Drittes Kapitel.

Berufsausbildung in Meersburg.
Mit zwei anderen Schicksalsgenossen, D. Schaub und N. Hofstetter trat der junge Ruska Ostern 1843 den Weg nach Meersburg an. Auch in den Jahren nach dem Besuch der Klostertante war das Reisen noch nicht bequemer geworden. Die erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth war zwar schon einige Jahre in Betrieb, und das von Ärzten befürchtete Delirium furiosum hatte sich weder bei den reisenden, noch bei den Zuschauern eingestellt, so daß man Mut zu neuen Unternehmungen bekam. Es fiel aber immer noch schwer, die Mittel aufzubringen und es war ein kühner Entschluß, als die Landstände1838 dem Bau einer Eisenbahn zustimmten, die Baden in der ganzen Länge von Mannheim bis Basel durchziehen sollte. Geländeschwierigkeiten waren nicht zu überwinden; die Gefahr für Mensch und Vieh liess sich vermindern, wenn man die Bahnlinie von den Städten und Dörfern möglichst fernhielt. Als erste Teilstrecke wurde Mannheim-Heidelberg in Angriff genommen. Es half den Seckenheimer und Wiblinger Bauern nichts, daß sie sich verzweifelt zur Wehr setzten. Am 11. September 1840 wurde der erste Zug losgelassen. Nach weiteren zweieinhalb Jahren war die Strecke Heidelberg-Karlsruhe fertiggestellt, im Jahre 1844 gelangte man bis Offenburg und Kehl, 1845 bis Freiburg. Die Schwarzwaldbahn von Offenbach nach Konstanz, Gerwigs Meisterwerk, wurde erst 1873 vollendet, die Querverbindung von Freiburg über Neustadt und Donaueschingen erst 1896 vollständig durchgeführt. Doch es wird Zeit, daß wir uns nach den drei Kandidaten umsehen, sie könnten sonst den Bodensee erreichen, ohne daß wir dabei gewesen sind.

Von den Segenswünschen der Alten begleitet und mit reichlichem Proviant versehen, den Stock in der Hand, das Felleisen auf dem Rücken hatten sie sich am frühen Morgen auf den Weg gemacht. Es war für keinen ein leichter Abschied gewesen. Bei Riegel, wo sich der Kaiserstuhl am weitesten nach Osten vorschiebt, entschwand die engere Heimat den Blicken. Um die Mittagszeit wurde Freiburg erreicht, dann gings durch die grünenden Felder und blühenden Obstgärten des Himmelreichs in den Schwarzwald hinein. So weit wars für die an lange Märsche nicht gewöhnten Burschen noch zu ertragen; aber nun änderte sich das Bild. Schon totmüde mußten sie noch den Aufstieg durch das Höllental hinter sich bringen. Als sie bei hereinbrechender Nacht das Kruzifix bei Hinterzarten erreicht hatten, brachen sie zusammen. Ob sie bei mitleidigen Bauern Unterkunft und Atzung fanden, oder in einem Wirtshaus übernachteten, und wieviel Zeit sie für den Rest des weiten Weges brauchten, ist in meines Vaters Erinnerungen nicht erzählt. Kurz hinter Stockach kam der Überlingersee in Sicht. Ein aufregendes Erlebnis, denn ein so großes Wasser hatte noch keiner gesehen. Stundenlang führte die Straße am Ufer hin, Überlingen wurde passiert, Oberuhldingen gestürmt, endlich standen sie an den Pforten des Seminars.

Wer kennte Meersburg nicht, das alte Nest mit seinen Schlössern und Weinbergen und seinem Friedhof hoch über dem See? Seine Geschichte reicht, mit der von Konstanz aufs engste verknüpft, in die Römerzeit zurück. Als die Konstanzer Bürger sich der Reformation anschlossen, machten die Bischöfe Meersburg zu ihrer Residenz. Einem Konflikt im 18. Jahrhundert verdankt das neue Schloß und das Seminargebäude seine Entstehung. Der Fürstbischof Johann Franz von Staufenberg hatte von den Konstanzern Bauplätze in der Nähe des Münsters gefordert, um eine neue Residenz und ein Priesterseminar zu errichten. Als man die Plätze verweigerte, führte er seine Absichten in Meersburg durch. Das Seminar konnte schon 1734 seiner Bestimmung übergeben werden; der Umbau des Regierungsgebäudes in ein modernes Residenzschloß nahm mehr Zeit in Anspruch und wurde erst 1750 durch den Nachfolger des Bischofs zu Ende geführt. Das neue Schloß bot Raum genug für eine fürstliche Hofhaltung, wie sie bei der hohen Geistlichkeit im Zeitalter des Absolutismus üblich geworden war; das alte Schloß wurde den Beamten und Gästen als Wohnung zugewiesen.

