werde noch mehr als einmal von dem braven Hausmöbel zu erzählen haben, der mit uns fast ein halbes Jahrhundert lang Freud und Leid geteilt hat.

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© Julius Ruska 1937