Zur Erinnerung an

Prof. Dr phil., Dr. phil. h. c. Julius Ruska

 (09.02.1867 -12.02.1949)

Von Dr. med. Helmut Ruska

 

Für die Festschrift zur 100-Jahr-Feier der Heidelberger Oberrealschule mit Realgymnasium hat mein Vater einen Beitrag "Die Schule unter Robert Salzer" geschrieben. Er hatte zwischen 1880 und 1910 in der Kettengasse Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet, sich später aber vor allem als Historiker der islamischen Naturwissenschaften hervorgetan. Durch seine "Tierkunde in aufsteigender Darstellung", seine "Grundzüge der Mineralogie", durch die "Geologischen Streifzüge in Heidelbergs Umgebung" und besonders durch die ausführliche "Methodik des mineralogisch-geologischen Unterrichts" hat er einen heute noch nachwirkenden Einfluß auf die naturwissenschaftliche Ausbildung an höheren Lehranstalten ausgeübt. Viele seiner Schüler aus der frühen Zeit blieben ihr Leben lang mit ihm befreundet. Dies alles würde aber noch nicht rechtfertigen, alte Erinnerungen aufzufrischen, wenn der Lebensweg meines Vaters nicht durch die gleichen Sorgen und Bestrebungen gekennzeichnet wäre, die heute noch Schule und Elternhaus betreffen und die jeden einzelnen angehen, den eine besondere Begabung auf eine ungewöhnliche berufliche Laufbahn führt.

Erziehung und Unterricht lagen meinem Vater vom Elternhaus her am Herzen. Schon mein Großvater Ferdinand Ruska war als ein reichbegabter und vielseitiger Lehrer in Bernau im Schwarzwald und in Bühl in Baden tätig. Hans Thoma erzählt im "Winter des Lebens", daß er seine Zeichenschule besuchte, und heute noch besitze ich ein mit dem Datum vom 5.9.1860 signiertes Ölbild der Innenansicht eines Schwarzwälder Stalls aus den Händen von Hans Thoma. Weiter zurück findet sich im Jahre 1748 in den Kirchenbüchern von Grafenhausen, nicht weit vom Kaiserstuhl, die Eheschließung des "honestus et perdoctus juvenis Nicolaus Rusca, ludimagister" mit der Witwe des vorherigen Schulmeisters verzeichnet. Beziehungen von meinem Ur-Ur-Ur-Großvater Nicolaus Rusca zu dem Porträtmaler Carlo Francesco Rusca (1696-1769) sind vermutet worden, aber nicht erwiesen. Mein Vater ist dem geschichtlichen Vorkommen des Namens Rusca, der sich heute noch in der Südschweiz und in Oberitalien findet, nachgegangen. Carlo Francesco war nicht der einzige künstlerisch Begabte. Vierzehn weitere Ruscas fand er als Architekten, Bildhauer und Maler im Schweizerischen Künstlerlexikon verzeichnet. Vom Erzpriester Nicolaus Rusca haben viele in Conrad Ferdinand Meyers Roman Jürg Jenatsch gelesen. Um 1560 geboren, starb er 1618 den Märtyrertod. Zu seinen Lebzeiten schrieb ein Zisterziensermönch Roberto Rusca eine ins legendäre gehende Geschichte des Namens, von der ein Exemplar in der Berliner Staatsbibliothek existierte. Besondere Genugtuung empfand mein Vater darüber, daß ein Julius Rusca Erzpriester am Dom von Como war.

Um sich mit den Sprachen vertraut zu machen, in denen die heiligen Bücher der Weltreligionen geschrieben sind, hatte mein Vater schon bevor er in den Lehrberuf für die Naturwissenschaften eintrat, Hebräisch und Arabisch studiert. Bei Rudolf Brünnow in Heidelberg erweiterte er seine Kenntnisse auf Syrisch, Assyrisch und Persisch. Nach dessen Weggang wurde Ernst Adalbert Merx sein Lehrer.

Als Früchte seiner ungewöhnlich vielseitigen Kenntnisse erschienen noch vor der Jahrhundertwende erste Beiträge zur Geschichte der Alchemie, aber seiner inneren Berufung die volle Kraft zu widmen, blieb ihm wegen wirtschaftlicher Notwendigkeiten und bürokratischer Fesseln lange versagt.