Das Priesterseminar diente noch unter Wessenberg seiner ursprünglichen Aufgabe. Nach Errichtung des Freiburger Erzbistums und Klerikerseminars wurden die Meersburger Gebäude Staatseigentum. Als sich die Regierung entschloß, ein zweites katholisches Lehrerseminar einzurichten, wurde das Seminar zur Aufnahme der Zöglinge ausersehen. Es hatte bis zur Novemberrevolution der Lehrerbildung gedient und dem Stande tüchtige Männer zugeführt. Das alte Schloß kam, nachdem es erst das Hofgericht beherbergt hatte, in den Besitz des Freiherrn von Laßberg. Er hat es vor dem Verfall bewahrt und bis zu seinem Tode 1855 bewohnt. Bekanntlich hat auch die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff 1844-48 ihre letzten Lebensjahre bei ihrem Schwager Laßberg verbracht.

Die drei Kandidaten, die 1843 in Meersburg eintrafen, werden von der Dichterin ebensowenig erfahren haben wie von Laßbergs herrlichen Minnesängerhandschriften. Sie hatten genug damit zu tun, sich in der neuen Welt, in die sie versetzt waren, zurecht zu finden und den Anforderungen eines unerhört strengen Lehr- und Lernbetriebs zu genügen. Wie mögen die so jäh der Freiheit Beraubten die Möwen beneidet haben, die kreischend über dem Wasser ihre Kreise zogen!

Um die Verhältnisse zu verstehen, muß man einige Jahrzehnte zurückgehen und sich erinnern, daß das Großherzogtum in den Zeiten allgemeinen Elends und Kriegs aus den verschiedenartigsten Gebietsfetzen zusammengestückelt worden war. Wie immer und überall, waren den Regierungen zuerst die Gelder für Kulturausgaben und Volksbildung ausgegangen. Besonders trostlos waren die Verhältnisse in den ehemaligen österreichischen Landen. Es war natürlich nicht schwer, auf dem Papier neue Lehrpläne festzusetzen und an die armen Teufel von Lehrern unerfüllbare Forderungen zu stellen. Für die elementarste Sicherung ihres Lebensunterhalts war nach wie vor kein Geld da. So war es eine Tat, als der Abgeordnete Kern auf dem ersten Badischen Landtag 1819/20 in einer Motion zur Besserstellung der Lehrer die Mißstände schonungslos aufdeckte. Ich gebe einen Teil seiner Ausführungen:

"An keiner Schule wird sich dabei begnügt, daß die Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden. Der Lehrer soll nach den neuen Schuleinrichtungen Geschichte, Erdkunde, Höhere Arithmetik, Geometrie, Physik, Sprachkenntnisse, Naturgeschichte, Gesundheitslehre, Phrenologie, Botanik verstehen und in jeder Hinsicht ein gebildeter Mann sein. Er muß die Elementarschule, die Industrieschule, die Nachtschule, die Sonntagsschule besorgen und am Ende wohl gar eine Turnanstalt errichten - und welches sind die Vorteile, die man für eine solche Anstrengung bietet? Vor nicht langer Zeit waren auf dem Schwarzwalde gar keine öffentlichen Schulen, sondern ein Landstreicher oder ein dienstloser Knecht wanderte von Hof zu Hof und suchte im Taglohn die Kinder mit Rute und Knüppel zu bilden. Vor wenig Jahren noch waren die Beispiele nicht selten, daß selbst da, wo wirklich Schulen etabliert sind, die armen Gemeinden des Schwarzwaldes das Schulhalten jährlich den Wenigstnehmenden verdingten und hierbei einzig nur darauf dachten, so wohlfeil als möglich einen Schulhalter aufzutreiben. Wenn diese groben Mißbräuche dermalen nicht mehr geduldet werden, so fehlt es doch nicht bis auf den heutigen Tag an Schulen, wo der Lehrer gar keinen Gehalt hat, sondern bloß auf den Wandertisch verwiesen und alle Tage von einem anderen Bauern mit den Knechten und Mägden kümmerlich abgefüttert wird, oder wo die ganze Schulbesoldung in jährlich 15, 20 bis 30 Gulden besteht. In sehr wenigen Schulen des Schwarzwaldes erreichen die Schulgehalte die Summe von 80 bis 100 Gulden, und selbst auf dem flachen Lande, bei weniger armen Gemeinden, sind in allen Teilen des Großherzogtums Schuldienste mit einer Bezahlung von 100 bis 200 eine häufige Erscheinung.

Die nächste Folge dieser erbärmlichen Existenz der ersten Volkslehrer ist sehr natürlich der elende Zustand der Schulen selbst. Wer wird wohl unter solchen Verhältnissen, wenn ihm irgendein anderer Nahrungszweig offenbleibt, sich zu dem mühsamen, weder Verdienst noch Ehre bringenden Schulfache entschließen, und wie oft war man bei Vakatur einer Schwarzwälder Schule in dem Falle, wegen Mangel tauglicher Kompetenten irgendeinen Bauern, welcher selbst kaum lesen und schreiben kann, unmittelbar vom Pfluge zu nehmen, ein paar Wochen von einem Musterlehrer unterrichten zu lassen, und dann in Gottes Namen als Schullehrer anzustellen! Es ist klar, daß er durch seine Erbärmlichkeit zum Gespött wird oder mit starker Faust das Schulzepter über die Köpfe der Kinder schwingt und in keinem Falle die Volksbildung auch nur um eine Linie vorwärtszurücken versteht, übrigens aber bei den Bauern betteln oder im Taglohn arbeiten muß, und die Schule, um dem Hungertode zu entlaufen, nur als Nebensache behandeln kann."

Die Motion hatte den Erfolg, daß 20000 Gulden zur Aufbesserung der Lehrergehälter in den Staatshaushalt eingesetzt wurden, so daß das geringste Einkommen eines Lehrers nun die stattliche Summe von jährlich 114 Gulden, also für den Tag 18 Kreuzer oder 6 Groschen betrug. Ein Taglöhner verdiente damals täglich 30 bis 48 Kreuzer. Neue Petionen führten 1831 zu einer Erhöhung des Staatszuschusses um 12000 Gulden, doch das genügte schon, die Gegnerschaft gegen die maßlosen Ansprüche der Schulmeister auf den Kampfplatz zu rufen. Man wisse doch, führte L. Winter 1835 aus, daß die Schullehrer nicht aus den höheren, auch nicht einmal aus den mittleren Ständen hervorgingen , sondern Söhne von Taglöhnern, Kleinbauern, Handwerkern oder - wieder - von Schullehrern seien. Wenn sie nicht schon zu Hause ein erbärmliches Leben gehabt hätten, wären sie kaum Schullehrer geworden, sondern Taglöhner oder Handwerker geblieben, und hätten es als solche vielleicht zu einem weit höheren Vermögen und Ansehen in der Gesellschaft gebracht. Sie hätten ja gewußt, was ihnen bevorstand und keine Erhöhung der Besoldung werde bewirken, daß sich die Söhne vermögender Eltern dem Lehrerstand widmeten. Da die meisten Kandidaten aufs Land zurückkämen, sei es auch nicht wünschenswert, daß sie über die Verhältnisse lebten; man mache sie nur unglücklich, wenn man ihre Einnahme so hoch hinaufschraube, daß alles verrückt werde und der Schullehrer gar glaube, seinen Kindern eine bessere Erziehung geben zu müssen.