Erst als es nach dem Tode von Adalbert Merx - meinem Großvater - notwendig wurde, dessen hinterlassenen Schlußband über die syrischen, im Sinai-Kloster gefundenen "vier kanonischen Evangelien" druckfertig zu gestalten und der erteilte Urlaub hierzu nicht ausreichte, entschloß sich mein Vater, den Schuldienst aufzugeben. Mit einer Untersuchung über das Steinbuch des Aristoteles, dessen syrisch-persische Herkunft aus der persischen Prägung vieler Worte und aus den Fundorten der Mineralien nachgewiesen wurde, konnte er sich 1911 an der Heidelberger Universität habilitieren.

Der erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit brachten ihn in begrenztem Maße zum Schuldienst an das Gymnasium zurück. Aber nach 1924 widmete er sich ausschließlich dem Heidelberger Institut für Geschichte der Naturwissenschaft und seit 1929 dem Forschungsinstitut für Geschichte der Naturwissenschaften in Berlin. Glück und Unglück einer großen Familie begleiteten Jahre schwerster Arbeit. Viel zu spät, erst mit weit über 50 Jahren, war es ihm gelungen, seine volle Arbeitskraft zur Klärung der kulturgeschichtlichen Zusammenhänge in der Geschichte der Alchemie einzusetzen. Eine zusammenfassende Darstellung des Übergangs und der ständigen Veränderungen chemisch-technologischer Kenntnisse und Spekulationen von Griechenland nach Persien und mit der Ausbreitung des Islams über Spanien nach Europa zu geben, war ihm nicht mehr vergönnt.

Uns Kindern blieb ein so vielbeschäftigter Vater meist in seinen Studierzimmern verborgen. Trotzdem ergab sich an Sonntagen und in den Ferien genügend Zeit zu ausgedehnten Wanderungen mit Unterweisungen in Geologie, Mineralogie und Botanik. Vorgeschichte und Geschichte waren beliebte Gesprächsthemen, eine gelegentliche Kontrolle von Schulaufgaben wurde dagegen weniger geschätzt. Kam es, was selten war, zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen meinem Bruder Ernst und mir, so mußten wir neben dem Schreibtisch unseres Vaters so lange zu zweit schweigsam auf einem Stuhl sitzen, bis sich die Wogen der Erregung wieder geglättet hatten.

In seinem Aufsatz zur 100-Jahr-Feier unserer Schule erzählt mein Vater, daß er die Verwendung des Mikroskops, das vorher in den Instrumentenschrank der Physik verbannt war, im naturgeschichtlichen Unterricht durchsetzte. Zu Hause habe ich nie mit meinem Vater mikroskopiert, aber Prof. Leiber gab uns neben einer glänzenden Einführung in die Biologie im Praktikum eine schon fast für das Physikum der Mediziner ausreichende Unterweisung in Cytologie und Histologie. Als sich in mir der Wunsch nach einem eigenen Mikroskop regte, wurde er von meinem Vater gerne erfüllt. Zehn Jahre später begann ich, das Elektronenmikroskop meines Bruders Ernst und meines Schwagers Bodo v. Borries in den Laboratorien der Siemens & Halske AG für biologische Untersuchungen zu verwenden.

Es wird oft über zu viele Reformen an den Schulen geklagt. Mein Vater gehörte zu den Reformern, die eine gediegene Ausbildung in den Naturwissenschaften für erforderlich hielten, obwohl er selbst zugleich auch Humanist, Historiker und Philologe war. Er war sich bewußt, daß nur sehr seltene Begabungen allen Sätteln gerecht werden können und erkannte vorausschauend den wachsenden Bedarf an naturwissenschaftlich geschulten Anwärtern zum Studium. Das Elternhaus erzog uns zur Achtung vor der Schule und den Bemühungen der Lehrer, es gab uns reiche Anregungen innerhalb und außerhalb der von der Schule geforderten Arbeit, und ließ uns später die Freiheit zu gewagten beruflichen Spezialisierungen, denen kein vorgesehenes Amt winkte. Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule, Erkennung und Förderung der Begabten von der Schule bis in die entscheidenden Positionen des späteren Lebens dürften auch die Aufgabe sein, deren weise Erfüllung zu den ersten Pflichten der menschlichen Gesellschaft gehört.