Man muß nicht denken, daß die von einem angesehenen Regierungsvertreter gegen die weitere Hebung des Lehrerstandes gerichtete Rede eine persönliche Entgleisung war. Sie entsprach der tatsächlichen Lage, und insbesondere der Gesinnung des eigentlichen Beamtentums und der weitesten Volkskreise. Der Schullehrer sollte ein devotes Subjekt bleiben. Das Schulgesetz von 1835 legte nicht nur für lange Zeit die Gehälter fest - ein Unterlehrer erhielt 45 Gulden jährlich in bar und freie Wohnung und Kost beim Hauptlehrer, ein Hauptlehrer 140 Gulden als Anfangsgehalt - auch die Hörigkeit gegenüber dem Ortsgeistlichen wurde durch den Zwang zum Organisten-, Messner- und Glöcknerdienst noch besonders unterstrichen. Und dennoch - wer das Lehrertum jener Zeit nur nach seinen elenden Lebensbedingungen, nach den Kämpfen um materielle Besserstellung und öffentliche Geltung beurteilen wollte, der würde seinen Geist und inneren Wert völlig falsch verkennen. Es war ja nicht das Privileg des Schulmeisterstandes, sich kümmerlich duchs Leben zu schlagen. Auch Künstler und Dichter, Philosophen und Erfinder haben gehungert und haben sich ihren Zielen und Aufgaben nicht entfremden lassen. Dem Stande der Volkserzieher aber leuchtete damals mit seiner ganzen heißen Liebe zu den Armen und Ärmsten jener Schweizer voran, Johann Heinrich Pestalozzi, der recht eigentlich erst das Ideal des Volkslehrers geschaffen und verwirklicht hat. Wie zu einem Propheten waren in den Jahren von 1805 bis 1825 Jünglinge und reife Männer nach Iferten geströmt, um als begeisterte Apostel seiner Erziehungslehre wieder in ihre Heimat zurückzukehren und neuen Samen auszustreuen. So viel man auch an seinen persönlichen Unterrichtserfolgen, seinem Wissen, seiner Fähigkeit zur Leitung von großen Unternehmungen aussetzen mochte, nie hatte ein anderer ihn an Aufopferung, an Uneigennützigkeit, an Begeisterung für die Aufgabe des Erziehers erreicht oder übertroffen. Und an dieser Welle der Begeisterung für die Aufgaben der Volkserziehung muß man denken, wenn man die Lehrer jener Zeit verstehen will.

Ein Jünger Pestalozzis war auch Philipp Jacob Nabholz, der erste Direktor des Meersburger Seminars gewesen. Ihm vor allem verdankt das Badische Schulwesen seine erste Blüte und die Lehrerausbildung ihre Erneuerung. Er war 1772 zu Villingen geboren und trat mit 18 Jahren in den Benediktinerorden ein, weil er hoffte, hier tiefere Studien machen zu können. Man verbot ihm aber gerade das, was er mit heißer Liebe erstrebt hatte, so daß er entwich und erst mit 30 Jahren "nach einigen Irrfahrten" zum theologischen Studium gelangte. Im Meersburger Priesterseminar weiter vorbereitet, empfing er 1806 die Weihen und übernahm bald darauf die Leitung einer Lehrerbildungsanstalt im Kloster Kreuzlingen. Im Jahre 1814 gelang es ihm, nach Iferten zu Pestalozzi zu kommen, der ihn mit unwiderstehlicher Gewalt anzog. Nach manchen Enttäuschungen im eigenen Lande folgte er einem Ruf nach Aarau und wirkte dort 12 Jahre lang, bis ihm endlich die Badische Regierung die Leitung des 1834 in Rastatt errichteten Seminars anbot. Als das zweite Seminar in Meersburg errichtet wurde, übernahm er die neugegründete Anstalt, glücklich, an die Stätte alter Erinnerungen zurückkehren zu können. Er starb, von allen, die ihn kannten, tief betrauert, im Jahre 1842, nach Vollendung seines 70. Lebensjahres.

Unter seinem Nachfolger Nesselhauf, der ebenfalls ein Geistlicher war, haben die Grafenhausener ihre Seminarjahre absolviert. Ich lasse hier wieder die Aufzeichnungen meines Vaters zu Wort kommen:

"Wir hatten im Seminar zwei harte Jahre durchzumachen. Im Sommer mußten wir schon um 5 Uhr früh in den Schulsälen antreten. nach dreistündigem Unterricht erhielten wir ein Frühstück, um 9 Uhr fing der Unterricht wieder an und dauerte bis 12 Uhr. Nach dem Mittagessen war eine Pause bis 2 Uhr, die wir aber zur Erledigung schriftlicher Arbeiten zu benützen hatten. Daran schloß sich weiterer Unterricht bis 4 oder 5 Uhr an, dann hieß es für den folgenden Tag arbeiten. Am Mittwoch nachmittags hatten wir frei, das heißt, wir mußten entweder einen Gewaltmarsch machen oder den ganzen Nachmittag Holz spalten und Gartenarbeit verrichten. Oft genug standen wir in der Nacht auf, um bei elendem Licht unsere Aufgaben fertig zu machen. Es ging uns schlecht, wenn nicht alles in Ordnung war. Im Winter fing der Unterricht morgens um 6 Uhr an, schloss aber dann auch erst um 6 Uhr abends. Eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn mußten wir aus den Betten. Wir schliefen in zwei großen Sälen. Die Betten waren nicht gerade schlecht, aber hart genug; im Winter erhielten wir noch eine zweite Wolldecke. Wir hatten uns bei jedem Wetter, auch im Winter, wie Stallknechte im Hof am Brunnen zu waschen und die Betten noch vor dem Unterricht in Ordnung zu bringen. Das Schlimmste von allem war die Hungerkost. Sie war nach Menge und Beschaffenheit erbärmlich und nahm in keiner Weise Rücksicht auf das, was junge und angestrengt arbeitende Menschen nötig haben. Dabei war auch noch unter schwerer Strafe verboten, sich von zu Hause mit Fleisch, Brot oder Obst nachhelfen zu lassen. Die ganze Lebensweise glich mehr der eines Trappistenklosters als einer Erziehungsanstalt. In den ersten Monaten meiner Seminarszeit litt ich dauernd an heftigem Kopfweh und schmerzhaftem Druck auf die Brust. Die Ursache war das anhaltende Sitzen und die völlig veränderte Lebensweise."

Man tut dem Nachfolger Nabholzens schwerlich Unrecht, wenn man meint, daß etwas mehr von der Pestalozzischen Liebe auch den Seminaristen , die da in Meersburg gezähmt werden sollten, nicht zum Unheil ausgeschlagen wäre. Wie eine so strenge Zucht schließlich wirkt, ob sie zerstört oder aufbaut, ob sie stählt oder abstumpft, das kommt schließlich auf den jungen Menschen an, den sie trifft. In meinem Vater legte sie den Grund für ein eisernes Pflichtgefühl, für ein volles Aufgehen im Beruf, für unbedingte Wahrhaftigkeit gegen sich selbst und gegen alle, mit denen ihn das Leben in Berührung brachte. Es lebte in ihm ein zäher Wille, ein unerschöpflicher Kraftvorrat, ein leidenschaftlicher Drang, sein Wissen und Können zu mehren. Was er nicht schon von Haus aus mitgebracht und unter Steigers fester Hand entwickelt hatte, das wurde gewiss in dieser harten Lehrzeit zur Reife gebracht. Vergessen wir nicht, daß auch die Seminarlehrer um 5 Uhr morgens zur Stelle waren, und daß Unterrichten immer noch ein gut Teil anstrengender ist als Unterricht erhalten. Jedenfalls ist nicht zu bestreiten, daß diese Zucht ganz und gar den Idealen des Regierungsvertreters Winter entsprach und hervorragend geeignet war, ausschließlich Bauernburschen und allenfalls noch Lehrerssöhne dem Beruf zuzuführen.

Der Direktor Nesselhauf war nach dem Urteil meines Vaters ein Mann von ausgebreiteter Bildung, ein felsenfester Charakter und ein vortrefflicher Lehrer. Seine tiefdurchdachten Sonntagspredigten in der Seminarkirche wurden auch von den Beamten und Bürgern Meersburgs fleissig besucht. Am Seminar gab er, abgesehen von den Religionsstunden, die Erziehungs- und Unterrichtslehre, die allgemeine und deutsche Geschichte und den deutschen Sprachunterricht. Eine früh einsetzende und in großer Launenhaftigkeit sich äußernde seelische Erkrankung legte sich leider wie ein Alp auf den Seminarbetrieb. Das Leiden artete zuletzt in Geisteskrankheit aus, so daß Nesselhauf nach der Illenau verbracht werden mußte, wo er im Jahre 1861 starb, ohne Heilung gefunden zu haben.

Vom Jahre 1845 an wurden regelmäßig Jahresberichte veröffentlicht. Als wichtigstes Ereignis wird im ersten Bericht ein Besuch des Großherzogs Leopold im Sommer 1843 gefeiert: "Die Zöglinge empfingen den allgeliebten Landesvater mit Gesang und erhielten die gnädigste Erlaubnis, einige religiöse und vaterländische Gesänge vorzutragen. Seine Königliche Hoheit geruhten huldvollst eine volle Stunde die Zöglinge anzuhören. Es war ein rührender, die Lehrer und Zöglinge erhebender Anblick, wie der allgeliebte Landesvater im prunklosen, einfach gezierten Saal bei der vaterländischen Jugend verweilte, in freundlichster Herablassung mit den Lehrern sprach, den Zöglingen das Höchste Wohlgefallen gnädigst zu erkennen gab und vor dem Weggehen aus dem Saale wahrhaft väterliche Worte der Ermunterung huldvollst an dieselben richtete … Nachdem Seine Königliche Hoheit den vom Vorstand der Anstalt geäußerten Dank gnädigst entgegengenommen hatten, schieden Höchstdieselben wieder unter den lauten Segenswünschen der freudigbewegten und dankerfüllten Lehrer und Zöglinge … Es ist und wird dieser Tag insbesondere für die Lehrer und damaligen Zöglinge der hiesigen Anstalt eine der schönsten Erinnerungen ihres Lebens seyn".

Auch die Grafenhausener Seminaristen müssen diesen allerhöchsten Besuch miterlebt haben. In den Erinnerungen meines Vaters ist nichts von diesem Ereignis zu finden.

Wir erfahren aus dem Programm auch etwas über die Kosten der Seminarausbildung. Sie betrugen für jedes Jahr 70 Gulden, die in drei Raten zu zahlen waren; dazu kamen noch jährlich 6 Gulden für die Benützung der Betten, für Heizung und Beleuchtung. Für dürftige und würdige Zöglinge waren Stipendien ausgesetzt, die zwischen 20 und 80 Gulden schwankten. Ich weiss nicht, ob mein Vater für hinreichend dürftig und würdig befunden worden ist, ein solches Stipendium zu erhalten. Er bemerkt nur einmal gelegentlich, daß es seinen Eltern sehr schwer gefallen sei, das Geld aufzubringen, und das dürfen wir wohl glauben, denn 70 Gulden jährlich war ja mehr als ein Unterlehrersgehalt.

Neben dem Direktor hatten sich noch drei Lehrer in den Betrieb der Anstalt und den Unterricht zu teilen. Der Seminarlehrer Karl Jung, später Kreisschulrat in Baden-Baden, hatte neben seinen Unterrichtsstunden noch die Aufsicht über die sogenannte Menage und die Gartengeschäfte, der Seminarlehrer Johann Flink über die Ökonomie, den Musikunterricht erteilte der Professor K. August Weber. Alle drei waren schon mit Nabholz nach Meersburg gekommen.

Den Hauptinhalt der Berichte bilden die Lehrpläne, auf deren Mitteilung im einzelnen ich ebenso gerne verzichte, wie es die Leser dieser Blätter tun werden.

Vier wöchentliche Religionsstunden waren den Verhältnissen wohl angemessen, denn die Lehrer kamen nicht nur als Organisten in engste Verbindung mit dem katholischen Kultus und seinen mannigfaltigen Anforderungen, sondern hatten auch einen erheblichen Teil des Religionsunterrichts zu geben.

Erziehungslehre war im ersten Kurs mit zwei, Unterrichtslehre mit Übungen in der Seminarschule im zweiten Kurs mit vier Stunden angesetzt. Auch das mag für die genügt haben, die neben dem nötigen Verstand die Berufung für ihr künftiges Amt in sich trugen. Wen Gott in seinem Zorn zum Lehrer werden ließ, dem konnte auch mit zehn Stunden Unterrichtskunde nicht geholfen werden. Wie weit noch Pestalozzischer Geist lebendig nachwirkte, wieweit er bereits zu Dogmatik und Regelwerk erstarrt war, läßt sich aus den Lehrpänen nicht entnehmen. Eine starke Persönlichkeit muß auch Nesselhauf gewesen sein. Eine so fesselnde wie Nabholz zu sein, war ihm versagt.

Dem deutschen Unterricht standen in jedem Kurs sechs Stunden zur Verfügung. Hier ist vielleicht auf Formalien mehr Wert gelegt worden, als heute für nötig gehalten wird. Wo keine Fremdsprache dazu mißbraucht werden kann, den deutschen Jüngling grammatisch und logisch zu drillen, da muß eben die Muttersprache dafür herhalten, und wenn der Lehrer zu logischem Denken erziehen soll, muß er selbst erst dazu erzogen sein.

Es ist mir nicht klar, welchen Zwecken der lateinische und französische Unterricht dienen sollte, den mein Vater jahrelang vom Dekan Steiger erhielt. Hatte dieser ursprünglich doch daran gedacht, den Buben dem geistlichen Stand zuzuführen? Und hatte er allmählich die Überzeugung gewonnen, daß diese Art von gelehrtem Wissen bei dem ganz auf Auge und Hand, auf Beobachten und Zugreifen eingestellten jungen Menschen wenig Nutzen stiften konnte? Ich habe später in meines Vaters Bücherregal von fremdsprachlichen Dingen nur eine alte französische Grammatik entdeckt; im Latein bin ich ihm wohl schon mit 10 Jahren übergewesen.

Dem Seminarleiter Jung war das ganze Gebiet der sogenannten Realien anvertraut, Geschichte und Geographie, Naturgeschichte und Naturlehre, Gesundheitslehre und Landwirtschaft. Um mir dieser zu beginnen, so lernten die Seminaristen im ersten Kurs, wie sich's gehört, vor allem die Behandlung des Mistes, dann den Anbau der Garten- und Feldgewächse. Im zweiten Kurs wurden die Bodenarten und ihre Verbesserung behandelt, die Feldgewächse wurden wiederholt, die Obstbaumzucht kam hinzu. Praktisch übte man sich in der kunstgerechten Herstellung von "Kompost", in Gartenarbeit, in der Veredlung der Obstbäume und der Behandlung der Reben. Daß dies nicht lediglich auf dem Papier stand, sondern mit allem Ernst betrieben wurde, kann ich aus eigenem Erleben bestätigen, wenn ich daran denke, wie ich auf unserem eigenen Grund und Boden später den Vater hantieren sah. In manchen Jahren scheint Jung die der Landwirtschaft zugeteilte Stunde der Naturgeschichte angegliedert zu haben; die praktische Arbeit, die das ganze Jahr hindurch währte, erlitt dadurch jedenfalls keine Einbuße.

Die Gesundheitslehre war der Naturgeschichte und der Naturlehre eingegliedert. Warum die Behandlung von Scheintoten in den Lehrplänen immer ausdrücklich hervorgehoben wird, könnte Verwunderung erregen, wenn man sich nicht erinnerte, daß damals Ärzte nicht so schnell wie heute zur Stelle waren.

Während die Naturgeschichte, also Tier- und Pflanzenkunde, eine gewisse Abrundung zeigt, macht die Naturlehre, wie man damals die elementare Physik nannte, einen recht dürftigen Eindruck. Das notwendigste über die sogenannten einfachen Maschinen, Hebel, Flaschenzug und dergleichen, vielleicht auch ein Wort über Dampfmaschinen und die Leidener Flasche, ist so ziemlich alles, wovon die Rede war.

Geschichte wurde nach einem Leitfaden von I. Deck gelernt, der noch ein halbes Jahrhundert später in immer neuen Auflagen in den Schulen gebraucht wurde. In der Erdkunde fällt das starke Hervortreten der mathematischen Geographie auf.

Enger begrenzt, aber nicht weniger wichtig war das Arbeitsgebiet des Seminarleiters Flink. Es umfaßte die mathematischen Fächer und jede Art von Zeichenunterricht. In der Auswahl des mathematischen Stoffs zeigt sich ein gewisses Schwanken und Experimentieren, die Geometrie ist durchaus auf die praktische Anwendung zugeschnitten. Besonders wertvoll scheint der Zeichenunterricht gewesen zu sein, wenn nicht die persönliche Begabung, die bei meinem Vater vorlag, zu falschen Schlüssen verleitet. Er erwähnt in seinen Erinnerungen, daß ihm an Weihnachten 1844 die Aufgabe gestellt wurde, zu einer Weihnachtsaufführung ein großes Transparent zu malen, das die Weihnachtsnacht mit den Hirten darstellte. Wie vielseitig sein Können war, habe ich später mit Bewunderung an den zahllosen Blättern gesehen, die sich von den Gewerbeschülern bei uns zu Hause ansammelten.

So wäre nur noch der Musik und ihres Lehrers zu gedenken. Man weiß, daß die Musik, vor allem das Violin- und Orgelspiel eine der Hauptsäulen der Lehrerbildung war. In Meersburg lag der Unterricht in den Händen eines Mannes, der zwar ein tüchtiger Musiker, aber ein umso schlechterer Lehrer war. Weber versäumte die Hälfte der Stunden, und wenn er einmal kam, pflegte er nicht ganz nüchtern zu sein. Von Disziplin war natürlich keine Rede; es war fast ein Wunder, daß trotzdem von den begabteren Zöglingen einiges geleistet wurde. Was mein Vater später als Chordirigent und Klavierlehrer leistete, war, wie so vieles andere, nur die Frucht der eigenen Weiterbildung.

Von Turnen und Sport haben unsere Großväter noch nicht viel gewußt. Das Turnen wurde erst nach dem Weggang meines Vaters im Jahre 1845 eingeführt. Die sogenannte körperliche Ertüchtigung wurde damals durch Gartenarbeit, Holzhacken und Ausmärsche erzielt. Von einem der anstrengensten kann ich Einzelheiten erzählen. Morgens um drei Uhr zog man los, gegen Marktdorf zu und in weitem Bogen auf den Höchsten, den Hauptgipfel des Linzgauer Gebirges. Der Marsch dauerte gegen sechs Stunden und wurde durch eine wundervolle Aussicht belohnt. Die Alpenkette mit dem Säntis als beherrschender Gruppe, der ganze Bodensee, die Alb und der Hohenzollern, der ferne Saum des Schwarzwaldes - das alles bot den empfänglichen jungen Menschen ein mit Entzücken genossenes Bild. Dann brach man wieder auf und erreichte gegen Mittag Heiligenberg. Im Gasthof Zur Post wurde Rast gemacht. Das Essen schmeckte vorzüglich, aber fast noch tiefer war der Eindruck, den die zwei Töchter des Gasthofbesitzers in ihrer schmucken Tracht auf die Herzen machten. Nachdem das Schloss Heiligenberg mit seinen Sammlungen besichtigt war, wurde über Salem der Heimweg angetreten. Gern hätten die Seminaristen die herrliche Orgel erklingen lassen, aber die Manuale waren geschlossen und man mußte sich mit der Bewunderung des äußeren Aufbaues begnügen. Es blieb noch eine Stunde zum Ausruhen und Durstlöschen, ehe man nach Meersburg aufbrach, das nach weiteren drei Stunden erreicht wurde.

Von anderer Art waren die Wege, die die Schicksalsgenossen zurücklegten, wenn es in die Ferien ging. Trotz der weiten Entfernung wurde keine Ferienzeit versäumt, um sich zu Hause wieder einmal sattessen zu können. Sechsmal machten die Kameraden miteinander den Marsch über den Schwarzwald nach der Heimat, sechsmal zurück nach Meersburg. Jedesmal schlug man wieder andere Wege ein. Unvergeßlich war die Erinnerung an die Fahrt mit einem der ersten Raddampfer, die zwischen Konstanz und Schaffhausen verkehrten. Man findet Bilder dieser seltsamen Fahrzeuge mit ihren himmelhohen Schornsteinen in allen illustrierten Blättern jener Zeit. Ein besonders dankbar begrüßter Fall war es, als man einmal mit einem Frachtfuhrwerk aus Ettenheim, das in Dürheim Salz zu holen hatte, den ganzen Weg durch das Kinzigtal und von Hasslach über Hornberg bis Dürheim im Wagen zurücklegen konnte. Der leere Wagen hatte ein wasserdichtes Zeltdach, unter dem man herrlich auf Stroh schlief, denn der Fuhrmann fuhr auch die ganze Nacht hindurch. So gewann mein Vater früh schon eine Kenntnis des Schwarzwaldes, der Baar und der Bodenseelandschaft. Im hohen Alter noch, ja da am meisten, zog es ihn in diese vieldurchwanderten Gegenden. Sein letzter Besuch, seine letzte Reise mit 74 Jahren galt dem Bodensee.

  • Ein Fest war die Heimreise nach bestandener Prüfung. Die Freude der drei Weggenossen, nun von allem Zwang befreit ins volle Leben hineinsteuern zu können, war unbeschreiblich. Sie hätten vor Lust und Lieb die ganze Welt umarmen mögen. Diesmal brauchten sie einen Tag länger, um nach Hause zu kommen und auch bedeutend mehr Reisegeld.


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© Julius Ruska 1937